Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Mai 2018

Die richtige Motivation finden

„Hängst du an diesem Leben, bist du kein wahrer spiritueller Praktizierender,
hängst du an Saṃsāra, hast du keine Entsagung,
hängst du an deinem eigenen Selbstinteresse, hast du kein Bodhicitta,
ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.“

(von Manjushri zu Sachen Kunga Nyingpo)

Der Zweck des Buddhismus ist nicht, uns glücklicher zu machen.

Von Dzongsar Khyentse Rinpoche

ManjushriBuddhismus wird in verschiedenen Medien wohlwollend verknüpft mit Gewaltlosigkeit und auch mit Glücklichsein geschildert. Aber dieses Ansehen ist ein Besorgnis, weil der Zweck des Buddhismus ist nicht, uns glücklich zu machen. Der Zweck des Buddhismus geht über Glücklichsein und Unglücklichsein hinaus. Der Zweck des Buddhismus ist Erleuchtung zu erlangen. Dieser Punkt wird von Manjushri und Sachen Kunga Nyingpo und Jetsü Drakpa Gyaltsen betont.
Es ist entmutigend zu sehen, dass Bücher über Buddhismus am Bücherbrett der Selbsthilfeabteilung zwischen Büchern über Entspannung und Aromatherapie stehen. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum es entmutigend ist. Es ist schwer zu sagen, weil es politisch nicht korrekt ist, ein Kritiker von Frieden und Liebe und Lächeln usw. zu sein. Aber heutzutage ist es so, wenn das Wort „Glücklichsein“ im Titel deines Buches vorkommt und wenn es einen Standpunkt hat, dann ist wird es fast schon garantiert ein Bestseller.
Wenn wir zum Buddhismus für einen gesunden Geist kommen, was ist unsere Motivation? Warum wünschen wir einen starken Geist, einen beherrschten Geist? Ein guter Manager zu sein? Ein guter Anführer zu sein? Wenn wir mit solch einem Wunsch daherkommen, lernen wir vielleicht ein paar Einsichten über Führerschaft, aber Buddhismus ist nicht speziell dafür gemacht, uns darin zu üben, erfolgreiche Anführer zu werden. Im Gegenteil, Buddhismus ist dafür gemacht unsere Karriere im Management zu ruinieren. Wenn Management und Führerschaft so wichtig gewesen wären, dann hätte Siddhartha wohl niemals Kapilavastu verlassen, wo er eine goldene Gelegenheit hatte, ein ganzes Land zu managen.
Es ist einfach zu sagen, dass wir die richtige Motivation haben, aber wir müssen das sorgfältig prüfen, um sicherzustellen, dass dies auch wirklich der Fall ist. Sind wir hier, um diese Lehren zu hören, mit dem Ziel, Erleuchtung zu erlangen? Wir alle möchten auf diese Frage mit „ja“ antworten, stimmt’s? Aber wir sollten uns selbst fragen, ob wir aufrichtig Erleuchtung erlangen möchten. Ernsthaft, denkt darüber nach.
Für mich ist die Idee der Erleuchtung nicht anziehend. Samsarischer Erfolg und Gewinn und Einfluss und die Spiele, die wir spielen, sind viel attraktiver. Ich bin von Samsara sehr angetan und auch von Erleuchtung als romantisches Ideal mit einem goldenen Schein, strahlend und allwissend. Alles davon ist fein. Aber wirklich nur zu Zeiten von Not und Elend, wenn ich beispielsweise in einem Flugzeug fliege und es auf Turbulenzen trifft, dann denke ich immer über Erleuchtung nach. Sobald ich sicher zurück auf dem Boden bin und von Freunden oder der Familie umgeben bin, dann hat mich das Verlangen nach Aufmerksamkeit und Gewinn wieder in seiner Macht und ich verschwende nicht eine Sekunde eines Gedankens an Erleuchtung.
Nicht nur das, manchmal hinterfrage ich sogar die Erwünschtheit des Zustandes der Erleuchtung. Von einem emotionalen Standpunkt aus sind die wunderbaren Qualitäten, denen Erleuchtung nachgesagt wird, sehr verlockend. Aber fragt euch ehrlich, wollt ihr wirklich allwissend werden? Es wird dann keine Überraschungen geben, wenn ihr allwissend seid. Ihr könnt euch dann nicht dem Geheimnisvollen einer guten Detektivgeschichte erfreuen, weil ihr wisst schon, wie sie endet. Ihr könnt euch nicht mehr an der Neuartigkeit von etwas erfreuen. Ihr könnt kein neues Essen entdecken, weil ihr schon wisst, wie es schmeckt. Ihr könnt euch an Klatsch und Tratsch nicht erfreuen. Warum? Weil ihr schon all die Einzelheiten kennt.
Von unserem verblendeten Standpunkt aus klingt Erleuchtung äußerst langweilig, ein Ort, der vom Reiz entkleidet ist, überhaupt keine Aufregung mehr. Also wer möchte erleuchtet werden? Und weil wir vielleicht solche gemischten Gefühle haben, ist es wichtig, unsere Motivation zu klären. Lasst uns daran erinnern, unsere Motivation von Zeit zu Zeit zu stimmen, aber besonders zu Beginn jeder Sitzung.

Von Dzongsar Khyentse Rinpoche; aus den Erklärungen zum Text des Sachen Kunga Nyingpo über das „Abstandnehmen von den vier Anhaftungen“ (tib., zhen pa bzhi bral). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 13. Mai 2018

Authentizität buddhistischer Texte

Warum Titel und Einleitung bei buddhistischen Texten so wichtig sind.

000prayer-textsDie Tibeter sind recht genau in ihren Übersetzungen und Textsammlungen und stehen auf Titel, Überschriften und einleitende Floskeln. Bei den indischen Texten steht immer zuerst der indische Titel, dann die tibetische Übersetzung und dann eine Verehrung. Dadurch werden die Authentizität und die Textkategorie dargestellt. Sie haben eine Art Code am Anfang von jedem Text, der es ermöglicht, das Ding sofort in eine Kategorie zuzuordnen.
Diese Vorgehensweise wurde bereits zu Beginn der Übersetzungstradition festgelegt und hat sich bis heute bewährt. Somit weiß der Leser immer gleich, worum es im großen und ganzen in dem jeweiligen Text geht.

Tripitaka

Für die drei Lehrkörbe haben sie die Sutras immer mit einer Verehrung an die Buddhas und Bodhisattvas, da die Sutras von den Buddhas und Bodhisattvas gelehrt wurden. Die Texte der Vinaya beginnen immer mit einer Verehrung an Buddha Shakyamuni, da er als der überragende Führer in der ethischen Disziplin gilt. Die Texte des Abhidharma beginnen immer mit einer Huldigung von Manjushri, da dieser den Abhidharma gelehrt hat.

Tantra

Die Tantras hingegen stehen ja außerhalb der drei Lehrkörbe und beginnen immer mit den jeweiligen Respektbezeugungen an ihre ursprünglichen Übermittler. Bezieht sich der Text auf einen Schatztext (tib., gter ma) von Guru Rinpoche, dann beginnt der Text meist mit „namo guru padma kara ye“ oder wenn es eine Dakini-Übermittlung ist, dann schon mal mit „namo daki ye“ usw.
Auch ist bei einem Schatztext (Terma) das Dakini-Zeichen zu Beginn angeführt. Ein „Dakini-Zeichen“ ist eine Silbe oder eine kryptisches Gekritzel, aus dem der betreffende Tertön (Schatzfinder) diesen betreffenden Text dann entschlüsselt hat.
Daher sollte man sich bei Übersetzungen immer um eine möglichst genaue Übertragung des gesamten Textes bemühen und nicht Teile davon gering schätzen.

Wenn also ein Sutra oder ein Tantra mit „Einst habe ich gehört…“ beginnt, dann ist das der Hinweis, dass diese Lehre mündlich übertragen wurde. Im Sanskrit steht dann „evam maya srutam ekasmin samaye bhagavan…“ also „Dies habe ich gehört: ‚Einst weilte der Bhagavan…‘.“ Allein schon die Silbe „evam“ ist voller Symbolgehalt und repräsentiert die Bhaga – den spirituellen Schoß der Schöpfung – aus der alles entspringt. Teile dieser Textanfänge als unbedeutend zu erklären oder einfach aus Unkenntnis wegzulassen, schmälert die vollständige Übertragung.

 

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Mai 2018

Guhyagarbha – das Tantra der geheimen Essenz

Das „Tantra des geheimen Essenztropfens“ ist die zentrale Schrift in der Nyingma-Tradition um die Ebene des Mahayoga zu studieren und zu verstehen. Wovon handelt dieses Tantra? Im Kommentar von Mipham Rinpoche finden wir dazu folgende Worte:

