Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Oktober 2018

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte von Trekchö

Von Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö

nature-3048299_1920Zu Füßen des edlen Gurus verbeuge ich mich!

Grundlagen

Die wesentlichen Punkte der Einführung in die tatsächliche Natur des Geistes sind folgende. Besinne dich ständig auf Vergänglichkeit. Kontempliere die Prüfungen der zyklischen Existenz. Passe dein Verhalten an die Gesetze an, die für die Handlungen und deren Auswirkungen gelten. Mit einer stabilen Grundlage von Zuflucht und selbstloser Absicht, stelle sicher, dass alle deine Handlungen von Körper, Rede und Geist zum Wohle der anderen sind. Widme den Verdienst und sprich Wunschgebete.
Begib dich gewissenhaft auf die Stufen der Ansammlung und Reinigung, und stelle sicher, dass die Praktiken der Stufen der Erzeugung und Vollendung deiner Meditationsgottheit durch die Schlüsselpunkte der Annäherung und Vollendung wirkungsvoll werden. Um die tatsächliche Natur deines eigenen ungeborenen Gewahrseins zu erkennen, musst du in den Übungen beständig sein, bis du ungekünstelte Hingabe dem Guru gegenüber entwickelst. Und selbst nachdem du solch eine ungekünstelte Hingabe entwickelt hast, ist es äußerst wichtig, dass du weiter zum Guru betest und Ermächtigung empfängst.

Tatsächliche Anweisung über die Natur des Geistes

Die Suche nach der Wurzel des Geistes bedeutet zu untersuchen, welches der drei Tore von Körper, Rede und Geist es ist, das uns dazu veranlasst, beständig in der zyklischen Existenz umherzuwandern und welche es ist, tugendhafte oder untugendhafte Handlungen auszuführen. Bei der Untersuchung entdecken wir, dass der Geist der wichtigste Faktor ist. Auf der Suche nach versteckten Fehlern heißt es zu untersuchen, ob Körper, Rede und Geist einheitlich oder verschieden sind. Während sie auf konventioneller Ebene miteinander verbunden zu sein scheinen, gibt es letztlich keine wirkliche Entität namens „Geist“, die mit etwas eins könnte oder verschieden davon sein könnte. Es ist einfach eine Täuschung, eine klare Erscheinung von etwas Unwirklichem.
Wenn du die Essenz dieses Geistes untersuchst, kannst du sie nicht finden, selbst wenn du nach seinem Entstehen suchst. Es gibt keine Realität in der scheinbaren Präsenz des Geistes. Noch gibt es etwas, das vergeht. Es ist also ohne Grundlage oder Herkunft. Wenn man untersucht, ob der suchende Geist und der gesuchte Geist gleich oder verschieden sind, scheint es, als ob man den anderen hervorbringt. Aber da der Geist, der Gegenstand der Suche ist, unwirklich ist, ist auch der Geist, der sucht, unwirklich. Indem wir uns jedoch in all unseren vagen und vergänglichen Gedanken, die durch flüchtige Ursachen und Bedingungen hervorgerufen werden, an ein Selbst klammern, erfahren wir die Täuschung der zyklischen Existenz.
Nachdem wir diese Tatsache erkannt haben, sollten wir direkt in die Natur des Geistes schauen, der nichts findet, wenn er nach Geist sucht. Wenn wir die drei Tore des Körpers, der Sprache und des Geistes so belassen, wie sie sind, ohne sie in irgendeiner Weise zu verändern, werden wir zeitweise einen Zustand nicht-konzeptueller Klarheit erfahren. Diese schwankende Erfahrung, die sich je nach den Umständen ändern kann, ist das All-Grundbewusstsein. Welche meditativen Erfahrungen auch immer auf dieser Ebene des Bewusstseins entstehen mögen, ob glückselig, klar oder frei von Gedanken, sie sind immer noch fehlerhafte mentale Erfahrungen. Darüber hinaus ist der leere, gedankenfreie Zustand des höchsten Erstaunens auch von der Natur des allumfassenden Bewusstseins und zutiefst fehlerhaft.
Ganz gleich, was im Geist entsteht, ob es nun solche Zustände sind, die durch geistige Spekulationen verdunkelt werden oder ein Schwanken von Gedanken sind, die durch solche Erfahrungen unversehrt sind, müssen wir ein Bewusstsein für die Gegenwart aufrechterhalten, das in keiner Weise einen Nutzen hat, geschädigt oder transformiert werden kann durch solche Erscheinungen. Dieses Gewahrsein ist lebendig, frisch, ungekünstelt und unverdorben. Es ist klar, nackt, klar und klar, jenseits jeder konkreten Definition. Dieses klare, durchdringende Gewahrsein ist weder ein Vakuum noch ein Nichts, sondern ein ursprünglich reines, wahres Gewahrsein, das leer ist und immer schon leer war, dessen Wesen völlig undefinierbar ist. Dieses klare Licht des Gewahrseins und der Leere, welches die Große Vollkommenheit ist, ist das eigentliche Antlitz des ursprünglichen Gewahrseins (tib., rig pa), das aufrechterhalten werden soll.
Die Methode, das Antlitz des ursprünglichen Gewahrseins zu verwirklichen, besteht aus den vier Arten, die Dinge so zu lassen, wie sie sind:

  • Sicht, stabil wie ein Berg – belasse es so wie es ist;
  • Meditation, tief wie der Ozean – belasse sie so wie sie ist;
  • Handlung – belasse die Erscheinungen wie sie sind; und
  • Frucht – ursprüngliches Gewahrsein, lass es so wie es ist.

Um nackte Wahrnehmung und Leere durch diese Methode sichtbar zu machen, wird dies „das direkte Einführen des Antlitzes in sich selbst als das ursprüngliche Gewahrsein“. Wir müssen darauf vertrauen und erkennen, dass es außer einem solchen Zustand keinen anderen „Buddha“ oder „Urweisheit“ gibt, und dass es mit den Phänomenen nichts weiter zu tun hat, die in der Weite des ursprünglichen Gewahrseins bereits vollkommen sind.
Meditation bedeutet, nicht in einer Erfahrung der Sichtweise zu schwanken, ohne Anhaftung, Ablenkung oder Fixierung. Versuche nicht, jegliche Wahrnehmung in Bezug auf die sechs Sinne zu blockieren oder auszuschließen und erlaube deiner Aufmerksamkeit nicht, diffus zu werden oder sich zurückzuziehen. Stattdessen ruhe einfach und ohne Einschränkung. Ohne Trennung zwischen den Objekten und Gewahrsein, lasse alle aufsteigenden Gedanken oder Wahrnehmungen auf natürliche Weise durch sich selbst befreien und sich ohne Spuren auflösen, so wie der Pfad eines Vogels im Flug. Das ist es, was mit „Vertrauen in die Selbstbefreiung aufsteigender Gedanken“ gemeint ist. Diese Art und Weise der Übung, unbewegt zu bleiben, ist ein besonderer Schlüsselpunkt, der gleichermaßen für das meditative Gleichgewicht und die Nachmeditation gilt.
Wenn du dich auf dem Weg anstrengst, den ich hier beschrieben habe, dann wird es, selbst wenn du als dualistisch anmutend erlebst, was klar und deutlich erscheint, die Natur des Geistes nicht verdunkeln, so wie Wolken den Himmel nicht beschmutzen. Da diese scheinbaren Schleier deine Erfahrung nicht beflecken, werden die zwei Arten der Verdunkelung, zusammen mit irgendwelchen gewohnheitsmäßigen Tendenzen, sich auflösen und reinigen, und die Erfahrung der großen zeitlosen Weisheitserkenntnis des Gewahrseins und der Leere wird zunehmen. Wenn dies geschieht, ist es wichtig, dass du nicht an irgendeine meditative Erfahrung gebunden bist, einschließlich jeglicher Form von Visionen oder Stimmungen, sei sie beschwingt oder deprimiert, ruhig oder erregt, und anstatt Erfahrung zu unterdrücken, erlaubst du ihr, sich spontan zu entfalten.

Diese Zusammenfassung der wichtigsten Ratschläge zu Trekchö wurde von Chökyi Lodrö verfasst, um die Bitte von Yönru Lhase Sogyal zu erfüllen.


Deutsche Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Verglichen mit der englischen Übersetzung von Adam Pearcey (2017) von Lotsawahouse.org. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Oktober 2018

Verbeugungen vor einem erleuchteten Vagabunden

in-gannan-prefecture-2449881_1920Einst traf Patrul Rinpoche auf eine Gruppe Lamas, die auf dem Weg zu einer großen Versammlung waren und er schloss sich ihrer Gesellschaft an. Er war so schäbig angezogen, so zurückhaltend, dass er wie ein gewöhnlicher bettelnder Praktizierender behandelt wurde. Er musste beim Teekochen behilflich sein, beim Sammeln von Feuerholz und den Mönchen der Gesellschaft dienen, während sie durch eine einsame Gegend von Kham im Osten Tibets reisten.
Eines Tages hörte die Gruppe, dass ein wichtiger Lama ganz in der Nähe eine bedeutende Übertragung, eine Ermächtigung ins Vajrayana und die Lehre dazu geben wird und die Gesellschaft beeilte sich, daran teilzunehmen. Als sie dort ankamen, waren alle Lamas und wichtigen Prediger und Mönche in allen monastischen Insignien mit ihren Hüten, Kronen und Anhängern herausgeputzt. Verzierte Sättel und Girlanden schmückte ihr farbenfrohes Sattelzeug. Lange Hörner, Muschelhörner und Bronzetrompeten boten eine wahrhaftige Symphonie an himmlischen Klängen dar. Jeder berühmte Lama wurde auf einen hohen Thron gesetzt. Seine Höhe entsprach dem offiziellen Rang des Lamas. Dann begannen die Rituale und Einweihungen.
Am Ende der Einweihung gingen alle nach vorne um die Opfergaben dem vorsitzenden Meister zu geben und den Segen von seiner Hand auf ihren Kopf zu empfangen. Patrul, der die ganze Zeit ruhig am Ende der Menschenmenge gesessen hatte, stand am Ende der langen Reihe der auf den Segen Wartenden. Als die Reihe langsam voranschritt, verbeugte sich jede Person vor dem Thron des großen Meisters, brachte einen weißen Seidenschal dar und empfing eine Segnung.
Zuerst berührte der Lama jeden Kopf mit seiner Hand. Dann, weil die Warteschlange so groß war, begann er einfach jeden mit einer langen Pfauenfeder zu berühren. Das ging so lange, bis zu guter Letzt der zerlumpte Vagabund vor ihm stand. Die Augen des vorsitzenden Meisters weiteten sich voller Erstaunen. Diese schmuddelige Figur war niemand anders als der lebende Buddha, der überragende Dzogchen-Meister Dza Patrul!
Der große Lama stieg von seinem Thron und beugte sich ganz hinunter zu Boden. Während die Versammlung gaffte, brachte er Patrul die Pfauenfeder dar und verneigte sich wieder und wieder vor dem sanft lächelnden Weisen.


Dza Patrul Rinpoche war der Dzogchen-Meister um die Jahrhundertwende. Als ein populärer Lehrer, Poet und Autor reiste er unerkannt durch Ost-Tibet, gekleidet im langen, handgefertigten Schafwollmantel der Nomaden. Wenige erkannten diesen verehrten Lama, der, den alle erwartungsvoll treffen wollten.


