Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Mai 2019

Schöne Körper – cheesecake factory

Der Wunsch nach einem gesunden und schönen Körper ist auch im Buddhismus nicht unbekannt. Zwar werden kosmetische Behandlungen, schönheits-chirurgische Eingriffe oder ähnliche Verfahren nicht unbedingt angewandt, aber man weiß darum, dass entsprechende Handlungen wie das körperliche Verletzen von anderen nicht unbedingt hilfreich ist und nur Qual und Pein über einen bringt. Dharmarakshita meint dazu in seinem „Rad der scharfen Waffen“, einem Text des Mahayana-Geistestrainings folgendes:

Wenn unsere Körper schmerzen und von großer Pein schrecklicher Krankheiten geplagt sind, die wir nicht ertragen können, dies ist das Rad der scharfen Waffen, welches den ganzen Kreis unseres Fehlverhaltens über uns zurückbringt.
Bis jetzt haben wir die Körper von anderen verletzt; von jetzt an lasst uns ihre Krankheit auf uns nehmen.

Dharmarakshita „Rad der scharfen Waffen“; Vers 10

Oder weiter in einem anderen Vers, wo er Bezug auf Schönheit und Hässlichkeit nimmt und Ursachen für einen entwürdigenden Umgang anspricht.

Wenn unsere Körper hässlich sind und andere uns quälen, indem sie sich über unsere Mängel lustig machen, und nie Respekt zeigen, dies ist das Rad der scharfen Waffen, welches den ganzen Kreis unseres Fehlverhaltens über uns zurückbringt.
Bis jetzt haben wir uns Vorstellungen gemacht, denen es an Schönheit mangelt, indem wir unserem Ärger Luft gemacht haben, haben wir hässliche Szenen geschaffen.
Von nun an lasst uns Bücher drucken und gefällige Statuen machen, und nicht unbeherrscht, sondern frohgemut sein.

Dharmarakshita „Rad der scharfen Waffen“; Vers 38

Mipham Rinpoche, ein Meister der tibetischen Rime-Bewegung, hat ein Gebet zur Inspiration für einen schönen Körper verfasst:

༈ བདག་ནི་སྐྱེ་བ་ཚེ་རབས་ཐམས་ཅད་དུ།
DAG NI KYE WA TSHE RAB THAM CHE DU /
Damit ich in all meinen Wiedergeburten und Leben außergewöhnlich gut aussehe
།མཚུངས་མེད་ལྟ་ན་སྡུག་པའི་ལུས་མཆོག་ནི།
TSHUNG ME TA NA DUG PA’I LÜ CHOG NI /
und mein gewöhnlicher Körper schön aussieht,
།ནད་མེད་སྟོབས་ལྡན་རྡོ་རྗེ་ལྟ་བུ་ཐོབ།
NÄ ME TOB DÄN DORJE TA BU THOB /
möge ich frei von Krankheiten sein und vajra-gleiche Macht erlangen und
།རྒྱལ་ཀུན་སྐུ་ཡི་བྱིན་རླབས་འཇུག་པར་ཤོག
GYAL KÜN KU YI JIN LAB JUG PAR SHOG //
den Segen der Körper aller Siegreichen empfangen!

།ལུས་ལྟ་ན་སྡུག་པའི་སྨོན་ལམ་མོ༎
Dies ist das Wunschgebet für einen schönen Körper.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. April 2019

Mantra-Heilen und magische Praktiken

Im vorigen Beitrag über das Entfalten der erleuchteten Aktivität habe ich über die Grundlagen und Voraussetzungen für das Mantra-Heilen geschrieben. Hier folgt nun eine kurze Abhandlung über Mantra-Heilen und das Menschenbild im tantrischen Buddhismus.

Elementares Welt- und Selbsterleben

Der Mensch wird als eine Ansammlung von körperlichen und geistigen Erlebnishaufen gesehen. Diese bestehen aus den fünf äußeren Elementen und dem jeweiligen inneren Formerleben, sowie aus den vier weiteren geistigen Erlebnishaufen von Empfindung, Unterscheidung, Gewohnheitsmustern und Bewusstseinsarten. Genauso wie der Mensch aus den fünf Elementen besteht, ist die äußere Welt aus den fünf Elementen aufgebaut. Dadurch stehen diese inneren und äußeren Elemente in einer Wechselwirkung zueinander und beeinflussen sich beständig.

Im Menschen sammeln sich diese fünf Elementen auch noch in Form von drei prinzipiellen Funktionen, die Wind (tib., rlung), Galle (tib., mkhris pa) und Schleim (tib., bad kan) genannt werden. Ähnlich dem Ayurveda kennt man diese Funktionen auch in der mittelalterlichen Medizinlehre als die drei Säfte.

Krankheiten und ihre Bedingungen

Man sagt, dass Krankheiten Manifestationen bestimmter energetischer Störungen sind, die ihre Wurzel wiederum in einer Disharmonie von Geist und inneren Winden haben. Durch Visualisationen werden diese Disharmonien beseitigt. Mittels der Rezitation, die die Kraft der inneren Winde nutzt, werden diese geklärt.

Neben diesem spirituellen Ansatz kennt man im Rahmen der tibetischen Heilkunst natürlich auch noch andere Ansätze. Die primäre Krankheitsursache, wie auch die Ursache allen Leidens ist Unwissenheit, das Nichtwissen um die wahre Beschaffenheit aller Phänomene. Daraus entstehen die Wurzelgifte von Täuschung, Anhaftung (Gier) und Ablehnung (Hass). Diese Wurzelgifte sind die Ursachen, da sie im eigenen Geistesstrom sind. Damit dann Krankheiten auch tatsächlich noch ausbrechen können, benötigt es die hinzukommenden Faktoren, die bedingenden Umstände. Diese sind Ernährung, Bewegung, Verhalten und geistige Einstellungen. Außerdem wirkt der Wechsel der Jahreszeiten auf uns ein.

Man kennt vier Klassen von Krankheiten: 1) jahreszeitlich bedingte Krankheiten; 2) sichtbar manifestierte Krankheiten; 3) Geister- und Dämonenkrankheiten; und 4) karmische Krankheiten.

Saisonal bedingte Krankheiten entstehen und vergehen gemäß der Jahreszeit und müssen nicht notwendigerweise behandelt werden. Wenn man Ernährung und Verhalten entsprechend auf die Jahreszeit abstimmt, dann treten diese Krankheiten entweder nicht auf oder können rasch beseitigt werden. Sichtbar manifestierte Krankheiten entstehen durch das Zusammenspiel von äußerlichen Bedingungen mit dem eigenen Verhalten. Diese benötigen eine medizinische Behandlung über Änderung des Verhaltens und der Ernährung, sowie ggf. durch Medikamente und/oder äußere Eingriffe wie Moxa oder Operationen. Geister- und Dämonenerkrankungen sind geistig-emotionale und/oder spirituelle Störungen des Geistes oder des Geistes mit der Umwelt. Diese werden über Heil-Mantras und entsprechende Rituale behandelt. Karmische Erkrankungen werden als unheilbar angesehen und sind zu ertragen. Der Krankheitszustand wird als eine Reinigung von früheren negativen Handlungen verstanden.

Missverständnisse und Fehldiagnosen

Fehldiagnosen aufgrund von naiven Ansichten und daraus resultierende Fehlbehandlungen können nicht nur fatal, sondern auch letal sein.

Da Spiritualität, die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von geistigem Erleben mit der Umwelt, mittlerweile einen immer breiteren Raum beim Versuch einnimmt, das Leben als ganzheitlich zu erfahren, müssen an dieser Stelle einige Missverständnissen aufgeklärt werden. Wenn man die vier oben erwähnten Kategorien von Krankheiten nicht beachtet, entsteht rasch der Eindruck, alles würde aus dem Geist entstehen und man müsste nur die Unwissenheit beseitigen. Aus letztendlicher Perspektive betrachtet, ist das durchaus richtig, aber in diesen Zustand letztendlicher Wahrheit einzutauchen, ist aufgrund der geistigen Verschleierungen nicht vielen sofort gegönnt. Daher müssen sich diese mit dem Vorläufigen begnügen und die manifestierten Erkrankungen konkret behandeln.

Man kennt durchaus Fälle wie die afghanische buddhistische Nonne Gelong Palmo, die Lepra durch die Praxis des Nyungne (Kriyatantra-Fastenpraxis auf Avalokiteshvara) geheilt oder Jigten Sumgön, der trotz Erkrankung an Ruhr und der eindringlichen Bitten seiner Sponsorin im Retreat verblieben ist und konventionelle Heilbehandlungen abgelehnt hat und geheilt wurde. Doch auch die großen spirituellen Meister der Vergangenheit und Gegenwart haben immer wieder auf ganz konventionelle Heilbehandlungen und Medizinen zurückgegriffen. Auch zu Buddhas Zeit wurde der Hygiene und der Pflege von Kranken ein positiver Stellenwert eingeräumt und die Einnahme von Medizin in der Vinaya als nützlich bei Erkrankungen erwähnt. Nirgendwo hat Buddha oder ein späterer Meister des Dharma spirituelle Praktiken oder magische Heil-Mantras hervorgehoben und eine konventionelle Behandlung verworfen.

Tradition der Heil-Mantras

Zusätzlich zu den vier erleuchteten Aktivitäten findet man im Kontext einiger Mandalas auch noch weitere Mantras.

Im Praxiskontext von Dorje Drolö oder Vajrakilaya finden sich noch weitere Mantras, die dem Weihen der Praxis-Phurbas dienen, aber auch Mantras, die zum Schützen (tib., srung ba), zum Zurückwerfen (tib., zlog pa) und dem Vernichten (tib., bsad pa) rezitiert werden. Dann gibt es noch Rezitationen zum Schärfen der Zaubersubstanzen.

Im Rahmen des Maha-Ati-Zyklus von Dudjom Lingpa findet man in Rahmen der Praxis auf Guru Rinpoche mehrere Mantras zum Wettermachen, dem Vertreiben von Räubern, dem Vernichten von Feinden oder dem Heilen von Seuchen und Ansteckungskrankheiten oder zum Schützen. Meist wird neben Rezitation und Visualisation noch mit bestimmten Gesten – Mudras – gearbeitet.

Im Zyklus des Khandro Thugthig – der Herzessenz der Dakini – von Dudjom Rinpoche finden sich viele Aktivitätspraktiken, u.a. auch ein Zauberhandbuch mit ca. 50 Aktivitäts- und Heil-Mantras. Manche dieser Mantras sind Erweiterungen und Ergänzungen der vier erleuchteten Aktivitäten, andere Mantras dienen ganz konkret zum Lindern von bestimmten Krankheiten und dem Heilen. Ebenso gibt es eine Anleitung zur Spiegel-Divination, zum raschen Hervorbringen der Verwirklichungen, zur Verwandlung der Gestalt, zum Entwickeln von Gedankenlesen, zum Versammeln von Menschen, zum Heranziehen bestimmter Personen, zum Vermehren von Nahrung und Reichtum. Außerdem sind in diesem Mantra-Zyklus auch Mantras enthalten, die einen vor verschiedensten Verletzungen wie durch Feuer, Kälte, Wasser oder das Anschlagen des Kopfes behüten. Ebenso ist ein Schutz vor Feinden und Räubern hier enthalten. Mittels bestimmter Mantras und Substanzen kann man den Blutfluss stoppen, Zahnprobleme behandeln oder Schwellungen und Störungen der Mamos beseitigen.