Peaceful_guhyagarbha„…Gegenstand dieses Tantras ist das Mandala des Grundes, des letztendlichen natürlichen Zustandes aller Phänomene, der seit allem Anbeginn an die erleuchtete Natur der großen Reinheit und Gleichheit ist. Ferner zeigt das Tantra den Pfad auf, die verschiedenen Methoden, die einen erlauben, diesen Grund entweder direkt oder indirekt zu verwirklichen. Schließlich enthüllt das Tantra das Mandala der Frucht – die vollkommene, völlige Reinheit. Kurz gesagt lehrt dieses Tantra die tiefgründige Verwirklichung des Mantra, so wie es in Grund, Pfad und Frucht zusammengefasst ist.
Der Text besteht aus verschiedenen Worten, Sätzen und Silben, die die 21 Kapitel des Wurzel-Tantras ausmachen und offenbart vollständig ihre Aussagekraft. Ihre Identität ist untrennbar vom erleuchteten Körper, von der erleuchteten Rede und vom erleuchteten Geist der zur Soheit-Gegangenen. Sie sind der spielerische Selbstausdruck der uranfänglichen Weisheit des Herrn des Mandalas, die in Form von geheimen Vajra-Aussagen auftreten. Im Selbstausdruck des Unübertroffenen Bereichs werden sie mühelos über das Gewahrsein gesprochen und enthalten die Bedeutung des Selbstausdrucks der uranfänglichen Weisheit für eine Versammlung, die nicht vom Lehrer selbst ist.
Das Tantra wird auch in der bloßen Wahrnehmung für andere durch die Kraft des Segens der Buddhas und des Heilsamen der Schüler gelehrt. Als die endgültige, definitive Bedeutung, keine zweckdienliche Methode dient es dann dazu, andere in edler Weisheit zu etablieren. Wenn nun die Worte dieses Tantras des höchsten Geheimen dem Geist als allgemeine Aussagen erscheinen, dann ist dies „das Tantra, das als Sprache erscheint.“ Dementsprechend so als ob jemand sprechen möchte und der Atem sich rührt. Werden die bedingenden Faktoren der Stellen und der Instrumente der Sprache tätig, führt das zu Sprache. Dies ist „das Tantra der hörbaren Sprache“. Die Stützen oder Symbole für seinen Ausdruck sind die äußeren Erscheinungen der Silben, die in Büchern auftreten. Das ist dann „das Tantra der Form der Symbole“.
Kontinuum bezieht sich auf das Thema, das Umfeld usw., die hinsichtlich Ursache, Bedingung und Resultat damit verbunden sind, genauso wie die Bedeutung durch seine vertraute Verbindung mit dem Strom der Namen, Worte und Buchstaben im Text vollkommen erläutert wird.
Die Absicht des Tantra ist es, das Begreifen der Naturen der drei wahren Kontinua zu erleichtern, die durch das Kontinuum der Silben dargestellt werden, die in der Kommunikation verwendet werden. Wenn durch das Vermischen von Wort und Bedeutung ein Objekt allgemein als ein Objekt dem Geist erscheint, dann wird es als aufgefasst, als ob es speziell charakterisiert wäre. Auf diese Weise ist das Symbol mit seinem Referenten verbunden und eine Konvention ist begründet. Das ist bei allen Worten der Fall.
Die wesentliche Absicht des Tantras ist, die höchsten und gewöhnlichen Errungenschaften durch das Realisieren der Bedeutung seines Themas zu verwirklichen. Diese wesentliche Absicht hängt vom Ziel ab, während der Zweck von der Realisation des Themas abhängt und dies zu realisieren hängt von den Worten selbst ab. Daher sind Thema und die Worte das, was zu kennen ist und dementsprechend auch die Methode für das Kennen dieser. Genauso sind die Worte und der Zweck die Methode, respektive ihr Ergebnis. Die Absicht und der wesentliche Zweck stehen in ursächlicher Beziehung. Schließlich sind der wesentliche Zweck und das Thema in einer Beziehung von einer Identität.
Daher sollte verstanden werden, dass dieses Tantra dem Zweck der leichten und schmerzlosen Verwirklichung sowohl der zeitweiligen wie auch letztendlichen Ziele dient. Selbst wenn man seine Bedeutung nicht realisiert, ist schon allein das Hören des Klanges des Tantras oder einen Band des Tantras zu sehen, höchst segensreich. Wie in den Schriften erklärt, ereignet sich so ein Zusammentreffen aufgrund der Kraft außergewöhnlicher Ansammlungen, die man in der Vergangenheit zusammengebracht hat. […]“

Aus dem Kommentar „Lichthafte Essenz“ von Mipham Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!


Am 18. Mai 2018 erfolgt die Ermächtigung in das Mandala der 100 Friedvollen & Zornvollen, was die Voraussetzung für die Praxis des Guhyagarbha-Tantra ist. Am 22. Mai 2018 erfolgt die Leseübertragung in dieses Tantra. >Mehr dazu.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Mai 2018

Yeshe Tsogyal und die 100 Gottheiten

character-2454694_1920Als Guru Rinpoche in Tibet weilte, öffnete er viele verschiedene Mandalas und seine 25 Herzensschüler praktizierten diese. Unter diesen Mandalas findet man auch das Mandala des Zhitro Gongpa Rangdrol, so wie Karma Lingpa später diesen Schatztext gehoben hat. Durch die Praxis des Zhitro Gongpa Rangdrol führte Guru Rinpoche den Prinzen Murum Tsenpo zur spirituellen Reife und Befreiung. Hier ein Ausschnitt aus dem Namthar der Yeshe Tsogyal, wo dies erwähnt wird.

Als Tsogyal die großen heiligen Ort Tibets segnete und die Termas dort verborgen hatte, kehrte sie nach Chimphu im Zentrum des Landes als spirituelle Führerin des Königs zurück. Dort blieb sie einige Zeit und wirkte wie immer tüchtig zum Wohle der Wesen. Im Tempel von Kharchung Dorying gewährte sie sieben würdigen Schülern, einschließlich dem Dharma-König Mutri Tsenpo, dem Prinzen Murum Tsenpo und der Königin Ngangchung Pel viele unübertreffliche Belehrungen, tiefgründig und weit, die zur Reife und Befreiung führen. Insbesondere öffnete sie die Mandalas des Lama Kasang Düpa, Yidam Gongpa Düpa und Dzogchen Ati Düpa und gewährte die Ermächtigungen, die sie in den Zustand der Gereiftheit und Befreiung versetzten. Als das Mandala des Lama Sangdü geöffnet wurde, praktizierten dies alle. Vor der Morgendämmerung am siebten Tag begannen sie mit der Sadhana und in Moment der Anrufung rezitierten sie:

„An der nordwestlichen Grenze des Landes Orgyen,
erschienen im Herzen einer Lotusblume,
mit wunderbaren Siddhis vollkommen ausgestattet
und gefeiert als der Lotusgeborene,
Ihr seid umgeben von einer Schar Dakinis.
Wir folgen Euch in unserer Praxis.
Kommt herbei, so beten wir und gewährt Eure Segnungen!“

„Als wir die Rezitation dieses Gebets beendet hatte,“ erinnerte sich die Dame Tsogyal, „erschien der Guru selbst, eingehüllt in einen Lichtkranz aus gleißendem Licht. Aus dem Südwesten inmitten seines Gefolges herankommend, wurde er vom Klang der Musik, vom Duft des Räucherwerks, süßen Melodien, graziösen Tänzen und Liedern der Realisation begleitet. Er nahm seinen Platz im Zentrum des Mandalas ein. Ich bat den König, einen Thron für den Guru vorzubereiten, damit dieser darauf sitzen könnte. Aber überwältigt durch die Intensität seines Glaubens wurde er ohnmächtig, sodass der Thron nicht aufgestellt wurde.“
Der Guru sagte: „In naher Zukunft, nicht lange von jetzt an, wird ein unwürdiger Neffe in diesem königlichen Hause geboren werden. Die Nachfahren des großen Königs werden nicht länger mehr den Thron ihrer Ahnen erben. Was diesen religiösen König jedoch angeht, es wird für ihn nicht länger mehr notwendig sein, einen karmischen Körper anzunehmen, so stark ist die Kraft seiner Hingabe. Er wird in der Lage sein, anderen durch die Mittel seiner Emanationen zu helfen, seine Realisation und Befreiung werden gleichzeitig stattfinden.“
Daraufhin legte der Prinz Murum viele Sitzpolster auf und bat den Guru, sich zu setzen. Mutri Tsenpo, der König, opferte dem kostbaren Guru einhundert Mandalas aus Gold und Türkis und machte Verneigungen mit der folgenden Bitte:

„Emaho!
Lotus-Buddha, Heiliger aus Orgyen,
von allen, die im Lande Tibet leben,
seid Ihr der einen wahre Vater.
Von der schweren Last meiner bösen Taten niedergedrückt,
im Morast meines umherwandernden Geistes treibend,
so bin ich!
Aber Eure Güte beschützt mich. Lasst mich niemals fallen!
Heute erschienen, wie große ist Eure Güte!
Gewährt mir Euer Versprechen, dass Ihr für immer hier bleiben werdet
und das Rad des Dharma nochmals dreht.“

Auf diese gesprochenen Worte erwiderte der Guru:

„Höre meine Worte, oh herrschaftlicher, frommer König,
in deinem großen Vertrauen gelangt ein fruchtbares Feld des Verdienstes
nun zur Reife, empfange den Segen deines Gurus.
Sei frei, das geheime Tor der Dame wird geöffnet.
Erkenne nun deinen Geist, die Mahamudra.
Und sei in der gewaltigen Weite
von Körper, Rede und Geist vollendet!“

Als er diese Worte gesprochen hatte, legte der Guru seine Hand auf den Kopf des jungen Monarchen, der in diesem Augenblick gleichzeitig Realisation und Freiheit erfuhr. Dann machte der Prinz Murum Tsenpo Verbeugungen und Umkreisungen, häufte einen Berg Opfergaben an – Lederbeuteln angefüllt mit Gold und dreizehn Kupferschalen voll mit Türkisen, von denen das mittlere Stück ein großer Türkis war, bekannt als der Abgrund des Raumes. Und nachdem er das gemacht hatte, sagte er: „Ein typischer Prinz, das bin ich! Arrogant und stolz! Ich bin arbeitsscheu und gebe mich der Zerstreuung hin. Ich vergnüge mich an Sündhaftigkeit und erfreue mich am Kriegshandwerk und dem Zufügen von Bestrafungen. Alles, was ich mache, ist böse. Daher bitte ich Euch um Anweisung, die tiefgründig, aber kurz ist, leicht zu verstehen und einfach auszuführen, groß im Segen, geschwind, um Verwirklichung zu bringen, eine Lehre, die meine Übeltaten hinwegschwemmt und mein geschwächtes Samaya repariert!“

Darauf antwortete der Guru:

Sohn des Eroberers, du hast wohl gesprochen!
Deine Gebete sind makellos und deine Taten auch,
vertrauensvoller, samaya-haltender Senaleg.
Von nun an, wenn sieben deiner Leben vorüber sind,
nicht länger mehr mit einem karmischen Körper, wirst du
Schüler durch deine Emanationen lehren,
dein Geist wird gleich dem Geist der Buddhas.
Ein Kalpa wird das seinen Verlauf nehmen
und dann wirst du der Buddha „Licht der Sterne“.

Nachdem er so gesprochen hatte, öffnete der Guru das Mandala des Vishuddha, der Gottheit, die rasch die Verwirklichung gewährt und ließ dem Prinzen eine tiefgründige Belehrung zuteilwerden – eine spezielle Anweisung, genannt Zhitro Gongpa Rangdrol und brachte ihn zur spirituellen Reife und Freiheit.
„Verbirg diese Lehre,“ sagte der Guru, „auf dem Berggipfel von Dagpo Dar. In Zukunft wird das für die Wesen von großem Nutzen sein.“ Er gewährte ihm weiters eine außergewöhnliche Methode um den Guru zu verwirklichen, genannt Lama Norbu Pema’i Trengwa und sagte ihm, dies am Felshang von Ramoche zu verbergen. Der kostbare Guru weihte danach den Tempel von Kharchung und blieb sieben Tage.