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Oktober 2018

Das Sutra vom Reissetzling

In indischer Sprache: Aryashalistambanamamahayanasutra
In tibetischer Sprache: ’phags pa sa lu’i ljang pa zhes bya ba theg pa chen po’i mdo
In deutscher Sprache: Das Edle Mahayana Sutra vom Reissetzling

Verehrung den Buddhas und Bodhisattvas!

prayer-flags-377_1920So habe ich einst gehört. Der Bhagavan residierte auf dem Geiergipfel in Rajagriha mit einer großen Sangha von 1.250 Bhikshus und mit sehr vielen Bodhisattva Mahasattvas. Zu dieser Zeit ging der ehrwürdige Shariputra an diesen Ort, den der Bodhisattva Mahasattva Maitreya besuchte und nachdem beide zusammentrafen, setzten sie sich beide auf einen flachen Stein.
Der ehrwürdige Shariputra sagte dann zu dem Bodhisattva Mahasattva Maitreya: „Maitreya, hier blickte heute der Bhagavan auf einen Reis-Setzling und sprach diesen Lehrspruch zu den Bhikshus: ‚Bhikshus, wer immer abhängiges Auftauchen sieht, sieht den Dharma. Wer den Dharma sieht, sieht den Buddha.‘ Nachdem er dies gesagt hatte, verstummte der Bhagavan. Maitreya, was bedeutet dieser Lehrspruch, den der Sugata sprach? Was ist abhängiges Entstehen? Was ist der Dharma? Was ist der Buddha? Wie sieht man den Dharma, wenn man abhängiges Entstehen sieht? Wie sieht man den Buddha, wenn man den Dharma sieht?“

12 Glieder des bedingten Entstehens

Der Bodhisattva Mahasattva Maitreya antwortete dann dem ehrwürdigen Sharadvatiputra: „Ehrwürdiger Shariputra, du willst wissen, was abhängiges Entstehen ist in der Aussage des Bhagavan, des Herrn des Dharma, des Allwissenden: ‚Bhikshus, wer das abhängige Entstehen sieht, sieht das Dharma. Wer den Dharma sieht, sieht den Buddha?‘ Nun, der Begriff ‚abhängiges Entstehen‘ bedeutet, dass etwas entsteht, weil etwas anderes bereits existiert. Etwas wird geboren, weil etwas anderes bereits geboren wurde. Das heißt, Nichtwissen bewirkt Tatabsicht. Tatabsicht bewirkt Bewusstsein. Bewusstsein bewirkt Name und Form. Name und Form bewirken die sechs Sinnestore. Die sechs Sinnestore bewirkt Kontakt. Kontakt bewirkt Empfindung. Empfindung bewirkt Verlangen. Verlangen bewirkt Aneignung. Aneignung bewirkt Werden. Ursachen bewirken Geburt. Und die Geburt bewirkt Altern und Tod, Trauer, Klage, Leiden, Verzweiflung und Angst. So entsteht dieser ganze große Leidenshaufen.
„Wenn die Unwissenheit endet, hören die Tatabsichten auf. Wenn die Tatabsichten enden, hört das Bewusstsein auf. Wenn das Bewusstsein endet, hören Name und Form auf. Wenn Name und Form enden, hören die sechs Sinnestore auf. Wenn die sechs Sinnesquellen endet, hört der Kontakt auf. Wenn der Kontakt endet, hört die Empfindung auf. Wenn die Empfindung eintritt, hört das Verlangen auf. Wenn das Verlangen aufhört, hört die Aneignung auf. Wenn die Aneignung aufhört, wird sie zu Erbschaft. Wenn das Werden aufhört, hört die Geburt auf. Und wenn die Geburt aufhört, hören Altern und Tod, Kummer, Klage, Leiden, Verzweiflung und Angst auf. So hört dieser ganze große Leidenshaufen auf. Dies nennt der Bhagavan abhängiges Entstehen.
„Was ist der Dharma? Der Dharma ist der achtfache Weg der Edlen: rechte Sicht, rechte Absicht, rechte Rede, rechte Handlung, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und richtige Konzentration. Dieser achtfache Pfad der Edlen, kombiniert mit der Erreichung seiner Ergebnisse und Nirvaṇa, ist das, was der Bhagavan den Dharma genannt hat.
„Wer ist der Bhagavan Buddha? Ein Buddha, der so genannt wird, weil er alle Dharmas versteht, ist mit dem Weisheitsauge der Edlen und dem Körper des Dharma ausgestattet und nimmt somit die Dharmas derer wahr, die sich noch im Lernen befinden und derer, die jenseits des Lernens sind.

Abhängiges Entstehen

„Wie sieht man abhängiges Entstehen? In diesem Punkt sagte der Bhagavan: ‚Jemand, der abhängiges Entstehen als beständig, ohne Lebenskraft, ohne Lebenskraft, wahr, unverdorben, ungeboren, nicht entstanden, unerschaffen, unbehelligt, ungehindert, unmerklich, ruhig, furchtlos, unwiderlegbar, unerschöpflich und von Natur aus nie verstummt und der ebenfalls sieht, dass der Dharma auch beständig ist, ohne Lebenskraft, leer von Lebenskraft, wahr, unverdorben, ungeboren, nicht entstanden, unerschaffen, unbehelligt, ungehindert, unmerklich, ruhig, furchtlos, unwiderlegbar, unerschöpflich und niemals verstummt, versteht deutlich den Dharma der Edlen und sieht dadurch das richtige Wissen, sieht den Buddha, den Körper des unübertrefflichen Dharma.
„Warum heißt es abhängiges Entstehen? Es heißt abhängiges Entstehen, weil es kausal und bedingt, nicht nicht-kausal und nicht-bedingt ist. In diesem Zusammenhang lehrte der Bhagavan die Merkmale des abhängigen Entstehens wie folgt: ‚Die Ergebnisse kommen von ihren eigenen spezifischen Bedingungen. Ob Tathagatas erscheinen oder nicht, diese wahre Natur der Dinge wird bestehen bleiben. Es ist die wahre Natur. Die Beständigkeit von Dharma, die Unveränderlichkeit des Dharma, im Einklang mit dem abhängigen Entstehen, der Soheit, der unverdächtigen Souveränität, der unveränderlichen Soheit, der Wirklichkeit und der Wahrheit, unverkennbar und unfehlbar.

Ursächliche Beziehung und bedingte Beziehung

zen-509371_1920„Abhängiges Entstehen geht außerdem aus zwei Prinzipien hervor. Von welchen zwei Prinzipien? Aus einer ursächlichen Beziehung und einer bedingten Beziehung. Darüber hinaus sollte es als zweifach verstanden werden: äußere und innere.

Pflanzen – äußeres bedingtes Entstehen

„Was ist die Ursachenbeziehung im äußeren abhängigen Entstehen? Es ist wie folgt. Aus einem Samen entsteht ein Spross, aus einem Spross ein Blatt, aus einem Blatt ein Stängel, aus einem Stängel ein Blütenstängel, aus einem Stiel ein Stempel, aus einem Stempel eine Blume, und aus einer Blume kommt eine Frucht. Wenn es keinen Samen gibt, kann der Keim nicht entstehen und so weiter bis schließlich ohne die Blume die Frucht nicht entstehen kann. Wenn es einen Samen gibt, wird sich der Keim bilden und so weiter bis schließlich, wenn es eine Blume gibt, sich die Frucht bilden wird.
„In diesem Prozess denkt der Samen nicht: ‚Ich entspringe den Keim.‘ Auch denkt der Keim nicht: ‚Ich bin durch den Samen gebildet.‘ Ebenso denkt die Blume nicht: ‚Ich bilde die Frucht.‘ Die Frucht denkt: ‚Ich bin von der Blume gebildet.‘ Doch wenn es einen Samen gibt, wird der Keim Gestalt annehmen und entstehen usw., bis schließlich auch, wenn es eine Blume gibt, die Frucht Gestalt annehmen wird. So ist die Kausalbeziehung im äußeren abhängigen Entstehen zu sehen.
„Wie also ist die bedingte Beziehung im äußeren abhängigen Entstehen zu sehen? Als Folge des Zusammentreffens von sechs Elementen. Wie aufgrund des Zusammenkommens welcher sechs Elemente? Das bedingt abhängige Entstehen ist nämlich als Folge des Zusammenkommens der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum und Jahreszeit zu sehen. Das Erdelement fungiert als Unterstützung für den Samen. Das Wasserelement befeuchtet den Samen. Das Feuerelement reift den Samen. Das Windelement öffnet den Samen. Das Raumelement erfüllt die Funktion, den Samen nicht zu blockieren. Und die Jahreszeit verwandelt den Samen. Ohne diese Bedingungen kann sich kein Keim aus einem Samen bilden. Aber wenn das äußere Element der Erde nicht mangelhaft ist und ebenso Wasser, Feuer, Wind, Raum und Jahreszeit nicht mangelhaft sind, dann bildet sich aus dem Zusammentreffen aller dieser Faktoren ein Keim, wenn der Same aufhört.
„Das Erdelement denkt nicht: ‚Ich unterstütze den Samen.‘ Auch denkt das Wasserelement nicht: ‚Ich befeuchte den Samen.‘ Auch denkt das Feuerelement nicht: ‚Ich reife den Samen.‘ Auch das Windelement denkt nicht, ‚Ich öffne den Samen.‘ Auch denkt das Raumelement nicht: ‚Ich sorge dafür, dass der Samen nicht blockiert wird.‘ Auch denkt die Jahreszeit nicht: ‚Ich verwandle den Samen.‘ Auch denkt der Samen nicht: ‚Ich sprosse.‘ Der Spross denkt auch nicht: ‚Ich bin durch diese Bedingungen gebildet.‘ Doch wenn diese Bedingungen vorhanden sind und der Samen aufhört, bildet sich der Keim. Ebenso, wenn es endlich eine Blume gibt, bildet sich die Frucht.
„Der Spross ist nicht von sich selbst geschaffen, nicht von einem anderen erschaffen, nicht von beiden erschaffen, nicht von einem Weltenschöpfer (Ishvara) geschaffen, nicht von der Zeit transformiert, nicht aus einer Ursubstanz abgeleitet und nicht ohne Ursache geboren. Doch durch das Zusammenkommen der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum und Jahreszeit bildet sich der Keim, wenn der Same endet. So ist die bedingte Beziehung im äußeren abhängigen Entstehen zu sehen.
„Hier ist das äußere abhängige Entstehen in Bezug auf fünf Aspekte zu sehen. Welche fünf Aspekte? Als nicht permanent, als nicht unstetig, nicht von Transmigration bestimmt, als die Produktion eines großen Ergebnisses durch eine kleine Ursache und als eine Kontinuität ähnlichen Typs.
„Wie ist es nicht dauerhaft? Es ist nicht dauerhaft, weil der Keim und der Samen unterschiedlich sind. Der Spross ist nicht der Samen. Der Keim kommt nicht aus dem Samen, nachdem er geendet hat, noch kommt er aus dem Samen, solange er noch nicht geendet hat. Vielmehr wird der Keim genauso geboren, wie der Samen aufhört.
„Wie ist es nicht unstetig? Es ist nicht unstetig, weil ein Keim nicht aus einem bereits aufgegangenen Samen oder aus einem noch nicht aufhörenden Samen stammt. Eher wie der Balken einer Waage, die von oben nach unten kippt, wird genau dann ein Keim geboren, wenn der Samen aufgehört hat.
„Wie geht es nicht mit der Transmigration? Es beinhaltet keine Transmigration, weil der Keim und der Samen verschieden sind. Das, was der Sprössling ist, ist nicht der Samen.
„Wie führt es dazu, dass aus einem kleinen Grund ein großes Ergebnis erzielt wird? Eine große Frucht wird durch das Pflanzen eines kleinen Samens erzeugt. Daher umfasst es die Erzeugung eines großen Ergebnisses aus einer kleinen Ursache.
„Schließlich wird Obst genau nach der Art des Saatguts produziert. Daher beinhaltet es eine Kontinuität ähnlichen Typs. So ist das äußere abhängige Entstehen in fünf Aspekten zu sehen.

