Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Juli 2018

Ein Lob der Intelligenz

Saraswati_2Der süße Klang der vollkommenen Freude:
Ein Lobpreis an die Göttin Sarasvati

von Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö

HRING – Tochter des Geistes von Brahma, entstanden aus dem großen See der Freude, mit Eurem Gesicht, so rein und weiß wie der Mond – Göttin Sarasvati, Euch bezeuge ich meine Verehrung!

Unendliches Schatzhaus der geheimen Worte der Veden und der riesigen Sammlung des Dharma des Buddha, am Ende des Pfades der Todlosigkeit angelangt – glorreiche Frau der Melodien, vor Euch verneige ich mich hingebungsvoll!

Eine Tambura-Laute in Euren Händen haltend und mit den Spitzen Eurer Finger sanft spielend, vor Euch, die den Geist aller – sowohl jenseits wie auch noch immer in diesem weltlichen Bereich – bezaubert, verneige ich mich!

In Wirklichkeit seid Ihr die Vollkommenheit der Weisheit selbst, dennoch erscheint Ihr in Gestalt einer Göttin, eine wundersame und unglaubliche Erscheinung, große Frau, die die zehn Bhumis gemeistert hat, vor Euch verneige ich mich!

Allen Buddhas, die mit ihrer Liebe an Euch denken und auf Euch mit ihren Weisheitsaugen blicken, bringt Ihr große, wolkengleiche Gaben der wonnevollen Vereinigung dar, vor Euch, der großen Mutter der Freude, verneige ich mich respektvoll!

Sobald Ihr in die Kehlen und Herzen der Intelligenz eintretet, im selben Moment werden sie verwandelt und zu machtvollen Meistern der Rede – an Euch, Gewährerin der höchsten Intelligenz, richte ich meinen Lobpreis!

Durch die Segnungen des Preisens an Euch auf diese Weise möget Ihr in den milchigen See meines hingebungsvollen Geistes eintreten und gewährt mir das strahlende Licht der Weisheit, vollendet mit dem zweifachen Wissen, so bete ich!

ཨོཾ་པི་ཙུ་པི་ཙུ་པྲ་ཛྙཱ་ཝཱརྡྷ་ནི། ཛྭ་ལ་ཛྭ་ལ་མེ་དྷི་ཝཱརྡྷ་ནི། དྷི་རི་དྷི་རི་བུདྡྷི་ཝརྡྷ་ནི་སྭཱ་ཧཱ།

OM PITSU PITSU PRAJNA WARDHANI / DZALA DZALA MEDHI VARDHANI / DHIRI DHIRI BUDDHI VARDHANI SWAHA //

Rezitiere dies und die Intelligenz wird zunehmen.

In Erwiderung auf die Bitten von Samten Tulku Rinpoche, dem Neffen des edlen Palpung Situ Rinpoche, zusammen gegeben mit der Gabe eines seidenen Schals, schrieb ich, Chökyi Lodrö, auch bekannt als Jampal Gawa’i Gochar, dies im Freudenwald des Vergnügens der Göttin Sarasvati im Palpung-Kloster. SIDDHI RASTU.


Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2012). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Juli 2018

Vajrayana – reine Sicht & geschickte Mittel

GuruRinpocheDie geschickten Mittel des Varjayana sind in der einen Praxis der reinen Wahrnehmung, auch „reine Sicht“ genannt, enthalten. Alle Wesen sind aufgrund der Fähigkeit ihres Geistes zu gewöhnlichem Wissen (shepa) fähig. Allerdings haben gewöhnliche Wesen bis jetzt noch nicht überragendes Wissen (sherab) kultiviert. Beispielsweise können gewöhnliche Wesen ganz einfach die fünf natürlichen Elemente – Erde, Luft, Feuer, Wasser und Raum – erkennen und erfahren. Aber was sie nicht wissen oder erfahren, ist die Essenz der fünf natürlichen Elemente, welche Leerheit ist. Das ist deshalb, weil das Wissen um die Leerheit der Bereich des überragenden Wissens ist, nicht der Bereich des alltäglichen Wissens. Im Falle des überragenden Wissens sind die fünf natürlichen Elemente, die die äußere Welt ausmachen, in ihrer Essenz die fünf weiblichen Buddhas, was sozusagen als die leere Essenz der äußeren Welt verstanden oder erkannt wird.
Weiters können gewöhnliche Wesen ganz einfach ihren eigenen Geist und Körper als die fünf psychophysischen Haufen (skandhas) erfahren. Was sie nicht erfahren, ist die leere Essenz der fünf Haufen, welche sozusagen die fünf männlichen Buddhas sind. Und wiederum können gewöhnliche Wesen ganz einfach ihre störenden Geisteszustände von Begierde, Ärger, Dummheit, Eifersucht und Stolz erkennen. Aber was nicht leicht verstanden wird, ist die leere Essenz der störenden Zustände, welche sozusagen die fünf Weisheiten der Erleuchtung sind. Die fünf Elemente, die die Umgebung der äußeren Welt ausmachen, sind vom Standpunkt der reinen Schau oder erhabenen Einsicht die fünf weiblichen Buddhas, die fünf Haufen, die Geist und Körper ausmachen, sind die fünf männlichen Buddhas, und die fünf störende Zustände sind vom Standpunkt der reinen Schau oder erhabenen Einsicht aus, die fünf Weisheiten der Erleuchtung. Solch erhabenes Wissen ist der Bereich der Erleuchtung.
Der nächste Punkt, der verstanden werden soll, ist die erleuchtete Perspektive der reinen Sicht, die zum Pfad der Praxis gemacht wird, was Vajrayana-Praktizierende meditieren, was die Art jetzt gerade ist. Sie erkennen die äußere Welt als den Raum der fünf weiblichen Buddhas, ihren Geist und Körper und den der anderen als die fünf männlichen Buddhas und ihre störenden geistigen Zustände als die fünf Weisheiten der Erleuchtung. So wird erhabene Einsicht praktiziert und erlangt. Durch beständige Praxis wird reine Schau zur Gewohnheit und schließlich sind die Praktizierenden fähig, die Welt, alle Wesen und ihre Geisteszustände als nichts anderes als ihre eigene Natur zu erkennen!

Von Lama Tharchin Rinpoche über die „Qualitäten der Erleuchtung“. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. Juni 2018

Yana – der spirituelle Ansatz im Dharma

buddah-2291717_1920.jpgWeil manche meinen, die Dreiteilung der Ansätze (Yana; Fahrzeug) im Dharma wäre das Um und Auf. Sorry, aber das ist es nicht. Es werden in den verschiedenen Sutras unterschiedliche Modelle der Yanas (Fahrzeuge) skizziert. Schauen wir uns zunächst einmal einige Gliederungen an, so wie sie in den Sutras und von den Gelehrten vorgenommen wurden.

Zum einen gibt es das Modell des Ekayana (Ein Fahrzeug), das als Buddhayana vornehmlich im Saddharmapundarikasutra verkündet wird. Auch andere Mahayana-Sutras wie das Sutrasamuccaya stützen sich auf diese Position.

Dann gibt es das Modell der zwei Fahrzeuge – Hinayana und Mahayana. Die Unterscheidung wird im Mahayanasutralamkara vorgenommen.

Das Yanatraya oder Triyana – also die eingangs erwähnte Dreiteilung der Fahrzeuge – besteht aus Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Bodhisattvayana. So wird’s im Mahavastu erwähnt. Auch im Abhidharmakoshabhasya und dem Vibhasaprabhavrtti des Abhidharmadipa gibt es Hinweise auf diese Art der Gliederung.

Dann gibt es noch eine Gliederung in Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Mahayana, wobei letzteres wiederum in zwei weitere Fahrzeuge – das Paramitayana und das Mantrayana – unterteilt wird. Diese Art der Dreiteilung war bei den Indern und später bei den Tibetern übrigens sehr beliebt, weshalb die Tibeter dann auch noch andere Unterscheidungsmerkmale herangezogen haben. Da gab’s also dann auch noch das Fahrzeug, das durch die Befreiung aus dem Ursprung von Samsara gekennzeichnet ist, plus das Fahrzeug das durch Entsagung Weisheit (Wissen) und das Fahrzeug das durch die Mittel der Transformation gekennzeichnet ist.

Ein Vier-Yana-Model wird im Kshitigarbhasutra erwähnt. Da gibt es das Svargayana (das Fahrzeug, das zu einem guten Ziel führt), das Shravakayana, das Pratyekabuddhayana und das Mahayana. Auch im Manjushrinamasamgiti findet sich so ein Vierer-Model – Shravaka, Pratyeka, Maha, die alle als Ursachenfahrzeuge bezeichnet werden und zusätzlich noch das Mantrayana, das als Ergebnisfahrzeug – auch Phalayana – gilt.

