Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. September 2020

Den Geist zum Pfad der Befreiung machen

Der Bodhisattva Mahasahasrananta bat: „Oh Lehrer, Bhagavan, möge der Lehrer den tiefgründigen Pfad enthüllen, der die Schüler befreit!“

Er erwiderte: „Oh Kind aus guter Familie, es scheint viele Wege geschickter Mittel undWeisheit zu geben, die als Eingang in die Stadt der großen Befreiung dienen. Aber schließlich den Geist als den Pfad zur Befreiung zu machen, ist die Frage nach dem wahren Pfad und sobald die Grundlage bestimmt worden ist, kann man die Dharmata als Pfad nehmen. Von diesen beiden Alternativen nimmt macht man zuerst den Geist zum Pfad.

Von Beginn an üben sich Schüler, die ihre Samayas halten, anfänglich in der Art der allgemeinen, äußeren Grundlagen, nämlich der Vier Gedanken, die den Geist wenden und den ungewöhnlichen, sieben inneren Grundlagen. Am Ende dieser gibt es die Art und Weise, wie man die Stufen der Hauptpraxis des Suchen des Pfades ausführt.

Zuerst einmal geht in einen völlig entlegenen Wald, sprecht Gebete der Anrufung an euren spirituellen Mentor, vermischt euren Geist mit dem eures Mentors, dann entspannt für eine kurze Weile. Oh Mahasahasrananta, von deinem Körper, Rede und Geist, was ist am wichtigsten? Wer ist der Handelnde? Sag mir, wer ist der unwandelbare, selbständige Herrscher? Dann zum großen Vorteil der Schüler werden die Handlungen von Lehren, Hören und der Natur der Anweisungen völlig klar werden.“

Dann erwiderte der Bodhisattva Mahasahasrananta: „Oh Lehrer, Bhagavan, der Körper ist vom Geist konstruiert. Wenn Materie und Gewahrsein sich nach dem Tode trennen, dann folgt der Geist seinem Karma und beginnt wieder getäuscht nach der Erscheinung eines Körpers zu greifen. Ferner sind der Körper im Wachzustand, der Körper beim Träumen und der Körper, der auf dieses Leben folgt, vom Geist des Greifens nach einem Selbst geschaffen. Sie sind zeitweilige Verwandlungen, die niemals bestanden haben, außer als bloße Erscheinungen des Geistes. Da der Geist der alles gestaltende Herrscher ist, ist er von größter Wichtigkeit.

Ein geistloser Körper ist nicht vielmehr als ein Leichnam, da er keine Macht hat. Wenn der Körper und der Geist sich trennen, dann sind die Phänomene des Empfindens von Freude und Kummer, den Zustand der Buddhaschaft erreichen oder in den drei Bereichen von Samsara umherzuwandern, aufgrund des Geistbewusstseins, die hinsichtlich der Objekte getäuscht sind. Somit ist er gewiss der Handelnde.

Betreffend der Rede, welche Erscheinungen der Stimmgebung auch entstehen, sie sind nicht viel mehr als Erscheinungen des Geistes. Rede hat keine andere Existenz als das Phänomen der Stimmgebung, die durch die Begrifflichkeit des Geistes konstruiert wordenist, somit ist der Geist am wichtigsten. Wenn der Körper, die Rede und der Geist nacheinander trennen, dann ist der Geist, der weiter bestehen bleibt, der Körper verwandelt sich in einen Leichnam und die Rede vergeht insgesamt. Somit ist der Geist definitiv am wichtigsten.

Dies ist die Art und Weise, wie Körper, Rede und Geist als nicht verschieden begründet werden. Bei der Praxis der Erzeugungsstufe werden Körper, Rede und Geist von einem als der Ausdruck des Vajra-Körpers, der Vajra-Rede und des Vajra-Geistes der gewählten Gottheit angesehen. Indem man das macht, werden sie gereinigt und Befreiung wird erlangt. Wenn sie sich trennen, dann werden sowohl der unveränderliche Vajra des Körpers wie auch der ungehinderte Vajra der Rede zurückgelassen, während der Geist irgendwohin weiterzieht. Wenn sich dann die Versammlung der drei Vajras auflöst, würde die Gottheit dann umkommen? Und da diese drei nicht verschieden von einander sind, werden sie als „ein Geschmack“ festgelegt.

Somit sind diese drei nichts anderes als der Geist. Sie werden als der Geist allein ermittelt und das ist das beste und höchste Verständnis.“

Wiederum fragte der Lehrer: „Hast du, der alles ausführende Herrscher, Gestalt oder nicht? Wenn du eine hast, welche Art der Gestalt eines Lebewesens nimmst du an? Hat dieser Herrscher Augen, Ohren, eine Nase, eine Zunge und geistige Wahrnehmung oder nicht? Wenn ja, wo existieren sie jetzt? Wo sind sie? Ferner hast du eine runde, rechteckige, halbkreisförmige, dreieckige, vielseitige oder irgendeine andere Art der Form? Bist du weiß, gelb, rot, grün oder von verschiedener Farbe oder nicht? Wenn ja, dann lass es mich unter allen Umständen direkt mit meinen Augen sehen oder lass es mich mit meiner Hand berühren!

Wenn du dir sicher bist, dass nichts davon existiert, dann bist du möglicherweise in das Extrem des Nihilismus gefallen. Daher enthülle mir nun die Realität von Samsara und Nirvana, Freude und Kummer, Erscheinung und dem Geist und all ihren substanziellen Ursachen.“

Mahasahasrananta erwiderte: „Oh Lehrer, Bhagavan, das Selbst hat keine Form, somit ist es leer von Form. Genauso hat es keinen Klang, Geruch, Geschmack, keine Berührung oder Geistesobjekte, somit ist es leer von diesen. Es ist leer von Form und Farbe, somit ist es leer. Die Augen, Ohren, Nase, Zunge und geistige Wahrnehmung haben gewiss keine Existenz außer dem klaren, deutlichen Bewusstsen selbst. Ohne sie nihilistisch zur Nicht-Existenz zu reduzieren, erscheinen die unbestimmten Manifestationen von Samsara und Nirvana wie ein Zauberer und seine Illusionen. Somit bin ich zur Schlussfolgerung gelangt, dass [der Geist] einfach ein unaufhörlich Handelnder ist.“

Der Bhagavan fragte: „Oh Geist-Vajra, sag mir, was ist die Quelle, von der aus du zuerst entstanden bist? Bist du aus der Erde, aus Wasser und Feuer, Wind und Raum entstanden oder bist du aus den vier Hauptrichtungen, von oben oder von unten entsprungen? Untersuche den Ort der Entstehung und das, was entsprungen ist und analysiere sie! Ebenso utnersuche den Ort, an dem du dich anschließend aufhältst und das, was vorhanden ist und analysiere sie!

Wenn der sogenannte Geist sich im Kopf befindet, wenn dann beispielsweise der Fuß von einem Dorn durchbohrt wird, dann gäbe es keinen Grund für die Erfahrung eines scharfen Schmerzes. Wenn er im Fuß lokalisiert werden würde, warum würde es dann das Unbehagen geben, wenn der Kopf und andere Glieder amputiert werden würden? Angenommen er würde sich im Körper als Ganzes lokalisieren lassen. Wenn dann in deisem Fall unerträgliches Bedauern und Elend im Geist entstehen würden, wenn außen ein Stück Stoff, eine Tasse, ein Haus und andere Besitztümer von anderen weggenommen oder zerstört werden würden, dann müsste sich der Geist in diesen befinden. Wenn er sich drinnen befinden würde, dann würde es niemanden geben, der sich mit Dingen außerhalb identifiziert. Wenn er sich außen aufhalten würde, dann gäbe es keine Festhalten oder Greifen nach dem Körper drinnen. Wenn es stimmen würde, dass er sich heutzutage im Körper aufhält, wo würde er dann lokalisiert werden, wenn er sich vom Körper trennt? Auf was würde er sich stützen?

Zeige direkt den Körper, das Gesicht und den Aufenthaltsort von dem auf, der präsent ist. Untersuche den Aufenthaltsort und die Umgebung von dem, der präsent ist und die Größe usw. dieses Agierenden. Beobachte das! Schließlich musst du die Handlung des Gehens und den Gehenden untersuchen, auch beobachte das Ziel, den Pfad und den Punkt des Losgehens von Seiten des Geistes, dem alles ausführenden Akteurs und sieh, wie es sich bewegt. Wenn du das Gehen und denjenigen, der geht, siehst, dann zeige mir die Größe des Gehenden und seine Gestalt, seine Form und Farbe.“

Mahasahasrananta entgegnete: „Oh Lehrer, Bhagavan, ich habe keine Augen und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Form erscheint. Genauso habe ich keine Ohren und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Klang erscheint. Ich habe keine Nase und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Geruch erscheint. Ich habe keine Zunge und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Geschmack erscheint. Ich habe keinen Körper und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Berührung erschent.

Daher existieren die fünf Sinne wie auch ihre Erscheinungen nicht, somit gibt es auch niemanden, der entstanden ist. Wenn es denjenigen, der entstanden ist, nicht begründet wird, von dieser Zeit ist der sogenannte Geist nicht etabliert und nichtexistent. Bis jetzt sollte es etwas gegeben haben, das die Merkmale trägt, die diese Entität genannt wird. Ich bin ungeschaffene Leerheit, daher ist die Quelle der Entstehung leer. Um nach dem Ort der Entstehung zu suchen, so ist Erde etwas, das ich konstruiert habe. Genauso alle Elemente einschließlich Wasser, Feuer, Luft und Raum sind nichts anderes als wundersame Erscheinungen des Greifens nach einem Selbst allein. Somit ist festgestellt, dass derjenige, der entstanden ist, nicht objektivierbar ist.

Ich bin nicht lokalisierbare Leerheit, somit gibt es nichts, wo ich vorhanden bin. Was den sogenannten Körper betrifft, die Wunden, Schwellungen, Kröpfe, Geschwüre usw. können am Körper entstehen, der im Wachzustand erscheint, aber sie sind im Traumkörper nicht vorhanden. Auch wenn die Wunden, Schwellungen, Kröpfe und Geschwüre erscheinen mögen, als ob sie den Körper und die Glieder in einem Traum heimgesucht haben, so sind sie als Phänomene im Wachzustand nicht vorhanden. Als Phänomen im Wachzustand kann der Körper durch die Bestrafung eines Königs verwundet oder geschlagen werden, aber das erscheint nicht im Traumkörper. Wenn das in einem Traum geschieht, ist es im Körper im Wachzustand nicht präsent. Genauso Aufenthaltsort, Umgebung und der Agierende, die außen zu erscheinen mögen oder als Wesen innen ergriffen werden, sind nichts anderes als wundersame Erscheinungen von mir selbst.

