Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Dezember 2020

Das Seil der Achtsamkeit durchtrennen

Das Substrat-Bewusstsein durch die Shamatha-Praxis, den Geist als Weg zu nehmen, zu erhellen, ist nicht die Krönung des buddhistischen Pfades. Vielmehr verschafft es ein beispielloses Maß an geistiger Ausgeglichenheit, Stabilität und Klarheit, mit dem man sich in die tiefste Dimension des Bewusstseins wagen kann: das ursprüngliche Gewahrsein. Um die berühmte Aussage von Winston Churchill zu zitieren, die er als Reaktion auf den Sieg Großbritanniens in der Schlacht um Ägypten machte: „Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang des Endes. Aber es ist vielleicht das Ende des Anfangs.“ Nach Düdjom Lingpa besteht der Weg zur direkten Identifizierung des ursprünglichen Gewahrseins, dem letztendlichen Grund des eigenen Seins, darin, zuerst die Leerheit der inhärenten Natur aller Phänomene in Samsara und Nirvana durch die Kultivierung von Vipashyana zu erkennen:

Sobald man sie als das Spiel des Raumes der letztendlichen Wirklichkeit erkannt hat, identifiziert man diesen Zustand als die große Verwirklichung und begreift seine eigene Natur. Infolgedessen lässt man sich ganz natürlich im Grundbewusstsein als die große Freiheit von Extremen nieder. Das ist der schnelle Pfad, das Fahrzeug der Großen Vollkommenheit.

Düdjom Lingpa erklärt mit außergewöhnlicher Klarheit, was als nächstes kommt:

Indem man die Meditation fortsetzt, verschwinden all diese Erfahrungen von Leere, Leerheit und Helligkeit, die durch Anhaftung befleckt sind, im absoluten Raum, so als ob man aufwachen würde. Danach sind die äußeren Erscheinungen nicht mehr behindert, und das Seil der inneren Achtsamkeit und der fest gehaltenen Aufmerksamkeit ist durchschnitten. Dann ist man weder durch die Fesseln der guten Meditation gebunden, noch fällt man durch schädliche Unwissenheit in einen gewöhnlichen Zustand zurück. Vielmehr schimmert ein allgegenwärtiges, durchscheinendes, leuchtendes Bewusstsein durch, das die Konventionen der Sicht, der Meditation und des Verhaltens transzendiert. Ohne die Zweiteilung von Selbst und Objekt, so dass man sagen kann „dies ist Bewusstsein“ und „dies ist das Objekt des Bewusstseins“, wird der ursprüngliche, aus sich selbst hervorgehende Geist, der Erfahrungen hat, von Anhaftungen befreit. Wenn du dich in einer Weite niederlässt, in der es kein Grübeln oder einen Bezugspunkt der Aufmerksamkeit gibt, werden alle Phänomene manifest, denn die Kraft des Gewahrseins ist ungehindert. Die Gedanken verschmelzen mit ihren Objekten, sie verschwinden, da sie nondual mit diesen Objekten werden, und sie lösen sich auf. Da kein einziger von ihnen einen objektiven Bezug hat, sind sie keine Gedanken von fühlenden Wesen. Vielmehr hat sich der Geist in Weisheit verwandelt, die Kraft des Gewahrseins wird transformiert und Stabilität wird dort erreicht. Verstehe, dass dies wie Wasser ist, das frei von Sedimenten ist.

Wenn man eine solche Erkenntnis durch die Praxis der Großen Vollkommenheit erlangt hat, kann man nach der Erfahrung des Todes die Auflösung der dunklen Errungenschaft in das klare Licht bewusst erleben. Mit den Worten von Düdjom Lingpa:

Als Analogie, so wie der Raum im Inneren eines Gefäßes mit dem Raum außerhalb vereint ist, ohne auch nur einen Fleck irgendeiner Erscheinung eines Selbst, entsteht eine strahlende, klare Weite wie ein alles durchdringender Raum, frei von Verunreinigungen, wie die Morgendämmerung am Himmel. Zu diesem Zeitpunkt werden Menschen, die durch den Durchbruch [zum ursprünglichen Gewahrsein bzw. die Praxis von Tib. Trekchö] bereits sehr vertraut mit dem Grundgewahrsein sind und Vertrauen darin gewonnen haben, die Verbindung des Gewahrseins, in dem sie zuvor geübt haben – das wie eine vertraute Person ist – und dem klaren Licht, das später auftaucht, erkennen. Dort müssen sie sich selbst behaupten, wie ein König, der auf seinem Thron sitzt. Die Anzahl der Tage, die man in der meditativen Stabilisierung im klaren Licht des Sterbeprozesses verweilt, entspricht der Stabilität und Dauer der eigenen gegenwärtigen Praxis. Diejenigen, die eine Stabilität der Praxis erreicht haben, die einen ganzen Tag und eine ganze Nacht dauert, können beim Tod eine Stabilität erreichen, die sieben menschliche Tage dauert. Aber für diejenigen, die den Pfad nicht betreten haben, wird das klare Licht nicht länger erscheinen als die Zeit, die man braucht, um eine Schüssel Nahrung zu verspeisen.

Es gibt viele Praktiken im tibetischen Buddhismus, von denen gesagt wird, dass sie zur Erkenntnis der „Natur des Geistes“ führen. Indem man während des Traumzustandes luzide wird und dann den Traum bewusst loslässt und alle Erscheinungen verschwinden lässt, kann man sein eigenes Substratbewusstsein erfahren. Indem man die Shamatha-Praxis, den Geist in seinem natürlichen Zustand zu beruhigen, zu ihrem Höhepunkt bringt, kann man die relative Natur des Geistes erkennen, indem man im Wachzustand leuchtend auf das Substratbewusstsein zugreift. Durch die Praxis von Vipashyana kann man die letztendliche Natur des Geistes erkennen, indem man seine Leerheit der inhärenten Existenz erkennt. Schließlich kann man die ursprüngliche Natur des Geistes erkennen, indem man das ursprüngliche Gewahrsein verwirklicht. Achtsamkeit spielt auf diesem gesamten Pfad eine entscheidende Rolle, bis sie schließlich ihren letzten Zweck erfüllt hat und das Seil der Achtsamkeit durchtrennt ist.


Von Alan B. Wallace „Meditations of a Buddhist Skeptic. A Manifesto for the Mind Sciences and Contemplative Practice.“ Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. Dezember 2020

Schutzpraxis und Bannungsritus

Aus dem Mahamantranudharini Sutra

གསང་སྔགས་ཆེན་པོ་རྗེས་སུ་འཛིན་པའི་མདོ།
gsang sngags chen po rjes su ‚dzin pa’i mdo

Der Sutra „Große Unterstützerin des Geheimen Mantras“

Eine Ehrerweisung an die drei Juwelen!
Verehrung des Buddha! Verehrung des Dharma! Verehrung der Sangha!

Verehrung der sieben vollkommen und vollständig erwachten Buddhas zusammen mit ihren Shravakas – jenen, die vollkommen gegangen sind, und jenen, die vollkommen eingetreten sind!

Im Anschluss an diese Huldigung:
Mögen diese Beschwörungen zu einem bestimmten Zweck praktiziert werden!
Mögen diese Beschwörungen erfüllt werden!
Möge ihr Zweck – das Ziel, für das sie praktiziert werden – erfüllt werden!
Erreicht werden!

So habe ich einst gehört. Der Gesegnete weilte in Jetavana, Anathapindikas Hain in Shravasti. Zu dieser Zeit lebte Brahma, Herr der Saha-Welt, mit den Göttern des Brahma-Reiches; Shakra, Herr der Götter, mit den Göttern des Himmels der Dreiunddreißig; die vier großen Könige mit den Göttern ihres Reiches; die achtundzwanzig großen Yaksha-Generäle; und Hariti mit ihren Kindern und ihrem Gefolge von Dienern gingen vor dem Gesegneten her, neigten ihre Häupter zu seinen Füßen und stellten sich an die Seite.

Brahma, der Herr der Saha-Welt, verbeugte sich mit verbundenen Handflächen vor dem Gesegneten und sagte: „Ehrwürdiger Gesegneter, ich regiere als Herr über die Reiche des Chiliokosmos. Wenn es nötig ist, bewache, beschütze und pflege ich die Reiche im Chiliokosmos und bringe Frieden und Wohlergehen in die Reiche des Chiliokosmos. Ehrwürdiger, glückseliger Dharma Herrscher, Gesegneter, Ihr regiert als Herr über die Reiche des großen Trichiliokosmos. Gesegneter, wenn Ihr es für angebracht haltet, bewacht, beschützt, pflegt und bringt Frieden und Wohlergehen in die Reiche des großen Trichiliokosmos. Deshalb bitte ich Euch, ehrwürdiger Gesegneter, die Reiche des Trichiliokosmos zu bewachen, zu beschützen, zu pflegen und Frieden und Wohlergehen in die Reiche des Trichiliokosmos zu bringen!

Der Gesegnete willigte ein, indem er stillschweigend verharrte. Brahma, der Herr der Saha-Welt, begriff, dass der Buddha durch sein Schweigen eingewilligt hatte, und in diesem Moment verschwand er.

Daraufhin sagte der Gesegnete zu den Mönchen: „Mönche, letzte Nacht kam der Brahma-Meister der Saha-Welt zusammen mit den Göttern des Brahma-Reiches, Shakra, Herr der Götter, mit den Göttern des Himmels der Dreiunddreißig, den vier großen Königen, mit den Göttern des Reiches der vier großen Könige und den 28 großen Yaksha-Generälen zu mir, und Hariti mit ihren Kindern und ihrem Gefolge von Dienern kam ebenfalls.

„Der Brahma-Meister der Saha-Welt sagte zu mir: ‚Ehrwürdiger Gesegneter, ich regiere als Herr über die Reiche des Chiliokosmos. Ehrwürdiger Gesegneter, wenn es nötig ist, wacht, beschützt, pflegt und bringt Frieden und Wohlergehen in die Reiche des Chiliokosmos. Ehrwürdiger, glückseliger Dharma-Herrscher, Gesegneter, Ihr regiert als Herr über die Reiche des großen Trichiliokosmos. Gesegneter, wenn Ihr es für angebracht haltet, bewacht, beschützt, pflegt und bringt Frieden und Wohlergehen in die Reiche des großen Trichiliokosmos. Deshalb bitte ich Euch, ehrwürdiger Gesegneter, die Reiche des Trichiliokosmos zu bewachen, zu beschützen, zu pflegen und Frieden und Wohlergehen in die Reiche des Trichiliokosmos zu bringen!

„Mönche, ich habe eingewilligt, indem ich Brahma, dem Meister der Saha-Welt, nicht antwortete. Dann verschwand Brahma, der Meister der Saha-Welt, in dem Wissen, dass ich eingewilligt hatte, indem ich geschwiegen hatte, in diesem Moment.

„Mönche, diese Königin der Beschwörungen, Großer Erhalter des Geheimen Mantras, wurde von den vollkommen und vollständig erwachten, so erloschenen Arhats der Vergangenheit unterrichtet. Sie wird in der Zukunft von den vollkommen und vollständig erwachten Arhats der Vergangenheit gelehrt werden. Und ebenso werde ich es jetzt in der Gegenwart lehren, als Hilfe für das Erwachen der Buddhaschaft“.

Dann sagte der Gesegnete zu dem ehrwürdigen Ananda: „Ananda, du sollst „diese Königin der Beschwörungsformeln“, „die große Unterstützerin des Geheimen Mantras“, empfangen, halten, rezitieren, predigen und beherrschen! Ananda, diese Königin der Beschwörungsformeln, die große Unterstützerin des Geheimen Mantras“, wird den vier Versammlungen Wohlstand, Nutzen, Glück und Trost bringen.

TADYATHA UBUDDHE NIBUDDHE VIBUDDHE SAMBUDDHE VISHVASTABUDDHEIHABUDDHE TAT RABUDDHE NIYAMGAME CHAVILA APULA TAPULA TALE MALEMANGAGAMANGA MANANA IMAMS VIDYA HUDUME HUHUME PURVAPRAHARE //

Ananda, dieses starke und kraftvolle geheime Mantra, das seit langer Zeit praktiziert wird, wurde von den perfekt und vollständig Erwachten, so gewordenen Arhats der Vergangenheit gelehrt. Es wird in der Zukunft von den vollkommen und vollständig erwachten Arhats der Vergangenheit gelehrt werden. Und so ist es auch in der Gegenwart, denn auch ich lehre es. Brahma, Herr der Saha-Welt, lehrt es. Shakra, der Herr der Götter, lehrt es auch. Die vier großen Könige lehren es auch. Die 28 großen Yaksha-Generäle lehren es auch. Und Hariti, mit ihren Kindern und ihrem Gefolge von Dienern, lehrt es auch.

Ananda, jeder Mönch, jede Nonne, jeder Laie und jede Laiin, die diese „Königin der Beschwörungen“, die „große Bewahrerin des Geheimen Mantras“, empfängt und es versteht, sieht oder ausführt, genau so, wie es gelehrt und gemeistert wurde, wird bewacht, geschützt, umsorgt und es wird ihm, ihr Frieden und Wohlergehen gebracht, so lange er oder sie lebt.

Ananda, durch den Befehl der vollkommen und vollständig erwachten, soeben erwachten Arhats der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, wird diese „Königin der Beschwörungen“, „die große Hüterin des Geheimen Mantras“, die Person, die so und so genannt wird, bewachen, beschützen, pflegen und ihr Frieden und Wohlergehen bringen. Sie wird eine Grenze bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite weiter östlich bilden. Genauso wird sie eine Grenze in Rufweite weiter westlich bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite im Süden bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite im Norden bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite in allen Haupt- und Zwischenrichtungen bilden.

TADYATHA SAMUCA VIMUCA PALAMUCA JAGADHARA MADASTHALA NALAKAMAGA SAMUHSHVAVATI VIMUKTI YOGA HINASAGAMA ARADAMULA VIHAMGAMI IDICIRI VITALAKHAYO MAKHAYO LAGABHIDHARANI PRATIPRAYOGI AHCAKRAPATI SAMASRAHVATI ILAYA MILAYA BAHUSADDHYA ANATAMA ARTHAVATI GARAVATI TIKHINITIVE AKANATI SAKANATI SAMIDIMA VASUVATE ATE ATE TATTA KHARUSMIN KHARUSMIN LAHATAM LAHUTAM SAMBHARA SAMBHARA VATIRANATAM NIRUTAM ILA TAILA SARAPHALA BAHUPHALA SATAMATA DAMSTRIMATA //

Ananda, es gibt vier, die auf und neben dem Pfad der vier großen Könige wohnen. Wer sind sie? Sie sind Swasitka, Vishvamitra, Purna und Shriharsa. Wer ihre Namen und ihre Familien kennt, wird nicht in Gefahr sein vor den großen Königen, noch wird er in Gefahr sein vor Räubern, Feuer, Wasser, Menschen oder nicht-menschlichen Wesen.