Fühlende Wesen – inneres abhängiges Entstehen

composing-2391033_1920Ähnlich entsteht das innere abhängige Entstehen auch aus zwei Prinzipien. Von welchen zwei Prinzipien? Aus einer ursächlichen Beziehung und einer bedingten Beziehung.
„Was ist dann die Ursachenbeziehung im inneren abhängigen Entstehen? Es beginnt mit Nichtwissen, das Tatabsicht bewirkt und so weiter, bis schließlich die Geburt Alter und Tod bewirkt. Wenn Nichtwissen nicht entsteht, dann manifestieren sich keine Tatabsichten und so weiter bis schließlich, wenn die Geburt nicht auftritt, Altern und Tod sich nicht zeigen. Genauso entstehen aus dem Vorhandensein von Nichtwissen die Tatabsichten und so weiter, bis schließlich aus dem Vorhandensein der Geburt Altern und Tod kommen.
„‚Nichtwissen denkt nicht, ich produziere Tatabsicht.‘ Auch denken Tatabsichten nicht: ‚Wir werden durch Nichtwissen erschaffen‘ und so weiter. Schließlich denkt die Geburt nicht: ‚Ich produziere Altern und Tod.‘ Auch Altern und Tod denken nicht, ‚Ich werde durch Geburt geboren.‘ Nichtsdestoweniger nehmen Tatabsichten Form an und entstehen durch das Vorhandensein von Nichtwissen usw. bis schließlich Altern und Tod nehmen Form an und entstehen durch die Existenz der Geburt. So ist die Ursachenbeziehung im inneren abhängigen Entstehen zu sehen.
„Wie ist die bedingte Beziehung im inneren abhängigen Entstehen zu sehen? Als Folge des Zusammentreffens von sechs Elementen. Wie aufgrund des Zusammenkommens welcher sechs Elemente? Die bedingte Beziehung im inneren abhängigen Entstehen ist nämlich als Folge des Zusammenkommens der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum und Bewusstsein zu sehen.
„Was ist das irdische Element im inneren abhängigen Entstehen? Das, was sich zusammensetzt, um die Festigkeit des Körpers zu bilden, wird das Erdelement genannt. Das, was den Zusammenhalt im Körper bewirkt, nennt man Wasserelement. Das, was verdaut, was der Körper isst, trinkt, kaut und schmeckt, nennt man das Feuerelement. Das, was die Funktion des Ein- und Ausatmens des Körpers übernimmt, wird als Windelement bezeichnet. Das, was dem Körper erlaubt, Hohlräume im Inneren zu haben, wird das Raumelement genannt. Das, was die Sprossen des Namens und der Form wie Schilf in einer Garbe hervorbringt – die Kombination der fünf Sammlungen des Bewusstseins, zusammen mit dem unbefleckten geistigen Bewusstsein – wird das Bewusstseinselement genannt. Ohne diese Bedingungen kann der Körper nicht geboren werden. Aber wenn das innere Erdelement nicht unzulänglich ist, und ebenso die Elemente Wasser, Feuer, Wind, Raum und Bewusstsein nicht unzulänglich sind, dann bildet sich aus dem Zusammentreffen all dieser Faktoren der Körper.
„In diesem Prozess denkt das irdische Element nicht: ‚Ich versorge die Festigkeit des Körpers, indem ich mich versammle.‘ Auch denkt das Wasserelement nicht: ‚Ich sorge für den Zusammenhalt des Körpers.‘ Auch denkt das Feuerelement nicht: ‚Ich verdaue was auch immer der Körper isst, trinkt, kaut oder schmeckt.‘ Auch das Windelement denkt nicht: ‚Ich führe die Funktion des Ein- und Ausatmens des Körpers aus.‘ Auch denkt das Raumelement nicht: ‚Ich erschaffe Hohlräume innerhalb des Körpers.‘ Das Element des Bewusstseins denkt auch nicht: ‚Ich produziere den Namen und die Form des Körpers.‘ Auch denkt der Körper nicht: ‚Ich werde durch diese Bedingungen erzeugt.‘ Doch wenn diese Bedingungen vorliegen, wird der Körper geboren.
„Das Erdelement ist kein Selbst, kein Wesen, keine Lebenskraft, keine Kreatur, kein Mensch, keine Person, nicht weiblich, nicht männlich, nicht sächlich, nicht ich, nicht meins und nicht das eines anderen.
„Ebenso sind das Wasserelement, das Feuerelement, das Windelement, das Raumelement und das Bewusstseinselement auch kein Selbst, kein Wesen, keine Lebenskraft, keine Kreatur, kein Mensch, keine Person, nicht weiblich, nicht männlich, nicht sächlich, nicht ich, nicht meiner und nicht der anderer.

Nichtwissen

manipulation-1875815_1920„Nun, was ist Nichtwissen? Das, was diese sechs Elemente als einheitlich wahrnimmt, als ganz, beständig, beständig, ewig, angenehm, ein Selbst, ein Wesen, eine Lebenskraft, eine Kreatur, eine Seele, ein Mensch, ein Individuum, ein Mensch, eine Person, ich und meine, zusammen mit den vielen anderen solchen Variationen des Missverständnisses, heißt Nichtwissen. Das Vorhandensein solchen Nichtwissens bringt Verlangen, Abneigung und Täuschung zu Objekten. Solches Verlangen, solche Abneigung und Täuschung hinsichtlich der Objekten sind die Tatabsichten, die durch Unwissenheit verursacht werden. Das, was zwischen einzelnen Objekten unterscheidet, ist das Bewusstsein. Die vier Erlebnishaufen der Aneignung, die in Verbindung mit dem Bewusstsein [zusammen mit dem Aggregat der materiellen Form] entstehen, sind Name und Form. Die auf Name und Form basierenden geistigen Fähigkeiten sind die sechs Sinnestore. Die Verbindung der drei Faktoren ist Kontakt. Die Erfahrung von Kontakt ist Empfindung. Anhaften an Empfindung ist Begehren. Die Intensivierung des Begehrens ist Identifizieren. Eine Handlung, die aus Identifizieren entsteht und wieder Geburt bewirkt, ist der Werdeprozess. Die Entstehung der Erlebnishaufen aus einer solchen Ursache ist die Geburt. Die Reifung der Erlebnishaufen nach der Geburt ist Altern. Das Vergehen der altersschwachen Erlebnishaufen ist der Tod. Die innere Qual der getäuschten, anhaftenden, sterbenden Person ist Kummer. Die Äußerung, die aus der Trauer kommt, ist die Klage. Das Erfahren von Unbehagen in Verbindung mit der Ansammlung der fünf Bewusstseinszustände ist Leiden. Das von Aufmerksamkeit begleitete geistige Leiden ist Verzweiflung. Darüber hinaus werden alle anderen subtilen Befleckungen dieser Art als Angst bezeichnet.
„Sie werden Nichtwissen im Sinne von Verschleierung, Tatabsicht im Sinne von Formung, Bewusstsein im Sinne von Wissen, Namen und Form im Sinne gegenseitiger Unterstützung, die sechs Sinnesquellen im Sinne von Zugangswegen, Kontakt im Sinne der Berührung, Empfindung im Sinne von Erfahrung, Verlangen im Sinne von Durst, Identifizierung im Sinne von Aneignung, Werden im Sinne des Gebären wiederholten Werdens, Geburt im Sinne der Entstehung der Erlebnishaufen, Altern im Sinne von der Reifung der Erlebnishaufen, Tod im Sinne des Vergehens, Trauer im Sinne von Trauer, Klage im Sinne des Klagens, Leiden im Sinne von körperlicher Qual, Verzweiflung im Sinne seelischer Qual und Angst im Sinne von subtile Befleckung. Darüber hinaus ist es Nichtwissen, die Wirklichkeit nicht zu kennen, im Sinne, sie nicht zu begreifen und falsch zu interpretieren.

Die zwölf Glieder

Lebensrad„Wenn ein solches Nichtwissen vorhanden ist, entwickeln sich drei Arten von Tatabsichten: solche, die zu heilsamen Zuständen führen, solche, die zu unheilsamen Zuständen führen, und solche, die zu weder-heilsamen-noch-nicht-heilsamen Zuständen führen. Dies ist mit ‚Nichtwissen verursacht Tatabsicht‘ gemeint. Aus Tatabsichten, die zu verdienstvollen Zuständen führen, kommt Bewusstsein, das zu verdienstvollen Zuständen führt. Aus Tatabsichten, die zu unbeständigen Zuständen führen, kommt Bewusstsein, das zu unbeständigen Zuständen führt. Und von Tatabsichten, die zu weder-heilsamen-noch-nicht-heilsamen Zuständen führen, kommt Bewusstsein, das zu weder-heilsamen-noch-nicht-heilsamen Zuständen führt. Das ist gemeint mit ‚Tatabsichten verursachen Bewusstsein‘.
„Die vier immateriellen Erlebnishaufen, die mit dem Bewusstsein gemeinsam zusammen mit der physischen Form entstehen, sind das, was mit ‚Bewusstsein verursacht Name und Form‘ gemeint ist. Aufgrund der Entwicklung von Name und Form erfolgt die Durchführung von Handlungen durch die Eingänge der sechs Sinnestore. Dies ist mit ‚Name und Form verursachen die sechs Sinnestore‘ gemeint. Aus den sechs Sinnestoren entstehen die sechs Kontakthaufen. Das ist gemeint mit ‚die sechs Sinnesquellen verursachen Kontakt‘. Empfindungen treten genau in Abhängigkeit von der Art des Kontakts auf. Dies ist mit ‚Kontakt verursacht Empfindung‘ gemeint. Diese verschiedenen Arten von Empfindungen zu genießen, sich an ihnen zu erfreuen, sich an sie zu klammern und dieses Anhaften zu behalten, ist das, was mit ‚Empfindung verursacht Begehren‘ gemeint ist. Vom Genießen, Entzücken, Festhalten und Anhaften bleibt ein Widerwillen loszulassen, mit dem wiederholten Wunsch: ‚Möge ich mich niemals von diesen lieben und lieblichen Formen lösen!‘ Das ist gemeint mit ‚Begehren verursacht Identifizieren.‘
„Ein solches Begehren lässt durch Körper, Sprache und Geist Handlungen des Werdens entstehen. Dies ist mit ‚Werden‘ gemeint. Die Bildung der fünf Erlebnishaufen, die aus solchen Handlungen hervorgegangen sind, ist das, was mit ‚Werden bewirkt Geburt‘ gemeint ist. Die Reifung der Entwicklung der Erlebnishaufen, die sich aus der Geburt gebildet haben, und ihr Zerfall ist das, was mit, ‚Geburt bewirkt Altern und Tod‘ gemeint ist.
„Also ist dieses zwölffache abhängige Entstehen, das aus verschiedenen Ursachen und aus verschiedenen Bedingungen kommt, weder dauerhaft noch unbeständig, weder zusammengesetzt noch unzusammenhängend, ist nicht ohne Ursache oder Bedingung, ist kein Erfahrender und ist nicht erschöpfbar etwas Zerstörbares oder etwas, das aufhört – ist seit undenklichen Zeiten ohne Unterbrechung wie der Fluss eines Flusses fortgegangen.
Dieses zwölffach abhängige Entstehen, das aus mehreren verschiedenen Ursachen und aus verschiedenen Bedingungen kommt, ist weder dauerhaft noch unbeständig, weder zusammengesetzt noch unzusammenhängend, ist nicht ohne Ursache oder Bedingung, ist kein Erfahrender und ist nicht etwas Erschöpfbares, etwas zerstörbares oder etwas, das aufhört – ist in der Tat von alters her ohne Unterbrechung wie der Fluss eines Flusses verlaufen. Nichtsdestoweniger gibt es vier Verbindungen, die als Ursache für die Zusammenstellung dieses zwölffachen abhängigen Entstehens dienen. Welche vier Glieder sind das? Und zwar Unwissenheit, Verlangen, Karma und Bewusstsein.
„Bewusstsein funktioniert als Ursache, indem es die Natur eines Samens hat. Karma funktioniert als Ursache, indem es die Natur eines Feldes hat. Nichtwissen und Verlangen funktionieren als Ursachen, indem sie die Natur von Leiden haben.
„Karma und Bedrängnis lassen den Samen des Bewusstseins wachsen. Hier fungiert Karma als das Feld für den Samen des Bewusstseins. Begehren befeuchtet den Samen des Bewusstseins. Nichtwissen sät den Samen des Bewusstseins. Ohne diese Bedingungen entwickelt sich der Keim des Bewusstseins nicht.
„In diesem Prozess denkt das Karma nicht: ‚Ich fungiere als das Feld für den Samen des Bewusstseins.‘ Auch nicht das Verlangen denkt: ‚Ich befeuchte den Samen des Bewusstseins.‘ Auch denkt Unwissenheit nicht: ‚Ich säe den Samen des Bewusstseins.‘ Der Same des Bewusstseins denkt auch nicht: ‚Ich werde durch diese Bedingungen erzeugt.‘ Doch wenn der Same des Bewusstseins wächst, gepflanzt auf dem Feld des Karma, angefeuchtet vom Wasser der Sehnsucht und verstreut mit dem Mist des Nichtwissens, sprießt der Keim von Name und Form, und manifestiert sich, egal in welchem ​​Mutterleib man auch immer wieder geboren wird.
„Und dieser Keim von Name und Form ist nicht von selbst geschaffen, nicht von einem anderen erschaffen, nicht von beiden erschaffen, nicht von einem Weltenschöpfer geschaffen, nicht von Zeit umgewandelt, nicht von einer Ursubstanz abgeleitet, nicht von einem einzigen Faktor abhängig und nicht ohne irgendeine Ursache geboren. Dennoch, aus der Kombination der Vereinigung der Eltern, der Periode des Eisprungs und anderen Bedingungen, erzeugt der Samen des Bewusstseins, gefüllt mit Appetit, den Keim des Namens und der Form innerhalb des Mutterleibes, durch die man wiederum Geburt annehmen wird. Denn obwohl die Dinge ohne Besitzer, ohne Besitz, nicht greifbar und raumgleich sind und ihre Natur das Merkmal der Illusion ist, gibt es keinen Mangel an notwendigen Ursachen und Bedingungen.
„Zum Beispiel entsteht das Augenbewusstsein durch fünf Prinzipien. Welche fünf Prinzipien? Und zwar entsteht das Augenbewusstsein basierend auf dem Auge, von dem es abhängt, Form, Licht, Raum und der entsprechenden Aufmerksamkeit. Hier dient das Auge als Grundlage für das Augenbewusstsein. Form dient als Objekt der Wahrnehmung für das Augenbewusstsein. Licht dient als Sichtbarkeit. Der Raum dient, indem er nicht behindert. Angemessene Aufmerksamkeit wirkt als mentale Reflexion. Ohne diese Bedingungen kann das Augenbewusstsein nicht entstehen. Aber wenn die innere Sinnesquelle, das Auge, nicht mit Mängeln behaftet ist und ebenso, wenn Form, Licht, Raum und angemessene Aufmerksamkeit nicht mangelhaft sind, dann entsteht aus dem Zusammentreffen all dieser Faktoren das Augenbewusstsein.
„Das Auge denkt nicht: ‚Ich diene als Grundlage für das Augenbewusstsein.‘ Auch die Form denkt nicht: ‚Ich diene als Objekt der Wahrnehmung für das Augenbewusstsein.‘ Auch das Licht denkt nicht: ‚Ich diene als Sichtbarkeit für das Augenbewusstsein.‘ Auch denkt der Raum nicht: ‚Ich verstopfe das Augenbewusstsein nicht.‘ Auch denkt angemessene Aufmerksamkeit nicht: ‚Ich biete dem Augenbewusstsein geistige Reflexion.‘ Auch denkt das Augenbewusstsein nicht: ‚Ich werde durch diese Bedingungen erzeugt.‘ Aber das Augenbewusstsein wird aus der Gegenwart dieser Bedingungen geboren. Ebenso sollte eine entsprechende Analyse auf die übrigen geistigen Fähigkeiten angewendet werden.
„Hier ist nichts, was von dieser Existenz zur nächsten übergeht. Und dennoch, weil es keinen Mangel an notwendigen Ursachen und Bedingungen gibt, manifestiert sich dennoch das Ergebnis von Karma. Es ist wie die Erscheinung der Reflexion eines Gesichts auf der Oberfläche eines gut polierten Spiegels. Das Gesicht hat sich nicht auf die Oberfläche des Spiegels verschoben, aber da es keinen Mangel an notwendigen Ursachen und Bedingungen gibt, erscheint das Gesicht dennoch dort.

