Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. März 2018

Wie findet man Lehrer, Lehre, Gemeinschaft?

buddha-3175195_1920Der erfahrene Praktizierende würde empfehlen, sich mal genau umzusehen und umzuhören, Fragen zu stellen und dann ein bisschen darüber nachzudenken. Folgende Fragen sollten geklärt werden:
1) Welcher Dharma wird gelehrt? Theravada (Singhalesisch, Thai, Burmesisch), Zen (Soto, Rinzai…), Amido-Buddhismus, Vajrayana (Mahamudra oder Dzogchen) etc.
2) Welche Gelübdetradition besteht in dieser betreffenden Überlieferungstradition? Sind die Gelübde bekannt, wie werden sie genommen, wie werden ggf. Gelübdebrüche bereinigt?
3) Wer lehrt den betreffenden Dharma, welche Übertragungslinie besteht? Wie ist diese Dharma-Tradition zur lehrenden Person übertragen worden?
4) Gibt es so etwas wie ein Curriculum? Müsste es geben, da der Stufenpfad eben aus Stufen besteht, die bekanntermaßen gelehrt werden.
5) Um was geht es in der Sangha, was ist der Zweck der Treffen? Studium & Praxis, oder doch „nur“ um gemeinsame Stunden…???
6) Wird gelehrt und praktiziert, oder Dharma-Politik betrieben? Werden andere authentische Traditionen abgewertet?
7) Gibt es strukturelle Diskriminierung? Sind bestimmte Bereiche der Lehre nicht Qualifizierten, sondern nur Auserwählten vorbehalten? Gibt es Rituale der Unterwerfung bzw. Dominanz?
8) Wie ist das Verhältnis zwischen der Weißen Sangha und der Roten Sangha? Werden die Weißen (Laien; Upasaka) von den Roten (Mönche, Nonnen) als geringwertiger betrachtet?
9) Gibt es Tabu-Themen? Nicht alles hat im Tempel Platz, aber manches kann man abseits davon klären.
10) Gibt es Eitelkeiten? Wie wertvoll werden Äußerlichkeiten gesehen?

Aber mal abseits von dem, man macht sich auf die Suche nach:
a) Dharma-Überlieferung; und
b) jemand, der/die das einem übertragen kann – egal ob Sutra oder Tantra.
Man kann Lehrer zu sich einladen. Wurde immer wieder gemacht, hat lange Tradition im Dharma. Man kann selbst aus der Komfortzone raus und sich wo hinbegeben, wo gerade eine Dharma-Übertragung angeboten wird.
Da man im Sutrayana noch kein strenges Band – kein Samaya, kein hoch und heiliges Versprechen – mit dem Lehrer eingeht, ist das Risiko gering. Klar, man kann auch an die Falschen geraten. Aber da bietet das Internet heutzutage einige Seiten, wo man sich über einschlägig Nichtaufzusuchende informieren kann.
Und noch zwei Überlegungen dazu: 1) wenn man nicht sucht, sondern nur labert, nix findet und nur in Gruppen reinkommt, die grindig sind bzw. deren Lehrer schlecht sind, dann sollte man mal bei sich über „zu viele Hindernisse im eigenen Geist und zu wenig Verdienst (konstruktives Potienzial)“ nachdenken. Ersteres kann (sollte) man bereinigen, letzteres kann (sollte) man ansammeln. Und 2) man kann mal ganz klein bei sich zu Hause anfangen. Schließlich manifestiert man den (äußeren) Lehrer, der ja nichts anderes als die eigene Buddha-Natur, die Natur des eigenen Geistes ist. Man kann daher mal eine Buddha-Statue aufstellen, Gaben darbringen, ganz tiefe Verbeugungen machen und flehentliche Gebete an sie richten. Geht zwar ein bisschen langsamer, aber wirkt genauso. (Siehe Bodhisattva-Gelübde können zur Not auch vor einer Buddha-Statue genommen werden!!!) Und nach einiger Zeit – oh Wunder! – findet man wirklich einen Lehrer. Wichtig für diese Praxis zu Hause sind Vertrauen und Hingabe aus der Tiefe des Herzens. Beide sind Schlüssel und Antrieb am Pfad sind. Die sollte man nicht mit Naivität und Leidenschaft verwechseln, welche die nahen Feinde der beiden förderlichen Qualitäten sind.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. März 2018

Sektiererisch oder doch Rime?

Ein satirischer Rat an die vier Schulen

fantasy-2925250_1920Von Jamgön Mipham Rinpoche

NAMO MANJUSHRI YE!

Durch die erleuchtete Aktivität der siegreichen Buddhas und die geschickten Mittel ihrer Bodhisattva-Erben,
mögen die vier Schulen der buddhistischen Lehren, alte wie neue, erfolgreich ihre vollkommenen Methoden des Erwachens übertragen!

Die maßgebliche Übertragung von Sutras halten die Gandenpa,
die maßgebliche Übertragung von Mantra halten die Nyingmapa,
die maßgebliche Übertragung der Erläuterung halten die Sakyapa,
und die maßgebliche Übertragung der Praxis halten die Kagyüpa.

Die Sakyapas sind die Meister des Lernens,
die Gandenpas sind die Meister des Diskurses,
die Kagyüpas sind die Meister der Erkenntnis,
und die Nyingmapas sind die Meister der spirituellen Kraft.

Dies sind die vier wunderbaren Übertragungen der Lehren:
Die Nyingmapas, deren Sichtweise jenseits aller Extreme ist,
die Kagyüpas, die in Meditation bemühen,
die Gandenpas mit ihrem perfekten Verhalten
und die Sakyapas mit ihrer regelmäßigen Praxis von Annäherung und Vollendung.

Obwohl sie alle unendliche Qualitäten besitzen, betont jeder eine bestimmte Praxis,
Nyingmapas singen durch ihre Nasen,
Sakyapas gesungen mit ihren Lippen,
Gandenpas kreieren die Melodien hauptsächlich in ihren Kehlen
und Kagyüpas singt stark von tief drinnen. 

Die Gandenpas behalten den vollständigen Weg des Schriftstudiums bei,
sodass sie wie der Körper der Lehren sind.
Die Sakyapas bringen Sutra- und Mantra-Ansätze zusammen,
sodass sie wie die Augen der Lehren sind.
Die Kagyüpas bringen alles zusammen in die einzige Praxis der Hingabe,
sodass sie wie das Herz der Lehren sind.
Die Nyingmapas besitzen die tiefgründigen Schlüsselanweisungen der Tantras und Sadhanas,
sodass sie wie die Lebenskraft der Lehren sind.

Jetzt ein paar Worte im Scherz:

Die Nyingmapas behaupten, dass sie einen Weg haben, die Stufe von Vajradhara durch das Praktizieren der Klar-Lichtheit von Dzogpachenpo zu erreichen, ohne sich auf eine externe Gefährtin verlassen zu müssen, und obwohl die Lamas sagen, dass sie eine Frau nehmen müssen, um ihre Langlebigkeit zu erhöhen, verbessern sie die Klarheit ihrer Vision, erhalten gute Gesundheit, helfen bei der Offenbarung von Termas und erreichen das Wohlergehen von Wesen. Sie sagen nicht, dass sie, um von den Lehren zu profitieren, lehren und praktizieren sollten! Dass eine Frau zu nehmen ein Weg sein könnte, die Lehren und Wesen zu fördern, und ein Ersatz für Lehren und Üben, und gleichzeitig die Klarheit der Vision verbessern, ist unglaublich, denke ich!
Die Gandepas behaupten, das Gegenmittel gegen alle Schmerzen der Existenz sei die Weisheit, die Selbstlosigkeit verwirklicht, und doch haben sie Angst, wenn sie sich der Erkenntnis des Nicht-Selbst nähern, dieses Identitätsgefühl loszulassen, dass sie nicht still auf ihren Kissen sitzen können. In der Vergangenheit wurde gesagt, dass das Erlangen des Pfades des Sehens und die klare Erfahrung der Selbstlosigkeit, die ihm vorausgeht, von besonderen Gefühlen der Freude gekennzeichnet sind, also denke ich, dass dies ein Symptom des gegenwärtigen entarteten Zeitalters sein muss!
Die Sakyapas machen die höchste Behauptung, dass man nicht zu viel Wert auf Verhalten legen sollte, weil innere Weisheit das Wichtigste ist, und doch, wenn sie die Lamdü Hevajra Sadhana rezitieren, halten sie die Disziplin aufrecht, niemals ihre Plätze zu verlassen, weil wenn sie dies tun würden, wäre das eine Übertretung ihres Gelübdes. Wenn sie jemals aufstehen und etwas tun müssten, müssten sie ihre Sitze hinter sich herziehen, so sind ihre Rituale der Reinigung und Befreiung auf der Grundlage der Zeit und des physischen Körpers. Ich frage mich, was mit ihnen passieren würde, wenn sie ihre Plätze verlassen würden!
Die Kagyüpas behaupten, dass die Mahamudra die Weisheit ist, die sowohl Saṃsara als auch Nirvana durchdringt, und doch denken sie an das Wort „Mudra“, das sich auf die eigenen Hände bezieht. Ich frage mich, wie so eine riesige Hand aussehen würde!

Ha ha ha! Das war alles nur scherzhaft gesagt.

Die Lehren der großen Meister sind reich an Bedeutung und jede Schule hat ihre eigenen Visionen und Schlüsselanweisungen.
Die meisten Anhänger der Nyingma-Schule meiden das Nehmen von Leben, denken aber, dass es keinen Grund gibt, Frauen aufzugeben. Wenn sie echte Yogis sind, nehme ich Zuflucht zu ihnen! Aber im Allgemeinen ist dieses gewöhnliche sexuelle Verlangen schädlich für die Nyingma-Lehren, also passt bitte auf!
Die meisten Anhänger der Kagyü-Schule mögen die klassische Darlegung und Logik nicht und bevorzugen den rein auf Geist und Meditation beruhenden Ansatz. Wenn sie diejenigen sind, in denen Verwirklichung und Befreiung gleichzeitig sind, nehme ich Zuflucht! Aber im Allgemeinen ist diese verschlossene Haltung schädlich für die Kagyü-Lehren und muss aufgegeben werden!
Die meisten Anhänger der Ganden-Schule sehen keinen Fehler darin, das Leben zu nehmen, aber ihre Aggression ist schädlich für die Ganden-Lehren,also passt bitte auf!
Die meisten Anhänger der Sakya-Schule betrachten nur die Ermächtigungen und Anweisungen, die sie selbst erhalten haben und den besonderen Zweig, zu dem sie gehören – sei es Sakya, Ngor oder Zar -, aber dieses starke Vorurteil und der Dogmatismus sind schädlich für die Sakya-Lehren und müssen aufgegeben werden!