Ananda, Vajrapanis älterer Bruder namens Laghupani, wohnt in der Stadt, die als Cakravalapur bekannt ist. Wer seinen Namen und seine Familie kennt, wird von ihm bewacht, geschützt, versorgt, begnadigt und ihm Frieden und Wohlergehen gebracht.

Im Namen der Person, die so und so genannt wird, flehe ich Vajrapanis älteren Bruder Laghupani an und beschwöre ihn, Laghupani! Auf den Befehl der gesegneten Buddhas der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart werden alle Yakshas, Rakshasas, Pretas, Pisaci, Kumbhandas, Putanas und Kataputanas, die nach einer Gelegenheit suchen, der Person, die so und so genannt wird, zu schaden, keine solche Gelegenheit finden, noch werden sie in der Lage sein, mit ihm zu streiten!

Ananda, es gibt vierzehn große Rakshasis. Sie beschützten den Bodhisattva, während er im Schoß seiner Mutter war. Sie beschützten ihn auch während seiner Geburt, als Neugeborener und während er aufgezogen wurde. Wer sind die Rakshasis? Sie sind Bali, Vimala, Ghosa, Pramrud, Bhairavi, Dzambu Drin, Paramalabha, Prabhu, Kirti, Mädrag, Kalahapriya, Tsemo, Bhumidhara und Thabjug. Wer ihre Namen und Familien kennt, wird von ihnen bewacht, beschützt, umsorgt und ihnen Frieden und Wohlergehen gebracht!

Ananda, es gibt acht Rakshasis, die die Vitalität von Männern oder Frauen stehlen, egal ob sie schlafen oder nicht. Wer sind diese Rakshasis? Sie sind Rwa, Thubme, Ngänlob, Phramachän, Dränmo Marmo, Rabchen, Migzang und Jigje. Wer ihre Namen und Familien kennt, wird von ihnen bewacht, beschützt, umsorgt und ihnen Frieden und Wohlergehen gebracht!

Ananda, es gibt sieben Rakshasis, die bis zu hundert Meilen weit reisen, wenn sie den Geruch von Blut riechen. Wer sind diese sieben Rakshasis? Sie sind Ziji Chog, Gatseg, Natsog Jinbong, Dränmo Karmo Zang, Jugdö, Drongkhyer Khoryug und Risung. Wer ihre Namen und Familien kennt, der wird bewacht, beschützt, umsorgt, dem wird Frieden und Wohlergehen gebracht und von ihnen begnadigt!

Ananda, es gibt einen Rakshasi namens Mahakali mit eintausend Söhnen, der am Meeresufer lebt und 80.000 Meilen in einer einzigen Nacht reist. Wer ihren Namen und ihre Familie kennt, wird bewacht, beschützt, versorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und von ihr begnadigt!

Ananda, es gibt fünf Rakshasis, die, zusammen mit 7.700.000 Yakshas, die Menschen auf dem Jambu-Kontinent bewachen und beschützen. Wer sind diese fünf Rakshasis? Sie sind Tagtunyö, Jesunyö, Tobkyi Gyag, Ömebub und Jordän. Wer ihre Namen und Familien kennt, wird von ihnen bewacht, beschützt, umsorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt!

Darum flehe ich im Namen der Person, die so und so genannt wird, diese fünf Rakshasis an und bitte sie zusammen mit den 7.700.000 Yakshas um Verzeihung! Durch den Befehl der gesegneten Buddhas der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart möge die Person, die so und so genannt wird, bewacht, geschützt, versorgt, zu Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt werden!

TADYATHA VIMUDE VITIDE PICARITE PIGARITE KARATI KARAVIRA SWARI MADHURAGHOSE SHATAHANITA BHASITAGHE AKKE NAKKE VIKA DITA VIKUTITE VIRAJE VIGHASTAVATE //

Ananda, nirgendwo in den Welten der Götter, Dämonen, Brahmas, Bettelmönchen, Priestern, Menschen, kiṃnaras und Mahoragas habe ich jemanden gesehen – ob Mensch, nicht-menschlichem Wesen, Yaksha, Rakshasa, Asura, Gandharva, Naga, Garuda, Guhyaka, Preta, Pisaca, Vetala, Kakhorda, Krtya, Putana, Kataputana, Unmada oder Apasmara der, auf der Suche nach einer Gelegenheit zu verletzen und auf der Suche nach einem Konflikt, jemals in der Lage war, einer Person Schaden zuzufügen, die von dieser „Königin der Beschwörungen“, der „Großen Bewahrerin des Geheimen Mantras“, bewacht, abgeschirmt, beschützt, umsorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und von dieser Königin der Beschwörungen begnadigt wurde – es sei denn, die Reifung ihres Karmas schließt dies aus.

Deshalb werde ich auf den Befehl der gesegneten Buddhas der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart diese „Königin der Beschwörungen“, die Große Halterin des Geheimen Mantras“, benutzen, um die Person, die so und so genannt wird, vor Menschen, nicht-menschlichen Wesen, Yaksha, Rakshasa, Asura, Gandharva, Naga, Garuda, Guhyaka, Preta, Pisaca, Vetala, Kakhorda, Krtya, Putana, Kataputana, Unmada oder Apasmara zu schützen. Er wird geschützt, abgeschirmt, in Frieden und Wohlergehen gebracht, begnadigt und von ihrem Gift gereinigt werden.

„Diese Königin der Beschwörungen, „Große Bewahrerin des Geheimen Mantras“, wird all jene mit feindlichen Absichten, Böswilligkeit, Feindseligkeit und Wut berauschten bannen, sowie alle Dämonen, Fährtenwächter, Festungswächter und Zollbeamten berauschen, Lähmung und Betäubung verursachen und ihre Hände, Füße, ihren Verstand und ihre Zunge ergreifen. Durch diese „Königin der Beschwörungsformeln“, die „Große Bewahrerin des Geheimen Mantras“, wird die Person bei jeder einzelnen Gelegenheit entkommen.

„Oh Wunder! Brahmane! Ihr habt die Qualen überwunden, die Existenz innerhalb der Welt durchquert und schließlich, nach so langer Zeit, die Transzendenz allen Grolls und aller Angst gesehen!

„Geduld ist die höchste Askese; Geduld ist das höchste Nirvana – so verkündet der Buddha. Was die Ordinierten betrifft, die anderen schaden, so ist jemand, der anderen gegenüber gewalttätig ist, kein richtiger Entsagender.

„Auf der anderen Seite, so wie die Sehenden auch Fähigkeiten haben, vermeiden die Weisen in dieser Welt der Lebenden Missetaten.

„Allen Buddhas der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit erweise ich meine Ehrerbietung! Zu allen von ihnen nehme ich Zuflucht!

„Da es in der Welt die glückselig gewordenen Arhats sind, zu denen der Mond Zuflucht sucht, Buddhas, mit Mitgefühl für die Welt, befreit den Mond von Rahu!

„Rahu! Der Mond vertreibt die Dunkelheit. Er erleuchtet den Himmel und strahlt mit weißem und unberührtem Licht. Anstatt ihn am Himmel zu ergreifen, lasst sofort die Leuchte der Geschöpfe los!

„Dann plötzlich ließ Rahu mit zitterndem Körper und schweißgebadet wie ein Kranker plötzlich den Mond los.

„Rahu, warum hast du, zitternd und schweißgebadet wie ein Kranker, plötzlich den Mond losgelassen?

„Wenn beim Aussprechen dieser Verse des Buddha der Mond nicht losgelassen würde, würde mein Kopf in sieben Stücke zerbrechen, und selbst zu Lebzeiten wäre ich unglücklich.

„Oh Wunder! Erstaunlich ist das Auftauchen von Buddhas, die die Wahrheit sehen! Wenn man diese Verse rezitiert, Rahu wird den Mond freigeben.

„Durch solche Wahrheit und wahre Worte wie folgt: Einer, der für die in der Welt erscheinenden Wesen unvergesslich ist, ist ein ’so Vergangener‘; dass er spricht, indem er wahrhaftig spricht, bedeutet, dass er spricht, indem er zur rechten Zeit wahrhaftig spricht. Darüber hinaus, Ananda, wurden diese Verse vom „So-Gegangenen“ gesprochen, um bei der Beobachtung des reinen Verhaltens zu helfen. Und was noch wichtiger ist, Ananda, die folgenden Worte werden den Zweck sichern und weiterhelfen und erleichtern, welche Funktion auch immer diese Verse erfüllen sollen:

SYAD ATHEDANA SVASTI MATI VILUMATI PRAHARATI KASHUMADCHI NANDA MATI VIHAGRAHE VIDUMATI EDAKRTA ARTHA SUDRSHABUDDHI BODHIMATI SUHUDUME ALAKHUME ALAMITE HIGARASHARA ASHUHA PRAGASHINI //

Ananda, die zehn Samenwurzeln und die zehn Wurzelworte der Samen wurden vom So-Gegangenen gesprochen. Ananda, diese Worte werden von den So-Gegangenen gesprochen und von ihnen gelehrt werden; wenn also Menschen, die in dieser Lehre zuhause sind, sie aussprechen, werden Yakshas und Rakshasas für sie Aktivitäten wie Sklaven ausführen.

„Durch solche Wahrheit und wahre Worte wie folgt: Wahre Worte auf der irreversiblen Ebene werden als die ‚höchsten Worte der Welt‘ bezeichnet. Diejenigen, die von allen Entsagenden „die freudigsten Entsagenden“ sind, die vollkommen und vollständig erwachten, soeben erwachten Arhats, die weder Angst noch Schrecken haben, die weder kauern noch fliehen, denen es an Furcht mangelt, und die, nachdem sie die Angst und ihren Antrieb aufgegeben haben, als „frei von allem, was einen in haarsträubender Panik aufschreien lässt“ bezeichnet werden – das ist gemeint mit „diejenigen, die sprechen, indem sie wahrhaftig sprechen, diejenigen, die sprechen, indem sie zur rechten Zeit wahrhaftig sprechen“. Möge die Person, die so und so genannt wird, durch ihre Wahrheit und diese wahren Worte Wohlbefinden erfahren!
„Durch solche Wahrheit und wahre Worte wie folgt: Von allen, die sich an ethische Disziplin, kontrolliertes Verhalten, Strenge oder reines Verhalten halten, mögen diejenigen, die als „die Höchsten in der Disziplin, die den Edlen gefällt“, bekannt sind – durch ihre Wahrheit und ihre wahren Worte, möge die Person, die so und so genannt wird, Wohlergehen haben!

„Von den Ältesten ist Ajnatakauṇḍinya, wie der Älteste der Söhne eines Königs, an erster Stelle unter denjenigen, die reines Verhalten praktizieren, seit seiner Ordination schon lange verstorben; Mahakasyapa, an erster Stelle unter denjenigen, die nur wenige Wünsche haben, die an den Qualitäten aus dem Training festhalten und zufrieden sind; Sharadvatiputra, überragend unter denjenigen mit großer Weisheit und Beredsamkeit; Mahamaudgalyayayana, überragend unter denjenigen mit großen Wunderkräften und großen magischen Fähigkeiten; Aniruddha, überragend unter denjenigen mit dem göttlichen Auge; Ananda, überragend unter den Gelehrten; Upālī, überragend unter den Inhabern von Disziplin; Purnamaitrayaniputra, überragend unter den Dharma-Predigern; Rahula, überragend unter denen, die Respekt vor den Schulungen haben; Vasumallaputra, überragend unter denen, die Bettzeug und Kissen verteilen; Piṇḍola Bharadvaja, überragend unter denen, die das Brüllen des Löwen verkünden; Kalodayin, Oberster unter denjenigen, die die Haushälter inspirieren; und Sudarshana, Oberster unter denjenigen, die von Göttern und Menschen verehrt werden – durch die Wahrheit und die wahren Worte dieser Ältesten möge die Person, die so und so genannt wird, bewacht, geschützt, umsorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt werden. Er soll vor Königen, Ministern, Räubern, Feuer, Wasser, Feinden und Gegnern geschützt werden, und wenn er auf Reisen ist, verloren geht, schläft, betrunken oder unvorsichtig ist!
„Durch solche Wahrheit und wahren Worte, wie folgt: Unter allen möglichen Wesen – denjenigen ohne Füße, mit zwei Füßen, mit vier Füßen oder mit vielen Füßen; denjenigen mit Form oder ohne Form; denjenigen mit Wahrnehmung, ohne Wahrnehmung oder weder mit noch ohne Wahrnehmung – wird der ‚So-Gegangene‘ als ‚Höchster‘ bezeichnet. Durch seine Wahrheit und seine wahren Worte möge die Person, die so und so genannt wird, bewacht, geschützt, umsorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt werden!
„Durch solche Wahrheit und wahren Worte wie folgt: Im gesamten Bereich der bedingten und unbedingten Phänomene wird die Freiheit von Anhaftung als ‚erhaben‘ bezeichnet. Durch diese Wahrheit und diese wahren Worte möge die Person, die so und so genannt wird, bewacht, geschützt, umarmt, in Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt werden.
„Durch diese Wahrheit und diese wahren Worte wie folgt: Von allen Arten von Versammlungen, Zusammenkünften, Scharen und Gefolgsleuten wird die Sangha der Shravakas des Darüberhinausgegangenen als ‚höchste‘ bezeichnet. Durch ihre Wahrheit und ihre wahren Worte mögen Länder, Regionen, Städte, Ortschaften, Dörfer, Häuser, Wohnorte, Felder und dieser kranke Patient bewacht, geschützt, versorgt und zu Frieden und Wohlergehen gebracht werden. Es werden Grenzen um sie herum gebildet werden. Alle Bhutas werden zurückgedrängt werden. Diejenigen, die Vitalität stehlen, werden zurückgeschickt.

„Durch solche Wahrheit und wahren Worte wie folgt: Ich – ein gesegneter, vollkommen und vollständig erwachter, so gewordener Arhat – kann die Anhaftung, den Zorn und die Unwissenheit dieser Person beenden, durch die Wahrheit und wahren Worte der Lehre, durch Erklärung und Verkündigung der 84.000 Abschnitte der Lehren; mögen die 404 Krankheiten der Person, die so und so genannt wird, ein Ende haben! Mögen sie beseitigt werden! Mögen sie aufhören! Mögen sie gänzlich getilgt sein!“

Als der Gesegnete gesprochen hatte, freute sich die Welt, einschließlich des ehrwürdigen Ananda, Brahma, des Meisters der Welt Saha, und alle Götter, Menschen, Asuras und Gandharvas, und priesen das, was der Gesegnete gesagt hatte.

Dies vervollständigt die Lehrrede von der „Großen Unterstützerin des Geheimen Mantras“.


Kolophon:

Ins Englische übersetzt vom Dharmachakra-Übersetzungskomitee unter der Leitung von Chökyi Nyima Rinpoche. Die Übersetzung wurde von James Gentry produziert, der auch die Einführung schrieb. Andreas Doctor verglich die Übersetzung mit dem tibetischen Original und redigierte den Text. Wiesiek Mical trug zur Analyse des Titels in seinem textgeschichtlichen Kontext bei.

