Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. August 2019

Alles nur gelogen…

Weil sich viele für den Buddhadharma interessieren und andererseits immer wieder einige neunmalkluge Leute in Chatrooms im Internet als Lehrer verkleidet herumtreiben und ihre halbgaren Dinge als „Dharma“ verkünden. Obacht!

Der Dharma ist eine Lehre. Diese wurde mündlich überliefert, niedergeschrieben, kann man nachlesen, studieren, diskutieren, verstehen (oder auch nicht). Den Dharma gibt es. Wenn irgendwelche „Lehrer“ behaupten, „den“ Dharma an sich gäbe es so nicht, „den“ Buddha an sich gäbe es so nicht, dann ist das ein billiger rhetorischer Trick.

Das erinnert mich an eine Geschichte vom Mulla Nasruddin.

Eines Tages wollte der Hodscha frische Früchte essen, darum schlich er in einen fremden Garten. Dort kletterte er auf einen Baum und aß all die Früchte, die in seiner Reichweite waren. Etwas später kam der Besitzer des Gartens und fragte ihn böse: „Was machst du da oben?“ Der Hodscha versuchte sich heraus zu reden und antwortete süß: „Oh, mein Herr, ich bin nur eine Nachtigall und sitze hier oben und singe!“ Der Mann amüsierte sich darüber und sagte lachend: „Soso, du bist also eine Nachtigall? Dann lass mich mal ein Lied von dir hören!“ Der Hodscha machte komische Gesichtsausdrücke und gab merkwürdige Töne von sich. Der Besitzer brach in Lachen aus und sagte: „Mann, was für eine Art von Singen ist das? Ich habe noch nie zuvor eine Nachtigall so singen hören!“ Der Hodscha erwiderte: „Ja, das ist eine Nachtigall aus einem fernen Land!“

Fühlt man den Leuten fachlich auf den Zahn, ist bald das Ende der Fahnenstange erreicht. Dann wird gerne damit argumentiert, dass man Schriften und Studium nicht so wichtig nehmen soll, denn die Erfahrungen sind es, auf die es ankommt. Mit solchen rhetorischen Tricks kann man ganz gut eigene Mängel verschleiern, weil man sich ja auf nichts festzulegen braucht. Auf diese Weise kann man dann den interessierten, aber unkundigen Leuten etwas vorlabern und hoffen, dass im weiten Meer der Beliebigkeiten ein passender Schuh dabei sein wird. Diese „Lehrer“ sind jedoch Blender.

Und noch ein sicheres Zeichen für solche Blender ist, wenn sie auf ihre Mängel angesprochen werden, wird ihnen die Kartoffel rasch zu heiß. Daher merke: Fake-Gurus verdrücken sich rasch. Andernfalls biegen sie sich nach dem Wind der Anerkennung.

Aber keine Sorge. Die Erde ist rund, niemand fällt hinunter und der Dharma ist kein elitäres Projekt. Wir mögen sie alle. Auch die Scharlatane. Ohne sie wäre die spirituelle Reise langweilig. Hier noch etwas von Dzongsar Khyentse zum Thema der Wannabe-Gurus:

„An die Scharlatane – ohne euch wäre die spirituelle Reise einfach langweilig. Habt ihr schon einmal von einer Tibetischen Klangschale gehört? Sie existierten nie in Tibet, bis ein gerissener Erfinder, der wirklich wusste, wie man die Dinge mit einer pro-tibetischen Stimmung in klingende Münze verpackt und mit dieser Glocke auftauchte. Jetzt sieht man sie überall, als ob sie tibetische Kultur an sich wären. Selbst die Tibeter in Dharamsala und Kathmandu haben diese Klangschalen als teil ihrer eigenen Kultur angenommen. Es ist dasselbe mit den chinesischen Glückskeksen, die ganz und gar nicht chinesisch sind. Sie wurden in Amerika erfunden, basierend auf einem japanischen Rezept und nun werden sie serviert, als ob sie die Quintessenz der chinesischen Küche wären, sogar in authentischen chinesischen Restaurants. Dieser Art von Gefahr begegnen wir, wenn wir nicht aufpassen. Eines Tages wird ein nett verpackter, schön vermarkteter, unauthentischer Buddhismus als die wahre Sache dargeboten werden. Daher ist Prüfung wichtig: Prüfung der Lehren, Prüfung des Lehrers und Prüfung des Schülers. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch schrieb.“

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche; „Der Guru trinkt Schnaps?“

Buddha-Wort oder Fake

Wenn’s gut klingt, dann muss es doch buddhistisch sein, oder? Leider werden allen möglichen Leuten Aussagen in den Mund gelegt, die sie überhaupt nicht gemacht haben. Wenn das im Dharma passiert, dann geschieht dadurch eine Verwässerung und Fälschung der Lehre. Daher ist es immer gut, bei solchen Aussagen, die zwar vielleicht gut klingen, ein bisschen Lebensweisheit beinhalten und so leicht runter rinnen, wie Rhizinusöl mal über „fake quotes…XY…“ im Internet zu suchen. Man staunt echt, was sich aus so ein paar bewegten Bildern und lauwarmen Sprüchen alles basteln lässt und man den wenig informierten Leuten verkaufen kann. 

Tja, ohne sich den Schriften zu widmen geht es nicht. Weil immer wieder Postkartensprüche die Leute beeindrucken und mit Nettigkeiten auf falsche Wege führen, hier ein paar Worte des Buddha aus dem Mahaparinibbana Sutta, wie man die Lehre prüfen kann.

Ohne Zustimmung und ohne Verachtung, aber wenn man die Sätze Wort für Wort sorgfältig studiert, sollte man sie in den Diskursen nachverfolgen und durch die Disziplin überprüfen. Wenn sie in den Diskursen weder nachvollziehbar noch von der Disziplin überprüfbar sind, muss man daraus schließen: „Dies ist sicherlich nicht die Äußerung des Seligen. Dies wurde von diesem Bhikkhu missverstanden – oder von dieser Gemeinde oder von diesen Ältesten oder von diesem Ältesten.“ Auf diese Weise, Bhikkhus, solltet ihr es ablehnen.

Mahaparinibbana Sutta

Es hat auch mit dem Wunsch nach geschwinder Problemlösung zu tun. Dabei greifen die Menschen dann wie Kinder im Süßigkeitenladen nach allen möglichen Dingen und stopfen sie in sich hinein.

Ich denke, dass die Menschen im Westen keine Fragen dazu stellen, ob eine Lehre vom Buddha gelehrt wurde oder ob Referenzen in den Lehren der alten gültigen Pandits und Yogis vorhanden sind. Für sie scheint es nicht wichtig zu sein, die Referenzen zu überprüfen. Wenn westliche Menschen den Dharma hören, sind sie froh, wenn dieser für ihr Leben und ihren Geist unmittelbar von Vorteil ist, insbesondere, wenn er mit ihren Problemen zusammenhängt. Es spielt keine Rolle, ob er etwas ist, was Buddha oder ein Dämon lehrte. Sie hinterfragen oder prüfen nicht. Für sie geht es darum, einen unmittelbaren Nutzen für ihren Geist zu erzielen, wenn sie zuhören. Dann werden sie bleiben. Ansonsten gehen sie nach ein paar Minuten, besonders während meiner Gespräche. Aber im Osten ist es im Allgemeinen vorsichtiger, zu untersuchen, ob Buddha etwas gelehrt hat. Sie überprüfen die Referenzen, um festzustellen, ob sie der Praxis vertrauen können oder nicht, ob sie ihr Leben dem widmen können. Sie denken über die Langfristigkeit nach, was sehr wichtig ist. Im Westen geht es vor allem darum, sofort etwas Süßes zu probieren.

Lama Zopa; Belehrungen zur Praxis der Vajrayogini

In Watte gepackter innerer Druck

Spannend wird’s dann immer in den verschiedenen Chatrooms auf Social Media. Da gehen Sprüche (und Leute) viral, dass es nur so kracht. Leute, die einem bei der Darlegung des Dharma gar noch gespickt mit Zitaten Dogmatismus und ähnliches vorwerfen, sehen ihr den Dharma korrumpierendes Verhalten absaufen. Somit geht dann nur mehr ad hominem.

Generell sollte eine Darlegung des Dharma mit Zitaten versehen sein, da dadurch auch die Authentizität der Darlegung untermauert wird. Aber es gibt Leute, die sich nicht um den Dharma kümmern, sondern diesen für die Beweisführung ihrer eigenen verdrehten Konzepte verwenden. Fehlende Zitate, Zitate aus dem Zusammenhang gerissen u.a. sind deren Markenzeichen. Eh schon wissen, dass das auf jene Leute zutrifft, die durch „Klickibunti-Posts“ und Fake-Quotes ihr Ding drehen. Weist man diese dann auf die besagten Fehler hin, sind sie sauer und werfen einem vor, dass man a) ja eh nix verwirklicht hätte, weil man an den Schriften hängt – ja, das ist dann die alexandrinische Bibliothek im Herzen der Herzchens; 2) der Dharma viel zu intellektuell interpretiert würde, weil eigentlich der Dharma ja eine Herzensangelegenheit wäre; 3) die stattfindende Konfrontation eigentlich nicht „rechte Rede“ sei; und 4) überhaupt alles jenseits von Worten wäre. Ja eh, wenn man vorher schon nichts zu sagen hat, sondern nur redet; d.h. im Falle von Facebook-Posts/Kommentaren einfach nur Blabla schreibt. Gut, genug der Schandtatenaufzählung. Das Blöde an der Sache ist, dass die Leute den sechs Verzerrungen unterliegen und vier Fehler machen. 

Der nächste Punkt ist, dass eine vorgebliche Weltoffenheit durch das muntere Vermischen aller möglichen Ansätze und Lehren verstanden wird. Wenn dann jemand daherkommt und diesen Eintopf in seine Bestandteile zerlegen versucht und das auch noch mit fachlichen Darlegungen, Zitaten untermauert, dann wird dieser Person, die korrigierend eingreift, einfach Intoleranz, Dogmatismus etc. vorgeworfen. Die Person, die diese Anwürfe macht, merkt jedoch nicht, dass sie es ist, die eigentlich mit etwas konfrontiert wird und ihre Angst vor dem Aufdecken der Fehler projiziert; frei nach dem Prinzip: „Der Bote der schlechten Nachricht wird getötet.“ Tja, wenn fachlich nichts vorhanden ist um zu reüssieren, dann wird einfach die Person niedergemacht. Es gibt schon sture Geister, bei denen ein ad hominem als Provokation manchmal hilfreich ist. Aber ob es Sinn macht oder nicht, stellt sich recht rasch durch die Verflachung der Kommentare heraus. Solche Vorwürfe und Anschuldigungen sind einfach eine unerkannte Strategie des unbewussten Greifens nach einem Ich, d.h. Formen trügerischer Selbstbestätigungen. Es läuft auf ein in Watte gehülltes Leiden hinaus. Die Befreiung davon wird dabei hinten rausgeschoben.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. August 2019

Padma Gyalpo – der Lotuskönig

Der Guru Padma Gyalpo (tib., gu ru pad+ma rgyal po; Skt., Padmaraja) ist einer von acht Manifestationen des Guru Rinpoche. Dabei wird Guru Rinpoche als jugendlicher Prinz dargestellt, der in königlicher Haltung auf einem Lotus sitzend mit der rechten Hand ein Damaru spielt und in der linken einen Spiegel hält.