Daher bin ich weder in einem äußeren noch in einem inneren Phänomen vorhanden. Äußere und innere Phänomene sind in mir nicht vorhanden. Sie sind Erscheinungen des Greifens nach einem Selbst, wie ein Zauberer und seine Illusionen. Sie sind nicht absichtlich konstruiert wie im Falle eines Illusionisten und seine Illusionen. Das Selbst erscheint, somit erscheinen die wundersamen Erscheinungen von anderen einfach automatisch, aber sie haben keinen Aufenthaltsort. Man mag den Bestimmungsort und den Agierenden untersuchen, aber der Ort der Bewegung und der Bestimmungsort sind alle nicht objektivierbar. Somit treffen sie nicht auf die Natur von mir und mein zu. Alle Phänomene erscheinen, während sie nichts anderes als der Bereich des Selbst sind. Außerdem ist es so, dass Körper, Rede und Geist niemals getrennt existiert haben und ihre Erscheinungen sind vom selben Geschmack. Bei allen Erscheinungen im Wachzustand, im Traum und nach diesem Leben, sind Körper, Rede und Geist nicht verschieden von mir. Somit ist es gewiss, dass der Gehende und der Bestimmungsort nicht begründet sind.“

Der Bhagavan erwiderte: „Oh Geist-Vajra, untersuche die Dimensionen deines sogenannten Geistes, dann begründe und erkenne seine wesentliche Natur. Sind sowohl der äußere Raum und der innere Geist gleich oder verschieden? Wenn sie gleich sind, dann muss die wesentliche Natur des Geistes Raum sein. Wenn sie verschieden sind, dann müsstest du zustimmen, dass Raum in einem Traum, Raum am Tag und Raum nach diesem Leben nicht eins, sondern verschieden sind. Wenn der vorherige Raum vergeht und die nachfolgenden Räume einer nach dem anderen auftaucht, dann müsste jeder Raum Gegenstand von Verwandlung, Schöpfung und Zerstörung sein. In diesem Fall ermittle die Ursachen und Bedingungen, aus denen sie entstehen. Wenn der Raum manifest am Tag aufgrund des Sonnenaufgangs am Morgen erscheint, warum bewirkt die Sonne dann nicht, dass er in einem Traum oder nach diesem Leben erscheint? Oder ist er das Klar-Licht deines eigenen Geistes? Mach nicht bloße Lippenbekenntnisse, sondern durchdringe dies vielmehr mit Gewissheit.“

Mahasahasrananta antwortete: „Oh Lehrer, Bhagavan, Raum ist unbestreitbar als die essentielle Natur meines Geistes festgelegt. Während des Tages zeigen sich Erde, Wasser, Feuer, Luft, das Selbst, andere, Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung und Geistesobjekte im Berech des Raumes und der Geist hält sie durch die Mittel der Begrifflichkeit. Im Traumerscheinungen erscheint der Grund des Geistes genauso als Raum und die gesamte Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte zeigen sich so, wie sie es zuvor taten. In zukünftigen Leben erscheint auch die wesentliche Natur des Geistes als Raum und in diesem Bereich erscheinen auf dieselbe Art und Weise die ganze Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte. Sie werden vom Geist gehalten und man ist wieder und wieder voller Illusionen.

Daher sind Raum, das Selbst, andere und alle Sinnesobjekte von einem Geschmack und sie sind gewiss nicht verschieden. Außerdem ist es die Lebendigkeit des Raumes selbst und nichts anderes, dass Erscheinungen manifest werden lässt. Die essentielle Natur des Geistes und der Grund ist Raum selbst. Verschiedene Erscheinungen treten im Bereich des geistig erkennenden, durchsichtig, klaren, für immer präsenten Bewusstseins auf. Der Ausdruck dieser Erscheinungen ist wie die Spiegelungen in einem Spiegel oder die Abbilder von Planeten und Sternen in einem Teich von durchsichtig klarem Wasser. Sobald das durchsichtig klare Bewusstsein in den zentralen Bereich des durchdringenden, leeren Raum eingetreten ist, wird es nach innen gelenkt. Dabei verschwinden der Geist und alle Erscheinungen und breiten sich unendlich in die wertneutrale, durchdringende Leerheit aus. Ich habe festgestellt, dass aufgrund des Greifens nach einem Selbst, die große durchdringende Leerheit, die essentielle Natur des Grundes als der Geist und die Geistesfaktoren erscheinen. Der Raum und die Lebendigkeit sind nichts anderes als die Realität des durchsichtigen, klaren Geistes selbst, die als ein Ergebnis von Bedingungen i Selbst und andere zerfällt.

Einfach indem man den Geist zum Pfad macht, erfährt eine Person mit überragenden Fähigkeiten die Seinsnatur der Soheit, die die Dharmata ist und realisiert die umfassende Sicht von Samsara und Nirvana und erlangt Befreiung im angeborenen Bereich des Raumes. Eine Person mit durchschnittlichen Fähigkeiten erlangt Überzeugung im formlosen Bereich und eine Person mit geringen Fähigkeiten erfährt Freude im Formbereich. Von einer Person mit den geringsten Fähigkeiten wird der Pfad als Glück im Begierdebereich erlebt. Möge der Lehrer erklärten, wie das so ist!“


Von Dudjom Lingpa aus dem „Vajra-Herz-Tantra“ (tib. dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. September 2020

Die Gelübde halten

Wie die drei Arten von Gelübden gleichzeitig eingehalten werden können

Die tibetische Übersetzung des Begriffs Nirwana bedeutet wörtlich „über das Leiden hinausgehen“. Hier bezieht sich „Leiden“ auf das Elend des Samsara, dessen Ursache Karma und unreine Emotionen sind. Über solche Ursachen „hinauszugehen“, durchtrennt das Kontinuum des Leidens und ist die höchste Ebene des Friedens oder Nirwanas. Dieser Zustand der Erleuchtung ist das Ziel des ganzen wahren Pratimoksha, einer Disziplin, die somit jeder ethischen Einhaltung überlegen ist und deren Ziel einfach das Glück der höheren Bereiche ist. Wenn man zusätzlich zum Aufrechterhalten des Pratimoksha die vollkommene Erleuchtung erlangen möchte, um anderen in großem Umfang zu nützen, und wenn man die Gelübde des Bodhichitta in Streben und Handeln gemäß einer der beiden Traditionen der Weitreichenden Aktivitäten und der Profunden Sicht gebührend ablegt, wird man zum Träger des Bodhichitta-Gelübdes. Darüber hinaus kann man, mit der hohen Motivation, anderen zu nützen, die Ermächtigung gemäß den Mantrayana-Ritualen erhalten, die die vollkommene Sicht der großen Klassen des Tantra ausdrücken. Auf diese Weise erhält man das authentische Mantrayana-Gelübde der Vidyadharas. Dies wiederum ist die Grundlage für die tiefgründige Praxis der Erzeugungs- und Vollendungsstufen. Eine Person, die alle drei Arten von Gelübden ablegt und die ihre vielen Gebote bezüglich der anzunehmenden oder aufzugebenden Handlungen, wie sie je nach Stufe erklärt werden, einhält, wird alle Qualitäten des Pfades und der Frucht erreichen.

Da die drei Arten von Gelübden ineinander übergehen, weisen sie eine einzige wesentliche Natur auf und werden nicht als getrennte Einheiten betrachtet. Sie sind jedoch in Bezug auf ihre jeweiligen Aspekte verschieden, so dass sie im Geist des Einzelnen unvermischt bleiben, bis sie einmal gebrochen werden. Dieses Prinzip der Unterscheidung nach Aspekten ist ein zentraler Punkt, weshalb jedes der drei Gelübde auf seiner eigenen Ebene gehalten werden muss, ohne verwechselt zu werden. Daher kann eingewandt werden, dass die verschiedenen Gelübde einander widersprechen. Zum Beispiel wird der Akt des Tötens, der durch das Pratimoksha-Gelübde verboten ist, im Falle eines Bodhisattvas als erlaubt bezeichnet, während er im Zusammenhang mit dem unübertrefflichen Mantrayana als ein Akt befürwortet wird, den man bereitwillig ausführen sollte, da er das Samaya der Vajra-Linie ist. Was soll man davon halten?

In der Tradition der gelehrten und vollendeten Meister der Vergangenheit (die an Praktizierende dachten, die in der außergewöhnlichen Haltung der Nächstenliebe gut bewandert waren und Vertrauen und Sachkenntnis in den Stufen der Erzeugung und Vollendung besaßen), heißt es, dass die größte Betonung auf die Praxis von Bodhichitta und Mantra gelegt werden muss. Die wesentliche Bedeutung davon wird wie folgt erklärt. Zu töten verstößt gegen das grundlegende Gebot des Pratimoksha, nämlich anderen nicht zu schaden und sich deshalb des Tötens zu enthalten. Aber ein Bodhisattva, der z.B. einen bösen und gefährlichen Mann tötet, unterbricht den Strom der Handlungen des Mannes und verringert dadurch sein Leiden. Der Zweck dieser Tat steht offensichtlich in Übereinstimmung mit dem Ziel des Pratimoksha-Gelübdes, nicht zu schaden, sondern Glück zu schaffen und den Samen der Befreiung zu pflanzen.

Wenn jedoch eine Handlung wirklich im Widerspruch zu den drei Gelübden steht, die der Buddha, geschickt in den Mitteln, in Übereinstimmung mit den verschiedenen Fähigkeiten und Bestrebungen der Wesen festgelegt hat, dann ist sie in keiner Weise zulässig. Umgekehrt, wenn bestimmte scheinbar schädliche Handlungen erlaubt sind, liegt der Grund dafür darin, dass sie letztlich nicht gegen die Gebote verstoßen. Denn alle Lehren des allwissenden Buddha, ob zweckmäßig oder absolut, sind alle in einer wesentlichen Absicht vereint. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der außergewöhnlichen Sichtweise und Meditation des Mantrayana. Alkohol, dessen Einnahme nach dem Shravaka Pratimoksha ein Vergehen ist und einen Fehler in der Bodhisattva-Disziplin darstellt, wird im Mantrayana als eine Substanz des Samayas betrachtet, die immer vorhanden sein muss. Im Guhyagarbha-Tantra heißt es:

An Fleisch und Alkohol darf es nicht fehlen
denn sie sind Substanz der Errungenschaft,
Essen und Trinken, Essenzen und Früchte
und all das ist ein Genuss für die Sinne.

und auch:

Insbesondere ist es unangemessen, dass Fleisch und Alkohol fehlen.

Es wird gelehrt, dass solche Substanzen von Yogis genossen werden sollen, die durch das Praktizieren der Erzeugungs- und Vollendungsstufen in der Lage sind, die Kraft ihrer Gedanken zu überwinden – die auf den ersten Blick so fest und real erscheinen, die aber im Laufe der Zeit als die eigentliche Gottheit erscheinen. Im Allgemeinen bezieht sich dies auf die Gottheit des Strebens für diejenigen, die auf dem Pfad der Ansammlung sind; auf die Gottheit des Wind-Geistes, für diejenigen, die auf dem Pfad der Vereinigung sind; auf die Gottheit der Klar-Lichtheit, für diejenigen, die auf dem Pfad des Sehens sind; auf die Gottheit der gemeinsamen Ebene des Lernens; und auf die Gottheit der vereinten Ebene des Dharmakaya und Rupakaya, für diejenigen, die auf dem Pfad des Nicht-mehr-Lernens sind.

