Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. August 2020

Buddha Shakyamuni und Padmasambhava

Im Mahaparinirvana-Sutra verkündete Buddha Shakyamuni den Schülern, die zu dieser Zeit bei ihm waren, sein Parinirvana. Viele von ihnen, insbesondere Ananda, Buddhas Cousin und persönlicher Begleiter, waren ziemlich bestürzt, als sie dies hörten. Also wandte sich Buddha an Ananda und sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen. „Acht Jahre nach meinem Parinirvana wird ein bemerkenswertes Wesen mit dem Namen Padmasambhava in der Mitte eines Lotus erscheinen und die höchste Lehre über den letztendlichen Zustand der wahren Natur offenbaren und allen fühlenden Wesen großen Nutzen bringen. Buddha Shakyamuni sagte, dass Padmasambhava noch erleuchteter sein werde als er selbst.

Natürlich war Buddha Shakyamuni vollständig erleuchtet, und es gibt keine höhere Verwirklichung, aber durch die Ausdrucksweise des Buddha können wir beginnen, die Bedeutung von Guru Padmasambhava zu begreifen. Einige Berichte besagen, dass Guru Rinpoche eine direkte Reinkarnation von Buddha Shakyamuni ist. Buddha Shakyamuni sagte auch, Padmasambhava sei eine Emanation von Buddha Amitabha und Avalokiteshvara und bezeichnete ihn als die Verkörperung aller Buddhas der drei Zeiten. Viele Prophezeiungen deuten darauf hin, dass Guru Rinpoche ein vollständig erleuchteter Buddha sein würde, der in dieser Welt erscheinen würde, um fühlenden Wesen zu helfen.

Zum größten Teil präsentierte Buddha Shakyamuni Hinayana- und Sutra-Mahayana-Lehren, während Guru Padmasambhava das Vajrayana lehrte. Beide enthüllten den vollständigen und vollkommenen Pfad zum Erwachen, so dass Menschen aller Fähigkeiten davon profitieren können. Die absolute Ebene der Lehre des Buddha liegt jenseits der Vorstellungskraft. Wenn sie nicht über die konzeptuelle Ebene hinausginge, gäbe es keine Notwendigkeit, unsere normale Art, die Dinge zu verstehen, zu ändern.

Um uns zu helfen, die ursprüngliche Natur zu erkennen, lehrte Buddha Shakyamuni immer wieder, dass wir das Festhalten an gewöhnlichen dualistischen Vorstellungen, engen Einstellungen, Engstirnigkeit, Engstirnigkeit, traditionellen Regeln, Überzeugungen und Begrenzungen überwinden müssen. Die letztendliche Bedeutung der höchsten Lehre wird von fühlenden Wesen nicht ohne weiteres verstanden. Aus diesem Grund schwieg Buddha Shakyamuni nach seiner Erleuchtung neunundvierzig Tage lang. Er dachte: „Ich habe das tiefste und subtilste Dharma verwirklicht, das klare Licht, das frei von aller Komplexität ist. Dies ist jedoch viel zu tief, als dass normale Menschen es verstehen könnten. Deshalb werde ich schweigen.“ Er wusste, wie schwer es sein würde, die Wahrheit seiner Einsicht zu vermitteln. Obwohl er schließlich fünfundvierzig Jahre lang unermüdlich lehrte, spiegelt sein erster Gedanke die außergewöhnliche Natur des Zustandes wider, in den er im Vergleich zu weltlichen Ideen und Vorstellungen erwacht war.

Sutra ist ein Sanskrit-Wort, das „verdichtet oder zusammengefasst“ bedeutet. Schriften, die diesen Titel tragen, weisen darauf hin, dass diese Lehren direkt in der Welt vermittelt wurden, um ein klares Verständnis sowohl der relativen als auch der absoluten Aspekte unserer Existenz zu vermitteln. Sie liefern Wissen, mit dem ein Praktizierender die Buddhaschaft verwirklichen kann. Die meisten Lehren von Buddha Shakyamuni richten sich an gewöhnliche Wesen und bieten ein direktes Mittel zum Verständnis der Natur unserer Erfahrung. Es handelt sich um eine nicht-esoterische Sichtweise, die an die allgemeine Logik appelliert, mit Grundsätzen, die durch genaue Beobachtung der Elemente, die unsere Alltagswelt ausmachen, überprüft werden können. Mit diesem Wissen kann man sich auf dem Weg zur Erleuchtung bewegen. Das ist die Grundintention des Sutra-Mahayana.

Das Vajrayana ist auch als Tantra bekannt. Die tantrischen Lehren basieren auf dem Sutra Mahayana, bieten aber zusätzliche Mittel und Methoden. Vajrayana-Praktiken ermutigen uns, einen tieferen Blick auf unsere Wahrnehmungen zu werfen, die ursprüngliche Natur zu verstehen und zu lernen, den Geist in diesem Zustand zu bewahren. Die Sutras können als allgemeine Lehren bezeichnet werden, welche die Natur des bedingten Geistes und der Wahrnehmung klären, während das Vajrayana die geheime Struktur der Phänomene enthüllt und für fortgeschrittenere Praktizierende gedacht ist. Obwohl sie die gleiche Grundlage haben, geht das Vajrayana weiter in Richtung auf das Verständnis der transzendentalen Realität. Sowohl Sutra als auch Tantra zusammen zu praktizieren, kann in diesem Leben Erleuchtung bringen, sogar innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne. Eine solche Geschwindigkeit zeichnet die Vajrayana-Techniken aus. Der Buddha gab Vajrayana-Unterweisungen nur privat, um Gruppen von Schülern auszuwählen.

Da die Essenz und sogar die Form dieser höheren Lehren jenseits der üblichen Vorstellung liegt, werden sie auch als geheime Lehren bezeichnet. Nachdem der Buddha ins Mahaparinirvana eingetreten war, wurden diese geheimen Lehren von einer Vielzahl von Weisheits-Dakinis bewahrt. Als Guru Rinpoche als die Reinkarnation von Buddha Shakyamuni erschien, offenbarte er die Vajrayana-Lehren in ihrer Gesamtheit. Aus diesem Grund ist Guru Rinpoche als der Buddha des Vajrayana bekannt.

Vom Khenchen Palden Sherab Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. August 2020

Dharma-Substanzen – Geschickte Mittel der Befreiung

Der Einsatz von Substanzen auf dem Pfad zur Befreiung findet im Mahayana und Vajrayana große Verwendung. Allerdings handelt es sich dabei nicht um irgendwelche psychoaktiven Substanzen, sondern es sind Dharma-Substanzen, die der erleuchteten Sphäre als Schätze entnommen wurden, gegebenenfalls durch Mantra, Mudra und Samadhi gesegnet wurden und nun die Praktizierenden auf dem Pfad mittels Segenskraft unterstützen. Manche dieser Substanzen sind sogar selbstsegnend, d.h. sie sind Manifestationen der Erleuchtung beispielsweise in Dakini-Schrift oder bestimmten Symbolen, die keiner weiteren Bearbeitung durch Praktizierenden benötigen. Der dieser Anwendung zugrundeliegende Gedanke ist das Wissen um das bedingte Entstehen (tib., rten ‚brel snying po). Das bedeutet, dass sich mittels Mantra, Mudra und Samadhi aus der Leerheit gemäß dem bedingten Entstehen die erleuchtete Absicht (tib., dgongs pa) manifestiert.

Als Tendrel ist aber nicht nur das bedingte Entstehen, wie von Nagarjuna im Madhyamaka erklärt, zu verstehen, sondern es ist auch das „glückliche Zusammentreffen“ bzw. das Zusammenkommen günstiger Umstände (tib., bkra shis rten ‚brel). Es ist dann eine glückliche Fügung von Dingen. Chögyam Trungpa schreibt dazu in „Ein flüchtiger Blick auf den Abhidharma“:

Diese Vorstellung von Glück wird gewöhnlich entweder nur als eine Redewendung angesehen oder mit Aberglauben in Verbindung gebracht. Sie beinhaltet ein Gefühl der Macht. Das Wort für „glücksverheißend“, wie es mit „Zusammentreffen“ oder dem Begriff Tendrel verbunden ist, heißt im Tibetischen Trashi, im Sanskrit Mangalam. Das Glück ist ein Aspekt des Zufalls, des Zusammentreffens von Bedingungen. Die Bewegung von Unwissenheit und Gefühlen und Wahrnehmungen und so weiter ist in gewisser Weise verheißungsvoll und angemessen, weil alle diese zwölf Kausalzusammenhänge ununterbrochen und unfehlbar miteinander verbunden sind. Mit anderen Worten, es gibt keinen Irrtum über das, was geschieht. Alles ist in genau diesem Moment richtig und angemessen. Das ist es, was Mangalam ist, oder Trashi – ein Segen.

Chögyam Trungpa; Glimpse of Abhidharma

In diesem Sinne, dem Bewerkstelligen von günstigen Umständen, sind die weiteren Ausführungen zu verstehen.

Befreiung ohne Meditation

Im Vajrayana kennt man neben der Praxis der Meditation fünf weitere Methoden, die zur Befreiung führen, ohne dass man meditiert. Dies geschieht durch Sehen, Hören, Schmecken, Berühren und Erinnern. Betrachten wir in Folge, was darunter zu verstehen ist.

Thongdröl – Befreiung durch Sehen (tib., mthong grol) ereignet sich, indem man die Wahrheit sieht, den Guru, den Buddha, eine Statue, eine Mantra-Inschrift usw.

Thödröl – Befreiung durch Hören (tib., thos grol) ist hierzulande schon länger bekannt und geschieht beispielsweise durch das Hören einer bestimmten Lehre. Ein bestimmter Textabschnitt im Karling Zhitro – gemeinhin als „Tibetisches Totenbuch“ bekannt – ist das Bardo Thödrol. Hier wird der verstorbenen Person der entsprechende Meditationstext vorgelesen, in dem zu Lebzeiten meditierte Mandala detailreich beschrieben wird. Außerdem wird der verstorbenen Person der Ablauf des Sterbens und des Übergangs (tib., bar do) auf diese Weise in Erinnerung gerufen und sie daran erinnert, dass die auftauchenden Erscheinungen keine Eigennatur haben, sondern die Manifestation der eigenen Geistesnatur sind. So wird die verstorbene Person durch den Zwischenzustand geleitet und man versucht, das nunmehrige Bardo-Wesen entweder zur Befreiung oder zumindest zu einer günstigen Geburt zu führen.

Eine andere Methode der Befreiung durch Hören geschieht durch die Verwendung von Mantras und Dharanis, die man hört.

Nyongdröl – Befreiung durch Schmecken (tib., myong grol) passiert beispielsweise durch das Schmecken von Amrita (aka „Lama-Dütsi“) oder anderen Essenzen. Es gibt verschiedene Arten von Nektar, die als Kügelchen oder Pulver für die Einnahme zur Verfügung stehen. Amrita (tib., bdud rtsi) bedeutet Todlosigkeit bzw. Unsterblichkeit. In einem Tantra wird dazu gesagt: „Wenn man auf Samsara, das wie Mara (bdud) ist, das Elixier (rtsi) der Wahrheit des Dharma anwendet, wird es Nektar (bdud rtsi) genannt.“ Gerade Amrita (Nektar; Dütsi) ist im Vajrayana von wesentlicher Bedeutung. Der 13. Dalai Lama schrieb dazu:

„Es wird gesagt, dass alle Siddhis, einschließlich der Vollendung des Vajra-Körpers der Unsterblichkeit, das Ergebnis der Qualitäten von Amrita sind.“

Außerdem kommt Amrita auch eine medizinische Bedeutung zu, wo im Werk „Acht Bände über Nektar“ erklärt wird:

„Er heilt die 424 Krankheiten und vernichtet die vier Maras, er ist die höchste Essenz, der König der Medizin.“

Der Nektar wird im Rahmen eines Mendrub (tib., sman sgrub), einer rituellen Praxis, während der eine große Menge an Amrita fermentiert und geweiht wird, hergestellt.