Guru Rinpoches erste Erscheinung

Guru Padma Gyalpo ist die Form, in der Guru Padmasambhava ursprünglich in unserer Welt erschienen ist. Er wurde nordwestlich von Bodhgaya in einem als Oddiyana bekannten Königreich geboren, vier Jahre nach Buddhas Mahaparinirvana. Padma Gyalpo erschien auf wundersame Weise als achtjähriger Junge auf einem Lotus mitten im See Dhanakosha. Er blieb fünf Jahre lang beim König von Oddiyana, nachdem er auf dieser Lotusblüte geboren und von König Indrabhuti adoptiert worden war. Umgeben von Dakas und Dakinis zeigte Guru Rinpoche die Pracht seiner Weisheit, die spontan das mächtigste der sichtbaren und unsichtbaren Wesen besiegt dass sie ihn als ihren obersten Monarchen oder König betrachten. Dies ist der wahre Sieg von Padma Gyalpo, dem Lotuskönig, einer ganz besonderen Emanation von Guru Padmasambhava, die Wahrnehmung und Konzeption jenseits von Ichhaftung und negativen Emotionen magnetisiert und gleichzeitig unsere Freude, unseren Frieden und unsere spirituelle Verwirklichung aktiv steigert.

Als Laienanhänger ist er gut gekleidet mit langen, fließenden Kleidungsstücken in verschiedenen Farben, einem Kopfschmuck, langen Ärmeln und Schuhen. In der rechten Hand hält er ein doppelseitiges Damaru und in der linken ein goldener Spiegel. Mit einer Krone aus Gold, Ohrringen und einer Halskette geschmückt, sitzt er auf einer Mondscheibe und einer rosa Lotusblüte, die von einem Nimbus aus verschiedenen Lichtern und einem grünen Warzenhof umgeben sind, in der entspannten Haltung königlicher Leichtigkeit. Vorne auf einem erhöhten Fleckchen Erde ruht eine blaue Lapislazulischale, die mit Wunschjuwelen, kostbaren Ornamenten und einem goldenen Dharma-Rad gefüllt ist.

Padmas Prophezeiungen und Praxiserfolg

In den letzten 500 Jahren des Zeitalters des Niedergangs wird durch die Macht der falschen Bestrebungen und Sichtweisen der Geister die Lebenskraft der ungezähmten fühlenden Wesen getäuscht sein. Den Lehren und den Wesen wird Glück und Zufriedenheit geraubt werden. Die Lehren des Buddhas werden wie der Vollmond von Wolken verdunkelt sein. Das strahlende Licht der jüngst erschienenen Sonne des Mantras wird in eine Phase wie zur Sonnenfinsternis eintreten. Das wird die Zeit der Siegreichen der drei Zeiten sein. Wenn man sich in der erleuchteten Aktivität des Herrschers Padmasambhava der Essenz der Annäherung und Verwirklichung bemüht, dann wird man in der Schlacht mit den Dämonen und falschen Sichtweisen siegreich sein. […]

Praktiziert man jedes einzelne [Mantra] davon immer wieder und wieder (und) rezitiert es so oft wie möglich ausgestattet mit den Schlüsselpunkten, dann wird auch ein Armer gereinigt (und) ein wohlhabender Mensch werden. Der Besitz wird nicht armselig sein. Befeuchtet man die Augen mit dem Mantra-Wasser, auf dessen Wasser man viele Male rezitiert hat, und schläft mit der Aufmerksamkeit für das, was man sich wünscht ein, träumt man, dass schönes oder hässliches verwandelt wird. Meditiert und rezitiert man in großer Zahl, wird Hellsichtigkeit entstehen. Ferner wird man nicht überwältigt werden, genauso wird der Rudra verwandelt werden

Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje; aus der Praxis des Padma Gyalpo: Die mit dem Vajra versiegelte, geheime Sadhana des Vidyadhara Padma Gyalpo, genannt „Die drei Weltenbereiche mit dem Eisenhaken heranziehen“

Im Kontext der Praxis des Padma Gyalpo erscheinen auch Mahadeva und Ganapati – Ganesh als der Herr der Scharen. Beide verkörpern die Fähigkeit, Reichtum anzuziehen. Bei Ganapati (Ganesh) ist darüber hinaus auch noch die Fähigkeit der Klarschau im Traum und des Verbesserns von Traumvisionen gegeben.

Geburt Padmasambhavas

Wie kam Padmasambhava nun in die Welt? Laut tibetischer Geschichte wurde Guru Rinpoche vier Jahre nach Buddhas Mahaparinirvana geboren. Obwohl die Vorhersage von Buddha Shakyamuni über das Kommen von Padmasambhava als acht Jahre wiedergegeben wird, teilt das in Indien verwendete System den Monat in zwei, was dem zunehmenden und abnehmenden Mond entspricht. Nach dem tibetischen Kalender trat Buddha Shakyamuni während des Jahres des Metall-Drachens in das Mahaparinirvana ein und Guru Padmasambhava wurde im 5. Monat – dem Affenmonat – im Jahr des Affen geboren. Im tibetischen Buddhismus wird jedes Jahr des Affen als das Jahr des Guru Padmasambhava angesehen.

Guru Padma Gyalpo ist die Form, in der Guru Padmasambhava ursprünglich in unserer Welt erschien. Er ist direkt verwandt mit Buddha Amitabha, dem Buddha des Westens, sowie mit Avalokitesvara, dem Buddha des Mitgefühls. Buddha Amitabha repräsentiert den Dharmakaya, Avalokitesvara den Sambhogakaya und Guru Padmasambhava den Nirmanakaya. Amitabha, Avalokitesvara und Guru Padmasambhava umfassen alle möglichen Ausstrahlungen des Trikaya. Vielleicht fragt man sich bisweilen, wie solche Formen wie im Dharmakaya als Buddha Samantabhadra, Buddha Vajradhara und Buddha Vajrasattva enthalten sind. Sie sind aber nur verschiedene Aspekte und Namen für den Dharmakaya. Sie alle sind in den drei Kayas Amitabha, Avalokiteshvara und Guru Padmasambhava enthalten. Tatsächlich ist das gesamte Mandala aller Buddhas und aller Kayas in Guru Padmasambhava. Er ist nicht nur ein wichtiges Mitglied der Lotus-Familie, er verkörpert auch das gesamte Mandala.

In Dudjom Lingpas Schilderung über die Geburt Padmasambhavas wird von einer Vorstufe im Reich der Nagas berichtet:

Am zehnten Tag des mittleren Sommermonats, im Schlangenjahr, trat eine mit einer HRI-Silbe markierte Lichtmasse in den Schoß von Königin Nordzin Tsho, der Frau des Naga-Königs Migön Karpo, ein. Nach fünf Monaten überwältigte ein Naga-Kind namens Ö Thrö, außerordentlich hübsch und charmant, alle Nagas, Nyens und Erdenlords mit seiner melodiösen Stimme. In Übereinstimmung mit dem Körper, der Rede und dem Geist der zu trainierenden Personen manifestierte er einen illusorischen Tanz mit geschickten Mitteln. Er lehrte den Dharma, übertrug Tantras, legte Gelübde ab und gewährte Ermächtigungen.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Dies ist aus dem ersten Kapitel der Biographie von Padma, das sich auf natürliche Weise durch Sehen befreit, wie er im Reich der Nagas geboren wurde und den Wesen half. In der Welt der Menschen erschien er jedoch durch eine wundersame Geburt.

Wie geschah nun die wundersame Geburt? Buddha Amitabha strahlte ein goldenes Licht aus seinem Herzzentrum aus, das sich als fünfzackiger goldener Vajra mit der Silbe HRI formte. Es landete mitten in einer Udambara-Blume, einer sehr seltenen und kostbaren Lotusart, die im Dhanakosha-See wächst. Ein jugendlicher Padmasambhava erschien auf wundersame Weise aus der Vereinigung des goldenen Vajra mit dem HRI und diesem wunderschönen, tausendblättrigen Lotus, der im See Dhanakosha wächst. Normalerweise werden wir mit Hilfe von Eltern geboren, aber durch das spontane Erscheinen von Guru Padma Gyalpo öffnen wir uns der panoramaartigen Schau der wahren Natur. Um unser gewohntes Muster der allmählichen Geburt durch Empfängnis im Mutterleib zu durchbrechen, demonstrierte er die Freiheit der augenblicklichen Geburt. Er offenbarte ein neues Tor: den ursprünglichen Zustand großer Offenheit.

Der König von Oddiyana war ein außergewöhnlicher Mann namens Indrabhuti. Er war sehr gütig, mitfühlend und großzügig. In einer Zeit großer Hungersnot gab er den Inhalt der königlichen Schatzkammer ab, um seine Untertanen zu ernähren, doch es wurde noch mehr benötigt. Im Altertum war es üblich, auf der Suche nach Juwelen und Schätzen über den Ozean zu segeln. Also ging König Indrabhuti mit seinen Ministern zur See und fand Edelsteine auf einer fernen Insel. Auf dem Heimweg hatte der König viele schöne Träume. In einem sah er einen fünfzackigen goldenen Vajra, der in alle Richtungen goldenes Licht ausstrahlte. Es kam so nahe, dass er es in der Hand halten konnte. Zur gleichen Zeit träumte er, dass sowohl Sonne als auch Mond am östlichen Himmel aufgingen. Gleich am nächsten Tag, nachdem diese wunderbaren Omen erschienen waren, begegnete Indrabhuti Padma Gyalpo.