Aus dem Namthar der Yeshe Tsogyal, ein Schatztext gehoben vom Taksham Nüden Dorje. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. Mai 2018

100 reine Wesenheiten

In der Nyingma-Tradition wird das Guhyagarbha-Tantra, das zwischen dem 8. und 10. Jhdt. nach Tibet gelangte, als eines der wichtigsten Tantras angesehen. Es beschreibt zwei grundlegende Mandala-Darstellungen – eine friedvolle mit 42 Gottheiten und eine zornvolle mit 58 Gottheiten. Zusammen ergeben diese beiden die 100 friedvollen und zornvollen Gottheiten (Zhitro; tib., zhi khro). Zwischen diesen beiden Mandalas gibt es eine klare Organisation und Struktur in diesem Tantra.
Es gibt auch eine eindeutige Verbindung zwischen den Gottheiten des Guhyagarbha-Tantra und den verschiedenen buddhistischen Traditionen Tibets, die die Praxis der „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“ (Bardo Thödrol) ausüben. Das wohl berühmteste Werk ist der Zhitro-Zyklus von Karma Lingpa, in dem eine ausführliche Schilderung der einzelnen Phasen durch den Zwischenzustand der Dharmata gegeben wird. Andere Schatzfinder wie Chokgyur Lingpa haben etwas kürzere Versionen verfasst, die auch für unsere Zeit leicht zu praktizieren sind.
Solche Thödrol-Texte sind dazu gedacht, die verstorbene Person positiv hinsichtlich der folgenden Erlebnisse in diesem Zwischenzustand zu beeinflussen. So finden sich darin Anleitungen, wie das klare Licht des Todes erkannt und dadurch Befreiung erlangt wird, aber falls diese Gelegenheit ungenutzt vorübergeht, gibt es Anweisungen wie man die Natur der Phänomene erkennt und sie als Projektionen des Geistes realisiert und so Befreiung erlangt. Wird auch diese Chance verpasst, dann finden sich Hilfestellungen, wie man eine Geburt in einem reinen Land anstreben kann oder zumindest eine günstige Wiedergeburt als Mensch ergreifen kann.

Dzogchen

Die Dzogchen-Praxis des „Karling-Zhitro“ – wie der Zyklus von Karma Lingpa genannt wird – umfasst neben den grundlegenden Übungen, einer kurzen und ausführlichen Visualisation des Mandalas und den Bekenntnisgebeten auch eine Einführung in die Natur des Geistes. Dabei werden die Praktizierenden in das ursprüngliche Gewahrsein – der Buddha-Natur – eingeführt.
Auch eine Körpervisualisation der 100 Friedvollen und Zornvollen wird ausgeführt, indem man die jeweiligen Sub-Mandalas an bestimmten Körperstellen visualisiert. Auf diese Weise werden die Erlebnishaufen (Skandhas), die Elemente und Bewusstseinsfelder usw. schließlich als das vollständige Mandala der 100 friedvollen und zornvollen Gottheiten verinnerlicht und realisiert.

Innere Tantras

Die Meditation der 100 Friedvollen und Zornvollen wird auch als Teil der inneren Tantras verstanden. Sie basiert auf der essentiellen Bedeutung des Guhyagarbha-Tantra, in dem auch die Sichtweisen und Ansätze von Anuyoga und Atiyoga verbunden werden. Viele große Meister haben die Zhitro-Lehren als den innersten Aspekt der inneren Tantra-Klasse bezeichnet. In diesen Lehren werden Gewahrsein und Leerheit, die Einheit von Geburt, Tod und dazwischen liegenden Lebenserfahrungen miteinander verbunden gesehen, sind sie doch keine getrennten Aspekte von der eigenen wahren Natur. Diese Lehre wird deshalb auch als eine Lehre angesehen, die alles in einen einzigen Zustand vereint.

Vorzüge der Meditation auf die 100 Gottheiten

Die Praxis des Zhitro ist eine wunderbare und äußerst machtvolle Ansammlung, die großen Nutzen für die fühlenden Wesen bringt. Wenn man sie mit einem Totengeleit verbindet, kann man für die Wesen karmische Samen in ihrer neu ergriffenen Geburt reinigen. Die Zhitro-Praxis hilft dabei, die unreinen Energien zu verwandeln und die Lebensspanne – besonders der Lehrer – zu vermehren, da man bei Ausführung eines Bekenntnisrituals auch die gebrochenen Gelübde gegenüber den Lehrern und der Sangha zu bereinigen. Außerdem bereinigt sie Befleckungen, die Ursache für Unterbrechungshindernisse auf dem Pfad der Erleuchtung sein können.
Somit ist die Zhitro-Praxis eine Praxis für alle gegenwärtigen und zukünftigen Zwischenzustände. Besonders hilfreich ist sie, wenn sie den verstorbenen Wesen gewidmet wird. Wenn sich manche Leute fragen, wie das nützen könnte, dann muss man bedenken, dass die Weisheitsgottheiten, die man bei der Praxis hervorbringt, nicht substanzhaft sind, sondern aus zeitlosem Erkennen und Mitgefühl erschaffen werden. Daher kann dies alle Bereiche durchdringen, da diese Weisheitsgottheiten nicht verschieden vom Raum sind und der Raum alles durchdringt.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Mai 2018

Die Symbole der tantrischen Yogis

yoga-629850_1920Der spontan entstandene Gesang, in dem die Symbole der Yogis der drei Geheimen entschlüsselt werden.

Vom Vidyadhara Künsang Tobdän Wangpo

Vor den 84 männlichen und weiblichen Verwirklichten des überragenden Landes, vor Padmakara, vor dem König und seinen Untertanen, vor Linie der Schatzfinder und vor Vater und Erbe – Marpa und Milarepa – verbeuge ich mich voller Hingabe und Respekt. Bitte gewährt das Heilsame.

Oh, glückliche Männer und Frauen, hier versammelt! Hör mir mit unabgelenkten Ohren nun zu. Unter euch allen, ob Buddha, Bodhisattva, Daka oder Dakini, die die menschliche Existenz halten – ihr alle seid euch dessen gewahr, daher gibt es für euch nichts zu sagen. Seid bitte wahrhafte Zeugen für diesen Yogi hier!
Die Konzepte der gewöhnlichen Menschen sind äußerst grob, daher fragen sie mich: „Wer bist du? Was ist deine Sicht und Lehre? Warum sind deine Art der Kleidung und dein Verhalten so disharmonisch mit allen anderen? Was antwortest du nun?“ So fragen sie mich voller Hohn.
Ich werde aufrichtig sprechen, so behaltet es in eurem Geist. Ich bin ein Sohn, der um unteren Do-Med, dem Land mit exzellenter Spiritualität und Weltlichkeit geboren wurde, einem ausgezeichneten und vergnüglichen Land.
Der Name meines Vaters ist Held der Überragenden Methode und der Name meiner Mutter ist Heldin des Wissens. Und ich selbst, der Sohn, wird Yogi des Makellosen Gewahrseins genannt. Ich entdeckte die Motivation, den heiligen Dharma zu praktizieren, als ich klein war. Ich habe einen edlen Lehrer getroffen, der der tatsächliche Buddha ist. Ich versammelte Bodhisattvas, Dakas und Dakinis als Freunde, trat über die Schwelle der Lehre und studierte die Abhandlungen von Sutra und Tantra.
Besonders mein Geistesstrom reifte durch die vier Ermächtigungen und wurde mit den essentiellen Punkten der Stufen von Entstehung und Vollendung und der Großen Vollkommenheit vertraut gemacht. Ein paar wenige Omen und Zeichen des Segens traten auf.
Heutzutage treibe ich mich mitunter in den Bergen und Schneebergen umher und nehme solche Härten wie das Trinken von Wasser und des Kauens von Steinen auf mich und trällere vergnügt kleine Lieder der Erfahrung und Verwirklichung.
Gelegentlich kreuze ich in Städten auf, zeige „verrückte Weisheit“ und erfreue mich am Kreis der genüsslichen Festopfergaben aus Fleisch und Wein. Ich singe Lieder der Freude und des Glücks, die Verwirklichung künden. Das ist der Grund, warum ich mit allen disharmonisch bin.
So wie der Lotus im Schlamm nicht vom Schlamm beschmutzt wird, trägt der Yogi weiße Baumwollkleider an seinem Körper, die symbolisieren, dass er nicht vom Makel der Befleckungen beschmutzt wird.

Haare und Schmuck

meditation-2717462_1920Der am Haupt zusammengebundene Scheitelknoten symbolisiert Buddha Vairocana und Dhatvishvari zusammen mit den Dakas und Dakinis der Buddha-Familie selbst-manifest und spontan präsent in den 32 Blättern des Chakras der Großen Glückseligkeit am Scheitel des Vajra-Körpers. Kostbare Ornamente und Ketten werden als Symbol getragen, das Amitabha und Pandaravasini zusammen mit den Dakas und Dakinis der Padma-Familie selbst-manifest und spontan präsent in den 16 Blättern des Hals-Chakras des Vajra-Körpers symbolisiert. Eine kostbare lange Schmuckkette, die das Herz ziert, ist das Symbol, dass Buddha Akshobhya und Mamaki zusammen mit den Dakas und Dakinis der Vajra-Familie selbst-manifest und spontan präsent in den acht Blättern des Dharma-Chakras im Herzen des Vajra-Körpers sind. Eine Seidenschärpe und ein goldenes und kupferfarbenes Amulett schmückt den Yogi als Symbol, dass Buddha Ratnasambhava und die große Mutter Locana zusammen mit den Dakas und Dakinis der Ratna-Familie selbst manifest und spontan präsent in den 64 Blättern des Nirmana-Chakras im Nabel des Vajra-Körpers sind. Ein himmlischer Phurba ziert erlesen die Taille als Symbol, das Buddha Amoghasiddhi und Samaya-Tara zusammen mit den Dakas und Dakinis der Karma-Familie selbst-manifest und spontan präsent in den 28 Blättern des Chakras der Zurückhaltung im geheimen Ort des Vajra-Körpers sind.
Darüber hinaus symbolisieren die schwarz glänzenden Haare die Natur des Dharmakaya-Lehrers. Das mit Seiden und Juwelen geschmückte Haar symbolisiert die Natur des Sambhogakaya-Lehrers. Die zahlreichen Strähnen des Haares symbolisieren das Mitgefühl des Nirmanakaya-Lehrers.
Das Zusammenbinden des Haarknotens am Scheitel symbolisiert, dass man auf den Lehrer ungetrennt auf dem eigenen Scheitel meditiert. Die 58 Haarlocken sind die Orte, wo die Bluttrinker wohnen. Die zahllosen winzigen Haare sind der Ort, wo die Myriaden der Dakinis wohnen. Wenn du einen Scheitelknoten machst, ist dies der ausgezeichnete Schmuck des Yogis. Wenn das Haar herabfällt, ist das der prächtige Stil des Yogis. Wenn es um die Stirne gewickelt wird, ist dies eine Methode sich vor Sonne und Kälte zu schützen. Wenn es auf den Boden herabfällt, werden Feinde und Hinderer beseitigt.