Im Lankavatarasutra werden fünf Yanas erwähnt. Das Devayana, das Brahmayana, das Shravakayana, das Pratyekabuddhayana und das Tathagatayana. Wieso Deva und Brahma da getrennt gezählt werden, wissen auch die gelehrten Köpfe nicht zu beantworten, da sich beide auf himmlische Wesen und Bereiche beziehen. Im Akshayamatinirdeshasutra findet man auch fünf Yanas gezählt: Devayana, Manusyayana, Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Mahayana. Im Akshayamatinirdeshatika werden auch fünf Fahrzeuge erwähnt, wobei dort das Lokattarayana und das Laukikayana vorkommen, die als weltliche Fahrzeuge gelten und somit dem Devayana und Brahmayana zugerechnet werden können.

Im Guhyagarbhatantra findet man ebenfalls fünf Fahrzeuge: Devamanusyayana, Shravakayana, Pratyekabuddhayana, Bodhisattvayana und Mantrayana. Also vier Ursachenfahrzeuge und ein Ergebnisfahrzeug.

Eine Einteilung in neun Fahrzeuge findet sich in der tibetischen Tradition bei den Nyingmapas (und den Bönpos). Dort werden das Shravakayana, Pratyekabuddhayana, Bodhisattvayana als Ursachenfahrzeuge bezeichnet, wie sie im Sutrayana zusammengefasst sind. Weitere sechs Fahrzeuge finden sich als Ansätze der äußeren Tantras, und zwar als Kriyatantra, Charyatantra, Yogatantra. Und als höchste Ansätze werden hier das Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga (Dzogchen) gesehen, da sie die inneren Tantras sind. Diese Gliederung ist speziell tibetisch, da man dafür keine indischen Quellen findet. Allerdings steht es nicht im Widerspruch zur indischen Dharma-Tradition, da dort eben eine Vielzahl an Yanas gezählt werden. Und aus Sicht der Nyingmas kann man alle neun Fahrzeuge ihres Systems in dem bereits erwähnten Modell des Triyana – Hinayana, Mahayana, Vajrayana – zusammenfassen.

Dann gibt es sogar ein N-Yana-Modell, ein Nanayana, wie es im Lankavatarasutra genannt wird. Dieses Nanayana bezeichnet die unendlich große Anzahl an Ansätzen, sodass man sie gar nicht zählen kann.

Dann gibt es noch das A-Yana, das Nicht-Fahrzeug, ebenfalls im Lankavatarasutra erwähnt. Die Idee hinter dem A-Yana – dem Nicht-Fahrzeug – ist, dass Wesen, sobald sie das Ufer der Befreiung erreicht haben, kein Fahrzeug mehr brauchen. Gemeint ist damit, dass die Vorstellung von einem Fahrzeug, das Wesen wohin befördert nur so lange erforderlich ist, wie es Wesen zu befördern gibt.

Nutzen von Gliederungen

Welchen Nutzen hat nun diese Vielzahl der Gliederungen? Sowohl in Indien wie auch in Tibet hat man versucht, die zahlreichen Lehren des Buddha in verschiedene Ansätze einzuteilen und so eine Übersicht zu ermöglichen. Ein weiterer Grund war wohl die Unterscheidung zwischen buddhistischen Ansätzen und nicht-buddhistischen Ansätzen zu unterscheiden. Vajragarbha, ein Autor des Hevajrapindarthatika hat sich besonders auf das Triyana-Modell gestützt, da er diese Einteilung in Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Mahayana als hilfreich ansah, während er gleichzeitig weltliche Fahrzeuge – also ein viertes und/oder fünftes – verwarf. Allein dies reichte, dass die Einteilung wie sie die Nyingmapas in Tibet vornahmen, immer wieder kritisiert wurde.
Aus buddhistischer Sicht kann man zwischen einem Laukikayana – weltlichen Fahrzeug – und einem Lokattarayana – überweltlichen Fahrzeug – unterscheiden. Und welches Fahrzeug benutzt du?

Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. Juni 2018

Spirituelle Praxis

alone-2666433_1920Einst umkreiste ein Mönch das Peltring-Kloster. Geshe Tenpa, ein hervorragender alter Lehrer, kam zu ihm und sagte: „Es ist schön, heilige Orte zu umkreisen, aber es ist viel besser, den ausgezeichneten Dharma zu praktizieren.“
Demütig begann der Mönch zu studieren, auswendig zu lernen und die buddhistischen Sutras zu rezitieren. Eines Tages kam Geshe Tenpa bei ihm während er in seine Studien und Andachten vertieft war vorüber. Der alte Abt sagte zu ihm: „Es ist wertvoll, die Schriften zu studieren und heilsame Taten anzusammeln, aber weit besser ist es, den edlen Dharma zu praktizieren.“
Nach ernsthaften Überlegungen beschloss der Mönch, dass intensive Meditation die beste Sache für ihn sei und er begann ernsthaft zu meditieren. Unvermeidlich fand Geshe Tenpa ihn in einer Ecke mit festem, konzentriertem Blick sitzen. „Meditation ist fein,“ kommentierte der gebildete Abt, „aber wahre Dharma-Praxis wäre sogar noch besser.“
Nun war der Mönch aber völlig verwirrt. Es gab nichts, das er nicht schon versucht hatte. Dennoch missbilligte der ehrwürdige Lehrer seine Bemühungen. „Sehr verehrter Herr, was sollte ich tun?“ flehte er.
„Gib einfach all das Haften an dieses Leben auf,“ erwiderte Geshe Tenpa. Dann setzte er ruhig seinen Weg fort.


In diesem Sinne sagte auch Jetsün Drakpa Gyaltsen aus der Sakya-Tradition in der Einleitung zu seinem Kommentar über„Das Aufgeben der vier Anhaftungen“:

„…Jedes Verhalten, das dem Dharma widerspricht, muss beendet werden, und daher,
um das Dharma auf richtige Weise zu praktizieren, folgt hier die Anweisung über die „Befreiung von den vier Anhaftungen“, die ich euch nun zu Gehör bringe:
„Hängst du an diesem Leben, bist du kein wahrhaft spirituell Praktizierender,
hängst du an Saṃsāra, hast du keine Entsagung,
hängst du an deinem eigenen Selbstinteresse, hast du kein Bodhicitta,
ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.“


Möge es inspirierend sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Juni 2018

Dharmata – Quelle aller Phänomene

peacock-feather-1438415_1920Wiederum fragte der Bodhisattva Prasannantindra: „Oh Lehrer, Bhagavan, törichte Schüler, die durch das Festhalten an wahrer Existenz gebunden sind, können die Art und Weise des Daseins der grundlegenden Dharmata nicht einfach durch die Art der Nichtexistenz der Grundlage für die Benennung einer Bezeichnung erkennen. Möge der Lehrer daher einen Weg offenbaren, wie diese Nichtexistenz durch grobe und subtile Untersuchung festgestellt werden kann.“
Er antwortete: „Oh Prasannatindra, es ist genauso: wenn ein Baumstamm erscheint, ist diese Existenz dieses Stammes dauerhaft oder ist er gänzlich nichtexistent? Das ist die Untersuchung und Analyse. Wenn er dauerhaft wäre, dann könnte er nicht abgeschnitten oder zerstört werden und müsste wahrhaft existent, undurchdringlich, unveränderlich, undurchdringbar und unvergänglich sein. Aber eine Scharte entsteht, wenn er mit einer Axt gehackt wird, also kann er abgeschnitten werden und wenn viele Male gehackt wird, dann fällt er um und ist zerstört. Da eines zu viele werden kann, ist er trügerisch und nicht wirklich existent. Weil er von weißen und schwarzen Farben und Pulvern befleckt werden kann, ist er nicht undurchdringbar, sondern durchlässig. Da er Gegenstand von Veränderung aufgrund der Jahreszeit und der Umstände ist, ist er nicht unveränderlich. Er kann irgendwo durchdrungen und zerstört werden, somit ist er durchdringbar, vergänglich. Dieses Holz kann auf viele Arten beschädigt werden, somit ist es verderblich. Da es auch nicht nur eine der Eigenschaften eines Vajra hat, kann festgestellt werden, dass er nichtexistent ist.“