Am 10. Tag des ersten Sommermonats des Affenjahres sahen sie inmitten des milchigen Ozeans ein weißes Kind, das mit den Haupt- und Nebenspuren geschmückt war, gutaussehend und erhaben auf einem geöffneten Lotos mit einhundert Multi Blütenblätter in einem weitläufigen Pavillon aus fünffarbigem Regenbogenlicht. Als der Kaufmann und die königlichen Minister mich [Padmasambhava] sahen, teilten sie dem König mit, was sie gesehen hatten. Unmittelbar nachdem er davon gehört hatte, wurden seine Augen geöffnet, als würde er aus einem Traum erwachen.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Als sich das Boot des Königs dem Ufer näherte, sah die Besatzung wunderschöne Regenbogen, die sich über den Himmel wölbten. Eine große Menge Vögel schwebte am Himmel und sang entzückende Lieder. Himmlische Düfte durchdrangen die Luft. In dem Moment, als sie diese Zeichen sahen, fühlten sich alle glücklich. Der König war bewegt, seine Träume mit den Ministern in Verbindung zu bringen. Nachdem sie in ein kleineres Boot gestiegen waren, setzten sie sofort die Segel in Richtung der Quelle der Regenbogenanzeige. Als sie näher kamen, sahen sie einen herrlichen Lotus. Keiner von ihnen hatte jemals zuvor eine solche Blüte gesehen. Es war eine ungewöhnlich große und leuchtende Blume, aber darüber hinaus saß auf dem Pollenbett ein wunderschöner, erhabener, achtjähriger Junge, der in der Vajra-Haltung Regenbogenlicht ausstrahlte und glühte. Der König war völlig erstaunt und sprach den Jungen an:

„Wie wunderbar! Eine höchste Verkörperung der Buddhas der drei Male! Was ist deine Heimat und Abstammung? Wer sind dein Vater und deine Mutter? Was ist der Grund, warum du hier auftauchst? In welchen Bereich möchtest du jetzt gehen? Ich bitte dich, mir freundlicherweise zu antworten!“
Dann antwortete ich: „Kye! Höre, oh König des souveränen Dharma! Mein Vater ist Samantabhadra, meine Mutter ist Große Glückseligkeit, Samantabhadri. Meine Heimat ist der reine allumfassende Raum der Phänomene, meine Abstammungslinie ist die alles durchdringende Vajra-Natur. Meine Blutlinie ist eine große, unveränderliche Erleuchtung, und ich bin auf diese Welt gekommen, um das Wohlergehen und das Glück in Fragen der Religion und des Staates zu steigern.“

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Als Buddhist war König Indrabhuti mit diesen Antworten sehr zufrieden. Natürlich war er schon ganz aufgeregt über eine so brillante und außergewöhnliche Darstellung, aber diese Antworten des Kindes zu hören, berührte ihn wirklich. Das Strahlen seines Körpers und seiner Sprache drang tief in das Herz des Königs ein. Der König war von all dem sehr bewegt und hatte keinen eigenen Sohn. Er fragte: „Wirst du in meinen Palast kommen und mit mir leben?“ Der junge Padma Gyalpo nahm diese Bitte an und ging mit dem Gefolge zum Palast.

Mit viel Weihrauch und Musik begrüßt, beschwor der König aus einem wunscherfüllenden Edelstein einen Juwelenthron und ein hoher Thron erschien, der immer eleganter wurde. Im Jahr des 13. Tierkreishauses wurde ich als König auf den Thron gesetzt. Ich [Padmasambhava] lebte im Haus von Prabhavati, der Tochter von Dhaha. Ich war damals als Guru Padma Gyalpo bekannt und blieb fünf Jahre im Königreich.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Dann erschien eines Tages Buddha Vajrasattva Guru Padmasambhava und forderte ihn auf, Oddiyana zu verlassen, um den Lebewesen auf aktivere Weise zu helfen. Guru Padmasambhava befolgte diese Anweisungen und verließ Oddiyana mit etwa dreißig Jahren. In einer anderen Version der Geschichte verschuldete Padma Gyalpo den Tod des Sohnes eines Ministers. Dieser brachte den Fall vor den König und bestand darauf, dass Padma Gyalpo aka Padmasambhava hingerichtet werden sollte. Doch der König konnte dies abwenden und so wurde Padmasambhava ins Exil geschickt.

Obwohl Uddiyana bald ohne König sein würde, schlagen einige vor, dass Sie getötet werden, andere, dass Sie eingesperrt werden. Wieder andere sagen, du musst in furchterregende Länder verbannt werden. Diejenigen, die mir zustimmen, fragen schließlich, wohin Sie geschickt werden, um im Exil zu leben.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

So verließ Padmasambhava den Palast zu Fuß und ging an vielen Orten umher. Aber auch die grundlegendsten Aspekte seiner Reise waren nicht gewöhnlich. Zum Beispiel würde er dort sofort ankommen, wohin er aufbrach. Die Zeit hatte keinen Einfluss auf Guru Rinpoches Aktivitäten. Er reiste durch Indien und besuchte die mächtigsten und furchteinflößendsten Friedhöfe, die als die acht Leichenstätten bekannt sind. Er unterwarf die acht Klassen von Geistern und führte sie auf den Pfad des Bodhicitta, dem vereinten Zustand von liebender Güte, Mitgefühl und Weisheit.

Äußere und innere Aspekte der Praxis des Padma Gyalpo

Obwohl Guru Rinpoche als menschliches Wesen auftrat, demonstriert er hier etwas, das völlig jenseits unserer dualistischen Vorstellungen und regulierten Ansichten liegt, indem er im Zentrum eines Lotus in diese Welt kommt. Er kam nicht durch leibliche Eltern in die Welt. Dies bedeutet, dass Guru Padmasambhava frei von Anhaftung und Hass ist. Er ist nicht von negativen Emotionen begleitet. Stattdessen unterwirft und transformiert er alle Wut und Anhaftung in ihre entsprechenden Weisheiten, wie dies durch diesen prachtvollen Lotus symbolisiert wird. Dies bedeutet, dass Praktizierende, die dem Pfad von Guru Padmasambhava oder Buddha Shakyamuni folgen, Hass, Aggression und neurotisches Verlangen durchtrennen und transformieren.

Im herkömmlichen Sinne brachte Guru Padmasambhava alle Untertanen von Oddiyana auf dem Weg der Erleuchtung in Harmonie, so dass sie sich durch die Praxis von Frieden, Liebe und Mitgefühl auszeichneten. Auf der inneren Ebene unterwarf er die acht Klassen der negativen Geister und band sie im Dienst an die Praxis des Bodhicitta. Umgeben von Dakas und Dakinis zeigte Guru Rinpoche die Pracht seiner Weisheit, die spontan das mächtigste der sichtbaren und unsichtbaren Wesen überwindet, so dass sie ihn als ihren höchsten Monarchen oder König ansehen. Dies ist der wahre Sieg von Padma Gyalpo, dem Lotuskönig, einer ganz besonderen Emanation von Guru Padmasambhava, die Wahrnehmung und Konzeption jenseits von Ichhaftung und negativen Emotionen magnetisiert und gleichzeitig unsere Freude, unseren Frieden und unsere spirituelle Verwirklichung aktiv steigert.

Wir sollten verstehen, was unter Magnetisieren zu verstehen ist. Es bedeutet in erster Linie nicht, dass man ein externes Objekt wie ein anderes Lebewesen unter Kontrolle bringt. Die Wahrnehmung zu magnetisieren bedeutet, den Verstand weltlicher Gewohnheiten zu überwältigen. Wenn man diese Fähigkeit nicht in sich hat, kann man anderen Lebewesen nicht magnetisieren oder ihnen nützen. Um anderen Wesen zu helfen, sollte der eigene Geist nicht von Leidenschaften und stürmischen Gedankenketten aufgewühlt sein. Sobald wir in der Lage sind, dualistische Wahrnehmungen und mentale Gewohnheiten zu überwinden, ziehen wir andere auf natürliche Weise an. Die Praxis auf Guru Rinpoche im Aspekt des Padma Gyalpo bereinigt alltägliche Ansichten und trügerische Gefühle und vermehrt unsere Anhäufungen von Verdiensten und Weisheiten.

Guru Padma Gyalpo zeigt offen die Pracht und Herrlichkeit der Weisheit der Padma-Familie. Er ist umgeben von einem herrlichen Gefolge von Dakas und Dakinis, die seine Lehren empfangen. Durch die verschwenderische Darstellung dieser Versammlung bietet er allen Wesen den gleichen Reichtum. Das ist der äußere Weg, diese Emanation zu verstehen.

Auf der inneren Ebene besagt Guru Padma Gyalpo, dass diejenigen, die diesem Weg folgen, ihre Sinne kontrollieren, Wahrnehmungen studieren, die Ichanhaftung unterwerfen und ihre Emotionen überwinden. Wenn man das Ichanhaften überwindet, wird man zu einem großen Souverän. In vollkommener Beherrschung der Gefühle und Reaktionen hat man die Macht und Würde eines glorreichen Königs oder einer prächtigen Königin. Nachdem man das Ichanhaften und die negativen Emotionen unterworfen hat, ist man wirklich siegreich.

In Tibet wird gesagt, dass man den heroischen Zustand erreicht hat, wenn man alle Negativität überwunden hat. Man ist ein Eroberer oder ein universeller Monarch geworden. Nach der alten buddhistischen Weltbeschreibung ist ein universeller Monarch oder Chakravartin einer, dessen Königreich alle vier Kontinente eines Weltsystems umfasst. Sich von Ichanhaftung zu lösen und frei von Neurosen zu sein, bedeutet, zur Erleuchtung aller Siegreichen vollkommen zu erwachen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. August 2019

Guru Rinpoche – 7 Zeilen

So beten wir dann also zum großen Meister aus Orgyen, der Verkörperung aller Buddhas. Die erste Zeile des Gebets offenbart den Ort seiner Geburt; die zweite die Art und Weise wie er geboren wurde; die dritte zeigt die außergewöhnliche Natur seiner Großartigkeit; und insbesondere die vierte offenbart Guru Rinpoches wahren Namen. Die fünfte Zeile erwähnt das Gefolge des Gurus, die Dakas und die Dakinis, zu denen wir auch beten, aber die in Wahrheit niemand anderer sind als der Ausdruck seines Mitgefühls, das den Wesen entsprechend ihrer Bedürfnisse hilft. Die sechste Zeile zeigt uns, wie wir beten sollten. Nachdem wir die Qualitäten des Gurus erblickt haben, wenden wir unsere Herzen ihm zu und wir beten mit unumkehrbarem Vertrauen, indem wir unsere Hingabe sowohl körperlich als auch verbal zum Ausdruck bringen – wir flehen hingebungsvoll, schließlich mit ihm untrennbar zu werden. Die siebte Zeile zusammen mit dem Mantra zeigt, dass durch solch eine Anrufung unser Geist gesegnet wird und wir Verwirklichung erlangen. Wenn wir Hingabe haben und wenn wir zu Guru Rinpoche beten, der in einem unsterblichen Weisheitskörper im natürlichen Nirmanakaya-Buddha-Feld weilt, dann wird der Segen seines Mitgefühls sofort und sicher in uns eintreten. 