Blick des Yogi

Der Blick des Yogis, der in den Raum starrt, symbolisiert äußerlich, dass die Erscheinungswelt die Gottheit und der unermessliche Palast ist, innerlich, dass die Einheit von Erscheinung und Leerheit auf den Pfad gebracht wird, und geheim, dass der Punkt des makellosen Gewahrseins, das Leerheit ist, erreicht wird.
Ein Muschelohrring, der mit Gold und Türkis geschmückt ist und im Ohrläppchen schlenkert, symbolisiert äußerlich, dass man den besonderen Anweisungen des tiefgründigen Dharmas lauscht, innerlich, dass man alle Klänge als Mantra erkennt, und geheim, dass man alle Klänge als ungeborene Leerheit erkennt.

Halsketten und Ringe

Kostbarer Knochenschmuck, der die Glieder ziert, symbolisiert äußerlich die vier Torhüter, die vor bösen Geistern und Hinderern beschützen, innerlich das Zähmen der Wesen durch die vier Unermesslichen und geheim, dass die vier Kayas vollständig verwirklicht sind.
Ein Ring am Finger mit fünf Juwelen geschmückt wird am linken Ringfinger getragen, weil vom Ringfinger die Lebenskraft fortgeht und es hier auch einen Kanal gibt, durch die dämonische Geister und Hinderer eintreten können. Er symbolisiert äußerlich das Bewachen des Kanals am Ringfinger, innerlich das Durchtrennen der Unruhe durch den konzeptuellen Geist und geheim das Zerstören der Extreme von Hoffnung und Furcht.

Werkzeuge und Gerätschaften

tinsha-883501_1920Ein runder Meditationsgurt in der Farbe der magnetisierenden Aktivität, der diagonal getragen wird, symbolisiert äußerlich, dass der Yogi fähig ist, die Lebensenergie im Körper zu halten, innerlich, dass Wind und Geist flexibel sind und geheim die Mutter des höchsten Erkennens.
Ein wunderschön geschmückter magischer Stoff, der mit machtvollen Substanzen den Hals und die Taille schmückt, symbolisiert äußerlich den Schutz vor wilden Hindernissen, die mit den astrologischen Zeichen und Diagrammen in Verbindung stehen, innerlich den Schutz vor leidbringenden Göttern, Rakshas und den acht Geisterklassen und geheim das Freisein vom Klammern am gemeinsam entstandenen Geist.
Die Schädelschale des Zurückziehens der Ekstase, die in den linken Arm gelegt wird, symbolisiert äußerlich die Ermutigung zur Erinnerung an die Vergänglichkeit, innerlich den Teller, auf dem Nahrung und Getränke als Nektar wahrgenommen werden und geheim das Durchtrennen der gesamten Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit.
Das große Knochen-Damaru, die mit der rechten Hand gespielt wird, symbolisiert äußerlich das Unterwerfen der Dakinis und Eidgebundenen, innerlich das Beibehalten des freudvollen erleuchteten Geistes der drei Wurzeln und geheim den Klang des Nada, der Entzücken erzeugt. Die Trompete aus menschlichen Schenkelknochen, die in der linken Hand gehalten wird, symbolisiert äußerlich das Versammeln der Götter und Dämonen der Erscheinungswelt als Gäste, innerlich, dass sie alle in den heiligen Dharma versetzt werden und geheim zeigt es die Bedeutung der Nondualität von Samsara und Nirvana.

Symbolik der Kleidung

Sei dir bewusst, dass Mönche drei monastische Roben und Mantra-Praktizierende ihre Mantra-Kleidung tragen. Beide werden gleichermaßen als Anhänger des Buddha angesehen und beide Arten der Kleidung sind gleichwertig. Daher haben beide Kleidungsarten einen Zweck und sind sinnvoll oder sie sind es nicht.

Überlieferungslinie

Wenn ich wiederum gefragt werde, „wessen Anhänger bist du?“, dann antworte ich, dass ich der Nachfolger der Drei Juwelen bin. Mein Körper ist mit dem Schmuck des Sambhogakaya geschmückt. Meine Rede rezitiert den heiligen Dharma. Mein Geist erblickt die Bedeutung frei von Geburt und Vergehen. Ich kann aber auch der Anhänger der drei Wurzeln sein, weil ich auf den Lehrer untrennbar über meinem Kopf meditiere, der Palast der Gottheit in meinem Körper etabliert ist (und) die Dakinis und Eidgebundenen durch die Festopfergabe zufriedengestellt sind. Ich kann auch der Nachfolger des großen Meisters aus Oddiyana sein, weil äußerlich die Erlebnishaufen durch (die Praxis des) Mahayoga gereinigt sind, innerlich die Kanäle durch (die Praxis des) Anuyoga gereinigt sind und geheim die Bedeutung des Atiyoga verwirklicht ist. Ich kann auch ein Gefolgsmann des Milarepa sein, weil ich äußerlich die Härten auf mich nehme und Mut und Toleranz entwickle, ich innerlich den Yoga der Kanäle, Winde und Tropfen übe und ich geheim die Verwirklichung der Mahamudra erlangt habe. Ich kann auch ein Anhänger von Dipamkara sein, weil ich äußerlich sogar die Motivation anderen Schaden zuzufügen aufgegeben habe, daher bin ich rein. Innerlich habe ich die sieben speziellen Anweisungen über Ursache und Resultat praktiziert und geheim besitze ich die Bedeutung der sechs Paramitas. Ich kann der Nachfolger vom Lehrer sein, der Manjushri ist, weil ich mich äußerlich mit allem beschäftige, ohne Karma, Ursache und Wirkung oder Aufgeben und Kultivierung zu missachten. Innerlich ist die Kraft des Bodhicitta weitreichend und geheim übe ich mich selbst im Yoga der zwei Stufen.

Gemeinschaft

Meine Herren sind die wirkliche Gottheit und Buddha. Meine Vajra-Brüder sind Dakas und meine Vajra-Schwestern sind Dakinis. Viele meiner Schüler haben ihre günstige karmische Bestimmung erweckt und daher jene, die sie verhöhnen und Gerüchte über sie verbreiten, verblendet.
Meine Natur, meine wilden Handlungen und mein Verhalten sind nicht durch Täuschung oder Heuchelei verschmutzt. Wenn andere dies erblicken, scheint es eine verrückte Sache zu sein. Wenn ich es erblicke, scheint es sinnvoll zu sein. Wenn es von einem edlen Wesen gesehen wird, dann würde seine Anmut in mich eingehen.

Herzensrat

Bitte bewahrt diese Bedeutung in eurem Geist, meine vom Glück begünstigten. Bitte praktiziert angemessen die Sicht, Meditation und das Verhalten des geheimen Mantrayana. In Zukunft mögen wir uns einander im himmlischen Bereich treffen. Wer immer uns nicht zustimmt, uns kritisiert und Gerüchte über uns verbreitet, kann dies machen, weil ich keine Vorstellungen von Gefallen oder Ärger dazu habe. Mögen wir uns dabei anstrengen, die Negativitäten, Hindernisse und Verschleierungen zu bereinigen.

Widmung

Durch dieses Heilsame mögen alle fühlenden Wesen ohne Ausnahme zu passenden Empfängern des tiefgründigen Mantrayana werden, mit einsgerichtetem Geist praktizieren und nachdem sie ihre Praixs vollendet haben, mögen sie rasch Buddhaschaft erlangen!

Kolophon:

Dies wurde für meine Schüler gesprochen, die Samaya-Halter, die die mantrische Einhaltung pflegen, wie Khandro Gyepa Dorje und meinen vertrauten Begleiter Domi Rangdan von Kamrak, der ein Weisheitshalter der Mahamudra ist. Dies wurde auch für so viele andere gesprochen, die fähig sind und für jene, die nicht fähig sind, den Pfad des geheimen Mantrayanas einzuhalten und seine Verpflichtungen im Geist. Sie sagen mir: „Ihr und viele Eurer Lehrer und Freunde haben uns den Mantra-Stil der Kleidung verkündet, wie man weiße Kleidung trägt, das Haar wachsen lässt und viele Schmuckstücke trägt und da gibt es auch diese Art des Einflusses unter unseren Schülern. Gibt es daher irgendwelche besondere Gründe für diese Art der Kleidung und des Verhaltens oder nicht? Wenn es keine Gründe gibt, dann wäre der Spott der großen Meditierenden anderer Gemeinschaften über uns – Lehrer und Schüler – richtig?“ Um ihnen zu antworten hat dieser verrückte Mantra-Praktizierende Rigdzin Künzang Tobden Wangpo, dem auch der Name Chagpa Dorje vom Bereich der beschützenden Dakinis gegeben wurde, also ich, der vorgibt, ein Yogi zu sein, der weiße Kleidung trägt, am Ufer des Tsezhung dies spontan mit einem Sinn für Humor gesprochen und die Definitionen der alten und neuen Tantra-Klassen miteinander in Beziehung gesetzt und es dann später aufgeschrieben.

Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. April 2018

Bodhicitta ist kein Benefizkonzert oder…

warum die höchste Geisteshaltung frei von Anhaftung ist.

injured-1162434_1920Da in den letzten Tagen immer wieder nach dem Zusammenhang von Mitgefühl und Helfen gefragt wurde.
Im Buddhismus geht es ja nicht um Mitgefühl allein. Zwar wird das immer als der Kern des Dharma dargestellt, aber es ist dennoch ein etwas größeres Thema. Wie sehr man hilfreich für andere sein kann, hängt ja nicht nur von einem allein ab, sondern wird auch von der Fähigkeit der anderen Person und der begleitenden Umstände mitbestimmt.