Vajra – sieben Qualitäten der Natur des Geistes

Prasannatindra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, bitte erklärt, was ein Vajra ist, der mit allen sieben Qualitäten eines Vajra versehen ist.“
Er erwiderte: „Oh Prasannatindra, in Bezug auf die Existenz eines konventionellen, materiellen Vajras ist es wie in Anlehnung auf einen Sohn einer unfruchtbaren Frau. Materielle Vajras werden aus Knochen gemacht; Stein-Vajras können zerstört werden, indem man sie verbrennt; und Eisen-Vajras schmelzen im Feuer. Sie sind also nicht wahrhaft existent, sondern diese konventionellen Vajras sind zerstörbar. Dieser Raum-Vajra, der irgendwo erscheint, kann mit Waffen oder irgendetwas anderem nicht durchschnitten werden. Er kann von keinen Gegenständen oder Bedingungen zerstört werden. Frei von Fehlern oder Verunreinigungen, so ist er die große Grundlage der Weite des Universums, somit ist er wirklich. Er kann von Fehler oder Heilsamen nicht befleckt werden, somit ist er undurchdringbar. Er ist frei von Wandel in den drei Zeiten, somit ist er unveränderlich. Weil alles von Leerheit durchbohrt wird, ist er gänzlich undurchdringbar. Er kann durch nichts verändert oder verwandelt werden, somit ist er unvergänglich.
Das ist der Raum-Vajra, der überall erscheint. Für jene, die nach Substanzialität greifen, ist das ein konventioneller Vajra und für jene, die seine Natur als ungetrübte Befreiung begreifen, ist das der letztendliche, unzerstörbare Vajra. Wenn es ein anderes Objekt geben würde, das mit allen sieben Qualitäten eines Vajra versehen wäre, dann wäre es dauerhaft, aber wenn nicht, dann ist es sicher, dass alles Leerheit ist, die nicht festgeschrieben werden kann.
Die Substanzen, die als Dinge wie ein Baumstamm, Erde, Steine, Gebäude und Haushaltsgüter erscheinen, können umgestoßen, zerbrochen und zerrieben werden. Zerreibt man sie zu Teilchen, sind sie zu Pulver reduziert. Durch das Pulverisieren dieser Teilchen auf ein Siebtel ihrer Größe, sind sie zu winzigen Teilchen reduziert und indem man sie zu einem Siebtel ihrer Größe zersetzt, werden sie so zur Teilchenlosigkeit reduziert. Sie sind ausgelöscht und lösen sich in die Natur des Raumes auf.
Darüberhinaus verschwindet die Asche jeglicher Substanz, die im Feuer verbrannt worden ist, ganz von selbst im Raum und etwas, das die Form eines Lebewesens zu sein scheint, löst sich auf, sobald es getötet und verbrannt worden ist. Durch das Erforschen und Analysieren dieser ganzen auftauchenden Phänomene auf diese Weise, wirst du entdecken, dass sie alle vollständig verschwinden und kein einziges Ding eine wahre Existenz aufweisen kann. Die intensive Untersuchung ist bei diesem Thema wesentlich, also versteh das!“

Woraus Phänomene erscheinen

planet-2785082_1280Prasannatindra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, wenn sie sich nicht ermitteln lassen und auf diese Weise unwirklich sind, woraus erscheinen alle diese Phänomene dann? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Prasannatindra, durch das Greifen nach einem Selbst, das als Ursache dient und durch das Konzeptualisieren, das als begleitender Umstand dient, existieren sie als bloße Erscheinungen. Das anfängliche Bewusstsein bewegt sich zum Objekt und plötzlich entsteht eine Erscheinung. Aufgrund des Gedanken, es zu beseitigen und die Erscheinung des Denkens, dass es zerstört wird, verändert es sich oder verschwindet überhaupt. Alle Phänomene sind nichts weiter als bloße Erscheinungen aus voneinander abhängig bestehenden Ereignissen. Es gibt sicherlich nichts, das von sich aus wahrhaft existiert.
Beispielsweise aufgrund der gleichzeitigen Zusammenkunft der Augen von jemandem als Ursache, mit dem durchsichtig, klaren Raum, der als Grundlage dient und mit den Substanzen und Mantras, die für eine Illusion verwendet werden und der hervorbringende Geist, die als mitwirkende Umstände dienen, erscheint das davon abhängig bestehende Ereignis einer illusorischen Emanation, obwohl sie eigentlich nichtexistent ist. Aufgrund der zusammengetroffenen, sich aufeinander beziehenden Ereignisse des durchsichtig klaren Raumes als Ursache und der Wärme und Feuchtigkeit als beitragender Umstände, erscheint eine Fata Morgana, die sich beweisen lässt. Von der abhängigen Beziehung mit dem durchsichtig, klaren Allgrund-Bewusstsein als Ursache und dem Greifen nach einem Selbst als mitwirkender Umstand, tauchen Traumerscheinungen auf, die nichtexistent sind und man ist durch das Greifen nach ihrer Wirklichkeit und dem Festhalten an ihrer wahren Existenz getäuscht, als ob sie Erscheinungen im Wachzustand wären. Aufgrund der wechselseitig abhängigen Beziehung der gleichzeitigen Nähe eines klar-deutlichen Spiegels als Ursache und einem Gesicht als mitwirkender Umstand, erscheint eine Spiegelung, die nichtexistierend ist. Aufgrund der abhängigen Beziehung des Samadhi des Kultivierens meditativer Stabilität als Ursache und aufgrund der gleichzeitigen Nähe von einem Gefäß und von Flüssigkeit als mitwirkende Bedingung erscheint eine Stadt der Gandharvas als ein Objekt. Aufgrund der abhängigen Beziehung eines festen, hohen Objekts wie einem Geröll und einem Hörbewusstsein asl Ursache und dem Erzeugen eines Klanges wie das Rufen als mitwirkende Bedingung, entsteht ein Echo. Aufgrund der abhängigen Beziehung von klarem, sauberen Wasser als Ursache und das gleichzeitige Erscheinen von Planeten und Sternen am Himmel als begleitende Bedingung, taucht eine Spiegelung auf. Aufgrund der abhängigen Beziehung vom Wasser selbst als Ursache und dem Aufrühren oder Aufwühlen als gleichzeitig mitwirkende Bedingung entstehen Blasen. Aufgrund der abhängigen Beziehung der Augen als Ursache und dem gleichzeitigen Druck, der auf die Augäpfel als mitwirkende Bedingung angewendet wird, tritt eine optische Täuschung ein. Aufgrund der abhängigen Beziehung der Meisterschaft, die als Ursache hervorgebracht wird und dem Eintritt in den Samadhi des Hervorbringens von Emanationen als mitwirkende Bedingung, erscheinen nichtexistierende Erscheinungen.
Bei diesen zehn Analogien gibt es eine Abhängigkeit, indem man sich auf Ursachen stützt, es gibt eine Beziehung durch der Ungetrenntheit der Ursachen und mitwirkenden Ursachen und es gibt ein Entstehen aufgrund des Hervortretens nichtexistierender Erscheinungen. Auf gleiche Weise erscheint ein Bewusstseinsstrom des Selbstgreifens nach einem „Ich“ in Bezug auf den ungehinderten, ungegenständlichen Ausdruck des grundlosen, wurzellosen Bereichs des Raumes, der die grundlegende, absolute Natur des durchdringenden Bereichs des Raumes ist. Aufgrund dieses Bewusstseinsstroms wird der Grund geteilt: durch das Zurückziehen des Selbst wird die grundlegende, absolute Natur veräußerlicht. Aus dem klaren, deutlichen, spiegelgleichen Grund, in dem alles mögliche erscheinen kann, treten die Erscheinungen der drei Bereiche hervor. Als Vergleich wird aufgrund des Auftretens von Schaum, der ungetrennt vom Ozean ist, der Ozean herangezogen; und aufgrund der Erscheinung von Regenbögen am Himmel, die nichts anderes als der Himmel sind, erscheint der Himmel als etwas anderes. Es besteht eine Abhängigkeit aufgrund des Stützens auf ein Ich, es besteht eine Beziehung aufgrund der Ungetrennheit von einem selbst und anderen und es gibt Entstehung aufgrund der Ereignisse, die keine objekthafte Existenz haben. Durch das Erforschen der Art und Weise des Daseins aller Arten der erscheinenden Phänomene, erkenne den entscheidenden Punkt, wie sie als Ausdruck des leeren Raumes der Dharmata ermittelt werden.
Darüberhinaus wenn du einschläfst, lösen sich die unbelebte Welt der Objekte, die während des Wachzustandes erschienen sind, die fühlenden Wesen, die die Welt bewohnen und aller erschienenen Objekte der fünf Sinne in den leeren Allgrund auf, der die Natur des Raumes ist und dann treten sie aus diesem Bereich wieder hervor. Wiederum erscheint das nach einem Selbst greifende Bewusstsein aufgrund der illusorischen Erscheinungen der Bewegungen der karmischen Energien. Daraufhin tritt alles aufgrund der Selbsterscheinungen innen und außen, einschließlich der unbelebten und belebten Welt und der Sinnesobjekte als Traumerscheinungen wie zuvor in der grundlegenden, absoluten Natur auf. Freude, Kummer und Indifferenz sind eng verflochten und aneinander geklammert, als wären sie wirklich existent. Das ist Täuschung, daher erkenne es!“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. Juni 2018