Heilrituale

Die Grundlage des tantrischen Heilens ist die „Seelenrückholung“ – La Gug (tib., bla ‚gugs) genannt – womit ein Ritual zum Herbeiziehen des La (tib., bla) – der Lebensenergie – gemeint ist. Durch diese balanciert der Ngakpa (tantrischer Heiler) die Geistes- und Vitalkraft des Klienten. Der Ngakpa als Experte sieht die Geistes- und Vitalkraft des Menschen in einer vielschichtigen Gestalt miteinander verwoben. Lebensenergie (tib., bla), Vitalität (tib., srog), Körper (tib., lus), Einfluss-Präsenz (tib., dbang thang) und Windpferd (tib., lung rta) wollen bewahrt werden.

Wie die Schamanen die ersten Seelenführer in den Gemeinschaften waren, so wirken die Ngakpa-Lamas als Ritualkundige auf dem Lebensweg. Aufgrund ihres umfangreichen Wissens über Schöpfung, Natur, Identität und Wandlung des Geschaffenen werden sie in allen Lebenslagen von der Geburt bis zum Tod konsultiert. Nur wenige verfügen über ein umfassendes Wissen der Welten UND die Kraft, Wesen zu führen, zu befrieden, zu bannen, zu kontrollieren etc. Erst nachdem Ngakpas einen Stufenweg in ihrer Ausbildung durchlaufen, sind sie in der Lage heilsam zu wirken. Heil-Mantras dienen dazu, diese fünf Kräfte von Lebensenergie, Vitalität, Körper, Einfluss-Präsenz und Windpferd ins Gleichgewicht zu bringen.

Mehr dazu gibt es im Rahmen der Übertragung der Zyklen von Khandro Thugthig und Tsokye Thugthig. Siehe Veranstaltungskalender.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. April 2019

Erleuchtete Aktivität entfalten

Über Mantra-Heilen und die Anwendung von Mantras für bestimmte Zwecke ist gewiss schon viel geschrieben worden. Auch verschiedenste CDs mit allerlei Aufnahmen von Heilmantras zum Anhören und als Begleitung für Meditation sind am esoterischen Markt erhältlich. Doch kaum ein Buch oder eine CD enthält authentisches Material mit den entsprechenden Anleitungen dazu.

In der buddhistischen Tradition findet man zahlreiche Sammlungen mit Aktivitätsmantras, die entweder bereits in den Sutras überliefert wurden und Dharanis (tib., gzungs) genannt werden und magische Formeln darstellen, oder viele Mantra-Aktivitäten in Verbindung mit der Praxis der drei Wurzeln von Guru, Deva und Dakini bzw. Dharmapala. Will man die Mantra-Aktivität entfalten, dann ist eine Ermächtigung in die entsprechende Praxis und deren Vollendung erforderlich. Grundsätzlich kennt man einmal drei Arten von Rezitation der Mantras: 1) Annäherung; 2) Vollendung; und 3) Aktivität. Jede dieser Rezitationsklassen ist mit einer speziellen Visualisation verbunden, ohne die die Wirksamkeit des Mantras nicht eintritt.

Mudra, Mantra und Samadhi

Die magische Erschaffung von Mandala und Gottheit – also Welt und Wesen – durch Imagination im Rahmen der Erzeugungsstufe wird auch als Mudra (tib., phyag rgya) genannt, womit die symbolische Form der Gottheit gemeint ist. Im Rahmen dieser Ausführung übt sich der Praktizierende in den Stufen der Versenkung mittels Stütze auf eine spezifische Figur und ihre Umgebung – dem Mandala. Diese Vertiefungen werden durch Handlungen wie Gabendarbringung und Lobpreisungen intensiviert, sodass der Yogi von dieser Meditation völlig durchtränkt ist. In weiterer Folge wird durch Mantra und Samadhi – also durch magischen Wirkspruch und meditativer Konzentration – die jeweilige Meditation und Aktivität praktiziert.

Nach dem Darbringen von Gaben und den Lobpreisungen folgt die erste Rezitation und Visualisation, die als Annäherung (tib., bsnyen pa) bezeichnet wird. Die Annäherung dient einem weiteren Vertrautwerden als Meditationsgottheit. Im Rahmen der Praxis wird dabei mit zwei bis drei Ebenen von Wesensformen gearbeitet, von dem die innerste Essenz in Gestalt der Keimsilbe mit dem Mantra erscheint. Dadurch wird ein Selbstverständnis von einem selbst als Meditationsgottheit und der Welt als Mandala manifestiert. Bei vielen tantrisch Praktizierenden wird diese Stufe der Rezitation und Visualisation sehr ausführlich durchgeführt. Wenn man im Rahmen der gesamten Liturgie bestimmte Aktivitäten ausführen möchte, wie beispielsweise das Aktivieren der Einweihungs- und Reinigungsvasen, dann wird die entsprechende Rezitationspraxis an dieser Stelle hier eingefügt.

Die zweite Rezitationsklasse wird als „Vollendung“ (tib., sgrub pa) bezeichnet und in der damit verbundenen Visualisation werden die Siddhis, die spirituellen Verwirklichungen der Buddhas und Bodhisattvas der drei Zeiten und zehn Richtungen, der drei Wurzeln usw. empfangen. Erst wenn man diese Rezitationsstufe gemeistert hat, tritt die Vollendung der Praxis ein und man hat entsprechende spirituelle Verwirklichungskraft, um erleuchtete Aktivitäten auszuführen. So mancher Praktizierender hat schon versucht, sich in allen möglichen Aktivitäten zu betätigen, hatte aber die beiden Stufen von Annäherung und Vollendung nicht erfüllt. Das Ergebnis war dann dementsprechend dürftig. Meist zeigen sich solche Zauberlehrlinge dadurch, dass sie ihre eigenen Probleme bei anderen wahrnehmen und diese dort dann zu heilen versuchen. Daher ist jedem Praktizierenden, der nach dem Ausführen von Buddha-Aktivitäten strebt, anzuraten, zuerst die dafür nötigen Grundlagen und Voraussetzungen zu erfüllen. Sobald aber diese Vollendung erreicht ist, werden diese vier Aktivitäten direkt als Aspekte erleuchteten Aktivitäten zum Nutzen anderer ausgeführt.

Die dritte Klasse der Rezitation ist die der Aktivität (tib., las byor), womit die Buddha-Aktivität gemeint ist. Für gewöhnlich kennt man vier Buddha-Aktivitäten (tib., ‚phrin las bzhi) bzw. vier Arten magischer Handlung, die mit vier Farben verbunden sind. Die weiße, befriedende Aktivität (tib., zhi ba) dient dem Befrieden von Konflikten, dem Heilen von Krankheiten und dem Beruhigen von Hunger und Not. Die gelbe, vermehrende Aktivität (tib., rgyas pa) wird zum Ausdehnen der Lebensspanne und dem Anwachsen von Verdienst eingesetzt. Die rote, kontrollierende oder magnetisierende Aktivität (tib., dbang ba) hilft, Herrschaft über die drei Bereiche zu erlangen und die Welt und Wesen unter Kontrolle zu bringen. Die blaue (grüne oder schwarze), zornvolle Aktivität (tib., drag po) dient dem vernichten feindlicher Kräfte. Dabei kennt man zehn Arten feindlicher Kräfte, die durch die zornvolle Aktivität einer direkten Befreiung zugeführt werden.

Um diese erleuchteten Aktivitäten auszuführen, visualisiert sich der Praktizierende in der Form der Meditationsgottheit und führt die erleuchteten Aktivitäten durch die Visualisation von entsprechenden Lichtstrahlen aus.

Die erleuchtete Aktivität (tib., ‚phrin las) ist die Aktivität der Buddhas zum Wohlergehen der Wesen. Sie ist durch drei Aspekte charakterisiert. Sie ist ihrer Natur nach dauerhaft, alles durchdringend und mühelos präsent (tib., rtag khyab lhun grub). Die erleuchteten Aktivitäten sind allerdings nur Teil der inneren oder höheren Tantras. Man findet diese Art der Aktivität weder in den äußeren Tantras, noch im Sutrayana, wo der Arhat lediglich in einem ewigen untätigen Frieden verweilt oder Bodhisattvas nur Bodhisattva-Aktivitäten ausführen.


Der nächste Beitrag handelt dann vom Mantra-Heilen. Bleibt also dran!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. April 2019

Dakini – die weibliche Weisheit

Der tibetische Begriff „mkha‘ ‚gro“ (sprich: Khandro oder Khadro) setzt sich aus den Silben „mkha‚“ (Himmel) und „‘gro“ (umherziehen, wandern) zusammen und meint ein Wesen, das am Himmel umherwandert. Daher wurde die Dakini schon öfter auch als „Himmelstänzerin“ oder „Himmelswanderin“ bezeichnet. Rasch tauchen einem da Bilder von am Himmel fliegenden Hexen auf. Durchaus eine Möglichkeit in der Begriffsdeutung, aber darüber hinaus gibt es noch weitere.

Grundsätzlich kennt man drei Arten von Dakinis: 1) überweltliche; 2) weltliche; und 3) als Ehrbezeichnung. Die überweltlichen Dakinis sind jene, welche die Leerheit verkörpern und auf diese Weise den Raum (Himmel) durchqueren. So wie der Raum (Weltraum) überall ist, ist auch alles leer von sich aus. Die Praxis der Dakini ermöglicht daher dem Praktizierenden des Vajrayana diese Qualität rasch zu manifestieren. Da die Realisation von Leerheit mit der Realisation des Dharmakaya gleich ist, führt dies rasch zur Befreiung.

Weltliche Dakinis sind durchaus die bereits erwähnten Hexen und weißen Frauen, können aber auch nicht-sichtbare Wesen in Gestalt von Dämoninnen und heilsamen wie unheilsamen Erdmüttern (skt., matrika; tib., mamo) sein. Diese halten sich an bestimmten Plätzen wie Leichenstätten auf, fressen Menschenfleisch – bevorzugt Kinder – oder treten als Störenfriede auf. Dabei handelt es sich auch schon mal um unerleuchtete Wesen.

Der Begriff „Dakini“ (Khandro) wird aber ebenso als Ehrbezeichnung für die Frau eines hohen Lehrers verwendet.

Drukpa Künley, der verrückte Heilige, benannte neun Arten von Dakinis:

Jnana-Dakini / Yeshe Khandro

Die Weisheits-Dakini ist hübsch, durchflutet und strahlend. Sie hat fünf Muttermale auf ihrer Haarlinie und ist mitfühlend, rein, tugendhaft und fromm und hat eine gute Körperform. Die Verbindung mit ihr bringt Glück in dieses Leben und verhindert, dass man bei der nächsten Geburt in die Hölle fällt.

Vajra-Dakini / Dorje Khandro

Die Vajra -Dakini ist liebreizend mit einem gut gefüllten, geschmeidigen Körper. Sie hat lange Augenbrauen, eine süße Stimme und singt und tanzt gerne. Die Verbindung mit ihr bringt Erfolg in diesem Leben und die Wiedergeburt im Götterbereich.

Ratna-Dakini / Rinchen Khandro

Die Ratna-Dakini hat ein hübsches weißes Gesicht mit einem angenehmen gelben Schimmer. Ihr Körper ist schlank und sie ist groß. Ihr Haar ist weiß und sie hat wenig Eitelkeit und eine sehr schmale Taille. Die Verbindung mit ihr gibt einen Reichtum in diesem Leben und verschließt die Tore der Hölle.