Tagdröl – Befreiung durch Berühren/Tragen (tib., btags grol) geschieht durch das Berühren oder Tragen von bestimmten Substanzen, Diagrammen (Mandalas), Amuletten oder Mantra-Rollen. Ein Tagdröl kann Teil einer ausführlichen Ermächtigung sein oder es kann unabhängig davon gegeben werden.

Ein Tagdröl wird häufig als Praxisstütze, als Segensobjekt selbst trägt oder als Dharma-Gabe auf den Körper eines Verstorbenen legt, damit die Segenskraft dessen Geistesstrom durchdringt. Auf diese Weise unterstützt man die verstorbene Person dabei, die Leiden des Zwischenzustandes nach dem Tod aufzuheben.

Exkurs: Amulette – Praxisstütze und Schutz

Ein Amulett dient entweder dem Schutz und/oder Abwehr von Ungemach oder fungiert als Praxisstütze.

Praxisstütze

Häufig tragen tantrisch Praktizierende nach erfolgreicher Praxisklausur auf eine bestimmte Meditationsgottheit ein Yantra (Symbole und Mantras) bzw. das entsprechende Tantra oder einen wesentlichen Praxistext als Amulett oder in einer kleinen Schmuckschatulle (tib., ga’u) bei sich. Dies dient als ständige Verbindung zur absolvierten Praxis.

Das Lebenskraftamulett des Rigdzin Düpa Dechen Namröl symbolisiert den gesamten Mandala-Palast, in dem Guru Rinpoche, seine acht Emanationen, die acht Vidyadharas, die mit den acht Haupt-Sadhanas der Nyingma-Tradition verbunden sind, ferner die 25 Herzensschüler, Schützer, Buddha Amitabha usw., einfach alle versammelt sind.

Trägt man das Amulett der Grünen Tara am Hals, dann wird wie im Wurzeltext zum Amulett vermerkt: „Trägt man es um den Hals, wird man die höchsten und gewöhnlichen Verwirklichungen erlangen. Indem die Qualitäten der (meditativen) Erfahrungen und Verwirklichungen zunehmen, führt es dazu, dass man die Befreiung auf der Stufe Alles Licht erlangt.“

Beim Lebenskraftamulett der Thröma Nagmo wird gesagt: „Trägt man es beständig, ohne sich davon zu trennen, werden alle Unterbrechnungshindernisse beseitigt und man es wird zur Quelle der höchsten und gewöhnlichen Verwirklichungen.“

Bei der Lebenskraftstütze – dem Amulett – der Yeshe Tsogyal ist die große Gefährtin, die Dakini Yeshe Tsogyal selbst ist im Zentrum des Amuletts und ist umgeben von den vier Dakinis in Gestalt der Keimsilben. Mit den im Amulett befindlichen Mantras wird die Kraft der Yeshe Tsogyal in ihrer friedvollen und zornvollen Manifestation eingeladen, man bittet dabei um dieüberragenden Verwirklichungen und langes Leben, um Weisheit und höchstes Wissen und um die Siddhis der meditativen Versenkung. Darüber hinaus werden die Mamos und Dakinis angerufen – also alle weltlichen weiblichen Kräfte – und bittet sie, die vier erleuchteten Aktivitäten auszuführen: 1) alle dämonischen Kräfte, Hinderer, Krankheitsursachen usw. sollen befriedet werden; 2) Lebensspanne, Verdienst, Pracht, Charisma, Qualitäten, Vitalität, Lebenskraft, Windpferd sollen anwachsen; 3) alle männlichen und weiblichen Wesen – die Götter und Geister, die Menschen und was sonst noch herumkreucht und fleucht – der drei Bereiche und drei Welten sollen unter die Herrschaft von einem gebracht werden; und 4) die fünf Gifte und drei Gifte sollen zusammen mit den Feinden und hinderlichen Kräften allesamt in den Dharmadhatu befreit werden. Außerdem sind die Symbole des Weltenherrschers, sowie die glückverheißenden Symbole drinnen. Im Wurzeltext heißt es, dass man dieses Amulett von Zeit zu Zeit wieder neu aufladen soll, indem man das Mantra rezitiert. Ach ja, ich werde davon einen kurzen Text auf rangdrol’s Blog stellen, damit sich die Leute das herunterladen können. Umwickelt mit fünffarbigen Fäden und in scharlachrote Seide eingeschlagen, soll man es im Geheimen tragen, sodass es nicht durch andere Hände wandert. Wenn man das macht, werden die Mamos und Dakinis einen wie das eigene Kind beschützen.

Schutzamulette

Wie beim Lebenskraftamulett des Tsi’u Marpo verkündet, ist es, dass „er einem wie ein Diener folgt“, wenn man sein Yantra (Amulett), das um einen Phurba gewickelt ist, um den Hals trägt. Beim Lebenskraftamulett der Shaza Hormo wird gesagt: „Errichte es als Stütze der der Praxis, durchdringe es nachdrücklich mit der Visualisation! Trägt man es, ungetrennt von meditativer Wärme, um den Hals, dann wird die Mamo einen beschützen wie ihr geliebtes Kind.“ Auch beim Schutzamulett des Za Düd Rahula wird gesagt, trägt man es um den Hals bzw. am Körper, dann wird er einem folgen wie der eigene Schatten.

Andere Schutzamulette können eine Dakini-Schrift beinhalten, die nur vom jeweiligen Schatzfinder (Tertön; tib., gter ston) entschlüsselt werden kann (siehe Srung Dril des Sangye Lingpa). Ein Schutzamulett kann aber auch einfach ein bestimmtes Mantra enthalten, das z.B. mit Gold auf schwarzem oder dunkelblauem Papier geschrieben wurde (siehe Rüstungs-Mantra; Dorje Gotrab).

Natürlich ist es erforderlich, diese Amulette immer wieder zu aktivieren, d.h. mit Mantra, Mudra und Samadhi zu segnen. Wenn man jedoch keine Möglichkeit dazu hat, dann ist auch hingebungsvolles Vertrauen wie im Fall der Geschichte mit der alten Frau und dem Hundezahn hilfreich, wie von Patrul Rinpoche erzählt.

Drändröl – Befreiung durch Erinnerung (tib., dran grol) ist eine Form der Befreiung, bei der beispielsweise Phowa (tib., ‚pho ba) – die Übertragung des Bewusstseins – angewendet wird. Durch Erinnerung an die früher ausgeführte Praxis geschieht hier zum Zeitpunkt des Todes die Befreiung, in diesem Fall die Übertragung des Bewusstseins in ein reines Land (z.B. Mahasukhavati).

Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. August 2020

Ruhen in der Leichtigkeit der Illusion

Wenn wir von den Lehren des Buddha sprechen, die sowohl in den Sutras als auch in den Tantras des Geheimen Mantras zu finden sind, müssen diese immer mit den fünf Vollkommenheiten (phun sum tshogs pa lnga) des perfekten Lehrers, seines Gefolges, seines Ortes, seiner Lehre und seiner Zeit gelehrt werden.

Das Ruhen in Leichtigkeit in Illusion“ (sgyu ma ngal gso) wurde von Longchen Rabjam geschrieben, der wie die Sonne in seiner Fähigkeit, die Lehren des Dzogchen, der Großen Vollkommenheit, zu beleuchten, war. In Longchenpas Schriften finden sich sowohl die umfangreichen Abhandlungen als auch die tiefgründigen mündlichen Unterweisungen, und viele seiner Schriften gehören beiden Kategorien an. Die umfassende Herangehensweise des Pandita oder gelehrten Gelehrten stellt die Stufen des Pfades dar, die alle Lehren des Buddha enthalten. Eine Abhandlung (shastra; bstan bcos) repräsentiert die umfassende Art schriftlicher Arbeit und ist in der Art der Kommentare der indischen Meister zu den Lehren des Buddha gehalten. Die tiefgründige Art der schriftlichen Arbeit bezieht sich auf Texte, die die mündlichen Anweisungen (man ngag) enthalten, die für die Praxis der Sichtweise und Meditation benötigt werden.

Die Einleitung zu einer Abhandlung besteht traditionell aus fünf Abschnitten: der Autor, das Thema des Textes, die Kategorie des Textes, der Zweck, für den der Text geschrieben wurde, und der Ort, an dem der Text verfasst wurde. Ruhen in Leichtigkeit in Illusion ist eine Abhandlung mit mündlichen Anweisungen, d.h. sie besitzt die Qualitäten einer Abhandlung und enthält gleichzeitig die mündlichen Anweisungen, die für die Umsetzung der Lehren in die Praxis notwendig sind.

Um die fünf Abschnitte der Einleitung zu Longchenpas „Ruhen in Leichtigkeit in der Illusion“, dem dritten Band seiner Trilogie des „Ruhens in Leichtigkeit“ (Ngalso Kor Sum; ngal gso skor gsum), zusammenzufassen:
Der Autor dieses Textes ist Gyalwa Longchen Rabjam (1308-63), einer der größten buddhistischen Meister in der Geschichte Tibets.

Das Thema dieses Textes ist die Natur der Leere (stong pa nyid kyi rang bzhin), die die wesentliche Bedeutung aller Lehren von Sutra und Tantra ist. Der natürliche Zustand aller Phänomene ist Dharmata. Dharmata wird hier durch die acht Beispiele der Illusion veranschaulicht.

Was die Kategorie des Textes betrifft, so gehört das Ruhen in der Illusion zur Kategorie der Lehrzyklen des Stufenpfades (lam rim). Da die vollständigen Lehren des Buddha von der ersten Drehung des Dharma-Rades bis zur Großen Vollkommenheit in diesem Text zum Ausdruck kommen, wird er der Kategorie des allmählichen Pfades zugeordnet.

Der Zweck, für den der Text geschrieben wurde, war für Longchenpas Schüler. Er wurde auch für zukünftige Wesen geschrieben, die noch Hunderte oder gar Tausende von Jahren danach leben werden, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Lehren des Buddha von dieser Welt verschwinden werden.

Schließlich ist der Ort, an dem der Text verfasst wurde, der Rückzugsort von Longchenpa, der „Gangri Tokar“ oder „Schneeberg mit weißem Schädel“ genannt wird. Gangri Tokar ist als der fünfzackige Berg Tibets bekannt, nach dem berühmten fünfzackigen heiligen Berg von Wutaishan in China. Der Berg Wutaishan ist der eigentliche Aufenthaltsort des Bodhisattva Manjushri in dieser Welt. Da Longchenpa eine Emanation von Manjushri war, wurde Gangri Tokar natürlich ein irdisches Buddhafeld des Manjushri, genau wie Wutaishan in China.