Ohne innewohnende Person

fantasy-2243769_1920„Ebenso gibt es niemanden, der nach dem Tod von hier auswandert und anderswo geboren wird. Und dennoch, weil es keinen Mangel an notwendigen Ursachen und Bedingungen gibt, manifestiert sich dennoch das Ergebnis von Karma. Es ist, als ob die Kugel des Mondes in einer Entfernung von zweiundvierzigtausend Yojanas über der Erde reist und doch erscheint ihre Reflexion dennoch in kleinen Gefäßen, die mit Wasser gefüllt sind. Es ist nicht so, dass der Mond sich von seiner Position bewegt und in die kleinen, mit Wasser gefüllten Gefäße eintritt. Da aber die notwendigen Ursachen und Bedingungen nicht fehlen, erscheint die Mondkugel dennoch dort.
„Ebenso gibt es niemanden, der von hier nach dem Tod wandert und woanders geboren wird und trotzdem, da es keinen Mangel an notwendigen Ursachen und Bedingungen gibt, manifestiert sich dennoch das Ergebnis von Karma. Es ist wie ein Feuer, das aus der Ansammlung seiner notwendigen Ursachen und Bedingungen entflammt und nicht, wenn es an seinen notwendigen Ursachen und Bedingungen mangelt. Auf die gleiche Weise, obwohl die Dinge ohne Besitzer, ohne Besitz, nicht greifbar, raumgleich sind und ihre Natur das Merkmal der Illusion aufweist und weil es keinen Mangel an notwendigen Ursachen und Bedingungen gibt, wird der Same des Bewusstseins und der Bedrängnisse, die aus Karma geboren wurden, nichtsdestotrotz den Keim des Namens und der Form hervorbringen, in welchem ​​Mutterleib man auch immer wiedergeboren wird. So ist die bedingte Beziehung im inneren abhängigen Entstehen zu sehen.

Fünf Aspekte

„Hier ist das innere abhängige Entstehen in Bezug auf fünf Aspekte folgendermaßen zu sehen. Welche fünf Aspekte sind das? Als nicht dauerhaft, als nicht unstetig, als nicht der Seelenwanderung unterworfen, als die Produktion eines großen Ergebnisses aus einer kleinen Ursache und als eine Kontinuität ähnlichen Typs.
„Wie ist es nicht dauerhaft? Es ist nicht dauerhaft, weil die endgültigen Erlebnishaufen beim Tod eine Sache sind und die bei der Geburt eine andere; das heißt, die endgültigen Erlebnishaufen beim Tod sind nicht diejenigen bei der Geburt. Und erst wenn die letzten Erlebnishaufen beim Tod aufhören, entstehen die Erlebnishaufen bei der Geburt.
„Wie ist es nicht diskontinuierlich? Es ist nicht diskontinuierlich, weil die Erlebnishaufen bei der Geburt nicht aus den endgültigen Erlebnishaufen beim Tod entstehen, wenn sie bereits aufgehört haben oder noch nicht aufgehört haben. Wie der Balken einer Waage, die von oben nach unten kippt, entstehen die Erlebnishaufen bei der Geburt genau dann, wenn die letzten Erlebnishaufen beim Tod aufgehört haben.
„Wie beinhaltet es keine Seelenwanderung? Es beinhaltet keine Seelenwanderung, weil Wesen aus verschiedenen Klassen der Existenz ihre Wiedergeburt in einer gewöhnlichen Form der Geburt erreichen.
„Wie umfasst es die Produktion eines großen Ergebnisses aus einem kleinen Grund? Das Reifen eines großen Ergebnisses wird durch das Durchführen einer kleinen Handlung erfahren. Es bringt also die Erzeugung eines großen Ergebnisses aus einem kleinen Grund mit sich. Es handelt sich um eine Kontinuität ähnlichen Typs, weil die Reifung einer Handlung genau nach der ausgeführten Handlung erfahren wird.
„Ehrwürdiger Shariputra, der mit vollkommener Weisheit dieses abhängige Entstehen sieht, perfekt gelehrt vom Bhagavan, wie es tatsächlich ist – wie immer und für immer ohne Lebenskraft, ohne Lebenskraft, wahr, unverfälscht, ungeboren, nicht entstanden, unerschaffen, unzusammenhängend, unbehindert, unmerklich, ruhig, furchtlos, unerschütterlich, unerschöpflich und von Natur aus nie still – wer immer es wirklich und wahrhaftig als unwirklich, eitel, hohl, nicht-substanziell, als Krankheit, als Furunkel, als Dorn, als elend, unbeständig, schmerzhaft, leer und selbstlos versteht, ein solcher Mensch denkt nicht über das vergangene Denken nach: ‚Existierte ich in der Vergangenheit oder nicht? Was war ich in der Vergangenheit? Wie war ich in der Vergangenheit?‘ Eine solche Person denkt auch nicht über das zukünftige Denken nach: ‚Werde ich in der Zukunft existieren oder nicht? Was werde ich in der Zukunft sein? Wie werde ich in der Zukunft sein?‘ Eine solche Person reflektiert auch nicht das gegenwärtige Denken: ‚Was ist das? Wie ist das? Was werden, was werden wir? Woher kommt dieses Wesen? Wohin wird es gehen, wenn man von hier im Tod wandert?‘
„Welche Lehrmeinungen Bettelmönche und Brahmanen überall in der Welt halten, ob sie den Glauben an ein Selbst, den Glauben an ein Wesen, den Glauben an eine Lebenskraft, den Glauben an eine Person oder den Glauben an Zeremonien und Feste beinhalten, solche Lehrmeinungen, die zur Erregung und Trägheit neigen, sind alle zu dieser Zeit aufgegeben. Völlig als falsch verstanden, werden diese Lehrmeinungen an der Wurzel durchtrennt und verdorren wie der Kopf einer Palme, um in der Zukunft niemals aufzustehen oder zu enden.
„Ehrwürdiger Shariputra, wer mit solch einer Annahme des Dharma begabt ist und so bedingtes Entstehen vollkommen versteht, wird vom Tathagata, dem Arhat, dem vollkommenen und vollkommen Erwachten, dem vollkommenen Wissen und Verhalten, für unübertroffenes, vollkommenes und vollständiges Erwachen prophezeit, der Sugata, der Kenner der Welt, der unvergleichliche Wagenlenker derer, die gebändigt werden müssen, der Lehrer der Götter und Menschen, der Bhagavan, der Buddha, auf diese Weise: ‚Solch eine Person wird ein vollkommener und vollständiger Buddha werden!‘“

Nachdem der Bodhisattva Mahasattva Maitreya so gesprochen hatte, freute sich der ehrwürdige Shariputra zusammen mit der Welt der Götter, Menschen, Asuras und Gandharvas, und lobte, was der Bodhisattva Mahasattva Maitreya gelehrt hatte.

Dies beschließt „Das Edle Mahayana Sutra vom Reissetzling“.


Deutsche Übersetzung vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018) basierend auf der englischen Übersetzung „The Rice Seedling“ von „84.000 Translating the Words of the Buddha“.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. September 2018

Verhalten und Disziplin

vector-2150008_1280Buddhismus, wie ihr vielleicht wisst, meint, dass es zwei, drei oder vier erleuchtete Verkörperungen oder Kayas gibt. Nun können diese Kayas in zwei zusammengefasst werden: den Dharmakaya, der das eigene persönliche Ziel durch die vollständige Erleuchtung im Dharmakaya erfüllt, und den Rupakaya, der für die Erfüllung der Ziele und Bedürfnisse der anderen da ist. Der Rupakaya oder dem erleuchteten Formkörper, ist der Nirmanakaya oder Tulku, der beabsichtigt wiedergeboren wird, um für das Wohlergehen der anderen Lebewesen zu arbeiten; diese werden Bodhisattvas genannt. Obwohl es viele verschiedene Klassen und Familien solcher Individuen gibt, ist der vielleicht bekannteste in den Begriffen des Buddhismus der Buddha Shakyamuni. Es ist möglich, dass ihr die Lebensgeschichte von Buddha Shakyamuni schon gelesen habt; wenn nicht, solltet ihr aber. Wie einige von euch wissen, kam Buddha Shakyamuni beabsichtigt in diese Welt. Er führte während seines Lebens wundersame Taten aus, angefangen mit dem Traum von einem Elefanten mit sechs Stoßzähnen, er gab sein Königreich auf um sich den schrecklichen Entbehrungen als Asket zu unterziehen und schließlich erlangte er den Zustand völliger Erleuchtung der Buddhaschaft. Danach drehte Buddha Shakyamuni das Rad des Dharmas zu drei Gelegenheiten. Außer diesen drei Drehungen gibt es unzählige Wege, bei denen Buddha Shakyamuni das Rad der Lehre gedreht hat, welche dann in neun, drei, zwei oder gar ein Fahrzeug der Lehren Buddhas eingeteilt wurden. Wiederum hängen diese Klassifikationen davon ab, ob die Lehren nun sehr ausführlich oder sehr zusammengefasst sein können.