Als im Heldengesang des Padma Guru Rinpoche von der Prinzessin ersucht wird, sagt er folgendes: „Resultate werden gemäß der Natur der eigenen Gebete erlangt. Bete zu mir. Eure Bedürfnisse und Wünsche werden so erfüllt.“ Im Führer zur Verwirklichung des Guru steht geschrieben: 

Am zehnten Tag des Affen-Monats, dem Affen-Jahr in jeder Region Tibets, werde ich aus Orgyen erscheinen und das ist sicher, mein Ehrenwort und Versprechen. An jedem zehnten Tag des Mondes werde ich kommen und mit meinen Emanationen wird Tibet erfüllt sein. Das ist mein heiliges Ehrenwort. Der Lotusgeborene ist ohnmächtig zu täuschen. Legt euren Geist auf mich fest, ihre alle, die Vertrauen haben. macht einen Torma wie ein leuchtendes Juwel, geschmückt mit einem Räucherstäbchen und ruft mich mit Musik und dem Klang der Schädeltrommel an. Rezitiert das Gebet der sieben Zeilen, ladet mich mit leidenschaftlicher Melodie ein. 

Und aus dem Hügel von Ngayab, werde ich aus Orgyen, genauso wie eine Mutter nicht widerstehen kann dem Wimmern ihres geliebten Kindes zu euch kommen und meinen Segen gewähren. Das ist mein Ehrenwort und die Hölle erwartet mich, wenn ich versage. 

Ju Mipham Rinpoche, „Weißer Lotus“

Alle diese unfehlbaren Vajra-Versprechen sollten wir in unseren Herzen hüten. Wir sollten Guru Rinpoche als unser wunscherfüllendes Juwel ansehen, die Verkörperung aller Zufluchten. Und wir sollten diese unübertreffliche Anrufung der sieben Zeilen als unsere Hauptpraxis erachten, sie mit einer gleichmäßigen, ausgewogenen Hingabe rezitieren, nicht zu stark und nicht zu schwach.

Wir sollten ihn mit einsgerichteter Konzentration anrufen und immer wieder und wieder Segnungen und Ermächtigungen von ihm empfangen. Wir sollten das zu unserer Hauptpraxis machen, so oft wir können. Und in der nachmeditativen Phase sollten wir bedenken, dass alle Phänomene der Ausdruck des Gurus sind. Wir sollten uns in reiner Wahrnehmung, Mitgefühl und Bodhicitta üben. Es wird weiter dann im zuvor erwähnten Text gesagt: 

Wenn du mit Mitgefühl und Bodhicitta meditierst, dann wird dein Geist gesegnet werden. Wenn du den Ort, wo du lebst, als Oddiyana betrachtest, dann wird deine Nachbarschaft gesegnet werden und dein Haus wird gesegnet, wenn du es als einen unermesslichen Palast visualisierst. Wenn du andere Leute als Gottheiten wahrnimmst, dann werden sie als Weisheitsgottheiten gesegnet werden. Indem du schließlich all deine Nahrung und deine Getränke als Amrita siehst, wirst du sie als Opfersubstanzen segnen. Das sind die fünf Aspekte des Segens, obwohl es andere, unvorstellbare Segnungen abseits davon gibt. 

Ju Mipham Rinpoche, „Weißer Lotus“


Aus dem Kommentar von Mipham Rinpoche zum 7-Zeilen-Gebet an Guru Rinpoche, genannt „Weißer Lotus“, übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2016). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. August 2019

Tibets dunkle Zeit und die Erneuerung des Dharma

Dem Buddhismus wurden die Privilegien als kaiserliche Religion Tibets im Jahr 842 offiziell entzogen, als der tyrannische Kaiser Langdarma (reg. 838 – 842) durch einen buddhistischen Mönch ermordet wurde. Dies war das Ende der Periode, die in den tibetischen Berichten als „frühe Verkündung der Lehre“ (bstan pa snga dar) bezeichnet wurde, die zweihundert Jahre früher im siebten Jahrhundert mit dem Aufstieg von Tibets imperialer Macht begonnen hatte, den Buddhismus erste Einführung in Tibet. Der Zusammenbruch des tibetischen Reiches folgte kurz nach dem Tod Langdarmas und nach den Worten indigener Historiker zerbrach Tibet. Interne Erbschaftsstreitigkeiten führten zur Zerstreuung der königlichen Familien in verschiedene Regionen des Landes, die allmählich von Territorialfehden und den sich verschiebenden Behörden verschiedener lokaler Klans dominiert wurden. Der Buddhismus verschwand jedoch nicht vollständig aus der tibetischen religiösen Arena. Trotz des Mangels an königlicher Unterstützung überlebte die Religion in Gebieten außerhalb der turbulenten und gebrochenen Region in Zentraltibet. In dieser lockeren Umgebung wurde der Buddhismus in einer Vielzahl nichtmonastischer Formen kultiviert und ohne zentrale Kontrolle entwickelt. Diese vielfältigen religiösen Bewegungen wurden im ganzen Land durch die Bemühungen von wandernden Yogins und selbsternannten religiösen Gelehrten verbreitet, von denen viele behaupteten, sie stammten von authentischen indischen buddhistischen Meistern ab. Gelehrte haben spekuliert, dass einige dieser religiösen Gruppen während dieses sogenannten „dunklen Zeitalters“ ihre eigenen kreativen Systeme der buddhistischen Praxis formulierten und frühere esoterische Traditionen ausarbeiteten, die während des Höhepunkts der tibetischen Dynastie im 8. und 9. Jahrhundert übersetzt wurden.

Zu der Zeit, als Ra Lotsawa im 11. Jahrhundert aktiv wurde, hatte eine neue Welle des Buddhismus im ganzen Land begonnen, was zum Teil das Ergebnis einer Wiederbelebung eines institutionellen Buddhismus im Fernen Osten und im Westen Tibets war. Diese Renaissance wird als die „spätere Verkündung der Lehre“ (bstan pa spyi dar) bezeichnet. In dieser Zeit entstanden in Tibet neue konkurrierende buddhistische Sekten, die neue tantrische Übertragungen aus Kaschmir, Indien und Nepal unterstützen. Diese aufkommenden Gruppen, die später gemeinsam als Sarmapa, die „neue Tradition“, bezeichnet werden sollten, unterschieden sich explizit und setzten sich von den früheren Formen des esoterischen Buddhismus ab, von denen behauptet wurde, dass sie während der imperialen Zeit und im dunklen Zeitalter praktiziert wurden. Dieser ältere Buddhismus wurde als „alte Tradition“ oder Nyingmapa bezeichnet, die auch der sich entwickelnden Bön-Religion sehr nahe kam. Obwohl die Unterschiede zwischen den Traditionen größtenteils auf Meinungsverschiedenheiten in der Lehre und auf Fragen zur Authentizität bestimmter Schriftübertragungen zurückzuführen sind, spielte der Einfluss politischer und wirtschaftlicher Faktoren auch eine wichtige Rolle bei der Trennung der unterschiedlichen Gruppen. Insbesondere die unabhängigen Königreiche Westtibets waren in einer außergewöhnlich starken Position, um buddhistische Lehrer aus Indien und Nepal anzuziehen und konzentrierte wissenschaftliche Aktivitäten zu unterstützen, die den Massenimport und die Übersetzung autoritärer indischer buddhistischer Schriften und esoterischer Praktiken beinhalteten. Diese Königreiche waren auch in der Lage, die materielle Unterstützung zu leisten, die für die Renovierung alter verfallener Tempel und Klöster und die Errichtung neuer buddhistischer Institutionen erforderlich war.

Viele der neuen buddhistischen Sekten, die sich in dieser aufstrebenden Umgebung entwickelten, lehnten die Gültigkeit der alten religiösen Systeme ab, die zuvor in der Ära der „frühen Verkündung“ gediehen waren, und argumentierten, dass die Texte, auf denen diese „Alten“ ihre Traditionen bezogen, vor allem unauthentische tibetische Erfindungen wären, die zu einer weit verbreiteten Verfälschung der buddhistischen Praxis geführt hatten. Diese Kritik löste organisierte Bemühungen aus, um maßgebliche sanskrit-buddhistische Quellen zu übersetzen, die zuvor nicht übersetzt worden waren, und um die Werke zu korrigieren, die in der früheren Zeit übersetzt worden waren. Die Könige von Guge in Westtibet schickten zu diesem Zweck fast ein Dutzend ausgebildete tibetische Gelehrte nach Kaschmir, darunter vor allem den große Übersetzer Lochen Rinchen Zangpo (958–1055). Jahrzehnte später, im Jahre 1076, berief der König von Guge eine Übersetzungskonferenz im königlichen Kloster von Toling ein, wo verschiedene Gelehrte aus Indien und Nepal eingeladen wurden, sich mit tibetischen Übersetzern über ihre laufende Arbeit zu beraten. Ra Lotsawa war einer der Übersetzer, die für die Teilnahme an diesem angesehenen Rat ausgewählt wurden.

Idealerweise wurden die Übersetzer dieser Zeit in Sanskrit-Grammatik und in den Feinheiten der buddhistischen Philosophie, die sie mit qualifizierten indischen Lehrern lernten, gut ausgebildet. Darüber hinaus mussten sie in der buddhistischen Praxis erfahren sein, insbesondere in Bezug auf die tantrische Literatur und die erforderlichen esoterischen Einweihungen und mündlichen Anweisungen erhalten haben. Das übliche Verfahren zur Erstellung buddhistischer Manuskripte aus Sanskrit bestand in der engen Zusammenarbeit mit einem indischen Gelehrten, eines Pandits, dessen Aufgabe darin bestand, die Wörter und die Bedeutung des Textes zu erklären und Fragen nach seiner korrekten Interpretation zu beantworten. In einigen Fällen konnte der Pandita nach Abschluss einer Übersetzung auch die tibetische Arbeit prüfen und Korrekturen vorschlagen.