Das Ruhen in Leichtigkeit in der Illusion“ ist der dritte Band von Longchenpas Trilogie des Ruhens in Leichtigkeit. Der erste Band der Trilogie trägt den Titel „Das Ruhen in Leichtigkeit in der Natur des Geistes“ (sems nyid ngal gso). Dieser Band ist sowohl umfangreich als auch tiefgründig, da es sich um eine umfangreiche Abhandlung handelt, die auch die tiefgründigen mündlichen Anweisungen enthält. Die Art und Weise, wie man über die Lehren des ersten Bandes der Trilogie, „Das Ruhen in der Leichtigkeit der Natur des Geistes„, meditieren soll, wird im zweiten Band, „Das Ruhen in Leichtigkeit in der Meditation“ (bsam gtan ngal gso), erklärt. Dieser zweite Band ist eine Anleitung in drei Kapiteln, welche die für die Meditation geeigneten Orte, die Arten von Praktizierenden der Meditation und die Methoden der Konzentration und der Meditation behandeln, innerhalb derer es drei Abschnitte gibt, die sich auf die drei Meditationserfahrungen der Glückseligkeit (bde ba), der Klarheit (gsal ba) und der Gedankenfreiheit (mi rtog pa) beziehen.

Der erste Band der Trilogie, „Das Ruhen in Leichtigkeit in der Natur des Geistes„, besteht aus dreizehn Kapiteln, die alle Stufen des Pfades und der Verwirklichung abdecken, von der Zuflucht bis hin zum Dzogchen, dem Höhepunkt der buddhistischen Lehren. Das neunte Kapitel dieses Buches erklärt die Bedeutung der Erzeugungs- und Vollendungsphase der Vajrayana-Meditation. Das zehnte und elfte Kapitel befassen sich mit der ruhigen, beständigen Meditation (shamatha; zhi gnas) und der Einsicht (vipasyana; lhag mthong).

Insbesondere aus dem zehnten und elften Kapitel dieses ersten Bandes stammt der dritte Band der Trilogie, Ruhen in Leichtigkeit in der Illusion (sgyu ma ngal gso), der die transzendente Einsicht (prajna; shes rab) erklärt, die Leerheit wahrnimmt. In diesem Text wird die Bedeutung der Leerheit durch die berühmten acht Beispiele der Illusion demonstriert, einer traditionellen Art und Weise, die Sicht der Leerheit durch acht Analogien oder Metaphern zu begründen.

„Das Ruhen in der Illusion“ lehrt die leere Natur aller bedingten Dinge, wie sie vom Buddha gelehrt wurde – und demonstriert, dass alle Phänomene, die wir erfahren, im Wesentlichen keine inhärente und wahre Existenz haben. In der Gesamtheit der Lehren des Buddha, in jedem der verschiedenen Fahrzeuge bis hin zum Dzogchen und einschließlich des Dzogchen, ist die wesentliche Wahrheit aller Dinge die Lehre der Leerheit (shunyata; stong pa nyid). Die Lehren über die Leerheit zeigen uns, wie wir das Festhalten und Fixieren auf die scheinbare Realität der Welt loslassen können und wie wir alles, was wir als illusorisch, als leere Erscheinungen wahrnehmen, betrachten können.

Im Allgemeinen ist es sehr wichtig, dass wir, wann immer wir den Lehren über die Leerheit zuhören, unsere Aufmerksamkeit nicht nach aussen richten. Die vom Buddha angedeutete Leerheit ist nicht etwas, das wir mit dem bloßen Auge sehen können. Stattdessen müssen wir von Anfang an nach innen schauen und mit Zuversicht die Leerheit unseres eigenen Geistes realisieren. Die Absicht aller Weisheitslehren des Buddhadharma besteht darin, dass sie uns in die Lage versetzen, die wahre Natur unseres Geistes, die Einheit von Klarheit und Leerheit, zu verstehen und zu erkennen.

Wenn wir beginnen, unsere eigene Erfahrung der Leerheit zu entwickeln, wird unser Festhalten an einem Gefühl des „Selbst“ zusammen mit den Gewohnheiten, die Erfahrung als real und substanziell zu begreifen, nachlassen. Sobald wir diese Grundlage durch das Verstehen der Natur unseres eigenen Geistes geschaffen haben, werden wir in der Lage sein, uns selbst zu beweisen, dass äußere objektive Phänomene in der Natur des Geistes nicht von vornherein vorhanden sind. Wir werden in unserer eigenen Erfahrung entdecken, dass vom Standpunkt der wahren Natur unseres Geistes aus gesehen alles, was wir um uns herum wahrnehmen, leere Erscheinungen sind, täuschend echt und substanzlos.

Aus „The Fearless Lion’s Roar. Profound Instructions on Dzogchen“ von Nyoshul Rinpoche; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. August 2020

Die erleuchtete Absicht

Angesichts der erleuchteten Absicht der wahren Natur der Phänomene, die sich nie von einem Zustand der Ruhe, dem Grund des Seins, entfernt, gibt es keine Trennung in Äußeres und Inneres; denn diese Natur ist frei von den Ausarbeitungen der dualistischen Wahrnehmung. Es gibt keinen gewöhnlichen Geist, der sich auf etwas „Anderes“ – ein „Sinnesobjekt“ – fixiert, also ist nichts als Objekt verdinglicht, und eure Wahrnehmungen des Universums sind frei von Fixierung. Es gibt keinen Kontext für eine Wiedergeburt in Samsara – das ist dem Raum ähnlich. 

Es gibt kein inneres Konzept des Geistes als „Selbst“, also wird nichts als Subjekt verdinglicht, und die alles verzehrenden Denkmuster der bedingten Existenz werden zum Erliegen gebracht. Das Potenzial für die Wiedergeburt im Samsara wird an der Wurzel durchtrennt. An diesem Punkt seid ihr bei der erleuchteten Absicht des Dharmakaya angekommen, so wie Raum, in dem es keine Trennung in Äußeres und Inneres und keinen Bezugsrahmen für Phänomene gibt, die auf Verwirrung beruhen. Ihr habt den Punkt der Auflösung erreicht, und da es kein Kommen und Gehen gibt, ist alles eine unendliche Weite, der reine Bereich von Samantabhadra. Ihr habt den erhabenen Palast des Dharmakaya erreicht. 

Wenn das Gewahrsein im gegenwärtigen Augenblick nicht vom Grund des Seins abweicht, negiert die Gewöhnung an diese Erfahrung jede Förderung der bedingten Existenz. Man ist frei von Karma und gewohnheitsmäßigen Mustern, die die Wiedergeburt aufrechterhalten. Man ist zu der entscheidenden Erfahrung der Ursächlichkeit gekommen, die als die Gleichheit von Samsara und Nirvana beschrieben wird. Ihr seid bei der Herzessenz der Erleuchtung angekommen, die nicht in einer bedingten Existenz oder im Zustand des Friedens verbleibt. Es ist entscheidend, dass ihr zwischen diesem und einem einspitzigen Zustand des ruhigen Verweilens unterscheidet. Dies ist die erleuchtete Absicht der natürlichen großen Vollkommenheit. 

Wenn man von seiner grundlegenden Natur abweicht, ist das Funktionieren des begrifflichen Geistes ganz einfach Samsara. Das beinhaltet Ursache und Wirkung – ihr seid nicht zu der maßgeblichen Erfahrung gelangt. Eine Person, die diesen Fehler macht, fällt immer tiefer und tiefer. Deshalb entfernt sich das erhabene Geheimnis – die große Vollkommenheit – nicht vom grundlegenden Raum, und die Ausdrucksformen der dynamischen Energie lösen sich im Grund des Seins auf. Die erleuchtete Absicht bleibt als ein unbeirrbarer Zustand der Gleichheit bestehen. 

In diesem Kontext gibt es keine Ursache und Wirkung, keine gezielten Bemühungen. Die Sicht kann zum Beispiel in der Meditation nicht kultiviert werden. Obwohl der Modus des Beendens so beschrieben wird, dass er weder ein Zentrum noch eine Grenze hat, entstehen, wenn die dynamische Energie selbst von diesem natürlichen Zustand abweicht, die unzähligen Erscheinungsformen als die Vielfältigkeit des Universums der Erscheinungen und Möglichkeiten. Deshalb sollte man niemals kategorisch sagen: „Es gibt keine Ursache und Wirkung“. 

Die wechselseitige Abhängigkeit bewirkt, dass bedingte, zusammengesetzte Phänomene jenseits von Aufzählung und Vorstellungskraft liegen. Verwirrte Wahrnehmung in Samsara und sogar Zustände von Frieden und Glückseligkeit liegen jenseits von Aufzählung und Vorstellungskraft. All dies macht den Prozess der Verflochtenheit aus, d.h. das Zusammentreffen von Ursachen und Bedingungen. 

Wenn man die grundsätzlich nichtbedingte Natur bewertet, stellt man fest, dass es sie nie als irgendetwas gegeben hat. Wenn man diesen Pfad nimmt, hat man auch keinen Bezugsrahmen, um von dieser grundlegend nichtbedingten Natur in ihrer ganzen Unmittelbarkeit abzuweichen. Stattdessen schätzt man sie im Kontext einer erleuchteten Absicht. Indem man den endgültigen Zustand in der Unmittelbarkeit der eigenen, grundsätzlich nichtbedingten Natur erreicht hat, wird man durch gar nichts beschmutzt. 

Bedrückende Emotionen, Karma und gewohnheitsmäßige Muster finden in dieser riesigen Weite keinen Halt, sondern sind das Spiel der wundersamen Zauberspiele der Illusion. Ihr müsst davon befreit werden, also kommt bitte zu einer maßgeblichen Erfahrung der Ursächlichkeit. Als Mittel dazu gibt es nichts Besseres als diesen Ansatz. Deshalb ist es entscheidend, nicht von der erleuchteten Absicht der wahren Natur der Phänomene abzuweichen. Dies ist die Tragweite meiner tiefgründigen und von Herzen kommenden Ratschläge. Es ist entscheidend, jenseits dessen, was alles ist oder nicht ist, über „sein“ und „nicht sein“ hinauszugehen. 

Aus “ Die kostbare Schatzkammer des grundlegenden Raums der Phänomene“ (Chöying Dzö) von Longchenpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. August 2020

Rinchen Terdzö – eine Sammlung der kostbaren Schätze

Das Rinchen Terdzö (tib., rin chen gter mdzod) ist eine der umfangreichsten Textsammlungen der tibetischen Dharma-Praktiken. Allein der Erhalt der mündlichen Übertragung und Ermächtigungen des Rinchen Terdzö dauert vier bis sechs Monate. Eine Liste der gesamten Übertragungen kann hier eingesehen werden, wie die Übertragung vom damaligen Nyingma-Oberhaupt Penor Rinpoche im Jahre 2008 gegeben wurde.

Die Schatzkammer der wertvollen Termas, ist einer der fünf großen Schätze von Jamgön Kongtrul dem Großen. Es ist eine Zusammenstellung aller Termas, die bis zu seiner Zeit entdeckt wurden, einschließlich der Schätze von Chokgyur Lingpa. Aus Angst, dass diese Lehren verloren gehen könnten, begann er die Arbeit 1855 mit dem Segen von Jamyang Khyentse Wangpo, und sie wurde 1889 abgeschlossen. 

Der Rinchen Terdzö Chenmo ist die größte der fünf Schatzsammlungen, die Jamgön Kongtrul im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat. Diese außergewöhnliche Sammlung besteht aus den wichtigsten wiederentdeckten Schätzen des tibetischen Buddhismus und den Texten, die notwendig sind, um die damit verbundenen Ermächtigungen und Erklärungen zu geben, um sie zu praktizieren. 