Padma-Dakini / Pema Khandro

Die Padma-Dakini hat eine hellrosa Haut, einen öligen Teint, einen kurzen Körper und Gliedmaßen sowie breite Hüften. Sie ist lustvoll und geschwätzig. Durch die Verbindung mit ihr werden viele Söhne erzeugt, während Götter, Geister und Menschen kontrolliert werden und die Tore zu den niederen Bereichen geschlossen werden.

Karma-Dakini / Lekyi Khandro

Die Karma-Dakini hat eine strahlend bläuliche Haut mit einem bräunlichen Farbton und einer breiten Stirn. Sie ist eher sadistisch. Die Kopplung mit ihr ist eine Verteidigung gegen Feinde und schließt die Tore zu den niederen Reichen.

Buddha-Dakini / Sangye Khandro

Die Buddha-Dakini hat einen bläulichen Teint und ein strahlendes Lächeln. Sie hat wenig Lust, ist langlebig und trägt viele Söhne. Die Verbindung mit ihr verleiht eine lange Lebensdauer und eine Wiedergeburt im reinen Land des Orgyän Gurus.

Shaza Khandro

Die fleischfressende Dakini hat einen dunklen und aschgrauen Teint, einen breiten Mund mit hervorstehenden Reißzähnen, eine Spur eines dritten Auges auf ihrer Stirn, lange klauenartige Fingernägel und ein schwarzes Herz in ihrer Vagina. Sie genießt es, Fleisch zu essen, und sie verschlingt die Kinder, die sie trägt. Sie ist auch eine Schlaflose. Die Verbindung mit ihr verursacht ein kurzes Leben, viele Krankheiten, wenig Reichtum in diesem Leben und eine Wiedergeburt in der tiefsten Hölle (Avici-Hölle).

Jigten Khandro

Die weltliche Dakini hat ein weißes, lächelndes und strahlendes Gesicht und sie ist respektvoll gegenüber ihren Eltern und Freunden. Sie ist vertrauenswürdig und großzügig. Die Verbindung mit ihr sichert den Fortbestand der Familienlinie, erzeugt Nahrung und Reichtum und sichert die Wiedergeburt als Mensch.

Gupa Go Thal Khandro

Die Asche essende Dakini hat gelbes Fleisch, das einen aschfrauen Teint und eine schwammige Textur hat. Sie isst Asche vom Rost des Herdes. Die Verbindung mit ihr verursacht viel Leiden und Erweckung und eine Wiedergeburt als hungriger Geist.

So sprach Drukpa Künley zu 15 Mädchen auf die Frage, welche Art von Dakini (Khandro) sie wären, als er Nyerong verließ und sich auf den Weg nach Kongpo begab.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. April 2019

Dharma oder Kultur

Der Unterschied zwischen Dharma und Tradition oder Kultur

Um in die buddhistische Sichtweise einzuführen, sollten wir zuerst wissen, was Dharma ist. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Dharma und den verschiedenen Traditionen der buddhistischen Lehren. Wenn wir im Dharma Zuflucht suchen, nehmen wir keine Zuflucht in die buddhistische Tradition. Wir müssen also wissen, wie man zwischen Dharma und den buddhistischen Traditionen unterscheidet. Der Buddhismus hat sich nicht nur in Bhutan verbreitet, sondern auch in vielen anderen Ländern wie Korea, Japan, China, Thailand, Sri Lanka usw. Es ist jedoch ein großer Fehler in der Art und Weise, in der diese Länder dem Buddhadharma folgen, da sie die buddhistische Tradition mit Dharma verwechseln. Und im Laufe der Zeit legen sie mehr Wert auf die Traditionen als auf den authentischen Buddhadharma.

Diese Verwirrung zwischen den Lehren und der Tradition zeigt sich nicht nur bei Buddhisten, sondern auch bei anderen Lehren wie dem Christentum. Zum Beispiel feiern Christen den 25. Dezember als Weihnachtstag, und es ist zu einem Tag geworden, an dem Geschenke gekauft und dargebracht werden, ein Baum aufgestellt und mit schönen Dingen verziert wird. Sie geben diesen Dingen so viel Bedeutung und nicht wirklich den Lehren Jesu Christi. Und etwas Ähnliches passiert in Bhutan. Ich warne Sie nicht nur, dass dies in Zukunft passieren könnte – es ist bereits geschehen. Wir legen großen Wert auf Festivals, machen Maskentänze und machen alles schön, um es den Touristen zu zeigen. Aber die Menschen vergessen den authentischen Dharma und geben stattdessen den Traditionen eine so große Bedeutung und Betonung. Traditionen sind eigentlich gar nicht so schlecht. Anders als beim Dharma ändern sich Traditionen und Kultur mit der Zeit und dem Ort. Zum Beispiel haben sich viele Aspekte der bhutanischen Tradition, wie zum Beispiel die Kleidung der Bhutanesen und ihr Verhalten, seit dem Anfang verändert.

Die Lehre praktizieren statt bloß der Tradition folgen

Aber die Lehren, die der Buddha lehrte, werden sich niemals ändern. Buddha sagte, dass sich die wahre Natur der Dinge nicht ändern wird, egal ob der Buddha in dieser Welt erscheint oder nicht. Die Lehren der Vier Edlen Wahrheiten, vier Siegel usw. werden sich niemals mit Zeit und Ort ändern. Zum Beispiel lehrte Buddha, dass alle zusammengesetzten Dinge unbeständig sind. Alle zusammengesetzten Dinge waren vor dem Buddha unbeständig, und selbst nach 2500 Jahren, nachdem Buddha auf diese Erde gekommen war, ist nichts dauerhaft geworden – alles ist immer noch unbeständig. So ändern sich die Lehren des Buddha, das Dharma, nicht mit Zeit und Ort. Nur die Traditionen ändern sich.

Wir werden nicht als Buddhisten außergewöhnlich, nur indem wir Buddha Shakyamuni folgen. Außergewöhnlich ist, dass wir durch Befolgung der Lehren des Buddha die wahre Natur des Geistes und der Phänomene erkennen können. Wenn wir die wahre Natur der Phänomene erkennen, werden wir außergewöhnlich. Wir werden einzigartig. Und wir werden nicht außergewöhnlich, wenn wir nur daran denken, das zu tun, was Buddha gelehrt hat. Sie werden sich nicht von den Anhängern anderer Glaubensrichtungen unterscheiden, indem Sie einfach den Lehren Buddhas folgen. Sie müssen die Sicht üben und verwirklichen. Buddha Shakyamuni ist derjenige, der die wahre Natur der Phänomene gelehrt hat. Er ist jedoch nicht der Schöpfer der wahren Natur – er hat keine Leere geschaffen. Buddha Shakyamuni ist derjenige, der die Realität oder die wahre Natur gelehrt hat und wie man durch das Erkennen der wahren Natur außergewöhnlich wird. Wie er lehrte, ist, dass, wenn Sie zum Beispiel davon träumen, dass Sie gerade von einem hohen Gebäude fallen, Sie Angst bekommen. Wenn jemand aus dem Nichts auftaucht und sagt: “Kein Grund zur Sorge, keine Angst, es ist ein Traum, es ist nicht real” – dann werden Sie keine Angst haben. Sie wissen, dass es ein Traum ist. Sie erkennen, dass es ein Traum ist. Die Person, die Sie unterrichtet, die Ihnen zeigt, dass es ein Traum ist, ist genauso wie Buddha Shakyamuni, der gelehrt hat, dass das, was Sie jetzt erleben, all diese Verwirrung wie ein Traum ist. Es ist nicht real.

Buddha lehrt einen also die Realität, die wahre Natur. Und wenn Sie die wahre Natur erkennen, haben Sie keine Angst vor Samsara. Die Person, die die Realität oder die wahre Natur gelehrt hat, ist Buddha Shakyamuni. Der Punkt hier ist, dass er kein Schöpfer ist. Er hat keine Realität geschaffen – er hat uns die Natur der Realität gelehrt.

In relativer Hinsicht wurde Buddha Shakyamuni in Lumbini geboren, und dann verzichtete er auf die Welt und übte sechs Jahre lang Entsagung. Am Ende meditierte er unter dem Bodhi-Baum und erlangte Erleuchtung. Alle diese Dinge tat er aus Gründen des Glücks. Das einzige, was alle Menschen sehnen, ist Glück – und das Einzige, was der Mensch nicht will, das jedes Wesen nicht will, ist das Leiden. Buddha Shakyamuni verzichtete ebenfalls auf den Palast und wurde zu einem Entsagenden, weil er Glück wollte.

Was ist Dharma?

Dharma ist etwas, das die Wahrheit, die Realität, festlegt. Wir müssen Dharma üben, um Frieden und Glück zu haben. Wir machen alle möglichen Dinge für das Glück. Zum Beispiel haben nicht nur Buddhisten so viele Mittel, um Frieden und Glück zu finden, sondern auch in Ägypten und Griechenland gab es viele Philosophen, die Bücher darüber geschrieben haben, wie man Glück finden kann. Sogar Wissenschaftler machen alle möglichen Experimente und ziehen dann alle möglichen Schlüsse, zum Beispiel, dass die Erde rund ist und sie auch zum Mond gehen können, nur um Frieden und Glück zu schaffen. Und wenn Buddhisten diese Dinge untersuchen, kommen sie zu dem Schluss, dass keines dieser Dinge ein perfektes Mittel ist, um Glück zu erlangen. Wissenschaft, Technologie, Politik, Wirtschaft, alles – all diese Dinge – sind nicht das ultimative Mittel, um Glück zu finden. Buddhisten stellen auch fest, dass keines dieser Dinge besser ist als das, was Buddha gesagt hat. Wir müssen uns nicht zu diesen Dingen Fragen stellen.

Wir sollten uns selbst untersuchen und erforschen. Wenn wir genau untersuchen, was Buddha gesagt hat, sagte er, dass alle zusammengesetzten Dinge unbeständig sind, alle Emotionen Leiden sind usw. Und wenn wir dies vollständig untersuchen, werden wir feststellen, dass dies wahr ist. Wir werden feststellen, dass nichts dauerhaft geworden ist und dass keine Emotionen zu Glück oder Glückseligkeit geworden sind. Buddha sagte, wenn wir die Anhaftung an uns selbst nicht zerstören, unser Selbstklammern, dann gibt es keinen Weg, auf dem wir Glück erreichen können. Und Buddha sagte, dass alle zusammengesetzten Dinge unbeständig sind: Alles Unbeständige hat das Potenzial, zusammen zu brechen oder zu zerfallen. Und was das Potenzial hat, auseinander zu fallen oder zu erschöpfen, leidet. D.h. alle unbeständigen Dinge werden durch Emotionen getätigt, und alles, was durch Emotionen getätigt wird, ist von Natur aus Leiden. Indem er sich an unbeständige Dinge klammert, ist dies die Ursache allen Leidens – das erklärte Buddha. Aber nirgends in den Lehren hat Buddha gesagt, dass wir seine Lehren einfach akzeptieren müssen, nur weil er es gesagt hat. Wir müssen seine Lehren prüfen.