Um effektive Arbeitsbeziehungen mit indischen Gelehrten aufzubauen, mussten die tibetischen Übersetzer häufig lange Strecken zurücklegen, was mit hohen Kosten verbunden war. Viele tibetische Gelehrte verbrachten in dieser Zeit mehrere Jahre im Ausland in Indien, Nepal, Kaschmir und anderen benachbarten Regionen und wurden in berühmten buddhistischen Klöstern wie Nalanda und Vikramalasila ausgebildet. Die Reise in den Süden war oft sehr heimtückisch und man musste schwierigem Gelände trotzen oder war von Dieben und Banditen entlang der Straßen bedroht oder man war der Hitze und fremden Krankheiten ausgesetzt. Die Gefahren des Reisens waren jedoch nicht die einzigen Komplikationen, mit denen die Übersetzer konfrontiert waren, da sie häufig mit anderen reisenden Gelehrten um die Finanzierung und Unterstützung durch örtliche Könige und Herrscher konkurrieren mussten.

Aus „The All-Pervading Melodious Drumbeat. The Life of Ra Lotsawa“ von Ra Yeshe Senge, übersetzt von Bryan J. Cuevas.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. August 2019

Die Bande der Achtsamkeit

Dann frage Mahasahasrananta: „Oh Bhagavan, wenn alle angenehmen und rohen Erfahrungen vom Pfad der Allwissenheit entfernt und von keinem Nutzen sind, warum sollten wir dann Meditation praktizieren? Möge der Lehrer das erklären!“

Der Bhagavan erwiderte: „Oh Geist-Vajra, Individuen mit einem unkultivierten, zerrütteten Geist, von Begrifflichkeiten aufgewühlt, betreten diesen Pfad und durch das Untergraben der Macht der zwanghaften Ideenbildung wird ihr Geist zunehmend beständig und sie erlangen unerschütterliche Stabilität. Andererseits auch wenn Leute bewusstes Gewahrsein identifizieren, aber nicht praktizieren, werden sie den Fehlern der spirituellen Faulheit und Zerstreuung unterliegen. Auch wenn sie praktizieren, werden sie aufgrund von Vergesslichkeit sich in endlosen Täuschungen verlieren.

Der Geist, der wie ein Krüppel ist, und die Vitalenergie, die wie ein blinder, wilder Hengst ist, werden dadurch diszipliniert, indem man sie mit dem Seil der Erfahrungen und des Anpackens anbindet. Sobald die Leute mit dumpfen Fähigkeiten den Geist unterschieden haben, kontrollieren sie ihn mit den Bändern der Achtsamkeit und Innenschau. Indem sie das machen haben sie aufgrund von Erfahrung und Gewöhnung ein Gefühl, dass die subtilen und groben Gedanken sich aufgelöst haben. Schließlich entsteht ein Zustand des ungehinderten Bewusstseins, frei von allem, worauf zu meditieren wäre. Wenn dann Gewahrsein den Zustand der großen Nicht-Meditation erreicht, zeigt der spirituelle Mentor das auf, sodass sie dabei nicht in die Irre gehen. Aus diesem Grund unterzieht man sich zuerst großer Härten um nach dem Pfad zu suchen, man macht die umherziehenden Gedanken zum Pfad und wenn schließlich das Bewusstsein selbst erscheint, dann wird das als Pfad erkannt. Bis das ungehinderte Gewahrsein oder Bewusstsein sich als Pfad manifestiert und zu sich gelangt, muss man aufgrund des eigenen gestörten Geistes stufenweise durch die groben Erfahrungen wie zuvor besprochen voranschreiten.“

Wieder fragte der Bodhisattva Mahasahasrananta: „Oh Bhagavan, müssen Gedanken beseitigt werden oder nicht? Wenn sie müssen, muss dann das Bewusstsein wieder erscheinen, wenn der Geist gereinigt worden ist? Möge der Lehrer das erklären!“

Der Lehrer antwortete: „Oh Geist-Vajra, die Bande der Achtsamkeit und des Ergreifens sind durch die Macht der meditativen Erfahrungen aufgelöst, bis schließlich der gewöhnliche Geist eines gewöhnlichen fühlenden Wesens verschwindet. Infolgedessen ermüdet die zwanghafte Ideenbildung und die umherziehenden Gedanken erlöschen in der absoluten Natur. Der leere Allgrund steigt auf eine Stufe herab, auf der Selbst, andere und Objekte verschwinden. Man blickt nach innen auf klare Leerheit mit einem Gefühl des Klammerns und die Erfahrungen von Selbst, anderen und Objekten lösen sich auf. Das ist das Allgrund-Bewusstsein. Einige Lehrer erklären den herabgestiegenen Allgrund als den einen Geschmack und als Freiheit von begrifflicher Ausschmückung und andere sagen, dass er wertfrei sei. Allerdings wird beschrieben, dass man tatsächlich zu dieser Wesensnatur gelangt ist.

Eine Person, die mit Begeisterung erfüllt ist, wird feststellen, dass das nicht der richtige Pfad[1], ist und als ein Ergebnis des Meditierens verschwindet die ganze Leerheit und Klar-Leerheit, die von erfahrungsmäßigem Festhalten durchtränkt ist, in die absolute Natur, als ob man aufwachen würde. Danach sind äußere Erfahrungen nicht behindert und die Stränge der inneren Achtsamkeit und des Ergreifens sind durchtrennt. Dann ist man nicht mehr durch die Bande einer guten Meditation gebunden und man fällt nicht mehr in einen gewöhnlichen Zustand aufgrund schädlicher Unwissenheit zurück. Das ist dann das immerzu präsente, klare, leuchtende Bewusstsein, das die Konventionen von Sicht, Meditation und Verhalten transzendiert. Es gibt keine Bestimmung von Selbst und Objekt, so dass man sagen könnte, ‚das ist Bewusstsein‘ und ‚das ist das Objekt des Bewusstseins‘. Das ist die Freiheit vom Klammern an einem ursprünglichen, selbstentstandenen Zustand, in dem der Geist Erfahrungen hat. Sobald du zu einer Weiträumigkeit gelangst, in der es kein Grübeln und keinen aufmerksamen Bezug gibt, manifestieren sich alle Phänomene ungehindert durch die Macht des Gewahrseins. Gedanken verschmelzen mit ihren Objekten, sie verschwinden sobald sie mit diesen Objekten ungetrennt werden und sie zerfallen. Weil nicht eines einen objektiven Bezug hat, sind sie keine Gedanken von fühlenden Wesen, vielmehr ist der Geist in Weisheit verwandelt worden, die Macht des Gewahrseins ist transformiert worden und Beständigkeit wurde darin erlangt. Wisse, dass das wie Wasser ist, das von Sedimenten gereinigt ist.“


[1] Auch wenn jemand zur essentiellen Natur des Gewahrseins gelangt ist, wenn dann jemand darin selbstgefällig geworden, weil er das festgestellt hat, dann ist das nicht der wahre Pfad, so wie Zuflucht nehmen alleine nicht ausreichend ist, um Buddhaschaft zu erlangen. Nur indem man mit der eigenen Meditationspraxis fortfährt, wird alles Klammern und Ergreifen vergehen.


Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. Juli 2019

Trügerische Erleuchtung?

Wie vorübergehende spirituelle Erfahrungen einen glauben lassen, man sei erleuchtet.

Nach einiger Zeit der Praxis passiert es, dass sich eine spirituelle Erfahrung einstellt. Sie haben sicher darauf gewartet, wann es endlich passiert, oder? Spirituelle Erfahrungen wie Klarheit, Gedankenfreiheit oder Glücksgefühle werden in der buddhistischen Literatur immer wieder Erfahrungen genannt, an denen man nicht festhalten und sie nicht mit letztendlicher Realisation verwechseln soll. Welche Zustände sind das?

Spirituelle Erfahrungen

Vielleicht geschieht es, dass sich eine Ruhe und Klarheit ausbreiten, dass das unentwegte Auftreten von Gedankenketten unterbrochen ist und man in einem Zustand der Gedankenfreiheit ruht. Man macht unter Umständen außerkörperliche Erfahrungen, fühlt sich eins mit dem Universum und allen Wesen. Lichterfahrungen können auftreten, man fühlt sich nach oben gezogen oder gehoben oder man verspürt eine nie gekannte Leichtigkeit und/oder Erhabenheit. Manchen Praktizierenden stehen die Haare zu Berge, sie sind zu Tränen gerührt und überwältigt von Freude. Ebenso kann es vorkommen, dass man völlige Klarheit empfindet und die zwölf Glieder des bedingten Entstehens zu verstehen meint und ist dabei völlig hin und weg.

Solche Erfahrungen sind sicherlich eindrucksvoll und sehr bewegend. Man hat nun endlich eine Erfahrung gemacht und meint, das wäre es nun. Doch sind solche Erfahrungen nicht nur Meilensteine, sondern bergen auch große Gefahren in sich. Man erhält einen Einblick in die Natur des Geistes und in die wahre Bestehensweise der Phänomene. Man fühlt sich erwacht. In einigen Fällen passierte es, dass diese Leute dann in ihrer Euphorie als Lehrer auftreten. Mit einem guten Marketing-Konzept und ein paar Büchern funktioniert dann auch die Geldmaschine.

Aber hey! Erwachen, das ist es doch, worum es geht, oder? Solche Erfahrungen sind dennoch auch besorgniserregend, weil sie sich so gut anfühlen. Doch auf dem spirituellen Pfad geht es nicht darum, befreit von allen weltlichen Sorgen zu sein oder dass einem alle erwünschten Lustbarkeiten in den Schoß fallen. Es geht überhaupt nicht darum, ob man sich gut fühlt oder nicht. Eine der Grundlagen des buddhistischen Pfades ist es, frei von den acht weltlichen Angelegenheiten – Lob/Tadel, Erwerb/Verlust, Freude/Leid sowie Ruhm/Schande – zu sein.

Echt oder trügerisch?

Wie kommt es nun, dass Praktizierende so leicht darauf hereinfallen und sich davon verführen lassen? Wenn Praktizierende mit großer Intensität und in einem bestimmten Setting praktizieren, werden im Körper Endorphine freigesetzt, die zu Glücksgefühlen, Ekstase und ähnlichem führen. Das sind jedoch nichts anderes als biologisch bedingte Vorgänge. Und weil sie bedingt sind, suchen Praktizierende dann immer wieder dieselben Bedingungen, um solche Erlebnisse erneut hervorzurufen. Man ist dann am Haken der Sucht gefangen. Es folgt ein Greifen nach angenehmen, freudigen Erfahrungen, die die Identität bestärken. Wenn solche spirituellen Erfahrungen erstarrt sind, laden aufrichtige Praktizierende zu dieser Niederlage ein. Scharlatane meiden das.