Leerheit der Phänomene

bird-2424077_1920Prasannatindra fragte: „Lehrer, Bhagavan, auf welche Art sind äußere Objekte leer? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Was das Auftreten des Greifens nach einer Identität des gewünschten Phänomens als etwas anderes als das Ich betrifft, lass uns die Art und Weise untersuchen, wodurch alle diese Namen, Dinge und Zeichen nicht begründet werden. Zuerst einmal lass uns einmal die Leerheit der Namen des Körpers bestimmen, indem wir die Grundlage der Bezeichnung der Namen untersuchen. Überprüfen wir das, was Kopf genannt wird: Haar ist Haar und nicht der Kopf; die Augen sind Augen und nicht der Kopf; die Ohren sind Ohren und nicht der Kopf; die Nase ist die Nase und nicht der Kopf; die Zunge ist die Zunge und nicht der Kopf. Genauso scheinen die Haut, das Fleisch, die Knochen, das Blut, die Lymphe, die Sehnen usw. alle ihre eigenen Namen zu haben, daher werden sie nicht als Kopf bezeichnet.“

Höchstes Erkennen durch Analyse

Prasannatindra fragte: „Lehrer, Bhagavan, wenn du ihn auf seine Bestandteile wie eben reduzierst, dann ist er nicht begründet, aber wird ihre Anordnung nicht als Kopf bezeichnet?“
Er antwortete: „Kind aus gutem Hause, beobachte, dass es allgemein viele Fälle gibt, in denen die Zusammenkunft dieser Bestandteile nicht als Kopf bezeichnet werden kann. Wenn der Kopf einer Person auf seine Teilchen reduziert wird, die dann wieder zusammengefügt und anderen gezeigt werden, dann würden sie ihn nicht als Kopf bezeichnen. Selbst wenn diese Teilchen befeuchtet und als Kugel geformt werden, dann würde man das nicht als Kopf bezeichnen.
Wenn dein Kopf, der während des Traumes auftaucht, dein Kopf, der während des Wachzustandes erscheint, dein Kopf, der in der Vergangenheit erschienen ist und dein Kopf, der in Zukunft erscheint, immer identisch wären, dann müssten auch alle Geschwüre, Schwellungen, Kröpfe, Muttermale und Warzen, die du hättest bei all diesen Gelegenheiten auftauchen, aber das tun sie nicht. Wenn jeder dieser Köpfe verschieden wäre, dann müssten entweder diese vorherigen Köpfe weggeworfen werden oder ansonsten würde das darauf hindeuten, dass sie von Anbeginn an niemals vorhanden waren. Wenn du sagst, er wird Kopf genannt, weil er an der Spitze oben erblickt wird, dann solltest du die oberen und unteren Regionen des Raumes analysieren. Indem du untersuchst, wie die vorderen, rückseitigen, oberen und unteren Regionen des Raumes bestehen, wirst du feststellen können, dass keine von ihnen aus sich heraus existiert.
Wodurch wird genauso das Auge bestimmt? Alle flüssigen Kugeln sind nicht mit dem Namen Auge bekannt. Die Haut, das Blut, Fett, die Kanäle und Sehnen gewähren nicht den Begriff Auge. Wie im vorherigen Fall besteht auch das Auge nicht als eine Ansammlung dessen. Wenn du glaubst, dass eine flüssige Kugel, die Formen sieht, Auge genannt wird, dann beobachte, ob das, was in der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, in den Traumerscheinungen und im Wachzustand die ganze Zeit Formen sieht, diese flüssige Kugel der Gegenwart ist. Selbsterscheinungen gibt es aufgrund des uranfänglich vorhandenen Bewusstseins, anstatt dieser flüssigen Kugel der Gegenwart. Auch wenn du hundert Millionen Augäpfel nimmst, die in eine Richtung blicken, so würden sie keine Form sehen.

Deduktiv – induktiv

Ebenso ist es mit den Ohren, da das Fleisch, die Haut, die Kanäle, Sehnen, das Blut, die Lymphe und Höhlungen ihre eigenen Bezeichnungen haben und nicht die Bezeichnung ‚Ohr’ haben, was wird dann Ohr genannt? Wenn du sagst, etwas wird deshalb Ohr genannt, weil es Klänge hört, dann untersuche, ob das, was die ganze Zeit über und nach diesem Leben, während des Träumens und während des Wachens Klänge hört, das Ohr ist. Indem du das machst, wirst du entdecken, dass das Bewusstsein des Geistes es ist, das hört und nicht die Form des vorhandenen Ohres. Auch wenn unzählige Ohren in der Hand halten würdest, so würden sie keine Klänge hören. Das ist der Fall, da das Ohr ursprünglich nicht existiert.
Durch das Erforschen und Analysieren des Begriffs und der wahren Zeichen der Nase entdeckst du gleichfalls, dass das Fleisch, die Knochen, das Blut, die Lymphe, die Kanäle, Sehnen und Höhlungen alle ihre eigenen verschiedenen Bezeichnungen haben, somit existieren sie nicht als die Nase, noch bestehen sie in ihrer Ansammlung.
Wenn du meinst, dass das, was Gerüche wahrnimmt, die Nase genannt wird und dass Gerüche von dieser Öffnung gespürt werden, dann bedenke, dass diese Öffnung im Traumzustand noch in anderen Leben benötigt wird. Bewusstsein im Zwischenzustand nimmt genauso Gerüche wahr. Wenn daher das Geistbewusstsein keine Nase hätte, dann hätte die Nase gewiss kein objektives Dasein.
Ebenso wird die Zunge nicht durch irgendwelche einzelnen Bestandteile aus Fleisch, Blut, Haut, Kanälen und Sehnen begründet, noch ergibt sich die Bezeichnung Zunge aus deren Zusammenkunft Wenn du versicherst, dass dies, was Geschmäcker erfährt, die Zunge ist, dann erforsche, ob diese Zunge, die im Traumzustand, im Zwischenzustand und in anderen Leben Geschmäcker erfährt oder nicht und dann wirst du es wissen.
Durch das Erforschen des sogenannten Körpers hinsichtlich Haut, Fett, Fleisch, Blut, Knochenmark, Knochen und allen Kanälen und Sehnen wirst du herausfinden, dass der Körper nicht festgelegt werden kann. Wenn sie alle auf winzig kleine Teile reduziert werden und zu einem Klumpen geformt werden, dann wäre das nicht der Körper. Wenn du sagst, dass das, was die taktilen Eindrücke erfährt, als Körper bezeichnet wird, dann überprüfe: wer erfährt die taktilen Eindrücke in einem Traum und im Zwischenzustand? Indem du das machst, bestimmst du, dass es das Geistbewusstsein selbst ist. Da also der Begriff des Körpers auf den Geist nicht angewendet werden kann, existiert der Körper nicht.
Ferner durch das Erforschen des Ortes des sogenannten Armes, so ist die Schulter nicht der Arm, noch ist es der Oberarm, der Unterarm oder die Handfläche und die Finger des Armes, also sage ich: ‚Ermittle, was der Arm ist und sag es mir.’ Du sagst vielleicht, dass dasjenige, das die Funktionen des Armes ausführt, der Arm genannt wird. Aber dann überprüfe, ob es das ist, was als ein Arm erscheint und die Funktionen eines Armes in einem Traum ausführt und ob es alles ist, das als solches im Zwischenzustand erscheint. Wenn du das machst, wirst du entdecken, dass es das nicht ist. Vielmehr wirst du feststellen, dass sie bloße Erscheinungen des Geistes sind, somit ist der Arm als solches nicht begründet, außer als etwas dem Geist zugeordnetes.
Darüberhinaus durch das Überprüfen der Schulter, dass das Fleisch nicht die Schulter ist, auch nicht die Knochen, Kanäle und Sehnen. Sie besteht nicht in irgendeiner dieser einzelnen Komponenten und sie ist auch nicht die Ansammlung der Teilchen, auf die man sie reduzieren kann, selbst wenn du sie befeuchten und dann zu einem Klumpen formen würdest. Genauso wird durch das sorgfältige Erforschen aller Gelenke nachgewiesen, dass die Basis der Bereitstellung dieser Bezeichnung keine objektive Existenz hat.