Im Allgemeinen ist es wichtig, auch wenn man an die eigene Tradition gebunden ist, jegliche Abneigung gegenüber anderen Traditionen zu vermeiden. Wenn wir nur unsere eigene Tradition betrachten, da wir alle Anhänger des Buddha sind, können wir uns vorstellen, dass wir alle eng miteinander verwandt sind. Die verschiedenen Lehrsysteme begannen zur Zeit von Khenpo Shantarakshita, Guru Rinpoche und König Trisong Detsen, und nach den edlen Traditionen der Vergangenheit akzeptieren alle Schulen in Tibet die vier Siegel, die das Kennzeichen der buddhistischen Lehren sind. Wir sind alle in dieser Hinsicht gleich, und mehr noch, wir alle behaupten, die großen Leerheit ist frei von konzeptioneller Ausschmückung. Nicht nur das, wir alle akzeptieren das Mantrayana mit seiner untrennbaren Einheit von Glückseligkeit und Leere. Dies bedeutet, dass wir unseren Meinungen und Grundsätzen außergewöhnlich nahestehen.
Andere Traditionen, nicht-buddhistische Außenseiter und philosophische Extremisten, die sich auch in Bezug auf äußere Zeichen und Kleidung unterscheiden, sind so zahlreich wie die Sterne am Nachthimmel und im Vergleich dazu sind wir Buddhisten so selten wie Sterne am helllichten Tag. Jetzt wo die buddhistischen Lehren kurz vor dem Aussterben stehen, müssen sich alle, die ihr Überleben sichern wollen, einander als die engsten Verbündeten ansehen. Jedes Gefühl der Feindseligkeit wird nur den Ruin bringen, stattdessen müssen wir uns gegenseitig mit Freude betrachten, wie eine Mutter, die ihr einziges Kind sieht oder ein Bettler, der einen unbezahlbaren Schatz entdeckt.

Nachdem wir Anhänger des gleichen Lehrers geworden sind,
mögen alle, welche Schüler derselben Lehren sind,
jede feindselige und voreingenommene Sicht aufgeben,
und mit einem Gefühl der Freude zusammenwirken!

Wer nach der wahren Bedeutung der Lehren handelt,
sei es aus der eigenen oder einer anderen Tradition, möge Erfolg haben,
damit die vier großen buddhistischen Schulen hier im Land des Schnees,
in prachtvollem Glanz mit einer Fülle von Dharma-Lehren erstrahlen
und den vollen Erfolg und universellen Sieg erlangen!

Dies wurde spielerisch auf Wunsch eines Freundes geschrieben, der die Intelligenz hat, allen vier Schulen – Sakya, Nyingma, Kagyü und Gelug – zu folgen. MANGALAM!

Kolophon:

Ursprünglich übersetzt von Adam Pearcy (2005), veröffentlicht auf Lotsawa House. Deutsche Übersetzung von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es nützlich sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. März 2018

Dharma-Überlegungen

Ein paar allgemeine Anmerkungen zum Dharma

Von Khenchen Könchog Gyaltsen

arnie-2454692_1920Es gibt acht Welten, in denen Menschen und nicht-menschliche Wesen in verschiedenen Formen existieren. Lebewesen wie Menschen und Tiere haben einen Geist und wünschen sich, glücklich zu sein. Gleichzeitig versuchen sie Leiden zu vermeiden. Der Geist (sems), der die Materie transzendiert, wird Bewusstsein (shes pa) genannt und wird auch als Kraft oder Energie (nus pa) bezeichnet. Dieser Geist hat viele Wünsche. Aber Glück kann nicht durch bloßes Wünschen erlangt werden. Das gleiche gilt für Leiden. Wir wünschen uns, nicht zu leiden. Aber allein durchs Wünschen können wir Leiden nicht vermeiden. Um also Glück zu erlangen und Leiden zu vermeiden, müssen wir uns anstrengen. Sowohl Glück als auch Leiden sind Auswirkungen. Sie hängen von Ursachen ab. Um Glück zu erlangen und Leiden zu vermeiden müssen wir auf die Ursachen achten. Obwohl Tiere auch Bewusstsein haben, verfügen sie nicht über die Unterscheidungsfähigkeit des Geistes. Aber Menschen besitzen sie. Wir Menschen haben die Fähigkeit, vorübergehendes Glück zu erlangen und Leiden zeitweilig durch materielle Güter zu überwinden. Auf dieselbe Weise können wird dieses Ziel durch unseren Geist erlangen.
Wir haben durch die moderne Wissenschaft ein hohes Maß an Wissen über die materielle Welt erreicht. Dadurch versuchen wir Glück zu erlangen und Leiden zu vermeiden. Es gibt verschiedene Methoden für unseren Geist, einen Weg zum Glück zu finden und deshalb gibt es verschiedene Religionen. Religionen haben ihren eigenen Glauben und ihre eigenen Praktiken, ihre eigene Vorstellung von diesem und dem nächsten Leben und verschiedene Methoden, um Glück zu erlangen und Leiden zu überwinden.
Unter diesen verschiedenen Religionen wurde der Buddhismus vor 2550 Jahren von Buddha Shakyamuni gegründet. Er wurde als Prinz geboren und hatte in seiner Jugend die Möglichkeit, verschiedene religiöse Systeme kennenzulernen und verschiedene Wissensgebiete zu studieren. Wegen seines hohen Lerngrades wurde er von gelehrten Gelehrten gelobt. Ebenso wurde er wegen seiner Macht und seines Reichtums als fähig und mutig angesehen. Er war stark dem Glück der Menschen verpflichtet, für die er verantwortlich war. Er wusste, wie man materielle Probleme lösen konnte, aber er erkannte die verschiedenen Arten von Leiden wie Geburt, Altern, Krankheit und Tod und er dachte, was mit ihm passieren würde, wenn er sich selbst diese Leiden erfahren würde. Daher entwickelte er eine starke Motivation, diese Art von Leiden zu lösen. Es war seine Überzeugung, dass er die Antwort nicht finden würde, wenn er in seinem Palast bleiben würde. Daher verzichtete er auf sein häusliches Leben, begab sich in die Obdachlosigkeit und entsagte. Er traf viele tugendhafte Freunde, meditierte, praktizierte und erreichte ein hohes Maß an meditativer Stabilität (ting nge ‚dzin) und verbrachte sechs Jahre damit, Askese zu üben. Im Alter von 35 Jahren erlangte er Erleuchtung. Er erkannte das Geheimnis des Bewusstseins, das jenseits des Denkens liegt.
Wie bereits erwähnt, sind wir als Menschen in dem Gefühl gefangen, nie genug materielle Mittel zu haben. Der Buddha erkannte dieses Problem und wollte es lösen. Er fand die Lösung, um das Problem unseres Geistes zu lösen. Alle Probleme unseres Geistes werden durch Unwissenheit verursacht. Durch Unwissenheit werden die belastenden Emotionen verursacht. Der Verstand ist der Hauptgrund für all unsere Probleme in der heutigen Gesellschaft. Deshalb hat der Buddha intensiv das Dharma gepredigt und das Rad des Dharma dreimal gedreht.
Im ersten Drehen des Rades des Dharma lehrte er die vier Edlen Wahrheiten und dies wird als die Wurzel des Buddhadharma betrachtet: Leiden, Ursache, Aufhören, Pfad. Es ist notwendig, Leiden zu verstehen. Es gibt drei Arten von Leiden. Das Leiden des Leidens, das Leiden der Veränderung und das allgegenwärtige Leiden der Konditionierung. Das Leiden des Leidens ist allen bekannt. Das Leiden der Veränderung resultiert aus der Bindung an das sogenannte Glück in unserer Gesellschaft. Der Grund für dieses Leiden ist, weil das Glück in unserer Gesellschaft unbeständig ist. Das vorhandene Glück ist nicht stabil und verwandelt sich deshalb in Leiden. Das allgegenwärtige Leiden der Konditionierung ist sehr subtil. Niemand ist frei von Leiden, egal ob er reich oder arm, gut ausgebildet oder ungebildet, mächtig oder ohne Macht ist. Dies ist das Leiden der Neigungen oder das allgegenwärtige Leiden der Bedingtheit.
Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere haben Methoden, sich vom Leid des Leidens zu befreien. Viele Religionen bieten Methoden an, um das Leid der Veränderung zu überwinden. Im Allgemeinen haben sich die Methoden zur Behebung von Veränderung aufgrund des hohen wissenschaftlichen Kenntnisstandes verbessert. Zum Beispiel, wenn man gesundes Essen isst, ist es gut für den Körper; wenn etwas für den Körper schlecht ist, isst man es nicht. Dies ist eine Methode, um eine Art von Leiden der Veränderung zu vermeiden. Stabilität in der Meditation des ruhigen Verweilens (zhi gnas) zu erlangen, ist die Methode, das Leid der Veränderung vollständig loszuwerden. Die Methode, um das durchdringende Leiden der Bedingtheit zu beseitigen, ist die Einheit von ruhigem Verweilen und meditativer Einsicht (lhag mthong). Der Grund dafür ist, dass dies die Methode ist, um die Ursache von belastenden Emotionen unseres Geistes zu beseitigen. Die Ursache dieses Leidens ist der Ursprung (die zweite Edle Wahrheit). Es gibt zwei Ursprünge: den karmischen Ursprung und den Ursprung von belastenden Emotionen. Der karmische Ursprung umfasst jenes Karma, das durch unseren Körper erschaffen wurden (wie Töten, Stehlen usw.), unsere Sprache (wie Lügen) und unseren Geist (wie Anhaftung, Hass und Unwissenheit). Das Ergebnis dieser Aktivitäten ist das Leiden von Samsara.
Wenn man den karmischen Ursprung und den Ursprung von belastenden Emotionen beseitigt, hat man die Beendigung (die dritte edle Wahrheit) erreicht. Es wird Beendigung genannt, weil die Ursache des Leidens von der Wurzel beseitigt wurde. Es gibt zwei Arten der Beendigung: Die sogenannte Shravaka-Einstellung und die Mahayana-Einstellung. Um eines dieser Ziele zu erreichen, muss der Weg geübt werden (die vierte Edle Wahrheit). Die Praxis des Pfades besteht aus den siebenunddreißig Faktoren der Erleuchtung (byang chub kyi phyogs sum cu rtsa bdun). Diese sind:

die vier Anwendungen von Achtsamkeit (dran pa nye bar bzhag pa bzhi)
die vier Aspekte wahrer Entsagung (yang dag par spong ba bzhi)
die vier Glieder der Wunderkräfte (rdzu ‚phrul gyi rkang pa bzhi)
die fünf Sinnesfähigkeiten (dbang po lnga)
die fünf Kräfte (stobs lnga)
die sieben Faktoren der Erleuchtung (byang chub kyi yan lag bdun)
die acht Glieder des edlen Pfades (‚phags lam gyi yan lag brgyad)