Da nun eine Identität konstruiert wurde, die angenehme Erfahrungen machen will, ist das Spiel der ewig unwuchten Wiederkehr – Dukkha oder Leiden genannt – unausweichlich. Samsara als wiederkehrende Unzulänglichkeit des Lebens erfahren, wird auf diese Weise verdrängt, anstatt in seiner wahren Bestehensweise realisiert.

Spirituelle Erfahrungen sind jedoch nur Nebenprodukte der meditativen Praxis. Wie Traleg Rinpoche sagte:

„Die Hauptursache für falsche Wahrnehmungen in Bezug auf Meditationserfahrungen ist, dass wir nach dem Verlust der anfänglichen Inbrunst möglicherweise vergessen, uns auf die Essenz der Meditation und ihren Zweck zu konzentrieren, und stattdessen immer mehr auf die zugrunde liegende meditative Erfahrung selbst Wert legen.“

In der buddhistischen Tradition kennt man diese Probleme und gerade dafür ist der Austausch mit einem Lehrer des Vertrauens erforderlich. Ohne die Einschätzungen und Korrekturen durch einen Lehrer verlieren sich Schüler rasch in Vorstellungen über Befreiung und landen in einem unheilbaren Gewirr aus Ansichten bar jeder Verwirklichung.

Dilgo Khyentse Rinpoche meint zu großartigen spirituellen Erlebnissen:

„Meditierende, die Erfahrungen nachlaufen, wie ein Kind, das einem schönen Regenbogen nachläuft, werden in die Irre geführt. Wenn Sie intensiv üben, können Hellsehen und verschiedene Errungenschaften auftreten, aber alles, was Sie tun, ist, Erwartungen und Stolz zu fördern – es sind nur teuflische Tricks und die Quelle von Hindernissen.“

In der tibetischen Dharma-Tradition gibt es die Unterscheidung zwischen vorübergehender Erfahrung (tib., nyams) und Verwirklichung/Realisation (tib., grub pa). Die vorübergehende Erfahrung wird wie ein Dampf angesehen, der zwar angenehm ist, aber sich dann doch verflüchtigt. Die Verwirklichung ist jedoch bleibend. Auch der Prinz Siddhartha hatte die verschiedensten spirituellen Erfahrungen. Es finden sich bei ihm Beschreibungen, wie er bei seinen beiden Lehrern die höchsten Erfahrungen gemacht hat, doch dann immer wieder zurück in den unbefriedigenden Kreislauf gekehrt ist. Erst als er schließlich unter dem Bodhi-Baum die wahre Bestehensweise von Person und Phänomenen ergründet hatte, erlangte er Befreiung.

Wert der Erfahrungen

Nicht, dass Erfahrungen nun völlig wertlos wären. Nein! Erfahrungen sind nur flüchtige Einblicke ohne Bestand. Man findet ja immer wieder in den verschiedenen Praxistexten auch Bitten, dass sich die spirituelle Erfahrung verbessern möge. Jedoch sind solche Erfahrungen nur Meditationsstimmungen und sind erfahrungsmäßige Zeichen der Entwicklung der Praxis. In einigen Praxistexten finden sich längere Beschreibungen von spirituellen Erfahrungen, die Praktizierende beispielsweise in einer intensiven Klausur machen können.

Das beste Zeichen ist das tatsächliche Treffen der Gottheit, das zweitbeste in einer Vision und das drittbeste im Traum. Auch andere Zeichen können im Traum auftreten. Dabei wird immer wieder das Aufgehen von Sonne und Mond oder das Erklimmen eines Berges genannt.

Andere Zeichen werden von Dudjom Lingpa in der Praxis von Yeshe Tsogyal erwähnt:

„Man verbindet sich mit Armeen vieler Menschen und wird so zum Lenker großer Länder, der Berg Meru steht in Flammen, große Felsen zerbrechen und Holz zersplittert, man gibt einer versammelten Menschenmenge Ermächtigungen und erklärt die Lehre, man macht die Staatsspitzen zu Diener und viele Insekten werden getötet.“

Das sollte man wissen. Ähnlich beschreibt Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje spirituelle Erfahrungen, die sich in der Praxis des Zyklus von Khandro Thugthig einstellen können.

„Wenn solch ein tiefgründiger Pfad wie dieser praktiziert wird, ohne dass man Zweifel unterhält, dann wird man tatsächlich in Traumzuständen oder anderweitig das Gesicht der Gottheit sehen, große Flüsse überqueren, Berggipfel erklimmen, Gärten mit roten Blumen finden und frei am Himmel fliegen. Geheime Nektarsubstanzen werden emporwallen und überfließen. Im Besonderen wirst du ein tiefes Vertrauen in die klar-lichte Weisheit erlangen. Wenn sich das dann frei von Übergang oder Veränderung stabilisiert hat, wird dein Glück genau gleich dem der Dakini-Versammlungen in Akanishta sein.
In erster Linie wirst du durch das Vollenden der lebendigen Erscheinung des Mandalas während der Entwicklungsphase, wo die phänomenale Welt als der Seinsgrund erscheint, das Festhalten an weltlichen Wahrnehmung bereinigen und sie in den Kreis der Gottheit verwandeln. Du wirst die fünf Augen und sechs Kräfte des Klarblicks erlangen, sowie magische Emanationen und in diesem Leben wirst du zu einem vollständig gereiften Wissenshalter werden.“

Aber er merkt auch an:

„Wenn solche Zeichen auftreten, wird das Erlangen der gewöhnlichen und höchsten Verwirklichungen nicht schwierig sein. Praktiziere daher mit großem Eifer!“

Das heißt, man soll dranbleiben und solche Zeichen nicht als das Ende des Pfades verstehen. Wer in solchen Zuständen von Glück, Klarheit oder Gedankenfreiheit stehen bleibt, wird nach buddhistischer Lehre in einem der Götterbereiche wiedergeboren. Zwar ist dort alles ganz fein, aber dennoch enden wollend. Wenn man solche spirituellen Erlebnisse als vorübergehend versteht und bei der Praxis dranbleibt, wird schließlich Verwirklichung erlangen.

Bewahren oder mitteilen?

Zunächst aber ist es wichtig, mit vorübergehenden spirituellen Erfahrungen nicht hausieren zu gehen. Man kann diese natürlich mit spirituellen Freunden teilen, die im selben Praxiskreis sind. Wenn man jedoch diese Erfahrungen in der Öffentlichkeit breit verkündet, dann rinnt die Erfahrung dahin und verliert ihr konstruktives Potential. Daher ist das Schweigen über die Praxis sehr hilfreich.

Ein weiterer Fehler passiert, wenn die spirituelle Erfahrung zur Selbstbestätigung verwendet wird. Ein guter spiritueller Lehrer wird diesen Fehlern einen Riegel vorschieben und einem mitteilen, worauf man sich in der Praxis konzentrieren soll. Er/sie wird die Erfahrung nicht als gut oder schlecht bewerten, sondern sie als nichts Besonderes sehen und einen zur Fortsetzung der bestehenden Praxis ermutigen. Für manche Schüler kann das frustrierend sein. Besonders wenn die spirituelle Erfahrung für einen so großartig war und der Lehrer eher gelangweilt darauf reagiert. So manch ein Schüler hat sich daraufhin mangels Zuwendung durch den Lehrer von diesem abgewandt. Tja, auf diese Weise kann sich eine spirituelle Erfahrung in ein Hindernis verwandeln.

Patrul Rinpoche meinte dazu:

„Die Meditation des Yogis verbessert sich durch Zerstörung … Wenn Erfahrungen von Stille, Glückseligkeit und Klarheit auftreten und Gefühle wie Freude, Entzücken oder angenehme Empfindungen auftreten, sollte man diese Hülle der Anhaftung sprengen, um Erfahrungen in Stücke zu zerschlagen.“

Spirituelle Erlebnisse sind Zeichen von Erfolg, aber ein Erfolg, der zu Stolz und Anhaftung führt, bedeutet keinen Fortschritt auf dem spirituellen Pfad. Spricht man über die spirituelle Erfahrung in unangemessener Weise, in einem ungeeigneten Kreis von Zuhörern, dann bestätigt man diese Erfahrung und beginnt sich damit zu identifizieren. Man glaubt auch daran und ist überzeugt, dass wirklich etwas Besonderes geschehen ist.

Guruismus und sektiererische Tendenzen

Besonders gefährlich ist es, wenn Lehrer durch solche spirituellen Erfahrungen meinen, sie wären jemand Besonderer und dies ihren Schülern verkünden. Die Nachricht von Ihrem Erwachen kann sich wie ein Virus verbreiten, und bevor Sie es wissen, kann sich jeder mit Stämmen dieser spirituellen Erfahrung infizieren.

Wenn dies geschieht, entwickelt sich eine subtile, co-abhängige Beziehung zwischen „Meister“ und Schüler. Der Schüler befähigt den „Meister“ unabsichtlich, indem er dieses spirituelle Erlebnis verehrt und seine psychologischen Probleme auf den „Meister“ überträgt. Der „Meister“ befähigt den Schüler dann, indem er ihn mit Aufmerksamkeit überschüttet und sich auf ähnliche Weise in einem Schwarm von eigenen Projektionen und Schattenelementen verfängt. Beide denken, dass sie sich gegenseitig anheben, aber sie ziehen sich tatsächlich gegenseitig herunter. Jeder glaubt an die Erfahrung des „Meisters“ und bald wird ein Kult geboren.

Damit diese spirituelle Erfahrung nicht beschädigt wird, versuchen Schüler wie „Meister“ sich von äußeren Einflüssen abzuschotten. Solche „Meister“ behaupten, dass sie ihre Jünger beschützen, aber in Wirklichkeit verteidigen sie nur ihr eigenes Ego und ihr eigenes Imperium. Diese „Meister“ tauchen häufig im Westen auf, wo die Spiritualität von Bequemlichkeit und sofortiger Befriedigung bestimmt wird und das Bedürfnis nach disziplinierter Praxis allzu oft durch den Wunsch nach schnellen Ergebnissen verdrängt wird. Weil spirituelle Erlebnisse wünschenswert sind, sind sie marktfähig und sie verkaufen.

Es ist kaum möglich, Menschen aus diesem Sumpf der Huldigung spiritueller Erlebnisse zu ziehen. Kaum jemand hat den Mut, sich einzugestehen, dass er/sie falsch unterwegs war und von den Verlockungen spiritueller Erfahrungen verführt wurde (oder damit verführt hat). Das Geschäftsmodel, die sozialen Belange und Beziehungen, und manchmal auch die beruflichen Interessen und Karrieren stünden auf dem Spiel.