Doch die Sammlung dieser wertvollen Praxistexte war nicht das alleinige Werk von Jamgön Kongtrul. Auch sein Dharma-Bruder, der große Jamyang Khyentse Wangpo, war an dieser Zusammenstellung beteiligt. Jamyang Khyentse Wangpo reiste dreizehn Jahre lang durch Zentral- und Osttibet, um die Texte zu sammeln und die Übertragungen für die vielen Linien zu erhalten, die fast ausgestorben waren und nur noch von wenigen Menschen gehalten wurden. Die eigentliche Redaktion und Herausgabe des Rinchen Terdzö wurde von Jamgön Kongtrul in der Kloster-Einsiedelei von Dzongshö Deshek Dupa durchgeführt, einem abgeschiedenen Bergretreat zwischen Dzongsar und Kathok, wo Khyentse Wangpo eine Reihe von Termas enthüllt hatte, die mit den Acht Herukas in Verbindung stehen. 

Dilgo Khyentse Rinpoche veröffentlichte eine Ausgabe in 111 Bänden, die auf der Tsurphu-Ausgabe basierte, ergänzt durch Blockdrucke aus Palpung und anderen großen Kham-Klöstern. Es sei jedoch angemerkt, dass die von Dilgo Khyentse Rinpoche veröffentlichte Version tatsächlich viele Texte enthielt, die nicht Teil des Terdzö waren, und nur deshalb aufgenommen wurden, weil es zu der Zeit im Exil ein bestimmtes Projekt gab, das die Amerikaner finanzierten und das für jeden Band bezahlte, und deshalb gilt: je mehr Bände, desto besser. Von den verschiedenen Ausgaben hat die Palpung-Ausgabe den größten Ruf für ihre Genauigkeit. Kürzlich hat das Shechen-Kloster eine neue Version herausgegeben, in der die Tsurphu- und die Palpung-Ausgabe kombiniert und einer gründlichen Rechtschreibprüfung unterzogen wurden. Der Hauptherausgeber war Dakpo Tulku Rinpoche. Diese neue und vollständige Version wurde von der Tsadra-Stiftung online zur Verfügung gestellt.

Sammlung der Nyingma-Lehren

Das Terdzö berührt die meisten der großen Schatzsammlungen bis zur Zeit von Kongtrul, und die darin enthaltenen Werke skizzieren deren Verbreitung durch nachfolgende Generationen von Meistern, die diese Enthüllungen aufrechterhielten. Das Terdzö zeigt zum Beispiel die beträchtlichen Beiträge von Minling Terchens persönlichen Schätzen sowie seine umfangreichen literarischen Bearbeitungen der Schätze früher Persönlichkeiten wie Nyangral Nyima Oser und Guru Chöwang. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist Karma Chakme, der ein wichtiger Dirigent von Mingyur Dorjes Namchö-Zyklus sowie ein produktiver Kommentator und Verfasser von Anweisungen für alle Arten der rituellen Aufführung war. Betrachtet man darüber hinaus größere Zyklen wie Rigdzin Godems Jangter, kann man leicht beobachten, wie diese von den aufeinander folgenden Generationen von Meistern des Dorje Drak Klosters und ihren Mitarbeitern gefördert wurden. 

Die von Jamgön Kongtrul vorgenommene Einteilung der Nyingma-Termas bietet eine interessante Struktur, an der sich auch nachfolgende Lehrer wie z.B. Dudjom Rinpoche bei der Gliederung von Schriftbänden orientiert haben. Die grundlegende Einteilung folgt den inneren Tantras und enthält die großen Klassen des Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga. Diese drei Kategorien gliedern sich in weitere Untergruppen.

Einführung

Zunächst beginnt der Rinchen Terdzö mit einer Sammlung von Lebensgeschichten der großen Meister. Wie bei vielen prominenten Textsammlungen dient dies auch hier als Darstellung von Authentizität der nachfolgenden Praktiken und auch dem Erwecken von Vertrauen in diese Lehren. Dieser Abschnitt enthält Biographien von frühen Persönlichkeiten, insbesondere von Guru Rinpoche und seinen Schülern, einschließlich Kongtruls eigener Offenbarungen des Lebens von Guru Rinpoche und Vairocana, sowie sein Kompendium von Terton-Biographien, die die Ursprünge der Lehren in den folgenden Bänden darlegen. Es gibt auch Bittgebete zu den Lebensgeschichten von Jamyang Khyentse Wangpo, Chogyur Lingpa und Jamgön Kongtrul, den drei prominentesten späteren Persönlichkeiten, die an der Entstehung des Rinchen Terdzö beteiligt waren. Insgesamt finden sich die Lebensgeschichten von 189 Tertöns – Schatzfindern – in dieser Sektion.

Verzeichnisse und Liniengeschichten

Dieser Abschnitt enthält einen umfangreichen Index und eine von Jamgön Kongtrul geschriebene Liniengeschichte, die den Inhalt des Rinchen Terdzö skizziert und die spezifischen Nachfolgelinien, durch die er ihre Übertragung erhielt, im Detail beschreibt. Ebenfalls enthalten sind seine Anweisungen zu den praktischen Verfahren, die mit der Gewährung der Übertragung verbunden sind, sowie mehrere zusätzliche Ergänzungen zu diesen Werken von späteren Haltern dieser Belehrungen, darunter der 11. Tai Situ, der 3. Dodrupchen und Dilgo Khyentse Rinpoche.

Mahayoga

Der bei weitem größte Abschnitt des Terdzö, der mehr als fünfzig Bände umfasst, enthält unter der Überschrift Mahayoga die mit den drei Wurzeln Guru, Yidam und Dakini verbundenen Praktiken im Zusammenhang mit dem Erzeugungsstadium, zusammen mit Versöhnungsriten, die mit den verschiedenen Schützern dieser Lehren in Verbindung stehen, sowie eine breite Palette von Aktivitätspraktiken.

Guru

Der Teil des Mahayoga beginnt mit den verschiedenen Praktiken auf die drei Aspekte des Gurus, der in Dharmakaya-Guru, in Sambhogakaya-Form und in Nirmanakaya-Gestalt von den Praktizierenden meditiert werden kann. Zunächst sind mehrere Wurzelpraktiken, dann Anrufungen und Bittgebete an den Guru, dann folgen längere Sadhanas auf die drei Aspekte des Lehrers. Diese bisher erwähnten Meditationen auf den Guru erfolgen immer auf die friedvolle Erscheinung des Lehrers. Anschließend wird auf den Guru in seiner zornvollen Erscheinung – Lama Dragpo und/oder Dorje Drolö – meditiert. Die berühmtesten Guru-Meditationen sind von Sangye Lingpa, Chogyur Lingpa, Ratna Lingpa usw. als Schatztexte offenbart worden.

Deva, Dakini und Dharmapala

Nach der Sammlung von verschiedenen Guru-Praktiken folgen die Deva-Meditationen, auch „Yidam-Praxis” genannt. Der Ishtadeva (erwählte Gottheit) ist die Gottheit, mit der das innewohnende Potential, die natürliche Leerheit und Strahlkraft der Natur des Geistes verwirklicht wird.

In der Nyingma-Tradition gibt es dazu zwei umfangreiche Mandalas, nämlich die Meditation der 100 Friedvollen und Zornvollen – „Zhitro” genannt – und die Logos-Gottheiten – „Drubpa Kagye” genannt. Praktizierende der Nyingma-Tradition sollten sich um Ermächtigung in beide Praxiszyklen bemühen, da diese beiden Zyklen alle Mahayoga-Lehren der Nyingma-Tradition abdecken.

Zhitro – 100 Friedvolle & Zornvolle

Das Rinchen Terdzö beginnt mit der Sammlung von Praktiken auf die 100 Friedvollen und Zornvollen (Gottheiten). Der Praxis-Zyklus der Zhitro hat Vajrasattva als Zentralgestalt. Dieser Praxiszyklus, der den meisten durch eine ergänzende Praxis des Karling Zhitro – den 100 Friedvollen und Zornvollen, offenbart von Karma Lingpa – als Tibetisches Totenbuch bekannt geworden ist, umfasst vor allem eine ausführliche Meditation auf das Mandala der 100 Friedvollen und Zornvollen, sowie kürzere Praktiken um die natürliche Reinheit der Natur des Geistes zu realisieren. Doch nicht nur Karma Lingpa hat eine Zhitro-Praxis offenbart, sondern auch andere Tertöns wie Chogyur Lingpa usw. haben Lehren dazu entdeckt.

Drubpa Kagye – die acht Herukas

Die Praxis der Kagye geht auf Guru Padmasambhava zurück, der von acht Vidyadharas – Vimalamitra (Chemchok), Humkara (Yangdag Heruka), Manjushrimitra (Yamantaka), Nagarjuna (Hayagriva), Prabhahasti (Vajrakilaya), Dhanasamskrita (Mamo Bötong), Rambuguhya (Jigten Chötö) und Shantigarbha (Möpa Dragngag) – die verschiedenen Meditationsgottheiten übertragen bekam. 

Vajradharma, der „Hüter der Geheimnisse“, stellte die Kagye-Belehrungen zusammen und schrieb sie nieder. Er brachte sie dann zum Shankarakuta, Dechen Tsegpa, wo sie in Gegenwart der großen Dakini Lekyi Wangmo begraben wurden. In der Stupa befand sich zusammen mit den acht Schatullen, jeweils eine für jede der Kagye, eine weitere Schatulle, die aus fünf verschiedenen kostbaren Materialien hergestellt und mit kostbaren Edelsteinen besetzt war, in der sich acht Unterteilungen befanden, die den acht Kagye entsprachen. Im Gegensatz zu den anderen Lehren, die für die getrennte Praxis jeder einzelnen Gottheit bestimmt waren, waren diese Lehren für die gemeinsame integrierte Praxis aller acht gleichzeitig. Diese Schatulle wurde in die Mitte der acht Vajra-Meister gestellt, ohne dass sie einem bestimmten gegeben wurde. Ein anderer historischer Bericht erzählt, wie dieses Behältnis, da es von den acht Vajrameistern nicht geöffnet werden konnte, wieder in den Stupa von Dechen Tsegpa gestellt und erneut vergraben wurde. Zu einem späteren Zeitpunkt kehrte Guru Padmasambhava zurück, um das Siegel zu öffnen und es zu enthüllen. Als er die Kagye Desheg Düpa aus dem Schatzkästchen herausholte, baten die Dakinis, die den Schatz bewachten, Padmasambhava, diese Lehren zu praktizieren und sie an andere weiterzugeben.

Daher kann man neben diesem Gesamt-Mandala auch die Gottheiten als einzelne Mandalas meditieren. Diese Lehren wurden nach Tibet übertragen und bilden den Kern des Nyingma-Systems der Mahayoga-Praktiken. Kagye, oder die Acht Befehle für die Sadhana-Praxis, ist ein sehr wichtiger und umfangreicher Zyklus von Belehrungen, der Guru Rinpoche und den acht Vidyadharas Indiens anvertraut wurde. 

Der Praxiszyklus der Drubpa Kagye besteht aus der Mandala-Praxis, in dem acht Herukas versammelt sind, orientiert sich dann aber im Detail an der Gliederung von Körper, Rede, Geist, Aktivität, Qualität und an drei weiteren Gruppen, wie der Praxis auf die Mamos, die Gabendarbringung und Lobpreisung von Weltlingen und der Gruppe der zornvollen Mantras. Das Kagye-Mandala besteht aus fünf zornvollen Weisheitsgottheiten, die den erleuchteten Körper (Yamantaka), die erleuchtete Rede (Hayagriva), den erleuchteten Geist (Yangdag Heruka), die erleuchteten Qualitäten (Amritakundali) und die erleuchtete Aktivität aller Buddhas (Vajrakilaya) sowie drei halbweltliche oder weltliche Gottheiten repräsentieren: Mamo Bötong, Jigten Chötö und Möpa Dragngag. Mit der Hauptgottheit Mahottara Heruka bildet sie einen komplexen Kreis von 725 Gottheiten.