Durch die Praxis der siebenunddreißig Faktoren der Erleuchtung werden die Wirrnisse unseres Geistes gelöst werden. Die Fahrzeuge, die zu den beiden Arten der Beendigung führen, werden durch die unterschiedliche Motivationsstärke in ein niedrigeres und ein höheres Fahrzeug eingeteilt. Diejenigen mit weniger Motivation waren die Gründer des Shravakayana. Diejenigen, die mit dem Geist der Erleuchtung (Bodhicitta) umarmt sind, haben die starke Motivation, alle Lebewesen von Samsara zu befreien; Sie waren die Gründer des Mahayana.
Die Grundlage des Buddhismus ist das wechselseitig bedingte Entstehen, das im Gongchig von Kyobpa Jigten Sumgön ausführlich erklärt wird. Diese Ansicht ist kompatibel mit der modernen Wissenschaft. Im Allgemeinen kann das System des Buddhismus mit der Wissenschaft verglichen werden, da sie die ungekünstelte Natur der Phänomene behandelt. Die beständige Natur der Materie und die beständige Natur des Geistes werden im Buddhismus deutlich gezeigt. Es ist unmöglich, Leiden nur durch Analyse zu beseitigen. Um die Ursache des Leidens zu beseitigen, muss man üben. Es gibt zwei Arten von Schleier: Die grobe Verdunkelung und die subtile Verdunkelung. Durch die Beseitigung dieser zwei Verdunkelungen wird man vom Leiden befreit. Daher sind die Shedra (bshad grwa, philosophische Schule) und die Drubdra (sgrub grwa, Klausurzentrum) zwei sehr wichtige Institutionen in unserer Dharma-Aktivität. In der philosophischen Schule analysiert man und ermittelt, im Klausurzentrum übt man. Kyobpa Jigten Sumgön hat die Wichtigkeit dieser beiden Methoden tief und deutlich erklärt. Zu Lebzeiten befreite er 300.000 seiner Schüler vom Leiden und sie erlangten Nirwana. Heutzutage verschwindet diese Tradition langsam. Lamas können nicht richtig unterrichten und Schüler können nicht richtig üben. Es ist sehr wichtig, diese Tradition zu bewahren und zu fördern. Jeder Verantwortliche sollte wissen, dass dies ein entscheidender Punkt ist. Nur wenn wir diese Aufgabe erfolgreich erfüllen, können wir den Dharma an zukünftige Generationen weitergeben.

Von Khenchen Könchog Gyaltsen (2009). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es nützlich sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. Februar 2018

Vom Sterben und Erwachen, oder…

was das Tibetische Totenbuch wirklich ist.

100 deties vajrasattvaDas sog. „Tibetische Totenbuch” ist ein Bestandteil des Dharma-Zyklus von Karma Lingpa. Die Übersetzung von Evans-Wentz plus C.G. Jungs Kommentar dazu sind zum Teil schlecht, bis einfach falsch interpretiert. C.G. Jung war auch nur ein Kind seiner Zeit. Der Zyklus des Karling-Zhitro – wie das Gesamtwerk eigentlich genannt wird – umfasst neben grundlegenden Übungen auch begleitende Praktiken angefangen vom Abwehren des Todes bis hin zur Bewusstseinsübertragung zum Zeitpunkt des Sterbens.
Das Wissen um die Auflösungsprozesse beim Sterben ist jedoch schon länger bekannt, als das Karling-Zhitro darüber schreibt. Das findet sich schon in den verschiedenen Tantras, die eben auch mit diesem Wissen arbeiten. Mit Totenbüchern aus anderen Kulturen, wie dem ägyptischen Totenbuch, hat dieses Wissen nichts zu tun, weil eben im Buddhadharma und somit auch im Karling-Zhitro keine theistischen Ansätze verfolgt werden. Es ist kein Verzeichnis einer Seelenwanderung, da es keine Entität gibt, die einen Körper abstreift und einen anderen annehmen würde. Es ist einfach Geist, der Welt und Welterleben aufgrund von Gewohnheiten erschafft. Soweit einmal etwas zur Klärung.

Inhalt des Zyklus

Der Zyklus des Karling Zhitro von Karma Lingpa – eigentlich „Zhitro Gongpa Rangdrol” (die selbstbefreite Absicht der 100 Friedvollen und Zornvollen) genannt – ist eine umfangreiche Sammlung verschiedenster Texte des Pfades zur Erleuchtung und Befreiung. Dieser Band enthält die grundlegenden Übungen bestehend aus Vier Gedanken, die den Geist wandeln, Zuflucht, Bodhicitta, Bereinigung und Ansammlung und Guru-Yoga, sowie detailreiche Visualisationen des Mandalas der 100 Friedvollen und Zornvollen, ferner Gebete des Bekennens und der Abbitte, des Geleits von Verstorbenen, Anweisungen zum Anfertigen eines Amuletts usw. Der wesentliche Text darin ist aber die Einführung in die Natur des Geistes. Dieser Text sollte immer an erster Stelle studiert und dann über die anderen Praktiken wie Guru-Yoga und Mandala-Visualisation verwirklicht werden.

Sterben und Befreiung

magician-3047235_1920Der Vorgang des Sterbens besteht aus einem äußeren und einem inneren Auflösungsvorgang. Beim äußeren Vorgang lösen sich die Elemente nacheinander in sich auf. Diesen Vorgang kann man auch beim Einschlafen nachvollziehen. Im Unterschied zum Sterben ereignet sich beim Einschlafen jedoch nicht die Null-Linie und der Herzstillstand, sondern der bewegte Geist kommt zur Ruhe und versinkt in die Natur des Geistes. Zwar ereignet sich dabei keine Erkenntnis dieses klaren, lichten Zustandes, aber dennoch ein Einsinken und später ein Erheben daraus.
Nachdem der äußere Auflösungsvorgang beendet ist, also sich das Element Luft in Raum aufgelöst hat, die Null-Linie eingetreten ist, beginnt die innere Auflösung. Diese hat wiederum drei Abschnitte. Beim ersten erfolgt ein Absinken des weißen Tropfens, des Vater-Tropfens und die sterbende Person nimmt ein strahlend weißes(!!!) Licht war und erlebt einen bisher ungekannten inneren Frieden, da sich die mit Hass verbundenen Emotionen auflösen. Dann nimmt die sterbende Person ein rotes Licht wahr, weil der Bindu der Mutter aus dem Nabelzentrum aufsteigt und erfährt ein Ende der Störgefühle, die mit Verlangen verbunden sind. Und schließlich treffen die beiden Tropfen im Herzzentrum aufeinander, lösen die Umschlingungen, d.h. die Herzkanäle werden frei und es ereignet sich ein nachtschwarzer Zustand der Ohnmacht. Dem folgt der Zustand des klaren(!!!) Lichts, also ein lichter Zustand, aber ohne jegliche Farbe. Soweit mal die Theorie.

Praxis im Alltag

Wenn man in der Meditation der Kanäle, Winde und Tropfen geübt ist, kann man diese Vorgänge bereits zu Lebzeiten trainieren und beim Sterben nachvollziehen. Aber auch simple Alltäglichkeiten ermöglichen einen Einblick in diese Abläufe.
Fangen wir also mal mit dem Einschlafen an. Wie schon oben beschrieben, läuft das jeden Abend ab. Man sinkt in sich zusammen und wenn man dabei in der Lage ist, den Fokus der Aufmerksamkeit – das Thigle (Bindu, punktloser Punkt, Tropfen) – zu beobachten, dann bemerkt man, wie dieser Bindu – ich verwende lieber dieses Wort – sich von seinem alltäglichen Aufenthaltsort im Scheitel verbunden mit der Außenorientierung nach und nach weiter in einer Art Zentralkanal nach unten bewegt. Normalerweise ist man im durchschnittlich trainierten Zustand bestenfalls in der Lage, dieses Absinken bis auf Höhe der Kehle bewusst wahrzunehmen. Auf Höhe der Kehle ereignet sich das als Alpha-Zustand bekannte Ding, wo man verschiedenste innere Bilder hat. Wenn der Bindu weiter sinkt, dann fällt man in den Schlaf und nimmt nix mehr wahr. Steigt der Bindu im Laufe der Nacht wieder etwas an, dann gibt es Träume.

Sterben und Einschlafen

Was das nun mit dem Sterbevorgang zu tun hat? Naja, dort läuft es ja ähnlich ab. Allerdings sinkt der Bindu nach unten, die Leute erleben weißes(!!!) Licht, fühlen einen nie gekannten Frieden usw. Wenn der Tropfen weiter – d.h. unterhalb der Kehle – absinkt, dann bleiben die Leute im Wachkoma, falls der Bindu der Mutter aus dem Nabelzentrum nicht aufsteigt. Die Stoffwechselprozesse finden daher weiter statt, aber da der weiße Vater-Tropfen jetzt weg ist, funktioniert es mit den Nerven nicht mehr brauchbar. Daher reagieren Menschen im Wachkoma nicht mehr sehr erfolgreich auf äußere Reize. Ok, soweit so… naja, nicht gut. Wenn jedoch eine Person „das Glück hat“, dass der Vater-Tropfen von der Kehle wieder aufsteigt, dann kehrt sie ins Leben zurück und die Sinne funktionieren (meist) wieder einwandfrei. Sie kann sich daher auch noch an die Erlebnisse erinnern. Klar, wir können unsere Träume ja auch meistens den anderen erzählen. Dieses weiße(!!!) Licht und der große Friede sind natürlich beeindruckend. Stelle man sich einmal vor, wie es sich anspürt, wenn im eigenen Geist das Wort „Hass“ nicht einmal bekannt ist, wenn diese ganze Anspannung und der damit verbundene Stress – wenn auch nur für einen Moment – weg ist. Dass das als „himmlische“ oder „göttliche“ Erfahrung geschildert wird, liegt auf der Hand.

Erleber und Geist

face-622904_1920Wenn man sich nun fragt, „wer” erlebt das alles, dann ist die Antwort auf diese rhetorische Frage: „Es gibt keinen.“ Ein Erleber wird zeitlebens einfach konstruiert, da Menschen im gewöhnlichen Geisteszustand nie auf diese tiefgründige Erfahrungsebene gelangen, die hinter all diesen oberflächlichen Ereignissen vorhanden ist. Erkennen ist unpersönlich, genauso wie Karma unpersönlich ist. Doch aufgrund der Phantasie und trügerischen Auffassung von einem getrennten Wesen, erfahren wir real diese Trugspiele und sind nicht in der Lage sie als das zu entlarven, was sie sind – nämlich Täuschungen. Im Dharma werden je nach Sutra- oder Tantra-Schule je vier Faktoren – „mara“ genannt – als Gründe für das Aufrechterhalten dieses Spiels genannt. Der massivste Grund ist das Festhalten an einem Körper, mit der gleichzeitigen Phantasie, dass ein Geist extra dazu bestünde.