Praktizierende der inneren Tantras des Mantrayana handeln ohne dualistisches Festhalten, so dass ihre Sicht der Reinheit und Gleichheit der Phänomene unterstützt wird. Durch die geschickten Mittel der Erzeugungsstufe entstehen ihre eigenen Aggregate und Elemente, das Universum selbst und alle Wesen, die es bewohnen, als Ausdruck von Gottheit, Mantra und Mudra. Diese Praktizierenden segnen die Substanzen des heiligen Festes oder der Ganachakra-Puja (tib., tshogs) und verwandeln sie in Amrita. Und wenn sie diese Substanzen genießen, ist der Alkohol nicht mehr gewöhnlich, und auch ihre Haltung ist nicht mehr die eines gewöhnlichen Genusses. In diesem Zustand großer Reinheit und Gleichheit werden ihre Wahrnehmungen verwandelt, und sie erfahren sich selbst als die Gottheit und den Alkohol als Amrita. Unter derartigen Umständen ist es Yogis und Yoginis erlaubt, Alkohol zu konsumieren. Sie klammern sich nicht aus Eigeninteresse an ethische Gebote bezüglich dessen, was angenommen oder aufgegeben werden soll, und betrachten sie als wahrhaft existierende und unveränderliche Werte, und sie sind nicht an ihr Selbstbild als Bhikshus und Bhikshunis gebunden. Sie klammern sich auch nicht an den Begriff der uneigennützigen Großzügigkeit im relativen, materialistischen Sinne und klammern sich an die Idee, Bodhisattvas zu sein. Yogis und Yoginis, die auf diese Weise am Alkohol teilhaben dürfen, sind nicht wie die Shravakas, die das Begehren ablehnen müssen, weil sie keine Mittel haben, um Verunreinigungen und sinnliche Freuden auf dem spirituellen Pfad nutzbar zu machen. Ebenso wenig sind solche Praktizierende wie gewöhnliche Menschen, die im Bann der Negativität Handlungen ansammeln, die sie in die samsarische Existenz treiben. Durch die tiefen Yogas der Erzeugung und Vollendung werden alle Wahrnehmungen verwandelt. Alle Erscheinungen werden zum unendlichen Mandala der Gottheiten. Die Samaya-Substanzen, Alkohol und so weiter, werden als Amrita genossen, und aus diesem Grund können sie konsumiert werden. Es wird nicht nur kein Fehler begangen, sondern der Verdienst nimmt zu, denn Yogis und Yoginis, die sich solcher Samaya-Substanzen erfreuen, bringen in Wirklichkeit den Drei Juwelen und der Yidam-Gottheit Opfergaben dar. Auf diese Weise wird ihre Ansammlung von Verdiensten und ihre Entwicklung spiritueller Qualitäten weitaus intensiver gefördert, als wenn sie der Sangha, die sich aus Mönchen und Nonnen zusammensetzt, die sich auf die Pratimoksha-Disziplin beschränken, oder aus ordinierten Bodhisattvas, die sich um das Wohl anderer bemühen, denen aber noch die Sichtweise von Reinheit und Gleichheit fehlt, Opfergaben darbringen würden.

Die Einhaltung der drei Gelübde, wie sie in der Nyingma-Tradition gelehrt werden

Wenn sich der Yogi negative Emotionen und das Verlangen nach Sinnesobjekten zunutze macht, um auf dem spirituellen Pfad voranzukommen, muss er wissen, wie er die gleiche Argumentation auf alle anderen Aspekte der Gebote, sowohl auf die großen als auch auf die kleinen, anwenden kann. Anfänger in der Praxis der drei Gelübde müssen jedoch bestrebt sein, alle Gebote aller drei Gelübde so gut wie möglich einzuhalten. Zu diesem Zweck ist es unerlässlich, die Lehre unserer Tradition zu dieser Frage zu verstehen, die unter sechs Überschriften zusammengefasst ist.


Von Jigme Lingpa, aus dem „Schatzhaus der kostbaren Qualitäten“, kommentiert vom Kangyur Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. September 2020

Verführung

Früher einmal lebte in einer der großen Städte im Land Magadha ein Praktizierender namens Suryavajra, der so sehr begeistert war, den Dharma zu praktizieren, dass er vor seinen Eltern, Verwandten und Freunden davonlief, um dies zu tun. Die Maras der Täuschung bemerkten ihn und strömten auf ihn zu. Der greifbare Mara sagte, dass er ihn überwältigen würde, wenn er etwas äußerst Furcht erregendes erschaffen würde. Der ungreifbare Mara sagte, wenn er in Suryavajras Herz eindringen und verschiedene Emotionen wie Glück und Trauer hervorrufen würde, würde das ausreichen. Der Mara des Stolzes sagte, wenn er ihm viele hemmungslose Emotionen entgegenbrächte, würde das ausreichen.

Der Mara der Verlockung brachte Folgendes zum Ausdruck: „Obwohl der greifbare Mara Schrecken hervorrufen kann, wird der Praktizierende diesen durch die Anwendung der aufzeigenden Anweisungen zur Ansicht der Selbstlosigkeit durchtrennen. Das wiederum wird seinen Glanz und seine Vitalität steigern, so dass er nie wieder auf diese Weise besiegt wird. Das darf nicht zugelassen werden. Auch wenn der ungreifbare Mara in sein Herz eindringen mag, ist es leicht, auf Freude und Trauer beruhende Emotionen als kontraproduktiv und negativ zu erkennen. Er wird in der Lage sein, sie in einem grundlegenden Raum zu befreien, der frei von Entstehung und Vergehen ist. Es ist sicher, dass dies zu seinem Vorteil sein wird. Auch wenn der Mara des Stolzes durchaus Konzepte anregen wird. Da er die hinweisenden Anweisungen zum Erkennen von Konzepten als Manifestation des Gewahrseins kennt, wird er negative Zeichen als positiv akzeptieren und schlechte Umstände in den Pfad bringen. Alle drei Täuschungen bringen negative Umstände mit sich, die für diesen Praktizierenden leicht in den Pfad zu bringen sind und ihm behilflich sein können, so dass es keine Möglichkeit geben wird, ihn zu besiegen. Wenn ihr drei mir stattdessen zu Hilfe kommt, und zwar durch meine überlegenen, ausgezeichneten Mittel der Täuschung, ist es sicher, dass wir ihn gemeinsam vernichten werden!“ Mit diesen Worten spottete der Mara der Verlockungen.

Dann erfuhr der große Heilige Luipa durch Allwissenheit von den Plänen der Maras und rief nach Suryavajra, um ihn zu warnen, indem er ihm alles erzählte. Suryavajra antwortete: „ Ach! Bevor ich von diesem Plan erfuhr, bestand die Gefahr, dass ich hätte überwältigt werden können. Aber jetzt, da ich es weiß, ist es sicher, dass ich niemals von ihnen kontrolliert werden könnte.“ Luipa antwortete: „Da sie versuchen, dich auf diese Weise zu besiegen, achte darauf, dass du keine Anziehungskraft oder Anhänglichkeit an etwas hast, das besonders anziehend ist.“ So lautete sein Rat.

Damit begann Suryavajra ohne jede Ablenkung in sechs regelmäßigen Sitzungen Tag und Nacht intensiv zu üben. In der Zwischenzeit drang der Mara der Verlockung in die Herzen mehrerer Menschen, darunter auch eines ausnehmend attraktiven jungen Mädchens, ein und bezwang sie alle. Als Suryavajra in dieser Nacht sein Mandala öffnete, hatte er einen ganz besonderen Traum. Seine Meditationsgottheit erschien ihm und sagte ihm, dass er an diesem Tag die Verwirklichung erlangt habe und dass er von morgen an die gewöhnliche Verwirklichung erreichen werde. Die Gottheit sagte ihm, dass er nun von der hemmenden Kraft der Maras befreit sei. Die Gottheit fuhr auch fort, dass eine qualifizierte Gefährtin ihn besuchen würde und dass, wenn er mit ihr praktiziere, auch ohne eine dauerhafte Beziehung einzugehen, bestimmte Errungenschaften eintreten würden. In dem Moment, in dem er dies träumte, war Suryavajra von Freude und Glückseligkeit überwältigt, und schon am nächsten Tag kamen mehrere junge Leute, um ihn zu besuchen und ihm Essen und Reichtum darzubringen. Das war so befriedigend für ihn, dass er die Vorhersagen der Gottheit als authentisch empfand.

Einige Tage später besuchte ihn ein hübsches junges Mädchen mit Reis und einem weißen Seidentuch und bat ihn um Anweisungen, die ihn darauf hinweisen sollten. Sie blieb, um die Lehren zu empfangen, und er fragte sich, ob dies das Mädchen sei, von dem die Gottheit voraussagte, dass er die Vereinigung mit ihr praktizieren sollte. Er ging davon aus, dass sie es war, und falls er mit ihr praktizieren würde, wäre es leicht für ihn, sich nicht in eine tiefere Beziehung zu ihr zu verstricken. Sie praktizierten die Vereinigung, und danach verliebte er sich tief in sie, so sehr, dass es ihm schwer fiel, sich überhaupt von ihr zu trennen. Von diesem Zeitpunkt an waren sein Herz und sein Verstand so besessen von ihr, dass er nicht einmal einen Moment der Trennung ertragen konnte. Das Mädchen besuchte ihn weiterhin regelmäßig, so dass dann sogar die Stadtbewohner anfingen, Verdacht zu schöpfen, dass der Praktizierende, den sie geehrt hatten, dem Dharma tatsächlich den Rücken kehrte.

Suryavajra ging wieder nach Luipa und berichtete über alles, was sich ereignet hatte, weil er dachte, dass er – obwohl er Haushälter werden könnte – niemals den Dharma aufgeben würde. Luipa antwortete: „Du hast es zugelassen, dass der Mara der Verlockung in deinen Geist eingedrungen ist. Das zeigt genau, weshalb ich dich gewarnt habe. Jetzt musst du sofort die Verbindung zu diesem Mädchen abbrechen und wieder den starken Halt deiner inneren Praxis ergreifen. Wenn du das jetzt nicht durchtrennst, wirst du so sehr in der Dunkelheit des Samsara gefangen sein, dass du niemals Freiheit erfahren wirst!“

Daher warnte Luipa ihn erneut, und obgleich seine Worte für Suryavajra von Wert waren, stießen sie auf taube Ohren, da er es nicht ertragen konnte, seine Verstrickungen mit dem Objekt seiner Anhaftung zu lösen. Er verlor jegliche Macht und Kontrolle und wurde auf den Status eines gewöhnlichen Individuums degradiert. Schlimmer noch, die Stadtbewohner, die ihn einst gelobt hatten, waren nun von ihm angewidert. Mit Zorn machten sie ihn lächerlich und sogar der regierende König beschloss, ihn so zu bestrafen, dass er nicht einmal mehr um Haaresbreite von seiner früheren Absicht, den Dharma zu praktizieren, besaß. Schließlich verlor er alles und wurde zum verarmtesten Mann in der Gegend.

Auch der hohe Dharmagarbha fiel auf diese Weise den Hindernissen der Maras zum Opfer. Und als er fast vollständig besiegt war, wies ich [d.h. Dudjom Lingpa] ihn auf diesen Bericht hin, damit er seine Anhaftung und Fixierung abschneiden konnte. Dann ging er weit weg an einen abgelegenen Ort zum Üben und kehrte den Verlauf der Maras erfolgreich um.