Diese Übersetzung wurde unter der Schirmherrschaft und Aufsicht von 84000: Übersetzung der Worte des Buddha abgeschlossen.


Deutsche Fassung auszugsweise entnommen aus dem „Großen Unterstützer des Geheimen Mantras“ (Mahamantranudharini Sutra); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein! Diese ausführlichere deutsche Fassung wurde editiert von Shenpen Dong Druk (Marcus Dannfeld M.A., 2020). Mögen alle Krankheiten, Hinderer und feindseligen Verursacher gebannt sein! Möge sich umfassender Schutz und Frieden und Wohlergehen zusammen mit den lehren des Sogegangenen ausbreiten und vermehren und beständig bleiben!


Hintergrund und Kommentar zum Mahamantranudharini Sutra

(aus 84000: Übersetzung der Worte des Buddha):

„Große Unterstützerin des geheimen Mantras“ ist einer von fünf Texten, die zusammen die Pancaraksha-Schriftsammlung bilden, die seit Jahrhunderten als wichtige Facette des traditionellen Ansatzes des Mahayana-Vajrayana-Buddhismus für persönliche und gemeinschaftliche Unglücksfälle aller Art bekannt ist. Es befasst sich mit einer Reihe menschlicher Beschwerden sowie mit Unglücksfällen wie Raub, Naturkatastrophen und strafrechtlicher Bestrafung, die vor allem durch die Feindseligkeit nichtmenschlicher Geistwesen hervorgerufen werden sollen. Das Sutra legt die Anrufung dieser geistigen Wesenheiten fest, die es in hierarchisch geordnete Gruppen aufteilt und somit dem Befehl des Buddha und der Mitglieder seiner Sangha unterordnet.

„Der große Unterstützer des geheimen Mantras“ wurde irgendwann im frühen neunten Jahrhundert von einem Übersetzungsteam, zu dem der Übersetzer und Herausgeber Bande Yeshe De (ca. Ende des 8. bis Anfang des 9. Jahrhunderts) und die indischen Gelehrten Silendrabodhi, Jnanasiddhi und Shakyaprabha gehörten, unter tibetischer kaiserlicher Schirmherrschaft ins Tibetische übersetzt . Das Sutra verspricht Schutz vor einer Reihe von Bedrohungen, von Krankheiten, Naturkatastrophen und Gefahren auf Reisen bis hin zu Kriegsführung, körperlicher Bestrafung und Diebstahl. Dieser Text umrahmt all diese Gefahren als aus der Feindseligkeit und dem schlechten Willen von Menschen und Geistern stammend. Das Hauptaugenmerk liegt auf Bedrohungen durch die launische Geisterwelt der „nicht-menschliche Wesen“ (mi ma yin), die sich von der Lebenskraft, Vitalität, dem Fleisch und dem Blut der Menschen ernähren. Die negativen Auswirkungen dieser Nicht-Menschen erstrecken sich über den Einzelnen hinaus und umfassen Häuser, Dörfer, Städte, Regionen und ganze Länder. Der Text behauptet, wirksam zu sein, indem eine „Grenze“ um die schutzbedürftigen Personen gezogen oder abgegrenzt, von der Schadensquelle abgeschottet und dadurch die Gesundheit und der innere Zusammenhalt wiederhergestellt werden. Durch „Empfangen, Halten, Rezitieren, Predigen und Beherrschen“ dieser Schriftstelle wird eine solche Schutzgrenze gebildet.

Die Erzählung des Sutra beginnt mit einem Austausch zwischen dem Buddha und dem Gott Brahma. Brahma besucht zusammen mit seinem göttlichen Gefolge den Erhabenen in der Jetavana-Einsiedelei und bittet ihn, den gesamten Trichiliokosmos von tausend Millionen Welten wie den Gott zu „beschützen, zu beschützen, zu pflegen und Frieden und Wohlbefinden zu bringen“ selbst tut für den Chiliokosmos von tausend Welten unter seiner Obhut. Der Buddha stimmt seiner Bitte zu, indem er schweigt. Anschließend lehrt er die Dharani-Formeln der Schrift und lobt ihre vielen Vorteile. Ähnlich wie im Mahamayurividyarajni, aber mit weniger Ausarbeitung, schreibt der Buddha die Anrufung mit Namen der Geister vor, die für persönliches und gemeinschaftliches Unglück verantwortlich sind. Diese Litaneien, die der Buddha basierend auf den Orten und Aktivitäten dieser Wesen in Gruppen aufteilt, ordnen die Geister hierarchisch so an, dass sie alle dem Befehl des Buddha und dem Befehl seiner Sangha untergeordnet sind. Der Buddha erklärt, dass nur das „Aufrechterhalten“ oder Intonieren dieser Namen zusammen mit der Mantra-Formel, die jeder Gruppe beiliegt, sie dazu drängt, den Mitgliedern der Sangha zu gehorchen, damit sie keinen Schaden anrichten und stattdessen den pragmatischen Bedürfnissen der Sangha und der umliegenden Laiengemeinschaften dienen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. Dezember 2020

Nangjang – Erklärung der Einleitung

Das Werk von Dudjom Lingpa „Buddhaschaft ohne Meditation“: Ratschläge zur Enthüllung des eigenen Antlitzes als die Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit“, ist eine der wesentlichen Dzogchen-Schriften, welche in vier Abschnitten folgende Themen aufzeigen:

(1) die Bestimmung des Grundes durch die Sichtweise, (2) die Praxis durch die Kultivierung des Pfades, (3) die Belehrungen über das Verhalten, das die Stütze für diese beiden ist, und (4) die Art und Weise, wie die Frucht verwirklicht wird.

aus der Einleitung: Eine Girlande zur Freude der Glücklichen; von Sera Khandro.

Da wir uns im kommenden Jahr 100 Tage lang diesem Werk widmen werden, gibt es hier eine kurze Einführung durch den Kommentar der Sera Khandro.


3. Die Erklärung der Einleitung

In der Erklärung der Einleitung gibt es vier Teile: (a) Individuen, denen die Bereitschaft für den Pfad fehlt, (b) Individuen, die den Pfad nicht suchen, (c) Individuen, die den Pfad suchen, ihn aber nicht finden, und (d) Individuen, die eine Veranlagung für den Pfad haben.

a. Individuen, denen die Bereitschaft für den Weg fehlt

Heutzutage, wo die fünf Arten des Verfalls auf dem Vormarsch sind, aufgrund der ungehobelten Natur der fühlenden Wesen und ihres mächtigen, negativen Karmas, klammert sich jeder von ihnen an dieses Leben – das nicht mehr als eine Episode in einem Traum ist – und schmiedet langfristige Pläne für ein Leben auf unbestimmte Zeit und zeigt keine Sorge für sinnvolle Beschäftigungen, die sich auf zukünftige Lebenszeiten beziehen. Deshalb erscheinen diejenigen, die nach den Zuständen der Befreiung und Allwissenheit streben, nicht öfter als Sterne am Tage.

Man sagt, dass die fünf Arten des Verfalls die Verschlimmerung von geistigen Gebrechen, Ansichten, Epochen, Lebensspanne und fühlenden Wesen sind. Im vergangenen Zeitalter der Vollkommenheit,[1] waren die geistigen Beschwerden schwach und die fünf Gifte schlummerten. In unserer gegenwärtigen Epoche benehmen sich die Menschen jedoch mit groben psychischen Störungen und die fünf Gifte sind unruhig, also ist dies die Verschlimmerung der psychischen Störungen. Im vergangenen glücklichen Zeitalter[2] hatte ausnahmslos jeder authentische Ansichten, die die Extreme des Ewigen und des Nihilismus vermieden. Heutzutage jedoch fallen die Menschen entweder in die Extreme des Ewigkeitsdenkens oder in die Extreme des Nichtigkeitsglaubens, und niemand vermeidet diese beiden Extreme, also ist dies der Verfall der Ansichten. Früher, im glücklichen Zeitalter, gab es nicht einmal Worte für Aufruhr, Krankheit, Krieg, Hungersnot und so weiter. Aber im heutigen Zeitalter gibt es immer mehr Aufruhr, Krankheit, Krieg, Hungersnot und so weiter, deshalb ist das die Degeneration des Zeitalters. Im vergangenen glücklichen Zeitalter konnte jeder unzählige Jahre oder achtzigtausend Jahre leben. Aber in der jetzigen Ära sind die Menschen im Alter von zwanzig Jahren erschöpft und nähern sich dem Tod um dreißig Jahre, deshalb ist das die Verkümmerung der Lebensspanne. Im früheren glücklichen Zeitalter, als die fühlenden Wesen einander sahen, sahen sie einander mit lächelnden Augen an, grüßten einander mit freundlichen Worten und kümmerten sich uneigennützig um einander. Heutzutage, wenn die fühlenden Wesen einander sehen, betrachten sie sich alle als Feinde, verhöhnen einander mit harten Worten und bereiten sich darauf vor, sich gegenseitig zu schlagen und zu töten, deshalb ist dies der Niedergang der fühlenden Wesen.

In dieser Epoche, in der die fünf Arten der Degeneration auf dem Vormarsch sind, klammert sich jeder an dieses menschliche Leben, das nicht mehr als eine Episode in einem Traum ist, und hängt daran, macht langfristige Pläne für ein Leben auf unbestimmte Zeit, unterwirft seine Feinde, beschützt seine Freunde, errichtet Gebäude, pflügt Felder und Bauernhöfe und vermehrt seinen Reichtum, um seinen Besitz und sein Vergnügen zu vergrößern. In der Zwischenzeit kümmert sich niemand um sinnvolle Beschäftigungen, die sich auf zukünftige Lebenszeiten beziehen. Aus diesen Gründen heißt es, dass Menschen, die nach den Zuständen der Befreiung und Allwissenheit streben, seltener gesehen werden als Sterne am Tage. Dies sind Individuen, denen die Neigung für den Pfad fehlt.

b. Personen, die den Pfad nicht suchen

Obwohl manche Menschen den Tod vor Augen haben und enthusiastisch Dharma praktizieren, lassen sie ihr Leben verstreichen, indem sie sich lediglich mit verbalen und physischen spirituellen Praktiken beschäftigen und nach höheren Wiedergeburten als Götter und Menschen streben.

Selbst wenn Menschen den Tod im Sinn haben und enthusiastisch Dharma praktizieren, lassen sie ihr Leben verstreichen, indem sie sich lediglich mit spirituellen Praktiken wie körperlichen Niederwerfungen und Umkreisungen, verbalen Rezitationen von Liturgien und der geistigen Kultivierung guter Geisteshaltungen beschäftigen, und streben nach nichts weiter als nach höheren Wiedergeburten als Götter und Menschen, ohne dass irgendjemand von ihnen den allwissenden Zustand der Buddhaschaft anstrebt. Dies sind Individuen, die den Pfad nicht suchen.

c. Personen, die den Pfad suchen, ihn aber nicht finden

Einige, obwohl sie nicht das geringste Verständnis für die Sichtweise der Leerheit haben, erkennen ihren eigenen Geist als leer an, identifizieren lediglich die Natur der diskursiven Gedanken oder des inaktiven Bewusstseins und bleiben dann passiv in diesem Zustand. Infolgedessen werden sie einfach in Wiedergeburten als Götter in den Begierdebereichen und Formbereichen getrieben, ohne dem Pfad zur Allwissenheit auch nur um Haaresbreite näher zu kommen.

Einige, denen das geringste Verständnis für die Sichtweise der Leerheit fehlt, stellen, wenn sie die äußere physische Welt, ihre fühlenden Bewohner und ihre eigenen inneren Körper als ethisch neutral wahrnehmen, nur ihren eigenen Geist als leer fest. Dann nehmen sie entweder Gedanken als den Pfad an oder werden von irgendeinem törichten Lehrer lediglich in die Natur des inaktiven Bewusstseins eingeführt und ruhen dann in diesem Zustand, während sie in Bezug auf die neun Arten von Aktivität des Körpers, der Sprache und des Geistes völlig passiv bleiben.[3] Wenn sie im Nichtstun verweilen, treibt sie die Erfahrung der Glückseligkeit in den Bereich der Begierde, die Erfahrung der Lichtheit treibt sie in den Bereich der Form oder die Erfahrung der Nicht-Begrifflichkeit treibt sie in den Bereich des Formlosen. Wenn dies geschieht und sie es für den Höhepunkt der Meditation halten und darauf vertrauen, ist das Ergebnis, dass sie lediglich in Wiedergeburten als Götter der Begierde- und Formbereiche befördert werden, ohne dem Pfad zur Allwissenheit auch nur eine Haaresbreite näher zu kommen. Das sind Individuen, die den Pfad suchen, ihn aber nicht finden.

d. Individuen, die eine Veranlagung für den Pfad haben

Wenn es also einige wenige Individuen gibt, die im Laufe zahlloser Äonen gewaltige Ansammlungen [von Verdienst und Wissen] angehäuft, sie mit feinen Gebeten verbunden und eine karmische Verbindung mit dem letztendlichen Dharma hergestellt haben, habe ich ihnen dies als Erbe geschenkt. Diejenigen, die keine karmische Verbindung mit mir haben und denen das besondere Glück fehlt, den Dharma der Großen Vollkommenheit zu meistern, werden sich entweder auf Projektion oder Leugnung bezüglich dieser Lehre einlassen und dadurch ihren eigenen Geist in die Wildnis verbannen. Ihr, die ihr nicht so seid und deren Glück dem meinen gleicht, beachtet diesen Rat – und erkennt durch Untersuchung, Analyse und Gewöhnung Samsara und Nirvana als große Leerheit und realisiert ihre Natur.

Aus diesem Grund habe ich, Kunzang Düdjom Dorje, als Unterhalt und Erbe für jene wenigen Individuen, die im Laufe unzähliger Zeitalter gewaltige Ansammlungen [von Verdiensten und Wissen] angehäuft, sie mit feinen Gebeten verbunden und eine karmische Verbindung mit dem letztendlichen Dharma hergestellt haben, dies offenbart. Diejenigen, die keine karmische Verbindung mit mir haben und denen das Karma und das Glück fehlt, den Dharma der Großen Vollkommenheit zu meistern, mögen Fehler projizieren, wo es keine Fehler in dieser Lehre gibt, und mögen gute Qualitäten leugnen, die es gibt. Solche Menschen verbannen ihren eigenen Geist in die Wildnis, weit weg von diesem hellen Dharma der Großen Vollkommenheit. Ihr Menschen, die ihr nicht so seid und deren Glück dem meinen gleicht, indem ihr zuerst diesen Ratschlag beachtet, ihn dann untersucht und analysiert und euch schließlich mit ihm vertraut macht, erkennt die Natur der einen großen Leerheit aller Phänomene von Samsara und Nirvana, und erkennt sie als Erscheinungsformen der einen großen Leerheit und als die Sphäre der einen großen Leerheit. Erkenne ihre Natur! So wird es gesagt. Damit ist die tugendhafte Einführung abgeschlossen.