Grundlegende Geisteshaltung

Mitgefühl selbst ist einer von vier Aspekten. Neben Gleichmut, Mitfreude und liebender Güte gehört Mitgefühl zu den vier Aspekten des wünschenden Bodhicitta. Natürlich sind diese vier Geisteshaltungen von so großer Tragweite, dass sie, wenn man sie miteinander in der Praxis verbindet, zur Realisation der vier Buddhakayas führen. Aber eines sollte man sich auch klar machen. Dies sind Geisteshaltungen, d.h. grundsätzliche Einstellungen und Lebenshaltungen, die unermesslich weitreichend sind.
Ausgerichtet auf der Ebene des relativen Bodhicitta, also in Bezug zu den fühlenden Wesen hervorgebracht, münden diese Geisteshaltungen – und dabei besonders Mitgefühl – ohne ein Verständnis des individuellen Leerseins von Identität, wie auch der Leerheit der Phänomene bald in einer Sackgasse. Gleichmut erschöpft sich allzu rasch und endet in Resignation. Mitgefühl wird dann allzu leicht mit Helfen verwechselt und so manche enden dann in einem Helfersyndrom. Güte bzw. Freundlichkeit wird zu leicht mit Gefälligkeit verwechselt und ein falsches Verständnis von Freude kann dazu führen, dass man meint, es allen recht machen zu müssen.
Doch gibt Longchenpa in seinem „Ruhen in der Natur des Geistes“ (tib., sems nyid ngal gso) klare Anweisungen, wie man sich bei dieser Praxis auszurichten hat. Auch in den Lehren zum wünschenden Bodhicitta werden klare Erklärungen gegeben, wie diese vier unermesslichen Geisteshaltungen praktiziert werden. Wie schon oben angemerkt, es sind Geisteshaltungen, die nicht in unmittelbar konkreten Handlungen zum Ausdruck kommen, sondern eine Lebenshaltung darstellen. Wie die höchste Geisteshaltung – der Geist auf Erleuchtung ausgerichtet – nun zum Ausdruck kommt, erfolgt wiederum über die Lehren zum tätigen Bodhicitta.

Erleuchtungsgeist in Aktion

Der tätige Erleuchtungsgeist wiederum besteht aus den sechs überweltlichen Tugenden – den Paramitas. Dabei sind Großzügigkeit, ethischer Disziplin, Duldsamkeit, freudiges Streben und Versenkung vom höchsten Erkennen – dem Verständnis des Leerseins aller Wesen und Phänomene – durchdrungen. Da man somit die wechselseitige Bedingtheit von ausführender Person, empfangendem Wesen und der Handlung selbst als ungetrennt versteht, wird illusionsgleich agiert. Man erschöpft sich so nicht mehr in einem Zwang zu helfen, sondern versteht die Ursachen und begleitenden Umstände als wesentliche Faktoren für die Taterfüllung.

Ich-Überhöhung

Und mal ehrlich, ein paar freche Fragen zum Ende. Wenn man meint, einem anderen nicht ausreichend geholfen zu haben, wie allmächtig meint man zu sein? Woher weiß man, was für ein anderes Wesen „hilfreich“ ist? Welches Konzept, welche Vorstellung von „Hilfe“ und „helfen“ hat man? Und eine etwas ketzerische Frage: wie viel Ich-Überhöhung versus Anderer-Erniedrigung ist mit im Spiel?

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. April 2018

25 Herzensschüler von Padmasambhava

Rigdzin_DupaAls Guru Padmasambhava nach Tibet kam, versammelte er im Laufe der Jahre 25 Herzensschüler (tib., rje ‚bangs nyer lnga), denen er die wichtigsten Lehren übertrug. Eine Liste dieser Schüler findet sich im Lama Gongdü. Gewöhnlich werden der Dharma-König Thrisong De’u-Tsän und 24 oder 25 Schüler aufgezählt. Wie aus der tibetischen Bezeichnung „rje“ ersichtlich ist, ist damit der König gemeint und das „‚bangs“ bezeichnet 25 Untertanen.
Als Herzensschüler werden im Vajrayana jene Schüler bezeichnet, die ein spezielles Verhältnis zum Lehrer haben. Im Rahmen dieser Darstellung gibt es über einige wenige Schüler ausführlichere Informationen, von anderen ist weniger bekannt. Doch stellen sie in Tibet die Basis für die Überlieferung des Vajrayana dar. Guru Padmasambhava übertrug allen diesen 25 Schüler bestimmte Lehren, auch mit der Prophezeiung verbunden, in zukünftigen Zeiten wieder in Erscheinung zu treten und diese Lehren zum gegebenen Zeitpunkt zu offenbaren und zu verbreiten. Daher gehen viele Tulkus (tib., sprul sku) – Nirmanakaya-Erscheinungen bestimmter Lehrer – auf diese 25 Schüler zurück.
In den Schilderungen der Lebensgeschichten der verschiedenen Förderer und Schüler sieht man deutlich, welche Bedingungen für die erfolgreiche Verbreitung des Buddhadharma zusammentreffen müssen. Die drei Dharma-Könige Tibets – Songtsän Gampo, Thrisong De’u-Tsän und Tri Ralpachen – waren unerlässlich für die institutionelle Sicherheit und auch Finanzierung bei der Etablierung der Lehren. Großartige Lehrer und tantrische Meister wie Shantarakshita, Padmasambhava oder Vimalamitra lehrten Sutrayana, Vajrayana und Dzogchen. Übersetzer wie Vairocana u.a. waren für die korrekten Übersetzungen verantwortlich. Und hingebungsvolle Schüler wie die 25 Herzensschüler wurden zu Halter der Lehren, sodass nachfolgende Generationen bis heute davon profitieren.

Dharma-König Thrisong De’u-Tsän

Der Dharma-König Thrisong De’u-Tsän (tib., khri srong de’u btsan) gilt bis heute als der bedeutendste Herrscher Tibets. Obwohl bereits vor ihm die Lehren des Buddha nach Tibet gelangten, so war doch er es, der durch seine Einladung die großen Gelehrten Shantarakshita, Vimalamitra, Jinamitra und Danashila, sowie den tantrischen Meister Padmasambhava nach Tibet brachte. Unter seiner Herrschaft verbreitete sich der Buddhadharma in ganz Tibet und wurde zur Hauptreligion. Er förderte unzählige Gelehrte und Übersetzer dabei, die Schriften von Indien nach Tibet zu bringen und errichtete Zentren der Lehre und Praxis. Man sagt, dass 108 indische Gelehrte zusammen mit tibetischen Übersetzern tätig waren, die buddhistischen Schriften korrekt zu übersetzen.
Thrisong De’u-Tsän wird als eine Emanation von Manjushri, den Bodhisattva der Buddha-Weisheit, angesehen. Als seine späteren Inkarnationen gelten Nyang Ral Nyima Özer, Guru Chowang, Jigme Lingpa und Jamyang Khyentse Wangpo.

Dänma Tsemang

Ein wichtiger tibetischer Übersetzer des Tripitaka war Dänma Tsemang (tib., ldan ma tse mang), der im Dän-Tal in Kham geboren wurde. Außerdem war er Sekretär und Schreiber für den König Thrisong De’u-Tsän und Padmasambhava, da er besonders schnell schreiben konnte. Von Guru Padmasambhava empfing er viele Vajrayana-Übertragungen, durch die er Verwirklichung und ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen erlangte. Man sagt, dass er ein wichtiger Schriftführer bei vielen Schatztexten war, einschließlich der „Versammlung der Siegreichen“ (Kagye). Auch wurde er der hauptsächliche Empfänger der Meditationsanweisungen der zornvollen Mantra-Gottheit.
Zu seinen nachfolgenden Inkarnationen gehören die Situpas.

Nanam Dorje Dudjom

Einer von König Thrisong De’u-Tsäns Ministern, Dorje Dudjom von Nanam (tib., sna nam pa rdo rje bdud ‚joms), wurde nach Nepal geschickt, um Guru Padmasambhava nach Tibet einzuladen. Und so wurde er dann auch einer der 25 Herzensschüler. Als er die Ermächtigung von Guru Padmasambava bekam, fiel seine Blume auf das Vajrakila-Mandala, woraufhin er Vajrakila praktizierte und schließlich Verwirklichung erlangte. Als ein Mantra-Praktizierender, der die zwei Stufen der Meditation der Erzeugung und Vollendung gemeistert hatte, konnte er rasch wie der Wind fliegen und feste Materie durchdringen.
Sowohl Rigdzin Gödem als auch Padma Thrinle werden als Inkarnationen von Nanam Dorje Dudjom angesehen. Weitere Inkarnationen von ihm sind Lerab Lingpa und Sogyal Rinpoche.

Drogben Khye’u-chung Lotsawa

Der kindliche Übersetzer aus dem Klan der Drogmi – Drogben Khye’u-chung Lotsawa (tib., khye’u chung lo tsA ba) – wurde bereits in seiner Jugend zum Übersetzer ausgebildet, wodurch er seinen Namen erhielt. Von Guru Padmasambhava empfing er zahlreiche Lehren und lebte ein Leben als tantrischer Haushälter – Ngakpa. Durch seine Verwirklichungen war er in der Lage, fliegende Vögel durch eine Geste mit seinen Fingern herbei zu holen.
Inkarnationen von ihm sind Terchen Düdül Dorje, Zhenchen Rabjam Tenpa’i GylaTsän, Khordong Nüden Dorje, Düdjom Lingpa und Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje, aber auch Lho Drikung Ontul Rinpoche und der Khordong Terchen Tulku Chime Rigdzin (CR Lama).

Lasum Gyalwa Jangchub

Lasum Gyalwa Jangchub (tib., la gsum rgyal ba byang chub) war einer der ersten sieben Tibeter, die vom Abt Shantarakshita die vollständige Ordination als Mönch erhielten. Gyalwa Jangchub war äußerst intelligent. Er besuchte einige Male Indien und übersetzte viele heilige Schriften. Aufgrund seiner Wunderkräfte konnte er am Himmel fliegen.
Der Gründer des Palyul-Klosters in Kham, Rigdzin Kunzang Sherab, gilt als eine seiner Wiedergeburten.

Gyalwa Chogyang

Ein naher Schüler von Guru Padmasambhava war Gyalwa Chogyang von Nganlam (tib., rgyal ba mchog dbyangs), der im Phen-Tal im Nganlam-Klan geboren wurde und ebenfalls von Shantarakshita als Mönch ordiniert wurde. Während der Ermächtigung in die Acht Logos-Gottheiten – Kagye – die Guru Rinpoche in den Höhlen von Samye Chimpu gab, fiel seine Einweihungsblume auf das Mandala des Hayagriva. Dieser wurde seine erwählte Meditationsgottheit und durch seine Praxis konnte er sich in Hayagriva verwandeln und das Pferdegewieher auf seinem Kopf hören.
Unter seinen späteren Inkarnationen finden sich die Karmapas, sowie die Karma Chagme Tulkus, die Chagdud Tulkus, sowie Sang Ngag Rinpoche und Namkha Drime.