Damit alle zukünftigen Linienhalter die positiven Umstände als Weg nutzen können, müssen diese Schilderungen in ihren Herzen bewahrt werden. Es ist leicht zu erkennen, dass die negativen Umstände unerwünscht sind. Aber wenn es um positive Situationen geht, sind sie, da sie mit Begehren verbunden sind, schwer zu erkennen und äußerst schwierig auf den Pfad zu bringen. Sie sollten wissen, dass es so selten ist, jemanden zu finden, der sich davon nicht überwältigen lässt, wie einen Stern am Tage zu sehen.

Von Dudjom Lingpa; aus dem Saraha Nyingthig – den Erklärungen zum Chöd. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. September 2020

Das Mahavidyamantra des Avalokiteshvara

Sarvanivaranaviskambhin sagte dann zum Vorsitzenden: „Gib mir die sechssilbige Königin der Mahavidyas.”

Der Vorsitzende dachte darüber nach. Dann kam eine Stimme aus dem Himmel und sagte: „Gebt ihm die sechssilbige Königin der Mahavidyas!“

Der Vorsitzende fragte sich, woher diese Stimme gekommen war. Wieder kam eine Stimme aus dem Himmel und sagte: „Dieser Bodhisattva hat viele Entbehrungen durchgemacht. Gebt ihm die sechssilbige Königin der Mahavidyas!“

Der Vorsitzende blickte in den Himmel und sah jemanden, der einen Körper hatte, der so weiß war wie der Herbstmond, eine Krone aus gewundenem Haar, einen allwissenden Buddha auf dem Kopf und einen wunderschönen Lotus in der Hand, und der mit der Pracht der Lotusblumen geschmückt war.

Dann sagte der Vorsitzende zu Sarvanivaranaviskambhin: „Edler Sohn, der Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara hat die Erlaubnis erteilt, Euch die sechssilbige Königin der Mahavidyas zu geben.

Dann legte Sarvanivaranaviskambhin ehrfürchtig seine Handflächen zusammen, um es zu empfangen.

OM MANI PADME HUM HRI //

Sobald dies gegeben wurde, bebte die Erde auf sechs Arten.

Sarvanivaranaviskambhin erreichte diese Samadhis: den Samadhi mit dem Namen Unaufhörlich Wahre Natur, den Samadhi mit dem Namen Liebe, Mitgefühl und Freude, den Samadhi mit dem Namen Yoga praktizierend, den Samadhi mit dem Namen Im Eingang zur Befreiung gegründet, den Samadhi mit dem Namen Überall erleuchten, den Samadhi mit dem Namen König der Anordnung und den Samadhi mit dem Namen Den Dharma halten. Das sind die Samadhis, die er erlangt hat.

Sobald Bodhisattva Mahasattva Sarvanivaranaviskambhin die sechssilbige Königin der Mahavidyas erlangt hatte, bot er die vier Kontinente, die vollständig mit den sieben Juwelen gefüllt waren, als Bezahlung dem Vorsitzenden an.

Aber der Vorsitzende erwiderte: „Es ist keine Bezahlung für auch nur eine der Silben erforderlich, geschweige denn für die sechs Silben der Mahavidya, und ich werde auch nichts von dir nehmen, edler Sohn. Du bist ein Bodhisattva, ein edles Wesen, mit niemandem höherem, und du bist mein Schüler, edler Sohn.”

Der Vorsitzende überreichte ihm eine Perlenkette im Wert von 100.000 Silbermünzen und sagte: „Edler Sohn, in Übereinstimmung mit meiner Anweisung, überreiche diese dem Tathagata, dem Arhat, dem Samyaksambuddha Shakyamuni.“

Sarvanivaranaviskambhin verneigte sein Haupt zu Füßen des Vorsitzenden und ging, nachdem er erhalten hatte, was er suchte und seine Wünsche erfüllt waren, fort. Er ging zum Jetavana-Kloster, kam dort an, verneigte sich zu den Füßen des Bhagavat Shakyamuni und setzte sich zur Seite.

Dann fragte der Bhagavat, der tathagata, der Arhat, der Samyaksambuddha Shakyamuni: „Edler Sohn, hast du gefunden, was du gesucht hast?”

„Bhagavat, es geschah, wie der Bhagavat weiß.”

77×10 Millionen Samyaksambuddhas versammelten sich dort, und die Tathagatas rezitierten dieses Dharani:

NAMA SAPTANAM SAMYAKSAMBUDDHAKOTINAM TADYATHA TADYATHA OM CALE CULE CUNDE SWAHA //

[Die Huldigung von sieben mal zehn Millionen samyaksaṃbuddhas ist wie folgt: OM CALE CULE CUNDE SWAHA.] Die Huldigung von sieben mal zehn Millionen svaha.

Das war das Dharani, das von 77×10 Millionen Samyaksambuddhas rezitiert wurde.


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020) aus der englischen Übersetzung „The Basket’s Display“ von 84000.co. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. September 2020

Qualitäten von Avalokiteshvara

Als nächstes ging Avalokiteshvara nach Magadha. Als er im Land Magadha ankam, sah er Wesen, die zwanzig Jahre lang in der Wildnis gelebt hatten und sich gegenseitig das Fleisch aßen. Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara fragte sich:  „Mit welcher Methode kann ich diesen Wesen Zufriedenheit bringen?“

Daraufhin ließ Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara göttliche Regenfälle fallen. Zuerst gab es einen Wasserregen und das Wasser brachte ihnen Zufriedenheit. Dann kam ein Regen aus göttlicher Nahrung mit höchsten Aromen, und sie waren vollständig gefüllt. Als sie durch das Essen der Speisen vollkommen zufrieden waren, fiel ein Getreideregen. Dann fielen Sesam, Reis, Jujubes und wilder Reis. Was auch immer sich diese Wesen wünschten, ihre Wünsche wurden jedes Mal erfüllt.

Die Wesen im Land Magadha waren erstaunt, und sie setzten sich alle zusammen. Sie setzten sich und fragten einander: „Welche Gottheit hat all dies manifestiert?“

Unter ihnen gab es ein Wesen, das viele hunderttausend Jahre alt war. Er war alt, alt, schwach, bucklig und gebogen wie ein Kuhohr. Er sagte zu ihnen: „Nur Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara hat diese Art von Macht, keine andere Gottheit.

Die dort Versammelten fragten ihn: „Was sind die Eigenschaften von Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara?“

Der Mann begann, ihnen die Qualitäten von Avalokiteshvara zu beschreiben:

„Er ist eine Leuchte für die, die in der Finsternis leben. Er ist ein Sonnenschirm für jene, die von der Sonne verbrannt sind und Schmerzen haben. Er ist ein Fluss für diejenigen, die von Durst geplagt sind. Er schenkt denen, die Angst haben und sich fürchten, Freiheit von der Angst. Er ist Medizin für diejenigen, die von Krankheit heimgesucht werden. Er ist Vater und Mutter für Wesen, die leiden. Er ist ein Lehrer des Nirvana für jene, die in der Avici-Hölle wiedergeboren werden. Das sind seine besonderen Qualitäten. Diejenigen, die sich an seinen Namen erinnern, werden in dieser Welt glücklich sein und jedes Leiden in Samsara vollständig hinter sich lassen. Diejenigen, die fortwährend Blumen und Weihrauch sammeln und Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara opfern, werden zu Cakravartin-Königen, die die sieben Juwelen besitzen. Die sieben Juwelen sind: das kostbare Rad, das kostbare Pferd, der kostbare Elefant, das kostbare Juwel, die kostbare Königin, der kostbare General und der kostbare Minister. Diejenigen, die Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara Blumen darbringen, werden aromatische Körper haben, und wo immer sie wiedergeboren werden, werden ihre Körper vollkommen sein“.

Auf diese Weise lehrte der alte Mann die besonderen Qualitäten von Avalokiteshvara. Dann kehrten die dort Versammelten in ihre Häuser zurück, und der alte Mann kehrte, nachdem er sie ein angemessenes Dharma gelehrt hatte, in seine Heimat zurück, und Bodhisattva Mahasattva Avalokiteshvara verschwand im Himmel.


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020) aus der englischen Übersetzung „The Basket’s Display“ von 84000.co. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. September 2020

Sarahas Rat an Thröma-Praktizierende

Ich, Saraha, Herr der Siddhas, hinterlasse diesen quintessentiellen Nektar der Anweisungen meines Herzens als eine Quelle der Zuflucht für Wesen des 500 Jahre des Niedergangs. Für diejenigen mit dem karmischen Geschick, die versuchen, sich dem Zustand dauerhaften Glücks und Friedens anzunähern, ist dieses Geschenk ihr Anteil an der tief greifenden Errungenschaft der Segnungen der Weisheits-Verstand-Linie. Deshalb gibt es keinen Zweifel daran, dass die Buddhaschaft innerhalb eines einzigen Lebens eintreten wird.

Alle, die das karmische Glück haben, meine Linienhalter zu sein, müssen den zeitlos endlosen Zyklus vergangener und zukünftiger Lebenszeiten beachten. Auch wenn ein Ende nicht in Sicht ist: Wenn es eine Schlussfolgerung geben sollte, dann müsste diese Zeit jetzt sein. Alle Anhäufungen, die sich bis jetzt ereignet haben, sind so flüchtig wie ein Traum; ob man sich also entscheidet, in Samsara weiterzumachen oder die Erleuchtung zu erlangen, ist eine persönliche Entscheidung. Diejenigen, die in der Lage sind, große Entbehrungen zu ertragen, nur um er Nahrung willen, werden auch anfällig dafür sein, die Gelegenheit zur Anhäufung von Verdiensten, die für alle Lebenszeiten andauern, leicht zu verspielen.

Oh ihr Schwachen und Herzlosen, was werdet ihr tun, wenn die Zeit für den Übergang ins nächste Leben gekommen ist? Oh, ihr, die ihr die Last tragt, geliebte Menschen und geschätzte Freunde zu unterstützen, wann wird für euch die Zeit kommen, die karmischen Schulden zurückzuzahlen, die ihr allen Wesen schuldet? Glaubt ihr, dass ihr, während ihr an dieses Feuerrad von Samsara gebunden seid, eure geliebten Angehörigen mitnehmen könnt, wenn ihr [dieses Leben] verlasst? Wenn die Aktivitäten dieses Lebens abgeschlossen sind, hofft ihr, dann die Chance zu haben, den heiligen Dharma zu verwirklichen, nicht wahr? Es wäre erstaunlich, wenn Yama aufhören würde, sich die Zeit zu nehmen, auf euch zu warten.

Bemerkt, wie enge Verwandte mit ihrer Liebe, Sehnsucht und ihrem Rat alle bleibenden Verdienste verzehren. Da Eltern und Verwandte die Handschellen der Maras sind, ist der beste Weg, ihre Freundlichkeit zurückzuzahlen, die Entscheidung, in diesem Leben die Buddhaschaft zu erlangen. Andernfalls wird selbst der Reichtum des 3.000-fachen Universums nicht in der Lage sein, sie zu schützen. Entflieht aus diesem Kerker des Leidens, um den Zustand der ständigen Erhöhung zu erreichen! Diejenigen, die dieses letztendliche Ziel erreichen, sind wie das einzige Kind von mir, dem Mahasiddha Saraha.