[1] Dies war das erste Zeitalter, in dem die Menschen in der Lage waren, die vier Wurzelgebote in Vollständigkeit zu halten.

[2] Dies ist das Zeitalter, in dem eintausend Buddhas erscheinen.

[3] Tib. bya ba dgu sprugs. Zu den neun Arten von Aktivität gehören die (1) äußeren Aktivitäten des Körpers, wie Gehen, Sitzen und Umhergehen, die (2) inneren Aktivitäten der Niederwerfungen und Umkreisungen und die (3) geheimen Aktivitäten des rituellen Tanzes, des Durchführens von Mudras und so weiter; die (4) äußeren Aktivitäten der Rede, wie alle Arten von wahnhaftem Geschwätz, die (5) inneren Aktivitäten, wie das Rezitieren von Liturgien, und die (6) geheimen Aktivitäten, wie das Zählen von Versöhnungsmantras der persönlichen Gottheit; und die (7) äußeren Aktivitäten des Geistes, wie Gedanken, die durch die fünf Gifte und die drei Gifte hervorgerufen werden, (8) innere Aktivitäten der Geistesschulung und der Kultivierung positiver Gedanken, und (9) die geheime Aktivität des Verweilens in weltlichen Zuständen der Versenkung. Siehe GD 297.


Aus „Eine Girlande zur Freude der Glücklichen. Eine überaus klare Erläuterung der Worte und ihrer Bedeutung: Eine Erklärung der mündlichen Überlieferung des glorreichen Gurus, als Anmerkungen zur Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit, „Buddhaschaft ohne Meditation‘.“ von Sera Khandro. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Dezember 2020

Nangjang – die Huldigung

Das Werk von Dudjom Lingpa „Buddhaschaft ohne Meditation“: Ratschläge zur Enthüllung des eigenen Antlitzes als die Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit“, ist eine der wesentlichen Dzogchen-Schriften, welche in vier Abschnitten folgende Themen aufzeigen:

(1) die Bestimmung des Grundes durch die Sichtweise, (2) die Praxis durch die Kultivierung des Pfades, (3) die Belehrungen über das Verhalten, das die Stütze für diese beiden ist, und (4) die Art und Weise, wie die Frucht verwirklicht wird.

aus der Einleitung: Eine Girlande zur Freude der Glücklichen; von Sera Khandro.

Da wir uns im kommenden Jahr 100 Tage lang diesem Werk widmen werden, gibt es hier eine kurze Einführung durch den Kommentar der Sera Khandro.


2. Die Huldigung

Mit unerschütterlichem Glauben huldige ich dem allgegenwärtigen Herrscher und ursprünglichen Beschützer, der Darstellung der höchsten Städte der Erscheinungen des ursprünglichen Bewusstseins.

Der Dharmakaya, der Sugatagarbha, durchdringt alle Wesen, vom Dharmakaya, Samantabhadra, bis hinunter zum Geistesstrom eines Blutegels. So wie ein Sesamkorn mit Öl gesättigt ist, ist er allgegenwärtig. Wenn ihr euch fragt, wer dieser allgegenwärtige Herrscher ist, er ist der Dharmakaya , Samantabhadra, also ist er der Herrscher. Er entsteht nicht durch frische Ursachen und neue Zustände, sondern er entsteht von alters her aus sich selbst heraus, also ist er Ursprünglich. Er ist ein Beschützer, weil er der Beschützer und Verteidiger sowohl der weltlichen Existenz als auch von Nirvana ist. Er [manifestiert sich als] Erscheinungen des ursprünglichen Bewusstseins, weil er als die fünf Kayas und die fünf Buddha-Familien aus den kausalen fünf Facetten des ursprünglichen Bewusstseins hervorgeht. Das Buddhafeld der Buddha-Familie entspringt dem kausalen Urbewusstsein des absoluten Raumes der Phänomene. Dies gilt ebenso für die [Buddhafelder der] Vajra-, Juwelen-, Lotus- und Karma-Familien, die aus dem spiegelgleichen ursprünglichen Bewusstsein, dem ursprünglichen Bewusstsein der Gleichheit, dem unterscheidenden ursprünglichen Bewusstsein, dem ursprünglichen Bewusstsein der Vollendung und so weiter entstehen. All diese Erscheinungsäußerungen sind Darstellungen in der Weite der letztendlichen Wirklichkeit des Geistes des Dharmakaya, Samantabhadra, sie sind also eine Zurschaustellung.

Was den Begriff Stadt anbelangt, nimmt man die Analogie der menschlichen Städte in dieser Welt, wie Peking in China und Regionen wie Kapilavastu und Varanasi in Indien. Eine Stadt wird so genannt, weil sie ein Treffpunkt für achtzehn Arten von Handwerkern und für einen kontinuierlichen Strom von Händlern und Reisenden ist, die kommen und gehen. Was die reinen Städte der Gottheiten betrifft, die so unvorstellbar zahlreich sind wie die Sandkörner des Ganges, so befindet sich in der zentralen Region das Buddhafeld der Buddha-Familie. Im Osten befindet sich das Buddhafeld der Vajra-Familie, im Süden das Buddhafeld der Ratna-Familie, im Westen das Buddhafeld der Padma-Familie und im Norden das Buddhafeld der Karma-Familie. Alle diese sind die obersten und einzigen unter allen Städten, deshalb sind sie die erhabensten Städte.

Sogar Devas und Maras können die Sugatagarbha nicht von den Geistesströmen der Menschen trennen, die Vertrauen und Ehrfurcht vor ihr haben, deshalb ist sie unerschütterlich. Unter den drei Arten des Vertrauens – das bewundernde Vertrauen, das schützende Vertrauen und das unumkehrbare Vertrauen – ist dies das Vertrauen, das alle drei verbindet. Oder man nennt es unumkehrbares Vertrauen in Bezug auf euren erworbenen Glauben, dass ihr nicht mehr in Samsara zurückkehren werdet, wenn ihr das Vertrauen in das ursprüngliche Gewahrsein, den Dharmakaya, den Sugatagarbha, identifiziert und gewonnen habt.

Die Huldigung wird mit diesem Vertrauen ausgesprochen, und in dieser Hinsicht gibt es die vornehmste Huldigung der Begegnung mit der Sicht, die mittlere Huldigung der Gewöhnung durch Meditation und die niedrigere Huldigung, die von den drei Anerkennungen durchdrungen ist.[1] Die vornehmste Huldigung der Begegnung mit der Sicht beinhaltet gleichzeitig Verwunderung, Glaube und Verständnis bezüglich deiner eigenen Sicht. Was ist das? Verwunderung ist das unveränderliche, nicht begriffliche ursprüngliche Bewusstsein des absoluten Raumes der essentiellen Natur der Realität; Glaube ist die Synthese und Vollkommenheit all der nicht zusammengesetzten, spontan verwirklichten Qualitäten der Kayas, Facetten des ursprünglichen Bewusstseins, des Pfades und seiner Verwirklichung im Mandala des ursprünglichen Gewahrseins, Bodhicitta; und aufgrund deines Vertrauens in die Offenbarung des absoluten Raumes der Gleichheit der drei Kayas, gibt es Verständnis für das Fehlen auch nur des geringsten Interesses, anderswo nach Ergebnissen zu suchen. Kurz gesagt, ich huldige mit Worten der Ehrerbietung für die Demonstrationen der Reinheit und Gleichheit von Samsara und Nirvana.


[1] Die drei Erkennungen können auf verschiedene Weise interpretiert werden, z.B. das Erkennen aller Formen als der Nirmaṇakaya, aller Klänge als der Sambhogakaya und aller Gedanken als das Dharmakaya.


Aus „Eine Girlande zur Freude der Glücklichen. Eine überaus klare Erläuterung der Worte und ihrer Bedeutung: Eine Erklärung der mündlichen Überlieferung des glorreichen Gurus, als Anmerkungen zur Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit, „Buddhaschaft ohne Meditation‘.“ von Sera Khandro. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Bleibt dran, der dritte Teil folgt.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. Dezember 2020

Nangjang – Titel „Buddhaschaft ohne Meditation“

Das Werk von Dudjom Lingpa „Buddhaschaft ohne Meditation“: Ratschläge zur Enthüllung des eigenen Antlitzes als die Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit“, ist eine der wesentlichen Dzogchen-Schriften, welche in vier Abschnitten folgende Themen aufzeigen:

(1) die Bestimmung des Grundes durch die Sichtweise, (2) die Praxis durch die Kultivierung des Pfades, (3) die Belehrungen über das Verhalten, das die Stütze für diese beiden ist, und (4) die Art und Weise, wie die Frucht verwirklicht wird.

aus der Einleitung: Eine Girlande zur Freude der Glücklichen; von Sera Khandro.

Da wir uns im kommenden Jahr 100 Tage lang diesem Werk widmen werden, gibt es hier eine kurze Einführung durch den Kommentar der Sera Khandro.


In diesem Abschnitt gibt es drei Teile: (1) die Bedeutung des Titels, (2) die Huldigung und (3) die Erklärung der Einleitung.

1. Die Bedeutung des Titels

„Buddhaschaft ohne Meditation“: Ratschläge zur Enthüllung des eigenen Antlitzes als die Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit“, wird hier dargelegt.

Nangjang – Buddhaschaft ohne Meditation

Die Natur der Erde [des Elements] ist Leerheit, und die Leerheit erscheint als die Erde [das Element]. Dies gilt auch für die [Elemente] Wasser, Feuer, Luft und so weiter. Die Natur der äußeren Erscheinungen der physischen Welt ist Leerheit, und Leerheit erscheint als die physische Welt. Die Natur der inneren, belebten fühlenden Wesen, die die physische Welt bewohnen, ist Leerheit, und Leerheit erscheint als die fühlenden Bewohner dieser Welt. Die Natur der fünf Sinnesobjekte ist Leerheit, und Leerheit erscheint als die fünf Sinnesobjekte. Da also die Natur aller Phänomene Leerheit ist, ist dies die Natur der Wirklichkeit.

Der Grund ist Vollkommenheit, weil er die Phänomene von Samsara, einschließlich der Aggregate, Elemente und Sinnesgrundlagen, vervollkommnet. Der Pfad ist Vollkommenheit, weil er die verschiedenen Yanas vervollkommnet, einschließlich der unvorstellbaren Zugangsmöglichkeiten zum Pfad und der daraus resultierenden Errungenschaften. Der Dharma ist Vollkommenheit, weil er ursprünglich als die große Natur der fünfundzwanzig resultierenden Dharmas der Kayas, der Facetten des Urbewusstseins und so weiter, gegenwärtig ist. Kurz gesagt, dies ist Vollkommenheit, denn sie vervollkommnet die neun Stufen der Yanas, zusammen mit ihren Ergebnissen.

Es ist großartig, weil es alle Yanas zusammenfasst, ihre Bedeutung vereinheitlicht und ihre Essenz zusammenfasst.

Dies ist ein Ratschlag zur Enthüllung des eigenen Angesichts, denn dies ist eine tiefgründige Methode oder ein Pfad, um das ursprüngliche Gewahrsein, das im Grund Dharmakaya vorhanden ist, als dein eigenes nicht manifestiertes Gesicht von Samantabhadra zu offenbaren.

Dies geschieht ohne Meditation, denn ursprüngliches Gewahrsein identifiziert sich in sich selbst als die Natur der Existenz dieses Soseins, es ist entschieden festgelegt, der Grund wird von sich selbst getragen, innewohnendes Vertrauen und Befreiung fließen direkt aus ihm heraus, und du bist eindeutig mit deiner wahren Natur vereint, ohne auch nur das geringste bisschen Meditation über irgendetwas anderes.

Das ist Buddhaschaft, denn sie erweckt dich aus einem Zustand der Unwissenheit wie dem des Tiefschlafs und erfüllt alle Facetten des ursprünglichen Bewusstseins und der erhabenen Qualitäten.

Dies wird hier dargelegt, was darauf hinweist, dass dieser außerordentliche Rat hier vorliegt.

Der Zweck [des Titels] besteht darin, dass Menschen mit höheren Fähigkeiten die zusammengefasste Bedeutung des Textes von Anfang bis Ende ausloten können; Menschen mit mittleren Fähigkeiten können wissen, wohin dies in Bezug auf das Hinayana und Mahayana gehört, wie die Bezeichnungen von Soldaten, die für den Krieg trainieren, und Bogenschützen, die im Bogenschießen trainieren; und selbst Menschen mit niedrigeren Fähigkeiten können leicht den Weg zu diesem Band finden, wie das Anbringen eines Namens auf einem Medikamentenglas. Im Lankavatara Sutra heißt es:

Wenn keine Namen genannt werden,[1] wären alle verwirrt. Deshalb hat der Beschützer, durch geschickte Mittel, Namen auf Phänomene anwendet.

Lankavatara Sutra


[1] Änderung von ming du gdags par mdzad na („sind bezeichnet“) in ming du gdags par ma mdzad na („sind nicht bezeichnet“).


Aus „Eine Girlande zur Freude der Glücklichen. Eine überaus klare Erläuterung der Worte und ihrer Bedeutung: Eine Erklärung der mündlichen Überlieferung des glorreichen Gurus, als Anmerkungen zur Natur der Wirklichkeit, der großen Vollkommenheit, „Buddhaschaft ohne Meditation‘.“ von Sera Khandro. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Im zweiten Teil folgt die Erklärung der Huldigung. Bleibt dran!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Dezember 2020

Dudjom Lingpa – Leben und Befreiung des großen Tertön

Ein Gebet an das Lebensbeispiel der Befreiung des großen, ausgestrahlten Schatzfinders Thragthung Düdjom Lingpa, genannt „Der Wagen der Hingabe“ ist hierin enthalten.

Padmasambhava, die Verkörperung aller Siegreichen, erschien in diesen degenerierten Zeiten in der Gestalt eines großen, die Wesen zähmenden Menschen. Oh Herrscher über hundert Buddha-Familien, großer Dharma-König der Schatzfinder – zu Füßen von Düdjom Lingpa bete ich.

Obwohl Ihr vor anfangsloser Zeit die Verbindung mit gekünstelten Merkmalen und Anhaften völlig aufgabt und an den eigentlichen Nektar der Stille gelangtet, oh unendliche Wolke der magischen Manifestationen der vier Arten des Zähmens – zu Euch, der sich an den hunderten Tänzen der magischen Manifestation erfreut, bete ich.

Besonders während dieser Zeit der Lehre des vierten Führers, habt Ihr als Halter des Lebensbeispiel der Befreiung der erleuchteten Aktivität des zweiten Lehrers in Indien und Tibet als Arhats, Vidyadharas, Pandits und vollendete Meister gewirkt – zu Eurer herrlichen Girlande der Wiedergeburten bete ich.