Im gesamten Mandala der Kagye ist Chemchog Heruka – der höchste Heruka – die Zentralgestalt. Davon kann es äußere Sadhanas, innere Sadhanas und geheime Sadhanas geben. Der Unterschied zwischen diesen drei Klassen geschieht aufgrund der Visualisierung und Manifestation der Meditationsgottheit. Die äußeren Sadhanas haben neben der Selbstvisualisation als Gottheit auch noch eine umfangreiche äußere Visualisierung, d.h. das Mandala wird auch außerhalb von einem selbst imaginiert. Bei inneren Sadhanas erfolgt zwar auch eine Selbstvisualisation als Gottheit, aber das Mandala wird im Körper visualisiert, d.h. die im Kagye-Mandala befindlichen Gottheiten werden an bestimmten Körperstellen hervorgebracht. Die geheimen Sadhanas sind meist nur Selbstvisualisationen der Gottheit, ohne weiteres Gefolge.

Manjushri als friedvolle Gestalt des Körperaspekts ist der Ausgangspunkt. In seiner zornvollen Gestalt manifestiert er sich als Yamantaka und als äußerst zornvolle Gestalt tritt er als Nagaraksha in Erscheinung. 

Der Redeaspekt wird von Amitabha dargestellt. In seiner zornvollen Manifestation erscheint er als Hayagriva meist in roter Körperfarbe und in seiner äußerst zornvollen Gestalt als äußerst zornvoller Hayagriva – Tamdrin Yangthrö – im schwarzen Körper. Zusätzlich finden sich in diesem Praxiskreis auch Sadhanas auf Amitayus, den Buddha des Langen Lebens und auf Avalokiteshvara.

Die Praxis des Geistaspektes erfolgt durch Vajrasattva, der die friedvolle Erscheinung ist. In zornvoller Gestalt tritt er als Yangdag Heruka – Shri Heruka – in Erscheinung. Noch zornvoller manifestiert er sich als Vajrapani

Die nächsten Sadhana-Gruppen umfassen weniger Gestalten. Amritakundali wird für die Praxis der Medizin-Herstellung vewendet. Vajrakilaya ist der Repräsentant der erleuchteten Aktivitäten. Mamo Bötong behandelt verschiedene Praktiken auf die überweltlichen und weltlichen Dakinis. Es ist die befreiende Zauberei der Muttergottheiten. Eine wesentliche Figur in diesem Praxiskreis ist die löwenköpfige Dakini Simhamukha. Aber auch andere Dakini-Praktiken finden sich in dieser Sektion. Der Praxiszyklus von Jigten Chöto umfasst die Opfergabendarbringung und den Lobpreis der weltlichen Gottheiten. Der Zyklus von Möpa Dragngag – die Sammlung von zornvollen Mantras – beschließt die acht Herukas (Kagye).

Dann folgen zwei Textzyklen mit Praktiken für die männlichen und weiblichen Dharma-Schützer, sowie die Dakinis.

An dieser Stelle hat Jamgön Kongtrul auch noch einige Texte aus der Bön-Tradition eingefügt, die mit der Nyingma-Tradition sehr ähnlich sind. Immerhin gab es auch unter den Tibetern Praktizierende, die in beiden Tradition beheimatet waren, genauso wie es in Indien Praktizierende gab, die im Buddhadharma Verwirklichung erlangten, aber auch in der vedischen Tradition sehr gelehrt waren.

Anschließend folgen Sammlungen, die sich mit der Torma-Darbringung, mit der spirituellen Festversammlung – Ganachakra – und mit Brand- und Feueropferungen befassen. Weitere umfangreiche Textsammlung behandeln die vier erleuchteten Aktivitäten des Befriedens, Vermehrens, Magnetisierens und des intensiven Befreiens (oder Zerstörens). Dann folgen Texte, die sehr alltägliche Sorgen der tibetischen Bevölkerung und der Praktizierenden behandeln, wie z.B. das Abwehren von Hagel, das Regenmachen, das Land vor Frost zu schützen, die Menschen und Herden vor Krankheiten und Seuchen zu behüten, den Schutz vor verschiedenen Giften, den Schutz vor Feinden und den Schutz vor aller Art an Waffen. Dann werden Rituale der Befehlserteilung gelehrt, bei denen es sich um verschiedene Arten der Austreibung (Exorzismus) handelt. Ferner gibt es Rituale bei denen man „Fluchbriefe” oder Schutzsilben verwendet. Man findet im Rinchen Terdzö noch weitere Ritualsammlungen wie zum Befrieden von Feinden und Unterbrechungshindernissen, sowie von Krankheiten, verschiedensten Dämonen und bösen Geistern, aber auch Praktiken für die Lebensverlängerung, den Rückkauf der Vitalseele (tib., bLa), für das Täuschen des Todes, das Vermehren der Ernte und der Nachkommenschaft, das Ausbreiten der Lehren. In der Kategorie der unterwerfenden Rituale finden sich Schutz vor bösartigen Einflüssen, der Abwehr von Flüchen und das Zurückwerfen von bösartiger Magie. Darüber hinaus gibt es noch einige Anweisungen für Schutzamulette und weitere Illustrationen von Mandalas für verschiedene Praktiken.

Anuyoga

Dieser kürzeste Abschnitt des Rinchen Terdzö umfasst Schatztexte und reine Visionen, welche die Yogas der Vollendungsphase erläutern.

Atiyoga

Dieser Abschnitt ist für die Schätze bestimmt, die in erster Linie mit den Atiyoga- oder Dzogchen-Lehren verbunden sind, die, obwohl sie einige als Geist-Klasse (sems sde) kategorisierte Werke einschließen, zum größten Teil aus Zyklen bestehen, die sich auf die Upadesha-Klasse (man ngag sde) der Großen Vollkommenheit beziehen. Enthalten sind jene Schätze, die von den drei Hauptvorfahren stammen, die diese Lehren in Tibet eingeführt haben, nämlich Vimalamitra, Guru Rinpoche und Vairocana, sowie Enthüllungen, die sich auf die weiteren Unterteilungen von Chiti und Yangti beziehen, wie z.B. der Yangti-Nagpo-Zyklus des späteren Dungtso Repa.

Ergänzendes Material

Dieser Abschnitt enthält die abschließenden Wunschgebete und Verse für das Glück, das das Ende der früheren Ausgaben des Rinchen Terdzö darstellt, sowie zusätzliche Bände, die den späteren Ausgaben des Terdzö hinzugefügt wurden. Zu diesen zusätzlichen Bänden gehören Minling Terchens Sammlung von Schatzpraktiken, das Dojo Bumzang, das manchmal als „Keim“ des Terdzö bezeichnet wird, sowie andere Schatzzyklen, wie z.B. Chogyur Lingpas Dzogchen Desum, Jamyang Khyentse Wangpos Tsasum Osel Nyingtig und Jedrung Trinle Jampa Jungnes Padma Sangthig, die vom 15. Karmapa hinzugefügt wurden. Karmapa hinzugefügt wurden. Darüber hinaus findet man auch den Lamrim Yeshe Nyingpo, der die Offenbarung von Chogyur Lingpa mit einem ausführlichen Kommentar von Kongtrul verbindet. Was das Schlussmaterial betrifft, so gibt es einen zusätzlichen Band, der verschiedenen Biographien der drei Meister Jamyang Khyentse Wangpo, Chogyur Lingpa und Jamgön Kongtrul gewidmet ist, gefolgt von einem Band mit Indizes oder Inhaltsverzeichnissen, die den verschiedenen Ausgaben des Rinchen Terdzö bis einschließlich der vorliegenden Shechen-Ausgabe entsprechen. Darauf folgt ein Band mit Bereinigungsritualen und liturgischem Material, der sich in erster Linie auf die Wiedergutmachungen möglicher Verstöße gegen die mit der tantrischen Praxis verbundenen Verpflichtungen (tib., sngags gso) konzentriert und umfangreiche rituelle Arrangements für mehrere prominente Schatzzyklen enthält. Die letzten vier Bände enthalten detailliertes Lehrmaterial zur Überlieferung des Terdzö, das vom 15. Karmapa geschrieben wurde. Karmapa. Schließlich gibt es einen ergänzenden Bildband, der die Shechen-Ausgabe mit dem Titel „Die wohltätigen Mondstrahlen” vervollständigt: Ein Kompendium von verschiedenen Darstellungen von Amuletten und Illustrationen, die sich auf das Rinchen Terdzö beziehen. Diese Sammlung von Ritualdiagrammen usw. präsentiert Kunstwerke, die für die vorliegende Ausgabe des Rinchen Terdzö neu geschaffen wurden, darunter viele Bilder, für die es keine bekannten früheren Beispiele gibt, was bedeutet, dass viele der darin enthaltenen Materialien von dieser Generation von Praktizierenden der tibetischen Schatztraditionen zum allerersten Mal gesehen werden.

Abschließende Bemerkungen

Während es sich äußerlich gesehen um eine Sammlung von Offenbarungen handelt, wird das im Rinchen Terdzö Chenmo enthaltene Material in erster Linie mit formaler liturgischer Praxis und ritueller Ausführung in Verbindung gebracht. Es ist weder ein allumfassendes Instrument für die Bewahrung der Schatztradition als Ganzes, noch war dies offensichtlich beabsichtigt. Daher basiert die übergreifende Struktur des Terdzö auf der Funktion dieser verschiedenen Methoden, die im Sinne des Dreigestirns Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga der Standard-Nyingma-Tradition organisiert sind. Unabhängig davon, ob es sich um Befreiung oder um profanere Ziele handelt, ist das Terdzö im Wesentlichen eine riesige Sammlung von Handbüchern für Aktivitäten, die mit der gesamten notwendigen Hilfs- und Anleitungsliteratur für ihre korrekte Umsetzung gefüllt sind. Obwohl das Terdzö keine vollständige Sammlung der Schatztradition ist, stellt es dennoch einen auffallend genauen Querschnitt durch die Geschichte dieser Tradition dar. So verkörpert das Terdzö die Lebendigkeit der Schatztradition und die damit verbundenen laufenden Offenbarungs- und Erneuerungsprozesse.

Vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020) zusammengestellt und mit Auszügen aus dem Rinchen Terdzö versehen, um den hingebungsvoll Praktizierenden einen Überblick über die Lehren der Alten Übersetzungstradition (Nyingma) zu geben. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. August 2020

Zuflucht – die Grundlage des Pfades

Die Gründe für die Zufluchtnahme

Fühlende Wesen, die von der Kraft ihres Karmas dazu getrieben werden, durch die Bereiche des Daseins zu wandern, leben in Furcht vor einer Vielzahl von Gefahren. Sie fürchten das samsarische Leiden, dem der Weg der Shravakas und Pratyekabuddhas entgegenwirkt. Weniger allgemein fürchten Bodhisattvas die Haltung der Selbstbesorgnis, die so sehr im Gegensatz zum Pfad der Paramitas steht. Ganz besonders empfinden die Praktizierenden des Geheimen Mantras die Bedrohung durch ein verblendetes Festhalten an Phänomenen, die als gewöhnlich erlebt werden, was wiederum das Gegenteil ihres Pfades ist. Zusammengenommen werden die Wesen ständig von diesen drei Gefahren gequält, als ob sie von den Wellen der Tiefe, der Höhle der schrecklichen Monster, gestoßen und verschlungen würden. Und obwohl Götter wie Indra als Beschützer betrachtet werden können, sind solche Gottheiten trügerische Zufluchtsorte, denn auch sie sind in die Welt eingebunden und daher selbst nicht immun gegen solche Gefahren.