Buddha Shakyamuni

Buddha Shakyamuni wurde in Lumbini geboren, das möglicherweise damals zum Zeitpunkt seiner Geburt in Indien lag, aber heute zu Nepal gehört. Buddha Shakyamuni als nur einen Nirmanakaya anzusehen, ist sehr begrenzt. Wir müssen uns daran erinnern, dass es viele Weltsysteme mit vielen fühlenden Wesen gibt. Wo immer fühlende Wesen sind, werden sich erleuchtete Wesen manifestieren um diese Wesen zur Befreiung zu führen. Vielmehr sollten wir uns der Qualitäten des Zustandes der Erleuchtung gewahr sein. Der Zustand der vollständigen Erleuchtung bedeutet auch die Möglichkeit, sich in zahllosen Erscheinungen des erleuchteten Körpers, der Rede, des Geistes, der edlen Qualitäten und der wundersamen Aktivitäten zu erscheinen, gemäß den Bedürfnissen aller Wesen in all den Weltsystemen entsprechend ihrer Fähigkeiten. Der Begriff „Buddha“ ist ein Synonym für Vairocana – nampar nangdzed (tib., rnam par snang mdzad) – was auch die Vollkommenheit all dessen, was erscheint, bedeutet.

Buddhaschaft

Vom Standpunkt der absoluten Sicht aus ist der Zustand der Buddhaschaft alles Erscheinende. Da gibt es nichts weiter zu fixieren, da sind keine Begrenzungen. Ebenfalls sind die fühlenden Wesen, die noch immer verwirrt sind, ohne Grenze. Sie sind ebenfalls unermesslich und zahllos. Von den Aufzählungen, wie eben den 1.000 oder 1.002 vollständig erleuchteten Nirmanakaya-Buddhas, die in diesem Weltsystem in diesem glücklichen Zeitalter erscheinen werden, ist Buddha Shakyamuni der Vierte. Buddha Maitreya wird der zukünftige Buddha sein bzw. der Fünfte. Aber wenn wir uns auf diese Zahlen und Unterscheidungen beziehen, müssen wir uns die absolute Bedeutung davon im Geiste behalten.
Jeder der eintausend Buddhas, der in diese Welt kam um den Geist der fühlenden Wesen zu nutzen und zu zähmen, besitzt diese erleuchteten, edlen Qualitäten. Jeder dreht das Rad des Dharmas dreimal auf dieselbe Weise wie Buddha Shakyamuni es getan hat. Das Kommen jedes dieser Buddhas wurde durch den Kangyur, den mündlichen Unterweisungen Buddhas vorhergesagt, und dem Tengyur, den Shastras, den Kommentaren zu Buddhas Lehren, die von hochverwirklichten Aryas geschrieben wurden. Ebenso sind in den Termas, den Offenbarungen der Schatzfinder, viele Vorhersagen auf die Buddhas und Bodhisattvas, die noch kommen. Es ist sehr gut, wenn man diese Schriften liest, dadurch kann man etwas über die unvergleichlichen Manifestationen der erleuchteten Wesen lernen. Andererseits gibt’s eine Tendenz zum Nihilismus. Man entwickelt die starke Gewohnheit der nihilistischen Sichtweise, bei der man nur das glaubt, was man unmittelbar sieht, hört oder berühren oder fühlen kann. Grundsätzlich bedeutet das, wenn man es nicht direkt sehen, hören oder berühren kann, ist man unfähig daran zu glauben, dass es wirklich oder wahr ist. Das führt dazu, dass viele Menschen unfähig sind zu akzeptieren, dass Buddha Maitreya oder irgendein zukünftiger Buddha kommen wird. Noch können sie glauben, dass es Buddhas oder erleuchtete Wesen in der Vergangenheit gegeben hat. Tatsächlich wird es sehr schwierig für jene sein, Buddha Shakyamuni zu glauben, weil er nicht länger direkt gesehen werden kann. Solch eine Person würde vielleicht auch die eigenen Großeltern verneinen, wenn diese gestorben sind, bevor er/sie geboren wurde. Was sagt uns das? Das ist ein sehr beschränktes, sehr eingeschränktes, sehr begrenztes Denken über Wirklichkeit – nur daran zu glauben, was berührbar, was sichtbar oder hörbar oder fühlbar ist. Ist dieses Individuum, das nur an diese Lebenszeit glaubt und für nur für diese Lebensspanne lebt eine unberührbare, eine schlechte Person? Nein. Aber es bedeutet, dass deren Karma noch immer sehr verschmutzt, sehr verunreinigt ist. Sie haben es verabsäumt, irgendwelche innewohnenden, edlen Qualitäten zu entwickeln. Sie könnten es sicherlich, aber haben es nicht gemacht, sie zu entwickeln, sie haben keine Vertrautheit mit der buddhistischen Sicht, der Meditation oder dem Verhalten. Sie haben die Phänomene falsch verstanden, was aber nicht ungewöhnlich ist. Jedes Lebewesen in dieser Welt ist in dieser Bedingung, weil er oder sie die Phänomene fälschlich erfahren. Das schließt jeden von uns ein. Die Art, wie wir die Dinge sehen ist zum größten Teil falsch. Wie nun immer, wenn wir den Lehren des Buddhas vertrauen, bringen uns diese weg von dem Extrem des Nihilismus. Wir haben etwas, an das wir glauben können, und wir können ein Verständnis der grundlegenden Realität entwickeln anfangen. Viele Tibeter, wie natürlich alle Menschen, sind sehr starrsinnig, was das Missverstehen der Phänomene angeht. Manche ältere Tibeter sind so starrköpfig, dass sie es ablehnen zu glauben, dass sie Fehler gemacht haben könnten. Wenn sie ihre Notdurft verrichten, würden sie sagen, sie hätten es nicht getan, selbst wenn es an ihren Kleidern ersichtlich wäre. Das ist sehr schamlos. Viele Menschen sind wie sie. Sie denken, dass sie niemals einen Fehler gemacht haben. Sie denken, dass ihre Dinge niemals falsch sind. Das Problem ist, dass für sie die Dinge nur schlecht laufen, und sie möglicherweise sehr dumm und vulgär werden. Bitte denkt sorgfältig darüber nach.

Eternalismus und Nihilismus – die irrtümlichen Sichtweisen

Wir müssen verstehen, was der Irrtum bei den Phänomenen ist und uns selbst korrigieren. Es ist sehr wichtig, dass wir den Belehrungen vertrauen und daran glauben, dass Buddha Maitreya in der Zukunft erscheinen wird. Unaufhörlich werden erleuchtete Wesen erscheinen; Buddha Maitreya selbst sprach von seiner Ankunft im Anuttaratantra. Diese Prophezeiungen sind sehr greifbar in den Schriften dokumentiert. Von diesem Standpunkt der Sicht aus ist es für uns einfacher daran zu glauben. Wenn man auf jemanden trifft, der den Standpunkt des extremen Nihilismus vertritt, sprecht also nicht zu harsch über die Fehler jener, die diese haben, weil sie am Irrtum über die Phänomene leiden. Eigentlich sollten diese Leute die Objekte unseres Mitgefühls sein.
Spricht man von Nihilisten, glaubt ihr, dass es nur ein paar wenige hier gibt? Nein, ganze Länder sind nihilistisch, vergleichbar mit kommunistischen Staaten; und dem entgegen sind ganze Länder eternalistisch. Eigentlich sind wir beides – nihilistisch und eternalistisch. Wenn ein Mensch nicht fähig ist, den Dharma rein zu praktizieren, ist es sicher, dass sie nihilistische Tendenzen und Gewohnheiten haben, die sie davon abhalten, den Dharma so ernsthaft wie gewünscht zu praktizieren, da ihr Augenmerk auf diesem Leben liegt. Wenn eine Person nach dem, was nicht-existent ist als wirklich wahr greift, nach dem, was keine wirkliche Wahrheit hat als wahr greift, inhärent, dauerhaft existent, dann ist dies die extreme Sicht des Eternalismus. Nihilismus und Eternalismus sind ein Gegensatz zum Buddhismus, der frei von diesen beiden Extremen ist. Man sollt das ständig vergegenwärtigen; wir müssen daran glauben, dass zukünftige Buddhas kommen werden. Der gegenwärtige Buddha ist gekommen, unzählige Buddhas werden in der Zukunft erscheinen und zahllose Belehrungen der verschiedenen Kategorien geben – Hinayana, Mahayana, Vajrayana, die verschiedenen Tantras. Es gibt vier Schulen des tibetischen Buddhismus – Nyingma, Kagyü, Sakya, Gelug – aber ebenso viele Zweige und Untergruppen dieser Schulen. Es gibt eine Menge ordinierter Mönche und Nonnen und Laien-Praktizierender. Ihr könnt jedes Individuum, das offensichtlich sehr stark in seine buddhistische Praxis involviert ist fragen: „Kamen Buddhas in der Vergangenheit? Werden Buddhas in der Zukunft erscheinen?“ Ihr könnt sie auch fragen: „Gibt es wirklich so etwas wie Karma? Existieren Ursache und Wirkung wirklich? Ist das wirklich wahr?“ Wieso könnt ihr sie fragen? Ich weiß, alle von euch lieben Fragen, also geht voran und fragt.
In den Termas, den Schatztexten, befinden sich die Belehrungen zu den sechs Bardos, den Zwischenzuständen. Da gibt es auch Belehrungen zu den sechs Buddhas der sechs Bereiche. Zum Beispiel hat jeder der Nirmanakaya-Buddhas des Bereichs der Götter, der Titanen, der Menschen, Tiere, Hungergeister und Höllenwesen seinen eigenen Namen, so wie Buddha Shakyamuni in unserem menschlichen Bereich. Das Studium der verschiedenen Nirmanakaya-Buddhas, die die Wesen führten und ihnen in diesen Bereichen nützten, hilft das Vertrauen in die buddhistische Sicht zu fördern. Andererseits können wir vermuten, Guru Rinpoche hat dies alles erfunden. Oder vielleicht Kuntuzangpo hat geschwindelt, oder vielleicht haben die Buddhas der zehn Richtungen uns getäuscht. Natürlich ist so etwas unmöglich! Ja, es wird einen zukünftigen Buddha Maitreya geben. Ja, man wird unzählige zukünftige Wiedergeburten haben, egal ob man daran glaubt, wenn man stirbt, dass das Karma einem nicht folgt und man einfach verschwindet wie Wasser, dass verdunstet oder sich einfach auflöst. Wenn man diesem zustimmt, dann ist man ein Nihilist. Andererseits wenn dies nicht akzeptabel ist, dann werdet ihr Buddhas Lehren vertrauen. Ihr solltet sonst nicht den Belehrungen über Shunyata zuhören, über die Natur der Leerheit, die besagen, dass da keine Form ist, kein Klang, kein Geruch, kein Geschmack, keine Berührung und so weiter, und dann denken: „Ja, das ist’s, ich glaube daran. Keine dieser Bestandteile existiert wirklich, sie sind ihrer Natur nach leer.“ Oder nach dem Hören von Dzogchen-Belehrungen glaubt nicht: „Das ist es. Das ist die Sicht, die ich umfasse,“ und dann einfach davon gehen, ohne weiter nachzuforschen oder zu praktizieren, dann baut das nur Verblendung und Stolz auf. Das bedeutet, dass man schamlos und vulgär wird. In diesem Leben wird man unermessliches Unglück finden. In den zukünftigen Leben wird man in die tiefsten Bereiche fallen. Alle die mit euch in Kontakt kommen, wenn man mit dieser Sicht sich als Lehrer bezeichnet, werden ebenso in die niederen Bereiche geführt werden. Es ist sehr wichtig, dass man sorgfältig von solch einer Falle Abstand nimmt. Bezogen auf den Dharma wollen wir sicherlich nicht noch mehr Untugendhaftes ansammeln; wir haben schon genug davon.
Wer sind nun diese Individuen, die wirklich nihilistisch sind? Es sind solche, die tiefgründige Belehrungen gehört haben, aber denen es an Vertrauen oder Hingabe mangelt. Sie haben nicht wirklich die grundlegenden Belehrungen des Buddhismus verinnerlicht, aber hören sich die tiefgründigen Instruktionen über das Absolute, nennen wir’s Dzogchen oder Shunyata, an und glauben, dass wäre alles, was nötig ist zu machen. Sie bauen nur Verblendung und Stolz auf und setzen als Nihilisten die Ansammlung des schweren, negativen Karmas fort. Um davon Abstand zu nehmen, müssen wir den Pfad der vergangenen, großen Linienhalter und Praktizierenden dieser Tradition des Buddhismus kennen. Wir müssen unsere Anführer studieren, die Linienhalter des Weisheitsgeistes der Buddhas, der Symbol-Merkmal-Linie der reinen Gewahrseinshalter und der Linie der mündlichen Überlieferung der gewöhnlichen Individuen. Wir müssen die Gepflogenheiten für das Halten der Linie auf dieselbe Weise kennen, wie sie selbst und diese hochhalten, sodass wir fähig sind, Sittlichkeit zu bewahren und in diese Fallgruben stürzen. Der Schlüssel dazu ist das, was man als die „drei Übungen“ bezeichnet, die mit Sittlichkeit, dem Wissen, wie man sich am Pfad verhält und der Praxis am Pfad zu tun haben. Der dafür gebrauchte Begriff ist gewöhnlich „das Halten des Juwels der drei Übungen“, durch das man reine Sittlichkeit oder Verhalten aufrecht hält. Dies schützt einen davor, ein buddhistischer Nihilist oder ein buddhistischer Eternalist zu werden. Es schützt durch das Halten des Juwels der drei Übungen, sonst wird man – selbst im Namen des Buddhismus, um es so zu sagen – weiterhin verwirrt über die Phänomene sein. Vorläufig wird man in diesem Leben in Samsara leiden und letztendlich wird man auch das Leiden in den zukünftigen Leben fortsetzen. Wenn jemand nicht verwirrt und fähig ist, diese Übungen zu schützen und auszuführen, dann wird man zeitweilig mehr Glück haben und schließlich wird man Erleuchtung erlangen.
Die drei Übungen sind nicht wie die äußeren Opferungen, die man am Altar macht. Es ist eine innere, nach innen schauende Prüfung des eigenen Geistes und der eigenen Motivation. Man arbeitet mit diesem Prozess als eine Form der Übung. Es macht nichts, wer man ist; diese Belehrungen betreffen alle Arten von Praktizierenden – männliche, weibliche, vollständig ordinierte, teilweise ordinierte, buddhistische Laienpraktizierende, Ngakpas, Ngakmos, tantrische Praktizierende – was immer der Fall sein mag. Wenn man mit diesen Übungen beginnt, soll man dies nicht nur für einen Tag machen oder solange bis man dadurch müde wird. Man setzt diese Übung nicht nur so lange fort, bis man die Erleuchtung verwirklicht hat, sondern bis alle anderen Wesen in denselben Zustand gebracht worden sind. Weiters übt man sich in Sittlichkeit und einer entsprechenden Art des Verhaltens von sich als Praktizierenden nicht nur, wenn andere Leute einem zusehen. Man macht dies auch, wenn man ganz allein ist. Man macht diese Übungen nicht nur, wenn man im Tempel und in der Sangha ist, und dann vielleicht mit dem Üben aufhört, wenn man in seiner eigenen Umgebung oder dem eigenen gewöhnlichen weltlichen Leben ist. Das ist nicht damit gemeint. Es bedeutet beständiges und andauerndes Üben, egal ob jemand einem zusieht oder nicht. Daher werde ich mein Bestes geben, zu diesem Thema aus einem kurzen Text zu lehren, der von S.H. Dudjom Rinpoche verfasst wurde, welcher die momentane Manifestation des Segens des Geistes von Guru Rinpoche und Yeshe Tsogyal, der Herzenssohn ihrer Vereinigung, ist. Wer war der erste Buddha der eintausend Buddhas? Wer ermächtigte die Buddhas zu folgen, so wie Nuden Dorje und wer war der große Übersetzer Khyechung Lotsawa? Wer wird Möpa Thaye sein, der letzte Buddha dieses Zeitalters des Lichts. Alle der großen Linienhalter waren seine Beispiele. Als ein wahrer Halter und Nachfolger der Linie schrieb er diesen Text, um uns vor dem Fall in die Grube zu bewahren, damit wir weder buddhistische Nihilisten noch Eternalisten werden.
Ebenso ist anzumerken, dass diese Belehrung um die eigene Übung zu stützen für alle Kategorien von Praktizierenden gemacht wurde, einschließlich Tulkus, Lamas und spirituelle Führer. Es ist nicht der Fall, dass ein hoher Lama dieses Training nicht befolgen müsste; keinesfalls. Tatsächlich ist dieses Training ein deutlicher und offensichtlicher individueller Aufstieg der Bodhisattva-Entwicklungsstufen, von der ersten bis ganz hinauf. Es ist ebenfalls wahr für Äbte und Khenpos. Es ist notwendig für alle Praktizierenden, ältere und neuere ebenso auf allen Stufen, diese Übung auszuführen. Dieser Tage scheint es eine neue Idee zu sein, dass Lehrer und Tulkus denken, sie hätten es nicht notwendig, dieses Training durchzuführen, ihre Schüler allerdings schon. Das ist nicht korrekt. Alle Wesen – alle Lehrer und alle Schüler – müssen dieses Training ausführen.