Während dieser Zeit des Niedergangs habt Ihr durch den Vajra-Befehl des allwissenden Meisters der drei Zeiten und durch die Kraft, als sein oberster Regent inthronisiert worden zu sein, aus dem reinen Land des Lotus-Lichts bewusst bedingte Existenz angenommen – zu Euch bete ich.

In Tibets goldenem Tal von Amdo, dem Land der Heilkräuter, an dem außergewöhnlichen Ort, der von den Arya-Bodhisattvas gesegnet wurde, im Nub-Klan mit einem Erbe ungeheurer Gelehrter und Meister der Praxis – zu Euch, bewusst in dieser vollkommen reinen Linie wiedergeboren, bete ich.

Als Ihr in den Schoß Eurer außergewöhnlichen Mutter eintratet, begleiteten Euch ehrfurchtsvoll Dakas und Dakinis – zu Euch, der Körper und Geist Eures Vaters und Eurer Mutter mit vielen erstaunlichen Zeichen der Tugend segnete, bete ich.

Im Jahr des Schafes, in der Nacht des zehnten Tages des Wundermonats, erblühte bei der Geburt der Lotus Eures erlesenen Körpers der Zeichen und Merkmale – zu Euch, erschienen inmitten grenzenlos erhabener Zeichen wie Regenbogenzelten und Regenschauern von Blumen, bete ich.

Zu dieser Zeit lobten viele hochverwirklichte Führer Euch als einen unübertroffenen Nirmanakaya. Dazu bestimmt, ein großes Wesen zu sein, das grenzenlosen Nutzen zum Wohle anderer erbringt – zu Euch, der diese untrüglichen Vorhersagen erhalten hatte, bete ich.

Bis zum Alter von drei Jahren wart Ihr von Scharen Gesang und Tanz darbringender Dakinis und Dharmapalas umgeben und behütet, manchmal versuchten die hochmütigen Geister, Hindernisse zu bereiten und sich zu widersetzen – zu Euch, dem Zeugen dieser verschiedenen Visionen, bete ich.

Einmal begabt Ihr Euch in das nördliche reine Land des Vaidurya-Lichts. Dort ehrte und bestätigte Euch der Sieger Akshobhya als seinen Regenten – zu Euch, der Ihr Euch dadurch an Eure früheren Leben erinnertet, bete ich.

Im reinen Land der Himmelsaktivität strahlten von der Yogini-Mutter des grundlegenden Raumes die Lebensessenzen der hunderttausend Dakinis als Silben aus, die in Euch verschmolzen. So erlangtet Ihr die große Ermächtigung der Segensübertragung – zu Euch, Sieger über widrige Umstände, bete ich.

Als Jugendlicher überwandet Ihr durch die Vervollkommnung Eurer angeborenen Kreativkraft die Eigenschaften eines gewöhnlichen Menschen und erwachtet in die höchste Linie des Heiligen – zu Euch, der mit Hellsicht und grenzenlose Wunderkräften Unvoreingenommene zur Hingabe inspirierte, bete ich.

Im Alter von neun Jahren öffnete eine Weisheits-Dakini mit Nektar aus dem Glückseligkeitsbehälter, und in Übereinstimmung mit der Prophezeiung „Stütze dich auf einen überragenden spirituellen Freund!“ das Tor – zu Euch, der augenblicklich Hunderte von Toren der Qualitäten von Hören und Nachdenken entwickelte, bete ich.

Die Gottheit großer Liebe war als schöner, weißer Jüngling Euer untrennbarer Begleiter und wachte über Euch; und der Löwe der Rede nahm Euch unter seine Fittiche – zu Euch, dessen dynamische Energie höchsten Wissens aufloderte, bete ich.

Die magischen Weisheits-Kayas der drei Bodhisattvas, die Mutter der Siegreichen Arya Tara, der Bogenschütze Saraha, die acht vollendeten Vidyadharas, Longchenpa und so weiter – zu Euch, der von ihnen allen Segnungen erhielt, bete ich.

Insbesondere besuchtet Ihr tatsächlich den Glorreichen Berg von Chamara. Ein einziger Tag wurde zu zwölf Jahren, in denen Ihr den Nektar der zur Reife bringenden und befreienden Ermächtigungen des verehrten Gurus erhieltet – zu Euch, seinem heiligen Nachfolger, bete ich.

Auf dem kleinsten Atom saht Ihr zahllose reine Länder und unvorstellbare Anordnungen von Lebensbeispielen der Befreiung erleuchteter Kayas – zu Euch, dessen unendliche Manifestationen unergründliche Dharma-Unterweisungen erhielten, bete ich.

Kurz gesagt, ohne in diesem Leben auf Lernen angewiesen zu sein, erwachte die karmische Verbindung früherer Gewöhnung – zu Euch, dessen Wissen und Verwirklichung alle bekannten gelehrten und vollendeten Meister in den Schatten stellte, bete ich.

Eine Schar von Dakinis, wie Yeshe Tsogyal und andere, sorgte für Euch wie für ihren eigenen Sohn und enthüllte die verborgensten Anweisungen als Prophezeiungen – zu Euch, den die eidgebundenen Schatzhüter wie Schatten begleiteten und als Boten für alles Benötigte fungierten, bete ich.

Ohne am Geschmack gewöhnlicher sexueller Glückseligkeit anzuhaften, habt Ihr sie als höchste Keuschheit geweiht. Durch den Pfad des Begehrens habt Ihr alle Fehler wie Begehren und den Rest aufgegeben – zu Euch, dem wahrhaft Entsagenden, bete ich.

Aufgrund Eures äußerst stabilen, über Zeitalter der Praxis kultivierten Mutes, der durch die tiefe Kraft von Liebe und Mitgefühl in Bewegung gesetzt ward, praktiziertet Ihr das furchtlose Verhalten der Bodhisattvas und brachtet denjenigen Nutzen, die in Verbindung mit Euch traten – zu Euch, dem großen Bodhisattva, Bändiger der Wesen, bete ich.

Durch den schnellen Weg der höchsten, geheimen großen Methode gelangtet Ihr zur tatsächliche Verwirklichung der ersten Stufe gelangt und saht, dass Erscheinungen und Klänge so rein wie das Weißheits-Mandala sind – zu Euch, dem höchsten, mächtigen Yogi, bete ich.

Die Weisheit des dreifachen Loderns wurde Wirklichkeit und die Scharen der drei Arten von Botschafterinnen versammelten sich wie Wolken um Euch. Ihr meistertet die vier Aktivitäten und die acht Verwirklichungen – zu Euch, der erleuchteten Aktivitäten vollbrachte, was immer gewünscht ward, bete ich.

Durch Eure Praxis der erstaunlichen energischen Methode bandet Ihr die Bewegung von Sonne und Mond in Rasana und Lalana vollständig im Raum des Zentralkanals – zu Euch, Überwinder des verwirrenden Kreislaufs der verseuchten Stadt unreiner karmischen Winde, bete ich.

Durch die Stärke und Brillanz der höchsten Chandali wurdet Ihr vom Geschmack der unveränderlichen sechzehn Freuden berauscht – zu Euch, der durch einhundert Tänze des yogischen Verhaltens des Unterdrückens von Erscheinung und Existenz durch Glanz den Glücklichen große Glückseligkeit bescherte, bete ich.

Insbesondere erkanntet Ihr das Geheimnis, das noch größer ist als das größte aller Geheimnisse, die geheime Sichtweise der Vajra-Spitze des großen Geheimnisses, das ungeschaffene, ursprünglich reine, nackte Sein von Leerheit-Gewahrsein – zu Euch, Entdecker des Weisheitsgeistes Samantabhadras, bete ich.

Im anstrengungslosen Fallengelassensein der Dharmata ist die grenzenlose, eingeborene, ungehindert-transparente Weite, jenseits des Intellekts – zu Euch, Yogi des Himmelsraums, der in der von Meditation und Ablenkung freien Dimension gleichzeitig Verwirklichung und Befreiung erlangte, bete ich.

Die innere Klarheit, der reine Glanz der spontan gegenwärtigen Kreativkraft des Gewahrseins, erhebt sich als die wunderlichen Phänomene des auf dem Pfad erscheinenden Formkayas – zu Euch, der Ihr Euch wie eine magische Illusion auf die Stufe des Klarlichts des Direkt-Hinüberspringens begabt, wo die erleuchteten Qualitäten ihren Gipfel erreichen, bete ich.

Gagadhu, die höchstes Erkennen und Glückseligkeit gewährende Königin des grundlegenden Raums, enthüllte die Schlüsselpunkte von Ati und vertraute Euch die geheimen Schätze der Dakini an – zu Euch, den sie ermahnte, zum höchsten Nutzens die Tür der tiefgründigen Schätze zu öffnen, bete ich.

Durch das Sehen der Weisheit wurdet Ihr von reinen Erscheinungen durchdrungen, und unerschöpfliche Geistesschätze quollen aus der Weite Eurer Weisheitsabsicht hervor – zu Euch, der den tiefgründigen, von Dakinis versiegelten Erdschatz barg, oh Weltenherrscher unter den Schatzfindern, bete ich.

Guru, Große Vollkommenheit und Avalokiteshvara; Entstehung, Vollendung und Große Vollkommenheit; Wurzel-, Zweig- und Aktivitätsrituale, zusammen mit ergänzenden Praktiken – zu Euch, der mit diesem Juwelen-Schatzhaus wunderlicher Dharma-Schätze ein Festmahl für die vom Glück Begünstigen ausbreitete, bete ich.

In diesem späteren Zeitalter, in dem Schüler mit auf Anstrengungen basieren Fahrzeugen schwer zu zähmen sind, und gemäß der in Vajra-Schriften gepriesenen Wahrheit – zu Euch, Entzünder der Fackel der wirklichen, geheimen Essenz, der Lehren des Ati, der Großen Vollkommenheit, bete ich.

Euer bezaubernder höchster Kaya war mit weißen Gewändern und hängendem, geflochtenem Haar prächtig geschmückt. Aus Eurer glorreichen Kehle sangt Ihr Doha-Gelächter. Mit der Hitze Euer Weisheitsabsicht befreitet Ihr den Geiststrom der vom Glück Begünstigen – zu Euch, oh unübertrefflicher Heruka, bete ich.

Durch die Kraft, alle Phänomene als unwirklich wie Illusionen zu erkennen und sie als Soheit des ungehindert-transparenten Gewahrseins zu sehen, gingt Ihr ungehindert durch alles Materielle hindurch – zu Euch, Besitzer von Wunderkräften, bete ich.

In diesen Zeiten des Niedergangs, in denen Horden von Menschen, nichtmenschlichen, wilde Dämonen und Elementargeistern die Lehre und die Lebewesen schädigen, löschtet Ihr sie durch Eure lodernden, zornvollen Fähigkeiten und Kräfte aus – zu Euch, dessen Handlungen in allen Richtungen siegreich waren, bete ich.

Beim Gewähren von Ermächtigungen, bei Verwirklichungsritualen, Festopferrunden und dergleichen waren da Regenbögen, Blumenregen, das Umherwehen guter Düfte, und symbolische Gesänge der Dakinis waren zu hören – zu Euch, der die vom Glück Begünstigen zur Weisheit erweckte, bete ich.

Denjenigen, die Euch bloß sahen, hörten, an Euch dachten oder Euch berührten, gewährtet Ihr das Atem Schöpfen fortwährender Glückseligkeit – zu Euch, dessen große Qualitäten auf der ganzen Welt berühmt waren, bete ich.

Die fünf Weisheits-Dakinis und in verborgender Weise alle Samaya-Dakinis, so zahllos wie die Sterne – zu Euch, der sie über den Pfad der großen Begierde mit dem Glück des Herukas verband, bete ich.

Acht nahe Söhne, Halter der Familienlinie der Bodhisattvas; dreizehn höchste Schüler, die den Regenbogenkörper verwirklichten; und zehn Mal Hunderte, die die Stufe der Vidyadharas erreichten – zu Euch, der die Königslinie der Verwirklichten errichtete, bete ich.

Durch die Kraft Eures gereiften Bodhichittas und durch die Stärke der rechten Zeit für die zu zähmenden Schüler in Ngari, Ü-Tsang, dem verborgene Land von Lomön, Puwo, Dagpo, Kongpo, Amdo, Kham, bis nach Indien und Nepal – zu Euch, Verbreiter erleuchteter Aktivitäten und tiefgründiger Schätze, bete ich.

Als Eure Taten in diesem Körper und in dieser Welt vollbracht waren, richtetet Ihr Eure Weisheitsabsicht auf den großen Nutzen anderer – zu Euch, der sich inmitten außergewöhnlicher Zeichen wie Klänge und Lichter zum Glorreichen Berg von Chamara begab, bete ich.

In reinen Ländern wie das schöne Pemakö, um die Tätigkeit Padmas in Hunderte von Richtungen zu verbreiten – zu Euch, Spross der Lotus-Familie, Tanz des Wasser-Mondes, Zeiger des Unvorstellbaren, bete ich.

Oh Beschützer, die Qualitäten Eures Lebens und Eurer Befreiung gleichem einem Ozean. Indem ich sie mir mit Hingabe in Erinnerung rufe und mit intensiver Sehnsucht bete: Lasst mich bitte durch die Güte Eures unaufhörlichen Mitgefühl niemals von Euch getrennt sein! Bitte nehmt mich als Euern Schüler an!

Zeigt Euren Linienhaltern, diesen Kindern mit Hingabe aus dem Herzen, Euer liebevolles Antlitz und gewährt uns freudig die höchste Übertragung! Gewährt uns die Ermächtigung der großen Vajra-Weisheit und segnet uns, untrennbar von Euch zu sein!

Indem ich über den Pfad des Geheimen das ursprüngliche Königreich anstrebe und die tiefgründige frühere Übersetzungstradition über die ganze Welt verbreite – oh Wolke des unerschöpflichen Schmuckrades von Lebensbeispiel und Befreiung, möge ich Euch, dem alles durchdringenden Raum der Phänomene, gleichkommen!

Auf die Bitte zahlreicher Strebender, die den Reichtum der Hingabe besitzen, hat Jigdrel Yeshe Dorje das mit angenehmen Worten diktiert, die von Losel Trinle Gyurme niedergeschrieben wurden. SIDDHI RASTU!


Das Gebet kann als Praxistext hier heruntergeladen werden (Download).


Aus den gesammelten Lehren von Dudjom Rinpoche; Band 25 (A), Seite 1 – 11. Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus,) und Lama Sangye Dorje (Christian Paar), 2020. Möge es Glück bringen!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. Dezember 2020

Die drei Samadhis der Erzeugungsstufe

aus dem Ruhen in der Natur des Geistes von Longchenpa

Zuerst sollte man die vorbereitenden Übungen durchführen. Auf einem bequemen Sitz mit verschränkten Beinen sitzend, sollte man sich vorstellen, dass der eigene Lehrer, die Meditationsgottheiten und die Gottheiten des Mandalas vor einem am Himmel anwesend sind. Man sollte dreimal zu ihnen Zuflucht nehmen und dann die Geisteshaltung des kostbaren Erleuchtungsgeistes hervorbringen, indem man dreimal die aus dem Netz der kostbaren friedvollen Gottheiten entnommene Formel rezitiert:

Alle endlosen Wesen, wie ich selbst, sind von Anfang an Buddhas. In diesem Wissen erwecke ich die Absicht zur höchsten Erleuchtung.