Verbringt dieses Leben in der Praxis vollkommen reiner Tugend. Bittet um Nahrung und Kleidung und zieht euch an inspirierende, unbewohnte heilige Orte zurück, um dort zu praktizieren. Macht den Zeitpunkt eures Todes zur Grenze eurer Dharma-Praxis. Erlaubt, die vier Grenzen des Verhaltens eines Praktizierenden aufrechtzuerhalten, und lasst euch von niemandem überreden. Vertraut nur euch selbst. Unterbrecht die Fortsetzung endloser Aktivitäten. Schränkt die Erwartungen ein, die Praxis auf morgen oder den nächsten Tag zu verschieben. Die Ablehnung des Ziels, zuerst Ruhm und später dauerhaftes Glück zu erlangen, wird euch auf den Weg eines wahren Praktizierenden führen. Nehmt nicht einfach an, dass die Vollendung nach nur Tagen, Monaten oder Jahren eintritt. In Anbetracht dessen, dass ich mit einer einzigen Überzeugung nach Vollendung gestrebt habe, habe ich den erhabenen Boden von Buddha Vajradhara erschlossen. Dies gebe ich euch allen als mein liebevolles Vermächtnis, oh Linienhalter. Übt entsprechend, glückliche Söhne und Töchter.

Kämmt nicht das Haar, sondern lasst es natürlich sein, wie die Blätter eines Baumes. Dies wird euch vor der Furcht vor Räubern und Dieben schützen und ist ein Zeichen der höchsten, selbstherrlichen, unveränderten Natur. Lasst euch nicht auf erfundenes Verhalten ein, sondern seid natürlich in allem, was ihr tut. Bleibt furchtlos allein in der Isolation wie ein großer, hochmütiger Schneelöwe. Ersinnt nicht die Natur des Geistes, denn in der unveränderten Essenz liegt die expansive dynamische Kraft der Gesamtheit von Samsara und der Erleuchtung. Engagiert euch in furchtlosem Verhalten des gleichmäßigen Geschmacks von Hoffnung und Furcht.

Wickelt euer Haar um ein Schriftamulett, das am Scheitel gebunden ist, und nehmt alle spirituellen Führer als Herrn der Familie an. Tragt einen weißen Meditationsgürtel über der Brust als Zeichen der Vermischung mit unaufhörlichem klaren Licht. Behaltet einen Dreizack als Zeichen der nondualen Verbindung mit geschickten Mitteln und höchster Einsicht. Haltet ein einpoliges Schutzzelt für euren Aufenthaltsort als Zeichen der Natur der Phänomene frei von Grenzen und Ausarbeitungen. Verlasst euch auf ein schönes und vorzüglich geformtes Damaru als Zeichen der Nondualität der beiden Wahrheiten. Haltet eine schöne Glocke mit tadellosem Wohlklang als Zeichen des erwachten Geistes des Raumes der Phänomene. Verlasst euch auf eine klangvolle, gut tönende Oberschenkelknochen-Trompete als Zeichen der ungehinderten, unaufhörlichen Verwirklichung. Behaltet eine gut gebräunte, gehäutete menschliche Haut als Zeichen der Zerstörung der Wurzel der Verwirrung. Verlasst euch auf ein höchstes Gefäß, das ein Schädel mit allen feinen Merkmalen ist, als Zeichen der Existenz als Spiel des Dharmakaya. Tragt einen ungefärbten weißen Zen mit einem Rand als Obergewand, als Zeichen der Freiheit von der Schuld der Gewohnheiten. Schmückt die Ohren mit kostbaren Muschelschalen-Ohrringen als Zeichen dafür, dass ihr ein Linienhalter seid. Haltet die Haut eines wilden Tieres mit Krallen intakt, als Zeichen des unterscheidenden Samsara und Erleuchtung. Ein Praktizierender, der diese dreizehn Gegenstände besitzt, muss zu einem Leben in Isolation in den Bergen aufbrechen.

Bis sich die Zeichen der Vollendung tatsächlich manifestieren, lehnt berauschende Substanzen und Getränke ab [und] weist Liebende zurück, die aufgrund von Anhaftung trügerisch sind. Verwerft negatives, nachlässiges und verwirrtes Verhalten und verzichtet auf das Essen karmischer Speiseopfer, die aus Glauben oder trügerischen Mitteln zur Erlangung von Spenden gegeben werden. die fixierte Gewöhnung an Objekte der Anziehung und Abneigung aufgeben. Verzichtet auf Bindungen zu Freunden und Gefährten und auf Verbindungen mit Reichtum und sozialen Verpflichtungen. Der Verzicht auf diese sieben Dinge bringt einen Praktizierenden auf den Pfad der Ehre.

Da dies die Stufen des Pfades eines Praktizierenden sind, werden jene glücklichen Söhne und Töchter, die sich genau auf sie verlassen, untrennbar mit mir, einem Buddha, verbunden sein. Wenn die Buddhaschaft in diesem Leben nicht erreicht wird, dann habe ich euch, glückliche Anhänger, getäuscht. Dieses große, unübertroffene Vehikel ist die Essenz des Dharma und übertrifft an Wert das Blut des eigenen Herzens.

Anvertraut und angetrieben durch Samaya von Naga, Yama, Tsen, Mamo, Rahula und anderen – bewacht die Söhne und Töchter, die das Samaya bewahren und die Linie aufrechterhalten. Beseitigt diejenigen, die das Samaya korrumpieren und pervertierte Ansichten vertreten. KU’I GYA. SUNG GI GYA. THUG KYI GYA. DA THIM.

Von der Weite des Klar-Licht-Raumes des Dharmakaya wurde dies durch den Vidyadhara Dorje Drolö aus dem unveränderlichen Vajra-Felsen enthüllt. Auf die Bitte von Dorje Zangpo hin wurde dieses aus der Weite hervorquellende Licht aus dem Gefäß des Gewahrseins entschlüsselt. Damit Linienhalter den Pfad zur Befreiung betreten können, wurde dies von Rigpa’i Dorje niedergeschrieben. GE’O. GE’O. GE’O.


Übersetzt aus der tiefgründigen Herzessenz des Mahasiddha Saraha (S 151 – 155) vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. September 2020

Thröma Nagmo – Geschichte

Eine kurze Geschichte der Thröma-Nagmo-Praxis aus der Dudjom-Linie

Erzählt von der Reinkarnation von S.H. Dudjom Rinpoche, Sangye Pema Shepa.

Die Lehren der Neuen Schätze von Dudjom umfassen die Gesamtheit der Schätze, die von dem tibetischen Meister Thragthung Dudjom Lingpa vor zwischen 160 und 170 Jahren offenbart wurden, und die Gesamtheit der Schätze, die von Dudjom Rinpoche, Jigdral Yeshe Dorje, offenbart wurden. Diese Sammlungen von Schätzen zusammen werden die Neuen Schätze von Dudjom genannt. Thragthung Dudjom Lingpa war ein Vertreter von Guru Rinpoche, der von Guru Rinpoche selbst vorhergesagt wurde, der, nachdem er von vielen Dakinis darum gebeten worden war, sagte: „Eine Manifestation von mir wird in zukünftigen dunklen Zeiten, in denen sich der Verfall auf fünf Arten zeigen wird, eine verkörperte Form annehmen. Dieser Meister, der einen Schatz enthüllt, wird meine Lehren offenbaren und viele dazu führen, durch das Praktizieren dieser Linie die Ebene eines Bewusstseinsbewahrers zu erreichen. So wurde Thragthung Dudjom Lingpa in Tibet zu Beginn des 19. Jahrhunderts genau in Übereinstimmung mit früheren Vorhersagen von Guru Rinpoche und anderen tibetischen Meistern wie Dodrub geboren. Die von Thragthung Dudjom Lingpa enthüllten Schätze haben der tibetischen buddhistischen Tradition mächtige Verdienste und Nutzen gebracht. In ihnen sind Dutzende von Yidam-Lehren, wichtigen Anweisungen und Sadhanas enthalten. Unter diesen ist die Lehre von Thröma, der zornvollen Schwarzen Mutter, die effektivste und äußerst nützliche Praxis, um Praktizierende in die Lage zu versetzen, die Erlangung eines Regenbogenkörpers zu verwirklichen. Der Thröma-Zyklus umfasst die ferne Linie, die nahe Linie und die Linie der reinen Vision. Er enthält Schlüsselpraktiken der Traditionen des großen Madhyamika, der Mahamudra und der großen Vollkommenheit (Dzogchen).

In ihnen sind Dutzende von Yidam-Lehren, wichtigen Unterweisungspraktiken und Sadhanas enthalten. Unter diesen ist die Lehre von Thröma, der Schwarzen Mutter des Zorns, die effektivste und immens nützliche Praxis, um Praktizierende in die Lage zu versetzen, die Erlangung eines Regenbogenkörpers zu verwirklichen. Der Thröma-Zyklus umfasst die ferne Linie, die nahe Linie und die reine Visions-Linie. Er enthält Schlüsselpraktiken der Traditionen der Groß-Madhyamika, des Mahamudra und der Großen Vollkommenheit (Dzogchen).

Der Ursprung der alten Thröma-Linie wird bis in die Zeit von Buddha Shakyamuni zurückverfolgt. Thragthung Dudjom Lingpa war eine Reinkarnation von Noble Shariputra, einem der beiden Hauptschüler von Buddha Sakyamuni. Shariputra erhielt die Lehren über die Leerheit, die die Sicht und Praxis der Großen Madhyamika sind, als Buddha Sakyamuni über Leerheit, Weisheit, die drei Türen der Befreiung und andere Lehren lehrte. Guru Rinpoche kam acht Jahre, nachdem Buddha Shakyamuni ins Nirwana eingetreten war, auf diese Welt und praktizierte den Dharma an vielen heiligen Orten im Land Indien. Als Guru Rinpoche auf dem Selbstentstandenen Kühlen Leichenplatz praktizierte, besuchten ihn viele Dakinis. Einer namens Dakini Yeshe Chöying bot Guru Rinpoche ein Tantra an, und dann schenkte Vajra Yogini Guru Rinpoche die Ermächtigung und Sadhana der geheimen Thröma-Linie, die eine ungeschriebene mündliche Übertragung war. So erhielt Guru Rinpoche dann die vollständigen Belehrungen der Praxis der Erzeugungs- und Vollendungsstufe der Thröma-Praxis.

Als die 84 Mahasiddhas in Indien lebten, war der erste, Saraha, als Mahamudra-Meister bekannt. Thragthung Dudjom Lingpa gilt als eine Reinkarnation von Saraha. Die Essenz der Thröma-Praxis wurde mit dem Schlüsselpunkt der Mahamudra-Praxis von Saraha zu dieser Zeit kombiniert und in der formlosen Unendlichkeit des Raumes versiegelt. Daher enthält Thröma auch Schlüsselanweisungen für die Praxis der Mahamudra.

Während der Zeit, in der sich Guru Rinpoche in Tibet aufhielt, baten viele tibetische Studenten und Übersetzer um Ermächtigungen und Belehrungen von ihm. Einer seiner 25 Hauptschüler namens Drogben Khye’u Chung Lotsawa wurde später als Tragtung Dudjom Lingpa wiedergeboren. Er erhielt auch die Belehrungen über die Stufen der Erzeugung, Vollendung und Praxis der Großen Vollkommenheit für diese Schatzlinie direkt von Guru Rinpoche.