Frieden und Glück

Glück kann nicht durch äußeren materiellen Wohlstand erreicht werden. Je mehr materiellen Reichtum Sie haben, desto mehr Leid wird er bringen. Heute hat sich die Welt im Hinblick auf den materiellen Wohlstand so dramatisch entwickelt, aber das Leiden hat nicht abgenommen. Stattdessen hat all diese Entwicklung das Leiden verstärkt, vergrößert und beschleunigt. Zum Beispiel haben wir jetzt Mobiltelefone. Wenn also hier in Bartsham etwas passiert, werden Sie in Kürze in Trashigang davon erfahren, und die Menschen dort werden darunter leiden.


Von Dzongsar Khyentse Rinpoche; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2019).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. April 2019

Tsokye Thugthig – der Seegeborene Vajra

Die tiefgründige Herzessenz des Seegeborenen – die Praxis des Mahaguru – ist ein Geistschatz (dgong gter) von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje und findet sich als Bestandteil eines größeren Zyklus des Khandro Thugthig. Der Zyklus des Tsokye Thugthig legt seinen Schwerpunkt mehr auf die Aspekte Heilung und Reichtum. Dieser Praxiszyklus wurde von Dudjom Rinpoche im Jahre 1929 als Schatztext gehoben, als er noch in Tibet war. Während sein ausführlicher Zyklus des Khandro Thugthig – die Herzessenz der Dakini – den Mutter-Aspekt darstellt, repräsentiert der Zyklus des Tsokye Thugthig den Vater-Aspekt.

Inhalt des Seegeborenen Vajra

Im Rahmen des Tsokye Thugthig gibt es vier Sadhanas auf die vier Aspekte des Lehrers. Äußerlich erscheint der Lehrer dabei im Medizinaspekt als Orgyän Menla, der große Heiler aus Orgyän. Als innerlicher Aspekt manifestiert sich der Lehrer in Form des Lama Norlha, als Reichtumsaspekt. Den geheimen Aspekt bildet die Praxis des Tsokye Dorje und der allergeheimste Aspekt zeigt sich auf den entsprechenden Thangkas in der Manifestation des Dorje Drolö. Jedoch ist in diesem Zyklus keine Praxis des Dorje Drolö zu finden, sondern stattdessen gibt es die Praxis des Lama Dragpo Taphur – des Lehrers als Einheit von Hayagriva und Vajrakilaya.

Neben diesen Praktiken gibt es noch ein paar Aktivitätspraktiken zum Thema Heilung und Reichtum. So finden sich eine Langlebenspraxis, eine längere Medizinbuddha-Praxis und zwei Praktiken zum „Herstellen von Schatzvasen“ und zum „Vertreiben des Geistes von Not und Elend“ im Zyklus. Man sagen, dass Padmasambhava sich in den Zeiten des Niedergangs zum Wohle der Wesen als Heiler und Bringer von Reichtum zeigt.

Heilaspekt des Guru Rinpoche

Bei der Praxis des Heileraspekts wird der Weisheitsgeist des Lehrers in Gestalt von Orgyän Menla angerufen und eingeladen. Durch diese Praxis werden alle vorübergehenden sowie alle langanhaltenden Verschlechterungen und Minderungen bereinigt, die aus den Störungen durch die fünf Elemente herrühren. Da alle Lebewesen aus den fünf Elementen zusammengesetzt sind, ist dies eine sehr wirksame Praxis, die Elemente wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wie Garab Dorje, der Enkelsohn von Dudjom Rinpoche sagt:

„Unser zerstörbarer illusorischer menschlicher Körper unterliegt einem vorübergehenden und langfristigen Verfall, der durch die Störung von Elementen entsteht. Krankheit und Hindernisse werden aufkommen und uns mit unerträglichem Leiden und vorzeitigem Tod bedrohen. Vor und zum Zeitpunkt des Auftretens von Krankheiten können wir Orgyän Menla, den König der Medizin, mit großem Glauben anflehen. Durch die Untrennbarkeit mit Orgyän Menla werden die Krankheitshindernisse und das Leiden definitiv beseitigt, sodass unser Leben nicht erschöpft ist.“

Orgyän Menla, der heilende Guru aus Oddiyana, ist Guru Rinpoche, der im Aspekt von Bhaishajyaguru (Medizinbuddha) erscheint. Er ist dunkelblau (wie Lapizlazuli) und seine rechte Hand hält einen Stiel wertvoller Heilkräuter. Die Praxis von Orgyän Menla vereint den Segen und die Kraft von Guru Rinpoche und des Medizinbuddha, um kraftvolle Heilung zu bringen und alle Arten von emotionalen, körperlichen und psychischen Erkrankungen aufzulösen. Es ist besonders wirksam bei der Befriedung von Epidemien, anderen Krankheiten, Leiden und negativen Einflüssen und wirkt sich auch positiv auf die Langlebigkeit und Weisheit aus.

Oder wie Shenphen Dawa Rinpoche, Dudjom Rinpoches Sohn dazu meint:

„Diese Praxis konzentriert sich auf die heilenden Eigenschaften des leuchtenden Weisheitsgeistes des Buddha, mit dem Ziel, alle Krankheiten, einschließlich der eigentlichen Leiden des Leidens, für alle Lebewesen, die unsere Eltern gewesen sind, zu heilen.“

Die zerstörerischen Kräfte des Ungleichgewichts der vier Elementen werden durch das Verwirklichen von Orgyän Menla überwunden. Dies ist möglich, weil der Medizinbuddha sich nicht von Guru Rinpoche unterscheidet und Guru Rinpoche nicht von der ursprünglichen Reinheit und Vollkommenheit des eigenen Bewusstseins verschieden ist. Alle inneren, äußeren und geheimen Hindernisse und Krankheiten sind das Ergebnis der eigenen verwirrten Existenz. Das Mantra von Ogyän Menla zu meditieren und zu rezitieren heilt nicht nur Krankheiten und Leiden auf relativer Ebene, sondern führt auch zur Verwirklichung der ultimativen Weisheit. So können wir über das Leiden hinausgehen.

Man kann diese Praxis entweder als tägliche Praxis oder im Rahmen eines Drubchen – einer großen Verwirklichung – durchführen, bei der auch Schatzvasen gesegnet und Mendrub – Nektarpillen aus Heilsubstanzen – hergestellt werden.

Ein Reichtum an guten Eigenschaften und Besitz

Die Praxis des Lama Orgyän Khandro Norlha wird „Der fruchtbare Regenschauer, der alle Wünsche erfüllt“ genannt. Dies ist die Dzambhala-Form von Guru Rinpoche. Als Praxis für das Herstellen von Schatzvasen und zur Vermehrung von Reichtum wird dieser Aspekt meditiert. Wie an anderer Stelle auf rangdrol’s Blog zum Thema Schatzvasen bereits erwähnt, fördert diese Praxis auch das Gleichgewicht der Elemente im eigenen Lebensraum.

Wie Dawa Chödag Rinpoche dazu sagte:

„Die Praxis des Orgyän Norlha ist besonders effektiv, um die Energie von Yang (tib., g.yang) oder Reichtum einzufangen, wiederherzustellen und zu steigern. Reichtum in diesem Sinne bezieht sich nicht nur auf monetären Reichtum, sondern auch auf alles, was in unserem Leben einen Wert hat – den Reichtum an vitaler Gesundheit, nahrhafte Nahrung und saubere Umgebungen. Der Wohlstand, der von den kreativen Kräften des Universums ausgeht, der Reichtum der Freundschaft und der Gemeinschaft, der Reichtum, der aus innerem Frieden und innerem Glück und materiellem Wohlstand entsteht. Da die Welt jetzt tiefer in wirtschaftliche Krisen und Not gerät, ist das Bedürfnis, Yang zu stärken und verlorenes Yang wieder herzustellen, größer denn je!“

Bevor Dudjom Rinpoche Tibet verließ, vergrub er mehrere Schatzvasen.

„Aufgrund unglücklicher, unvermeidlicher Ereignisse kam es Ende der 40er Jahre in ganz Tibet zu vielen schlechten Vorzeichen. In dieser Zeit wurde das Kloster Zangdog Palri Lama Ling durch Erdbeben beschädigt. Dudjom Rinpoche vergrub jedoch weiterhin Schatzvasen, baute Stupas und führte Zeremonien durch, um die energetischen Punkte der Erde wiederherzustellen und auszugleichen, an denen König Songtsen Gampo und viele nachfolgende Meister Tempel gebaut hatten.“

Besonders in Zeiten, in denen es den Dharma-Praktizierenden an förderlichen Bedingungen wie materiellem Wohlstand und Verdienst mangelt, ist so eine Praxis von großem Wert.

Im Schatzzyklus von Dudjom Rinpoche heißt es:

„Wenn man eine Schatzvase an einer hervorragenden Stelle an einem Berghang inmitten eines Landes vergraben kann, dann werden ausgezeichnete Dinge zusammentreffen, um diesem Land in allen Richtungen zu nützen. Wenn man diese inmitten eines Hauses vergräbt, dann wird Heilsames, Freude und Glück für diesen Wohnort entstehen. Wenn man sie in der Mitte eines Herdes vergräbt, dann wird eine Ansammlung von Nahrung, Reichtümer und Genüsse hervorkommen, sowie andere werden gute Dinge über einen sprechen. Wenn man sie in der hervorragenden Erde eines Feldes vergräbt, dann wird es immer reichhaltige Ernten geben. Wenn man sie in einer hervorragenden Quelle oder in einem Berg davor vergräbt, dann wird Regen fallen und Wasser wird herabkommen und frisches Wasser wird sich vermehren. Wenn man sie in einer Pferde- oder Kuhweide vergräbt, dann wird kein Verlust oder Schaden diesen Tieren widerfahren und sie werden sich bis ins hohe Alter vermehren.“

Durch das Vergraben der Schatzvase bringt man ausgezeichnete Umstände in die Umgebung und schafft so ein günstiges „Tendrel“ (tib., rten ‚brel) – eine vorteilhafte wechselseitige Bedingung.

Schatzvasen – Fokus für Reichtum und Harmonie

Die Praxis mit Schatzvasen ist eine in Asien weit verbreitete Methode, um die Vitalität und das Gleichgewicht der Elemente zu erneuern. Genauso wie zuvor beim Medizinaspekt erwähnt, unterliegt die Umgebung einer beständigen Verunreinigung und erlebt einen langsamen Verfall. Schatzvasen haben die Macht, Reichtum und Fülle herbeizuziehen, die Gesundheit zu verbessern, Hindernisse für ein langes Leben zu beseitigen, Streit und Krieg zu befrieden und Weisheit und Mitgefühl für alle zu steigern. Traditionell wird eine Schatzvase daher im eigenen Haus aufbewahrt oder an einem ausgewählten Ort begraben.

Als Guru Rinpoche durch Tibet reiste, sah er, wie die Leute an Armut und Hunger litten. Auf die Bitte des Dharma-Königs Trisong De’u-Tsen manifestiert sich Guru Rinpoche in Gestalt als Lama Norlha. Durch seinen Segen begann der entsprechende Landstrich zu blühen und zu gedeihen. Die Lebensumstände der Menschen dort veränderten sich.

Guru Rinpoche gab spezifische Anweisungen für die Herstellung von Schatzvasen, um die Heilung der Umgebung und die Wiederherstellung der Lebensenergie für die vielen Wesen und Reiche in diesen Zeiten des Niedergangs zu unterstützen. Bevor Guru Rinpoche Tibet verließ, verbarg er Praxistexte betreffend Lama Norlha an verschiedenen Orten und bat die Dakinis und Beschützer, sie zu schützen, bis sie von Tertöns gefunden und ihren Schülern übergeben wurden.