Dann sollte man das SWABHAWA-Mantra rezitieren und sich daran erinnern, dass die Phänomene im Zustand großer Leerheit begründet sind. Dies bezieht sich auf die Konzentration derartiger Phänomene, in der man sich wie folgt üben sollte. Es heißt in der Großen Darlegung der Stadien der Generation und der Vollkommenheit,

HUM – Die Natur des reinen Geistes der Erleuchtung ist ein Zustand, der von Anfang an ungeboren ist, alles durchdringend, endlos tiefgründig, nicht standhaft, unbeobachtbar, jenseits der Konstruktion des Geistes. Es ruht völlig in Gleichheit jenseits aller Gedanken und Worte.

Das wird auch im Heruka Gyalpo gesagt,

Der große Raum, das Dharmadhatu, ist jenseits aller Vorstellungskraft. Der Raum der letztendlichen Realität ist frei von allem Vorstellbaren. Die letztendliche Wirklichkeit, die unermessliche und unvorstellbare Weite, ist ohne Bezug wie der Raum selbst.

Es ist notwendig, den Samadhi der Soheit durchzuführen, weil er den ursächlichen Zusammenhang für die Entstehung des Rupakaya aus dem Dharmakaya liefert. Da alle folgenden Visualisierungen auf diese Weise mit der großen Vollkommenheit der ursprünglichen Leerheit verbunden sind, werden die Knoten des Festhaltens an Entitäten und ihren Eigenschaften gelöst. Das wird in den Stufen des Pfades gesagt,

Wegen der Leerheit sind alle Pfade frei von Attributen; die Fixierungen des Selbstkreislaufs lösen sich auf.

Um danach den Knoten des einseitigen Festhaltens an der Leerheit zu lösen, muss man den allumfassenden Samadhi praktizieren. Alle Phänomene treten auf, obwohl sie kein eigenes Wesen haben. In einem Zustand illusionären Mitgefühls sollte man eine Weile über die selbst erwachte und sich selbst erkennende ursprüngliche Weisheit meditieren, die leuchtend und frei von aller Fixierung ist. Wie es in den Stufen des Pfades gesagt wird,

Durch die Meditation über den König wird das Bewusstsein, die Selbsterkenntnis, die höchste Erleuchtung gefunden. Solches Sein, wenn es einmal gesehen wurde, wird zum Grund für das Entstehen von Mitgefühl. Sicherlich manifestiert es sich in dieser Reihenfolge.

Schließlich kommt der Samadhi der Ursache. Diese ist zweifach. Das erste ist die Visualisierung des Schutzkreises. In der unendlichen Weite des Raumes erscheint aus der Silbe HUM eine lodernde Feuermasse, in der aus der Silbe BHRUM ein Rad [oder vielmehr eine Kugel] entsteht, das aus einer Nabe, einer Felge [oder Oberfläche] und zehn Speichen besteht. Der leere Raum im Inneren der Nabe stellt das Dharmadhatu dar. Auf jeder der zehn Speichen befinden sich ein Lotus und Scheiben von Sonne und Mond, auf denen die Silbe aufgehängt ist. Diese verwandeln sich in Humkara auf der vertikalen Speiche im Zenit, Vijaya auf der östlichen Speiche, Niladaṇda auf der südöstlichen Speiche, Yamantaka auf der südlichen Speiche, Akshobhya auf der südwestlichen Speiche, Hayagriva auf der westlichen Speiche, Aprarajita auf der nordwestlichen Speiche, Amritakundali auf der nördlichen Speiche, Trailokyavijaya auf der nordöstlichen Speiche und Mahabala auf der vertikalen Speiche am Nadir.

Jede dieser Gottheiten hat ein Gesicht und zwei Arme, trägt einen Kilt aus Tigerfell und ist mit Schlangen geschmückt. Mit angewinkeltem rechten Bein und ausgestrecktem linken Bein halten sie alle das Attribut, das auf ihre erleuchtete Familie hinweist, oder aber einen Vajra und eine Glocke. Die beiden zornvollen Gottheiten im Zenit und am Nadir gehören beide zur Tathagata-Familie. Sie sind dunkelblau und halten ein Rad. Die zornvollen Gottheiten im Osten und Südosten gehören zur Vajra-Familie. Sie sind grau und halten einen Vajra. Die Götter im Süden und Südwesten gehören zur Ratna-Familie. Sie sind dunkelgelb und tragen ein Juwel. Diejenigen im Westen und Nordwesten gehören zur Padma-Familie. Sie sind dunkelrot und tragen einen achtblättrigen Lotus. Diejenigen im Norden und Nordosten gehören zur Karma-Familie. Sie sind dunkelgrün und halten entweder einen gekreuzten Vajra oder ein Schwert.

Unabhängig davon, ob man den Palast visualisiert oder nicht, besteht die Hauptkonzentration auf die Ursache in einer kurzen Meditation über sich selbst als Hauptgottheit (der ursächliche Heruka), die sich dann in Leerheit auflöst. Im vorliegenden Zusammenhang bezieht sich die Konzentration auf die Ursache auf die Meditation über die Keimsilbe, aus der die Hauptgottheit hervorgeht.


Aus dem ersten Band des Ngalso Semnyi – dem Ruhen in der Natur des Geistes – von Longchenpa entnommen und übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 2. Dezember 2020

Schutz-Dharani

Ananda, dieses starke und kraftvolle geheime Mantra, das seit langer Zeit praktiziert wird, wurde von den perfekt und vollständig erwachten, so gewordenen Arhats der Vergangenheit gelehrt. Es wird in der Zukunft von den vollkommen und vollständig erwachten Arhats der Vergangenheit gelehrt werden. Und so ist es auch in der Gegenwart, denn auch ich lehre es. Brahma, Herr der Saha-Welt, lehrt es. Shakra, der Herr der Götter, lehrt es auch. Die vier großen Könige lehren es auch. Die 28 großen Yaksha-Generäle lehren es auch. Und Hariti, mit ihren Kindern und ihrem Gefolge von Dienern, lehrt es auch.

Ananda, jeder Mönch, jede Nonne, jeder Laie und jede Laiin, die diese Königin der Beschwörungen, die große Bewahrerin des Geheimen Mantras, empfängt und es versteht, sieht oder ausführt, genau so, wie es gelehrt und gemeistert wurde, wird bewacht, geschützt, umsorgt und Frieden und Wohlergehen gebracht, so lange er oder sie lebt.

Ananda, durch den Befehl der vollkommen und vollständig erwachten, soeben erwachten Arhats der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, wird diese Königin der Beschwörungen, die große Hüterin des Geheimen Mantras, die Person, die so und so genannt wird, bewachen, beschützen, pflegen und ihr Frieden und Wohlergehen bringen. Sie wird eine Grenze bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite weiter östlich bilden. Genauso wird sie eine Grenze in Rufweite weiter westlich bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite im Süden bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite im Norden bilden. Sie wird eine Grenze in Rufweite in allen Haupt- und Zwischenrichtungen bilden.

Ananda, es gibt vier, die auf und neben dem Pfad der vier großen Könige wohnen. Wer sind sie? Sie sind Swasitka, Vishvamitra, Purna und Shriharsa. Wer ihre Namen und ihre Familien kennt, wird nicht in Gefahr sein vor den großen Königen, noch wird er in Gefahr sein vor Räubern, Feuer, Wasser, Menschen oder nicht-menschlichen Wesen.

Ananda, Vajrapanis älterer Bruder namens Laghupani, wohnt in der Stadt, die als Cakravalapur bekannt ist. Wer seinen Namen und seine Familie kennt, wird von ihm bewacht, geschützt, versorgt, begnadigt und ihm Frieden und Wohlergehen gebracht. Im Namen der Person, die so und so genannt wird, flehe ich Vajrapanis älteren Bruder Laghupani an und beschwöre ihn, Laghupani! Auf den Befehl der gesegneten Buddhas der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart werden alle Yakshas, Rakshasas, Pretas, Pisaci, Kumbhandas, Putanas und Kataputanas, die eine Gelegenheit suchen und nach einer Gelegenheit suchen, der Person, die so und so genannt wird, zu schaden, keine solche Gelegenheit finden, noch werden sie in der Lage sein, mit ihm zu streiten!

Ananda, es gibt vierzehn große Rakshasis. Sie beschützten den Bodhisattva, während er im Schoß seiner Mutter war. Sie beschützten ihn auch während seiner Geburt, als Neugeborener und während er aufgezogen wurde. Wer sind die Rakshasis? Sie sind Bali, Vimala, Ghosa, Pramrud, Bhairavi, Dzambu Drin, Paramalabha, Prabhu, Kirti, Mädrag, Kalahapriya, Tsemo, Bhumidhara und Thabjug. Wer ihre Namen und Familien kennt, wird von ihnen bewacht, beschützt, umsorgt und ihnen Frieden und Wohlergehen gebracht!

Ananda, es gibt acht Rakshasis, die die Vitalität von Männern oder Frauen stehlen, egal ob sie schlafen oder nicht. Wer sind diese Rakshasis? Sie sind Rwa, Thubme, Ngänlob, Phramachän, Dränmo Marmo, Rabchen, Migzang und Jigje. Wer ihre Namen und Familien kennt, wird von ihnen bewacht, beschützt, umsorgt und ihnen Frieden und Wohlergehen gebracht!

Ananda, es gibt sieben Rakshasis, die bis zu hundert Meilen weit reisen, wenn sie den Geruch von Blut riechen. Wer sind diese sieben Rakshasis? Sie sind Ziji Chog, Gatseg, Natsog Jinbong, Dränmo Karmo Zang, Jugdö, Drongkhyer Khoryug und Risung. Wer ihre Namen und Familien kennt, der wird bewacht, beschützt, umsorgt, dem wird Frieden und Wohlergehen gebracht und von ihnen begnadigt!

Ananda, es gibt einen Rakshasi namens Mahakali mit eintausend Söhnen, der am Meeresufer lebt und 80.000 Meilen in einer einzigen Nacht reist. Wer ihren Namen und ihre Familie kennt, wird bewacht, beschützt, versorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und von ihr begnadigt!

Ananda, es gibt fünf Rakshasis, die, zusammen mit 7.700.000 Yakshas, die Menschen auf dem Jambu-Kontinent bewachen und beschützen. Wer sind diese fünf Rakshasis? Sie sind Tagtunyö, Jesunyö, Tobkyi Gyag, Ömebub und Jordän. Wer ihre Namen und Familien kennt, wird von ihnen bewacht, beschützt, umsorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt!

Darum flehe ich im Namen der Person, die so und so genannt wird, diese fünf Rakshasis an und bitte sie zusammen mit den 7.700.000 Yakshas um Verzeihung! Durch den Befehl der gesegneten Buddhas der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart möge die Person, die so und so genannt wird, bewacht, geschützt, versorgt, Frieden und Wohlergehen gebracht und begnadigt werden!

TADYATHA VIMUDE VITIDE PICARITE PIGARITE KARATI KARAVIRA SWARI MADHURAGHOSE SHATAHANITA BHASITAGHE AKKE NAKKE VIKA DITA VIKUTITE VIRAJE VIGHASTAVATE //


Entnommen aus dem „Großer Halter des Geheimen Mantras“ (Mahamantranudharani); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. November 2020

Der Zwischenraum der Möglichkeiten

Das dritte Intervall ist das, was normalerweise gemeint ist, wenn Leute über den Bardo sprechen […]. Es ist das Zwischenstadium der Möglichkeit und ist in drei Phasen unterteilt, die einfach der erste Teil, der mittlere Teil und der letzte Teil genannt werden, die dem Sterben, dem tot sein und der nahenden Wiedergeburt entsprechen. Diese drei werden das Intervall der Möglichkeiten genannt, weil dies der Zustand ist, in dem die verschiedenen möglichen Wiedergeburten geschehen können, wie ihr sehen werdet.

Es gibt drei Wege, durch die ihr euch auf die drei Phasen des Intervalls der Möglichkeit vorbereitet. Durch den Pfad des klaren Lichts wird die Natur des ersten Intervalls als Dharmakaya erkannt. Durch den Pfad des illusorischen Körpers wird die Natur des zweiten Intervalls als Sambhogakaya erkannt, als der Körper des vollkommenen Genusses. Durch den Pfad des Nirmanakaya wird die letzte Phase, das dritte Intervall, in die Wiedergeburt als Nirmanakaya verwandelt. Du machst zunächst das Streben: „Möge ich diese Pfade durchschreiten oder vervollständigen und dadurch in diesen Intervallen Befreiung erlangen“.

Was bedeutet das nun? Du kannst sagen: „Ich meditiere über Mahamudra“, oder „Ich praktiziere die Große Vollkommenheit“, oder „Ich meditiere über den tiefgründigen Mittleren Weg“, oder du kannst sagen, was immer es ist, was du glaubst, dass du tust. Welche Form der Meditation du auch immer zu praktizieren glaubst, was du in einem dieser drei Systeme der Praxis tun sollst, ist, zu einer direkten Verwirklichung der wahren Natur aller Dinge zu kommen. In Bezug auf das, was diese Natur nicht ist, könnte man sagen, dass die Natur keine angeborene Existenz ist. In Bezug auf das, was sie ist, könnte man sagen, sie ist die Freiheit von wahrhaft angeborener oder unabhängiger Existenz; sie ist das klare Licht.

Der Zweck der Meditation im Allgemeinen ist es, die direkte Erfahrung des klaren Lichts zu gewinnen und genügend Erfahrung zu sammeln, um die Befreiung während der ersten Phase des Intervalls beim Tod zu erreichen. Wenn du erkennen kannst, dass alle Dinge leer von wahrer Existenz sind, dann ist das der Weg, der im ersten Intervall Befreiung bringen wird.
Falls das nicht funktioniert, kannst du auch über die reinen Erscheinungen meditieren. Das heißt, dass aus dem Zustand der Leere, der die Natur aller Dinge ist, die Gottheit entsteht. Dabei kann es sich um eine Gottheit handeln, die aus einer Silbe oder aus einem Zepter entsteht, und so weiter. Was auch immer für eine Gottheit es ist – Vajravarahi, oder irgendeine andere – du identifizierst dich vollständig mit dieser völlig unwirklichen und doch absolut lebendigen und reinen klaren Erscheinung. Indem du dies in der zweiten Phase oder im zweiten Intervall tust, gewinnst du die Möglichkeit der Befreiung im Sambhogakaya dieser Gottheit.