Geist = Erkennen

Geist ist Erkenntnis, ein Zustand des wissenden Gewahrseins, bar jeden Konzepts, bar jeder Information über etwas. Dieses klare, wissende Gewahrsein ist untrennbar von jeder Erfahrung, weil eben Erfahrung Erkennen ist. Dieses wissende Gewahrsein ist jedoch die meiste Zeit über von Phantasien, Vorstellungen und Konzepten verschleiert.
Gedanken sind „bewegter Geist“ und wenn sie nicht als leer von Eigennatur erkannt werden, dann sind sie einfach „gewöhnlicher Geist“ (tib., sems), also dualistisch. Gefühle sind auch nichts anderes als Gewahrsein, wenn sie nicht als leer erkannt werden, dann sind sie einfach „gewöhnlicher Geist“, und auch dualistisch, weil sie ja ständig auf Bezugnahme bedacht sind. Jede Sinneswahrnehmung ist nicht verschieden von Gewahrsein. In diesem Sinne ist ein Scheißstock einfach wissendes Gewahrseins, also Geist – und auch Erleuchtung. Wenn man also eine Klobürste sieht und dabei diese wissende Gewahrseinsqualität erkennt, dann realisiert man den erkennenden Aspekt des Gewahrseins. Wenn man zudem auch noch erkennt, dass da neben diesem Erkennen niemand existiert, der erkennt, sondern Erkennen sich erkennt, dann realisiert man den leeren Aspekt dieses wissenden Gewahrseins. Und wenn man die beiden Aspekte zusammenbringt, d.h. als nicht getrennt voneinander erkennt, dann realisiert man die Natur des Geistes.

 Vom 17. – 22. Mai 2018 findet hier im Ngakpa-Zentrum die Übertragung des gesamten Zyklus der 100 Friedvollen & Zornvollen von Karma Lingpa statt. Zusätzlich wird auch das grundlegende Tantra für diese Meditation – das Guhyagarbha-Tantra – übertragen. >Mehr lesen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Februar 2018

100 Friedvolle und Zornvolle

ZhitroDer wahre Vajra-Geist ist höchst wonnevoll und unwandelbar. Zeitloses Gewahrsein als ursprüngliche Einheit lässt Wolken des Gewebes des magischen Ausdrucks erscheinen – der Tanz des riesigen Feldes der friedvollen und zornvollen Gottheiten der Drei Wurzeln. Vor dem Guru, dem herrschaftlichen Meister, der alles und jedes davon offenbart, verbeuge ich mich. Alle Yogis, die sich auf diesem Pfad des unübertrefflichen Mantras eingeschifft haben sind von Makeln befleckt worden, als sie hinter den Idealen zurückblieben, deren Übertretung solche Schwierigkeiten mit sich bringen. Hier werde ich „Den Schmuck der erleuchteten Absicht Samantabhadras“ darlegen, ein Schatz des Nektars des vertraulichen Rates, der all diese Befleckungen bereinigt.

Samaya – das heilige Band – bereinigen

Wie im „Tantra der Versammlung der Herukas“ bemerkt: „Das ausgezeichnetste ‚Band‘ (dam) ist nicht beschädigt. Es wird erklärt, wenn jemand dagegen handelt, dann ‚verbrennt‘ (tshig) diese Person.“ Sozusagen müssen alle Yogis, die das Tor der geheimen Mantra-Annäherung durchschritten haben, durch Samaya (dam-tsig), als die Lebenskraft der Ermächtigungen, die sie erhalten haben, gebunden sein. Und daher sollte man immer Körper, Rede und Geist mit einem gesunden Gefühl aus Gewahrsein, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gut kontrollieren. Wenn man die Samaya in angemessener Weise hütet, dann ist einem gewiss, leicht und geschwind durch die Stufen des Pfades voranzuschreiten. Wenn man sie – wie immer auch – bricht, dann ist der zugezogene Bruch so schwerwiegend, das selbst 100.000 Verletzungen des Übens und der Gelübde der individuellen Befreiung und des Bodhisattva-Pfades nicht damit verglichen werden können, da es dazu dient, einen direkt in die niederen Zustände der Wiedergeburt anzutreiben. Um nun den entscheidenen Punkt zu verstehen, wie nützlich oder leidvoll eine Beeinflussung der Samaya sein kann, ist es nur vernünftig, nach größtmöglichem Gewinn dabei zu streben. Man sollte nicht einmal die geringste Verletzung oder den geringsten Bruch des Samaya ignorieren, sondern sich darin anstrengen, die Mittel zu verwenden, um es zu reparieren und zu erneuern.
Hinsichtlich dieses Vorgangs der Wiederherstellung und Erneuerung gibt es eine Vielzahl an Ritualen, ausführliche und zusammengefasste, die sich auf das riesige Feld der besonderen Gottheiten der Drei Wurzeln stützen, die die maßgebenden Quellen der Tantras, erklärenden Kommentare und Kernanweisungen verwenden, sowohl von der ausführlichen historischen Linie, wie auch den verborgenen Schatzlehren. In diesem Fall beabsichtige ich ein Ritual zu erklären, das durch die vielen besonderen Merkmale gekennzeichnet ist, basierend auf dem tiefgründigen Zyklus mit dem Titel: „Friedvolle und zornvolle Gottheiten – die natürliche Befreiung der erleuchteten Absicht.“ Dies ist eine sehr direkte Linie, die durch den großen Meister selbst kodifiziert wurde, und die den Nutzen durch all vier Arten der Verbindung bringt. Hergeleitet aus einer Kategorie der Lehren, die „Das höchste Netz des magischen Ausdrucks“ betreffen, dem allgemeinen Tantra für die „drei Yogas“. Das ist das Mandala, das als „Das Aufwühlens der Grube Samsaras in seiner Tiefe“, welches sogar die Auswirkungen der fünf Handlungsarten umfasst, die mit unmittelbaren karmischen Konsequenzen nach dem eigenen Tod verbunden sind.

Ritualanordnung

Wähle zuerst einen glückverheißenden Tag (wie beispielsweise den Vollmond- oder den Neumondtag oder den zehnten Tag des aufsteigenden oder absteigenden Mondes). Andernfalls ist es gut, dieses Ritual auszuführen, wann immer eine bestimmte Notwendigkeit dafür gegeben ist. An einem erfreulichen und ausgezeichneten Ort stelle die Repräsentationen von Form, Rede und Geist der Erleuchtung auf und welche Opfergaben auch immer erhältlich sind. Wenn das Grundstück dafür zuvor noch nicht unterworfen wurde, führe ein Ritual zur Inanspruchnahme des Platzes in der üblichen Art und Weise durch. Wenn alles passt, dann macht man mit dem Zeichnen des Mandalas aus farbigem Sand weiter oder wenn dies nicht möglich ist, legt man ein schön gezeichnetes Bild davon auf einem Regal auf und bedeckt es mit einem Stoffstück. Wenn auch das nicht möglich ist, dann genügt es, Blumenhaufen (gleich der Anzahl der Gottheiten) auf einer Mandala-Platte anzuordnen.
Auf jeden Fall stelle die Vase des vollständigen Sieges auf eine Stütze über das Mandala, wobei diese Vase mit den 37 erforderlichen Substanzen gefüllt ist. Wenn andere Vasen verfügbar sind, stelle sie in den vier Hauptrichtungen auf, jede mit ihren eigenen Substanzen gefüllt und mit Seidenbändern um den Hals gebunden, korrespondieren mit den entsprechenden Familien. Diese umgebend sind die Gegenstände der fünf gewöhnlichen Gewahrseinsermächtigungen, die symbolischen Gegenstände der fünf Familien; die mit Nektar angefüllte Schädelschale der geheimen Ermächtigung; ein mit Sindura-Pulver beschmierter Spiegel, auf dem zwei gekreuzte Dreicke gezeichnet sind, die mit einem MUM markiert sind; der sogenannte Spiegel des Vajrasattva, eine Vase für rituelle Waschungen; kleine Karten, die die friedvollen und zornvollen Gottheiten darstellen; die symbolischen Gegenstände der sechs Weisen und den Torma des „flammenden Juwels“ für die Ermächtigung. Hinter all diesem wird der „Lama-Torma“ für die gesamte Versammlung der Drei Wurzeln aufgestellt, zur rechten ein friedvoller „runder Torma“, umgeben von 42 Teigkügelchen und zur linken ein zornvoller „glorreicher Torma“, umgeben von 58 dreieckigen Teigknöpfen. Rechts und links von diesen sind die allgemeinen und besonderen Tormas für die Schützergottheiten, sowie Medizin und Rakta. Das Mandala umgebend, befinden sich Reihen mit Medizin- und Rakta-Opfergaben und Lampen (jeweils hundert von jeden), sowie Blumen und alle möglichen anderen Opfergaben, die verfügbar sind. Griffbereit stelle alle Gegenstände für das Tsog-Fest, die Musikinstrumente und alle anderen Gegenstände für dieses Ritual schön angeordnet auf.
Der Lehrer und die Vajra-Brüder und -Schwestern der Versammlung reinigen sich selbst mit einer rituellen Waschung, während sie das 100-Silben-Mantra rezitieren. Sie führen Niederwerfungen aus und nehmen ihre Sitzplätze in der Reihenfolge entsprechend ihres Alters und des Trainings ein. Körper, Rede und Geist beherrschend, beginnen sie mit dem Ritual in einem Gefühl des Vertrauens, der Begeisterung und der höheren selbstlosen Bestimmung.
Das, wovon in diesem Ritual gesprochen wird, ist einzig als eine Methode zum Wiederherstellen und Erneuern der Samayas zum eigenen Nutzen gedacht. Aber es kann auch dafür verwendet werden, um die Verschleierungen von anderen, wie den eigenen Schülern, zu beseitigen oder um vom Glück begünstigte Menschen zu nähren, indem man sie ermächtigt. Wenn man wünscht, dies so zu machen, dann kann man die Sadhana und die Opfergaben für die Selbstvisualisation und die Frontvisualisation bis zur Mantra-Wiederholung ausführen. Dann wirft man die Blume des Gewahrseins und erbittet die Erlaubnis von den Gottheiten, die Schüler hereinzulassen. Dann vollendet man die Übertragung, indem man mit dem Hauptritual zur Wiederherstellung und Erneuerung fortsetzt, das sich in diesem Text findet, bis zu den Wunschgebeten der Lampe, wo es notwendig ist, fügt man entsprechende Kommentare und leichte Änderungen in den Liturgien ein.