Doch auch allein schon die Einweihung und Praxis des Lama Norlha ist hilfreich, um Not und Elend abzuwenden und die Fülle des Lebens zu manifestieren.


Im Ngakpa-Zentrum Lhündrub Chödzong gibt es immer wieder die Gelegenheit, Schatzvasen selbst herzustellen und im Rahmen eines Rituals einzuweihen und zu segnen. Generell sollte man Schatzvasen einmal pro Jahr im Rahmen einer Norlha-Puja ihre Segenskraft erneuern.


Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich im Mai im Rahmen der Veranstaltung von Tsokye Thugthig & Khandro Thugthig. >Mehr lesen

Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. März 2019

Kurukulle – die Lotus-Dakini

Das Besondere am geheimen Pfad des Vajrayana ist es, den Körper als Gottheit hervorzubringen, das Mantra mit der Rede zu rezitieren und mit dem Geist im Samadhi, der Meditation der Versenkung, zu ruhen. Das ist die Wurzel des Vajrayana-Ansatzes. Dies ist eine kurze Aussage, aber ihre Bedeutung ist weitreichend. Um das zu bewerkstelligen, praktiziert man die Meditation auf sog. Meditationsgottheiten und die mit ihnen verbundenen zugehörigen erleuchteten Aktivitäten, die die geschickten Mittel darstellen, aus. Diese erleuchteten Aktivitäten können befriedend, vermehrend, magnetisierend oder kraftvoll befreiend sein. Gewöhnlich sind diese auch mit den Buddha-Familien verbunden und werden über die Farben der jeweiligen Meditationsgottheit dargestellt.

Egal welche Meditationsgottheit meditiert wird, das Ziel ist immer dasselbe, nämlich den Zustand der vollkommenen, vollständigen Buddhaschaft zu erlangen. Mit diesem Ergebnis der Praxis ist eine bestimmte erleuchtete Qualität verbunden, die sich in den vier erleuchteten Aktivitäten manifestiert.

Vier Aktivitäten

Durch die weiße Aktivität des Befriedens werden Krankheiten, Hindernisse und Negativitäten beruhigt gebracht. Durch die gelbe Aktivität des Vermehrens werden heilsame und konstruktive Potentiale vermehrt.

Doch manche Wesen sind nicht zu beruhigen, manche Störungen nicht zu befrieden, manchmal hilft auch noch so konstruktives Vermögen nicht, wenn die Hindernisse zu stürmisch und die Wesen zu störrisch sind. Dann kann die rote Aktivität des Magnetisierens bzw. des Kontrollierens angebracht sein. Bei besonders hartnäckigen und starren Hindernissen kann auch ein Ritual der kraftvollen Befreiung helfen.

Das Magnetisieren bringt Verwirrung unter Kontrolle und zähmt die stürmischen Energien, die die Phantasien von Ich und Mein, das Greifen nach Dualität, am Leben halten. Die Meditation auf die Erscheinung, das Mantra und den Geist der Kurukulle dient genau diesem Ansinnen.

Kurukulle – Lotus-Familie

Kurukulle, in Tibet auch als „Rigjema“ bekannt, ist eine tantrisch-buddhistische Meditationsgottheit mit Ursprung in Indien. Sie hat ein allgemein anerkanntes Erscheinungsbild, das zusammen mit anderen Formen, die weniger bekannt sind, sehr verbreitet ist. Es gibt zahlreiche Formen und Linien von Kurukulle, die aus den Kriya- und Anuttarayoga-Klassen des buddhistischen Tantra der neuen (Sarma) Traditionen stammen, und viele Formen aus den ‚Terma‘ (offenbarte Schatzlehren) der Nyingma-Tradition. Sie kann friedlich oder halb zornig sein und in einer Reihe von Farben von Weiß, Rosa und Blau bis zu ihrer typischeren roten Farbe erscheinen. In den Kriya-Tantras wird sie oft, aber nicht ausschließlich, als rote Machtausstrahlung von Tara dargestellt. Die meisten Formen der roten Tara sind jedoch nicht Kurukulle. In Anuttarayoga aus den Hevajra- und Vajrapanjara-Tantras ist sie eine Kraft, die von Shri Hevajra ausgeht.

In ihrer Erscheinung gehört sie zur Lotus-Familie mit dem Oberhaupt Amitabha, seiner friedvollen Sambhogakaya-Manifestation als Avalokiteshvara und seiner zornvollen Erscheinung als Hayagriva. So gesehen ist sie mit diesen Erscheinungen untrennbar auf letztendlicher Ebene vereint und manifestiert die mitfühlenden Tugenden von Amitabha. Daneben verkörpert sie als Dakini auch noch Weisheit bzw. höchstes Erkennen. So vereint sie Methode und Weisheit. Auf einer etwas weltlicheren Ebene repräsentiert sie die Kraft der Liebe, der Anziehung, der Jugend und Magie der Unterwerfung. Im Prinzip ist das nicht viel anders, als wenn eine prominente Person ihre Persönlichkeit, Schönheit und ihr Ansehen einsetzt, um für eine Wohltätigkeit zu werben und so förderliche Mittel wie Geld und guten Willen für eine Sache heranzieht. Bloß geschieht dies durch Kurukulle durch wundersames Wirken aufgrund der Realisation ihrer Praxis.

Wie in ihrem Praxishandbuch, dem Aryatarakurukullakalpa (tib., ‚phags ma sgrol ma kur u kul+le’i rtog pa), übersetzt vom gesagt wird:

„Von denen, die die Frucht der Buddhaschaft wünschen, wenn auch die anderen Juwelen respektvoll aufgegeben werden, verwandelt man sich in Vajradharma und wird so zum Wohltäter aller Wesen.“

Das Wirken der Kurukulle zeigt sich dabei primär im Beherrschen des eigenen Geistes. Da alles Wohl und Wehe aus dem eigenen Geist kommt, ist dieser die Wurzel der Verwirklichung. Sekundär werden dadurch auch andere Wesen und die Umstände kontrolliert. Wie in verschiedenen Schriften des Buddhismus immer wieder erwähnt wird, ist das Zeichen einer erfolgreichen Verwirklichung, das andere gezähmt werden.

Ebenfalls aus dem Praxishandbuch:

„Alle Buddhas sind Geist selbst. Durch den Geist selbst wird man befreit. Die Fesseln werden vom Geist durchbrochen, durch den Geist erreicht man Freiheit.
Abgesehen vom Geist werden Dinge und Entitäten nirgends gesehen. Daher gibt es keine Vollkommenheit, abgesehen von der Buddhaschaft und allen Errungenschaften, zu sehen.
Die Umgebungen und Lebewesen, die Elemente und ihre Ableitungen wurden von denjenigen, die die unbefleckte spezielle Sicht besitzen, als ‚nur Geist‘ bezeichnet. Deshalb sollte man sich bemühen, den Spiegel des Geistes zu reinigen. Fehler, die von Natur aus äußerlich sind, werden nach und nach völlig erschöpft sein.“

Im Vajrayana ist jede Rezitation von Mantras mit speziellen Visualisationen verbunden. Auch in der Praxis der Kurukulle gibt es verschiedene Mantras und Visualisationen, die dazu dienen, gewünschte Dinge anzuziehen. Ihre Erscheinung in Farbe und Haltung des Körpers, zusammen mit ihrem Schmuck und ihren Hilfsmitteln symbolisieren verschiedene Aspekte der Erleuchtung, die bei den Praktizierenden mittels der Meditation erweckt werden. Im Handbuch wird dazu gesagt:

„Derjenige, der diesen König der Mantras aufschreibt, einen Zauberspruch daraus macht und ihn am Oberarm trägt, wird Kubera gleichkommen und Schätze erlangen, die einem von anderen nicht weggenommen werden können.“

Und weiter:

„Es gibt überhaupt nichts, was keine Buddhaschaft ist. Um den Nutzen der Wesen zu erreichen, gibt es nichts, was bisher noch nicht getan wurde. Das, was degeneriert ist, beabsichtige ich wiederherstellen.“

Alles was dem Erlangen der Buddhaschaft dienlich ist, wird durch ihre Praxis bewerkstelligt. Sei es Geld, sei es passende Gefährten, sei es Wissen oder Macht und Einfluss – durch das Entfalten von Attraktivität werden die förderlichen Menschen und Dinge angezogen.

Die spirituellen Ziele sind mit der Anhäufung positiver Eigenschaften wie Weisheit, Bewusstsein und Mitgefühl verbunden, die spirituelle Ausstrahlung entwickeln und günstige Ereignisse und Menschen anziehen. Durch die Praxis ist es möglich, gute Gedächtnis- und Lehrfähigkeiten zu erlangen und Schüler und günstige Bedingungen für die Verbreitung des Dharma zu erreichen. Auf der letzten Ebene kann ihre Kraft darauf gerichtet werden, das Bewusstsein zu transformieren und Erleuchtung zu erlangen.

Laut tantrisch-buddhistischer Tradition ist Verlangen bzw. Leidenschaft das stärkste Geistesgift im menschlichen Bereich und die anhaftende Liebe die stärkste Emotion. Die Fähigkeit von Kurukulle, diese innigen Impulse in spirituelle Verwirklichung umzuwandeln, macht sie zu einer der wichtigsten buddhistischen Meditationsgottheiten.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. März 2019

Frauen, tibetischer Buddhismus und moderne Welt

Ein Interview mit Chagdud Khadro.

Vor kurzem sprach Barbara Lepani mit Chagdud Khadro für das View Magazine darüber, was es heißt, Frau und Schüler eines großen Meisters zu sein, die Rolle der Frau im tibetischen Buddhismus und darüber, wie der Buddhismus in die moderne Welt gebracht werden kann.


Frage (F): Khadro, was heißt es, Chagdud Khadro genannt zu werden?

Chagdud Khadro (CK): Im tibetischen Khadro (oder Khandro; tib. mkha‘ ‚gro; Skt. Dakini) bedeutet wörtlich „Himmelsgeherin“ und bezieht sich auf einen weiblichen Halter der Verwirklichung. Die Ehefrauen von Lamas werden oft als Khadro bezeichnet, genau wie weibliche Lamas. Als ich Tibet besuchte, bemerkte ich, dass die Leute  mich Khadro riefen, aber ich habe es nicht persönlich genommen, es war ein Titel, der mehr mit Rinpoches Statur als mit mir zu tun hatte. Aber als Rinpoche mich selbst als Lama ordinierte und vorschlug, den Namen Chagdud Khadro zu verwenden, wurde er tief bedeutsam – eine ständige Erinnerung an meine Verbindung zu ihm, zu Chagdud Gonpa in Tibet und im Westen und zu seiner Linie.
Natürlich inspiriert der Name einen auch, sich an die großen Khadros der Vergangenheit zu erinnern, wie Yeshe Tsogyal und Machig Labdrön, sowie an Chagdud Rinpoches Mutter Delog Dawa Drolma und seine Schwester Trinle Wangmo, ein Typus einer wilden Dakini, der immer noch in Ost-Tibet lebt.

F: Was meinen Sie mit „wilder Dakini“? Was ist das Wesen und der Geschmack dieses weiblichen Prinzips im tibetischen Buddhismus?