Zeichen der Errungenschaften

Wie kann man nun spirituelle Erlebnisse von tatsächlichen Verwirklichungen unterscheiden? Eines der Zeichen für aufrichtige Verwirklichungen in der Praxis sind Demut und Bescheidenheit in Bezug auf die eigenen Erfahrungen. Wie schon gesagt, sie sind nichts Besonderes. Andere Zeichen sind ganz einfach jene, die mit der Praxis tatsächlich ermöglicht werden.

Indem man die kostbare menschliche Geburt kontempliert, gelangt man zu einer tatsächlichen Wertschätzung des menschlichen Lebens und beschließt, dieses konstruktiv zu nutzen. Die Einsicht in Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit der Dinge – der bedingten Phänomene – führt zu einer Loslösung von der bedingten Existenz. Das Verstehen von Ursachen und Auswirkungen von Handlungen führt zu einem Aufgeben von unheilsamen Handlungen und einem Ausführen heilsamer Taten. Sich auf einen spirituellen Pfad tatsächlich einzulassen, dabei nicht nach Bequemlichkeit und raschem Erfolg zu streben, sondern diesen diszipliniert zu verfolgen, führt zu nachhaltigen Ergebnissen und Beständigkeit in spirituellen Erlebnissen, und nochmals – sie sind nichts Besonderes. Die Praxis vom Entwickeln des Erleuchtungsgeistes führt zu einer Öffnung des Herzens allen Wesen gegenüber, zu einem Verständnis ihres bedingten Zustandes und dem Wunsch und Streben, sie daraus zu befreien.

Durch die Praxis der vier Kräfte zum Bereinigen negativer Handlungen gelangt man aus dem wiederkehrenden Gewohnheitsmustern. Praktiziert man die zweifache Ansammlung von Verdienst und Weisheit, erreicht man Einsicht in das konstruktive Potential, das jedem Wesen möglich ist.

Praktiziert man verschiedene fortgeschrittene Meditationen wie beispielsweise Guru-Yoga eröffnet sich einem das wahre in einem schlummernde Potential der Erleuchtung. Führt man das Hervorbringen und Auflösen von Visualisationen – egal ob einfach oder komplex – aus, löst sich das Greifen nach Person und Welt auf natürliche Weise auf. Verbunden mit dem Atem verinnerlicht man diese Resultate und ist auf einfache und natürliche Weise in der Lage, zum Nutzen anderer zu wirken.

Die Frucht eines kontemplativen Lebens

Der Buddha beschreibt in verschiedenen Lehrreden, was die Resultate der spirituellen Praxis sein können. Im Samannaphala Sutta wird er gefragt, was der Lohn der Asketenschaft und die Frucht eines kontemplativen Lebens sei.

Man ist mit einfachen Dingen, wie einfacher Nahrung und Schutz zufrieden, ist glücklich, auch wenn man in Einsamkeit lebt. Verehrung wird einem von anderen zu teil. „Der Mönch … der in der Tugend vollendet ist, sieht keinerlei Gefahr in seiner Zurückhaltung durch die Tugend. Ausgestattet mit diesem edlen Aggregat der Tugend ist er innerlich empfindsam für das Vergnügen, tadellos zu sein.“ Die Zufriedenheit der Einfachheit wird ebenso betont. „Wohin er auch geht, nimmt er nur das Nötigste mit. So ist ein Mönch zufrieden.“

Ferner „mit Achtsamkeit und Wachsamkeit reinigt ein Mönch seinen Geist von Habsucht, bösem Willen und Zorn, Trägheit und Schläfrigkeit, Unruhe und Angst und Zweifel.“ So wird Geistesruhe auch in stürmischen Zeiten bewahrt. Indem er „…die vier Zustände der meditativen Versenkung [erreicht], die mit dem Durchdringen seines Körpers verbunden sind, mit Entzücken, Vergnügen, Gleichmut und einem reinen, hellen Bewusstsein“, gelangt er zur Glückseligkeit der meditativen Versenkung. Einsichtsvolles Wissen bzw. höchstes Erkennen wird erreicht, indem „…so konzentriert, geläutert und hell, makellos, fehlerfrei, geschmeidig, geschmeidig, stabil und unerschütterlich – der Mönch lenkt und neigt ihn zu Wissen und Vision. Er stellt fest: „Dieser Körper von mir ist mit einer Form ausgestattet, die sich aus den vier Hauptelementen zusammensetzt, die von Mutter und Vater stammen und mit Reis und Brei genährt werden. Und dieses Bewusstsein von mir wird hier gestützt und hier gebunden.‘“

Natürlich sind auch übernatürliche Kräfte möglich. Diese können Vervielfältigung der eigenen Erscheinung sind, man kann überall erscheinen oder sich auflösen. Man geht ungehindert durch Wände oder Berge, geht über Wasser ohne einzusinken, fliegt durch am Himmel dahin, kann Sonne und Mond berühren oder erlangt das „göttliche Ohr“. Man kann den Geist anderer lesen und die verschiedenen Geisteszustände in ihnen erkennen. Ferner „… kann [er] sich an vergangene Leben erinnern, die Wiedergeburt anderer Wesen sehen und das Ende des Leidens und die Gärung von Sinnlichkeit, Werden und Ignoranz kennen.“

Und schließlich erlangt man Befreiung aus der zyklischen Existenz. „Sein Herz, so wissend, so sehend, wird von der Fermentation der Sinnlichkeit, der Fermentation des Werdens, der Fermentation der Unwissenheit befreit. Mit der Befreiung kommt das Wissen, befreit. Er stellt fest, dass die Geburt beendet ist, das heilige Leben erfüllt ist, die Aufgabe erledigt ist. Es gibt nichts mehr für diese Welt.“

Dies sind die Resultate, wie sie der Buddha dem König Ajatasattu verkündet hat. Solche und ähnliche Resultate wurden in der Vergangenheit auch von den großen Verwirklichten (Mahasiddhas) der indisch-tibetischen Tradition, aber auch in allen anderen buddhistischen Traditionen immer wieder gezeigt.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. Juli 2019

Die Einstellung beim Hören des Dharmas

Es gibt zwei Arten: die weitreichende Absicht der Bodhichita-Haltung und die weitreichenden Methoden des geheimen Mantrayana.

Die weitreichende Absicht der Bodhichitta-Haltung

Es gibt kein einziges Wesen in Samsara, diesem unermesslichen Ozean des Leidens, das im Laufe der Zeit ohne Anfang niemals unser Vater oder unsere Mutter gewesen ist. Als sie unsere Eltern waren, dachten diese Wesen nur daran, uns mit größtmöglicher Freundlichkeit zu erziehen, uns mit großer Liebe zu beschützen und uns das Beste aus ihrer eigenen Nahrung und Kleidung zu geben.

Alle diese Wesen, die so freundlich zu uns waren, wollen glücklich sein, und doch haben sie keine Ahnung, wie sie in die Praxis umsetzen sollen, was Glück bringt, wie eben die zehn positiven Handlungen. Keiner von ihnen will leiden, aber sie wissen nicht, wie sie die zehn negativen Handlungen aufgeben sollen, die die Wurzel allen Leidens sind. Ihre tiefsten Wünsche und das, was sie tatsächlich tun, widersprechen sich also. Arme Wesen, verloren und verwirrt wie ein blinder Mann inmitten einer leeren Ebene! Sagt zu euch selbst:

„Zu ihrem Wohlergehen werde ich den tiefgründigen Dharma hören und diesen in die Praxis umsetzen. Ich werde all diese Wesen, meine Eltern, gequält vom Elend der sechs Bereiche des Daseins, zu den Menschen führen Zustand der allwissenden Buddhaschaft, der sie von allen karmischen Phänomenen, Gewohnheitsmustern und Leiden aller sechs Bereiche befreit.“

Es ist wichtig, diese Einstellung jedes Mal zu haben, wenn ihr den Lehren zuhört oder sie üben.

Wann immer ihr etwas Positives tut, egal ob von großer oder kleiner Bedeutung, ist es unabdingbar, es mit den drei höchsten Methoden zu verbessern. Bevor ihr beginnt, erweckt den Erleuchtungsgeist als ein geschicktes Mittel, um sicherzustellen, dass die Handlung zu einer Quelle des Guten für die Zukunft wird. Vermeidet es, euch während der Durchführung der Aktion auf eine Konzeptualisierung einzulassen, damit der Verdienst nicht durch die Umstände zerstört wird. Versiegelt am Ende die Handlung richtig, indem ihr den Verdienst widmen, der dafür sorgt, dass sie immer weiter zunehmen wird.

Die Art und Weise, wie ihr den Dharma hört, ist sehr wichtig. Aber noch wichtiger ist die Motivation, mit der ihr ihn hört.

Was macht eine Handlung gut oder schlecht? Nicht wie sie aussieht, noch ob sie groß oder klein ist, sondern die gute oder böse Motivation dahinter.

Egal wie viele Lehren ihr gehört habt, um durch gewöhnliche Sorgen motiviert zu werden – wie zum Beispiel das Verlangen nach Größe, Ruhm oder was auch immer –, ist nicht der Weg des wahren Dharma. Es ist also vor allem wichtig, sich nach innen zu wenden und die Motivation zu ändern. Wenn ihr eure Einstellung korrigieren könnt, werden geschickte Mittel eure positiven Handlungen durchdringen, und ihr werdet den Weg großer Wesen beschritten haben. Wenn ihr nicht könnt, dann denkt, dass ihr den Dharma studieren und praktizieren könnt, aber es wird nicht mehr als ein Schein der realen Sache sein. Wenn ihr also die Lehren hört und praktiziert, sei es über eine Gottheit meditiert, euch niederwerft oder ein Mantra rezitiert – sogar ein einzelnes Mani-Mantra –, ist es immer wichtig, die überragende Geisteshaltung – den Erleuchtungsgeist – hervorzubringen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. Juli 2019

Saraswati – der Kuss der Muse…

Saraswati (Tib. དབྱངས་ དབྱངས་ ཅན་, Yangchenma; dbyangs can ma) ist die Göttin der Weisheit, der Literatur und der Poesie, oft als weiß oder rot in Farbe dargestellt und als Laute spielend, oder als eine der einundzwanzig Taras, ebenfalls weiß; friedlich und lächelnd hält sie einen Lotus in der Hand, auf dem sich ein Spiegel befindet, auf dem die Silbe HRI steht. In der tantrischen Tradition wird Saraswati als weisheitserzeugende Gottheit eingestuft.

