Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. März 2021

Dudjom Tersar Ngöndro – Grundlagen aus einer reinen Vision

Das kurze Dudjom Tersar Ngöndro ist eine Terma-Praxis, die von Guru Rinpoche selbst im 9. Jahrhundert verfasst und dann verborgen und später von Dudjom Lingpa (1835-1904) als Teil eines Zyklus reiner Visionen, bekannt als Dagnang Yeshe Drawa, „Das Weisheitsnetz der reinen Visionen„, offenbart wurde. Dudjom Lingpas nächste Wiedergeburt, Dudjom Jigdral Yeshe Dorje (1904-1987), der uns als Dudjom Rinpoche bekannt ist, erweiterte und klärte den Text später und lehrte ihn weithin.

Dudjom Rinpoche selbst sagte über den Text der kurzen Rezitation:

Dies ist eine kompakte Rezitation der vorbereitenden Praktiken, die die wesentliche Bedeutung klar verdeutlicht und für diejenigen gedacht ist, die die umfangreichen vorbereitenden Praktiken nicht verstehen oder nicht rezitieren können.

Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje

Hier die Leseübertragung und Praxis der grundlegenden Übungen aus dem Dudjom Tersar:

Diese vorbereitende oder grundlegende Praxis des Vajrayana-Buddhismus ist ein tiefgreifendes und kraftvolles Mittel, um Transformation durch Reinigung und die enorme Anhäufung von Verdiensten zu bewirken.

Das Ngöndro besteht aus drei Teilen: 1) äußere Grundlagen; 2) innere Grundlagen; und 3) geheime Grundlagen.

Die äußeren Grundlagen umfassen die Anrufung an den Lama, dann die vier Gedanken, wie die Kostbarkeit der menschlichen Geburt, Vergänglichkeit und Tod, Karma und die Unzulänglichkeit der bedingten Existenz – auch als „Leidhaftigkeit“ bekannt – und schließlich dem Wunsch, dass sich der eigene Geist dem Dharma zuwendet. Diese Verse kann man längere Zeit rezitieren und über ihre Bedeutung nachdenken, bis sich ein gewisses Gefühl der Entsagung im eigenen Geist breitgemacht hat. Denn so lange man noch immer nach Glück im Rahmen der weltlichen Belange sucht, wird der Pfad des Buddhadharma seine befreiende Wirkung nicht entfalten können.

Die inneren Grundlagen sind jene, die nach dem Eintritt in den Dharma die Basis für den Pfad bilden. Manchmal werden sie auch als spezielle Grundlagen bezeichnet. Die erste innere Grundlage ist die Zuflucht, wodurch man in den Pfad des Buddhadharma eintritt. Verbunden mit der Rezitation der Zufluchtsverse werden vollständige Niederwerfungen ausgeführt und angesammelt.

Die zweite innere Grundlage ist das Hervorbringen der unübertrefflichen Geisteshaltung – auch „Erleuchtungsgeist“ oder einfach „Bodhicitta“ genannt. Diese besteht wiederum im Entwickeln der vier unermesslichen Geisteshaltungen wie Gleichmut, Güte, Mitgefühl und Freude, welche das wünschende Bodhicitta darstellen. Dann folgt das angewandte Bodhicitta mit den sechs Paramitas bzw. überweltlichen Handlungen. Dies geschieht, indem man Großzügigkeit, ethische Disziplin, Duldsamkeit, freudiges Streben, Sammlung und höchstes Erkennen aus einer nicht-referenziellen Sicht heraus auf die fühlenden Wesen als Objekte des Mitgefühls anwendet und so Tonglen – „Aufnehmen und Aussenden“ – bwz. der Austausch von Leid der anderen und dem eigenen Glück anwendet. Bis zu diesem Punkt werden die Ansätze des Hinayana (der individuellen Befreiung) und des Mahayana (der allumfassenden Befreiung) praktiziert.