CK: Dakinis führen die erleuchteten Aktivitäten des Gurus aus und nicht immer auf vorhersagbare Weise. Sie verkörpern selbstlose Spontaneität in ihrem Verhalten. Normalerweise denken wir bei Weiblich an Sanftmut, Fügsamkeit, Weichheit. Wir denken an die schönen Thangka-Bilder von Yeshe Tsogyal, die neben Guru Padmasambhava kniend sitzen und ihn mit Sehnsucht und Hingabe aufblicken, ihre Hände in Gebetsgeste. Aber wenn wir zwischen den Zeilen ihrer Geschichte lesen, finden wir ein sehr hartnäckiges Teenager-Mädchen, das den Wünschen ihrer Eltern widerspricht und ihre Bewerber verschmäht, alles Krieger in der Blüte ihrer Männlichkeit. Sie enttäuschte die konventionellen Erwartungen aller und sie waren ihr gegenüber ziemlich grausam. So süß ihre Stimme und ihre Persönlichkeit auch waren, ihr Willen war unbeugsam.
Als Padmasambhava nach Ngayab aufbrach, ließ er sie zurück, um die Schatztexte zu verbergen und ihre Dharma-Aktivitäten auf der Erde fortzusetzen. Dies ist einer der interessantesten Momente in ihrer Lebensgeschichte, weil wir erwarten würden, dass sie stoisch ausharrt. Stattdessen wirft sie sich traurig auf den Boden, zerreißt ihr Haar, kratzt sich das Gesicht und macht eine riesige Szene. Sie schreit zu ihm, dass er ihr einziges Herz ist, dass er zu wenig Mitleid hat, dass er eine schreckliche Sache macht, indem er geht. Als er am Himmel verschwindet, macht er ihr zwei letzte Vermächtnisse, aber sie weint weiter und ruft nach ihm. Mit der dritten Zuwendung entsteht endlich das absolute Vertrauen des absoluten Guru-Yoga in ihrem Herzen und sie erkennt die Illusion, zusammen oder vom Lehrer getrennt zu sein. Aber durch die spontane Weisheit ihres Verhaltens hat sie drei weitere Gaben von Guru Rinpoche, die sie zum Wohle der Wesen einsetzen kann.
Chagdud Rinpoches Mutter, die sehr schön, charmant und für ihr Mitleid beliebt war, war ebenfalls unberechenbar. Ich habe einen alten Mönch in Kham getroffen, der sich daran erinnert, wie sie seine Glocke nach ihm geworfen hat, als er während einer Zeremonie seinen Kangling zu heftig blies. Fünfzig Jahre später war dieser Moment für ihn noch lebhaft präsent.
Was Rinpoches Schwester anbelangt, so versuchten zweimal kommunistische Soldaten, sie hinzurichten. Einmal erzählten sie einer Gruppe Tibeter, Mao-Lobgesänge zu singen und sie begann Flüche zu rufen. Die Soldaten packten sie und zogen sie bis zur Taille aus. Eine von ihnen richtete seine Waffe auf ihr Herz und drückte ab. Der Schuß ging nicht los. Er versuchte es noch einmal und die Waffe schoss nicht. Dann schoss er in die Luft. Zufrieden, dass die Waffe schießen würde, feuerte er sie erneut ohne Erfolg an. Frustriert vor so vielen Zeugen warf er die Waffe auf den Boden und die Soldaten packten sie und schnappten sich Handschellen. Die Handschellen zerbrachen. Also zerrten sie sie ins Gefängnis und ließen sie am nächsten Morgen frei. Sie sagten: „Raus hier, du verrückte alte Frau!“
Sie ist in einem Moment heftig und lächelt im nächsten mit der Freude eines kleinen Kindes. Sie liebt Parfums und kleine Kugeln. Ich habe noch nie jemanden getroffen, dessen Gefühle so offensichtlich oder so wechselhaft waren. Sie hält ein ganzes Kloster von Mönchen verwirrt. Sie ist ihre Dakini und sie wollen sie glücklich machen, aber ihre Wünsche sind oft so seltsam. Einmal besuchte sie Tulku Arik, die ein großer Heiliger und sehr streng war. Er wollte sie nicht sehen, weil er sich auf dem Rückzug befand, aber schließlich erlaubte er ihr, hereinzukommen. Danach fragte ihn jemand, warum er aufgab. Verzweifelt antwortete er: „Was sollte ich tun, als Vajravarahi an meiner Tür ankam?“
Ich hatte die Gelegenheit, andere großartige Dakinis zu treffen, darunter Khandro Tsering Chödrön, Sogyal Rinpoches Tante. Sie hatte eine Eigenschaft von total transzendenter Süße und Schlichtheit. Dennoch liegt ihre wahre Dakini-Qualität im Glanz ihrer spirituellen Verwirklichung, nicht in einem Aspekt ihrer Persönlichkeit.
Machig Labdrön ist eine der berühmtesten historischen tibetischen Praktizierenden. Wie Sie wissen, war ihre Spezialität die mächtige Vajrayana-Praxis von Chö, die das Ego durchbrechen und zerstören soll.

F: Denken Sie, dass sich das Ego auf besondere Weise für Frauen manifestiert, oder dass das Ego einzigartige „weibliche“ Qualitäten hat, auf die westliche Frauen mehr Wert legen sollten?

CK: Ich bin mir nicht sicher, ob es besonders in Bezug auf Frauen ist. Wir alle, Männer und Frauen, haben die drei Gifte, den Samen unendlicher Verwirrung. Chagdud Tulku sagt seinen Schülern oft, dass das Giftigste in Beziehungen und in der Sangha Ressentiments sind, weil es die Interpretation selbst gewöhnlicher Ereignisse und Interaktionen verzerrt. Alles beginnt, unsere geheime Agenda der Missstände zu unterstützen. Ein anderes Sangha-Mitglied könnte aus Gründen, die völlig unsichtbar sind, in einer schlechten Stimmung sein, und wir nehmen es persönlich und schmoren in negativen Gedanken herum und vielleicht rächen wir uns, entweder durch direkte Konfrontation oder durch Sabotage hinter seinem Rücken. Es ist besser, weiser, es loszulassen, zu glauben, dass diese Person einen schlechten Tag hat, und wünscht ihr alles Gute. Vor allem in der Sangha, wo wir uns darum bemühen, sich zu Lebzeiten immer wieder als ein einziges Mandala zu treffen, müssen wir die gleiche Art von langfristiger Toleranz und Zuneigung pflegen, die Mitglieder einer großen Familie zueinander haben könnten.
Für Menschen, die sich in ihrem Leben entmachtet fühlen – und sicherlich viele Frauen -, ist es leicht, Ressentiments gegenüber der Autoritätsstruktur in einem Dharma-Zentrum zu entwickeln, unabhängig davon, ob diese Struktur überwiegend männlich oder weiblich ist. Ein Mann sagte Chagdud Rinpoche einmal, dass Rinpoches Aktivität im Westen florieren würde, dass er Tausende von Studenten haben würde, dass er überall Dharma-Zentren hätte, mit Ausnahme eines großen Hindernisses (eigentlich zwei Hindernisse): Tsering Everest, die Rinpoche später zum Lama ordinierte und mich. Dieser Mann betrachtete uns als ein Paar Dharma-Behinderer, Dämonen. Rinpoche hörte zu, aber er änderte nichts, weil er der Meinung war, dass unsere Motivation ziemlich gut ist, wenn auch nicht perfekt, und dass wir uns trotz unserer Mängel und Einschränkungen bemühen, seine Aktivitäten auszuführen.
Als ich hörte, was dieser Mann gesagt hatte, lachte ich zuerst, weil er Tsering und mich absurd groß gemacht hatte und wir das nicht sind. Später empfand ich mehr Mitgefühl, weil ich wusste, dass er durch seine Projektionen sehr frustriert war.
Sobald jemand versteht, dass die Wurzel der Erfahrung in seinem eigenen Geist liegt und der Geist selbst durch eine ganze Reihe brillanter praktischer Dharma-Methoden umgewandelt werden kann, kommt im Wesentlichen eine enorme Kraft aus diesem Verständnis. Diese Kraft hängt nicht von äußeren Umständen ab, nicht von gut oder schlecht. Wenn wir unsere eigene Meinung prüfen und die Methoden des Dharma anwenden, entwickeln wir keinen Rückstand der Gifte, weder Ressentiments noch irgendetwas anderes.

F: Hatten Sie Schwierigkeiten, die Rollen von Frau und Schülerin zu vereinbaren? Haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihrem Mann eine ungerechte Macht über Sie gegeben haben, weil er auch Ihr Lehrer ist?

CK: Rinpoche und ich haben uns vor zwanzig Jahren kennengelernt. Natürlich gab es viele Phasen in unserer Beziehung, von denen einige besonders am Anfang schwierig waren. Ich traf ihn erst ein paar Monate, nachdem ich den buddhistischen Pfad betreten hatte, und obwohl ich sofort eine tiefe, intuitive Hingabe an ihn hatte, war ich sehr grob und fähig, echte Temperamente zu zeigen, und ich hatte sehr wenig Meditation. Trotzdem wusste ich von Anfang an, dass meine Beziehung zu Rinpoche keine gewöhnliche Beziehung sein würde, und das half bei allen folgenden Übergängen.
Wir hatten ungefähr vier Monate lang eine Art Lehrer-Schüler-Flitterwochen, bei denen ich scheinbar nichts falsch machte. Rinpoche hat mich nie kritisiert. Dann zogen wir in eine Phase von etwa vier Jahren, in der ich nichts richtig zu machen schien. Er hat mich ständig korrigiert. Im Schreinraum saß ich hinten. In Besprechungen habe ich nicht gesprochen. Wir hatten heftige Auseinandersetzungen und nicht immer privat. Ich bin sicher, dass es für andere schwer war, Zeugnis zu geben, aber für mich waren sie wie elektrische Stürme. Danach war die Atmosphäre wirklich sauber und ich kann ehrlich sagen, dass es keine Verbitterung gab. Wir würden zehn Minuten später lachen. Trotzdem ist es nicht so toll, den Lehrer zu provozieren. Rückblickend schätze ich Rinpoches Geduld zutiefst. Er war im Moment ziemlich zornig, aber er hat mich nicht losgelassen. Die Briten nennen jemanden manchmal „eine Arbeit“. Für Rinpoche war ich definitiv eine Arbeit.
Was innerlich geschah, war, dass eine Menge Konzepte und Gewohnheiten vernichtet wurden, insbesondere meine Selbstgerechtigkeit und harte Rede. Ich lernte, wie ich meine Motivation überprüfen kann, wie ich die Dinge über meine eigene Sichtweise hinaus betrachten kann, wie man geduldig ist und wartet, wie man in intensiven Situationen meditiert, wie man spricht und wie man zuhört. Ich lerne immer noch diese Dinge.
Nachdem ich mich in einer untergeordneten Position wohl gefühlt hatte, begann er mehr Autorität in mich zu investieren. Ich hatte etwas Widerstand – ein Teil von mir wollte, dass ich mich nur um Rinpoches Haus und Gäste kümmere, weil ich zuversichtlich in diese Fähigkeiten war und er mich im Haushalt und beim Kochen schätzte. Rinpoche meinte, ich hätte die Fähigkeit als Schriftsteller und jede andere Tätigkeit sollte sekundär sein. Er explodierte richtig: „Du tust nichts! Nur ein kleines bisschen Kochen und Putzen!“ Als sich sein Englisch besserte, wurde er redegewandter. Er dachte, ich würde mein primäres Talent vergeuden, um anderen zu helfen.
Was ich in dieser Zeit tatsächlich tat, war eine Menge Verwaltungsarbeit, bei der ich nicht besonders gut war. Ich wusste nicht, wie ich die Fähigkeiten anderer einbauen sollte, deshalb fühlte ich mich oft überfordert mit Arbeit, gereizt, zappelig und herrisch. Dann würde ich verzweifeln, meine scharfe Rede jemals zu unterwerfen, in der Lage zu sein, reibungslose Beziehungen in der Sangha aufrechtzuerhalten. Trotzdem bin ich froh, dass ich das durchgemacht habe, weil ich viel über die Verwaltung des Dharma-Zentrums gelernt habe und tiefes Verständnis für die Administratoren habe.
Als wir im Oktober 1988 von Oregon nach Kalifornien, Rigdzin Ling, zogen, wechselte meine Tätigkeit zur Verwaltung von Padma Publishing und zum Schreiben, was mir, wie Rinpoche vorausgesehen hatte, ein echtes Erfolgserlebnis gab. Als wir Ende 1995 nach Brasilien zogen, bedeutete dies eine weitere radikale Neudefinition. Ich hatte einen echten Verlust in Bezug auf Padma Publishing und das Übersetzungskomitee und auch auf meine alte Sangha. Ich hatte fünfzehn Jahre lang mit einigen dieser Leute geübt, und manchmal waren wir in Retreats wie ein Körper, keine Gruppe, ein absolut nahtloses Mandala. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das nochmal finden würde.
In Brasilien ermutigte mich Rinpoche, mehr zu unterrichten. Er gab mir die Ordination als Lama, dann die Erlaubnis, bestimmte Ermächtigungen zu erteilen. Ich hatte wieder Widerstand. Zu jeder Zeit scheint er eine größere Vorstellung von mir zu haben als ich über mich. Es stellt sich jedoch heraus, dass ich sehr gerne unterrichte. Ich arbeite sehr gerne mit einem Raum voller Menschen zusammen, insbesondere wenn sie eine Praxis lernen. Manchmal entsteht das Gefühl eines nahtlosen Mandalas. Was seine Macht in meinem Leben betrifft, hat er natürlich Macht. Es ist getestet, authentisch und ausschließlich zu meinem Vorteil. Ich hoffe, dass ich ihm diese Macht zu Lebzeiten übertragen kann.