Für den Fall, dass dies nicht geschieht, bereitet ihr euch auch darauf vor, eine Wiedergeburt als Emanation zu nehmen. Das bedeutet, dass du durch die Kraft der Liebe und des Mitgefühls und durch die Kraft deines Strebens nach einer angemessenen Wiedergeburt in der Lage bist, eine minderwertige oder unangemessene Geburt zu stoppen und eine Geburt zu wählen, durch die du den Weg fortsetzen und anderen von Nutzen sein kannst. Auf diese Weise erlangst du die Freiheit der Geburt in der dritten und letzten Phase des Intervalls der Möglichkeit.

Dies fasst das zusammen, was im Rest des Textes dargestellt wird, da sich der Text in erster Linie mit dem Bardo befasst, wie wir es gewöhnlich meinen – dem Intervall zwischen den Leben.


Von Khenpo Karthar Rinpoche; aus „Bardo – Interval of Possibility“; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. November 2020

Samadhi-Ermächtigung

von Garchen Rinpoche

Im Allgemeinen führt uns die Visualisierung einer Ermächtigung in den Bodhicitta-Geist aller Buddhas ein. Wenn wir einmal eingeführt worden sind, verstehen wir auch ihre Bedeutung der Praxis. Eine Einweihung zeigt uns, wie wir uns in der Praxis engagieren sollten. Sie führt uns in die Tatsache ein, dass wir reifen können. Wenn du dich mit Bodhicitta verbindest, dann können dein Körper und dein Geist zu den drei Buddhas reifen Kayas. Dein Körper ist der Nirmanakaya, deine Rede ist der Sambhogakaya und dein Geist ist der Dharmakaya. Dein Körper, deine Rede und dein Geist können zu den drei Kayas reifen. Daher wird es als die „reifende Ermächtigung“ bezeichnet, und diese Ermächtigung ist eine Einführung. Dann wird in den befreienden Anweisungen erklärt, wie man die Praxis ausüben kann. Sobald ihr die reifende Ermächtigung und die befreienden Anweisungen erhalten habt, wisst ihr, wie ihr euch auf die Praxis einlassen könnt. Dann kannst du dich befreien, indem du dich tatsächlich mit der Praxis beschäftigst. 

Was die Kultivierung der Gottheit betrifft, werden die vier Tantra-Klassen des neuen tantrischen Systems entsprechend den höheren, mittleren oder niedrigeren geistigen Fähigkeiten der Praktizierenden gelehrt.  Diese verschiedenen Ebenen des Praktizierens werden so erklärt, als ob sie getrennt wären. Sie sind sehr komplex. Im alten tantrischen System verdichtete Guru Rinpoche die Bedeutung aller Tantras in einer einzigen Sadhana-Praxis, die die vier Zweige der Annäherung und Vollendung einschließt. Innerhalb der vier Zweige der Annäherung und Vollendung ist die Absicht der vier Klassen des Tantra vollkommen vollständig.Die vier Zweige der Annäherung und Vollendung sind: Annäherung, nahe Annäherung, Verwirklichung und große Verwirklichung. Die vier Zweige der Annäherung und Vollendung sind: Annäherung, nahe Annäherung, Vollendung und große Vollendung. Diese Zweige unterscheiden sich nur durch die Erfahrung, die der Geist beim Visualisieren der Mantra-Girlande gesammelt hat. Es heißt: „Meditation muss mit Erfahrung verbunden sein“. Die Praxis der vier Zweige der Annäherung und Verwirklichung muss mit einer tatsächlichen Erfahrung verbunden sein. Diese Verschmelzung kommt allein durch Visualisierung zustande. Du solltest verstehen, dass du auf diese Weise die Linie der Praxis und der Segnungen empfängst.

Nun, wie sind die vier Zweige der Annäherung und Vollendung in dieser Praxis vollständig? Erstens, wenn du in der Lage bist, die Keimsilbe und die Mantra-Girlande um sie herum deutlich zu visualisieren, ist dies die Annäherung. Oft, wenn man die Annäherung praktiziert, konzentriert man sich nur darauf, die Mantras zu zählen, die man ansammelt. Wenn du jedoch die Keimsilbe und die Mantra-Girlande deutlich visualisieren kannst, hast du die Ansammlung der Mantras tatsächlich abgeschlossen. Die Annäherung beginnt, wenn die Mantra-Girlande langsam zu kreisen beginnt. Wenn du in der Lage bist, die Girlande zu visualisieren, die sich im Kreis bewegt, kommst du der Gottheit näher; das ist die nahe Annäherung. Dann beschleunigt sich die Mantra-Girlande und beginnt sich sehr schnell zu drehen – so schnell, dass sie nicht einmal mehr deutlich sichtbar ist. Das ist der Zeitpunkt, an dem Lichtstrahlen aus ihr austreten und sich wieder in ihr sammeln; das ist die Verwirklichung. Diese Lichtstrahlen bringen den Buddhas in den reinen Ländern Opfergaben dar und reinigen die Verdunkelungen der fühlenden Wesen. Auf diese Weise trainierst du deinen Geist in der Konzentration. Dies ist die Verwirklichung. Die große Verwirklichung ist, wenn das Festhalten aller fühlenden Wesen am Selbst mit Bodhicitta versiegelt wird, so dass alle fühlenden Wesen die Gottheit sind, welches von Natur aus ihre Grundlage ist. Zu diesem Zeitpunkt werdet ihr verstehen, dass die fühlenden Wesen genau wie Eisblöcke sind. Wenn ihr gereift seid, werdet ihr verstehen, dass alle fühlenden Wesen reifen können. Wenn du zum Beispiel ein Eisblock bist, der von Bodhicitta geschmolzen und in Wasser verwandelt wurde, wirst du verstehen, dass alle Eisblöcke schmelzen können. Das ist die große Verwirklichung.

Im neuen tantrischen System entsprechen die Handlungs-Tantras dem Ansatz. Zweitens, die Verhaltens-Tantras sind die gleichen wie die Annäherung.  Drittens, die Yogatantras sind dasselbe wie die Verwirklichung; und viertens, die höchsten Yogatantras sind dasselbe wie die große Verwirklichung. So solltest du verstehen, dass du dich selbst und andere befreien kannst, und dass die vier Tantra-Klassen und die vier Zweige der Annäherung und Verwirklichung miteinander verbunden sind. In der Praxis der Kanäle, Winde und Tropfen sind sie auch mit den vier Freuden verbunden.  Sie hängen genau mit der inhärenten Qualität der vier Freuden zusammen.

Zum Beispiel kann man in der Praxis des Tummo in den Sechs Dharmas von Naropa die Vier Yogas der Mahamudra durch die Erfahrungen der vier Freuden erkennen. Die vier Yogas sind das Yoga der Einsgerichtetheit, der Freiheit von Ausgestaltung, des einen Geschmacks und der Nichtmeditation. Die vier Freuden, die vier Yogas und die vier Zweige der Annäherung und Vollendung sind alle miteinander verbunden. Sie alle laufen auf eine einzige Bedeutung hinaus. Sobald ihr die Bedeutung der Ermächtigung vollständig versteht, könnt ihr euch selbst ermächtigen. Wie das? Der Dharmakaya aller Gottheiten durchdringt wie der Raum. Der Sambhogakaya, die wie ein Regenbogen ist, kommt zu jedem, der sie anfleht, ohne jede Voreingenommenheit. Sie denken nicht: „Ich gehe dorthin, weil dort ein Lama ist, der sie anfleht. Du bist gewöhnlich, ich gehe nicht zu dir“. Sie kommen tatsächlich zu jedem, der an sie glaubt. Deshalb kannst du, wenn du die Natur der Gottheit verstehst, eine Selbstermächtigung nehmen. Das liegt daran, daß die geistige Grundlage der praktizierenden Gottheit und die des Praktizierenden gleich sind. Wie man sagt: „Seit früherer Zeit sind du und ich eins. Das heißt, „du“, der Geist der Gottheit und mein Geist sind ein einziges Kontinuum, genau wie eine elektrische Schnur. Unsere beiden Körper erscheinen wie zwei Glühbirnen. Wenn du Vertrauen hast und Bodhicitta hervorbringst, kannst du dir selbst die Ermächtigung geben. Du brauchst nichts anderes zu tun, du kannst dich auf die Praxis einlassen. Wenn du das verstehst, weißt du, dass die Buddhas der drei Zeiten in dem einen Guru enthalten sind.

Dann fragst du dich vielleicht: „Wenn das möglich ist, warum müssen wir uns dann auf einen Guru verlassen? Können wir den Guru nicht einfach visualisieren?“ Wenn du zum Guru Zuflucht nimmst, nimmst du dann Zuflucht zu seinem Körper, seiner Rede oder seinem Geist? Der Körper des Gurus ist menschlich. Wenn du dich an ihn hängst, bist du ein gewöhnlicher Mensch. Es heißt: „Wenn du den Guru als einen Menschen siehst, dann sind die Segnungen, die du erhalten wirst, wie die Segnungen eines Hundes. Es ist nicht der Körper, sondern die Sprache und der Geist des Gurus, die wichtig sind. Wo sind die Sprache und der Geist des Gurus? Sie sind hier. Der Dharmakaya des Gurus verweilt wie der Raum, und sein Sambhogakaya wie ein Regenbogen. Der Körper des Gurus ist der Nirmanakaya, die Rede ist der Sambhogakaya, und der Geist ist der Dharmakaya. Auf der Ebene des Nirmanakaya-Körpers sind wir gleich, also kannst du dich selbst ermächtigen. Die Samadhi-Ermächtigung ist für diejenigen gedacht, die dies verstehen.

Am Anfang heißt es: „Alle mütterlichen fühlenden Wesen, grenzenlos wie der Raum…“ Zuerst gibt es die Erzeugung eines Geistes, der frei von egoistischen Anliegen ist.  Es heißt: „Ich werde den Yoga der vier Ermächtigungen praktizieren, damit alle fühlenden Mutter-Wesen, grenzenlos wie der Raum, glücklich sein können, von Leiden befreit werden und den Zustand der Buddhaschaft erlangen können. Nachdem ich mich selbst befreit habe, möchte ich alle fühlenden Wesen vom Leiden befreien. Um uns von den sechs Bereichen von Samsara zu befreien, müssen wir frei werden vom Festhalten am Selbst. „Sang-gye“ (Buddha) bedeutet, dass zuerst das Festhalten am Selbst verschwinden muss, was wie ein Eisblock ist, der in die Nondualität schmilzt. Dies ist der letztendliche Buddha. Wenn relatives Bodhicitta im Geist auftaucht, wird der ultimative Buddha auf natürliche Weise erscheinen. Wenn zum Beispiel zwei Eisblöcke im Ozean zu einem geschmolzen sind, wo sind dann zwei? Ihr solltet diese Zeile mit dem Verständnis rezitieren, dass alle fühlenden Wesen Buddhas sind. Du denkst: „Ich bin ein Eisblock, also werde ich mich zuerst schmelzen. Sobald ich geschmolzen bin, werde ich allgegenwärtig werden“. „Ich werde den Yoga der vier Ermächtigungen praktizieren…“

Dann heißt es: „Ich erscheine als die Yidam-Gottheit“. An meiner Basis bin ich rein; nur vorübergehend bin ich wie ein kleiner Eisblock geworden.  Der Guru [vor dir] repräsentiert eine reine Qualität. Aus der Dharmakaya erscheint die Sambhogakaya-Form-Emanation, die wie ein Regenbogen erscheint. Die Gottheit, die ich praktiziere, ist dort [vor mir]. Ich bin der Nirmanakaya. Weil meine Natur unausgereift ist, bin ich wie ein Eisblock. Dharmakaya und Sambhogakaya sind wie die Sonne. Welcher Yidam auch immer dein Yidam ist, wenn du ihn visualisierst – das heißt, wenn du die tatsächliche Entwicklungsstufe immer und immer wieder praktizierst – wirst du deinen Körper vergessen. Wenn du wieder und wieder an die Gottheit denkst, [sie wird erscheinen]. Wenn ich zum Beispiel meine Augen schließe, erscheint manchmal ein schwarzer Punkt. Das ist eigentlich ein Zeichen für das Einsetzen der Blindheit. Diese schwarzen Punkte erscheinen immer wieder, und wenn sie erscheinen, erinnere ich mich an eine Anweisung von Jigten Sumgön. Er sagte, dass man die Gottheit an der Stelle seiner Krankheit visualisieren sollte. Ich mag Tara, also denke ich, dass der schwarze Punkt Tara ist. Zuerst war im Inneren des schwarzen Punktes ein Loch, so winzig wie ein Nadelloch. Jetzt erscheint Tara immer darin. Wie ist das aus einer ultimativen Perspektive? Normalerweise würde ich, wenn der schwarze Punkt erscheint, denken: „Das ist ein Zeichen, dass ich blind werde. Angst würde im Geist aufkommen, und dann würde es nur noch schlimmer werden. Aber wenn Tara erscheint, gibt es keine Angst; ich bin eigentlich glücklich. Wenn ich glücklich bin, verändert sich mein Blut, und die Krankheit verschwindet langsam. Es hat meinem Auge auch ein bisschen geholfen. Das ist wirklich das, was passiert, Tara erscheint. Deshalb sagte Jigten Sumgon: „Wo immer du eine Krankheit hast, visualisiere den Yidam dort; denke nicht an die Krankheit. Aus diesem Grund unterdrückt das Visualisieren der Form der Gottheit die karmischen Abdrücke des Körpers.

Das Mantra stoppt die karmischen Einprägungen der Rede. Von diesen beiden sind die Eindrücke der Rede schlimmer. Es sind die Gedanken, die nach einer Wahrheit im Sinne der Klänge greifen. Sobald du anfängst, über samsarische Aktivitäten zu sprechen, tauchen ununterbrochen Gedanken des Eigensinns und der Abneigung im Geist auf, wie fallender Regen. Wenn du über angenehme Dinge sprichst, lachst du; wenn du über unangenehme Dinge sprichst, weinst du. Das sind Gedanken, die nach einer Wahrheit im Sinne von Tönen greifen. Die Rede ist das Schlimmste. Wenn du jemandem auf den Körper schlägst, ist es nicht so schlimm; du kannst dich für diesen Fehler entschuldigen. Aber wenn du etwas Böses sagst, halten sie es in ihren Gedanken fest. Um also das Festhalten am Klang zu reinigen, rezitieren wir das Mantra.

Bodhicitta reinigt die karmischen Prägungen des Gemüts; es reinigt das Gemüt. Das Entwicklungsstadium reinigt die Abdrücke des Körpers, das Mantra reinigt die Abdrücke der Rede, und Bodhicitta reinigt das Festhalten am Selbst im Geist.  Dann gibt es das Svabhavikakaya (Essenz-Kaya): Du erkennst es, wenn du verstehst, dass der Buddha, der Guru und dein eigener Geist eins sind. Es gibt vier Kayas: den Dharmakaya, den Sambhogakaya, den Nirmanakaya und den Svabhavikakaya. Diese beziehen sich auf die vier Ermächtigungen. 