Regeln und Ordnungen

Regeln und Anordnungen sind nicht einzigartig im Buddhismus; sicherlich werden alle gültigen Religionen und spirituellen Traditionen Regeln und Anordnungen haben. Obwohl ich nicht alle diese Regeln und Anordnungen dieser anderen Traditionen kenne, bin ich mir sicher, dass es sie gibt. Selbst in einem weltlichen Sinne haben wir die Kategorien von Friedenszeiten und Kriegszeiten, wo dann Angriff notwendig ist. Das Familienleben erfolgt auch entsprechend der Regeln und Ordnungen. Als menschliche Wesen können wir nicht das totale Chaos haben. Wir brauchen ein Gefühl für Ordnung. Wir müssen Richtlinien haben, denen wir folgen können, damit die Dinge ordnungsgemäß sind, ausgewogen, und in unserem Fall, damit wir mit unserer spirituellen Arbeit fortfahren können. Selbst Tiere haben Regeln und Ordnungen. Ihr mögt jemanden sagen hören: „Oh, dies und jenes ist schlechter als ein Hund.“ Aber eigentlich sind Hunde häufig besser dran als menschliche Wesen, weil sie zumindest ihre eigenen natürlichen Regeln und Ordnungen haben. Hunde haben einen Kodex nach dem sie leben. Wenn dieser Kodex gebrochen wird, wenn sie unfair behandelt werden, mögen sie heulen oder bellen, aber grundsätzlich sind sie fair und sie haben ein System, in dem sie arbeiten. Menschen sind meistens schlechter als Hunde. Selbst Hühner haben Regeln und Ordnungen. Selbst Löwen und Tiger haben Regeln und Ordnungen. Eigentlich machen das alle Tiere so, besonders wenn sie ihre Jungen bewachen. Selbst ein hilfloses Kind, das in der Krippe liegt, hat seinen eigenen Kodex von Regeln und Ordnungen. Ganz natürlich lassen sie es einem durch ihr Schreien wissen, wenn sie hungrig sind; wenn sie satt sind, schlafen sie ein. Ein Kind schreit nicht weiter nach Essen, wenn es voll ist. Stattdessen wenn wir heranwachsen, werden wir wild und unbändig. Wir vermeiden Regeln und Ordnungen, und treten dafür ins Chaos ein, durch das Ignorieren unserer Grenzen. Niemals sind wir zufrieden, wir wollen immer mehr. Das kommt daher, weil wir den Leidenschaften erlauben, uns zu kontrollieren – wie das Nichtwissen wann wir mit dem Essen aufhören sollten, obwohl wir schon genug haben. Wenigstens sollten wir den einfachen Richtlinien der Tiere folgen, weil meistens wissen diese, wann sie mit dem Essen aufhören, wenn sie voll sind – außer Schweine. Selbst wenn Buddha Shakyamuni vor uns stehen würde und uns sagen würde, wir sollten mit dem Töten anderer Lebewesen aufhören, wären wir so starrsinnig, dass wir zwar zustimmen und dann mit unserer anderen Hand hinter unserem Rücken den Unsinn weiter machen würden. So unbändig sind wir geworden.

Von Gyatrul Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2010). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. September 2018