F: Was glaubst du hat er damals in dir gesehen, was ihn dazu gebracht hat, dich zu heiraten?

CK: Er sagt, als er mich das erste Mal sah, war ich von roter Ausstrahlung umgeben und er dachte, ich könnte eine Ausstrahlung von Tara sein. Später scherzte er mit mir und sagte, er hätte vom roten Licht der Wut gewarnt werden sollen.
Ich glaube, er hat meine Hingabe erkannt und mein Herz war im Grunde gut. Und dass wir eine starke karmische Verbindung hatten – schließlich schlug ich vor, ein paar Wochen nach unserer Begegnung mit Rinpoche zu heiraten, was damals natürlich erschien, obwohl es mich jetzt erstaunt.

F: Wenn Sie auf Ihr Leben als Schülerin und spirituell Praktizierende zurückblicken, was betrachten Sie als die bedeutendste spirituelle Herausforderung, der Sie sich auf dem Weg stellen mussten?

CK: Zeiteinteilung. Es klingt wie ein Wirtschaftsjargon, hat aber eine wirkliche Bedeutung im Hinblick auf das Bodhisattva-Gelübde, bei dem jeder Moment für alle Wesen zu seinem höchsten Nutzen genutzt wird. Durch diese Maßnahme vergeude ich unglaublich viel Zeit und werde oft in unnötige Aufgaben verwandelt. Nur wenn ich reise und als Lama unterrichte, bleiben die Prioritäten klar.

F: Nun, da Sie als Lama, als spiritueller Lehrer anerkannt wurden, haben Sie das Gefühl, dass Sie eine viel größere Verantwortung haben?

CK: Ja. Es ist eine enorme Verantwortung, dass sich die Menschen in irgendeiner Weise spirituell auf mich verlassen, und ich habe ein zunehmendes Gefühl der Dringlichkeit, tiefer gehende Ebenen der Praxis zu erreichen.

F: Derzeit wird in der Dharma-Welt viel über die Überleitung des Dharmas vom Osten in den Westen diskutiert. Wie ist Ihre Meinung?

CK: Wissen Sie, meine Gefühle in Bezug auf die Überleitung des Dharmas in den Westen hängen so sehr davon ab, durch welche Linse ich blicke. Wenn ich einige der Dharma-Magazine hernehme und die in Artikeln und Briefen geführten Debatten lese, scheint es manchmal so, als würden wir in strittige Fraktionen geraten. Aber wenn ich Padmasambhavas Biografie lese und darüber nachdenke, wie schwierig es war, das Vajrayana in Tibet einzuführen, über die Feindseligkeit und die subtilen Verzerrungen, die zu bewältigen waren, bin ich ziemlich optimistisch, wie sich die Lehren im Westen etablieren werden. Unsere Probleme sind nicht so groß wie in Tibet oder sogar in Indien.
Meistens bemerke ich den Einfluss der Lehren auf den Geist des Einzelnen im Dharma. Menschen treten mit unterschiedlichem Grad an Bereitschaft ein, basierend auf ihrer vorherigen spirituellen Entwicklung, in diesem Leben und in vergangenen Leben. Einige kämpfen darum, enorme Negativität zu reinigen und müssen auf ihrem spirituellen Weg viele Zyklen der Verwirrung durchlaufen. Jede Steigerung von Mitgefühl und innerem Frieden ist ein persönlicher Triumph. Andere Menschen hören nur einmal hohe Lehren und die Worte schwingen mit einem Wissen, das bis dahin in ihrem Geistesstrom schlummerte. Wenn dieses Wissen angeregt wird, entwickeln sie sich sehr schnell, wenn sie einen qualifizierten Lehrer finden, der sie leitet. Da ich in verschiedenen Entwicklungsstadien mit westlichen Praktizierenden eingebunden bin, empfinde ich sehr viel Freude darüber. Wenn Menschen wegfallen oder falsche Umwege unternehmen, bete ich, dass sie nicht verloren gehen, dass ihre Verbindung sie letztendlich aus dem Meer von Samsara zieht. Wir können niemanden aufgeben.
Die Abkürzung im Buddhadharma ist Guru Yoga. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass jeder buddhistische Praktizierende die Lehrer findet, mit denen er oder sie eine karmische Verbindung hat. Natürlich gibt es einige falsche Lehrer im Dharma und einige Missstände in den Lehrer-Schüler-Beziehungen. Dies bedeutet, dass wir unsere Verbindung mit einem Lehrer gründlich untersuchen sollten, bevor wir uns voll und ganz verpflichten, und nicht, dass wir unseren Ängsten erlauben, uns von den Wegen zur Befreiung abzuschneiden.
Diejenigen, die die primäre Wichtigkeit eines Lehrers leugnen, können nur unwissend sein, was eine authentische Lehrer-Schüler-Beziehung ist. Durch Guru Yoga entwickelt sich das intellektuelle Verständnis zu einer meditativen Verwirklichung, und vorübergehende meditative Erfahrungen entwickeln sich zur Anerkennung der absoluten Natur des Geistes. Entlang dieses Entwicklungsverlaufs blüht der Glaube. Wir sehen, dass die größten Lamas die größte Hingabe an ihre Gurus zeigen.


Ein Interview von Barbara Lepani mit Chagdud Khadro. Das englische Original ist hier auf Rigpa Wiki nachzulesen. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2019). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. März 2019

Lemon Tendrel – Tshog-Lied

Lemon Tendrel – ein spirituelles Lied der Versammlung aus den gesammelten Werken des Jigme Lingpa ist hierin enthalten. 

Auf dem wunscherfüllenden Baum des guten Karmas verbunden mit Gebeten ist der jugendliche Pfau aus dem Osten Indiens erschienen. 

Wendet Eure Pfauenschwanzfedern in Richtung der heiligen Lehren, sodass wir Junge auf den Pfad der Befreiung gelangen können. 

Im Streitwagen der Königin der Quelle des Verdienstes ertönt die melodische Stimme des Kuckucks aus Lhomön mit einem Lied süßer als die Flöte der Töchter Gandharvas, was einen guten Sommer kündet. 

Vajra-Brüder und –Schwestern sind hier aufgrund guten Karmas und Gebete versammelt, bitte kommt an diesen heiligen Ort unseres Gurus. 

Durch dieses Fest der Freude, des Trinkens des Nektars des Reifens und Befreiens, wird diese erfreuliche Erfahrung der angeborenen Qualitäten in einem Lied ausgedrückt. 

Inmitten der Reihen der unveränderlichen großen Glückseligkeit haben wir die Weisheitsgottheit und unseres Gurus Gesicht gesehen, ohne sie zu meditieren. 

Durch den spirituellen Pfad des klar-lichten Herztropfens der Mutter und der Dakinis mögen wir die Verwirklichung des Dharmakaya-Regenbogenkörpers erlangen. 


༄༅། །ཚོགས་གླུ་རྡོ་རྗེའི་གསུང་བྱིན་རླབས་ཅན་བཞུགས་སོ། །ལས་སྨོན་རྟེན་འབྲེལ་དཔག་བསམ་ལྗོན་ཤིང་གི་སྟེང་དུ། །རྒྱ་གར་ཤར་གྱི་རྨ་བྱ་གཞོན་ནུ་ཡང་ཕེབས་བྱུང༌། །རྨ་བྱའི་གདུགས་སྐོར་དམ་པའི་ཆོས་ཕྱོགས་ལ་བསྒྱུར་དང༌། །གཞོན་པ་ང་ཚོས་ཐར་པའི་ལམ་སྣ་ཞིག་ཟིན་ཡོང༌། །བསོད་ནམས་དཔྱིད་ཀྱི་རྒྱལ་མོའི་ཤིང་རྟ་ལ་ཕེབས་པའི། །ལྷོ་མོན་ཤིང་ལོའི་ཚལ་གྱི་ཁུ་བྱུག་གི་གསུང་སྙན། །ཡ་གི་དྲི་ཟའི་བུ་མོའི་གླིང་བུ་ལས་སྙན་པ། །དབྱར་གསུམ་ནམ་ཟླ་བསྲོ་བའི་རྟེན་འབྲེལ་ལ་ཡག་བྱུང༌། །འདིར་འདུས་ལས་སྨོན་མཐུན་པའི་རྡོ་རྗེའི་དང་སྤུན་གྲོགས། །ང་ཚོའི་བླ་མ་བཞུགས་པའི་ཆོས་ར་ལ་ཕེབས་དང༌། །སྨིན་གྲོལ་བདུད་རྩི་འཐུང་བའི་དགའ་སྟོན་གྱི་ངང་ནས། །ཉམས་དགའ་གླུ་རུ་ལེན་པའི་ཁྱད་ཆོས་ཤིག་ཡོད་དོ། །བདེ་ཆེན་འཕོ་འགྱུར་མེད་པའི་བཞུགས་གྲལ་གྱི་དབུས་ནས། །ལྷ་དང་བླ་མའི་ཞལ་རས་མ་བསྒོམས་ཀྱང་མཐོང་བྱུང༌། །མ་དང་མཁའ་འགྲོའི་སྙིང་ཏིག་འོད་གསལ་གྱི་ཐེག་པས། །འཇའ་ལུས་ཆོས་སྐུར་འགྲུབ་པའི་དངོས་གྲུབ་ཅིག་ཞུའོ། །འཇིགས་གླིང་གསུམ་འབུམ་ཏ་པར་རྣམ་ཐར་ལེགས་བྱས་ཡོངས་འདུའི་སྙེ་མ་ལས་ཁོལ་དུ་ཕྱུང་བའོ། །དགེའོ། །དགེའོ། །


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. März 2019

Die ursprüngliche Natur

Als Menschen operieren wir auf der Ebene der verwirrten relativen Erscheinungen, machen Unterschiede und nehmen Dinge als gut oder schlecht, hilfreich oder schädlich, wahr oder falsch wahr. Aber all diese Begriffe und Urteile stammen aus unserer Vorstellungskraft. Die relative Wahrheit des Erscheinungsbildes der Dinge mag in unserer gegenwärtigen Situation zutreffend sein, ist aber nicht die absolute Wahrheit der wirklichen Dinge.