Hier visualisierst du den Wurzel-Guru vor dir, „in der Form von Bhagavan Shrī Heruka“. In der Drikung Kagyu Tradition visualisieren wir Chakrasamvara. Du kannst Chakrasamvara in einer sitzenden Haltung visualisieren. Wenn eine klare Visualisierung aufrechterhalten wird, dann werden die karmischen Prägungen des Festhaltens an der substantiellen Form und die Konzeptetiketten zusammenbrechen. Selbst wenn die Visualisierung nicht klar ist, sollte es in Ordnung sein, einfach deinen eigenen Guru innerhalb der Regenbogensphäre zu visualisieren. Für manche erscheint der Wurzel-Guru natürlicher. Zum Beispiel erscheint mir Vajradhara Drubwang [Rinpoche] natürlich, ohne jede Anstrengung. In dem Moment, in dem ich an ihn denke, erscheint er, als wäre er real. Wenn das geschieht, sind die Vorstellung von einem „Ich“ und alle karmischen Prägungen vollständig verschwunden. Das ist die Kraft der Erzeugungsstufe.

Deshalb kannst du deinen eigenen Guru visualisieren, du musst Heruka nicht visualisieren. Oder, wenn du Tara magst, kannst du sie auch visualisieren. Hier steht: „Er ist bei seiner Gefährtin Varahi“. Ob du den Guru oder einen Yidam visualisierst, du musst ihn mit einer Gefährtin visualisieren. Das liegt daran, dass Yab und Yum (männlich und weiblich) in der Vereinigung der äußere Ausdruck der Einheit von Leerheit und Mitgefühl ist. Das Geheime Mantra wird durch Zeichen, Symbole und ihre Bedeutungen erklärt. Wenn ein normaler Mensch die äußere Einheit von Yab und Yum sieht, z.B. Samantabhadra in Vereinigung mit seiner Gefährtin, kommt ihm in den Sinn: „Da ist ein Paar zusammen, sie müssen sehr glücklich sein. Wenn sie dies sehen, wird im Geist eines jeden, der Verlangen hat, augenblicklich ein Gefühl aufkommen. Aber was ist diese Glückseligkeit? Die Wahrnehmung von substantiellen Formen und Begriffsetiketten bricht zusammen; das gewöhnliche Festhalten im Geist bricht zusammen, wenn es überwältigt wird. Äußerlich gibt es zwei Körper, Yab und Yum, aber der innere Geist ist klar und leer. Der Yab (männlich) ist die Klarheit und die Yum (weiblich) ist Leerheit. Wenn du in der Sicht des klaren, leeren, nicht-dualen Gewahrseins bleibst, gibt es in diesem Geist nicht das geringste Leiden. Du wirst verstehen, dass der Geist jenseits von Geburt und Tod ist. Es wird „der große Glückseligkeit Dharmakaya“ genannt. Es ist ein andauernder, ununterbrochener Zustand der großen Glückseligkeit. Die Yab-Yum-Gottheit erinnert uns an diesen ununterbrochenen Zustand der Glückseligkeit. So heißt es: „Vajra und Glocke haltend, ist er mit seiner Gefährtin Varahi, ein gebogenes Messer und einen Schädel haltend. Der Vater und die Gemahlin sind mit Knochenschmuck, Bändern und Juwelen geschmückt. Mit einem Bein ausgestreckt und dem anderen gebogen, stehen sie auf Kalaratri und Bhairava. Sie bewegen sich in den neun Stimmungen des Tanzes und verweilen in einem Glanz von Strahlen und Lichtern“.

Dann gibt es eine kurze Darbringung der Sieben Zweige, „Niederwerfung, Darbringung, Bekenntnis,…“. Was die Bedeutung der Sieben Zweige betrifft, so sagt man, dass sie ein Gegenmittel gegen die sechs betrübten Emotionen sind, plus die Hingabe als Gegenmittel, um sich an die eigenen Wurzeln der Tugend zu klammern.

Dann heißt es: „Großer Guru Vajradhara, bitte gewähre mir die Ermächtigung!“ Wer ist der Guru Vajradhara? Die regenbogenartige Form ist jenseits von Geburt und Tod. Wer weiß das? Wenn du deinen eigenen Geist siehst [du siehst das nur], wird sich der Körper verändern. Der Geist ist klar und leer, aber wenn er sich mit dem Festhalten am Selbst verbindet, wird er in den sechs Bereichen von Samsara umherwandern. Wenn ihr die Buddhaschaft erlangt, ist der klare und leere raumähnliche Geist immer noch da. Er ist immer da; er stirbt nie und wird nie geboren. Er wird nicht aus Ursachen geboren und kann nicht durch Bedingungen zerstört werden. Kann der Raum verschwinden? Er kann nicht aufhören zu sein, und niemand kann ihm ein Ende bereiten. Dies ist Vajradhara. Dies ist der Geist des Gurus, unabhängig von seinem äußeren Körper. Die äußere Form, hier, ist der Sambhogakaya. Der innere Geist ist der Dharmakaya. Sambhogakaya und Dharmakaya sind verbunden, wie ein Regenbogen. Obwohl man die Farben eines Regenbogens klar sehen kann, ist seine Essenz nicht greifbar; sie ist klar und leer, der Sambhogakaya.

Dann heißt es: „Weißes Licht strahlt von der Haarwindung zwischen den Brauen des Guru Vater-mit-Gefährten aus und löst sich zwischen meinen Brauen auf.“ Dadurch, wie wenn man einen Holzstapel in Brand steckt, ermächtigt man seinen Körper mit der Form der Gottheit. Diese Schritte sind mit den vier Ermächtigungen verbunden. Denkt hier also, dass sich euer Körper in die Gottheit verwandelt, so wie man einen Holzstapel in Brand steckt. Alles Festhalten an der substantiellen Form und die Begriffsetiketten sind weggebrannt worden.

Dann heißt es: „Weißes Licht mit einem roten Schein strahlt vom Punkt der Vereinigung des Guru-Vaters und -Gefährten aus.“ Die meisten Menschen sagen, dass das Licht aus der Kehle strahlt, aber Jigten Sumgön sagt, dass der eigentliche Segen des Gurus durch das Trinken der Bodhicitta-Tropfen kommt, die während der dritten Ermächtigung aus der Vereinigung des Guru Yab-Yum strömen.

„Weißes Licht mit einem roten Schein strahlt vom Punkt der Vereinigung des Guru Vater-und-Gefährten aus und löst sich in meiner Kehle auf.“ Davon ausgehend füllt große Glückseligkeit alle Kanäle deines Körpers. Daher ist das Bodhicitta-Element sehr kostbar. Die Kanäle sind der Nirmanakaya, die Winde sind der Sambhogakaya und die Tropfen sind der Dharmakaya. Durch die Praxis der Kanäle, Winde und Tropfen kann der Zustand der drei buddhas kāyas erreicht werden. Durch die eigenen Tropfen entstehen das Festhalten und das Verlangen. Durch die Praxis der Kanäle, Winde und Tropfen dämmert die Bedeutung der leeren Glückseligkeit – die Natur des Bodhicitta des Gurus, die leere Glückseligkeit ist, frei von dualistischem Festhalten – in eurem Geistesstrom auf.

„Weißes Licht mit einem roten Schein strahlt vom Punkt der Vereinigung des Guru-Vaters und -Gefährten aus und löst sich in meiner Kehle auf.“ Der Nektarstrom aus dem geheimen Zentrum des Guru Yab-Yum dringt in deine Rede ein und füllt alle deine Kanäle. Durch das Aufkommen extrem großer Glückseligkeit hören alle gewöhnlichen Gedanken auf. Das ist die Kraft, die in der dritten Ermächtigung gezeigt wird, repräsentiert durch den Nektar, der während der Ermächtigung aus dem Schädelschale empfangen wird.

„Weißes Licht mit rotem Schein strahlt… löst sich in meiner Kehle auf und reinigt die Verdunkelungen meiner Sprache. Ich empfange die höchste geheime Ermächtigung und ich komme, um die Rede jedes Buddhas zu verkörpern.“ Dadurch sind alle Klänge zu dem sich selbst widerhallenden Klang des Mantra geworden. Wenn der selbstklingende Klang des Mantras kontinuierlich aufrechterhalten wird, ist das Tor zum Festhalten am Klang verschlossen. Und dieses Tor muss geschlossen werden. Du musst dein Festhalten am Klang wirklich erkennen, denn das Festhalten am Klang ist äußerst zerstörerisch. Wenn du nicht danach greifst und den Klang hörst, wenn jemand sagt: „Du bist ein Buddha“, wirst du nicht erfreut sein. Und wenn jemand sagt: „Du bist ein Dämon“, wirst du nicht beleidigt sein. Wenn du weißt, dass die Worte leer sind, ist die Kraft des Mantras manifest geworden. Solange du nach dem Klang greifst, wird das Gemüt durch abwechselndes Anhaften und Abneigung verdunkelt. Solange du die Sichtweise nicht erkannt hast, wird das Greifen aufkommen. Wenn du die Sicht verwirklicht hast, wird es kein Festhalten am Klang mehr geben. Ihr habt also das höchste Geheimnis, die Rede, die Ermächtigung erhalten.

Dann „strahlt blaues Licht aus dem endlosen Knoten im Herzen des Guru Vater und Gefährte aus, löst sich in meinem Herzen auf und reinigt die Verdunkelungen meines Geistes. Wenn du die Natur dieser großen Glückseligkeit betrachtest, ist die Essenz der großen Glückseligkeit von Natur aus leer. Blaues Licht strahlt aus dem Herzen, und dein Körper und Geist werden völlig leer, wie der Raum. Dies ist die dritte Ermächtigung, es ist die Ermächtigung mit der Praxis-Gefährtin des Geheimen Mantras, bei der wir in die große Glückseligkeit eingeführt werden, wenn die gewöhnlichen Gedanken aufhören. So „empfange ich die höchste dritte Ermächtigung“. Dann meditieren wir über die Bedeutung der höchsten dritten Einweihung.

Der Guru Yab-yum löst sich in Licht auf, das zu Nektar wird, der in deine Krone eintritt und deine drei Tore reinigt. Der Guru, Yab und Yum sind nondual. Der Guru und dein eigener Geist sind nondual. Dies ist der Svabhavikakaya.

„Ich erhalte die vierte Ermächtigung und erkenne die ausgedehnte und gleiche Essenz spontan als Körper, Rede, Geist und Weisheit eines jeden Buddhas“. Der Guru, dein eigener Geist und der Buddha werden gleich. Wenn du in der letztendlichen Sichtweise bleibst und weißt, dass es keine Trennung gibt, dann ist das die Weisheit der vierten Ermächtigung.

Während ausgedehnter Ermächtigungen werden wir im Wort Ermächtigung in diese eingeführt. Wenn du die Bedeutung der Ermächtigung vollständig verstanden hast, kannst du die Ermächtigung von dir selbst nehmen. Selbst wenn du jemand bist, der keine Ermächtigung erhalten hat, der aber die Praxis einer bestimmten tantrischen Trennung auf einer geheimen Ebene klar versteht, kannst du dich tatsächlich mit der Praxis beschäftigen.

Auf der Basis musst du Bodhicitta haben. Wenn dir Bodhicitta fehlt, selbst wenn du die Ermächtigung erhältst und dich mit dem Praktizieren beschäftigst, wird das Ergebnis weniger gut sein. Wenn du Bodhicitta hast, kannst du eine Selbstermächtigung nehmen, du kannst eine Selbstübertragung oder einen Segen erhalten, der übertragen wird, wenn ein Text auf deinen Scheitel gelegt wird. Wenn du wirklich den Dharma praktizieren willst, kannst du die Übertragung an dich selbst geben. Es gibt einige, die sehr gläubig sind und wirklich praktizieren wollen, aber es wird ihnen gesagt, dass sie, ohne die Ermächtigung und die Übertragung erhalten zu haben, den Text nicht anschauen dürfen. Sie wollen es so sehr wissen, aber sie haben das Gefühl, dass es ohne die Ermächtigung keinen Weg gibt. Eigentlich können sie sie auch über das Telefon empfangen und so weiter. Die Menschen haben die Ermächtigung durch den Livestream von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama erhalten.

Wenn du die Bedeutung der Ermächtigung verstehst, ist es nicht unbedingt notwendig, die Vase auf deiner Krone zu empfangen. Milarepa sagte: „Das Berühren der Vase auf der Krone deines Kopfes ist die äußere Ermächtigung. Deinen Körper als den Körper der Gottheit zu erkennen, ist die innere Ermächtigung.“ Es ist, wenn du erkennst, dass dein Körper reifen kann.

„Das Erkennen deines Geistes selbst ist die endgültige Ermächtigung. Die Sicht – die Natur des Geistes – zu erkennen, ist die letztendliche Ermächtigung. Ermächtigung sollte als „Souveränität“ verstanden werden. Wenn du die Natur des Geistes – die nicht-duale, ursprüngliche Weisheit – erkennst, erlangst du den Zustand von Vajradhara, dem königlichen Sitz des Dharmakaya. Du erlangst den königlichen Sitz des Dharmakaya, und zum Wohle anderer werden Nirmanakayas und Sambhogakayas erscheinen und wie ein großer König zum Wohle der fühlenden Wesen bis zum Ende von Samsara handeln. Das ist der königliche Sitz des Dharmakaya oder die Ermächtigung des Svabhavikakaya; sie haben die gleiche Bedeutung. „ Daher verweile ich in Mahamudra – ohne Ausschmückung, (einfach) ursprüngliches Gewahrsein. „Ohne Ausschmückung“ bedeutet, dass die Natur des Geistes frei von allen ausgearbeiteten Extremen der Existenz und Nichtexistenz, des Ewigkeitsglaubens und des Nichtigkeitsglaubens ist. Wenn du meditierst, ist der Geist, der wie der Raum durchdringt, kein Objekt der konzeptuellen Analyse; er ist also unausgearbeitet. Ausschmückung ist die begriffliche Analyse von Zustimmung oder Leugnung, „es ist“ oder „es ist nicht“. Die Natur des Geistes kann nicht konzeptuell analysiert werden, sie kann einfach realisiert werden. Wenn du den natürlichen Zustand der Mahamudra realisierst, ist das die ultimative Ermächtigung.

„Durch diese Tugend mögen ich und alle anderen Wesen den glorreichen Guru schnell vollenden und alle fühlenden Wesen ohne Ausnahme in diesen Zustand versetzen.“ Wenn du wirklich eine Sadhana praktizieren möchtest, auch wenn du keine Ermächtigung erhalten hast, wenn du von ganzem Herzen Glauben und Bodhicitta hast, dann wird es dir durch die Samadhi-Ermächtigung  ermöglicht, diese Praxis zu praktizieren. Das ist die Bedeutung von „geheim“.





Von Garchen Rinpoche; übersetzt aus dem englischen Transkript seines Vortrages in Taiwan ins Deutsche vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es segensreich sein!

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