Im Gegensatz dazu sind die einzigen wahren Objekte der Zuflucht – die wirklich in der Lage sind, sowohl unmittelbaren als auch endgültigen Schutz zu bieten – die Seltenen und Kostbaren, poetischer bekannt als die Drei Juwelen, die unfehlbaren Hüter für diejenigen, die ihnen vollkommen vertrauen. Sie sind in allen drei Welten der Existenz bekannt und sind wie ein weißer Sonnenschirm, der Schatten spendet vor der Hitze des Karmas und der Verunreinigung. Gleich zu Beginn, wenn man die buddhistischen Lehren annimmt, ist es unerlässlich, Zuflucht zu ihnen zu nehmen. Denn in den Siebzig Stanzen über die Zuflucht wird verkündet: „Buddha, Dharma und Sangha sind der Schutz für diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen“.

Vertrauen als Anlass für die Zuflucht

Wahre und unfehlbare Zuflucht in den Drei Juwelen besteht in einer Verpflichtung: die Verpflichtung, eine Grundlage zu sein, auf der sich der Weg zur Befreiung entfalten kann, mit anderen Worten, die Praxis der drei Trainings durchzuführen und dadurch zu einem Gefäß für alle Qualitäten der Beseitigung und Verwirklichung zu werden. Eine Haltung des Glaubens ist die notwendige Voraussetzung für eine solche Zuflucht, und um diese zu kultivieren, ist es unerlässlich, die Qualitäten des Buddha, die Qualitäten des heiligen Dharma, seine Lehre und die Qualitäten der Sangha, von der diese Lehre aufrechterhalten wird, zu verstehen. Es ist in der Tat ein allgemeiner Grundsatz, dass der Glaube die einzige Wurzel alles Positiven ist. Das Dashadharmaka-Sutra und das Ratnakuta sagen dasselbe:

Grüne Triebe können nicht aus gerösteten Körnern hervorgehen, und perfekte Qualitäten werden nicht in ungläubigen Herzen entstehen.

Menschen, die der edlen Linie angehören und ein glückliches Karma haben, erfahren von Anfang an einen starken Glauben. Im Gegensatz dazu ist nicht abzusehen, wann der Glaube in den Köpfen der einfachen Menschen erwachen wird, deren karmisches Potenzial nicht angeregt wurde. Wenn man einem Buddha persönlich begegnet, in dem alles harmonisch ist – oder einfach nur eine Darstellung des Einen sieht, ist es möglich, dass man vollständig vom Glauben inspiriert wird. Dasselbe kann bei der Begegnung mit einem spirituellen Meister geschehen. Und manchmal kommt es vor, dass die Menschen beim Lesen der heiligen Texte der Heiligen Schrift zu Tränen gerührt sind und ihre Haut sich in Gänsehaut aufrichtet, wie im Fall von Shuracharya. Diese erste Erfahrung wird als lebendiger Glaube bezeichnet. Es ist ein Gefühl der Freude, das als Reaktion auf die Eigenschaften heiliger Gegenstände oder die Lehren der Heiligen Schrift empfunden wird.

In der Folge entsteht der Wunsch, solchen Qualitäten in sich selbst nachzueifern, und zwar mit derselben Dringlichkeit und demselben Eifer, mit dem Bienen von Blumen angezogen werden. Dies wird sehnsüchtiger Glaube genannt.

Später erfährt man ein Gefühl des vollständigen Vertrauens in die Lehre der vier edlen Wahrheiten und ein Vertrauen in den spirituellen Meister, der die Lehren darüber darlegt, was aufgegeben und was angenommen werden soll. Das ist zuversichtlicher Glaube.

Schließlich entsteht ein unumkehrbarer Glaube, durch den es unmöglich wird, sich von den Drei Juwelen abzuwenden, obwohl das eigene Leben auf dem Spiel steht. Im Allgemeinen sollte man, wenn man die Lehren empfängt und darüber nachdenkt, und besonders wenn man Zuflucht nimmt, einen unumkehrbaren Glauben haben: die Verpflichtung, das Objekt der Zuflucht nicht aufzugeben, auch nicht auf Kosten des eigenen Lebens.

Aus dem „Schatzhaus der kostbaren Qualitäten.“ Bd. 1; von Jigme Lingpa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. August 2020

Samadhi – die meditative Versenkung

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Nicht nur die Meditationen des ruhigen Verweilens, die auf den einzigartigen Methoden des Mantras basieren, sind tiefgründig bedeutungsvoll und einfach zu praktizieren. Die Art und Weise, wie sie praktiziert werden, haben sie auch mit dem Sutra-Ansatz gemeinsam. In beiden Fällen muss man die Stabilität eines geschmeidigen Geistes gewinnen und dann nach und nach entwickeln.

Indem man sich auf die acht formativen Geisteszustände stützt, die die Fehler zerstreuen, benutzt man außerdem die sechs Kräfte, um Schritt für Schritt über die neun Methoden zu meditieren, um den Geist ruhen zu lassen. Dies geschieht im Kontext der vier Arten der Aufmerksamkeit, die es ermöglichen, nach und nach die fünf Erfahrungen der meditativen Konzentration hervorzurufen und dadurch die Feinheit des ruhigen Verweilens zu erreichen.

Die fünf Fehler

Die fünf Fehler, die meditative Konzentration behindern, sind 1) Faulheit; 2) Vergessen der Anweisungen; 3) Trägheit und Unruhe; 4) Nichtanwendung ihrer Gegenmittel; und 5) Anwenden dieser Gegenmittel, obwohl man nicht dumpf oder unruhig ist. Von diesen verhindern die ersten beiden die anfänglichen Stufen der meditativen Versenkung, die dritte verhindert die Hauptpraxis der meditativen Versenkung, und die letzten beiden verhindern, dass sich die meditative Versenkung vertieft.

Die acht Heilmittel

Es gibt acht Heilmittel, die diese Fehler zerstreuen: 1) Vertrauen; 2) Sehnen; 3) Anstrengung; 4) Tüchtigkeit; 5) Achtsamkeit; 6) Innenschau; 7) Aufmerksamkeit; und 8) Gleichmut. Die ersten vier zerstreuen Faulheit. Vertrauen in das Erreichen der Vertiefung erzeugt Sehnen und aufrichtiges Interesse. Dies spornt wiederum an, sich zu bemühen und man wird dadurch tüchtig und gibt Faulheit auf. Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass die Anweisungen nicht vergessen werden, während die Innenschau einen erlaubt zu bemerken, wenn Trägheit und Unruhe auftreten. Wenn dies der Fall ist, ermöglicht es die Aufmerksamkeit, ihre jeweiligen Gegenmittel anzuwenden. Wenn Trägheit und Unruhe nachlassen, ruht man in Gleichmut, ohne irgendwelche Konzepte zu bilden. Auf diese Weise beheben diese acht Heilmittel schrittweise das Vergessen der Anweisungen und der übrigen Fehler.

Die sechs Kräfte

Zur Ausübung der Vertiefung auf diese Weise sind sechs Kräfte erforderlich: 1) Studium; 2) Kontemplation; 3) Achtsamkeit; 4) Innenschau; 5) Sorgfalt; und 6) vollständige Vertrautheit. Diese Kräfte sollten nach und nach die neun Methoden für das geistige Ruhen im Rahmen der vier Arten von Aufmerksamkeit vollenden.

Die vier Arten von Aufmerksamkeit

Die vier Arten von Aufmerksamkeit sind: 1) konzentrierte Aufmerksamkeit; 2) gelegentliche Aufmerksamkeit; 3) ununterbrochene Aufmerksamkeit; und 4) die mühelose Aufmerksamkeit.

Die neun Methoden, den Geist ruhen zu lassen

Die neun Methoden, um den Geist ruhen zu lassen, sind: 1) Niederlassen; 2) kontinuierliches Niederlassen; 3) wiederholtes Niederlassen; 4) vollständiges Niederlassen; 5) Zähmung; 6) Beruhigung; 7) völlige Beruhigung; 8) Aufmerksamkeit; und 9) Gleichgewicht. Diese neun werden in einem Sutra erwähnt, das besagt: „sich niederlassen, sich wirklich niederlassen, sammeln und sich niederlassen, sich gründlich niederlassen, zähmen, befrieden, gründlich beruhigen, zielgerichtet und versunken.“ Um das zu vervollkommnen, führt Studium zum Niederlassen; Kontemplation zu beständigem Niederlassen; Achtsamkeit, sich neu niederzulassen und sich vollständig niederzulassen; Innenschau zur Zähmung und Beruhigung; Fleiß zur völligen Beruhigung und Punktförmigkeit und vollständige Vertrautheit führt zum Gleichgewicht. In dieser Hinsicht bezieht sich die erste Aufmerksamkeit auf die Gelegenheit der ersten beiden Geisteszustände, die zweite Aufmerksamkeit auf den dritten bis siebten, die dritte Aufmerksamkeit auf die achte, und die vierte bis neunte.

Diese neun Zustände sollen sich auch durch die Art und Weise der fünf Erfahrungen entfalten. Die erste ist die Erfahrung der Bewegung, die wie ein Wasserfall ist. Zweitens ist die Erfahrung des Erreichens, die wie ein Fluss durch eine Schlucht strömt. Drittens ist die Erfahrung der Vertrautheit, die wie das Dahinfließen eines großen Flusses ist. Viertens ist die Erfahrung der Stabilität, die wie ein wellenfreier Ozean ist. Die fünfte ist die Erfahrung der Vollendung, die wie ein Berg ist.

Aus „Lichthafte Essenz – ein Führer für das Guhyagarbha-Tantra“; Mipham Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. Juli 2020

Buddhistische Tantras

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Von John Myrdhin Reynolds  

Zornvolle Gottheiten   

Im Allgemeinen werden die buddhistischen Tantras in vier Klassen von Texten und ihre entsprechenden Praktiken unterteilt. In den drei Unteren Tantras, die als Kriya-Tantra, Charya-Tantra und Yoga-Tantra bekannt sind, gehören die Buddha-Bildnisse und göttlichen Formen im Allgemeinen zur sonnigen Tageslichtseite des Bewusstseins. Diese Buddha-Figuren sind alle friedlich, lächelnd, modisch gut gekleidet und sitzen am Himmel und strahlen Licht aus, wie die Sonne selbst an einem klaren sonnigen Tag. In der Tat wird das Mitgefühl des Buddha oft mit den Strahlen der Sonne verglichen, die auf alle gleichermaßen fällt, auf Sünder wie auf Gerechte. Diese himmlischen Hierarchien von strahlenden Buddhafiguren und Chören großer Bodhisattvas, die den Himmel füllen, können mit ähnlichen himmlischen Seligsprechungsvisionen in den monotheistischen Religionen verglichen werden. Für ein Beispiel einer solchen poetischen himmlischen Vision braucht man nur Dantes Paradiso zu lesen. Aber die menschliche Existenz und das menschliche Bewusstsein ist nicht immer sonnig und spirituell, in weiße Gewänder gekleidet und bis zum Überlaufen mit Süße und Licht erfüllt. Es gibt auch die dunkle Seite.   