Samsara und Nirvana unterscheiden

Prinzipien der Dzogchen-Praxis von Khorde Rushen

von Nyoshul Khen Rinpoche

raindrop-3402550_1920Grundsätzlich gibt es in unserem Geist die Buddha-Natur, die tatsächliche Dharmata, die leeres und erkennendes, selbst-entstehendes, uranfängliches Gewahrsein ist, in dem die drei Buddha-Körper (kaya) vollständig gegenwärtig sind. Sie war schon immer da, spontan vollkommen. Doch genauso  wie die Sonne von Wolken verdeckt ist, ist der erleuchtete Körper durch den gewöhnlichen Körper verdeckt, die erleuchtete Rede durch gewöhnliche Rede verdeckt, der erleuchtete Geist durch den gewöhnlichen Geist verdunkelt, und subtile Klar-Lichtheit wird durch Erlebnishaufen, Elemente und Sinneswahrnehmungen verdeckt.
Hier in der zyklischen Existenz bleiben wir innerhalb der Grenzen von Karma, das durch unseren unreinen Körper, Rede und Geist, sowie durch mentale Bedrängnisse und gewohnheitsmäßige Neigungen angesammelt wurde, und als Folge davon, dass wir unsere eigene essentielle Natur nicht erkennen, sind wir getäuscht.
Zu Beginn, als Vorbereitung auf den Pfad, müssen wir daher eine klare Unterscheidung oder Trennung zwischen dem gewöhnlichen Geist (tib., sems) und dem reinen, uranfänglichen Gewahrsein (tib., rig pa) vornehmen, wobei wir die Phänomene des Geistes als Domäne oder Geltungsbereich von Täuschung und Saṃsara, aus der Domäne oder Geltungsbereich von Nirvaṇa, d.h. reines, uranfängliches Gewahrsein und die Abwesenheit von Täuschung. Mit anderen Worten, wir müssen den gewöhnlichen Körper, die gewöhnliche Rede und den gewöhnlichen Geist und die damit verbundene Anhaftung, die Saṃsara umfasst, vom Körper, der Rede und dem Geist ohne Anhaftung oder die natürlich entstehende Weisheit des Gewahrseins, die Nirvaṇa umfassen, trennen.
Das Vorgehen hier ist, wie wenn man Wasser im Ohr hat und dann mehr Wasser hineingießt, um es zu entfernen oder in einem Feuer verbrannt wird und dann die Hitze des Feuers benutzt, um den Schmerz zu lindern. In ähnlicher Weise erreicht man dies, indem man diesem außergewöhnlichen Pfad der geschickten Mittel des geheimen Mantras folgt und Khorde Rushen (tib., ‚khor ‚das ru shan; das Unterscheiden von Samsara und Nirvana) praktiziert und so einen Zustand der Erschöpfung von Körper, Rede und Geist verwirklicht. In diesem Fahrwasser können jene mit der höchsten Fähigkeit, die die essentielle Natur des Geistes aufrechterhalten, die Natur des Geistes dort und danach erkennen. Selbst wenn man geringe oder durchschnittliche Fähigkeiten hat, wird es einem leichter fallen, das Gewahrsein der drei Buddha-Körper zu erkennen, auf das in der Hauptpraxis hingewiesen wird.
So können die beiden Arten des Unterscheidens und Trennens (Rushen) – äußerlich und innerlich – sowohl die Ursachen als auch die Wirkungen der zyklischen Existenz beenden. Daher ist diese vorbereitende Übung des Unterscheidens und Trennens (tib., ru shan) auf der gewöhnlichen Ebene gut für das Reinigen der Verschleierungen von Körper, Rede und Geist, sowie für die Befriedung von Hindernissen und führt uns letztendlich dazu, die höchste Vollendung zu erlangen und den erleuchteten Körper, Rede und Geist oder die drei Buddha-Körper zu erkennen, die Essenz, Natur und Mitgefühl sind.
Deshalb führt man dies als eine Vorbereitung aus, bevor man in die makellose Weisheit der Hauptpraxis eingeführt wird, so wie sich Reisende auf einer heimtückischen Reise einem Führer anvertrauen. Dieser Punkt wurde von den großen Meistern der Vergangenheit gemacht, insbesondere von Nyoshul Lungtog Rinpoche (tib., smyo shul lung rtogs bstan pa’i nyi ma).
Danach kann man Schritt für Schritt in die Hauptpraxis eingeführt werden. Durch die Arbeit mit dem groben Körper, der Rede und dem Geist in dieser Praxis des Unterscheidens und Trennens reinigen wir die subtilen Kanäle, die Wind-Energien und die Essenztropfen (tib., rtsa rlung thig le). In der Tat sind sie tatsächlich genau gleich. Der einzige Unterschied zwischen ihnen besteht in ihrer Subtilität.
Der grundlegende Punkt ist folgender: Indem man mit Körper, Rede und Geist auf eine kraftvolle, spontane Art und Weise handelt, genauso wie man mehr Wasser hineingießt, um Wasser aus dem Ohr zu entfernen, werden die eigene unreine Wahrnehmung und Aktivität gereinigt und man gelangt über die Anhaftung hinaus. Als Ergebnis werden die drei Tore des natürlichen Zustandes, des Körpers, der Rede und des Geistes der Erleuchtung oder der Essenz, der Natur und des Mitgefühls der natürlich entstehenden Weisheit des Gewahrseins erreicht. Es ist als ob man einen Führer auf einer heimtückischen Reise hätte, besonders für die Einführung in die Natur des Geistes in der Hauptpraxis von enormem Vorteil, weshalb es als Vorstufe dient. Hier könnte man sich fragen, ob gewöhnliche Handlungen wie Laufen, Springen, Gehen, Sitzen und Bewegen ähnliche Auswirkungen haben können, da sie ähnlich sind. Die Antwort ist, dass sie tatsächlich sehr unterschiedlich sind.
Der Grund [die Ursache] ist anders, da hier die Handlungen mit einer besonderen Motivation ausgeführt werden. Die geschickten Mittel und die Weisheit des geheimen Mantras werden verwendet, um die Weisheit des eigenen Bewusstseins zu entdecken. Der Pfad ist auch anders, da dieses Unterscheiden und Trennen von Körper, Rede und Geist mit der Übung von geschickten Mitteln Anhaftung, Abneigung und Nichtgewahrsein durchtrennt, mit dem Resultat, dass sie nur reduziert, aber niemals gestärkt werden können.
Es macht auch einen großen Unterschied im Ergebnis der Praxis, die die große Weisheit des Gewahrseins ist. Diejenigen mit der höchsten Fähigkeit werden dies direkt erkennen und jene mit durchschnittlichen und geringen Fähigkeiten werden feststellen, dass sich ihr gewöhnlicher Geist weniger verfestigt ist, so dass es für den Sinn der Einführung einfacher ist, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Gewöhnliche Aktivität ist hingegen eine Ursache für die zyklische Existenz. Es verursacht nur Zuneigung, Abneigung und Täuschung. Es dient dazu, die natürlich entstehende Weisheit, die die Natur des Geistes ist, zu verschleiern. Und indem sie die unendliche Kette der dualistischen Wahrnehmung fortsetzt, pflanzt sie im Allgrundbewusstsein (tib., kun gzhi rnam shes) weiteres Karma, das einen dazu bringt, endlos in der zyklischen Existenz umher zu wandern. Es fördert nur die Verblendung und kann niemals eine Ursache der Befreiung sein.
Da ferner die Praxis des Unterscheidens und Trennens (tib., ru shan) alle unsere gewöhnlichen weltlichen Handlungen in den Pfad integriert, so wie sie sind, ohne sie im geringsten zu ändern oder anzupassen, ist es ein einzigartiges Merkmal des Dzogchen, das mit der wundersamen Sicht des Wurzeltantras, dem „Tantra des ungehinderten Klangs“ (tib.,dra thal ‚gyur; Dra Thalgyur) und anderen Texten übereinstimmt. In den Ursachen- und Ergebnisfahrzeugen [d.h. Sutrayana und Vajrayana] hingegen mag man vielleicht Geistestechniken vorfinden, die das Praktizieren von tugendhaften Taten, das Visualisieren von Meditationsgottheiten und das Rezitieren von Mantras oder die meditativen Versenkungen der Erzeugungs- und Vollendungsstufen beinhalten, aber nichts davon ist gleich diesem hier. Sucht in der Schrifttradition und ihr werdet es selbst erfahren. Wie der allwissende Longchenpa sagte: „Obwohl es nicht unvernünftig ist, mit Aufwand nach Ursache und Wirkung zu üben, ist es im höchsten Fahrzeug angebracht, gelassen und unerschütterlich zu verweilen.“ Und: „Atiyoga lehrt die Untrennbarkeit von Ursache und Wirkung. Nicht durchführbar in niedrigeren Ansätzen, ist es hier jedoch ein entscheidender Punkt.“
Dies ist äußerst wichtig, um alle wichtigen Punkte des Dzogchen-Pfades zu verstehen. Diese Praxis des Unterscheidens und Trennens beseitigt die gegenwärtigen Ergebnisse, die die tatsächlichen Phänomene der zyklischen Existenz sind, die durch vergangene Handlungen hervorgerufen sind. Sie beendet auch Anhaftung, Abneigung und Nichtgewahrsein, die die Samen oder Ursachen zukünftiger weltlicher Erfahrung sind. Indem beide ausgelöscht werden, bringt es einen direkt zur großen Weisheit des Gewahrseins, das Nirvaṇa ist.
Da dies eine wunderbare Methode ist, um die Natur der zyklischen Existenz und Nirvaṇa genau zu identifizieren und den gewöhnlichen Körper, Rede und Geist in der Natur der drei Vajras oder innerhalb der Weite von Wesen, Natur und Mitgefühl zu befreien, wird es Khorde Rushen [Unterscheiden und Trennen von Samsara und Nirvana] genannt, das die Geltungsbereiche von Saṃsara und Nirvaṇa trennt. Es gibt äußere und innere Praktiken des Unterscheidens und Trennens von Samsara und Nirvana. Ersteres basiert auf der Sicht des „Tantras des ungehinderten Klangs“ (tib., dra thal ‚gyur) und ganz allgemein auf den Dzogchen-Tantras, während letzteres auf der Sicht des „Tantras der Leuchtenden Weite“ (tib., klong gsal ‚bar ma; Longsal Barma Tantra) basiert. Obwohl im „Tantra der Selbstexistierenden Vollkommenheit“ (tib., rdzogs pa rang byung; Dzogpa Rangjung) eine Methode zur Reinigung der sechs Klassen unter Verwendung der sechs Silben gelehrt wird, ist es hauptsächlich eine Übung für die Toten. Dennoch glaube ich nicht, dass es einen wirklichen Widerspruch darin gibt, von den Lebenden praktiziert zu werden.

Deutsche Übersetzung vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018), verglichen mit der englischen Übersetzung von Adam Pearcey (2018) von Lotsawahouse.org. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. September 2018

Reine Sicht und Verhalten

Von Shakyashribhadra

nut-2638493_1920In indischer Sprache: Vishuddhadarshanacarya upadesha nama.
In tibetischer Sprache: lta spyod rnam dag gi man ngag.
(In deutscher Sprache: Eine Anweisung über vollständig reine Sicht und Handlung)

Dem Bhagawan, dem Löwen der Shakya bezeuge ich meine Verehrung!
Wie in einem Traum gibt es keine äußere Welt. Wie in einer Illusion gibt es keine wahre Realität. Genauso wie der Raum frei von Merkmalen ist, sind alle Phänomene ihrer Natur nach klar-licht.
Jenseits von Kommen, Verweilen oder Gehen ist der Erleuchtungsgeist. Erhaben weitreichend, geschickt zum Wohle der Wesen, ist der überragende Pfad der ungetrennten beiden Ansammlungen. So meditiere Leerheit mit Mitgefühl als die Herzessenz.

Somit ist die Anweisung über vollständig reine Sicht und Handlung wurde vom großen Gelehrten Kashmirs, dem Dharma-Herrn Shakyashribhadra vollständig. Dies wurde in Throphu Zhanglung in Gegenwart des großen Gelehrten selbst vom Lotsawa Jampa’i Palgyi übersetzt.


Aus „Essentielle Anweisungen über buddhistische Sichtweisen“ von Khache Panchen Shakya Shri. In die deutsche Sprache übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. September 2018

Ursachen und Bedingungen

manipulation-1875815_1920Die Ursache ist der anfangslose Geist selbst. Obwohl er weder begrenzt oder unvollständig ist, bringt sich dieser Geist selbst zum Ausdruck. Er ist leer in seiner Essenz, aber dennoch klar in seiner Natur und seine Manifestationen erscheinen ungehindert wie nichts.
Dieser Geist selbst ist sich seiner selbst nicht gewahr und von den Bewegungen des gestaltgebenden Denkens aufgewühlt, so wie Wasser von seinen Wogen.
Begutachter und Wahrnehmende erscheinen als zwei: der Geist selbst projiziert sich selbst und nimmt das wahr. Weil es erscheinende Aspekte – das Denken bewegt sich nach außen – erscheint das Bewusstsein, dass die Objekte als darauf verweisend wahrnimmt.
Gefühle erscheinen aufgrund des Annehmens oder Zurückweisen von Objekten. Unterscheidungen sind die Auffassungen dieser Merkmale der Objekte. Formative Vorgänge bezeichnen die Erscheinungen der Objekte als anderes und durch das Festhalten daran wird der Erlebnishaufen der Form begründet.
„Die Ursachen sind die fünf Felder und Bewusstsein als das sechste“, wird als ein Grundsatz des begrifflichen Geistes verkündet. Das Grundbewusstsein, in dem solche latenten Tendenzen aufbewahrt werden, wird die ursächliche Bedingung genannt. Die dominanten Bedingungen sind die Sinnesfähigkeiten – der Sehsinn und die anderen – die als Vermittler auftreten. Die gegenständlichen Bedingungen sind das, was erkannt wird, und das ist das, was als Objekte – Form usw. – erscheint. Was als „unmittelbare Bedingungen“ bezeichnet wird, ist deshalb unmittelbar auf das, was immer vergangen ist, einschließlich der sechsten mentalen Aktivität. So geschieht es, dass die Phänomene von Samsara und Nirvana aufgrund der bedingt entstandenen Ursachen und Bedingungen.
Verlangen und Greifen bilden ein Glied, erschaffen Dasein.
Die Wesen im Begierdebereich und den formhaften und formlosen Bereichen verstehen die Merkmale der Objekte dementsprechend im geringeren, mittleren und größeren Grade. Alle Bereiche werden durch Gedanken des Annehmens und Zurückweisens erschaffen. Die Bedingungen der drei Arten gestaltbildender Kräfte – heilsam, unheilsam oder unspezifisch – lassen die Resultate von Glück, Leiden und Versenkung entstehen. Alle von ihnen beinhalten geistige Bedrängnisse. Das ist die Phase des unreinen Geistes selbst.
Jene, die wissen, dass solche Makel vorübergehend sind und sie reinigen, indem sie Methoden verwenden, von denen sagt der Siegreichen [Buddha], dass sie auf dem Pfad sind. Makellos und gereinigt zu sein, bedeutet „Buddha“ zu sein. Somit sind alle Wesen Buddhas.

Dies beschließt das erste Kapitel „Übersicht und allgemeine Präsentation der Ursachen und Bedingungen“ aus „Tiefgründige innere Prinzipien“ (tib.,zab mo nang don) des 3. Karmapa Rangjung Dorje (rang ‚byung rdo rje; *1284 – 1339).