Dre Gyalwa Lodrö

In seinen beruflichen Anfängen war Gyalwa Lodrö (tib., ‚bre rgyal ba’i blo gros) ein vertrauenswürdiger Begleiter und Personenschützer des Dharma-Königs Thrisong De’u-Tsän. Er war einer der ersten sieben Tibeter, die der Abt Shantarakshita als Mönche ordinierte. Als ausgezeichneter Übersetzer reiste er nach Indien, wo er vom Vidyadhara Humkara die Ermächtigung in den Yangdag Heruka empfing und dadurch Verwirklichung erlangte. Ihm wird auch nachgesagt, dass er seine Mutter vor dem Tode bewahrte, indem er in das Reich von Yama, dem Herrn des Todes, reiste. Später verwandelt er einen Untoten in Gold, wie später in einem Schatztext offenbart wurde. Schließlich erlangte er die Stufe eines Vidyadharas des langen Lebens und es gibt Berichte, dass er noch bis zur Zeit von Rongzom Pandita Chökyi Sangpo (tib., rong zom chos kyi bzang po) im 11. Jhdt. gelebt haben soll, dem er Belehrungen gab.

Nyag Jnanakumara

Als einer der ersten tibetischen Mönche war Nyag Jnanakumara (tib., gnyag jna na ku ma ra) ein ausgezeichneter Übersetzer, der von Padmasambhava, Vimalamitra, Vairotsana und Yudra Nyingpo die „Vier großen Ströme der Übertragung“ empfing. Bei der Übersetzung der Mahayoga-Tantras und der Atiyoga-Tantras arbeitete er sehr eng mit Vimalamitra zusammen und wurde auch als Nyag Lotsawa bekannt. Seine Einweihungsblume fiel auf das Mandala des Chemchog Heruka. Anschließend empfing er von Padmasambhava die Übertragung in die Praxis von Dütsi Chemchog. Als Folge davon ließ er während seiner Praxis in Yarlang Sheltrag Wasser aus dem Stein fließen, indem er seinen Finger in den Felsen bohrte. Man sagt, dass dieses Wasser heute noch fließt. Außerdem praktizierte er zur Abwehr von Hindernissen Vajrakilaya und konnte so erfolgreich lebensbedrohliche Gefahren abwenden.
Unter seinen späteren Inkarnationen findet sich die Linie der Dabzang Rinpoches, der ein Zeitgenosse von Jamgon Kongtrul, dem Ersten, war. Weiters finden sich unter seinen Wiedergeburten Ramo Shelmen, Nyi Ösal, Khedrub Lodrö GyalTsän und Kathog Gyurme Tsewang Chogdrub.

Kawa Paltseg

Kawa Paltseg wurde im Phen-Tal geboren und war einer der ersten sieben Tibeter, die als Mönche ordiniert wurden. Bereits von Guru Padmasambhava wurde Kawa Paltseg als bedeutender Übersetzer vorhergesagt, der zusammen mit Jnanagarbha und Bidyakarasimha die Prajnaparamita-Sutras und andere Mahayana-Sutras übersetzte, sowie den Kommentar von haribhadra zum Abhisamayalankara. Bei der Übersetzung des Madhyamaka und anderer Schriften zur buddhistischen Logik arbeitete er mit Vidyakaraprabha zusammen und mit Jinamitra übersetzte er gemeinsam den Abhidharmakosha von Vasubandhu und die Kommentare dazu. Mit Sarvajnadeva übersetzte er als erster Tibeter das Bodhicaryavatara von Shantideva in die tibetische Sprache. Nachfolgend wirkte er entscheidend bei der Übersetzung der Drei Lehrkörbe und der 100.000 Nyingma-Tantras – des Nyingma Gyübum – mit.
Als Schüler von Shantarakshita und Padmasambhava wurde der Übersetzer Kapa Paltseg (tib., ska ba dpal brtsegs) vom König Thrisong De’u-Tsän zusammen mit Chokro Lu’i GylaTsän nach Indien geschickt, um den großen Dzogchen-Meister Vimalamitra einzuladen. Von diesem empfing er auch das Vima Nyingthig.
Vom Guru Padmasambhava empfing er die Lehren des Vajrayana und erlangte auf diese Weise Hellsichtigkeit. Nachdem Vairocana nach Tshawa Rong ins Exil geschickt wurde, half er ihm, wieder nach Zentraltibet zurückzukehren.
Als seine nachfolgenden Inkarnationen gelten Drapa Ngönshe, sowie der Phagpa Dechen Dorje.

Khandro Yeshe Tsogyal, die Prinzessin von Kharchen

Die Dakini Yeshe Tsogyal (tib., mkhar chen bza‘ mtsho rgyal) gilt als Manifestation von Saraswati und war eine Prinzessin, die im Klan von Kharchen. Bereits in jungen Jahren wollte man sie zwangsverheiraten. Doch entzog sie sich der Zwangsheirat durch Flucht und wurde schließlich vom König Thrisong De’u-Tsän zur Frau genommen. Zunächst war sie eine der fünf Frauen des Dharma-Königs, der sie jedoch im Rahmen einer Einweihung dann Guru Rinpoche darbrachte. So wurde sie die Gefährtin von Guru Padmasambhava und zog mit ihm viele Jahre praktizierend durch Tibet.
Während der Ermächtigung in das Mandala der acht Logos-Gottheiten fiel ihre Einweihungsblume in das Mandala des Vajrakilaya. Durch diese Praxis war sie dann in der Lage, böse Geister zu besiegen und Verstorbene wieder ins Leben zurückzubringen. Als Gefährtin von Guru Padma war sie für das Zusammenstellen und Bewahren seiner Überlieferungen verantwortlich. Daher sehen in ihr alle Praktizierenden eine Schlüsselfigur in der Verbreitung des Dharmas in Tibet.
Sie reiste auch nach Nepal, um ihren spirituellen Gefährten Acharya Sale zu finden. Diesen musste sie jedoch mit Gold freikaufen, was sie durch die Wiederbelebung eines Verstorbenen bekam. Am Ende ihres Lebens verwirklichte sie den Regenbogenkörper und ging in das Land des Kupferfarbenen Berges ein.

Langdro Könchog Jungne

Als ein Minister am Hofe des Königs Thrisong De’u-Tsän wurde Langdro Könchog Jungne (tib., lang gro dkon mchog ‚byung gnas) später dann einer der 25 Herzensschüler von Guru Rinpoche. Man kennt ihn auch als Langdro Lotsawa – den Übersetzter aus Langdro.
Als seine nachfolgenden Inkarnationen gelten der Tertön Ratna Lingpa sowie Longsal Nyingpo. Aber auch der Dzogchen Pema Rigdzin und Jamyang Khyentse Wangpo werden als seine Wiedergeburten angesehen. Von letzterem sagt man, dass er sein Aktivitätsaspekt sei.

Sogpo Lhapal

Von Beruf war der Sogpo Lhapal (tib., sog po lha dpal) Schmied und empfing sowohl von Nyag Jnanakumara und Guru Padmasambhava die Lehren. Aufgrund seiner Verwirklichungen in der Praxis des Vajrakilaya konnte er mit bloßen Händen Raubtiere angreifen. Für seinen Lehrer Nyag Jnanakumara konnte er bei drei Gelegenheiten aufgrund seiner magischen Kräfte Feinde abwehren. Man sagt auch, dass er unter Ma Rinchen Chog den Dharma studierte. Später wurde er ein Lehrer von Nub Sangye Yeshe.
Pema Lhundrub Gyatso, der zweite Thronhalter des Palyul-Klosters, gilt als eine Wiedergeburt von Sogpo Lhapal.

Namkhai Nyingpo

Namkhai Nyingpo (tib., gnubs nam mkha’i snying po) wurde im Nub-Klan in Nyang Karda Shambu geboren. Auch er gehörte zu den ersten Tibetern, die von Shantarakshita als Mönche ordiniert wurden. Als Übersetzer reiste er zusammen mit Vairocana nach Indien und empfing vom Vidyadhara Humkara die Übertragungen und erlangte schließlich den Weisheitskörper. Als er wieder in Tibet zurück war, kritisierte er die Minister der Bön und wurde daraufhin in den Süden Tibets verbannt. Obwohl die Bön-Minister seinen Tod verlangten, bewahrte ihn der König davor, da er ihm zuvor bei einer Krankheit das Leben gerettet hatte. Somit wurde er ins Exil nach Lhodrag geschickt. Bei der Ermächtigung in das Mandala der Kagye fiel seine Einweihungsblume in das Mandala des Yangdag Heruka und durch die Verwirklichung dieser Praxis war er in der Lage, auf den Sonnenstrahlen zu fliegen. Als er in Lhodrag praktizierte, erschienen ihm in Visionen zahlreiche Yidams und er erlangte die Stufe eines Vidyadhara der Mahamudra. Schließlich erlangte er den Regenbogenkörper und ging in die reinen Länder ein.
Er gilt zusammen mit Kawa Paltseg als einer der Autoren des Denkarma, eines Katalogs buddhistischer Schriften, der auf königlichen Befehl hin zusammengestellt wurde. Zusammen mit Yeshe Tsogyal arbeitete er an der Zusammenstellung der Schriften, die später als Schatztexte wiedergefunden wurden. Und zusammen mit Gyalwa Jangchub schrieb er die Biografie der Yeshe Tsogyal, die dann später vom Tagsham Nüden Dorje aufgefunden wurde.
Als seine Wiedergeburten werden Jangchub Lingpa Palgyi GyalTsän, Kathog Rigdzin Tsewang Norbu, Kangyur Rinpoche Longchen Yeshe Dorje und der Tulku Lhatob angesehen.

Nanam Zhang Yeshe De

Nanam Yeshe De (tib., sna nam zhang ye shes sde) war ein ausgezeichneter Übersetzer, der über 200 Schriften wie die Prajnaparamita-Sutras, Tantras und Dharanis, sowie Abhandlungen über Madhyamaka und Cittamatra in die tibetische Sprache übersetzte, die sich heute im Kangyur und Tengyur wiederfinden. Bereits als junger Mönch wurde er aufgrund seiner Gelehrtheit mit dem Titel “Bande” ausgezeichnet. Er lehrte den Abhidharma, den er auch an Lhalung Palgyi Dorje übertrug, sowie die Prajnaparamita-Sutras und studierte die Nyingma-Tantras. Er war einer der Hauptübersetzer des Kangyur und auch vieler Nyingma-Tantras. Durch die Verwirklichung der Praxis des Vajrakilaya erlangte er wundersame Kräfte, wodurch er wie ein Vogel am Himmel fliegen konnte.