Totengeleit

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Ferner kann man eine Ermächtigung geben, basierend auf diesem Ritual, um Verstorbene zu führen, dabei werden die Verschleierungen von jemanden gereinigt, der gestorben ist. Wenn man wünscht, dies zu machen, dann ist es angebracht und tatsächlich sehr nützlich und von großem Vorteil, wenn Praktizierende des Pfades verstorben sind. Man fügt dies in die Praxis ein, indem man diesen Text mit einem entsprechenden Ritual dieser Art verbindet – eine Zeremonie für das Geleiten von Verstorbenen, ob nun in einem ausführlichen oder zusammengefassten Format. Um diesen Vorgang genau zu verstehen, ist es notwendig, dass jemand ausführt, der die Linie hält.
Wie das Tantra mit dem Titel „Die Herzessenz der Geheimnisse“ vermerkt ist:
„Die Fehler der Beschädigung der eigenen Verpflichtungen können nicht ausreichend beschrieben werden. Wenn jemand die Haupt-Samayas beschädigt, dann wird die gesamte spirituelle Praxis falsch sein. Selbst wenn jemand das nicht wünscht, werden alle Arten unerwünschter Ergebnisse vorkommen. Wenn jemand die eigenen Zweig-Samayas beschädigt, dann wird seine Praxis fruchtlos sein und man wird in die niederen Zustände der Wiedergeburt fallen.“
Die Fehler von beschädigten Samayas wurden in solchen Passagen verkündet und man sollte wieder und wieder darüber nachdenken, sodass man davon sehr betroffen ist und sich vor diesem Geschehen fürchtet und danach strebt, das Samaya frei von Beschädigung zu halten. Wenn man es bisweilen beschädigt, dann gibt es Mittel, um es wiederherzustellen, wobei gesagt wird: „Wenn sie jemand beschädigt, dann wird es durch Erfüllung [Zufriedenstellung] vollständig gemacht…“ In Übereinstimmung mit solchen Bemerkungen sollte man das Ritual mit gorßem Eifer ausführen, das in diesem Text dargelegt ist, abhängig vom Grad der Fehler, die vorgekommen sind, ohne eine lange Zeit verstreichen zu lassen.
Im Allgemeinen werden die Mehrzahl der kleineren Samayas beschädigt, ohne dass man sich dessen bewusst ist. Besonders in diesen Zeiten des spirituellen Niedergangs haben jene, die dem Pfad folgen, grobe störenden Emotionen und ihre Gegenmittel sind dürftig, daher ist es unmöglich, dass etwas nicht beschädigt wird. Aber durch das wiederholte Bemühen, die Stufen für die Wiederherstellung und Erneuerung des Samaya in regelmäßigen Zeitabschnitten auszuführen, indem man diese tiefgründigen und speziellen Methoden der geheimen Mantra-Annäherung der geschickten Mittel verwendet, kann man die Beschädigungen und Brüche der Verpflichtungen bereinigen, ebenso auch die Fehler und Mängel, die man sich zugezogen hat, sodass keine Spur von ihnen zurückbleibt. Der Lehrer Samantabhadra hat diesen Umstand bestätigt:
„Wer immer Verneigungen den Gottheiten des Mandalas – dem magischen Mandala der friedvollen und zornvollen Gottheiten – darbringt, wird die Auswirkungen aller gebrochenen und beschädigten Verpflichtungen bereinigen. Sogar die Auswirkungen der fünf Handlungen mit unmittelbaren Folgen beim eigenen Tode werden beseitigt werden. Selbst die Höllengruben werden in ihren Tiefen aufgewühlt. Solch ein Vidyadhara wird in den reinen Bereichen der Siegreichen bewundert werden.SONY DSC
Zum Nutzen und den Vorteilen des Aufrechthaltens des vollständig reinen Samayas wird gesagt:
„Jene, die die ausgezeichnete Familie der Siegreichen aufrechthalten, werden von den Anführern der Welt und ihrem Gefolge geehrt. Vorzügliche und Heilige denken an sie wie an ihre Kinder und Geschwister und segnen sie. Sie treten in den Bereich der Sugatas selbst ein. Sie vereinigen sich mit dem furchtlosen Samantabhadra.“
So wird gesagt, wenn man das Samaya überwacht, dann wird man in seinem Einflussbereich mit den Buddhas selbst identisch und ruht so in der Handfläche von Samantabhadras mächtiger Hand.
„Während man die schweren Bürden der beschädigten und gebrochenen Gelübde trägt, wie kann auch nur ein bisschen spirituelle Errungenschaft erlangen? Aufgrund dessen regnet ungewolltes Leiden auf einen herab. Ach! Man wird von den scharfen Klingen gequält, die so schwer zu ertragen sind. Die erhabenen Mittel um dies zu heilen, sind die hervorragenden Kernanweisungen. Dies ist der Streitwagen, der alle anderen überragt und niemals zuvor gesehen wurde, den ich als ein Geschenk gebe, um Bequemlichkeit und Entspannung für all jene vom Glück Begünstigten zu fördern, die das Allerbeste für sich selbst wünschen, indem sie dem Pfad des Mantra folgen.
Ah! Der quintessentielle Nektar, die mündliche Übertragung der vollendeten Meister, unbeschmutzt vom Gift der schmutzigen Erklärungen, sondern in ausgezeichneter Weise dargelegt, ist wirklich eine geordnete Annäherung, die in einem kostbaren Gefäß gehalten wird. Warum sollte es nicht reifen für jene, die Befreiung wünschen und wie an ihrer Lebenskraft daran festhalten? Der Verdienst, der aus diesem Streben danach kommt, ist das Leuchten der Sonne, das für immer die befleckte Dunkelheit beschädigter und gebrochener Verpflichtungen verbannt. Durch dieses üppige Bankett, das die zwei Arten spiritueller Errungenschaften zu Tage bringt, möge Samsara in seinen Tiefen aufgerührt werden und möge die Pracht der Vorzüglichkeit erstrahlen!“

Samaya-Bereinigung mit den 100 Friedvollen & Zornvollen

Dies ist der Text mit dem Titel „Das Ornament von Samantabhadras erleuchteter Absicht: ein Ritual zur Wiederherstellung und Erneuerung des Samaya in der Mantra-Annäherung der höchsten Geheimnisse“. Mein hauptsächlicher Grund um dies zu verfassen war der Wunsch, mir selbst und anderen, die dem Pfad des Mantras folgen, zu nützen. Ohne die erleuchtete Absicht der erhabenen Geheimnisse in unserer persönlichen Erfahrung begriffen zu haben, verhalten wir uns gemein und ungehobelt, fallen in den Abgrund, aus dem es so schwierig für uns ist, sich zu herauszuziehen. Ein weiterer Grund war eine Bitte von Sangya Dorje Tzal, der ein machtvoller Meister der zwei Stufen der Meditation und ein wahrer Herrscher im letztendlichen Sinne unter jene ist, die die weltliche Aktivität verworfen haben. Ich habe diesen Text hauptsächlich auf den ausgezeichneten Erklärungen des großen Übersetzers Lochen Dharma Shri, einem großen Wagenlenker der Lehren der früheren Übersetzungsschule, aufgebaut. Sein Werk mit dem Titel „Die Höllen in ihren Tiefen aufwühlen“, ist ein Ritual, das auf dem verborgenen Schatzzyklus genannt „Friedvolle und zornvolle Gottheiten: die natürliche Befreiung der erleuchteten Absicht (Zhitro Gongpa Rangdrol)“ gründet, das in den Kama-Lehren (jene der langen historischen Linie) enthalten ist. Ich habe an entsprechenden Stellen einige praktische Arten eingefügt, um die Kernanweisungen, entnommen aus dem spirituellen Rat des großen Meisters [Padmakara], anzuwenden und habe das Hauptritual leicht durchführbar gemacht.

Wer hat’s geschrieben?

Ich, Jigdral Yeshe Dorje, eine faule Ausrede für einen tantrischen Praktizierenden in diesen abschließenden Zeiten, habe dies zusammengestellt, als ich 49 Jahre alt war, zu einer günstigen Zeit, als das Getreide während der Herbstmonate im Jahr des männlichen Wasser-Drachen [1952] reifte. Es wurde in der Großen Versammlungshalte des Vollständigen Sieges im Tempel von Rasa Trulnang, der wie das Bodhgaya des Schneelandes ist, zusammengestellt. Das erste Manuskript wurde von einem erstellt, der dies erbeten hat. Möge dies als eine Ursache für großen Nutzen sich für jene ereignen, die von der unübertrefflichen Vajrayana-Annäherung geführt werden! SARVA MANGALAM.

Aus der Liturgie des „Zhitro Ngagso“ – der Reinigung der Gelübde anhand der Meditation der 100 Friedvollen und Zornvollen. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. Februar 2018

Der Dharmakaya

sky-3154857_1920Der Dharmakaya ist Reinheit, weil seine Natur rein ist und sogar die verbleibenden Eindrücke vollständig beseitigt sind. Er ist wahres Selbst, da alle begrifflichen Ausschmückungen hinsichtlich Selbst und Nicht-Selbst gänzlich beruhigt sind. Er ist wahres Glück, weil sogar die Aggregate der geistigen Natur und ihre Ursachen beseitigt sind. Er ist Dauerhaftigkeit, da der Daseinszyklus und der Zustand jenseits von Leiden als eins erkannt werden.
Ihre analytische Weisheit hat alle Selbstverliebtheit ohne Ausnahme abgeschnitten. Dennoch Wesen zu pflegen, die von Mitgefühl beherrscht sind, haften nicht an Frieden. Sich auf Verständnis und mitfühlende Liebe – die Mittel der Erleuchtung – zu stützen, so verweilen die Edlen weder in Samsara oder in einem begrenzten Nirvana.
Wenn das Buddha-Element nicht vorhanden wäre, würde es keine Reue über Leiden geben. Es würde keine Sehnsucht nach Nirvana geben, kein Streben und keine Hingabe auf dieses Ziel hin.
Bei jenen mit Hinblick auf Dasein und Nirvana werden die jeweiligen Fehler und Qualität gesehen, dass dieses Leiden als Fehler des Daseins und Glück als die Eigenschaft von Nirvana gesehen wird, das aus dem Vorhandensein der Disposition der Buddhaschaft stammt. „Warum nur?“ Bei jenen, die bar jeder Disposition sind, kommt solch ein Erblicken nicht vor.
Wie das große Meer weist sie Eigenschaften auf, die unermesslich, kostbar und unerschöpflich sind. Ihre Essenz beinhaltet untrennbare Eigenschaften. So ist das Element ähnlich einer Lampe.
Die Elemente des Dharmakaya, der Weisheit eines Siegers und großes Mitgefühl vereinend, wird es durch das Gefäß, das Juwel und dem Wasser als ein Wesen dargestellt, das dem Meer gleich ist.

Scharfsicht, uranfängliche Weisheit und Fehlen von Verschmutzung sind gänzlich untrennbar und dem unbefleckten Ort angeboren. So hat es Eigenschaften, die dem Licht, der Hitze und der Farbe einer Lampe entsprechen. Gegründet auf der Manifestation der Soheit, unterteilt in ein gewöhnliches Wesen, ein Edles und in einen vollkommenen Buddha, hat Er, der die Soheit erblickt, die Natur des Siegers über die Wesen erklärt.
Sie manifestiert sich als verdrehte Sichtweisen bei gewöhnlichen Wesen, als die umgekehrte davon bei jenen, die die Wahrheit sehen und sie manifestiert sich so wie sie ist, auf eine nicht verkehrte Weise und als Freiheit von Ausschmückungen in einem Tathagatha.
Die unreine, die sowohl unreine wie auch reine und die gänzlich reine werden in ihrer bestimmten Reihenfolge durch die Namen „Wesen“, „Bodhisattva“ und „Tathagata“ ausgedrückt.