Die geheimen Grundlagen sind der Pfad der geschickten Mittel, wie er im Vajrayana beschrieben wird. Hier beginnt man zunächst mit den äußeren Tantras und beginnt durch die Mandala-Darbringung die zwei Ansammlungen von Verdienst und Weisheit zu vervollständigen. Diese beiden bilden die Wurzel für die Verwirklichung von Dharmakaya und Rupakaya. Obwohl man diese Praxis auch im sparsamen „Yogi-Stil“ mittels Mantra, Mudra und Samadhi – also durch Rezitation, Geste und Konzentration – durchführen kann, ist es von Vorteil, Substanzen zu verwenden. Dazu benötigt man zwei Mandala-Platten, die aus edlen Metallen oder auch aus Ton oder Glas sein können. Auf einer Mandala-Platte arrangiert man entweder fünf Haufen aus Reis oder stellt fünf Tormas aus Teig auf. Diese dient als Repräsentation auf dem Altar. Die andere Mandala-Platte verwendet man für die Praxis der Ansammlung selbst.

Zuerst bereitet man die Ansammlungssubstanzen sorgfältig vor, indem man Reiskörner wäscht und mit Lebensmittelfarbe in fünf Farben einfärbt oder verschiedene Getreide miteinander vermischt. Man kann auch kleine Edelsteine und andere Kostbarkeiten dazugeben. Dann füllt man eine Ritualvase mit Safranwasser. Damit besprenkelt man die Mandala-Platte, die man in der linken Hand hält und reinigt diese Platte, indem man mit dem Handballen im Uhrzeigersinn kreisen das Safranwasser auf der Platte verteilt und verwischt. Dabei rezitiert man das 100-Silben-Mantra des Vajrasattva. Dann visualisiert man vor sich das Feld der Verdienstansammlung und rezitiert ein Mal die Verse der Darbringung des 37-Punkte-Mandalas und beginnt mit der eigentlichen Ansammlung. Beginnend im Zentrum, dann unmittelbar vor einem (Osten), weiter nach links (Süden), entfernt von einem (Westen) und schließlich rechts von einem (Norden) häuft man Reis auf der Platte an und macht noch zwischen Westen und Osten auf der Platte kleine Reishäufchen. Diese sieben Getreidehaufen symbolisieren den Berg Meru, die vier Hauptkontinente, sowie Sonne und Mond, und werden als 7-Punkte-Mandala bezeichnet. Dennoch visualisiert man bei dieser Ansammlung und Rezitation das 37-Punkte-Mandala. Wenn die sieben Punkte des Mandalas fertig sind, wischt man es mit einer Handbewegung von links nach rechts in ein Tuch, das man im Schoß hat und beginnt wieder von Neuem mit der Ansammlung. So geht es weiter, bis alle Getreidekörner aufgebraucht sind. Dann füllt man wieder den Aufbewahrungsbehälter und beginnt von Neuem. Am Ende der Praxis verschmilzt das Verdienstfeld zu Licht und löst sich in einen auf. In diesem Zustand ruht man in meditativer Gelassenheit.

Anschließend werden die karmischen Schleier durch die Meditation auf Vajrasattva und die Rezitation des 100-Silben-Mantras bereinigt. Dabei ist die Anwendung der vier Kräfte – Anerkennen und Eingeständnis der Verfehlung, reine Stütze (Vajrasattva), Entschluss, die Negativitäten tatsächlich aufzugeben und das Aufgeben selbst bzw. die Rezitation – besonders wichtig. Verbunden damit ist die Visualisation, bei der von Vajrasattva ein Nektarstrom herabfließt und in den eigenen Scheitel eintritt und die Verfehlungen, Defekte, Krankheiten und Übel von Körper, Rede und Geist von einem reinigt. Alle diese Negativitäten verlassen einen in Form von Rauch, trüber Flüssigkeit und ekeligen Tieren. Schließlich ist man vollständig gereinigt und kristallklar. Man rezitiert das Sechs-Silben-Mantra des Vajrasattva und stellt sich vor, wie sich Vajrasattva Yab-Yum in Licht auflösen und mit einem selbst verschmelzen. Man ruht in meditativer Gelassenheit.