Lhalung Palgyi Dorje

Lhalung Palgyi Dorje (tib., lha lung dpal gyi rdo rje) spielt in der tibetischen Dharma-Geschichte eine besondere Rolle. Er wurde in Drom geboren und war zunächst als Grenzwächter tätig. Dann empfing er zusammen mit seinen beiden Brüdern die Ordination von Vimalamitra. Von Padmasambhava empfing er die Bodhisattva-Gelübde und auch Ermächtigungen und mündliche Unterweisungen ins Vajrayana. Aufgrund seiner Verwirklichungen konnte er durch festes Gestein durchgehen. Am Ende seines Lebens verwirklichte er den Regenbogenkörper.
Palgyi Dorje war jener Bogenschütze, der Jahre später dann den König Langdarma (tib., glang dar ma) tötete, wodurch er der Unterdrückung der monastischen Tradition in Tibet ein Ende setzte.
Zu seinen nachfolgenden Inkarnationen zählen die Drubwang Pema Norbu Tulkus (Penor Rinpoche), Taglung Phagchog, die Surmang Tulkus und Kusum Lingpa.

Palgyi Senge

Lang Palgyi Senge (tib., rlangs dpal gyi seng ge) war ein tantrischer Haushälter, der durch die Praxis von Jigten Chötö in Paro Taktsang die allgemeinen und höchsten Verwirklichungen erlangte. Auch wurde er als einer von 108 Übersetzern nach Indien und Oddiyana geschickt.
Bereits sein Vater war ein machtvoller Praktizierender, der durch seine Mantra-Kraft die acht Klassen der Götter und Dämonen bezwingen und als Diener verpflichten konnte.
Als seine nachfolgenden Inkarnationen werden die Dzogchen Rinpoches, aber auch Ratön Tobden Dorje angesehen.

Palgyi Wangchug

Palgyi Wangchug von Kharchen (tib., mkhar chen dpal gyi dbang phyug) war ein tantrischer Haushälter und der Bruder von Yeshe Tsogyal. Andere Schriften weisen ihn jedoch als ihren Bruder aus. Durch die Praxis des Vajrakilaya erlangte er Verwirklichung.

Odren Palgyi Wangchug

Als großer Gelehrter und Praktizierender der Tantras erlangte Odren Palgyi Wangchug (tib., ‚o dran dpal gyi dbang phyug) Verwirklichung durch die Praxis des zornvollen Gurus – Guru Dragpo. Von Padmasambhava erlernte er alle Aspekte der Guhyamantras und manifestierte Wunderkräfte. In seiner Familienlinie sind viele Praktiken des Guru Dragpo erhalten geblieben.

Palgyi Yeshe

Drogmi Palgyi Yeshe (tib., dpal gyi ye shes) wurde in den Klan der Drogmi hineingeboren. Als Schüler von Guru Padmasambhava übersetzte er zahlreiche Tantras und erlangte durch die Praxis des Tantra von Mamo Bötong die höchste Verwirklichung. Zusätzlich übersetzte er auch zahlreiche Sutras ins Tibetische.

Ma Rinchen Chog

Ma Rinchen Chog (tib., rma rin chen mchog) war ein früher Übersetzer, der vom Abt Shantarakshita die Mönchsweihen empfing. Sein Name ist untrennbar mit ein paar Übersetzungen von wesentlichen Werken des Mahayoga verbunden. So wurden das Guhyagarbha Tantra, das die Essenz der Mahayoga-Stufe im Vajrayana darstellt, sowie das Magische Netz des Mahayoga von ihm aus dem Sanskrit in die tibetische Sprache übersetzt. Durch die Praxis der Übertragungen, die er von Guru Padmasambhava erhielt, war er in der Lage, Felsen zu spalten, als ob sie Teig wären und sie wie Nahrung zu verspeisen. Obwohl er von Guru Padmsambhava viele Übertragungen und Belehrungen empfing, war er doch ein enger Schüler von Vimalamitra. Mit ihm gemeinsam übersetzte er neben dem Guhyagarbha Tantra auch das Cittabindu Upadesha, einen Text der drei verwirklichten Meister Buddhaguhya, Lilavajra und Vimalamitra. Ferner soll er auch Guru Padmasambhava und Yeshe Tsogyal beim Verbergen der Schatztexte behilflich gewesen sein.
Es gibt ein paar Schilderungen, wo gesagt wird, dass Ma Rinchen Chog als Vergeltung für die Ermordung von Langdarma hingerichtet worden sei. Doch andere Schriften berichten davon, dass er sich auf den Weg nach Kham begeben hat und dort die Lehren des Mahayoga an Rinchen Zhönnu und Kyere Chogkyong weitergab, deren Schüler Darje Palgyi Dragpa und Zhang Gyalwa’i Yönten wiederum Lehrer von Nub Sangye Yeshe waren. So entstand die Kham-Linie des Mayajala.
Zu seinen nachfolgenden Inkarnationen werden Longsal Nyingpo und der erste Adzom Drugpa Drodul Pawo Dorje gezählt.

Nub Sangye Yeshe

Dorje Tritsug (tib., rdo rje khri gtsug) wie Nub Sangye Yeshe (tib., gnubs sangs rgyas ye shes) vor seiner Ordination genannt wurde, wurde im Nub-Klan in der Dra-Region in Zentraltibet geboren. Bereits im Kindesalter von sieben Jahren begann er mit Odren Palgyi Zhönnu den Dharma zu studieren. Entsprechend anderer Geschichtsschreiber empfing er von Guru Padmasambhava die tantrische Ermächtigung in das Mandala der acht Logos-Gottheiten. Dabei fiel seine Einweihungsblume auf das Mandala des Yamantaka. Er selbst schreibt in seiner Biografie jedoch, dass er Guru Rinpoche an der Grenze zu Indien und Nepal getroffen habe und dort von ihm die Übertragungen empfangen habe. Doch weisen hier die Berichte und Jahresangaben ziemliche Unterschiede auf, sodass sich die Geschichte nicht genau rekonstruieren lässt.
Doch ungeachtet dessen traf er verschiedene buddhistische Meister und Gelehrte wie Vimalamitra und Kamalashila, der ihn auch ordinierte. Er wurde auch von Nyag Jnanakumara und dessen Schülern Sogpo Palgyi Yeshe und Zhang Gyalwa’i Yönten im Dharma geschult, die auch selbst Schüler von Ma Rinchen Chog waren. Man sagt ihm auch nach, dass er die Lehren des Anuyoga nach Tibet brachte und praktizierte, wodurch er 130 Jahre alt wurde.
Nub Sangye Yeshe reiste mehrere Male nach Indien und Nepal, wo mit vielen tantrischen Meistern studierte und wo er vom Meister Prakashalamkara die Übertragung in das Mahayana Wurzel-Tantra (tib., dgongs pa ‚dus pa’i mdo) empfing. Danach ging er auf Geheiß dieses Lehrers nach Gilgit, um sich zusätzlich im Tantra auszubilden. Er praktizierte in Tibet, Indien und Nepal in verschiedenen Höhlen und Einsiedeleien, wo ihm unzählige Gottheiten und auch Buddhas und weltliche Schützer in Visionen erschienen und er magische Fähigkeiten verwirklichte. Als Nub Sangye Yeshe in seiner Heimat die Praxis des Yamantaka in der Höhle von Yangdzong ausführte, wo auch schon Guru Rinpoche praktiziert hatte, stach er mit einem Phurba – einem tantrischen Dolch – in den Felsen. Daher wird er häufig so abgebildet.
Zu dieser Zeit versuchte er für sich und sein Gefolge einen Praxisplatz zu errichten, wobei er aber durch den Zerfall des tibetischen Imperiums unterbrochen wurde. Der König Langdarma hatte die Herrschaft übernommen, lies die buddhistischen Klöster schließen und verfolgte die Dharma-Praktizierenden. Als Nub Sangye Yeshe so in seiner Praxis gestört wurde, trat er vor den König und überzeugte ihn durch seine magischen Kräfte. Er manifestierte vor dem König einen gewaltig großen Skorpion in der Größe von neun Yaks, indem er mit seiner rechten Hand eine einzige Geste ausführte. Der König erschrak und ließ daraufhin die Vajrayana-Sangha der tantrischen Haushälter – die Ngakpas (tib., sngags pa), die lange Haare und weiße Kleider trugen, nicht mehr verfolgen.
Er verfasste zahlreiche Werke, die für die Nyingma-Schule sehr bedeutsam waren. Besonders interessant ist seine Abhandlung über die Praxis des Chan in Tibet. Dadurch ist belegt, dass diese stufenlose Meditationspraxis basierend auf dem Sutrayana sehr wohl in Tibet verbreitet war.
Als seine nachfolgenden Inkarnationen werden Tsasum Terdag Lingpa, Gya Zhangthrom Dorje Öbar, Orgyen Drime Kunga, Tulku Urgyen Rinpoche, Chowang Tulku, Padgyal Lingpa, Trulshig Adeu Rinpoche und der Tertön Barwa’i Dorje angesehen.

Shubu Palgyi Senge

Obwohl Shubu Palgyi Senge (tib., shud bu dpal gyi seng ge) dem Dharma-König Thrisong De’u-Tsän treu ergeben war, stammt sein Familienzweig aus dem Bön. Ursprünglich war Palgyi Senge einer jeneer Minister, die ausgesandt wurden, um Guru Rinpoche nach Tibet einzuladen. Unter der Führung von Padmasambhava wurde er ein sehr gelehrter Übersetzer und übersetzte die Anweisungen zur Praxis der Mamos, zu Yamantaka, zu Vajrakilaya und vielen anderen Lehren der Nyingma-Tradition. Er gilt als einer der acht großen Gelehrten Tibets.
Durch die Praxis von Mamo Bötong und Vajrakilaya erlangte Palgyi Senge Verwirklichung und manifestierte verschiedenste Wunderkräfte, wie das Umkehren eines Wasserstroms oder das Spalten von Felsen. Viele Lehrer wurde in dieser Familie geboren. Einige Generationen nach Palgyi Senge wurde jedes Familienmitglied zu mächtigen Ngakpas, da sie die Lehren von Mamo Bötong und Yamantaka praktizierten.
Als bekannteste Wiedergeburt von Palgyi Senge gilt der Schatzfinder des Himmels-Dharmas (Namchö) – der Namchö Mingyur Dorje.