Das Element, wie in den sechs Themen der „Essenz“ usw. enthalten, wird im Licht der drei Phasen durch die Verwendung von drei Namen erklärt. So wie der Raum, der von seiner Natur her frei von Gedanken ist, alles durchdringt, ist die ungetäuschte Weite, die die Natur des Geistes ist, alles durchdringend. Als allgemeines Merkmal von allem, umfasst es jene mit Fehlern, jene mit Qualitäten und jene, in denen die Qualitäten sind, letztendlich wie der Raum alles Sichtbare durchdringt, sei es von geringer, mittlerer oder überragender Erscheinung. Hat es Fehler, so sind dies Nebensächlichkeiten und Qualitäten, die ihre Natur sind, ist es nachher dennoch dasselbe wie zuvor. Dies ist der immer unwandelbare Dharmata. Obwohl Raum alles durchdringt, ist er aufgrund seiner Subtilität niemals verunreinigt. Genauso leidet der Dharmadhatu in allen Wesen nicht an der geringsten Verschmutzung. So wie zu allen Zeiten Welten entstehen und sich im Raum auflösen, erscheinen die Sinne und lösen sich in der unerschaffenen Weite auf. Raum wird von Feuern niemals verbrannt. Ebenso wird der Dharmadhatu niemals von den Feuern des Todes, der Krankheit und des Alterns verbrannt. Die Erde ruht auf dem Wasser und Wasser auf Wind. Wind ruht vollständig im Raum. Raum ruht auf keinem der Elemente von Wind, Wasser oder Erde. Ebenso basieren Skandhas, Elemente und Sinne auf Karma und Geistesgiften. Karma und Gifte basieren immer auf unpassender begrifflicher Handlung. Die unpassende begriffliche Aktivität verweilt vollständig in der Reinheit des Geistes. Dennoch hat die Natur des Geistes selbst keine Basis in all diesen Phänomenen.

Die Skandhas, Eingänge und Elemente sind bekannt als vergleichbar mit Erde. Karma und die geistigen Gifte der Wesen sollten als das Wasser-Element gesehen werden. Unpassende begriffliche Aktivtät wird ähnlich dem Element Wind gesehen. Die Natur des Geistes, wie das Element des Raumes, hat keinen Grund und keinen Aufenthaltsort.
Die unpassende begriffliche Aktivtät ruht auf der Natur des Geistes. Unpassende begriffliche Aktivität erzeugt all die Klassen des Karma und der Geistesgifte. Vom Wasser des Karma und der geistigen Gifte erscheinen die Skandhas, Eingänge und Elemente. So wie diese Welt entsteht und zerfällt, erscheinen auch sie und zerfallen ebenso.

Die Natur des Geistes als das Element des Raums hängt weder von Ursachen oder Bedingungen, noch von hängt sie von dem Zusammentreffen dieser ab. Sie hat kein Entstehen, keine Auflösung, noch hat sie ein Verweilen. Diese klare und leuchtende Natur des Geistes ist unwandelbar wie der Raum. Sie wird von Begierde usw., den hinzukommenden Makeln, die aus den falschen Gedanken entspringen, nicht beeinträchtigt. Sie wird nicht durch das Wasser des Karma, der Gifte usw. ins Dasein gebracht. Deshalb wird sie auch von den schrecklichen Feuern des Sterbens, Erkrankens und Alterns nicht verzehrt. Die drei Feuer von Tod, Krankheit und Alter sollen in ihrer bestimmten Reihenfolge verstanden werden, als das Feuer am Ende der Zeit, das Feuer der Hölle und das gewöhnliche Feuer.

Haben sie Soheit erkannt, die Natur des Dharmadhatu, so wie sie ist, dann sind jene, die dies verstanden haben von Geburt, Krankheit, Alter und Tod befreit. Obwohl frei vom Elend der Geburt usw., veranschaulichen sie dies, da sie durch ihre Einsicht Mitgefühl für die Wesen entstehen ließen. Die Edlen haben die Leiden von Sterben, Erkranken und Altern an ihrer Wurzel ausgerissen, welche dem Karma und den Giften gemäß geboren wurden. Gibt es keine solche Ursache, dann gibt es keine entsprechende Frucht.
Weil sie die Realität wie sie ist, gesehen haben, sind sie jenseits von Geburt usw. Dennoch als Verkörperung von Mitgefühl selbst zeigen sie Geburt, Krankheit, Alter und Tod.
Nachdem die Erben der Siegreichen diesen unwandelbaren Zustand realisiert haben, sehen jene, die blind vor Ignoranz sind, sie als ob sie geboren werden usw. Das solch ein Erblicken vorkommt, ist wahrlich wunderbar und erstaunlich. Sobald sie das Erfahrungsfeld der Edlen erreicht haben, zeigen sie sich selbst als das Erfahrungsfeld der Kinder. Daher sind Methoden und Mitgefühl der Freunde der Wesen erhaben.
Obwohl sie über alle weltlichen Belange hinausgelangt sind, verlassen diese Bodhisattvas nicht die Welt. Sie handeln zum Wohle aller weltlichen Wesen in der Welt, unbefleckt von ihren Defekten. So wie ein Lotus inmitten des Wassers wächst, nicht von den Fehlern des Wasser verunreinigt wird, werden diese Edlen in der Welt unbefleckt von jeglichen weltlichen Phänomenen geboren. Die Verwirklichung ihrer Aufgabe betrachtend, erstrahlt ihr Verständnis wie ein Feuer. Und sie ruhen immer ausgeglichen in meditativer Stabilität, die Friede ist.
Durch die Kraft ihrer früheren Gebete und weil sie frei von allen Ideenbildungen sind, üben sie keine absichtliche Anstrengung aus, um die fühlenden Wesen zur Reife zu bringen. Diese Erben der Siegreichen wissen genau wie und durch welche Methode jedes trainiert werden sollte – durch welche Lehren, Form-Kayas, Verhalten und Arten des Benehmens individuell passend sind. Immer spontan und ohne Hindernis für die fühlenden Wesen, deren Anzahl grenzenlos wie der Raum ist, handelnd, so betätigen sich solche Bodhisattvas, die Wissen besitzen wahrhaftig in der Aufgabe, den Wesen zu nutzen.
Die Art, wie Bodhisattvas ihre Aktivität in der nachmeditativen Phase entfalten, ist gleich der Handlung der Tathagatas in der Welt für die wahre Befreiung der Wesen. Obwohl dies tatsächlich so stimmt, gibt es dennoch zwischen einem Buddha und einem Bodhisattva den gleichen Unterschied, der zwischen der Erde und einem Atom oder auch zwischen dem Wasser im Meer und im Hufabdruck eines Ochsen besteht.

Der Dharmakaya verändert sich nicht in etwas anderes, da er unerschöpfliche Eigenschaften hat. Er ist die Zuflucht der Wesen, da er sie ohne Zeitgrenze bis ans letzte Ende beschützt. Er ist immer frei von Getrenntheit, da darin alle Ideenbildung vergessen ist. Er ist auch ein unzerstörbarer Zustand, weil seine Natur ungeschaffen ist.
Er wird nicht geboren und stirbt nicht. Er erleidet keine Qual und altert nicht, da er dauerhaft und beständig ist, dieser Zustand des Friedens und der Unveränderlichkeit. Er wird nicht einmal in einem Körper von geistiger Natur geboren, weil er dauerhaft ist. Unerschütterlich stirbt er nicht, nicht einmal durch den Tod und den Übergang, die eine unvergleichliche Verwandlung darstellen. Da er Friede ist, erleidet er nicht einmal die Qual der Krankheiten, die durch die subtilen karmischen Eindrücke verursacht sind. Da er unveränderlich ist, gibt es kein Altern, das durch die kompositionellen Faktoren frei vom Makel verursacht wird.

Verbindet man Sätze aus dem Vorigen in Zweierschritten, dann sollte die ungeschaffene Weite im selben Satz, wie die Merkmale der Dauerhaftigkeit usw. verstanden werden.
Weil er mit unerschöpflichen Eigenschaften geschmückt ist, ist der Dharmakaya selbst unwandelbar und daher hat er das Merkmal der Beständigkeit. Gleich dem äußersten Ende ist er selbst Zuflucht und daher besitzt er das Zeichen der Standhaftigkeit. Weil das Fehlen von Gedanken seine Natur ist, ist der Dharmata frei von Dualität und hat daher das Merkmal des Friedens. Ungeschaffene Eigenschaften bereitstellend, ist er das Unwandelbare selbst und daher besitzt er das Merkmal der Unzerstörbarkeit.
Warum sind das der Dharmakaya, der Tathagata, die Edle Wahrheit und das absolute Nirvana? Ihre Eigenschaften sind untrennbar wie die Sonne und ihre Strahlen. Wo anders als in Buddhaschaft gibt es kein Nirvana. Weil die nicht verunreinigte Weite kurz gesagt vier verschiedene Arten der Bedeutung hat, sollte sie hinsichtlich vier Synonyme bekannt sein: der Dharmakaya usw.

Buddha-Qualitäten sind untrennbar. Die Veranlagung wird so erlangt wie sie ist. Der wahre Zustand ist immer frei von Wankelmut und Täuschung. Seit anfangsloser Zeit ist die Natur selbst friedlich.
Unmittelbar vollkommene Erleuchtung in Hinblick auf alle Aspekte und das Aufgeben aller Makel mit ihren Eindrücken werden Buddha bzw. Nirvana genannt. Tatsächlich sind dies keine verschiedenen Dinge.
Befreiung wird als Untrennbarkeit von den Qualitäten, die in all ihren Aspekten gegenwärtig sind, angesehen: unzählbar, unvorstellbar und nicht verschmutzt. Daher wird Befreiung „Tathagata“ genannt.

Aus dem Uttaratantrashastra von Maitreya, niedergeschrieben von Asanga. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Februar 2018

Buddhaschaft ohne Meditation

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Eine visionäre Beschreibung, bekannt als »Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung« (Nang-jang)*

Unter der Anleitung von Seiner Eminenz Chagdud Tulku Rinpoche und Lama Padma Drimed Norbu aus dem Tibetischen von Richard Barron (Lama Chökyi Nyima) und Susanne Fairclough übersetzt. Übersetzung ins Deutsche durch Enrico Kosmus (Ngak’chang Rangdrol Dorje) und Christian Paar (Lama Sangye Dorje)

Buddhaschaft ohne Meditation, weitgehend bekannt mit seinem Untertitel »Nang-jang« (Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung), präsentiert die Sicht der Großen Vollkommenheit (Dzogchen, auch Ati Yoga genannt) durch die Herangehensweise, die als »Trekchö« (Durchtrennen der Festigkeit) bekannt ist. Es ist eine direkte Übertragung, die so machtvoll ist, dass bereits durch das bloße Hören des laut Gelesenen sicherstellt, dass der Hörer dem Leiden Samsaras entflieht. Der Dzogchen-Meister Dudjom Lingpa (1835–1904) empfing diese Lehren in visionären Dialogen mit vierzehn erleuchteten Wesen, darunter Avalokiteshvara, Vajrapani, Longchenpa und Saraha.
Die Dudjom-Linie – basierend auf den verborgenen Schatzlehren, die von Dudjom Lingpa und seiner unmittelbaren Wiedergeburt, Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje (1904–1987), dem späteren Oberhaupt der Nyingma-Schule des Tibetischen Buddhismus, offenbart wurden – ist eine der modernen Hauptlinien der Großen Vollkommenheit.
Diese Buch basiert auf der zweiten, überarbeiteten englischen Übersetzung von Richard Barron (Chökyi Nyima), der diesen Text unter Anleitung von S. E. Chagdud Tulku Rinpoche und Lama Padma Drime Norbu in Zusammenarbeit mit dem Padma Translation Committee in langjähriger akribischer Arbeit realisierte. Es enthält den tibetischen Text, wie er von S. H. Dudjom Rinpoche editiert wurde sowie die von ihm erstellte Strukturanalyse, die den Zugang zum Text erleichtert. Ein umfassendes Glossar der verwendeten Termini, sowie äquivalente Begriffe anderer moderner Übersetzer ergänzen das Buch.