Mehrere hundert Jahre später, als sich die Gründerin der Chöd-Praxis, Machig Labdrön, in Tibet aufhielt, waren die meisten Lehren in der Tradition des tibetischen Buddhismus verbreitet und von Indien nach Tibet übersetzt worden. Doch erst die Zhije Chöd-Tradition von Machig Labdrön verbreitete sich von Tibet nach Indien. Die Hauptphilosophie der Zhije Chöd-Tradition verbindet die Sicht der Großen Madhyamika mit den Übungsmethoden der Tantras, um es dem Praktizierenden zu ermöglichen, die Bindung an den Körper zu lösen. Thragthung Dudjom Lingpa wird auch als die Wiedergeburt des Sohnes von Machig Labdron – Gyalwa Dondrub – angesehen. Da es sicher ist, dass Gyalwa Dondrub die Zhije Chöd-Linie empfangen hat, enthalten die von Dudjom Lingpa enthüllten Thröma-Schätze auch die Schlüsselinstruktionen der großen Madhyamika aus der Zhije-Tradition.

Als die Zeit für Thragthung Dudjom Lingpa kam, die Thröma-Schätze zu offenbaren, sah er Zangdog Palri (das reine Land des kupferfarbenen Berges) in einer reinen Vision und brachte den Wunsch hervor, alle Lehren von Chöd zu offenbaren. Dann traf er Saraha und bat sie um viele wichtige Anweisungen über Mahamudra und tantrische Praxis. Damals dachte er jedoch auch: „Ich brauche die Chöd-Lehren, die mit Sarahas Mahamudra-Anweisungen vermischt sind, nicht“. Sobald dieser Gedanke im Geist von Dudjom Lingpa aufkam, verschwand Saraha und Guru Rinpoche erschien. Dudjom Lingpa bat Guru Rinpoche, ihm seine Schatzlinien zu schenken, und erklärte Guru Rinpoche klar und deutlich, dass er weder die Zhije Chöd-Tradition noch das Mahamudra Chöd brauche. Dudjom Lingpa bat Guru Rinpoche, eine Chöd-Praxis kombiniert mit der Lehre der Großen Vollkommenheit zu erteilen, die in der Vergangenheit in Tibet nie gelehrt wurde. So enthüllte Guru Rinpoche die Thröma-Lehre, die für Thragthung Dudjom Lingpa mit Dzogchen kombiniert wird, und dies ist Teil der Geschichte dieser Schatzlinie.

Als es für Dudjom Lingpa an der Zeit war, den Thröma-Schatz zu transkribieren, nachdem er ihn erhalten hatte, erkannte er, dass er nicht in der Lage war, die Dakini-Schrift zu entschlüsseln. Wieder träumte er von Saraha und Machig Labdrön’s Lehrer, Padampa Sangye der Zhije Tradition. Nachdem er zu den Linienmeistern gebetet hatte, sagte Padampa Sangye zu Dudjom Lingpa: „Chöd ist eine Lehre aus der Zhije-Tradition. Es ist nicht erlaubt, eine Chod-Praxis zu schreiben, die Schlüsselanweisungen aus der Zhije Tradition ausschließt“. Dann erkannte Dudjom Lingpa den Grund dafür, dass er nicht in der Lage war, den Schatz aufzuschreiben. Er dachte: „Ich sollte auch Schlüsselanweisungen von Padampa Sangye aufschreiben, wenn ich den Schatztext niederschreibe. Daraufhin übergab Saraha Dudjom Lingpa all seine Belehrungen über Thröma aus der Weite der Natur der Wirklichkeit, die mit Mahamudra verbunden waren. Doch als Dudjom Lingpa den Schatz aufschreiben wollte, schrieb er nur den Anfang des Dakini-Textes. Auch hier war er nicht in der Lage, ihn weiter aufzuschreiben, obwohl er bereits alle Inhalte und Lehren aus der unermesslichen Weite der Natur der Wirklichkeit erkannt hatte. Dennoch benötigte er die volle Berechtigung zum Entschlüsseln der Dakini-Schrift, um sie niederzuschreiben, und so betete er erneut zu den Linienmeistern. Dann träumte er, dass Machig Labdrön ihm sagte: „Du warst mein Kind, und du hast die Lehren meiner Abstammungslinie praktiziert, also erwarte ich, dass du sie weiterverbreitest.“ In diesem Traum übergaben die Linienmeister Dudjom Lingpa dann wieder ihre Übungsmethoden, und danach konnte er die Belehrungen erfolgreich niederschreiben, da er von ihnen die Genehmigung der reinen Visionslinie erhalten hatte.

Die Thröma-Praxis, die in der Vergangenheit von anderen Schatz-offenbarenden Meistern entdeckt wurde, enthält als Hauptpraxis neben der Vollendungsstufe die Erzeugungsstufe. Dudjom Lingpas Thröma ist die einzige Chöd-Praxis, die die Erzeugungsstufe und die Vollendungsstufe mit Dzogchen kombiniert. Tatsächlich kombiniert Dudjom Lingpas Thröma die außergewöhnlichen Schlüsselunterweisungen der Lehren der Großen Madhyamika, der Mahamudra und des Dzogchen. Die Linie umfasst die ferne Linie, die nahe Linie und die reine Visionslinie. Der Schatz selbst sagt voraus, dass seine Praktizierenden die Ebene der Bewusstseinshalter erreichen werden, wenn sie die beiden Stufen richtig praktizieren. Es gab dreizehn Personen, die den Regenbogenkörper zusammen mit Thragthung Dudjom Lingpa selbst in Lharung in Sertar (jetzt Lharung Ngarig Nangten Lopling) erlangten. Es gab auch viele Schüler in der Linie, die den Regenbogenkörper erlangten, als Dudjom Lingpa noch am Leben war. Dies ist genau dokumentiert.  Zusätzlich soll es Dutzende oder Hunderte von Thröma-Praktizierenden gegeben haben, die in weit entfernten Gebieten wie Ngari, Nyingchi in Tibet, Co Ngoingbo, Rebgong und Maniganggo den Regenbogenkörper erlangten usw. Der Schatztext sagt auch voraus, dass Hunderttausende von Praktizierenden in Zukunft das Niveau von Vidyadharas erreichen werden, wenn sie diese Lehre praktizieren.

(Geschrieben von) der Reinkarnation von S.H. Dudjom Rinpoche, Sangye Pema Shepa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. August 2020

Buddha Shakyamuni und Padmasambhava

Im Mahaparinirvana-Sutra verkündete Buddha Shakyamuni den Schülern, die zu dieser Zeit bei ihm waren, sein Parinirvana. Viele von ihnen, insbesondere Ananda, Buddhas Cousin und persönlicher Begleiter, waren ziemlich bestürzt, als sie dies hörten. Also wandte sich Buddha an Ananda und sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen. „Acht Jahre nach meinem Parinirvana wird ein bemerkenswertes Wesen mit dem Namen Padmasambhava in der Mitte eines Lotus erscheinen und die höchste Lehre über den letztendlichen Zustand der wahren Natur offenbaren und allen fühlenden Wesen großen Nutzen bringen. Buddha Shakyamuni sagte, dass Padmasambhava noch erleuchteter sein werde als er selbst.

Natürlich war Buddha Shakyamuni vollständig erleuchtet, und es gibt keine höhere Verwirklichung, aber durch die Ausdrucksweise des Buddha können wir beginnen, die Bedeutung von Guru Padmasambhava zu begreifen. Einige Berichte besagen, dass Guru Rinpoche eine direkte Reinkarnation von Buddha Shakyamuni ist. Buddha Shakyamuni sagte auch, Padmasambhava sei eine Emanation von Buddha Amitabha und Avalokiteshvara und bezeichnete ihn als die Verkörperung aller Buddhas der drei Zeiten. Viele Prophezeiungen deuten darauf hin, dass Guru Rinpoche ein vollständig erleuchteter Buddha sein würde, der in dieser Welt erscheinen würde, um fühlenden Wesen zu helfen.

Zum größten Teil präsentierte Buddha Shakyamuni Hinayana- und Sutra-Mahayana-Lehren, während Guru Padmasambhava das Vajrayana lehrte. Beide enthüllten den vollständigen und vollkommenen Pfad zum Erwachen, so dass Menschen aller Fähigkeiten davon profitieren können. Die absolute Ebene der Lehre des Buddha liegt jenseits der Vorstellungskraft. Wenn sie nicht über die konzeptuelle Ebene hinausginge, gäbe es keine Notwendigkeit, unsere normale Art, die Dinge zu verstehen, zu ändern.

Um uns zu helfen, die ursprüngliche Natur zu erkennen, lehrte Buddha Shakyamuni immer wieder, dass wir das Festhalten an gewöhnlichen dualistischen Vorstellungen, engen Einstellungen, Engstirnigkeit, Engstirnigkeit, traditionellen Regeln, Überzeugungen und Begrenzungen überwinden müssen. Die letztendliche Bedeutung der höchsten Lehre wird von fühlenden Wesen nicht ohne weiteres verstanden. Aus diesem Grund schwieg Buddha Shakyamuni nach seiner Erleuchtung neunundvierzig Tage lang. Er dachte: „Ich habe das tiefste und subtilste Dharma verwirklicht, das klare Licht, das frei von aller Komplexität ist. Dies ist jedoch viel zu tief, als dass normale Menschen es verstehen könnten. Deshalb werde ich schweigen.“ Er wusste, wie schwer es sein würde, die Wahrheit seiner Einsicht zu vermitteln. Obwohl er schließlich fünfundvierzig Jahre lang unermüdlich lehrte, spiegelt sein erster Gedanke die außergewöhnliche Natur des Zustandes wider, in den er im Vergleich zu weltlichen Ideen und Vorstellungen erwacht war.

Sutra ist ein Sanskrit-Wort, das „verdichtet oder zusammengefasst“ bedeutet. Schriften, die diesen Titel tragen, weisen darauf hin, dass diese Lehren direkt in der Welt vermittelt wurden, um ein klares Verständnis sowohl der relativen als auch der absoluten Aspekte unserer Existenz zu vermitteln. Sie liefern Wissen, mit dem ein Praktizierender die Buddhaschaft verwirklichen kann. Die meisten Lehren von Buddha Shakyamuni richten sich an gewöhnliche Wesen und bieten ein direktes Mittel zum Verständnis der Natur unserer Erfahrung. Es handelt sich um eine nicht-esoterische Sichtweise, die an die allgemeine Logik appelliert, mit Grundsätzen, die durch genaue Beobachtung der Elemente, die unsere Alltagswelt ausmachen, überprüft werden können. Mit diesem Wissen kann man sich auf dem Weg zur Erleuchtung bewegen. Das ist die Grundintention des Sutra-Mahayana.