Diese Dämmerungsseite oder dunkle Seite des menschlichen Bewusstseins wird in der vierten Klasse oder im Höheren Tantra, bekannt als Anuttara-Tantra, angesprochen. Obwohl die archetypischen Figuren, die Göttin und der Teufel, von den monotheistischen Religionen, einem Himmel, den wir konventionell als eine völlig spirituelle Dimension betrachten, vertrieben und aus dem Himmel verbannt wurden, tauchen sie in den Höheren Tantras als dunkel leuchtende Figuren wieder auf. Zu bestimmten Zeiten versammeln sich die Dakinis, die auf dem Rücken wilder Tiere durch den Himmel reiten und von ihrer Königin angeführt werden, auf dem Friedhof oder Krematorium auf dem Berg und tanzen nackt um ihren brodelnden Kessel. Die vorherrschende Symbolik ist hier eher lunar als solar; es ist eher Nacht als Tag. Die Symbolik ist chthonisch, der Erde und der Unterwelt zugehörig, und nicht himmlisch und dem Himmel zugehörig. Im Allgemeinen ist die Ikonographie der Anuttara-Tantras durch die Anwesenheit dieser Hexen oder Dakinis und durch diese dämonischen zornvollen Gottheiten gekennzeichnet. In den Unteren Tantras treten zornvolle Gottheiten gelegentlich auf, aber sie spielen eine untergeordnete und unterwürfige Rolle als Leibwächter und Türhüter. In den Anuttara-Tantras treten diese verbotenen Figuren jedoch nach vorne und stehen im Zentrum des Mandalas. Diese beiden unterdrückten archetypischen Figuren, die Göttin und der Teufel, tauchen aus den Schatten des Bewusstseins wieder auf und werden wieder in das Licht des Himmels, das unser Tagesbewusstsein ist, aufgenommen. 

Die Verwandlung des Zorns 

Neben der Dakini ist die andere markante Figur in diesen Höheren Tantras der Krodha oder die zornvolle Gottheit. In den früheren Mahayana-Sutras und den Texten der Unteren Tantras finden wir nur die friedlichen seligmachenden Visionen der Buddhas im himmlischen Mandalapalast. Wie kam es, dass die Religion eines friedlichen, gewaltlosen Ordens von Mönchen und Bettelmönchen diese Visionen von furchterregenden, zornvollen Gottheiten hervorbrachte, die von den meisten Menschen im Westen als Dämonen und Teufel angesehen werden? Die klösterliche Sangha war immer auf die Schirmherrschaft von außen angewiesen, weil die Mönche selbst der Welt abgeschworen hatten und weder Handel noch produktive Arbeit verrichteten. Historisch gesehen war die früheste Quelle für die buddhistische Sangha die indische Kaufmannsklasse. Dies begann in der Zeit des historischen Buddha selbst, als während des Regenzeit-Retreats bestimmte Schenkungen von Land für Wohnorte der Mönche gemacht wurden. Innerhalb weniger hundert Jahre wuchsen diese Einsiedeleien zu großen Klosteruniversitäten mit Tausenden von Mönchen heran. Mit Kaiser Ashoka erfuhr die buddhistische Klostergemeinschaft königliche Schirmherrschaft. Diese königliche Schirmherrschaft durch Könige und Prinzen setzte sich bis zum Zusammenbruch der Pala-Dynastie und der Zerstörung der buddhistischen Klöster in Nordindien im 13. Doch viel früher erlebten die Könige im Nordwesten, die den Buddhismus förderten, Invasionen durch Skythen, Hunnen, Türken und iranisch sprechende Völker sowie durch die Araber in der Provinz Sindh. Die einfallenden Muslime aus dem Westen hatten keinen Respekt vor der einheimischen indischen religiösen Kultur, da sie diese als bloßen Götzendienst betrachteten, und darüber hinaus besaßen die Muslime eine eigene missionarische Religion, die sie den Völkern, die sie eroberten, aufzuzwingen suchten. Sowohl Hindus als auch Buddhisten litten schwer unter diesen Invasionen. Zuerst nahmen die ausländischen Invasoren die einheimischen Religionen an, sowohl den Buddhismus als auch den Shaivismus. Um die Zeit Christi waren der Buddhismus und der Shaivismus in Afghanistan scharfe Rivalen, und die Buddhisten modellierten offen ihre wichtigste zornvolle Meditationsgottheit namens Heruka auf Bhairava, die zornvolle Form von Shiva.   

Daher kamen bei den buddhistischen Meditationspraktiken, die diesen Fürsten angeboten oder, was noch wahrscheinlicher ist, sogar von ihnen entwickelt wurden, die Leibwächter und Türhüterfiguren wie die Bodhisattvas Vajrapani, Hayagriva und Yamantaka von der Peripherie herein und besetzten das Zentrum des Mandalas als zornvolle Manifestationen der Erleuchtung Buddhas. Auf eine belagerte Aristokratie an den Grenzen der indischen Zivilisation übten zornvolle Gottheiten, die die Macht haben, Feinde, seien es böse Geister oder fremde Eindringlinge, zu überwinden, zu unterwerfen und zu zerstören, eine gewisse Anziehungskraft aus. In der griechischen Kunst des Gandhara vor der Zeit Christi erschien Vajrapani, der persönliche Leibwächter des Buddha, in der Gestalt eines sehr menschlichen Herakles mit seiner Keule. Aber fünfhundert Jahre nach Christus erscheinen Vajrapani und die anderen Krodharajas in fast dämonischer Gestalt – dunkelblau in der Farbe wie Sturmwolken, ihre Reißzähne fletschend, mit flammenähnlichen rötlichen oder blonden Haaren, geschmückt mit Schlangen und Halsketten aus menschlichen Schädeln. Zur gleichen Zeit verfiel der Nordwesten Großindiens in ein Chaos, als eine Armee nach der anderen aus dem Westen einmarschierte. 

Doch egal, ob die zentrale Gottheit im Mandala-Palast zornig oder weiblich oder sowohl zornig als auch weiblich ist, wie es bei der Dakini Simhamukha der Fall ist, diese furchterregende Gestalt ist eine Manifestation des erleuchteten Bewusstseins und Mitgefühls des Buddha. Selbst eine furchterregende zornvolle Gottheit, wie ein Krodharaja, ist Ausdruck des Mitgefühls des Buddha im Hinblick auf seine geschickten Mittel. Zu bestimmten Zeiten ist es notwendig, dass der Buddha, obwohl er in sich selbst all-liebend und all-barmherzig ist, ein zorniges und zorniges Gesicht zeigt, so wie ein Elternteil ein zorniges Gesicht zeigen muss, wenn er ein unartiges Kind diszipliniert. Andernfalls wird das eigensinnige Kind die Bitte seiner Mutter oder seines Vaters ignorieren. In gleicher Weise waren die bösen Geister und die einfallenden barbarischen Armeen aus dem Nordwesten im frühen Mittelalter nicht beeindruckt von der Beredsamkeit und der friedlichen gewaltlosen Art der buddhistischen Mönche. Im 12. und 13. Jahrhundert drangen muslimische Armeen aus dem Westen in Nordindien ein und zerstörten die blühenden Klosteruniversitäten von Nalanda, Vikrmashila und Odantapuri völlig. Dabei massakrierten sie Zehntausende von Mönchen, die den Eindringlingen keinen Widerstand leisteten. Dieses Massaker war gerechtfertigt, weil die Mönche im Safranmantel als Ungläubige und Götzendiener angesehen wurden. Die Tempel wurden zerstört, die Bücher verbrannt und die Buddha-Bildnisse für ihr Gold eingeschmolzen. Alles, was von diesen Armeen übrig blieb, war Tod und Verwüstung von Uddiyana bis nach Bengalen. Und der Buddhismus hörte auf, eine funktionierende religiöse Kultur in den Ländern des Westens zu sein. Die Jains und die Brahmanen konnten diesen Ansturm jedoch überleben, weil sie ihren Klerus und ihre Intelligenz nicht in einigen wenigen großen Klosteruniversitäten konzentrierten. Sie blieben in den Dörfern in ganz Nordindien dezentralisiert und wurden in der Regel nicht zur Zielscheibe dieser marodierenden Armeen.   

Aber das war die Geschichte, und die Bedingungen in Tibet waren anders, als sich der Buddhismus dort im 8. und 9. Zornvolle Gottheiten waren nur ein Teil des Buddha-Dharmas, der aus Indien importiert und daher akzeptiert wurde. Und darüber hinaus hatten die Tibeter in ihrer vorbuddhistischen schamanistischen Kultur viel Erfahrung mit bösen Geistern. Die Unterwerfung, der Exorzismus und die Austreibung böser Geister waren traditionell immer ein Teil der Heilungsarbeit des Schamanen. In den von den Lamas verfassten Kommentaren zu den Tantras wird jedoch erklärt, dass die Buddhas und Bodhisattvas während dieses Kali Yuga eine solche Fülle zornvoller Gottheiten für die Meditationspraxis geschaffen haben, weil es in der Welt so viel Wut, Hass und Gewalt gibt. Aber in jedem Fall ist der Zweck derselbe – die Umwandlung der Energie der negativen Emotion von Zorn und Hass, die Gewalt, Chaos und Zerstörung hervorbringt, in etwas Positives, in erleuchtetes Bewusstsein, selbst. Diese Umwandlung ist par excellence die Methode der Anuttara-Tantras: die Umwandlung oder alchemistische Transmutation der Energie negativer Emotionen (klesha) in positives erleuchtetes Gewahrsein (jnana). Es war nicht so, dass die Buddhisten jemals Dämonen verehrt hätten, sondern vielmehr, dass die negative Energie, die durch diese Dämonen symbolisiert wird, transformiert wurde. Dies ist möglich, weil Energie und Phänomene keine inhärente Existenz haben, und das gilt auch für die Energie unserer Emotionen. Phänomene und Manifestationen von Energie sind leer (shunyata), daher ist die Umwandlung des Negativen in das Positive immer möglich. Dies steht im Gegensatz zu der in den Sutras verankerten Methode, d.h. dem Verzicht auf das Leben in der Welt und der Vermeidung der negativen Emotionen oder Leidenschaften um jeden Preis, so wie ein Mensch versuchen würde, die Berührung einer giftigen Pflanze zu vermeiden.

Von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. Juli 2020

Historische Entwicklung der buddhistischen Tantras

Von John Myrdhin Reynolds 

Der Aufstieg der Göttin und dieser zornvollen Gottheiten in den Himmel war Teil eines historischen Prozesses, der die sozialen und politischen Bedingungen widerspiegelte, die in Nordindien tausend Jahre nach dem Erscheinen des historischen Buddha auftraten. Edward Conze zufolge wurde die Entwicklung des Mahayana-Buddhismus zum Teil durch die Bewegung des Buddhismus vor der Zeit Christi in den von drawidischen Völkern bewohnten Süden Indiens angeregt. Der drawidischsprachige Süden Indiens war genau das Gebiet, in dem sich die Prajnaparamita-Sutra-Tradition des Mahayana-Buddhismus entwickelte und in dem die Weisheit erstmals als die Große Göttin personifiziert wurde. Tatsächlich hat auch heute noch jedes Dorf im Süden Indiens seine eigene Amma oder lokale Muttergöttin.   