Grundlage der Bezeichnung

drift-wood-482653_1920Außerdem worauf beziehst du den Namen für die Erscheinung eines menschlichen Wesens da drüben? Der Kopf ist nicht ein Mensch. Die fünf Sinnesfähigkeiten sind nicht ein Mensch. Die Bezeichnung Mensch wird nicht im Fleisch, Blut, den Knochen, Knochenmark, den Kanälen, den Sehnen, den größeren und kleineren Gliedern oder im Bewusstsein gefunden. Was ist ebenso die Grundlage für die Bezeichnung eines Hauses? Die Erde ist nicht das Haus, auch beim Stein lässt sich der Name für ein Haus nicht verwenden, nur für den Stein selbst. Die Bezeichnung Haus lässt sich nicht auf Säulen, Dachsparren, Balken oder den Boden anwenden und auch wenn man sie alle zusammen nimmt, ist die Bezeichnung Haus nicht gerechtfertigt. In Bezug auf einen Tasse beispielsweise, ist das Äußere nicht die Tasse, noch ist es das Innere, noch ist es ihr Ausguss oder ihr Boden und das Holz ist keine Tasse. Weder sind es die einzelnen Bestandteile, noch existiert ihre Zusammenkunft objektiv als Grundlage für die Benennung. Auch ist das bei einem sogenannten Berg. Die Erde ist nicht der Berg, noch sind es die Steine, das Gras oder die Bäume. Und ihre Anordnung ist auch kein Berg. Somit ist der Name Berg leer.
Um die Grundlage einer Bezeichnung für einen einzelnen Stock zu überprüfen, so ist seine Spitze einfach eine Spitze und nicht ein Stock. Sein Boden ist nichts anderes als sein Boden, das Holz ist nichts anderes als das Holz, seine verbrannte Asche ist nichts anderes als Asche und seine Teilchen am Boden sind einfach Teilchen und kein Stock. Sogar also diese Bezeichnung kann sich nun ohne jegliche objektive Existenz auflösen.
Wisse, dass Erde, Wasser, Feuer und Luft im Bereich der groben Teilchen, der winzigen Teilchen oder der teilchenlosen winzigen Teilchen nicht existieren. Was alle möglichen Bezeichnungen angeht, so ist eine Illusion nichtexistent und nicht viel mehr als die bloße Bezeichnung Illusion; eine Fata Morgana ist nichtexistent und nicht viel mehr als eine bloße Kennzeichnung; ein Traum ist nichtexistent und ist nicht viel mehr als eine bloße Benennung; eine Spiegelung ist nichtexistent und nichts anderes als eine bloße Etikettierung; eine Stadt der Gandharvas ist nichtexistent und ist nicht viel mehr als eine Benenntung; ein Echo hat keine objektive Existenz abgesehen von seiner bloßen Bezeichnung als Echo; der Mond im Wasser ist nichts anderes als die bloßen Worte von Mond im Wasser; eine Wasserblase ist nichts anderes außer dem bloßen Wort Wasserblase; eine optische Täuschung hat keine objektive Existenz abgesehen von seiner Bezeichnung; und eine magische Erscheinung hat keine Existenz abgesehen von der bloßen Äußerung ihres Namens. Genauso wie die Äußerungen der Klänge dieser Namen sind alle Grundlagen der Bezeichnung für die geäußerten Namen und Worte für alle möglichen erscheinenden Phänomene nichtexistent und sie sind Leerheit, die nicht festgestellt werden kann. Erkenne, dass Leerheit keine objektive Existenz hat und Leerheit in der Weite des Raumes gänzlich endet. Das ist der praktische Rat.“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Juni 2018

Guru Loden Chogse – der Intelligenzaspekt

LodenChogsePadmasambhava ist auch als Guru Rinpoche – als kostbarer Lehrer – bekannt. Unter seinen unzähligen Ausstrahlungen zum Wohle der Wesen ist die Erscheinung des sog. „Nangsi Zilnön“ wohl die bekannteste Darstellung. Dabei erscheint er im königlichen Sitz mit einem Vajra in der rechten Hand und die Geste der Unterwerfung ausführend und mit Schädelschale und Langlebensvase in der linken Hand mit einem Khatvanga in der linken Ellbogenbeuge, mit den drei Dharma-Roben und dem Lotushut auf einem Lotus sitzend. Doch es gibt Überlieferungen, in denen er in 13 Gestalten auftritt, siehe den Schatzzyklus des Sampa Lhündrub von Chökyur Lingpa. Die wohl bekannteste Darstellung findet sich allerdings mit seinen acht Emanationen, die auch in seiner spirituellen Biografie von Orgyen Lingpa wie auch in der Schilderung der 100 Schatzfinder von Jamgön Kongtrul niedergeschrieben ist.
In der spirituellen Biografie, wie sie vom Tertön Orgyen Lingpa offenbart wurde, wurde Guru Rinpoche zusammen mit seinen Schülern vom Prinzen Mutri Tsenpo eingeladen und auf dem Rasen sitzend offenbarte ihnen der Guru die wesentlichen Stationen seines Lebens. Im Rahmen einer Aufzählung der acht Väter und Mütter, der acht Aufenthaltsorte, der acht Zeichen der Verwirklichung der Meditationsgottheiten, der acht Leichenplätze usw. sagt Guru Rinpoche über seine acht Emanationen: „EMAHO! – Das erste zeigt, wie die acht genannten Gurus herabkamen. Den fühlenden Wesen der drei Bereiche Erleichterung verschaffend, ist Guru Padma Junge [Lotusgeborener; öfters als „Padmakara“ – Lotushalter – übersetzt]. Herrscher der Lehre, der Dharma-Herr ist Guru Padmasambhava [Lotusgeborener]. Dass die drei Pitakas [Lehrkörbe] ohne Fehler sind, ist Guru Padma Gyalpo [Lotuskönig]. Jede Glückseligkeit vollendet im Körper ist Guru Dorje Drolö [verrückt zornvoll; „Verrückte Weisheit“]. Alle Fahrzeuge im Raum der Gleichheit ausgebreitet, ist Guru Nyima Özer [Strahl der Sonne]. Acht in einem Körper angeordnet, ist Guru Shakya Senge [Löwe der Shakyas]. Den Dharma-Klang allen sechs Klassen verkündend, ist Guru Senge Dradog [Unbesiegbarer Löwe]. Derjenige, der die Kenntnis alles Wissenswerten ausführt, ist Guru Loden Chogse [Überragende Intelligenz]. Das war das erste Kapitel, das Kapitel der acht genannten Gurus.“
Alle Aktivitäten, die Guru Rinpoche in dieser Welt ausgeführt hat, sind im Großen und Ganzen in diesen acht Emanationen zusammengefasst.
Jamgön Kongtrul, der Große, vermerkt dazu in seiner Biografie des Padmasambhava: „Die acht großen Vidyadharas gaben ihm die „Acht Sadhana Sektionen“. Von Buddhaguhya empfing er die „Illusorische Manifestation“, von Shri Simha die (Lehren der) Großen Vollkommenheit. Von den vielen gelehrten und verwirklichten Meistern des heiligen Landes Indien empfing er die Gesamtheit der Sutras und Tantras. Nachdem er jede einzelne Anweisung studierte und praktizierte, hatte er weitere Visionen von Gottheiten, ohne sie praktiziert zu haben. Er wurde als „Verlangen nach überragender Intelligenz“ (LODEN CHOGSE) bekannt und zeigte die Vollendung eines vollständig gereiften Vidyadhara.

Loden Chogse – Überragende Intelligenz

Die Praxis des Loden Chogse (tib., blo ldan mchog sred) dient dem Beseitigen von Unwissenheit und dem Ansammeln von Weisheit durch Kontemplation, sowie dem Vermehren von Intelligenz. Dieses Anwachsen der Intelligenz fördert das Verständnis der Dharma-Überlieferungen, wie auch die Geisteskraft allgemein. Guru Rinpoche zeigte auf diese Weise den Pfad durch den Ansatz des tiefgründigen Wissens durch Studium und der Praxis zum Wohle der fühlenden Wesen.
Nachdem er Oddiyana verließ, wanderte er an den acht Leichenstätten in Indien umher. An diesen Stätten gab er auf einer geheimen, inneren Ebene den Wesen ausführliche Dzogchen-Unterweisungen und auch Erklärungen zu den neun methodischen Ansätzen.
Während er so an den verschiedenen Leichenstätten umherzog, kam er eines Tages zum Mahabodhi-Stupa in Bodhgaya. Dort traf er eine alte Frau, die ihn fragte: „Wer ist dein Lehrer?  Zu welcher Linie gehörst du?“ Guru Rinpoche antwortete: „Ich habe keinen Lehrer und ich brauche auch keinen. Auch gehöre ich keiner speziellen Linie an. Ich bin ein völlig erleuchtetes Wesen, uranfänglich gewahr.“ Die alte Frau erwiderte sogleich: „Ach was, das stimmt nicht. Ohne die Segnungen eines Lehrers könntest du nicht erleuchtet sein. Du musst eine Verbindung mit einem Meister haben. Fehlt es daran, dann wird niemand deinen Worten glauben.“ Er verstand sofort die Wichtigkeit der Aussage der alten Frau, wenn es darum ging, die Lehre für andere bereitzustellen. Um die überragende Methode der Annäherung an den Dharma zu zeigen, begann Guru Rinpoche Linienlehrer aufzusuchen und den Lehren gemäß ihrer Anweisungen zu folgen. Dadurch zeigte er, dass es noch immer notwendig ist, Linienverbindungen zu haben, auch wenn man schon ein hochverwirklichtes Wesen ist. Um diese Wahrheit mitzuteilen, kontaktierte Guru Rinpoche weiterhin viele große Meister und empfing ihre Lehren.