Das Vajrayana ist auch als Tantra bekannt. Die tantrischen Lehren basieren auf dem Sutra Mahayana, bieten aber zusätzliche Mittel und Methoden. Vajrayana-Praktiken ermutigen uns, einen tieferen Blick auf unsere Wahrnehmungen zu werfen, die ursprüngliche Natur zu verstehen und zu lernen, den Geist in diesem Zustand zu bewahren. Die Sutras können als allgemeine Lehren bezeichnet werden, welche die Natur des bedingten Geistes und der Wahrnehmung klären, während das Vajrayana die geheime Struktur der Phänomene enthüllt und für fortgeschrittenere Praktizierende gedacht ist. Obwohl sie die gleiche Grundlage haben, geht das Vajrayana weiter in Richtung auf das Verständnis der transzendentalen Realität. Sowohl Sutra als auch Tantra zusammen zu praktizieren, kann in diesem Leben Erleuchtung bringen, sogar innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne. Eine solche Geschwindigkeit zeichnet die Vajrayana-Techniken aus. Der Buddha gab Vajrayana-Unterweisungen nur privat, um Gruppen von Schülern auszuwählen.

Da die Essenz und sogar die Form dieser höheren Lehren jenseits der üblichen Vorstellung liegt, werden sie auch als geheime Lehren bezeichnet. Nachdem der Buddha ins Mahaparinirvana eingetreten war, wurden diese geheimen Lehren von einer Vielzahl von Weisheits-Dakinis bewahrt. Als Guru Rinpoche als die Reinkarnation von Buddha Shakyamuni erschien, offenbarte er die Vajrayana-Lehren in ihrer Gesamtheit. Aus diesem Grund ist Guru Rinpoche als der Buddha des Vajrayana bekannt.

Vom Khenchen Palden Sherab Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. August 2020

Dharma-Substanzen – Geschickte Mittel der Befreiung

Der Einsatz von Substanzen auf dem Pfad zur Befreiung findet im Mahayana und Vajrayana große Verwendung. Allerdings handelt es sich dabei nicht um irgendwelche psychoaktiven Substanzen, sondern es sind Dharma-Substanzen, die der erleuchteten Sphäre als Schätze entnommen wurden, gegebenenfalls durch Mantra, Mudra und Samadhi gesegnet wurden und nun die Praktizierenden auf dem Pfad mittels Segenskraft unterstützen. Manche dieser Substanzen sind sogar selbstsegnend, d.h. sie sind Manifestationen der Erleuchtung beispielsweise in Dakini-Schrift oder bestimmten Symbolen, die keiner weiteren Bearbeitung durch Praktizierenden benötigen. Der dieser Anwendung zugrundeliegende Gedanke ist das Wissen um das bedingte Entstehen (tib., rten ‚brel snying po). Das bedeutet, dass sich mittels Mantra, Mudra und Samadhi aus der Leerheit gemäß dem bedingten Entstehen die erleuchtete Absicht (tib., dgongs pa) manifestiert.

Als Tendrel ist aber nicht nur das bedingte Entstehen, wie von Nagarjuna im Madhyamaka erklärt, zu verstehen, sondern es ist auch das „glückliche Zusammentreffen“ bzw. das Zusammenkommen günstiger Umstände (tib., bkra shis rten ‚brel). Es ist dann eine glückliche Fügung von Dingen. Chögyam Trungpa schreibt dazu in „Ein flüchtiger Blick auf den Abhidharma“:

Diese Vorstellung von Glück wird gewöhnlich entweder nur als eine Redewendung angesehen oder mit Aberglauben in Verbindung gebracht. Sie beinhaltet ein Gefühl der Macht. Das Wort für „glücksverheißend“, wie es mit „Zusammentreffen“ oder dem Begriff Tendrel verbunden ist, heißt im Tibetischen Trashi, im Sanskrit Mangalam. Das Glück ist ein Aspekt des Zufalls, des Zusammentreffens von Bedingungen. Die Bewegung von Unwissenheit und Gefühlen und Wahrnehmungen und so weiter ist in gewisser Weise verheißungsvoll und angemessen, weil alle diese zwölf Kausalzusammenhänge ununterbrochen und unfehlbar miteinander verbunden sind. Mit anderen Worten, es gibt keinen Irrtum über das, was geschieht. Alles ist in genau diesem Moment richtig und angemessen. Das ist es, was Mangalam ist, oder Trashi – ein Segen.

Chögyam Trungpa; Glimpse of Abhidharma

In diesem Sinne, dem Bewerkstelligen von günstigen Umständen, sind die weiteren Ausführungen zu verstehen.

Befreiung ohne Meditation

Im Vajrayana kennt man neben der Praxis der Meditation fünf weitere Methoden, die zur Befreiung führen, ohne dass man meditiert. Dies geschieht durch Sehen, Hören, Schmecken, Berühren und Erinnern. Betrachten wir in Folge, was darunter zu verstehen ist.

Thongdröl – Befreiung durch Sehen (tib., mthong grol) ereignet sich, indem man die Wahrheit sieht, den Guru, den Buddha, eine Statue, eine Mantra-Inschrift usw.

Thödröl – Befreiung durch Hören (tib., thos grol) ist hierzulande schon länger bekannt und geschieht beispielsweise durch das Hören einer bestimmten Lehre. Ein bestimmter Textabschnitt im Karling Zhitro – gemeinhin als „Tibetisches Totenbuch“ bekannt – ist das Bardo Thödrol. Hier wird der verstorbenen Person der entsprechende Meditationstext vorgelesen, in dem zu Lebzeiten meditierte Mandala detailreich beschrieben wird. Außerdem wird der verstorbenen Person der Ablauf des Sterbens und des Übergangs (tib., bar do) auf diese Weise in Erinnerung gerufen und sie daran erinnert, dass die auftauchenden Erscheinungen keine Eigennatur haben, sondern die Manifestation der eigenen Geistesnatur sind. So wird die verstorbene Person durch den Zwischenzustand geleitet und man versucht, das nunmehrige Bardo-Wesen entweder zur Befreiung oder zumindest zu einer günstigen Geburt zu führen.

Eine andere Methode der Befreiung durch Hören geschieht durch die Verwendung von Mantras und Dharanis, die man hört.

Nyongdröl – Befreiung durch Schmecken (tib., myong grol) passiert beispielsweise durch das Schmecken von Amrita (aka „Lama-Dütsi“) oder anderen Essenzen. Es gibt verschiedene Arten von Nektar, die als Kügelchen oder Pulver für die Einnahme zur Verfügung stehen. Amrita (tib., bdud rtsi) bedeutet Todlosigkeit bzw. Unsterblichkeit. In einem Tantra wird dazu gesagt: „Wenn man auf Samsara, das wie Mara (bdud) ist, das Elixier (rtsi) der Wahrheit des Dharma anwendet, wird es Nektar (bdud rtsi) genannt.“ Gerade Amrita (Nektar; Dütsi) ist im Vajrayana von wesentlicher Bedeutung. Der 13. Dalai Lama schrieb dazu:

„Es wird gesagt, dass alle Siddhis, einschließlich der Vollendung des Vajra-Körpers der Unsterblichkeit, das Ergebnis der Qualitäten von Amrita sind.“

Außerdem kommt Amrita auch eine medizinische Bedeutung zu, wo im Werk „Acht Bände über Nektar“ erklärt wird:

„Er heilt die 424 Krankheiten und vernichtet die vier Maras, er ist die höchste Essenz, der König der Medizin.“

Der Nektar wird im Rahmen eines Mendrub (tib., sman sgrub), einer rituellen Praxis, während der eine große Menge an Amrita fermentiert und geweiht wird, hergestellt.

Tagdröl – Befreiung durch Berühren/Tragen (tib., btags grol) geschieht durch das Berühren oder Tragen von bestimmten Substanzen, Diagrammen (Mandalas), Amuletten oder Mantra-Rollen. Ein Tagdröl kann Teil einer ausführlichen Ermächtigung sein oder es kann unabhängig davon gegeben werden.

Ein Tagdröl wird häufig als Praxisstütze, als Segensobjekt selbst trägt oder als Dharma-Gabe auf den Körper eines Verstorbenen legt, damit die Segenskraft dessen Geistesstrom durchdringt. Auf diese Weise unterstützt man die verstorbene Person dabei, die Leiden des Zwischenzustandes nach dem Tod aufzuheben.

Exkurs: Amulette – Praxisstütze und Schutz

Ein Amulett dient entweder dem Schutz und/oder Abwehr von Ungemach oder fungiert als Praxisstütze.

Praxisstütze

Häufig tragen tantrisch Praktizierende nach erfolgreicher Praxisklausur auf eine bestimmte Meditationsgottheit ein Yantra (Symbole und Mantras) bzw. das entsprechende Tantra oder einen wesentlichen Praxistext als Amulett oder in einer kleinen Schmuckschatulle (tib., ga’u) bei sich. Dies dient als ständige Verbindung zur absolvierten Praxis.

Das Lebenskraftamulett des Rigdzin Düpa Dechen Namröl symbolisiert den gesamten Mandala-Palast, in dem Guru Rinpoche, seine acht Emanationen, die acht Vidyadharas, die mit den acht Haupt-Sadhanas der Nyingma-Tradition verbunden sind, ferner die 25 Herzensschüler, Schützer, Buddha Amitabha usw., einfach alle versammelt sind.

Trägt man das Amulett der Grünen Tara am Hals, dann wird wie im Wurzeltext zum Amulett vermerkt: „Trägt man es um den Hals, wird man die höchsten und gewöhnlichen Verwirklichungen erlangen. Indem die Qualitäten der (meditativen) Erfahrungen und Verwirklichungen zunehmen, führt es dazu, dass man die Befreiung auf der Stufe Alles Licht erlangt.“

Beim Lebenskraftamulett der Thröma Nagmo wird gesagt: „Trägt man es beständig, ohne sich davon zu trennen, werden alle Unterbrechnungshindernisse beseitigt und man es wird zur Quelle der höchsten und gewöhnlichen Verwirklichungen.“

Bei der Lebenskraftstütze – dem Amulett – der Yeshe Tsogyal ist die große Gefährtin, die Dakini Yeshe Tsogyal selbst ist im Zentrum des Amuletts und ist umgeben von den vier Dakinis in Gestalt der Keimsilben. Mit den im Amulett befindlichen Mantras wird die Kraft der Yeshe Tsogyal in ihrer friedvollen und zornvollen Manifestation eingeladen, man bittet dabei um dieüberragenden Verwirklichungen und langes Leben, um Weisheit und höchstes Wissen und um die Siddhis der meditativen Versenkung. Darüber hinaus werden die Mamos und Dakinis angerufen – also alle weltlichen weiblichen Kräfte – und bittet sie, die vier erleuchteten Aktivitäten auszuführen: 1) alle dämonischen Kräfte, Hinderer, Krankheitsursachen usw. sollen befriedet werden; 2) Lebensspanne, Verdienst, Pracht, Charisma, Qualitäten, Vitalität, Lebenskraft, Windpferd sollen anwachsen; 3) alle männlichen und weiblichen Wesen – die Götter und Geister, die Menschen und was sonst noch herumkreucht und fleucht – der drei Bereiche und drei Welten sollen unter die Herrschaft von einem gebracht werden; und 4) die fünf Gifte und drei Gifte sollen zusammen mit den Feinden und hinderlichen Kräften allesamt in den Dharmadhatu befreit werden. Außerdem sind die Symbole des Weltenherrschers, sowie die glückverheißenden Symbole drinnen. Im Wurzeltext heißt es, dass man dieses Amulett von Zeit zu Zeit wieder neu aufladen soll, indem man das Mantra rezitiert. Ach ja, ich werde davon einen kurzen Text auf rangdrol’s Blog stellen, damit sich die Leute das herunterladen können. Umwickelt mit fünffarbigen Fäden und in scharlachrote Seide eingeschlagen, soll man es im Geheimen tragen, sodass es nicht durch andere Hände wandert. Wenn man das macht, werden die Mamos und Dakinis einen wie das eigene Kind beschützen.