Vairotsana der Übersetzer

Der Übersetzer Vairotsana (tib., bai ro tsa na) gilt als einer der größten Übersetzer Tibets. Zusammen mit Padmasambhava und Vimalamitra brachte er die Lehren des Dzogchen nach Tibet.
Geboren im Pagor-Klan wurde er von Thrisong De’u-Tsän nach Indien gesandt, um bei den Gelehrten Indiens zu studieren. Er reiste aber auch nach China, Khotan, Nepal und Zhangzhung. Vom Khenpo Shantarakshita empfing er als einer der ersten sieben Tibeter die vollständige Ordination als Mönch. Sein Hauptlehrer war Shri Singha, von dem er die drei Dzogchen-Klassen (Geist, Raum, aufzeigende Erklärungen) empfing. Außerdem empfing er direkte Übertragungen von Manjushrimitra, der ihm in seinem Weisheitskörper erschien. Nachdem wieder nach Tibet zurückgekehrt war, wurde er nach Ost-Tibet verbannt, wo er Yudra Nyingpo, Sangtön Yeshe Lama und Mipham Gönpo lehrte. Dann wurde er vom Dharma-König wieder nach Lhasa zurückgeholt.
Bekannt ist Vairotsana auch für seine Übersetzungen der Werke von Shri Singha, aber auch vieler Texte des Mantra-Fahrzeugs. Außerdem übersetzte er Teile der Prajnaparamita in 100.000 Versen und andere Sutras.
Da seine Einweihungsblume in das Mandala von Möpa Dragngag fiel, empfing er diese Übertragung. Er begegnete auch dem Antlitz des Mahakala und erlangte schließlich das Weisheitsauge. Durch die Praxis des zornvollen Mantras befreite er fiele Widersacher.
Weil Vairotsana einer der bedeutendsten Schüler Padmasambhavas war, finden sich bis heute zahlreiche Emanationen von ihm unter den großen Schatzfindern wie Dorje Lingpa, Künkyong Lingpa, Chogdän Dongag Lingpa als seine Körperemanationen oder der Terdag Lingpa als seine Sprachemanation und Rangtön Dechen Lingpa als seine Geistemanation.

Yeshe Yang

Acharya Yeshe Yang (tib., ye shes dbyangs) war einer der 25 Schüler von Guru Rinpoche, der als voll ordinierter Mönch viele Schatztexte von Guru Rinpoche transkripierte. Als einer von acht Schülern dieser Zeit wurde er für seine klaren und korrekten Niederschriften berühmt. Aufgrund seiner Praxis erlangte er Wunderkräfte, mit denen er in der Lage war, in himmlische Gefilde zu reisen.

Yudra Nyingpo von Gyalmo

In Gyalmo Tsaworong geboren, wurde Yudra Nyingpo (tib., g.yu sgra snying po) schließlich Schüler des Übersetzers Vairotsana.  Er gilt als einer von 108 Übersetzern seiner Zeit. Von Guru Rinpoche empfing er die Kernanweisung „Girlande der Sicht“ (tib., man ngag lta ba’i phreng ba), die als einziger Text der Sammlung mündlicher Überlieferungen auf Guru Rinpoche zurückgeht, während die anderen Texte Padmasambhavas Schatztexte sind.
Durch seine Praxis konnte Yudra Nyingpo verschiedenste Wunderkräfte manifestieren, wie das Verwandeln des Körpers in einen goldenen Vajra usw. Als Meister der Lehren der Großen Vollkommenheit war er besonders auf die Geist- und Raum-Kategorie des Dzogchen spezialisiert. Er hatte auch viele Emanationen wie Dharmashri, den Übersetzer aus der Mindroling-Tradition.

Dränpa Namkha

Zuerst war Dränpa Namkha (tib., dran pa nam mkha‘ ) ein berühmter Bön-Priester, der später unter Guru Rinpoche zum Buddhadharma konvertierte. Somit beanspruchen beide Tradition – Bön wie Buddhadharma – ihn als bedeuteten Linienhalter ihrer Überlieferungen. Er organisierte viele Schriften der Geist-Kategorie des Dzogchen und verbreitete die Lehren Padmasambhavas.
Aber auch Bön-Quellen sehen ihn als Vater von zwei Vertretern des Bön. In seinem Übertritt zum Buddhadharma sehen sie ein geschicktes Mittel zum Erhalt der Bön-Tradition in Tibet, da diese Tradition zu dieser Zeit aus Tibet fast verschwand.
Dränpa Namkha wird als Autor verschiedener Schatztexte angesehen, die später dann von Schatzfinder aufgefunden wurden. Mit den indischen Gelehrten Gulendragupta und Anandagarbha arbeitete er bei der Übersetzung zweier Ritualhandbücher zusammen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 13. April 2018

Drei Wurzeln – drei Energieaspekte des Geistes

GuruRinpoche_ZhiwaiDie Praxis der Drei Wurzeln – Guru, Deva, Dakini – ist in der Nyingma-Tradition der wesentliche Ansatz, um die Lehren zur Befreiung zu verwirklichen. Zwar hat sich auch in der Nyingma-Tradition das Ngöndro – die grundlegenden Übungen – ähnlich wie in der Kagyü-Tradition als Basispraxis etabliert, doch war und ist das Guru-Yoga der zentrale Ansatz für weitere Praktiken des Dzogchen wie in den Dzogchen-Klassen Semde und Longde und insbesondere Trekchö und Thögal in der Upadesha-Kategorie. Die mittlerweile zu den grundlegenden Übungen gehörenden Aspekte der Vier Gedanken, die den Geist wandeln, Zuflucht, Bodhicitta und die Reinigung von karmischen Schleiern und Vollendung der zweifachen Ansammlung wurde gewissermaßen als selbstverständlich vorausgesetzt und individuell praktiziert.

Guru – Deva – Dakini

Der Guru wird beispielsweise in seinem äußeren, inneren, geheimen und allergeheimsten Aspekt praktiziert. Als äußerer Aspekt erscheint er meist als Lama Zhiwä – als friedvoller Guru – in Gestalt des Padmasambhava Nangsi Zilnön – der Lotusgeborene, der durch Pracht die Erscheinungswelt unterwirft. In seinem inneren Aspekt kann er sich z.B. als Guru Dragpo zeigen und in seinem geheimen Aspekt als Dorje Drolö manifestieren. Eine alternative Möglichkeit, die wir im Dudjom Tersar vorfinden, wäre als Guru Sangye Menla (Medizinbuddha), Orgyen Khandro Norlha (Reichtumsaspekt), Tsokye Thugthig und Dorje Drolö.
In der Nyingma-Tradition gibt es zwei große Mandalas, die praktiziert werden. Einerseits das Mandala der 100 friedvollen und zornvollen Gottheiten (tib., zhi khro) und dann das Mandala der Kagye – der „Acht Logos-Gottheiten“ (tib., bka‘ brgyad). Das Mandala der Kagye kann sowohl in seiner Gesamtheit, wie auch in seinen einzelnen Aspekten praktiziert werden. Die bekanntesten Meditationsgottheiten mit ihren jeweiligen Mandalas aus dem Kagye sind Vajrakilaya, Hayagriva und Yamantaka in ihrer zornvollen Erscheinung, oder in ihrer friedvollen Manifestation Vajrapani, Avalokiteshvara und Manjushri, manchmal noch Vajrasattva. Das Mandala der Friedvollen und Zornvollen stellt einen in sich geschlossenen, gesamten Praxiszyklus dar.
Für die Dakini als Praxis finden sich meist Yeshe Tsogyal als friedvolle, äußere Erscheinung, Kurukulle als magnetisierende, heranziehende und vermehrende Manifestation als innere Erscheinung, Simhamukha – die löwenköpfige Dakini – als zornvolle geheime Manifestation und Thröma Nagmo als äußerst zornvolle Erscheinung zur Befreiung rigider Geistesmanifestationen.
Neben diesen drei Aspekten gibt es auch noch damit verbunden Praktiken wie die Meditation auf Chime Sogthig – die Lebensessenz der Todlosigkeit – die eine Langlebenspraxis verbunden mit Vajrakilaya ist. Aber auch die Vajrayogini in ihrer reinen Erscheinung oder die Grüne Tara usw. können als Meditationsfiguren für die Realisation der Befreiung und/oder für bestimmte Aktivitäten herangezogen werden.

Kanäle – Energiewinde – Essenztropfen

Auf die Praxis der Drei Wurzeln folgend widmet man sich optional den feinstofflichen Kanälen, Winden und Essenztropfen – kurz „Tsalung“ genannt. Damit verbunden kann es in einzelnen Übertragungszyklen auch neben der Praxis der Inneren Hitze (tib., gtum mo) auch die weiteren Yogas der Vollendungsstufe geben, wie die Praxis des Illusionskörpers, des Traum-Yoga, des Klar-Lichts, Bardo und Phowa. Jedoch sind diese Ansätze öfter kaum ausformuliert, da der Klarlichtheitsaspekt der Natur des Geistes anders als in den Sarma-Schulen (Kagyü, Sakya, Gelug) in der Nyingma-Tradition meist über die Praxis von Trekchö und Thögal ausgeübt wird.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. April 2018

Wie man abnehmendem Vertrauen vorbeugt

Von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje

Dudjom_FarbeEs wird gesagt, wenn wir anfangen, den erhabenen Dharma zu praktizieren, dass negative Kräfte Hindernisse erzeugen und ihr „Segen“ verursacht, dass unser Vertrauen abnimmt. Zeichen, dass die Dämonen in uns eingedrungen sind, sind das Finden von Fehlern im spirituellen Freund, unserem Lehrer; wir sehen Fehler in den Dharma-Praktizierenden ganz allgemein; wir suchen Begleitung bei gewöhnlichen Menschen; wir haben wenig Eifer bei der Praxis; wir geben uns hemmungslos den Vergnügungen hin, ohne irgendwelche moralischen Prinzipien; und unsere Hingabe und unser Respekt für die Drei Juwelen schwindet. Wie kann man dem vorbeugen?
Indem man über die ausgezeichneten Qualitäten des Lehrers, der Drei Juwelen und der spirituellen Gefährten nachdenkt; reine Wahrnehmung entwickelt und Respekt für alle, die den Dharma praktizieren. Sag dir selbst, dass das Sehen von Schlechtem bei anderen ein Zeichen dafür ist, dass du selbst unrein bist. Es ist so, als ob du Gelbsucht hast und eine Muschel als gelb wahrnimmst. Erinnere dich an die Fehler der Sinnesvergnügungen und vermeide Freundschaften mit gewöhnlichen Leuten. Erkenne, dass ein Abnehmen an Vertrauen ein Dämon ist.

Aus „A Torch of Lighting the Way to Freedom“; ein Kommentar zum Khandro Nyingthig Ngöndro von Dudjom Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018.


Beipacktext: Dieser Rat ist für jene, die in das Vajrayana eingetreten sind und die grundlegenden Übungen mit der Wirklichung der Erkenntnis praktzieren, dass der eigene Geist und der Weisheitsgeist des Lehrers untrennbar sind. Dies setzt eine tiefgehende Prüfung beiderseits – Schüler wie Lehrer – voraus. Alle anderen, die nicht in diesen Pfad eingetreten sind, sollen sich an ihre Lehren halten und diesen vertrauensvoll folgen.

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