Und nach Etienne Lamotte war die andere Kernregion für die Entwicklung des Mahayana-Buddhismus der Nordwesten, im heutigen Pakistan und Afghanistan, wo der ursprüngliche indische Buddhismus in eine Schnittstelle mit der iranischen Kultur und sogar mit den Griechen in Gandhara und Baktrien geriet. Es waren griechische Buddhisten in Afghanistan, die vor der Zeit Christi die ersten Bildnisse des Buddha nach dem Vorbild der Ikone des griechischen Gottes Apollon schufen. Figuren iranischer Inspiration tauchten auch in den Schriften und in der Kunst des Mahayana auf, wie zum Beispiel der zukünftige Buddha Maitreya, der auf dem iranischen Erlösergott Mithra basiert, und der Buddha Amitabha in seinem westlichen Paradies Sukhavati, der dem iranischen Hochgott Ahura Mazda ähnlich zu sein scheint. Nach Angaben der chinesischen Pilger, die Indien im 5. bis 7. Jahrhundert besuchten, waren die buddhistischen Klöster in Nord-Zentral-Indien nach wie vor weitgehend Hinayana-orientiert. Am stärksten war Mahayana an der Peripherie, im Süden und im Nordwesten.   

Dies galt auch für die Entwicklung der Tantras tausend Jahre nach dem historischen Buddha. Laut tibetischen Historikern wie Taranatha (geb. 1575) und Pema Karpo (geb. 1527) stammen die Anuttara-Tantras nicht aus Nord-Zentral-Indien, dem ursprünglichen Wirkungsfeld des historischen Buddha, sondern aus dem Nordwesten im geheimnisvollen Land Uddiyana. G. Tucci, der sich auf zwei mittelalterliche tibetische Berichte stützte, die lange nach dem Verschwinden des historischen Uddiyana bei den muslimischen Invasionen in Indien und Afghanistan verfasst worden waren, glaubte, dass Uddiyana das kleine Swat-Tal im heutigen Pakistan sei. Es gibt jedoch zahlreiche Beweise dafür, dass Uddiyana eine viel größere Region war, die einen guten Teil Ostafghanistans umfasste. Tibetischen Historikern zufolge besuchte der Buddha Uddiyana auf Einladung seines Königs Indrabhuti. Als Antwort auf die Bitte des Königs um einen spirituellen Weg, der nicht erforderte, dass er der Welt und seinem Königtum entsagte, um Mönch zu werden, lehrte der Buddha das Guhyasamaja-Tantra, das Tantra der Geheimen Versammlung. Dies ist einer der zentralen Tantras in der tibetisch-buddhistischen Tradition sowohl nach der Alten als auch nach der Neuen Schule, und einige westliche Gelehrte betrachten den Guhyasamaja im Allgemeinen als den frühesten der Anuttara-Tantras. Alex Wayman würde ihn sogar schon in das 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung datieren. Es wird gesagt, dass König Indrabhuti und sein Hof die Methoden dieses Tantra praktizierten und dass die Menschen des Landes in solcher Zahl Erleuchtung erlangten, dass das Land fast entvölkert wurde.   

Auch heute noch ist Uddiyana unter den Tibetern das legendäre Land der Dakinis, d.h. ein Land außergewöhnlich schöner und unabhängiger Frauen. Im frühen Mittelalter sollen viele der Mahasiddhas oder großen Adepten, die weitgehend für die Offenbarung der buddhistischen Tantras verantwortlich waren, Uddiyana persönlich besucht haben, um von den Dakinis die Einweihung in die Praxis der Tantras zu erhalten. Dazu gehörten berühmte Namen wie der Alchemist Nagarjuna (die Reinkarnation des früheren Philosophen Nagarjuna), Saraha, Tilopa und andere. Es hieß, Nagarjuna habe von einer Stupa am Danakosha-See den von Indrabhuti selbst niedergeschriebenen Originaltext der Tantras wiedergefunden. Die Texte der Tantras waren dort von den Nagas, den schlangenförmigen Wassergeistern, die in dem See wohnten, bewacht und aufbewahrt worden. Er kehrte mit diesen Texten nach Indien zurück und übermittelte die höheren tantrischen Lehren an die Brahman Saraha und andere Mahasiddhas. Darüber hinaus scheint es, dass diese Dakinis in Uddiyana nicht nur Göttinnen oder Symbole waren, sondern tatsächliche Praktizierende der Tantras aus Fleisch und Blut. [5] Die Namen einiger von ihnen haben überlebt, wie z.B. die der Prinzessin Lakshimkara, der Schwester des Königs Indrabhuti, weil sie Texte geschrieben haben, die überlebt haben. Ansonsten bleiben die meisten dieser weiblichen Tantrikas in Mythen und Legenden verhüllt.

Von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Juli 2020

Dakinis – Energie und Weisheit

Von John Myrdhin Reynolds 

Im Allgemeinen kann der buddhistische Begriff „Dakini“ für eine Göttin gehalten werden. In der tibetischen Sprache wird dieser Sanskrit-Begriff mit Khandroma (mkha‘-‚gro-ma) übersetzt, was „sie, die den Himmel überquert“ oder „sie, die sich im Raum bewegt“ bedeutet. Dakinis sind aktive Manifestationen von Energie. Daher werden sie gewöhnlich als tanzend dargestellt, was auch darauf hinweist, dass sie sowohl im Samsara als auch im Nirvana aktiv an der Welt oder an der spirituellen Perspektive teilnehmen. In der tantrisch-buddhistischen Tradition Tibets stellen Dakinis im Wesentlichen Manifestationen von Energie in weiblicher Form dar, die Bewegung von Energie im Raum. In diesem Zusammenhang weist der Himmel oder Raum auf die Shunyata hin, die Substanzlosigkeit aller Phänomene, die gleichzeitig die reine Potentialität für alle möglichen Manifestationen ist. Und die Bewegungen ihres Tanzes bezeichnen die Bewegungen der Gedanken und der Energie, die spontan aus der Natur des Geistes hervorgehen. Da die Dakinis mit der Energie in all ihren Funktionen verbunden sind, werden sie viel mit der Offenbarung der Anuttara-Tantras oder Höheren Tantras in Verbindung gebracht, die den Pfad der Transformation darstellen. Was hier transformiert wird, ist Energie. Diese Methode erinnert stark an die Alchemie, die Umwandlung von unedlem Metall in reines Edelgold. In diesem Fall wird die Energie der negativen Emotionen oder Kleshas, Gifte genannt, in die Lichtenergie des erleuchteten Gewahrseins oder der Gnosis (jnana) umgewandelt.   

Diese Energien können von transzendenter und spiritueller Natur sein; in diesem Fall werden sie Jnana-Dakinis (ye-shes kyi mkha‘-‚gro-ma) oder Weisheitsgöttinnen genannt. Hier bedeutet „[zeitlose] Weisheit“ oder Gnosis (jnana, ye-shes) spirituelles Wissen. Weisheits-Dakinis sind weibliche Manifestationen der Buddha-Erleuchtung und als solche transzendieren sie die konditionierte Existenz von Samsara. Oder sie können weltlicher Natur sein, wobei man in diesem Fall von Karma-Dakinis (las kyi mkha‘-‚gro-ma) oder Aktionsgöttinnen spricht. Als solche gehören sie immer noch zu Samsara und sind keine erleuchteten Wesen. Diese Dakinis leben und bewegen sich in der Energiedimension der Erde. Einige dieser weltlichen Dakinis, die einst lokale heidnische Göttinnen und Naturgeister waren, wurden in der Vergangenheit unterworfen und bekehrt und dienen heute als Hüterinnen der buddhistischen Lehren. Es gibt also grundsätzlich zwei Arten von Dakinis. Die entsprechende Manifestation von Energie in einer männlichen Form wird als Daka (mkha‘-‚gro) bezeichnet. Der Begriff Khandro, oder genauer gesagt Khandroma, wird vor allem in Osttibet auch auf eine weibliche Lama oder einen spirituellen Lehrer und sogar auf die Frau oder Tochter eines Lamas als Ehrentitel ähnlich wie „Dame“ angewandt. Die Bezeichnung Dakini findet sich auch in der hinduistischen Tradition, aber hier wird sie nur auf sehr unbedeutende Göttinnen angewandt, die eher dem ähneln, was wir in unserer westlichen Tradition Hexen nennen würden. Sie erscheinen als wilde weibliche Geister im Gefolge, die die große Göttin Durga begleiten.   

Im frühen Mittelalter kamen hinduistische Theologen und Philosophen dazu, von den Göttinnen als Shaktis zu sprechen, d.h. als personifizierte Energie ihrer männlichen göttlichen Gemahlinnen. In der buddhistischen Tradition hat der Begriff jedoch eine viel breitere und wichtigere Verwendung. Die Dakini als Manifestation des erleuchteten Gewahrseins repräsentiert Weisheit (prajna) und nicht nur Energie (shakti). Weisheit (prajna) ist jene höhere intellektuelle Fähigkeit des Geistes, die in die Natur der Realität eindringt und das Wahre vom Falschen unterscheidet usw. Wir finden hier ein ähnliches Phänomen wie die Personifizierung der Weisheit als weibliche Figur in der westlichen Tradition, als Hochmah oder Sophia. Außerdem ist diese Weisheit keine junge Jungfrau, die süß, sentimental und passiv ist. Vielmehr ist eine Dakini eine aktive Manifestation der Erleuchtung. Sie ist eine Manifestation von Energie, obwohl buddhistische Texte den Begriff Shakti nicht verwenden. 

Darüber hinaus ist die Dakini eine Manifestation der Energie des erleuchteten Bewusstseins im Bewusstseinsstrom des einzelnen männlichen Praktizierenden, der dieses Bewusstsein für den spirituellen Pfad erweckt und so die Rolle der archetypischen Figur spielt, die der Schweizer Psychologe C.G. Jung als Anima bezeichnet hat. Die Anima repräsentiert die unbewusste weibliche Seite der männlichen Persönlichkeit. In einem weiblichen Bewusstseinsstrom ist der Animus oder Daka die Figur, die die entsprechende Rolle spielt. Diese männlichen Gegenstücke werden Dakas genannt und gewöhnlich als tantrische Yogis mit langen verfilzten Haaren dargestellt, die nackt oder in Tierhäute gekleidet sind, Ornamente aus menschlichen Knochen tragen und auf Friedhöfen und Krematorien leben. An bestimmten Pilgerorten und in Krematorien versammeln sich die Dakas und Dakinis zu bestimmten Mondphasen, um das tantrische Fest, die so genannte Ganachakra-Puja, zu feiern. Diese nächtlichen Riten unter dem Mond erinnern an die Bacchanalien oder den Hexensabbat im Westen. Die Dakas und Dakinis kommen zum Fest, fliegen durch den Himmel und versammeln sich um den riesigen Kessel, der aus einem gigantischen Schädel besteht, wo sie singen, tanzen und trinken. Da es aber hauptsächlich Männer waren, die im Laufe der tibetischen Geschichte Bücher und Berichte über ihre Meditationserfahrungen geschrieben haben, lag die Betonung auf Dakinis und nicht auf Dakas.   

Nach dem System der buddhistischen Tantras nimmt der Praktizierende nicht nur Zuflucht zu den Drei Juwelen (dkon-mchog gsum) des Buddha, dem Dharma und der Sangha, sondern auch zu den Drei Wurzeln (rtsa-ba gsum) des Guru, der Gottheit und der Dakini. In Bezug auf Meditationspraktiken, die sich auf diese drei Wurzeln beziehen, sagt man, dass der Guru oder spirituelle Meister dem Praktizierenden den Segen oder die spirituelle Energie der Inspiration und Erleuchtung gewährt. Die Devatas oder Meditationsgottheiten gewähren Siddhis oder psychische und spirituelle Kräfte, und die Dakinis gewähren Karma-Siddhis oder magische Kräfte, die einen eher weltlichen Zweck haben.

Von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

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