»[Der Nang-jang] wurde als ein unerschöpfliches Schatzhaus voller Kostbarkeiten der Lehren Buddhas, der Reliquien des Dharmakaya, hergerichtet.«
Aus dem Nachwort von S.H. Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje


edition khordong im Wandel Verlag, Berlin, Frühjahr 2018,  330 Seiten, 15 Strichzeichnungen, französische Broschur (Klappeneinband), 20,5×14,5cm, g, voraussichtlich 22,80 €, ISBN: 978-3-942380-24-9


Dieser Text ist die Übersetzung eines Berichts, den Dudjom Lingpa im 19. Jhdt. zusammenstellte. Er war ein großer Visionär und Meditationsmeister der Nying­maSchule des tibetischen Buddhismus, der durch seine Schatztexte und visionären Schriften 20 Bände füllte.
Als anerkannte Emanation des Khye’u Chung Lotsawa, einem der 25 Herzensschüler von Padmasambhava, hatte er bereits seit seiner Kindheit immer wieder visionäre Begegnungen mit geistigen Lehrern in Gestalt von Bodhisattvas, Dakinis und früheren historischen Persönlichkeiten des Dharma wie Saraha oder Longchenpa.
Der vollständige Titel dieses Textes lautet »Buddhaschaft ohne Meditation: Ein Rat, der das eigene wahre Antlitz – die natürliche Große Vollkommenheit – sichtbar macht«, aber das Werk ist unter Tibetern allgemein als »Nang-jang« bekannt, was als »Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung« übersetzt werden kann.
Es ist eines der heute benutzten Standardwerke, um die Dzogchen-Lehren (»Große Vollkommenheit«) darzulegen, insbesondere jene Lehren, die die als »Durchtrennen der Festigkeit« (Trekchö) bekannte Stufe der Praxis betreffen.
Dieser Text ist eine stufenweise Lehre, die aufzeigt, dass die ursprünglich reine Große Vollkommenheit die höchste Weise ist, in der Dinge verweilen, und die durch das »Durchtrennen der Festigkeit« erreicht wird.

Erhältlich im Wandel Verlag!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. Februar 2018

Vajrayana – Ursprung der Lehre

Eine Erklärung darüber, wie die Lehre des Vajra-Fahrzeuges entstanden ist.

Der herrschaftliche Lehrer, der Vajra-Halter Samantabhadra, lehrte die ozeangleichen Klassen der Tantras im großen Akanistha. Später in Dhanyakataka und wo anders wurden die Lehren wiederum enthüllt…

Samantabhadra-SamantabhadriUrsprünglich offenbarte der Buddha die Tantras durch den Modus der fünf vollständig ausgestatteten Umstände. Der völlig ausgestattete Lehrer, unser eigener Buddha Shakyamuni, blieb von anfangsloser Zeit an in der grundlegenden, ursprünglich reinen Sphäre der ursprünglichen Weisheit des innewohnenden Gewahrseins. In diesem Zustand des wahrhaftigen Erwachens waren spontane Präsenz und uranfängliche Weisheit eins. Aus diesem heraus blieb der eine Geschmack der erleuchteten Absichtlichkeit aller Buddhas der drei Zeiten als die Erscheinung der Verkörperung des vollständigen Erfreuens, der Sambhogakaya.
Die gegenständlichen Erscheinungen sind in ihrer eigentlichen Natur der Selbstausdruck der ursprünglichen Weisheit, der reine ursprüngliche Buddha (Samantabhadra). Der nicht-begriffliche Zustand, frei von Greifen und Festhalten, ist der „Vajra“. Die Untrennbarkeit der Sphäre der Wahrheit und der ursprünglichen Weisheit ist der „Halter“. Der reine allerhöchste Herrscher aller Mandalas ist der Lehrer. Somit ist der völlig ausgestattete Lehrer der Vajra-Halter, Samantabhadra.
Der völlig ausgestattete Ort ist das Selbstgewahrsein, äußerst rein und als der reine Bereich Akanistha verstanden. Die vollständig ausgestattete Versammlung ist die eigene Selbstprojektion, die als die unermesslichen Mandalas der friedvollen und zornvollen Gottheiten erscheint. Der völlig ausgestattete Dharma ist die unausdrückbare Natur der leuchtenden Strahlung der erleuchteten Absichtlichkeit ursprünglicher Weisheit. Die völlig ausgestattete Zeit ist die unwandelbare Sphäre der spontanen, selbstentstandenen Reinheit.
Innerhalb dieser fünf Ausstattungen wurden die ozeangleichen Klassen des Tantra unaufhörlich durch symbolische Hinweise im reinen Bereich Akanistha gelehrt. Dementsprechend waren nur Bodhisattvas auf der achten und neunten Stufe in der Lage, die Lehre zu vernehmen. Zu dieser Zeit manifestierte sich der Buddha zum wohle der äußerst unbeherrschbaren Wesen als der glorreiche Heruka (im zornvollen Aspekt) und brachte das ganze unterstützende Mandala der zornvollen Gottheiten in den fünf reinen Bereichen der Manifestation, dem Nirmanakaya, zum Ausdruck und in den reinen und unreinen gewöhnlichen weltlichen Bereichen, um den Geist der fühlenden Wesen zu zähmen. Ebenso sandte Buddha Vajradhara viele Geistemanationen in die Bereiche der Götter, Nagas, Yakshas und andere, um die Tantras zu enthüllen und zu verbreiten. Besonders in unserem menschlichen Bereich sandte die überragende Emanation Buddha Shakyamuni während der sechs Jahre der Entbehrungen seine Geistemanationen auf den Gipfel des Berges Meru und hinunter in den Ozean, um die Lehre des Geheimen Mantra zu enthüllen. Wieder zu seinem Körper zurückkehrend vervollständigte er seine Darstellung der zwölf Wundertaten. Im Allgemeinen wurden alle Tantras des Geheimen Mantra von Vajrapani zusammengestellt und hauptsächlich in die Sprachen Sanskrit, Prakrit, Apabhramsha, Dakini, jene der Barbaren und andere übertragen.
Als Indrabhuti, der König von Oddiyana, den Buddha und sein Gefolge am Himmel fliegen sah, war er unsicher darüber, was er erblickte und rief seine Minister, das Phänomen zu beobachten und fragte sie, ob es eine Schar roter Vögel sei. Sie erwiderten, dass es der Buddha und seine Schüler sei. Der König wünschte so sehr, den Buddha zu sehen und betete zu ihm, herab zu kommen. Der Buddha erschien ihm dann und stellte ihm diese Frage: „Kannst du die drei Vorsätze der völligen Entsagung felsenfest einhalten?“ König Indrabhuti erwiderte: „In diesem Lustgarten des südlichen Kontinents ist es einfach für mich, eine Wiedergeburt als bescheidener Fuchs anzunehmen, wenn benötigt. Jedoch die begehrenswerten Objekten aufzugeben, um Befreiung zu erlangen – das, oh Ehrwürdiger Gautama, kann ich nicht.“ Mit diesen Worten verschwand die Versammlung der Shravakas. Dann wurde eine Stimme aus dem Himmel vernommen, die sagte: „Was als Shravakas und Pratyekas erschien, ist eigentlich der wundersame Ausdruck der Bodhisattas.“ Danach offenbarte der Buddha das uranfängliche Weisheitsmandala und gewährte dem König Indrabhuti die Ermächtigung, der später den Kaya der Nondualität verwirklichte.
Der Buddha manifestiert sich, um die Vajrayana-Mandalas an anderen Kraftplätzen zu offenbaren, wie im östlichen China am Parvata Pakkhipada, in Zentralindien am Leichenplatz von Smasana Sitavana und in Sri Lanka am Dakpo Dradrog usw. Zusätzlich lehrte der Buddha viele der Tantras an unbekannten Orten zu verschiedenen Zeiten. Gelegentlich manifestierte sich der Buddha selbst als die Hauptgottheit und zu anderen Zeiten gewährte er Ermächtigung als der Buddha selbst. Nach dem Offenbaren aller drei Fahrzeuge in dieser Welt manifestierte der Buddha sich in Dhanyakataka Caitya, wo er das große Mandala des Kalacakra öffnete und die Tantras der Versammlung der Yogis und Yoginis enthüllte. Bei anderer Gelegenheit erschien er als vollständig ordinierter Mönch, um die äußeren Tantras zu offenbaren, einschließlich die meisten der Kriya- und Upa-Klassen. Als er dem König Indrabhuti das Guhyasamaja-Tantra und Vajragarbha das Hevajra-Tantra offenbarte, manifestierte er sich als die jeweilige Hauptgottheit des Mandalas umgeben vom gesamten Gottheitengefolge. Auf diese Weise, so wie zuvor die Tantras im großen Akanistha  offenbart worden waren, wurden sie in ihre Gesamtheit in viele andere Bereiche und Weltsysteme eingeführt.