Übersetzt vom Ngak’chang Randrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. September 2018

Der rasche Pfad der Mahamudra

Der rasche Pfad der Mahamudra, um ein machtvoll Realisierter zu werden.

Von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye

waterfalls-2987477_1920Verkörperung aller Objekte der Zuflucht, kostbarer Guru, bitte inspiriert uns mit Eurem Segen!
Jetzt, wo du diese einzigartige Gelegenheit mit ihren Freiheiten und Reichtümern erlangt hast, ich flehe dich an, benutze es, den Dharma zu Gunsten zukünftiger Leben zu praktizieren. Das menschliche Leben ist wie die Sonne, die zwischen den Wolken scheint: es kann in einem Moment weg sein, ohne etwas erreicht zu haben. Und das Bedauern im Augenblick des Todes wird vergebens sein. Also praktiziere geradewegs mit Fleiß und Begeisterung.
Der Dharma ist weitreichend und hat viele Formen. Aber die Lehren, die Buddhaschaft in einem einzigen Leben bringen sind die beiden letztendlichen Systeme von Mahamudra und Dzogchen. Die Mahamudra der Glückseligkeit und der Leerheit auf dem Pfad der geschickten Mittel ist die eigentliche Praxis des geheimen Mantras, aber diejenigen, die es praktizieren, sind selten. Die Mahamudra des Angeborenen auf dem Pfad der Befreiung ist eine einfachere Praxis, die große Belohnung bei geringem Risiko bietet, und ist für alle von Vorteil, unabhängig von deren Fähigkeit.
Nimm dir dafür die Praxis in ihrer wesentlichen Form zu Herzen. Motiviere dich mit Nachdenken über Vergänglichkeit und Tod, und beschränke alle unnötigen Aktivitäten und Vorhaben. Erzeuge Abscheu und Entsagung aus der Tiefe deines Herzens für die gesamte zyklische Existenz und ihre drei Bereiche. Reinige deinen Geist mit den Vorbereitungen am Anfang. Dann für den Hauptteil, praktiziere Guru Yoga, und lass deine Hingabe sich entwickeln und zunehmen.
Mit deinem Körper in der richtigen Haltung, blicke in die Essenz des Geistes, sei er in Bewegung oder in Ruhe. Ob er in Bewegung ist oder nicht, seine Natur bleibt gleich. Verweile daher in einer unveränderten Erfahrung seines Wesens. Es ist wichtig, dass du ständig achtsam und bewusst bist.
Wenn sich eine stabile Geistesruhe entwickelt, dann, ohne absichtliche Anhaftung oder Fixierung, mische dies mit Sinneswahrnehmungen und Gemütszuständen, und integriere so deine Gedanken in den Pfad. Wenn du einen flüchtigen Gedanken im gegenwärtigen Moment bemerkst, indem du seine Essenz mit durchdringender Präsenz betrachtest, wird er von selbst befreit und dämmert als Dharmakaya.
Es gibt keine andere Aktivität in der Essenz des Geistes, also manipuliere den Geist nicht im nächsten Moment. Ohne zu versuchen, deine Gedanken zu verändern, bleibe entspannt, unabgelenkt, während der Nichtmeditation. Im natürlichen Fluss des wahren Geistes, wie er tatsächlich ist, wirst du rasch ein mächtiger Herrscher der Erkenntnis werden.

Als Antwort auf eine Bitte von Dharmatara, die ein oberster Guru und Führer ist, wurde diese kurze Zusammenfassung vom Bettler Lodrö Thaye dargeboten.


Entnommen aus Jamgön Kongtruls „Elixier der Herzensratschläge“ (tib., zhal gdams snying gi bdud rtsi).
Übersetzung: Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018); verglichen mit der Übersetzung von Adam Pearcey (2015) von Lotsawahouse.org.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. September 2018

Zwei Pfade der Stufen der Erzeugung

ocean-3605547_1920Dann fragte der Bodhisattva Vidyavajra: „Oh Lehrer, Bhagavan, indem man den zeichenlosen Dharmakaya, frei von allen Extremen der begrifflichen Ausschmückung, als den Grund nimmt und sich bewusst macht, dass für Schüler, die nach Dauerhaftigkeit greifen, die Pfade offenbart werden, die Zeichen und Objekthaftigkeit haben. Wie praktiziert man diese Lehren? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Vidyavajra, es gibt viele Aufzählungen hinsichtlich den selbstbezogenen Pfad der Stufe der Erzeugung, aber hinsichtlich des Pfades des Geheimen Mantra Vajrayana gibt es den sogenannten, vollständige, endgültigen Pfad und den sogenannten natürlichen Pfad der machtvollen Sicht. Der vorherige offenbart die Gottheiten und Buddha-Felder als definitiv existente, selbstbestimmende Objekte und betont einzig den Pfad der konventionellen, geschickten Mittel. Die letztendliche Sicht wird bloß impliziert, aber nicht explizit betont.
Was den natürlichen Pfad der machtvollen Sicht angeht, so etabliert man zuerst die Sicht und realisiert sorgfältig, dass die Gottheiten und Mandalas nicht als etwas anderes existieren als eine Zaubererscheinung des ursprünglichen, uranfänglichen Grundes allein. Dann, um Körper, Rede und Geist in den Bereich der drei Vajras zu transformieren und damit zu vermischen, nimmt man den illusionsgleichen Samadhi als die Basis und erkennt die Art und Weise in der die Erscheinung der Gottheiten erschaffen werden, als ob sie Geistererscheinungen wären. Indem man sich so an die visualisierten Erscheinungen der Erzeugungsstufe gewöhnt, erlangt man Stabilität über das eigene Gewahrsein. Die gewöhnlichen Erscheinungen und das Festhalten werden in die Natur der Buddha-Felder übertragen und Körper, Rede und Geist von einem werden in den Bereich der drei Vajras übertragen. Daher wird das die Übertragung und das Vermischen mit einem Bereich genannt.

Zuflucht

Zuerst stellt man fest, dass alle Phänomene in Samsara und Nirvana von leerer, identitätsloser Natur sind und schließlich bestätigt man, dass das eigene Gewahrsein nichts anderes ist als ein Ausdruck der Kayas und ursprünglichen Weisheiten. Das wird als das wirkliche Zufluchtnehmen im Seinsmodus bezeichnet. Zu verweilen, ohne sich aus dem Zustand in dem alle Buddhas und Bodhisattvas der drei Zeiten miteinander verbunden sind und in dem ihrer vitale Essenz vereint ist, ist die essentielle Natur der Zufluchtnahme.
Stolz dieses Ergebnis vorauszusetzen und sich seiner Ursache zuzuwenden, ist eine Methode, die mit den Gewohnheiten der Welt korrespondiert. Eine Analogie dazu, wenn jemand in ein fremdes Königreich geht, zufällig ein Land in besitz nimmt und mit der Landwirtschaft beginnt, dann gibt nichts, wodurch er den Schmerz vermeiden könnte, vom herrschenden König gestraft zu werden. Aber wenn er den Schutz des Königs suchen und ein Bittgesuch an ihn stellen würde, dann würde er die Berechtigung haben, Landwirtschaft oder etwas anderes, das er mit seinem Land in diesem Königreich machen möchte, zu betreiben. Genauso wenn jemand nicht geistig zum natürlichen Glanz des Gewahrseins, das als der Grund-Dharmakaya als die äußeren, inneren und geheimen Zufluchtsobjekte vorhanden ist, Zuflucht nimmt, dann ist man nicht ermächtigt, die Handlungen der Drei Juwelen auszuführen. Infolgedessen würde das Ergebnis nicht erlangt werden, man würde Hindernissen unterliegen und man hätte den Fehler, dass mein geeignetes Gefäß für Ermächtigungen und spirituellen Rat wäre. Indem man also mit dem dreifachen Vertrauen in die Drei Juwelen Zuflucht nimmt, ihnen Körper, Rede und Geist sowie alle Freuden und den ganzen Besitz ohne Anhaftung, Anhaften oder Greifen darbringt und in allen Zeiten und Situationen nicht einmal für einen Moment versagt, sich den vortrefflichen Objekten der Zuflucht anzuvertrauen, ist die Grundlage für alle Samayas und Gelübde und ist die Wurzel für alle Ermächtigungen und Siddhis. Daher bewahre das als deine eigentliche Lebensessenz selbst.
Ob du dich gut fühlst oder niedergeschlagen, in Glück versunken oder geplagt von Schmerz und bei jeder Art von Aktivität denke, ‚die Drei Juwelen wissen!‘ Das ist die hervorragende, fundamentale Grundlage aller Praxis. Insbesonders sei dir bewusst, dass der natürlich erscheinende, höchte Lehrer der Schüler ihr heiliger spiritueller Lehrer ist, sein Körper ist die Sangha, seine Rede ist der heilige Dharma und sein Geist ist der Buddha. Wisse, dass der spirituelle Mentor die Synthese aller überragenden Zufluchtsobjekte ist. Wisse, dass der geheime Körper, der als der spirituelle Mentor aller Lebewesen erscheint, die Wurzel des Segens ist; der geheime Geist, das Schatzhaus der ursprünglichen Weisheit, das der vereinte Ausdruck aller Yidam-Gottheiten ist, ist die Wurzel aller Siddhis; wisse, dass die Erscheinungen des Mitgefühls, die als unzählige Schützer der Lehre und Dharma-Schützer erscheinen, die Wurzel aller erleuchteten Aktivitäten ist.
Ihre Essenz ist der Dharmakaya, leer von Zeichen; ihre Natur ist der Sambhogakaya, welcher die Darstellung der Kayas und ursprünglichen Weisheiten ist; und der natürliche, schöpferische Ausdruck ihres Mitgefühls sind die ausgezeichneten Nirmanakayas, die die Zugänge zu den Pfaden und Ergebnissen beinhalten. Erkenne sie als die allwissenden Herrscher aller Mandalas und nimm zu ihnen Zuflucht, ohne dich auch nur einen Moment von ihnen zu trennen. Verweile unter ihrem Schutz. Vertraue deinen Geist, dein Herz und deinen Körper ihnen ganz an. Praktiziere ohne sie aufzugeben, auch wenn es dein Leben kosten würde und verlass dich ganz auf die Hauptgottheit aller Mandalas, ohne dieses Wesen auch nur im Geringsten zu enttäuschen. Wenn du falschen Sichtweisen anheim fällst oder dieses Wesen auch nur in einem Traum verärgerst, dann ist es entscheidend, dass du Reue hervorbringst und das bekennst. Wenn du den Vajra-Guru aufgibst, dann ist das gleichbedeutend wie das Aufgeben der Drei Juwelen, der Drei Wurzeln, der drei Kayas, der Jinas und Jinaputras. Im Geistesstrom von einem der so etwas macht, werden die ursprünglichen Weisheiten und Qualitäten und alle erfahrungsmäßigen Realisationen nicht reifen und egal wie viel sich solch eine Person auch körperlich, verbal und geistig auch anstrengt, die Ansammlungen von Verdienst und Weisheit werden nicht vollendet werden und die Frucht wird nicht zur Reife gelangen. Sogar wenn sich jemand einem anderen spirituellen Mentor hingibt, werden die Segnungen und Siddhis nicht entstehen. Da sie vom bösen Geist der beschädigten Samayas besessen sind, werden sie überschritten.
Wie beim Vergleich von Keimling und Frucht werden diese nicht aus einem verrottetem Samen reifen und es werden keine Blätter an einem Stamm mit verrotteter Wurzel wachsen. Genauso ist der Vajra-Guru die Wurzel des Stammes des Geheimen Mantras und der Vajra-Guru ist der Same und das Feld der Ernte der Allwissenheit. Daher erkenne diese Tatsache und gib dich dem Vajra-Guru hin, ohne dieses Wesen auch nur für einen Moment aufzugeben. Sei dir klar darüber, wenn du den spirituellen Mentor auf diese Weise als Synthese aller Buddhas erkennst und Zuflucht nimmst während du auf deinen spirituellen Mentor meditierst in der Natur der erwählten Gottheit [Yidam] im Raum vor dir, dann besteht gewiss keine Notwendigkeit, irgendwo anders nach einem Objekt der Zuflucht zu suchen.

Aus dem Vajra-Herz-Tantra (dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) von Dudjom Lingpa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. August 2018

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