Schutzamulette

Wie beim Lebenskraftamulett des Tsi’u Marpo verkündet, ist es, dass „er einem wie ein Diener folgt“, wenn man sein Yantra (Amulett), das um einen Phurba gewickelt ist, um den Hals trägt. Beim Lebenskraftamulett der Shaza Hormo wird gesagt: „Errichte es als Stütze der der Praxis, durchdringe es nachdrücklich mit der Visualisation! Trägt man es, ungetrennt von meditativer Wärme, um den Hals, dann wird die Mamo einen beschützen wie ihr geliebtes Kind.“ Auch beim Schutzamulett des Za Düd Rahula wird gesagt, trägt man es um den Hals bzw. am Körper, dann wird er einem folgen wie der eigene Schatten.

Andere Schutzamulette können eine Dakini-Schrift beinhalten, die nur vom jeweiligen Schatzfinder (Tertön; tib., gter ston) entschlüsselt werden kann (siehe Srung Dril des Sangye Lingpa). Ein Schutzamulett kann aber auch einfach ein bestimmtes Mantra enthalten, das z.B. mit Gold auf schwarzem oder dunkelblauem Papier geschrieben wurde (siehe Rüstungs-Mantra; Dorje Gotrab).

Natürlich ist es erforderlich, diese Amulette immer wieder zu aktivieren, d.h. mit Mantra, Mudra und Samadhi zu segnen. Wenn man jedoch keine Möglichkeit dazu hat, dann ist auch hingebungsvolles Vertrauen wie im Fall der Geschichte mit der alten Frau und dem Hundezahn hilfreich, wie von Patrul Rinpoche erzählt.

Drändröl – Befreiung durch Erinnerung (tib., dran grol) ist eine Form der Befreiung, bei der beispielsweise Phowa (tib., ‚pho ba) – die Übertragung des Bewusstseins – angewendet wird. Durch Erinnerung an die früher ausgeführte Praxis geschieht hier zum Zeitpunkt des Todes die Befreiung, in diesem Fall die Übertragung des Bewusstseins in ein reines Land (z.B. Mahasukhavati).

Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. August 2020

Ruhen in der Leichtigkeit der Illusion

Wenn wir von den Lehren des Buddha sprechen, die sowohl in den Sutras als auch in den Tantras des Geheimen Mantras zu finden sind, müssen diese immer mit den fünf Vollkommenheiten (phun sum tshogs pa lnga) des perfekten Lehrers, seines Gefolges, seines Ortes, seiner Lehre und seiner Zeit gelehrt werden.

Das Ruhen in Leichtigkeit in Illusion“ (sgyu ma ngal gso) wurde von Longchen Rabjam geschrieben, der wie die Sonne in seiner Fähigkeit, die Lehren des Dzogchen, der Großen Vollkommenheit, zu beleuchten, war. In Longchenpas Schriften finden sich sowohl die umfangreichen Abhandlungen als auch die tiefgründigen mündlichen Unterweisungen, und viele seiner Schriften gehören beiden Kategorien an. Die umfassende Herangehensweise des Pandita oder gelehrten Gelehrten stellt die Stufen des Pfades dar, die alle Lehren des Buddha enthalten. Eine Abhandlung (shastra; bstan bcos) repräsentiert die umfassende Art schriftlicher Arbeit und ist in der Art der Kommentare der indischen Meister zu den Lehren des Buddha gehalten. Die tiefgründige Art der schriftlichen Arbeit bezieht sich auf Texte, die die mündlichen Anweisungen (man ngag) enthalten, die für die Praxis der Sichtweise und Meditation benötigt werden.

Die Einleitung zu einer Abhandlung besteht traditionell aus fünf Abschnitten: der Autor, das Thema des Textes, die Kategorie des Textes, der Zweck, für den der Text geschrieben wurde, und der Ort, an dem der Text verfasst wurde. Ruhen in Leichtigkeit in Illusion ist eine Abhandlung mit mündlichen Anweisungen, d.h. sie besitzt die Qualitäten einer Abhandlung und enthält gleichzeitig die mündlichen Anweisungen, die für die Umsetzung der Lehren in die Praxis notwendig sind.

Um die fünf Abschnitte der Einleitung zu Longchenpas „Ruhen in Leichtigkeit in der Illusion“, dem dritten Band seiner Trilogie des „Ruhens in Leichtigkeit“ (Ngalso Kor Sum; ngal gso skor gsum), zusammenzufassen:
Der Autor dieses Textes ist Gyalwa Longchen Rabjam (1308-63), einer der größten buddhistischen Meister in der Geschichte Tibets.

Das Thema dieses Textes ist die Natur der Leere (stong pa nyid kyi rang bzhin), die die wesentliche Bedeutung aller Lehren von Sutra und Tantra ist. Der natürliche Zustand aller Phänomene ist Dharmata. Dharmata wird hier durch die acht Beispiele der Illusion veranschaulicht.

Was die Kategorie des Textes betrifft, so gehört das Ruhen in der Illusion zur Kategorie der Lehrzyklen des Stufenpfades (lam rim). Da die vollständigen Lehren des Buddha von der ersten Drehung des Dharma-Rades bis zur Großen Vollkommenheit in diesem Text zum Ausdruck kommen, wird er der Kategorie des allmählichen Pfades zugeordnet.

Der Zweck, für den der Text geschrieben wurde, war für Longchenpas Schüler. Er wurde auch für zukünftige Wesen geschrieben, die noch Hunderte oder gar Tausende von Jahren danach leben werden, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Lehren des Buddha von dieser Welt verschwinden werden.

Schließlich ist der Ort, an dem der Text verfasst wurde, der Rückzugsort von Longchenpa, der „Gangri Tokar“ oder „Schneeberg mit weißem Schädel“ genannt wird. Gangri Tokar ist als der fünfzackige Berg Tibets bekannt, nach dem berühmten fünfzackigen heiligen Berg von Wutaishan in China. Der Berg Wutaishan ist der eigentliche Aufenthaltsort des Bodhisattva Manjushri in dieser Welt. Da Longchenpa eine Emanation von Manjushri war, wurde Gangri Tokar natürlich ein irdisches Buddhafeld des Manjushri, genau wie Wutaishan in China.

Das Ruhen in Leichtigkeit in der Illusion“ ist der dritte Band von Longchenpas Trilogie des Ruhens in Leichtigkeit. Der erste Band der Trilogie trägt den Titel „Das Ruhen in Leichtigkeit in der Natur des Geistes“ (sems nyid ngal gso). Dieser Band ist sowohl umfangreich als auch tiefgründig, da es sich um eine umfangreiche Abhandlung handelt, die auch die tiefgründigen mündlichen Anweisungen enthält. Die Art und Weise, wie man über die Lehren des ersten Bandes der Trilogie, „Das Ruhen in der Leichtigkeit der Natur des Geistes„, meditieren soll, wird im zweiten Band, „Das Ruhen in Leichtigkeit in der Meditation“ (bsam gtan ngal gso), erklärt. Dieser zweite Band ist eine Anleitung in drei Kapiteln, welche die für die Meditation geeigneten Orte, die Arten von Praktizierenden der Meditation und die Methoden der Konzentration und der Meditation behandeln, innerhalb derer es drei Abschnitte gibt, die sich auf die drei Meditationserfahrungen der Glückseligkeit (bde ba), der Klarheit (gsal ba) und der Gedankenfreiheit (mi rtog pa) beziehen.

Der erste Band der Trilogie, „Das Ruhen in Leichtigkeit in der Natur des Geistes„, besteht aus dreizehn Kapiteln, die alle Stufen des Pfades und der Verwirklichung abdecken, von der Zuflucht bis hin zum Dzogchen, dem Höhepunkt der buddhistischen Lehren. Das neunte Kapitel dieses Buches erklärt die Bedeutung der Erzeugungs- und Vollendungsphase der Vajrayana-Meditation. Das zehnte und elfte Kapitel befassen sich mit der ruhigen, beständigen Meditation (shamatha; zhi gnas) und der Einsicht (vipasyana; lhag mthong).

Insbesondere aus dem zehnten und elften Kapitel dieses ersten Bandes stammt der dritte Band der Trilogie, Ruhen in Leichtigkeit in der Illusion (sgyu ma ngal gso), der die transzendente Einsicht (prajna; shes rab) erklärt, die Leerheit wahrnimmt. In diesem Text wird die Bedeutung der Leerheit durch die berühmten acht Beispiele der Illusion demonstriert, einer traditionellen Art und Weise, die Sicht der Leerheit durch acht Analogien oder Metaphern zu begründen.

„Das Ruhen in der Illusion“ lehrt die leere Natur aller bedingten Dinge, wie sie vom Buddha gelehrt wurde – und demonstriert, dass alle Phänomene, die wir erfahren, im Wesentlichen keine inhärente und wahre Existenz haben. In der Gesamtheit der Lehren des Buddha, in jedem der verschiedenen Fahrzeuge bis hin zum Dzogchen und einschließlich des Dzogchen, ist die wesentliche Wahrheit aller Dinge die Lehre der Leerheit (shunyata; stong pa nyid). Die Lehren über die Leerheit zeigen uns, wie wir das Festhalten und Fixieren auf die scheinbare Realität der Welt loslassen können und wie wir alles, was wir als illusorisch, als leere Erscheinungen wahrnehmen, betrachten können.

Im Allgemeinen ist es sehr wichtig, dass wir, wann immer wir den Lehren über die Leerheit zuhören, unsere Aufmerksamkeit nicht nach aussen richten. Die vom Buddha angedeutete Leerheit ist nicht etwas, das wir mit dem bloßen Auge sehen können. Stattdessen müssen wir von Anfang an nach innen schauen und mit Zuversicht die Leerheit unseres eigenen Geistes realisieren. Die Absicht aller Weisheitslehren des Buddhadharma besteht darin, dass sie uns in die Lage versetzen, die wahre Natur unseres Geistes, die Einheit von Klarheit und Leerheit, zu verstehen und zu erkennen.

Wenn wir beginnen, unsere eigene Erfahrung der Leerheit zu entwickeln, wird unser Festhalten an einem Gefühl des „Selbst“ zusammen mit den Gewohnheiten, die Erfahrung als real und substanziell zu begreifen, nachlassen. Sobald wir diese Grundlage durch das Verstehen der Natur unseres eigenen Geistes geschaffen haben, werden wir in der Lage sein, uns selbst zu beweisen, dass äußere objektive Phänomene in der Natur des Geistes nicht von vornherein vorhanden sind. Wir werden in unserer eigenen Erfahrung entdecken, dass vom Standpunkt der wahren Natur unseres Geistes aus gesehen alles, was wir um uns herum wahrnehmen, leere Erscheinungen sind, täuschend echt und substanzlos.

Aus „The Fearless Lion’s Roar. Profound Instructions on Dzogchen“ von Nyoshul Rinpoche; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

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