Fünf Wissensgebiete

Im alten Indien galt man als gelehrte Person, wenn man die zehn Wissenschaften – und dabei besonders fünf Hauptfächer wie Sprache, Kunst, Logik, Medizin und die Wissenschaft des Geistes und der Meditation – gemeistert hatte. Also kam Guru Rinpoche auf seiner Suche nach einem bekannten Sprachgelehrten an einen alten Mann in Bengalen. Nachdem er von diesem als Schüler angenommen wurde, lernte Guru Rinpoche die vier Hauptsprachen Indiens wie Sanskrit, Prakrit, Apabhramsa und Paisacika sowie 160 lokale Dialekte. Dadurch war er in der Lage, den fühlenden Wesen in großer Zahl zu nützen, da er ihnen den Dharma nun in ihren Sprachen darlegen konnte. Wie man sieht, ist auch dieses Wissen nützlich.
Danach ging er in den Westen Indiens. In Padmavati traf er einen berühmten Arzt, der ihm alles über Medizin und Heilkunst beibrachte. Danach studierte er Logik und die Kunst der Argumentation. Auch das ist hilfreich in unserer Zeit. Mittels Analyse und Schlussfolgerung sind wir in der Lage, vieles zu entdecken, was sich nicht unmittelbar unseren Sinnen erschließt. Außerdem studierte Guru Rinpoche mit Manjushri in China auch die esoterische Astrologie, sowie Kunst mit dem Meister Visvakarma. Das Wissen um die Qualität der Zeit ist für das Ausüben bestimmter Praktiken von höchster Bedeutung. Und der ästhetische Ausdruck in den drei Toren ist auch im Dharma von größter Bedeutung, da auf diese Weise die drei Tore kultiviert werden.
Um die fünfte Wissenschaft zu studieren, die vom Verständnis, den Merkmalen und Identität des Geistes handelt, empfing Guru Rinpoche von Ananda die Ordination und erhielt von ihm die Erklärungen zu den drei Lehrkörben. Ferner empfing er die Lehren der äußeren Tantras und verwirklichte rasch alle Erkenntnisse, die in den Texten beschrieben waren. Die Meisterin  Gomadevi unterwies Guru Rinpoche in den Lehren des Mahayoga. Weitere Mahayoga-Lehren, die 18 großen Tantras, empfing er im Akanishta-Bereich von Vajrasattva. Dann empfing er von Buddha Vajradhara die 13 Anuyoga-Lehren, die als die „fünf großen Stupas und acht großen Orte“ bekannt sind. Von Garab Dorje, dem ersten menschlichen Dzogchen-Lehrer, sowie von Buddha Samantabhadra empfing Guru Rinpoche die Lehren des Atiyoga. Und schließlich vollendete Guru Rinpoche seine Studien beim Meister Manjushrimitra. Dieser führte ihn an einen düsteren und furchteinflößenden Leichenplatz, wo die Dakini Lekyi Wangmo lebte. Manjushrimitra empfahl Guru Rinpoche, sich an diese Dakini zu wenden, wenn er weitere Atiyoga-Anweisungen empfangen möchte.

Die Dakini Lekyi Wangmo

Als er dort ein junges Mädchen mit Kristallvase traf, fragte er sie nach der Dakini. Aber auf seine eindringlichen Fragen erhielt er keine Antwort. Schließlich manifestierte er ein paar seiner Zauberkräfte. Doch damit beeindruckte er das Mädchen nicht im Geringsten. Vielmehr öffnete sie mit einem Kristallmesser ihre Brust und offenbarte ihm das Mandala der 100 Friedvollen und Zornvollen in ihrem Herzzentrum. Daraufhin bat er sie um Unterweisungen. Sie führte ihn an einen Palast aus Schädeln. Als Guru Rinpoche in den Palast eintrat, verwandelte sich die Dakini von einem friedvollen Mädchen in eine halbzornvolle Gestalt auf einem Sitz aus Sonne und Mond stehend, mit einem Khatvanga in ihrer linken Hand. Feuerfunken gingen von ihr aus. Guru Rinpoche verneigte sich respektvoll, umschritt ihren Thron und brachte Mandala-Opferungen dar, um die gesamten inneren Vajrayana-Lehren einschließlich der Ermächtigungen, Übertragungen und Kernanweisungen zu erbitten.
In diesem Moment führte sie die Unterwerfungsgeste aus und im Raum zwischen ihren Fingern erschien das gesamte Mandala der friedvollen und zornvollen Gottheiten. Doch Guru Rinpoche erbat von ihr persönlich die Ermächtigungen. Daraufhin intonierte sie die Silbe HUM und das Mandala löste sich auf und verschmolz mit ihr. Nachdem sie weiter HUM intonierte, verwandelte sie Guru Rinpoches Körper in eine winzige HUM-Silbe und verschluckte ihn. So verblieb er jeweils für eine Woche in jedem ihrer fünf Zentren und empfing in den ersten vier Chakras die vier Ermächtigungen. Äußerlich empfing er die Ermächtigung in Buddha Amitayus, innerlich die in Avalokiteshvara und auf einer geheimen Ebene erlangte er die Verwirklichung in Hayagriva. Da er alle Ermächtigungen und Übertragungen der inneren Tantras vollständig empfangen hatte, trat er durch das geheime Zentrum der Dakini in Erscheinung. Er war ihr gleich an Verwirklichung geworden.
So wurde er zu einem überragenden Wissenshalter.  Obwohl er von seinen indischen Lehrern bereits die Übertragung der acht Herukas empfangen hatte, erhielt er diese auch nochmals in kombinierter Form von der Dakini Lekyi Wangmo, welche er später an seine acht Lehrer übertrug. Anschließend reiste er an viele verschiedene Orte, um den fühlenden Wesen zu nützen. Seither ist er als Guru Loden Chogse bekannt.

Wissen vermehren

Obwohl Guru Rinpoche als direkte Emanation von Buddha Amitabha gilt und bereits vollständig erleuchtet war, zeigte er auf, wie er einem Studienablauf und einer Entwicklung folgte. Dies kann auch uns dazu inspirieren, unsere angeborene Weisheit Schritt für Schritt zu entwickeln. Diese aufeinander folgenden Aspekte des Pfades sind sehr wichtig. Wir können nicht unsere karmischen Verbindungen ignorieren, Abkürzungen suchen und auf eine höhere Stufe springen. Vielmehr müssen wir in der Lage sein, dem Pfad in seiner Gesamtheit zu folgen und uns schrittweise entwickeln.
Als Guru Loden Chogse zeigte Padmasambhava diese Fähigkeit des Lernens auf uns wurde so ein Adept in vielen Wissensgebieten. Obwohl er bereits die vollständige Verwirklichung erlangte hatte, zeigte Padmasambhava in der Emanation des Loden Chogse die Geduld beim Ansammeln von Wissen und der Weisheitslehren auf. Er ist somit die Weisheitsemanation von Guru Padmasambhava und wie bei der Praxis auf Manjushri beseitigt die Praxis auf Guru Loden Chogse die Schleier der Unwissenheit, das Meistern der Künste und Wissensgebiete und das letztendliche Erwachen in die Wirklichkeit der uranfänglichen Weisheit.
In der Ermächtigung auf Guru Loden Chogse wird gesagt: „Wird auf diese Weise diese Ermächtigung erlangt und sogar nur ein kleinwenig Anstrengung in der Praxis unternommen, wird das höchste Wissen aus der Weite herausströmen und man Meisterschaft über den Dharma erlangen. In Zukunft wird man am glorreichen Berg, im Lotuslichts untrennbar von Padmasambhava werden. Darüber besteht kein Zweifel.“

Basierend auf den Schilderungen von Orgyen Lingpa, Jamgön Kongtrul und den Kommentaren des Khenchen Palden Sherab Rinpoche zusammengestellt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es inspirierend sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Juni 2018