In der Sektion „Downloads“ kann man den entsprechenden Praxistext zur Verwirklichung der Saraswati herunterladen.

Beschreibung der Saraswati

Die Göttin Saraswati hat einen weißen Körper, ein Gesicht, zwei Hände. Sie sitzt entspannt, hat ein Gesicht wie der aufgehende Mond, Augenbrauen wie gezogene Linien, zwei schöne Augen wie Utpalas und wirft seitliche lange Blicke wie Sternschnuppen. Ein klarer Teint, rosafarbene Wangen und ein attraktiver Hals. Der Hals ist zierlich und sanft gebogen, die weißen Brüste rund, fest, aufrecht und voll. Die linke Hand hält eine mit Juwelen besetzte Vina der Gandharavas, die rechte ein Plektrum, mit dem sie mit den Fingerspitzen begeistert auf der Vina spielt. Mit einer sehr schlanken Taille und beweglichen Hüften, einem gut proportionierten, hellen, glatten, jungen, reichlichen und gut gerundeten Körper, mit den beiden Beinen sitzend, weiß, glatt, entspannt und wünschenswert, leicht hockend, attraktiv lange und volle Zöpfe, die den oberen Rücken zur Hälfte locker bedecken, zur Hälfte zu einem mit einem Wunschjuwel funkelnden Haarknoten zusammengebunden sind Blumen und Utpalas. Neben den Ohren fließen Seidenbänder; auch mit vielen Ornamenten, Juwelenohrringen, Halsketten, Armbändern, Fußkettchen, Gürtel, langer Halskette und dergleichen geschmückt. Sie trägt ein schön anzusehendes Obergewand aus weißer Baumwolle und ein Untergewand wie ein Regenbogen; fantastisch geliebt, strahlend begehrenswert, in der Jugendlichkeit von sechzehn Jahren.

Jamyang Khyentse Wangpo

Ode an Saraswati

Frei von den Wolken der doppelten mentalen Schleier, ist deine Weisheit eine Sonne mit tausend Strahlen, die die dunklen Heerscharen der Unwissenheit, Täuschung und Verwirrung besiegt und bei deren Anbruch sich die Lotusblumen der Wissenschaft mit kühlen, duftenden und süßen Staubbeuteln weit öffnen. Da tut mein Verstand, die Biene, einen Schluck Honig, der mit der Zeit Honig sein wird, um alle Lebewesen zu ernähren.

Beständig wie der Ozean der Allwissenheit bist du und wie ein Berg aus Gold, der niemals von den Schmetterlingen des Streits, von Dämonenscharen oder von den Stürmen der Zeit bewegt wird. Wie eine Sechzehnjährige Frau bist du, liebenswürdig und spielerisch, mit Körper und Gliedmaßen, die von vielen Edelsteinen der Götter geschmückt werden: die Göttin des Meeres, Saraswati, deren Aufstieg aus dem Ozean den Blauen Hals begeisterte – vor dir verbeuge ich mich! Vertreibe im Mitgefühl die Dunkelheit der Unwissenheit aus meinem Geist.

Liebenswerte Tochter himmlischer Musiker, deren Stimme uns den Verstand entzieht. Auch aus dem Dröhnen eurer Hände entstehen die Worte und Klänge Brahmas. Vor dir verbeuge ich mich! Durch deinen süßen Diskurs schenke mir höchste Weisheit in Poesie und Logik, Grammatik, weisen Sprüchen und in jeder Wissenschaft. Mit sechzig Tönen ist Ihre Stimme ausgestattet, die auch den erfreut, den Ihre Anwesenheit beeindruckt – warum schenken Sie mir dann keine Lieder, die das Ohr oder die süßen Hymnen der Veden oder die Kraft, die Gedanken anderer zu fangen und zu halten, zufriedenstellen?

Dein Geist ist wie ein großer Ozean vollkommen still und wird immer noch von Flutwellen des Mitgefühls erfasst, um die Leiden der Lebewesen zu beseitigen. Möge dieser Ozean der Töne, die einzige Mine der Juwelen, die jeden Wunsch erfüllen, denen, die Bedrängnis verspüren, Beistand leisten und schnell auch die Hoffnungen der Langweiligen erfüllen, die jemals von ihren eigenen Wahnvorstellungen verhungert leben. Mit der vollen, ungetrübten Scheibe des kühl strahlenden Mondes scheinst du durch die Dunkelheit unseres fest verschlossenen Geistes und lässt ihn wie Seerosen aufblühen, wobei sich der süße Tau über ihre Staubbeutel ausbreitet.

In der Tat ist dein Körper makellos, makellos und von Zeichen der Vollkommenheit geschmückt. Alles durchdringend ist deine Stimme, die von Brahmas eigenen Tönen besessen und frei von Kakophonie ist. Mit transzendenter Weisheit ist dein Geist ausgestattet, groß und ungebunden in jedem Wissensgebiet. Dann schenke, Saraswati, diesem Sänger des Lobes, der dich lobt, die höchsten Errungenschaften!

von Kalidasa
Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. Juli 2019

Das Gebet zu Grund, Pfad und Frucht

Das Gebet zu Grund, Pfad und Frucht von Jigme Lingpa stellt eine wesentliche Lehre des Dzogchen dar.

Aus der Herzessenz des weiten Raumes: Das Wunschgebet zu Grund, Pfad und Frucht

Aus dem Rinchen Terdzö; Band 107 (ne), Seite 464 – 466
© Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015)

Den glorreichen Samantabhadra verehre und lobpreise ich!

Die wahre Natur der Dinge ist natürlich frei von konzepthaften Vorstellungen. Sie existiert nicht, da selbst die Siegreichen sie nicht einmal sehen. Weder existent, noch nichtexistent, ist sie der Grund von Samsara und Nirvana. Da besteht kein Widerspruch, weil dies jenseits des Bereichs des Ausdrucks liegt. Mögen alle diese Große Vollkommenheit erkennen, die wahre Natur des Grundes! Weil er in seiner Essenz leer ist, ist er frei von den Begrenzungen der Dauerhaftigkeit.

Da er in seiner Natur klar ist, ist er frei von den Begrenzungen des Nihilismus. Seine Ausdruckskraft ist ungehindert, da er der Grund für die vielfältigen Emanationen ist. Er ist geteilt in drei, dennoch gibt es in Wahrheit keine solchen Unterscheidungen. Mögen alle diese Große Vollkommenheit erkennen, die wahre Natur des Grundes. Unvorstellbar und frei von allen Zuschreibungen. Einseitiges Fixieren, ob Dinge existieren oder nicht existieren, löst sich vollständig auf. Diese vollständige Bedeutung lässt sogar die Zunge der Siegreichen schwach werden. Ohne Anfang, Mitte oder Ende ist es eine große Weite tiefer Klarheit. Mögen alle diese Große Vollkommenheit erkennen, die wahre Natur des Grundes! Seine Essenz ist unberührt, ungeboren und ursprüngliche rein.

Was immer sich manifestiert, ist der Ausdruck dieser nichtbedingten, spontanen Präsenz. Ohne dies als anderes wahrzunehmen, indem man die große Einheit von Präsenz und Offenheit erkennt, wird das eigene Verständnis des Grundes den Gipfel erreichen. Möge es keine Abweichungen und Fehler hinsichtlich dieses entscheidenden Punktes auf dem Pfad geben!

Rein von Anbeginn, existiert nicht einmal der Begriff „Sicht“. Gewahr des ursprünglichen Zustandes fällt die Hülle der Meditation ab. Es gibt kein Festhalten an Konzepten, deshalb ist es auch nicht nötig, das eigene Verhalten aufzugeben. In der spontan präsenten Natur ist dieser Zustand nackte Einfachheit. Möge es keine Abweichungen und Fehler hinsichtlich dieses entscheidenden Punktes auf dem Pfad geben. Ohne in die Parteilichkeit hinsichtlich guter oder schlechter Gedanken zu fallen und ohne zügellos in einen Zustand indifferenter Neutralität zu verfallen, sind Erscheinen und Befreien eine Weite uneingeschränkter, unbändiger und spontaner Freiheit und man versteht, dass die Natur an sich frei von annehmen und zurückweisen ist. Möge es keine Abweichungen und Fehler hinsichtlich dieses entscheidenden Punktes auf dem Pfad geben. Genauso wie der Raum ist das Gewahrsein der universelle Grund und der Ausgangspunkt. Der manifeste Grund ist spontan präsent, aber löst sich wie die Wolken am Himmel auf.

Der Geist strahlt aus, projiziert nach draußen und kehrt nach innen zurück zum inneren Raum des jugendlichen Vasenkörpers, ausgestattet mit den sechs einzigartigen Merkmalen. Mögen alle den Thron dieser majestätischen Verwirklichung ergreifen. Seit allem Anbeginn ist Gewahrsein Samantabhadra selbst. Darin löst sich alles Hoffen auf Errungenschaften in den Raum auf, das wahre Merkmal der Großen Vollkommenheit, jenseits von allem absichtlichen Bemühen.

Der Bereich von Wirklichkeit und Gewahrsein, der innere Raum von Samantabhadri – mögen alle den Thron dieser majestätischen Verwirklichung erlangen. Gänzlich ohne Verweilen ist der Große Mittlere Pfad (Madhyamaka). Alles umfassend und spontan groß ist der Zustand des Großen Siegels (Mahamudra). Frei von Begrenzungen und offene Weite ist der entscheidende Punkt der Großen Vollkommenheit (Mahaati). Die Verwirklichung der Stufen und Pfade ist in der grundlegenden Natur vollkommen spontan präsent. Mögen alle den Thron dieser majestätischen Verwirklichung ergreifen!

Dieses tiefgründige Gebet, das eine Zusammenfassung des Siegels der Quintessenz der großen Weite ist, wurde auf Geheiß des Beschützers der Lehren, dem Rishi Rahula, der die Gestalt eines Mönchs annahm, niedergeschrieben. Um die Verbreitung der tiefgründigen Realität bedeutsam zu machen und dieses Gebet des wechselseitigen Bestehens zur Vollendung zu bringen, öffnete ich dem verrückten Yogi von Kongpo das tiefgründige Siegel und vertraute es diesem geheimen Meister des Gewahrseins an, der selbst von Akashagarbha gesegnet worden war. Möge sein Nutzen für die Wesen gleich dem Raum sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Juli 2019

Amitayus – Buddha des langen Lebens

Eine Meditation auf den Buddha des langen Lebens – Amitayus.

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