Aus dem Kommentar von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje über das Halten der drei Gelübdekategorien. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Februar 2018

Vajra-Gelächter

man-1974244_1920Der Bodhisattva Vidyavajra bemerkte: „Oh Lehrer, Bhagavan, seit Lebzeiten von anfangsloser Zeit an bis in die Gegenwart halten die blinden fühlenden Wesen der drei Bereiche aufgrund der Ursache von Unwissenheit und dem mitwirkenden Umstand des dualistischen Greifens beständig und unaufhörlich an den trügerischen Zyklen der endlosen Aufenthaltsorte von Samsara fest. Unter dem Einfluss der verdichteten Verunreinigungen der Gewohnheitstendenzen in der Schale des Nichtgewahrseins sind sie von großen Lasten des Leidens niedergedrückt. Aber durch die Kraft der Weisheit und der uranfänglichen Weisheit wird die Schale der gewohnheitsmäßigen Neigungen geöffnet.
Vor dem Erwachen aus dem Schlummer des Nichtgewahrseins verdinglicht man das trügerische Gefühl des Erfahrens von Elend im Daseinskreislauf und den elenden Daseinszuständen, welche faktisch nicht erlebt wurden. Bedenkt man die Art, wie jemand an Erlebnissen festhält, so ist das lächerlich! Warum? Obwohl die Grundlagen der Benennungen nicht festgestellt werden können, werden der ungegenständlichen Leerheit verschiedene Namen gegeben und auf diese Weise täuscht man sich selbst. Ha ha!
Alle Erscheinungen sind wie eine Fata Morgana, die man für Wasser hält und wie ein illusorisches Fest, das man für dauerhaft auffasst und daran festhält, als ob es der eigene Besitz wäre. Frühere Erscheinungen lösen sich auf und nachfolgende entstehen ohne dauerhafte Präsenz, aber indem man das nicht bemerkt, ist man verwirrt! Ha ha!
Das Problem nicht zu erkennen, dass Erscheinungen entstehne und sich ohne Stabilität verwandeln, lässt einen stolz sein auf die angesammelten Reichtümer als ob sie ewiger Reichtum für einen wären. Ha ha!
Sobald jemand Samsara und Nirvana als die offene, ungegenständliche Natur der großen Leerheit erkennt, werden alle Buddhas und Buddha-Felder, die als Objekte im belebten und unbelebten Universum gehalten werden, in den Abgrund fallen. Ha ha!
Sobald jemand sieht, dass alle belebten und unbelebten Welten mit ihren Sinnesobjekten völlig ohne Grund und Wurzel wie in einem Traum und in einer Illusion sind und wenn man dann erkennt, dass sie anscheinend existieren, obwohl sie es nicht tun und dass sie gleichzeitig in einem einzigen Augenblick wie ein Blitz erscheinen und vergehen, dann wird der Daseinskreislauf vom Wind verblasen. Ha ha!
Indem man die Tatsache nicht erkennt, dass die eigene Natur seit anfangslosen Lebzeiten sich niemals auch nur für einen Moment aus dem ursprünglich reinen Dharmadhatu entfernt hat, so scheint es, dass man kommt und geht und sich im Daseinskreislauf umherbewegt. Ha ha!
Erkennt man die Tatsache nicht, dass sich einem seit anfangslosen Lebzeiten die eigenen Erscheinungen zeigen und abgesehen davon, dass es nicht ein Deut irgendwelcher anderer Sinnesobjekte gegeben hat, nimmt man die erlebten Erscheinungen für etwas woran man festhält als ob es etwas anderes wäre. Somit ist man beständig von Hoffnungen und Befürchtungen getäuscht. Ha ha!
Sobald jemand auf sein eigenens Antlitz als den großen, ursprünglichen, uranfänglichen Grund trifft, erwacht er zur ungehinderten Ungegenständlichkeit aller Fehler und gewohnheitsmäßigen Neigungen. Ha ha!
Wenn jemand die absolute Natur des Grundes erkennt, frei von begrifflicher Ausschmückung, dann lösen sich Hilfe und Anfeindung, die von Göttern und Dämonen sowie Freunden und Feinden spurlos auf. Ha ha!
Sobald die Finsternis der Unkenntnis der absoluten Natur des Grundes der Erkenntnis weicht, erkennt man, dass spirituelles Erwachen nicht durch gutes Meditieren erlangt wird, noch dass jemand im Daseinskreislauf aufgrund der Schwäche des Nichtmeditierens umherwandert. Ha ha!
Sobald der Grund-Dharmakaya, der allgegenwärtige Herrscher Samantabhadra offenkundig wird, erlangt man mühelos das Königreich des Dharmakaya. Ha ha!
Wenn man Meisterschaft über die ursprüngliche Weisheit des Gewahrseins frei von Extremen erlangt, ohne dass es nötig wäre, alle fühlenden Wesen der drei Bereiche zu berücksichtigen oder auf sie zu schauen und ohne die Notwendigkeit, sich angestrengt zu bemühen, erwacht man gleichzeitig zur Dharmata, der absoluten Natur, die die Kausalität übersteigt. Ha ha!
Sobald man Meisterschaft über das ursprüngliche Weisheitsgewahrsein frei von Extremen erlangt, ist jedes einzelne der unzähligen Mandalas der Siegreichen als von einem Geschmack ohne Angleichung oder Abweichung vollendet und verwirklicht. Ha ha!
Wenn der reine, gleichwertige Ausdruck von Samsara und Nirvana und dem Dharmakaya, das Gewahrsein, das als der Grund vorhanden ist, wahrgenommen wird, dann erwacht man vollkommen in einem Augenblick ohne sich auf die Stufen von Grund und Pfad stützen zu müssen. Ha ha!
Durch das Hören des Klanges der Worte dieses großen Vajra-Gelächters wird man die wahre, absolute Natur ergründen und diese weitreichenden und tiefgründigen Punkte realisieren.

Aus dem Nelug Rangjung – Vajra-Herz-Tantra – (dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) des Dudjom Lingpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. Januar 2018

Bewusstsein und Geist

sunlight-2323003_1920In der Sicht des tibetischen Buddhismus tritt beim Tod das Bewusstseinsprinzip, das als Namshe (tib., rnam shes) bekannt ist, aus dem Inneren des eigenen Leichnams (tib., bem po) aus und das körperlose Bewusstsein findet sich wieder in einem subtilen Geistkörper hausend, wo der Geist, die Erinnerungen, Emotionen und die Sinne einschließlich Sehen, Riechen, Hören usw. noch immer einsatzbereit sind. So ein geistgeschaffener Körper der subtilen psychischen Energie und des Bewusstseins wird „Yilü“ (tib., yid lus) genannt. Es gibt ein allgemeines Verständnis unter den Tibetern, dass Bewusstsein oder die bewusste Existenz eine Art von Körper erfordert, egal ob physisch, ätherisch oder geistig, da es ansonsten keine Aktivität der Sinne geben würde. Der allgemeine Begriff für Bewusstsein ist Namshe (tib., rnam shes), das die Übersetzung des Sanskrit-Begriffs „vijnana“ ist. Der Begriff „Geist“ oder Sem deckt beide Aspekte des geistigen Lebens ab, die in der buddhistischen Psychologie als Bewusstsein an sich (tib., sems; skt., citta) und als die Inhalte des Bewusstseins (tib., sems byung; skt., chaitta) unterschieden werden, welche sozusagen die geistigen Aktivitäten oder Funktionen sind. Die Wurzel des Bewusstseins und sogar noch grundlegender ist Shepa (tib., shes pa; skt., jna) oder das Basisbewusstsein. Dieses Basisbewusstsein wird „Bewusstsein“ oder Namshe, wenn es erhellt und in geistigen Vorgängen gefangen ist. Namshe scheint ein Wort zu sein, das aus miteinander verbundenen Sanskrit-Begriffen gebildet wurde: rnam-par steht im Sanskrit vi– für „diskursiv“ und shes-pa aus dem Sanskrit jnana ist „uranfängliches Erkennen“. Die wird nun allgemein von den Buddhisten und Bönpos verwendet. Darüber hinaus wird dieses Wort dafür verwendet, um auf das Bewusstseinsprinzip hinzuweisen, dass nach dem körperlichen Tod überlebt und in neue Geburten übergeht, wiederum erwachend, sich im Zwischenzustand des Bardo vorzufinden, dem Abschnitt zwischen Tod und Wiedergeburt. Das scheint mit dem zu korrespondieren, was wir im Westen „die Seele“ bezeichnen. Jedoch ist das Namshe eine komplexe Struktur des Geistes, einschließlich des Bewusstseins und der Erinnerungen und der subtilen psychischen Energien (tib., rlung sems), die im Bardo aufgrund der Macht des Karma auferstehen. Daher gibt es zwei unterschiedliche Bedeutungen für diesen tibetischen Begriff „Namshe“.

Seele durch die Hintertür?

face-622904_1920Ein paar westliche Gelehrte erheben den Einspruch, dass diese tibetische Bezeichnung von Namshe den Tod eines Individuums überlebt und in den Bardo oder den Zwischenzustandserfahrung zwischen Tod und Wiedergeburt eintritt, weil dies dem grundlegenden buddhistischen Prinzip von „Nicht-Selbst“ (skt., anatman; tib., bdag med), da es kein Selbst oder keine Seele im menschlichen Sein gibt, das reinkarniert. Sie behaupten, dass die Tibeter diese Idee eines dauerhaften Selbst oder einer unsterblichen Seele, so wie man sie im Hinduismus findet und als Atman benannt wird, eingeführt haben. Jedoch ist in buddhistischen Bezügen das Namshe keine Substanz oder Entität, die dauerhaft ist und eine inhärente Existenz hat. Es ist etwas, das von vorherigen Ursachen bedingt ist und sich somit in einem Zustand des beständigen Fließens befindet. Man kann es am besten mit einem Strom oder Fluss vergleichen. Weil die Wasser dieses Flusses sich von Moment zu Moment beständig von verändern, sind sie niemals dieselben. Und obwohl sich die Inhalte des Bewusstseins die ganze Zeit über wandeln, behält das Bewusstsein eine Individualität aufrecht und eine Beständigkeit, genauso wie beim Dahinströmen eines Flusses in seinen Ufern. Namshe ist keine geistige Substanz oder ein Geistgegenstand, sondern „ein Strom des Bewusstseins“ (skt., vijnana santana; tib., shes rgyud) und dieser Begriff wurde in der buddhistischen Psychologie schon lange vorher verwendet, bevor William James ihn in die westliche Experimentalpsychologie einführte. Dieser Strom des Bewusstseins, der sich immer wandelt und in einem Fluss dahinfließt, ist durch viele Leben dahingeflossen, genauso wie ein großer Fluss durch viele unterschiedliche und vielfältige Landschaften dahinfließt. Es ist immer gleiche Fluss und dennoch nie derselbe. Die Wasser oder Inhalte dieses Flusses haben sich von Moment zu Moment gewandelt. So wie der griechische Philosoph Herakleitus fragte: „Steigen wir zweimal in denselben Fluss?“ Und dennoch aus einer größeren Perspektive ist es derselbe Fluss. Tatsächlich ist es dieser Strom des Bewusstseins, der ein Leben mit einem anderen verbindet. Somit ist Wiedergeburt oder der Zyklus von Tod und Geburt keine Angelegenheit desselben Handelnden, der verschiedene Gewänder und Masken anlegt, um verschiedene Rollen während des Verlaufs eines Spiels auf der Bühne spielt, sondern es ist wie ein Fluss. Da besteht ein echter Unterschied. Obwohl man Bewusstsein mit einem Fluss vergleichen kann, wird der Strom des Bewusstseins eines Individuums als ungeschaffen und ohne zeitlichen Beginn angesehen. Es gibt aus buddhistischer Sicht keinen großen Ozean, in den das Bewusstsein am Ende der Existenz einfließt, gleich einem Regentropfen, der in das große, glänzende Meer fällt. Obwohl das Bewusstsein sich von Moment zu Moment ändert, hat dieser Strom des Bewusstseins keinen Schöpfer und keinen Anfang in Zeit und Geschichte. Es gibt keine Schöpfung in einem absoluten Sinne. Noch gibt es ein Ende im absoluten Sinne. Dieses Basisgewahrsein ist an der Wurzel des Bewusstseins grundlegend und dem Dasein genauso innewohnend wie der Raum selbst. Beim Abidharma fortsetzend, greift Dzogchen die Sicht auf, dass Raum und Gewahrsein seit allem Anfang an untrennbar sind (tib., ye nas stong rig dbyer med).

Aus„TIBETAN CONCEPT OF THE SOUL” von Lama Vajranatha (John M. Reynolds, 2011). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018).

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