Leerheit bestimmen

thunderstorm-3440450_1920Wieder fragte der Bodhisattva Prasannatindra: „Oh Lehrer, Bhagavan, möge der allgegenwärtige Herr, der unveränderliche Herrscher mich erhören und auf mich blicken. Egal wie viel jemand auf diese Weise meditiert, indem er den Geist und das Bewusstsein als Pfad nimmt, wenn das nicht im resultierenden Zustand der Befreiung oder Buddhaschaft mündet, dann zeigt uns doch bitte eine Methode, damit wir selbst die ursprünglich reine Große Vollkommenheit, das herrschaftliche Gewahrsein frei von Extremen, identifizieren können, ohne einen langen und schwierigen Pfad durchlaufen zu müssen, der verschiedene Freuden und Sorgen liefert, aber keine Verwirklichung der Frucht. Enthüllt uns die Stufen des Pfades frei von Härten und gebt uns tiefgründige, praktische Anweisungen, damit wir keine Fehler machen.“
Er erwiderte: „Oh Kind aus guter Familie, der große universelle Grund aller spirituellen Fahrzeuge ist tiefgründige Leerheit. Ich werde die Art und Weise erklären, wie man die Wirklichkeit der tiefgründigen Leerheit bestimmt, also höre gut zu! Die Grundlage der Täuschung für alle fühlenden Wesen der drei Bereiche ist allein die Unwissenheit. Prüfe die Grundlage und Wurzel ihres Entstehens, ihres Aufenthaltsortes und ihres Vergehens. Um die Basis und Wurzel des anfänglichen Entstehens des Ich zu untersuchen: es gibt einen Bewusstseinsstrom, der nach dem fundamentalen, durchdringenden, umgebenden Raum als das Selbst greift. Alle Erscheinungen und Geisteszustände sind nicht existent und nicht etabliert, außer als bloße Erscheinungen, da ihre Quelle des Entstehens leer ist.

Den Aufenthaltsort des Ich suchen

Um den Aufenthaltsort zu untersuchen, wo es sich inzwischen aufhält: der Kopf wird Kopf genannt und ihm wird nicht der Name Ich gegeben; Haar ist Haar und nicht Ich; die Augen sind Augen und nicht Ich; die Ohren sind Ohren und nicht Ich; die Nase ist die Nase und nicht Ich; die Zunge ist die Zunge und nicht Ich; die Oberarme sind die Oberarme und nicht Ich; die Unterarme sind Unterarme und nicht Ich; die Handflächen, die Handrücken und die Finger sind nicht Ich; die Wirbelsäule ist nicht Ich; die Rippen sind nicht Ich; die Lungen und das Herz sind nicht Ich; die Leber und ihr Belag sind nicht Ich; der Dünndarm, die Milz und die Nieren sind nicht Ich. Die Schenkel, Hüften, Waden, Fußgelenke und alle Finger und Zehenglieder haben ihre eigenen Namen und sie sind nicht Ich. Die Haut, das Fett, das Fleisch, das Blut, die Lymphe, die Sehnen und Bänder und die Haare des Körpers haben alle ihre eigenen Namen und werden nicht als das Ich bezeichnet.
Wenn das Ich sich im Unterkörper befinden würden, dann gäbe es keinen Schmerz, wenn der Kopf und die oberen Glieder abgetrennt werden würden, also ist es dort nicht vorhanden. Wenn es sich im Oberkörper befinden würde, dann gäbe es keinen Schmerz, wenn den unteren Körperteilen wie den Beinen Leid geschehen würde. Wenn es sich innen befinden würde, dann gäbe es keinen Grund, dass man Schmerz empfindet, wenn die äußeren Körperhaare und die Haut abgeschabt werden würden. Überlege, ob es sich im Körper befindet. Wenn all deine Kleider, deine Juwelen, deine Nahrung, dein Reichtum und Besitz fortgenommen werden und von jemand anderen verwendet werden würden, entstehen Elend und unerträgliches Verlangen und Feindschaft, daher befindet es sich nicht dort. Überlege, ob es sich in äußeren Objekten befindet. Die gesamte Welt und ihre Bewohner würden als zu einem gehörig angesehen werden, aber tatsächlich haben alle Dinge ihre eigenen Namen und sind daher nicht Ich. Auch wenn alle Erscheinungen der Welt und ihre Bewohner getrennt von einem Ich einzeln zu existieren scheinen, unter allen Traumphänomenen, Phänomenen dieses Lebens und Phänomene des nächsten Lebens scheinen das Selbst und alle Erscheinungen wie der Körper und sein Schatten zu sein, so wie Flüssigkeit und Feuchtigkeit, und wie Feuer und Hitze. Somit dominiert das Ich die ganze Welt und ihre Bewohner, aber das Ich kann nirgendwo lokalisiert werden.

Den Bestimmungsort des Ich feststellen

Schließlich untersuche und analysiere seinen Bestimmungsort: die ganze phänomenale Welt ist die Grundlage und die essentielle Natur der großen Truggestalt des Ich, also ist ihr Bestimmungsort natürlicherweise leer. Alle drei Bereiche erscheinen aus dem wundersamen Erscheinen des Greifens nach einem Ich, also muss es nicht irgendwo hingehen. Das Wesen, das der Akteur ist, entsteht nirgends und es hält sich nirgends auf, somit folgt, dass es verschwindet.“

Beständigkeit der Erscheinungen

Wieder fragte Prasannatindra: „Wenn es also sicher ist, dass sein Ursprung, sein Aufenthaltsort und sein Bestimmungsort nicht existieren und nicht errichtet sind, was könnt Ihr über die Beständigkeit von einer Erscheinung zur nächsten berichten? Möge der Lehrer das erklären!“
Er erwiderte: „Oh Kind aus guter Familie, nachdem das Bewusstsein, das nach dem Ich greift, sich manifestiert hat, erscheinen das Ich und ‚Geist‘ aus ihrem eigenen Raum und sie verschwinden wieder in ihren eigenen Raum. Sie treten abwechselnd hervor und ziehen sich wieder in die Weite des wertfreien Grundes der Leerheit zurück. Somit erscheinen Traumphänomene, Phänomene des Wachzustandes und all die Phänomene der drei Bereiche nichtexistient als bloße Erscheinungen. Daher wisse, dass der Aufenthaltsort der Bewegung, der Bestimmungsort von dem, der sich bewegt und der Akteur sind begründet sind.“

Ursächliche Unwissenheit

Wieder fragte der Bodhisattva Prasannatindra: „Oh Lehrer, Bhagavan, wenn sich das Greifen nach einem Ich in die absolute Natur auflöst, ist dann sein Kontinuum durchtrennt? Möge der Lehrer das erklären!“
Er erwiderte: „Oh Kind aus gutem Hause, auch wenn die Erscheinungen und Geisteszustände des Greifens nach einem Ich sich in die absolute Natur hinein auflösen, agiert der wertfreie neutrale Grund, dessen ausgezeichnete Qualitäten nicht manifest sind, als die Ursache für des Greifen nach einem Selbst. Somit wird einfach das unaufhörliche Kontinuum der ursächlichen Unwissenheit des Greifens nach einem Selbst das Greifen nach der Identität einer Person genannt.“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Mai 2018

Der Mann mit der Gebetsmühle

arnie-2454692_1920Einst war ein alter Mann im fernen Osten von Kham, der als der Mani-Mann bekannt war, weil er Tag und Nacht mit dem hingebungsvollen Drehen seiner kleinen, handgemachten Gebetsmühle angetroffen wurde. Die Mühle war mit dem Mantra des Großen Mitfühlenden – OM MANI PADMA HUM – gefüllt. Der Mani-Mann lebte mit seinem Sohn und ihrem einzigen ausgezeichneten Pferd. Der Sohn war die Freude im Leben des Mannes, der Stolz und die Freude des Sohnes war das Pferd.
Die Frau des Mannes war nach einem langen Leben in Tugend und Dienst schon lange zuvor für weitere glücklichere Wiedergeburten verstorben. Vater und Sohn lebten frei von übermäßigen Wünschen und Bedürfnissen in einem von mehreren Steinhäuser in der Nähe eines Flusses am Rande der Ebene.
Eines Tages verschwand ihr Ross. Die Nachbarn betrauerten den Verlust des einzigen materiellen Vermögens des alten Mannes, aber der stoische alte Mann drehte einfach seine Gebetsmühle und rezitierte OM MANI PADME HUM, das nationale Mantra von Tibet. Jedem der sich erkundigte oder sein Beileid ausdrückte, sagte er einfach: „Sei dankbar für alles. Wer kann sagen, was gut oder schlecht ist? Wir werden sehen…“
Nach einigen Tagen kehrte das prächtige Geschöpf zurück, gefolgt von einem Paar wilder Mustangs. Diese wurden rasch vom alten Mann und seinem Sohn trainiert. Dann sang jedermann feierliche Lieder und gratulierte dem alten Mann wegen seines unerwarteten Glücks. Der Mann lächelte über seiner Gebetsmühle und sagte: „Ich bin dankbar… aber wer weiß? Wir werden sehen.“
Dann während eines Ritts auf einem der Mustangs fiel der Junge herab und zerschmetterte sein Bein. Ein paar Nachbarn trugen ihn nach Hause, verfluchten das Wildpferd und betrauerten das Los des Jungen. Aber der alte Mann, auf der Bettkante seines geliebten Sohnes sitzend, drehte einfach wieder und wieder seine Gebetsmühle, während er sanft das Mantra des Großen Mitgefühls des Chenrezig murmelte. Er beklagte sich nicht, noch antwortete er auf ihre Klagen über das Schicksal, aber er nickte freundlich mit seinem Kopf, wiederholte was er zuvor gesagt hatte. „Der Buddha ist segensreich, ich bin dankbar für das Leben meines Sohnes. Wir werden sehen.“
In der nächsten Woche erschienen Militärbeamte und suchten nach jungen Wehrpflichtigen für einen beginnenden Krieg an der Grenze. Alle örtlichen Jungen wurden sofort mitgenommen, außer dem bettlägerigen Sohn des Mani-Mannes. Dann gratulierten die Nachbarn dem alten Mann für sein großes Glück und fügten hinzu, dass solch ein Glück vom angesammelten guten Karma kommt, da der alte Mann unaufhörlich die Gebetsmühle dreht und beständig Mantras auf seinen rissigen Lippen hat. Er lächelte und sagte nichts.
Eines Tages als der Junge und sein Vater ihre ausgezeichneten Pferde beim Grasen auf der Grasebene zusahen, begann der schweigsame alte Mann plötzlich zu singen:

Das Leben dreht sich und dreht sich, auf und ab wie ein Wasserrad,
unsere Leben sind wie seine Eimer, die immer wieder und wieder geleert und angefüllt werden.
Gleich dem Ton eines Töpfers wird unsere körperliche Existenz
von einer Form in einer anderen wieder hergestellt.
Die Schatten zerbrechen und bilden sich wieder und wieder,
die Niederen werden erhaben und die Hohen fallen hinunter,
das Dunkel wird zum Licht wachsen und die Reichen verlieren alles.
Wenn du, mein Sohn, ein außergewöhnliches Kind wärest,
dann würden sie dich als eine Wiedergeburt zu einem Kloster mitnehmen.
Wenn du zu intelligent wärst, mein Sohn,
von den Streitigkeiten anderer Leute würdest du in einer Amtsstube sein.
Ein Pferd ist des einen Mühe wert.
Vermögen ist gut,
aber zu bald verliert es seinen Geschmack
und kann am Ende eine Last, eine Quelle von Streit sein.
Niemand weiß, welches Karma uns erwartet,
aber was wir nun säen wird geerntet
in Leben, die kommen. Das ist gewiss.
Also sei gütig zu jedem und allen
und sei nicht voreingenommen,
basierend auf Illusionen von Gewinn und Verlust.
Hege kein Hoffen oder Fürchten, weder Erwartungen noch Ängste,
sei allem dankbar, was immer auch dein Los sein mag.
Akzeptiere alles, akzeptiere jeden und
folge dem unausweichlichen Gesetz des Buddha.
Sei einfach und sorgenfrei, lebe natürlich in Ruhe und Frieden.
Du kannst Pfeile in den Himmel schießen, wenn du magst,
mein Sohn, aber sie werden unausweichlich auf die Erde zurückfallen.

Als er so sang, flatterten die Gebetsfahnen über Kopf und die alte Gebetsmühle, die mit hunderttausenden handgeschriebenen Mantras angefüllt war, begann sich zu drehen. Dann verstummte der alte Mann.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Mai 2018

Die richtige Motivation finden

„Hängst du an diesem Leben, bist du kein wahrer spiritueller Praktizierender,
hängst du an Saṃsāra, hast du keine Entsagung,
hängst du an deinem eigenen Selbstinteresse, hast du kein Bodhicitta,
ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.“

(von Manjushri zu Sachen Kunga Nyingpo)

Der Zweck des Buddhismus ist nicht, uns glücklicher zu machen.

Von Dzongsar Khyentse Rinpoche

ManjushriBuddhismus wird in verschiedenen Medien wohlwollend verknüpft mit Gewaltlosigkeit und auch mit Glücklichsein geschildert. Aber dieses Ansehen ist ein Besorgnis, weil der Zweck des Buddhismus ist nicht, uns glücklich zu machen. Der Zweck des Buddhismus geht über Glücklichsein und Unglücklichsein hinaus. Der Zweck des Buddhismus ist Erleuchtung zu erlangen. Dieser Punkt wird von Manjushri und Sachen Kunga Nyingpo und Jetsü Drakpa Gyaltsen betont.
Es ist entmutigend zu sehen, dass Bücher über Buddhismus am Bücherbrett der Selbsthilfeabteilung zwischen Büchern über Entspannung und Aromatherapie stehen. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum es entmutigend ist. Es ist schwer zu sagen, weil es politisch nicht korrekt ist, ein Kritiker von Frieden und Liebe und Lächeln usw. zu sein. Aber heutzutage ist es so, wenn das Wort „Glücklichsein“ im Titel deines Buches vorkommt und wenn es einen Standpunkt hat, dann ist wird es fast schon garantiert ein Bestseller.
Wenn wir zum Buddhismus für einen gesunden Geist kommen, was ist unsere Motivation? Warum wünschen wir einen starken Geist, einen beherrschten Geist? Ein guter Manager zu sein? Ein guter Anführer zu sein? Wenn wir mit solch einem Wunsch daherkommen, lernen wir vielleicht ein paar Einsichten über Führerschaft, aber Buddhismus ist nicht speziell dafür gemacht, uns darin zu üben, erfolgreiche Anführer zu werden. Im Gegenteil, Buddhismus ist dafür gemacht unsere Karriere im Management zu ruinieren. Wenn Management und Führerschaft so wichtig gewesen wären, dann hätte Siddhartha wohl niemals Kapilavastu verlassen, wo er eine goldene Gelegenheit hatte, ein ganzes Land zu managen.
Es ist einfach zu sagen, dass wir die richtige Motivation haben, aber wir müssen das sorgfältig prüfen, um sicherzustellen, dass dies auch wirklich der Fall ist. Sind wir hier, um diese Lehren zu hören, mit dem Ziel, Erleuchtung zu erlangen? Wir alle möchten auf diese Frage mit „ja“ antworten, stimmt’s? Aber wir sollten uns selbst fragen, ob wir aufrichtig Erleuchtung erlangen möchten. Ernsthaft, denkt darüber nach.
Für mich ist die Idee der Erleuchtung nicht anziehend. Samsarischer Erfolg und Gewinn und Einfluss und die Spiele, die wir spielen, sind viel attraktiver. Ich bin von Samsara sehr angetan und auch von Erleuchtung als romantisches Ideal mit einem goldenen Schein, strahlend und allwissend. Alles davon ist fein. Aber wirklich nur zu Zeiten von Not und Elend, wenn ich beispielsweise in einem Flugzeug fliege und es auf Turbulenzen trifft, dann denke ich immer über Erleuchtung nach. Sobald ich sicher zurück auf dem Boden bin und von Freunden oder der Familie umgeben bin, dann hat mich das Verlangen nach Aufmerksamkeit und Gewinn wieder in seiner Macht und ich verschwende nicht eine Sekunde eines Gedankens an Erleuchtung.
Nicht nur das, manchmal hinterfrage ich sogar die Erwünschtheit des Zustandes der Erleuchtung. Von einem emotionalen Standpunkt aus sind die wunderbaren Qualitäten, denen Erleuchtung nachgesagt wird, sehr verlockend. Aber fragt euch ehrlich, wollt ihr wirklich allwissend werden? Es wird dann keine Überraschungen geben, wenn ihr allwissend seid. Ihr könnt euch dann nicht dem Geheimnisvollen einer guten Detektivgeschichte erfreuen, weil ihr wisst schon, wie sie endet. Ihr könnt euch nicht mehr an der Neuartigkeit von etwas erfreuen. Ihr könnt kein neues Essen entdecken, weil ihr schon wisst, wie es schmeckt. Ihr könnt euch an Klatsch und Tratsch nicht erfreuen. Warum? Weil ihr schon all die Einzelheiten kennt.
Von unserem verblendeten Standpunkt aus klingt Erleuchtung äußerst langweilig, ein Ort, der vom Reiz entkleidet ist, überhaupt keine Aufregung mehr. Also wer möchte erleuchtet werden? Und weil wir vielleicht solche gemischten Gefühle haben, ist es wichtig, unsere Motivation zu klären. Lasst uns daran erinnern, unsere Motivation von Zeit zu Zeit zu stimmen, aber besonders zu Beginn jeder Sitzung.

Von Dzongsar Khyentse Rinpoche; aus den Erklärungen zum Text des Sachen Kunga Nyingpo über das „Abstandnehmen von den vier Anhaftungen“ (tib., zhen pa bzhi bral). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

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