Im natürlichen Zustand der Realität sind alle Dinge gleich. Der natürliche Zustand ist jenseits unserer Ideen und sogar außerhalb unserer Vorstellungskraft. Aus der Perspektive des natürlichen Zustands sind alle unsere Pläne und Handlungen nur imaginär wie das Spiel von Kindern, das mit der Realität nichts zu tun hat. Wenn wir erst einmal die wahre Natur der relativen Ebene verstanden haben, können wir die absolute Ebene erreichen, die Erleuchtung ist. Wenn wir die Weisheit des selbst geborenen Bewusstseins vollständig erkennen, werden wir zu Buddhas, die im Zustand des Nirvana befreit werden.

Im normalen Bewusstsein arbeiten wir auf der Grundlage von Gewohnheiten. Wenn man sich jedoch weiterhin an gewohnheitsmäßige Muster hält, wird dies nicht zur Erleuchtung führen. Wir werden nur dieselben bleiben und niemals ein höheres Verständnis erreichen. Unser gegenwärtiger Geist ist wie ein Nest aus subtilen und groben Gedanken. Wir denken in Bezug auf Subjekte und Objekte, innen und außen. Wir beurteilen ständig Menschen und Situationen und betrachten sie als schön oder hässlich, angenehm oder unangenehm, richtig oder falsch.

Wer trifft all diese Entscheidungen und Urteile? Wir könnten sagen: „Ich habe das getan, ich habe das gefühlt.“ Aber was ist das „Ich“? Wo ist es? Wer macht all das Analysieren und Unterscheiden? Um das herauszufinden, müssen wir den Geist betrachten. Es ist der Geist, der dieses Analysieren und Unterscheiden vornimmt.

Wenn wir den Geist sorgfältig betrachten, beginnen wir, seine Natur zu verstehen. Wenn wir nach dem Geist suchen, entdecken wir, wie schwer es ist, ihn zu finden. Wir können ihn nicht in unsere Hände legen. Wir können ihn oder seine Natur nicht sehen. Der Geist ist eine riesige Leere, die Shunyata oder große Leerheit genannt wird. Die Natur der Leerheit bedeutet nicht, dass es sich um ein leeres oder schwarzes Loch handelt. Der Geist hat viele schöne Eigenschaften wie Klarheit und Weisheit, doch diese Eigenschaften sind untrennbar mit der Leerheit verbunden.

Leerheit ist nicht dasselbe wie Nichtexistenz, die in der buddhistischen Philosophie durch Unmöglichkeiten wie die Hörner eines Kaninchens oder das Kind einer unfruchtbaren Frau symbolisiert wird. Die Realität des Geistes ist Leerheit, doch der Geist reflektiert und strahlt Bewusstsein in alle Richtungen aus. In den Dzogchen-Lehren hat Buddha Shakyamuni gelehrt, dass die Natur des Geistes Klarheit und Weite ist und dass er immer erleuchtet ist. Es ist offener als der Raum, klarer als Kristall, heller als die Sonne. Unser Geist ist jedoch normalerweise sehr aktiv und voller verwirrter Gedanken. Wenn wir nur eine Minute lang auf den Geist schauen, können wir sehen, wie er in verschiedene Richtungen wandert, wie ein betrunkener Elefant herumstreift oder wie ein unruhiger Affe von Baum zu Baum springt. Die relative Natur des Geistes erscheint beständig als geistige Aktivität.

Verschiedene Arten von äußeren Objekten lösen unterschiedliche mentale Reaktionen aus. Alle unsere Reaktionen lassen sich in drei Hauptkategorien zusammenfassen: Glücksgefühle, Leidensgefühle und neutrale Gefühle. Wenn wir einmal ein Gefühl des Glücks erlebt haben, möchten wir eine ähnliche Erfahrung machen, dann eine dritte und eine vierte und eine fünfte und eine sechste. Es gibt kein Ende und keine Zufriedenheit. Wir wollen einfach mehr und mehr, und wir bemühen uns, es immer wieder zu erreichen. Das ist Anhaftung. Dann wird es unvermeidlich Zeiten geben, in denen wir das Gegenteil von Glück erfahren. Leiden und negative Emotionen entstehen und wir erleben Ärger darüber, dass etwas unser Glück stört. Dies hat auch kein Ende. Es wiederholt sich immer und immer wieder. Wenn wir an angenehmen Gefühlen hängen, bauen wir gleichzeitig andere Bindungen auf. Wenn wir Glück erfahren, kann dies gleichzeitig zu Stolz oder Eifersucht führen. Alle Gedanken und Gefühle werden durch ein System von Ursache und Wirkung entwickelt. Die Wirkung einer Ursache wird zur Ursache der nächsten Wirkung und so weiter.

Erfahrungen und Gefühle kommen aus dem Geist. Unsere verwirrten Erfahrungen werden verschwinden, wenn wir den Geist im natürlichen Zustand erhalten. Erleuchtung bewahrt einfach den Geist in seiner eigenen Klarheit und Leere. Es ähnelt dem schlammigen Wasser, das klar wird, wenn es alleine gelassen wird. Es ist nichts Besonderes erforderlich, um die wahre Natur des Geistes zu enthüllen. Man verweilt einfach im natürlichen Zustand. Es gibt nichts zu tun, außer sitzen und entspannen.

Wenn wir aktiv sind, erzeugen wir mehr Gedanken und befinden uns in einem endlosen Kreis des Denkens und Fühlens. Wenn wir meditieren, hören wir auf, dieses Rad zu drehen. Aus der Perspektive des natürlichen Zustands können wir sehen, dass unsere Welt durch unsere Gedanken geschaffen wird. Alles, was wir wissen, einfach durch unser Wissen, wird vom Geist geschaffen. Zum Beispiel folgen wir in unserem Alltag verschiedenen Verhaltensstandards. Jemand könnte sagen, dass ein bestimmtes Verhalten nicht angemessen ist. Dies bedeutet einfach, dass das Verhalten nicht dem gewohnten Denken dieser Person entspricht. Alle Verhaltensregeln sind lediglich Schöpfungen des Geistes der Menschen.

Konzeptionelles Denken beruht auf gewohnheitsmäßigen Mustern. Die Gewohnheiten, die wir wiederholen, umkreisen einen immer und immer wieder. Welche Gewohnheiten in diesem Leben gelernt werden, wird sich in zukünftigen Leben widerspiegeln. Sie werden im Geist aufrechterhalten. Was auch immer einen als Kind Wohlgefühlte bereitete, wurde zu gewohnheitsmäßigen Mustern geformt, die sich jetzt fortsetzen, da man erwachsen ist. Die Gewohnheiten, die wir in unserem Geist begründen, spiegeln sich in unserem Verhalten wider. Im Buddhismus ist dies als Gesetz der karmischen Ursache und Wirkung bekannt.

Es gibt verschiedene Ebenen des Geistes. Wir haben fünf Aspekte des Bewusstseins: das Augenbewusstsein, das Ohrenbewusstsein, das Nasenbewusstsein, das Zungenbewusstsein und das Körperbewusstsein. Die fünf Sinnesbewusstsein beziehen sich auf die fünf Sinnesorgane. Sie nehmen nur die fünf Arten von Wahrnehmungen auf.

Hinter den Sinnen haben wir das mentale Bewusstsein. Das mentale Bewusstsein analysiert die Wahrnehmungen der Sinne. Zum Beispiel bringt das Augenbewusstsein das, was es sieht, in den Geist, und der Geist analysiert es und unterscheidet in Bezug auf gut, schlecht oder neutral. Das Gleiche gilt für die Wahrnehmung von Ohr, Nase, Zunge und Körper. Das Geistesbewusstsein analysiert auch Wahrnehmungen in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Ebene des Geistes, auf der die Gewohnheiten gespeichert sind, wird als Alaya oder Unterbewusstsein bezeichnet. Alle unsere Aktivitäten und Geisteszustände verlassen sich auf dieses unterbewusste Speicherbewusstsein, das wie das Meer sehr tief und subtil ist. Alle Gedanken entstehen aus diesem Zustand und gehen in diesen Zustand zurück. Im Tiefschlaf lösen sich die sechs Bewusstseine wieder in der Alaya auf und wir haben dann keine Träume. Im leichten Schlaf treten Träume auf und wenn wir erwachen, manifestieren sich unsere Gedanken erneut.

Hinter dem Alaya liegt eine große Leerheit, die wahre Natur. Die Leerheit ist die Quelle aller geistigen Aktivität und alle Bewegungen des Geistes werden von der Urwahrnehmung durchdrungen. Die ursprüngliche Natur des Geistes ist nicht getrennt von den relativen Phänomenen, die wir jetzt wahrnehmen. Es ist nicht so, dass die ursprüngliche Natur gut und die relative Natur schlecht ist. Sie sind zwei Seiten der Natur des Geistes. Wenn das Bewusstsein nur auf regelmäßige Gedanken fokussiert ist, sind wir uns der ursprünglichen Natur nicht bewusst und diese Einseitigkeit verhindert, dass die Dinge wirklich verstanden werden.

Die wahre Natur des Geistes ist jenseits von Vorstellungen, jedoch ist sie in jedem Objekt vorhanden. Die wahre Natur ist immer da, aber aufgrund unserer vorübergehenden Verschleierung erkennen wir sie nicht. Aus der Sicht des Dzogchen sind Samsara und Nirvana gleich. Wir können einen Aspekt nicht ablehnen und den anderen akzeptieren, da sowohl Samsara als auch Nirvana Manifestationen der wahren Natur des Bewusstseins sind.

Buddha Shakyamuni lehrte, dass diese Welt aus der grundlegenden Natur stammt. Ob wir die grundlegende Natur erkennen oder nicht, ob unsere Handlungen auf diesem Verständnis basieren oder nicht, wir sind niemals von der grundlegenden Natur getrennt.

Die ursprüngliche Natur liegt jenseits aller Begriffe. Es ist der Anfang des Geistes und das Ende des Geistes. Wir haben es schon. Wir brauchen nichts weiter. Der Buddha und andere große Meister lehrten, dass es äußerlich nichts zu erwerben gibt. Es ist nur eine Frage der Arbeit, um herauszufinden, was wir bereits haben. Im Prajnaparamita-Sutra lehrte der Buddha, dass es nichts zu erlangen und nichts zu verlieren gibt. Wir haben bereits Erleuchtung, aber wir müssen sie persönlich realisieren.


Von Khenchen Palden Sherab Rinpoche & Khenpo Tsewang Dongyal Rinpoche; aus „The Buddhist Path – A Practical Guide from the Nyingma Tradition of Tibetan Buddhism“). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2019). Möge es von Nutzen sein!

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