Dann tritt man in den Pfad der inneren Tantras ein und praktiziert Guru-Yoga. Die Praxis des Guru-Yoga ist der Gipfel und Kern des Ngöndro. Bereits zu Beginn der Praxis wurde der Guru angerufen, bei der Zuflucht usw. als Zeuge und Verdienstfeld visualisiert und hier praktiziert man nun die Realisation der Natur des Geistes. Der äußere Guru als Manifestation der Natur des Geistes ist gewissermaßen eine Projektion der eigenen wahren Natur.

Man folgt der im Praxistext angegebenen Visualisation und rezitiert das Vajra-Guru-Mantra viele Male. Darüber hinaus kann man diese Praxis auch noch durch Wiederholungen des 7-Zeilen-Gebets an Guru Rinpoche erweitern. Dabei stellt man sich vor, dass man die vier Ermächtigungen von Körper, Rede, Geist und Verwirklichungen des Gurus empfängt. Am Ende der Rezitation löst man die Visualisation auf, indem sich der Guru in Licht auflöst und mit einem selbst untrennbar wird. Man ruht in der offenen Weite der Untrennbarkeit von leerem Sein und ursprünglichem Gewahrsein und erkennt dies als das Antlitz des letztendlichen Gurus – der eigenen wahren Natur des Geistes selbst. Die Realisation dieser klar-lichten Essenz ist der Gipfel der Praxis im Ngöndro, sowie auch im Vajrayana selbst.

Dies korrespondiert auch mit der Realisation der Klar-Lichtheit zum Zeitpunkt des Todes. Falls man dies Realisation verfehlt und Befreiung nicht in diesem einen Leben erlangt wird, gibt es in den grundlegenden Übungen des Dudjom Tersar noch zwei bis drei weitere geschickte Mittel. Normalerweise wird nach dem Ngöndro die Praxis des Phowa – der Bewusstseinsübertragung – erlernt. Dies dient dazu, falls mangels Realisation der klar-lichten Essenz der Natur des Geistes die Befreiung nicht erlangt wird, dass man dann zumindest über den Umweg einer Geburt in Mahasukhavati – dem reinen Land von Buddha Amitabha – anschließend die Befreiung erlangt. Wenn man auch darin scheitert – und das ist aufgrund mangelnder Praxis leicht möglich – dann hilft die Praxis des Darbringen des eigenen Körpers – kurz „Chöd“ genannt. Da der eigene Körper das zentrale Element von Greifen und Verlangen darstellt, ist sein Hingeben das beste Mittel zur Realisation von Ichlosigkeit. Verbunden damit wird auch der eigene Besitz usw. aufgegeben und schließlich der Befreiung der fühlenden Wesen gewidmet. Damit sammelt man zumindest Verdienst an, damit man entweder Befreiung im Bardo oder wenigstens eine günstige nächste Geburt erlangt.

Wenn es weise Menschen gibt, die sich wünschen, vollständig von den heißen Qualen der Feuergrube des Samsara befreit zu werden, sollten sie sich auf diesen höchsten Pfad, Ngöndro, verlassen, der, wie der König der Bäume, einen in seinem kühlen, dichten Schatten, der Erleuchtung, wiederbeleben wird.

Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje

Hier die Wort-für-Wort-Erklärung des Dagnang-Ngöndro – der kurzen grundlegenden Übungen aus dem Dudjom Tersar:

Da wir diese Praxis der grundlegenden Übungen über einige Zeit im Ngakpa-Zentrum durchgeführt haben und diese als Livestream veröffentlicht wurden, finden sich in den einzelnen Sitzungen noch weitere Erklärungen und Hinweise zur Praxis selbst – mal mehr, mal weniger. Den Praxistext findet ihr auf rangdrol’s Blog im Bereich der Downloads.

Wer diese Praxis noch länger intensiv ausüben möchte, findet auf meinem Kanal auf YouTube weitere Videos und Erklärungen dazu. Möge es von Nutzen sein!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: