Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Februar 2018

Buddhaschaft ohne Meditation

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Eine visionäre Beschreibung, bekannt als »Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung« (Nang-jang)*

Unter der Anleitung von Seiner Eminenz Chagdud Tulku Rinpoche und Lama Padma Drimed Norbu aus dem Tibetischen von Richard Barron (Lama Chökyi Nyima) und Susanne Fairclough übersetzt. Übersetzung ins Deutsche durch Enrico Kosmus (Ngak’chang Rangdrol Dorje) und Christian Paar (Lama Sangye Dorje)

Buddhaschaft ohne Meditation, weitgehend bekannt mit seinem Untertitel »Nang-jang« (Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung), präsentiert die Sicht der Großen Vollkommenheit (Dzogchen, auch Ati Yoga genannt) durch die Herangehensweise, die als »Trekchö« (Durchtrennen der Festigkeit) bekannt ist. Es ist eine direkte Übertragung, die so machtvoll ist, dass bereits durch das bloße Hören des laut Gelesenen sicherstellt, dass der Hörer dem Leiden Samsaras entflieht. Der Dzogchen-Meister Dudjom Lingpa (1835–1904) empfing diese Lehren in visionären Dialogen mit vierzehn erleuchteten Wesen, darunter Avalokiteshvara, Vajrapani, Longchenpa und Saraha.
Die Dudjom-Linie – basierend auf den verborgenen Schatzlehren, die von Dudjom Lingpa und seiner unmittelbaren Wiedergeburt, Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje (1904–1987), dem späteren Oberhaupt der Nyingma-Schule des Tibetischen Buddhismus, offenbart wurden – ist eine der modernen Hauptlinien der Großen Vollkommenheit.
Diese Buch basiert auf der zweiten, überarbeiteten englischen Übersetzung von Richard Barron (Chökyi Nyima), der diesen Text unter Anleitung von S. E. Chagdud Tulku Rinpoche und Lama Padma Drime Norbu in Zusammenarbeit mit dem Padma Translation Committee in langjähriger akribischer Arbeit realisierte. Es enthält den tibetischen Text, wie er von S. H. Dudjom Rinpoche editiert wurde sowie die von ihm erstellte Strukturanalyse, die den Zugang zum Text erleichtert. Ein umfassendes Glossar der verwendeten Termini, sowie äquivalente Begriffe anderer moderner Übersetzer ergänzen das Buch.

»[Der Nang-jang] wurde als ein unerschöpfliches Schatzhaus voller Kostbarkeiten der Lehren Buddhas, der Reliquien des Dharmakaya, hergerichtet.«
Aus dem Nachwort von S.H. Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje


edition khordong im Wandel Verlag, Berlin, Frühjahr 2018,  330 Seiten, 15 Strichzeichnungen, französische Broschur (Klappeneinband), 20,5×14,5cm, g, voraussichtlich 22,80 €, ISBN: 978-3-942380-24-9


Dieser Text ist die Übersetzung eines Berichts, den Dudjom Lingpa im 19. Jhdt. zusammenstellte. Er war ein großer Visionär und Meditationsmeister der Nying­maSchule des tibetischen Buddhismus, der durch seine Schatztexte und visionären Schriften 20 Bände füllte.
Als anerkannte Emanation des Khye’u Chung Lotsawa, einem der 25 Herzensschüler von Padmasambhava, hatte er bereits seit seiner Kindheit immer wieder visionäre Begegnungen mit geistigen Lehrern in Gestalt von Bodhisattvas, Dakinis und früheren historischen Persönlichkeiten des Dharma wie Saraha oder Longchenpa.
Der vollständige Titel dieses Textes lautet »Buddhaschaft ohne Meditation: Ein Rat, der das eigene wahre Antlitz – die natürliche Große Vollkommenheit – sichtbar macht«, aber das Werk ist unter Tibetern allgemein als »Nang-jang« bekannt, was als »Verfeinerung der eigenen Wahrnehmung« übersetzt werden kann.
Es ist eines der heute benutzten Standardwerke, um die Dzogchen-Lehren (»Große Vollkommenheit«) darzulegen, insbesondere jene Lehren, die die als »Durchtrennen der Festigkeit« (Trekchö) bekannte Stufe der Praxis betreffen.
Dieser Text ist eine stufenweise Lehre, die aufzeigt, dass die ursprünglich reine Große Vollkommenheit die höchste Weise ist, in der Dinge verweilen, und die durch das »Durchtrennen der Festigkeit« erreicht wird.

Erhältlich im Wandel Verlag!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. Februar 2018

Vajrayana – Ursprung der Lehre

Eine Erklärung darüber, wie die Lehre des Vajra-Fahrzeuges entstanden ist.

Der herrschaftliche Lehrer, der Vajra-Halter Samantabhadra, lehrte die ozeangleichen Klassen der Tantras im großen Akanistha. Später in Dhanyakataka und wo anders wurden die Lehren wiederum enthüllt…

Samantabhadra-SamantabhadriUrsprünglich offenbarte der Buddha die Tantras durch den Modus der fünf vollständig ausgestatteten Umstände. Der völlig ausgestattete Lehrer, unser eigener Buddha Shakyamuni, blieb von anfangsloser Zeit an in der grundlegenden, ursprünglich reinen Sphäre der ursprünglichen Weisheit des innewohnenden Gewahrseins. In diesem Zustand des wahrhaftigen Erwachens waren spontane Präsenz und uranfängliche Weisheit eins. Aus diesem heraus blieb der eine Geschmack der erleuchteten Absichtlichkeit aller Buddhas der drei Zeiten als die Erscheinung der Verkörperung des vollständigen Erfreuens, der Sambhogakaya.
Die gegenständlichen Erscheinungen sind in ihrer eigentlichen Natur der Selbstausdruck der ursprünglichen Weisheit, der reine ursprüngliche Buddha (Samantabhadra). Der nicht-begriffliche Zustand, frei von Greifen und Festhalten, ist der „Vajra“. Die Untrennbarkeit der Sphäre der Wahrheit und der ursprünglichen Weisheit ist der „Halter“. Der reine allerhöchste Herrscher aller Mandalas ist der Lehrer. Somit ist der völlig ausgestattete Lehrer der Vajra-Halter, Samantabhadra.
Der völlig ausgestattete Ort ist das Selbstgewahrsein, äußerst rein und als der reine Bereich Akanistha verstanden. Die vollständig ausgestattete Versammlung ist die eigene Selbstprojektion, die als die unermesslichen Mandalas der friedvollen und zornvollen Gottheiten erscheint. Der völlig ausgestattete Dharma ist die unausdrückbare Natur der leuchtenden Strahlung der erleuchteten Absichtlichkeit ursprünglicher Weisheit. Die völlig ausgestattete Zeit ist die unwandelbare Sphäre der spontanen, selbstentstandenen Reinheit.
Innerhalb dieser fünf Ausstattungen wurden die ozeangleichen Klassen des Tantra unaufhörlich durch symbolische Hinweise im reinen Bereich Akanistha gelehrt. Dementsprechend waren nur Bodhisattvas auf der achten und neunten Stufe in der Lage, die Lehre zu vernehmen. Zu dieser Zeit manifestierte sich der Buddha zum wohle der äußerst unbeherrschbaren Wesen als der glorreiche Heruka (im zornvollen Aspekt) und brachte das ganze unterstützende Mandala der zornvollen Gottheiten in den fünf reinen Bereichen der Manifestation, dem Nirmanakaya, zum Ausdruck und in den reinen und unreinen gewöhnlichen weltlichen Bereichen, um den Geist der fühlenden Wesen zu zähmen. Ebenso sandte Buddha Vajradhara viele Geistemanationen in die Bereiche der Götter, Nagas, Yakshas und andere, um die Tantras zu enthüllen und zu verbreiten. Besonders in unserem menschlichen Bereich sandte die überragende Emanation Buddha Shakyamuni während der sechs Jahre der Entbehrungen seine Geistemanationen auf den Gipfel des Berges Meru und hinunter in den Ozean, um die Lehre des Geheimen Mantra zu enthüllen. Wieder zu seinem Körper zurückkehrend vervollständigte er seine Darstellung der zwölf Wundertaten. Im Allgemeinen wurden alle Tantras des Geheimen Mantra von Vajrapani zusammengestellt und hauptsächlich in die Sprachen Sanskrit, Prakrit, Apabhramsha, Dakini, jene der Barbaren und andere übertragen.
Als Indrabhuti, der König von Oddiyana, den Buddha und sein Gefolge am Himmel fliegen sah, war er unsicher darüber, was er erblickte und rief seine Minister, das Phänomen zu beobachten und fragte sie, ob es eine Schar roter Vögel sei. Sie erwiderten, dass es der Buddha und seine Schüler sei. Der König wünschte so sehr, den Buddha zu sehen und betete zu ihm, herab zu kommen. Der Buddha erschien ihm dann und stellte ihm diese Frage: „Kannst du die drei Vorsätze der völligen Entsagung felsenfest einhalten?“ König Indrabhuti erwiderte: „In diesem Lustgarten des südlichen Kontinents ist es einfach für mich, eine Wiedergeburt als bescheidener Fuchs anzunehmen, wenn benötigt. Jedoch die begehrenswerten Objekten aufzugeben, um Befreiung zu erlangen – das, oh Ehrwürdiger Gautama, kann ich nicht.“ Mit diesen Worten verschwand die Versammlung der Shravakas. Dann wurde eine Stimme aus dem Himmel vernommen, die sagte: „Was als Shravakas und Pratyekas erschien, ist eigentlich der wundersame Ausdruck der Bodhisattas.“ Danach offenbarte der Buddha das uranfängliche Weisheitsmandala und gewährte dem König Indrabhuti die Ermächtigung, der später den Kaya der Nondualität verwirklichte.
Der Buddha manifestiert sich, um die Vajrayana-Mandalas an anderen Kraftplätzen zu offenbaren, wie im östlichen China am Parvata Pakkhipada, in Zentralindien am Leichenplatz von Smasana Sitavana und in Sri Lanka am Dakpo Dradrog usw. Zusätzlich lehrte der Buddha viele der Tantras an unbekannten Orten zu verschiedenen Zeiten. Gelegentlich manifestierte sich der Buddha selbst als die Hauptgottheit und zu anderen Zeiten gewährte er Ermächtigung als der Buddha selbst. Nach dem Offenbaren aller drei Fahrzeuge in dieser Welt manifestierte der Buddha sich in Dhanyakataka Caitya, wo er das große Mandala des Kalacakra öffnete und die Tantras der Versammlung der Yogis und Yoginis enthüllte. Bei anderer Gelegenheit erschien er als vollständig ordinierter Mönch, um die äußeren Tantras zu offenbaren, einschließlich die meisten der Kriya- und Upa-Klassen. Als er dem König Indrabhuti das Guhyasamaja-Tantra und Vajragarbha das Hevajra-Tantra offenbarte, manifestierte er sich als die jeweilige Hauptgottheit des Mandalas umgeben vom gesamten Gottheitengefolge. Auf diese Weise, so wie zuvor die Tantras im großen Akanistha  offenbart worden waren, wurden sie in ihre Gesamtheit in viele andere Bereiche und Weltsysteme eingeführt.

Aus dem Kommentar von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje über das Halten der drei Gelübdekategorien. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Februar 2018

Vajra-Gelächter

man-1974244_1920Der Bodhisattva Vidyavajra bemerkte: „Oh Lehrer, Bhagavan, seit Lebzeiten von anfangsloser Zeit an bis in die Gegenwart halten die blinden fühlenden Wesen der drei Bereiche aufgrund der Ursache von Unwissenheit und dem mitwirkenden Umstand des dualistischen Greifens beständig und unaufhörlich an den trügerischen Zyklen der endlosen Aufenthaltsorte von Samsara fest. Unter dem Einfluss der verdichteten Verunreinigungen der Gewohnheitstendenzen in der Schale des Nichtgewahrseins sind sie von großen Lasten des Leidens niedergedrückt. Aber durch die Kraft der Weisheit und der uranfänglichen Weisheit wird die Schale der gewohnheitsmäßigen Neigungen geöffnet.
Vor dem Erwachen aus dem Schlummer des Nichtgewahrseins verdinglicht man das trügerische Gefühl des Erfahrens von Elend im Daseinskreislauf und den elenden Daseinszuständen, welche faktisch nicht erlebt wurden. Bedenkt man die Art, wie jemand an Erlebnissen festhält, so ist das lächerlich! Warum? Obwohl die Grundlagen der Benennungen nicht festgestellt werden können, werden der ungegenständlichen Leerheit verschiedene Namen gegeben und auf diese Weise täuscht man sich selbst. Ha ha!
Alle Erscheinungen sind wie eine Fata Morgana, die man für Wasser hält und wie ein illusorisches Fest, das man für dauerhaft auffasst und daran festhält, als ob es der eigene Besitz wäre. Frühere Erscheinungen lösen sich auf und nachfolgende entstehen ohne dauerhafte Präsenz, aber indem man das nicht bemerkt, ist man verwirrt! Ha ha!
Das Problem nicht zu erkennen, dass Erscheinungen entstehne und sich ohne Stabilität verwandeln, lässt einen stolz sein auf die angesammelten Reichtümer als ob sie ewiger Reichtum für einen wären. Ha ha!
Sobald jemand Samsara und Nirvana als die offene, ungegenständliche Natur der großen Leerheit erkennt, werden alle Buddhas und Buddha-Felder, die als Objekte im belebten und unbelebten Universum gehalten werden, in den Abgrund fallen. Ha ha!
Sobald jemand sieht, dass alle belebten und unbelebten Welten mit ihren Sinnesobjekten völlig ohne Grund und Wurzel wie in einem Traum und in einer Illusion sind und wenn man dann erkennt, dass sie anscheinend existieren, obwohl sie es nicht tun und dass sie gleichzeitig in einem einzigen Augenblick wie ein Blitz erscheinen und vergehen, dann wird der Daseinskreislauf vom Wind verblasen. Ha ha!
Indem man die Tatsache nicht erkennt, dass die eigene Natur seit anfangslosen Lebzeiten sich niemals auch nur für einen Moment aus dem ursprünglich reinen Dharmadhatu entfernt hat, so scheint es, dass man kommt und geht und sich im Daseinskreislauf umherbewegt. Ha ha!
Erkennt man die Tatsache nicht, dass sich einem seit anfangslosen Lebzeiten die eigenen Erscheinungen zeigen und abgesehen davon, dass es nicht ein Deut irgendwelcher anderer Sinnesobjekte gegeben hat, nimmt man die erlebten Erscheinungen für etwas woran man festhält als ob es etwas anderes wäre. Somit ist man beständig von Hoffnungen und Befürchtungen getäuscht. Ha ha!
Sobald jemand auf sein eigenens Antlitz als den großen, ursprünglichen, uranfänglichen Grund trifft, erwacht er zur ungehinderten Ungegenständlichkeit aller Fehler und gewohnheitsmäßigen Neigungen. Ha ha!
Wenn jemand die absolute Natur des Grundes erkennt, frei von begrifflicher Ausschmückung, dann lösen sich Hilfe und Anfeindung, die von Göttern und Dämonen sowie Freunden und Feinden spurlos auf. Ha ha!
Sobald die Finsternis der Unkenntnis der absoluten Natur des Grundes der Erkenntnis weicht, erkennt man, dass spirituelles Erwachen nicht durch gutes Meditieren erlangt wird, noch dass jemand im Daseinskreislauf aufgrund der Schwäche des Nichtmeditierens umherwandert. Ha ha!
Sobald der Grund-Dharmakaya, der allgegenwärtige Herrscher Samantabhadra offenkundig wird, erlangt man mühelos das Königreich des Dharmakaya. Ha ha!
Wenn man Meisterschaft über die ursprüngliche Weisheit des Gewahrseins frei von Extremen erlangt, ohne dass es nötig wäre, alle fühlenden Wesen der drei Bereiche zu berücksichtigen oder auf sie zu schauen und ohne die Notwendigkeit, sich angestrengt zu bemühen, erwacht man gleichzeitig zur Dharmata, der absoluten Natur, die die Kausalität übersteigt. Ha ha!
Sobald man Meisterschaft über das ursprüngliche Weisheitsgewahrsein frei von Extremen erlangt, ist jedes einzelne der unzähligen Mandalas der Siegreichen als von einem Geschmack ohne Angleichung oder Abweichung vollendet und verwirklicht. Ha ha!
Wenn der reine, gleichwertige Ausdruck von Samsara und Nirvana und dem Dharmakaya, das Gewahrsein, das als der Grund vorhanden ist, wahrgenommen wird, dann erwacht man vollkommen in einem Augenblick ohne sich auf die Stufen von Grund und Pfad stützen zu müssen. Ha ha!
Durch das Hören des Klanges der Worte dieses großen Vajra-Gelächters wird man die wahre, absolute Natur ergründen und diese weitreichenden und tiefgründigen Punkte realisieren.

Aus dem Nelug Rangjung – Vajra-Herz-Tantra – (dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) des Dudjom Lingpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 28. Januar 2018

Bewusstsein und Geist

sunlight-2323003_1920In der Sicht des tibetischen Buddhismus tritt beim Tod das Bewusstseinsprinzip, das als Namshe (tib., rnam shes) bekannt ist, aus dem Inneren des eigenen Leichnams (tib., bem po) aus und das körperlose Bewusstsein findet sich wieder in einem subtilen Geistkörper hausend, wo der Geist, die Erinnerungen, Emotionen und die Sinne einschließlich Sehen, Riechen, Hören usw. noch immer einsatzbereit sind. So ein geistgeschaffener Körper der subtilen psychischen Energie und des Bewusstseins wird „Yilü“ (tib., yid lus) genannt. Es gibt ein allgemeines Verständnis unter den Tibetern, dass Bewusstsein oder die bewusste Existenz eine Art von Körper erfordert, egal ob physisch, ätherisch oder geistig, da es ansonsten keine Aktivität der Sinne geben würde. Der allgemeine Begriff für Bewusstsein ist Namshe (tib., rnam shes), das die Übersetzung des Sanskrit-Begriffs „vijnana“ ist. Der Begriff „Geist“ oder Sem deckt beide Aspekte des geistigen Lebens ab, die in der buddhistischen Psychologie als Bewusstsein an sich (tib., sems; skt., citta) und als die Inhalte des Bewusstseins (tib., sems byung; skt., chaitta) unterschieden werden, welche sozusagen die geistigen Aktivitäten oder Funktionen sind. Die Wurzel des Bewusstseins und sogar noch grundlegender ist Shepa (tib., shes pa; skt., jna) oder das Basisbewusstsein. Dieses Basisbewusstsein wird „Bewusstsein“ oder Namshe, wenn es erhellt und in geistigen Vorgängen gefangen ist. Namshe scheint ein Wort zu sein, das aus miteinander verbundenen Sanskrit-Begriffen gebildet wurde: rnam-par steht im Sanskrit vi– für „diskursiv“ und shes-pa aus dem Sanskrit jnana ist „uranfängliches Erkennen“. Die wird nun allgemein von den Buddhisten und Bönpos verwendet. Darüber hinaus wird dieses Wort dafür verwendet, um auf das Bewusstseinsprinzip hinzuweisen, dass nach dem körperlichen Tod überlebt und in neue Geburten übergeht, wiederum erwachend, sich im Zwischenzustand des Bardo vorzufinden, dem Abschnitt zwischen Tod und Wiedergeburt. Das scheint mit dem zu korrespondieren, was wir im Westen „die Seele“ bezeichnen. Jedoch ist das Namshe eine komplexe Struktur des Geistes, einschließlich des Bewusstseins und der Erinnerungen und der subtilen psychischen Energien (tib., rlung sems), die im Bardo aufgrund der Macht des Karma auferstehen. Daher gibt es zwei unterschiedliche Bedeutungen für diesen tibetischen Begriff „Namshe“.

Seele durch die Hintertür?

face-622904_1920Ein paar westliche Gelehrte erheben den Einspruch, dass diese tibetische Bezeichnung von Namshe den Tod eines Individuums überlebt und in den Bardo oder den Zwischenzustandserfahrung zwischen Tod und Wiedergeburt eintritt, weil dies dem grundlegenden buddhistischen Prinzip von „Nicht-Selbst“ (skt., anatman; tib., bdag med), da es kein Selbst oder keine Seele im menschlichen Sein gibt, das reinkarniert. Sie behaupten, dass die Tibeter diese Idee eines dauerhaften Selbst oder einer unsterblichen Seele, so wie man sie im Hinduismus findet und als Atman benannt wird, eingeführt haben. Jedoch ist in buddhistischen Bezügen das Namshe keine Substanz oder Entität, die dauerhaft ist und eine inhärente Existenz hat. Es ist etwas, das von vorherigen Ursachen bedingt ist und sich somit in einem Zustand des beständigen Fließens befindet. Man kann es am besten mit einem Strom oder Fluss vergleichen. Weil die Wasser dieses Flusses sich von Moment zu Moment beständig von verändern, sind sie niemals dieselben. Und obwohl sich die Inhalte des Bewusstseins die ganze Zeit über wandeln, behält das Bewusstsein eine Individualität aufrecht und eine Beständigkeit, genauso wie beim Dahinströmen eines Flusses in seinen Ufern. Namshe ist keine geistige Substanz oder ein Geistgegenstand, sondern „ein Strom des Bewusstseins“ (skt., vijnana santana; tib., shes rgyud) und dieser Begriff wurde in der buddhistischen Psychologie schon lange vorher verwendet, bevor William James ihn in die westliche Experimentalpsychologie einführte. Dieser Strom des Bewusstseins, der sich immer wandelt und in einem Fluss dahinfließt, ist durch viele Leben dahingeflossen, genauso wie ein großer Fluss durch viele unterschiedliche und vielfältige Landschaften dahinfließt. Es ist immer gleiche Fluss und dennoch nie derselbe. Die Wasser oder Inhalte dieses Flusses haben sich von Moment zu Moment gewandelt. So wie der griechische Philosoph Herakleitus fragte: „Steigen wir zweimal in denselben Fluss?“ Und dennoch aus einer größeren Perspektive ist es derselbe Fluss. Tatsächlich ist es dieser Strom des Bewusstseins, der ein Leben mit einem anderen verbindet. Somit ist Wiedergeburt oder der Zyklus von Tod und Geburt keine Angelegenheit desselben Handelnden, der verschiedene Gewänder und Masken anlegt, um verschiedene Rollen während des Verlaufs eines Spiels auf der Bühne spielt, sondern es ist wie ein Fluss. Da besteht ein echter Unterschied. Obwohl man Bewusstsein mit einem Fluss vergleichen kann, wird der Strom des Bewusstseins eines Individuums als ungeschaffen und ohne zeitlichen Beginn angesehen. Es gibt aus buddhistischer Sicht keinen großen Ozean, in den das Bewusstsein am Ende der Existenz einfließt, gleich einem Regentropfen, der in das große, glänzende Meer fällt. Obwohl das Bewusstsein sich von Moment zu Moment ändert, hat dieser Strom des Bewusstseins keinen Schöpfer und keinen Anfang in Zeit und Geschichte. Es gibt keine Schöpfung in einem absoluten Sinne. Noch gibt es ein Ende im absoluten Sinne. Dieses Basisgewahrsein ist an der Wurzel des Bewusstseins grundlegend und dem Dasein genauso innewohnend wie der Raum selbst. Beim Abidharma fortsetzend, greift Dzogchen die Sicht auf, dass Raum und Gewahrsein seit allem Anfang an untrennbar sind (tib., ye nas stong rig dbyer med).

Aus„TIBETAN CONCEPT OF THE SOUL” von Lama Vajranatha (John M. Reynolds, 2011). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Januar 2018

Die Lehre vom Nicht-Selbst und den Erlebnishaufen

JohnReynoldsGewöhnlich wird gesagt, dass Shakyamuni Buddha sich der Lehre der Upanishaden über Atman bewusst gewesen ist, die zentral für die späteren Systeme der Vedanta-Philosophie war. Allerdings widerlegte er die Existenz eines Atman, sozusagen die Existenz eines unwandelbaren, dauerhaften, verweilenden und ewigen Elements, einer Einheit oder Substanz in Lebewesen, was wir im Westen oft als „Seele“ bezeichnen. Aber diese Widerlegung des Buddha ist weitaus komplexer und subtiler und entspricht nicht der Widerlegung der Seele in Begriffen des modernen westlichen Materialismus und der westlichen Wissenschaft. In seinen Prajnaparamita-Sutras oder den Abhandlungen über die Vollkommenheit des höchsten Erkennens widerlegte er die Existenz einer gegenständlich existierenden, ewigen Substanz in oder hinter den Phänomenen. Tatsächlich widerlegte er unser alltägliches, konventionelles Konzept von Materie und Wirklichkeit, nannte sie eine Täuschung, die durch den Geist erschaffen ist und verglich sie mit einem Trugbild, einem Traum, einem Zaubertrick usw. Stattdessen bezeichnete er seine eigene Lehre als „Anatmavada“ – die Lehre vom Nichtselbst bzw. keiner Substanz im Bewusstsein von Lebewesen und in äußerlichen Phänomenen. Somit erscheint seine grundlegende Lehre der späteren vedischen oder brahmanischen Tradition zu widersprechen, so wie sie von den Upanishaden und in der späteren Vedanta-Philosophie dargestellt wird und auch den nicht-vedischen Shramana-Traditionen, wie sie von den Jainas, den Ajivakas, den Samkhyas usw. dargestellt wird. Aber was genau bedeutet Anatman oder „Nichtselbst“ in Bezug auf das Seelenkonzept? Der Buddha hat bereitwillig die Lehren von Karma und Samsara akzeptiert, sozusagen dass die eigenen Handlungen in früheren Leben die gegenwärtigen Umstände in diesem Leben bestimmen und ferner was man in diesem gegenwärtigen Leben macht, das Schicksal in zukünftigen Leben sein wird. Aber wenn es nun keine Seele oder Substanz gibt, was ist das, was wiedergeboren wird? Wie kann es eine Beständigkeit oder eine Verbindung von einem Leben zu einem anderen geben?

Buddhas Erkenntnisse

Als noch junger Prinz verließ der zukünftige Buddha mit dem Namen Siddhartha heimlich den Palast seines Vaters und entsagte dem weltlichen Leben und er gab all seinen Besitz fort. Sechs Jahre lang wanderte er in den dichten Wäldern Nordindiens umher auf der Suche nach dem spirituellen Pfad, der über das Leiden hinausführen würde, das im anfangslosen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt als Samsara erfahren wird. Während dieser Zeit experimentierte er mit zahlreichen Methoden des Yoga und der Meditation, einschließlich der extremen Praktiken der Askese und der Enthaltsamkeit, die veränderte Bewusstseinszustände hervorrief, die als Samadhi bekannt sind. Dennoch war er schließlich von diesen verschiedenen Samadhis oder veränderten Bewusstseinszuständen desillusioniert, egal ob auf ein Objekt fokussiert wurde oder ohne Objekt und er erkannte, dass weil alle von ihnen bedingt sind und durch zuvor bestehende Ursachen hervorgerufen werden, sie daher vergänglich sind und somit schließlich enden müssen, egal wie glückselig oder schön sie zurzeit sein mögen. Er schloss daraus, dass sie nicht die Befreiung vom Leiden und der Wiedergeburt in Samsara darstellen. Im Gegenteil, sie repräsentieren all bedingten Bewusstseinszustände, die noch immer zu Samsara gehören.

Nicht-Selbst / Anatman

Daher gab er seine früheren kostbaren, ernsthaften Praktiken der Entsagung, sowie auch seine fünf Yogi-Freunde und brach sein Fasten, indem er von Sujata, einem jungen Dorfmädchen aus der Gegend, Nahrung annahm. Er überquerte den Fluss Niranjana und setzte sich neben einen großen Baum in Bodhgaya nieder, der nun als Bodhi-Baum oder Baum der Erleuchtung bekannt ist, wo er in einen tiefgründigen Zustand der Meditation eintrat. Zuerst beruhigte er die Oberfläche seines Geistes (mittels dem, was als Shamatha-Meditation bekannt ist), dann blickte er in die Tiefen seines Geistes (mittels Vipashyana-Meditation) und untersuchte die Funktionen seiner verschiedenen geistigen Vorgänge. Wenn ein Gedanke in seinem Bewusstsein auftauchte, blickte er zurück zu seiner Quelle. Aber er entdeckte keine Seele oder ein Selbst, das sich dort befinden würde. Er beobachtete, dass Empfindungen von seinem physischen Körper und seinem Atem aufstiegen und aus dem Spiel seiner Vitalität oder Lebenskraft, die als Prana bekannt ist, welche seine Körper belebte. Dies erachtete er als bloße Phänomene. Er konzentrierte sich dann auf seinen Geist (chitta) und seine geistigen Vorgänge (chaitta). Aber auch da konnte er durch das Hineinblicken und Beobachten dieser geistigen Phänomene keine wie immer geartete Substanz oder Entität finden, die man allgemein hin als „mein Geist“ nannte. Stattdessen entdeckte er einen beständig, sich wandelnden Strom des Bewusstseins (vijnana-santana), der wie dem Fluss glich, der neben seinem Baum dahinfloss, wo er meditierte. Er beobachtete, dass alle Gedanken und Erfahrungen, die in diesem Strom des Bewusstseins auftraten, von früheren oder vorherigen Ursachen bedingt waren, sogar von Ursachen aus früheren Leben.

Erlebnishaufen / Skandhas

Aber statt von einer dauerhaften Entität oder Substanz zu sprechen, die „ein Geist“, „eine Seele“ oder „ein Selbst“ genannt wurde, entwickelte der Buddha eine Prozesssprache, um von einem niemals endenden Strom der Bezüge menschlicher Erfahrung zu sprechen, hauptsächlich in Begriffen der fünf interaktiven Vorgänge, die als Skandhas bekannt sind. Dieser Sanskrit-Begriff wird gewöhnlich als „Haufen“ oder „Aggregate“ übersetzt. Allerdings sind die Skandhas dynamisch, nicht so wie ein träger Haufen Steine. Ohne Rückgriff auf solche Verdinglichungen wie „Geist“, „Seele“ oder „Ego“ usw., konnte er dann von seinen Erfahrungen in Bezug auf diese fünf Skandhas wie folgt sprechen:
Rupaskandha – Form oder Sinneserfahrungen, die aus den äußeren Sinnesorganen des physischen Körpers entspringen oder vom Geist innen, der auch eine Art Sinnesorgan ist, der Gedanken und Emotionen wahrnimmt.
Vedanaskandha – Gefühle oder die Erwiderung der Sinneserfahrungen, ob nun angenehm, unangenehm oder neutral.
Samjnaskandha – Wahrnehmungen, sozusagen die Organisation der Sinneserfahrungen, ob nun äußerlichen oder innerlichen Ursprungs, in die erkennbare Erfahrung eines Objekts, verbunden mit Erinnerungen gleicher Erfahrungen in der Vergangenheit und die das wahrgenommene Objekt mit einem Namen versehen. Das ist das Arbeiten von Manas, das vergleichbar mit dem grundlegenden Betriebssystem und den Programmen ist, die auf einem Computer laufen, einschließlich der Textverarbeitungsprogramme.
Samskaraskandha – Impulse, sozusagen die Emotionen und Gedanken, die aus dem Unbewussten als Antwort auf diese Wahrnehmungen aufsteigen.
Vijnanaskandha – Bewusstsein, das Gewahrsein oder Bewusstsein dieser über diesen Vorgängen. Dieses Bewusstsein, das grundlegend für seine eigene Existenz ist und das nicht von irgendwo anders abstammt oder aus etwas einfacherem oder grundlegenderem herrührt, wird nicht als eine dauerhafte Substanz angesehen, sondern als eine Abfolge von Bewusstseinsmomenten oder zumindest viele seiner Schüler haben den Meister dies so lehrend interpretiert. Shakyamuni Buddha sprach von einem Fehlen einer innewohnenden Existenz (shunyata), dem Fehlen jeglicher innewohnender Merkmale (animitta) und der Vergänglichkeit (anitya) aller geistigen und körperlichen Phänomene, die man erfährt. Einige Schüler gelangten zur Interpretation dieser Phänomene des Bewusstseins oder Dharmas als unbeständig und vorübergehend (kshanika), einem Aufblitzen von Daseinsereignissen in einem Bewusstseinsstroms und ihrem wiederum sofortigen Verlöschen, genauso wie elektrische Blitze entlang der Synapsen im Gehirn oder das binäre System von 1-0 eines Computers. Durch die meditativen Praktiken von Shamatha und Vipashyana können die geistigen Aktivitäten vielleicht verlangsamt werden, genauso wie man bei einem Filmprojektor in Zeitlupe gehen kann und dadurch können diese individuellen Dharmas ersichtlich gemacht werden. Dieser Vorgang ist als Prajna oder Höchstes Erkennen (unterscheidende Weisheit) bekannt, das unterscheidet, was wirklich (momentane Dharmas oder Ereignisse) und was trügerisch (Erscheinungen von festen Objekten) ist. Auf diese Weise kann der Meditierende unterscheiden, was wirklich und real ist, sozusagen die grundlegenden Einheiten oder Teile der Erfahrungen. Diese Dharmas sind keine Teilchen, sondern Ereignisse im Bewusstsein, bloße vorübergehende Phänomene.

Aus„TIBETAN CONCEPT OF THE SOUL” von Lama Vajranatha (John M. Reynolds, 2011). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018).

 

Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Januar 2018

Wie man sich auf einen Lehrer stützt

padmasambhava-2248028_1920Man sollte den Belehrungen sehr aufmerksam zuhören, mit einsgerichtetem Vertrauen an den spirituellen Lehrer und Meister, der lehrt und in den Dharma, den man erhält.
Der nächste Punkt ist für westliche Schüler sehr passend, weil sie gewöhnlich Schnüffler sind. Sie schnüffeln mal hier, mal da nach Pfaden und Lehrern. Die großen spirituellen Lehrer, die durchs Land ziehen, kommen und gehen wie Sternschnuppen. Ohne einen Prozess des Abklärens oder der Überprüfung, was eigentlich die traditionelle Art des Annäherns an den Pfad und den spirituellen Lehrer ist, laufen und springen Westler einfach hinein und nehmen alle Belehrungen und alles, was der Lehrer anbietet. Dann geht der Lehrer wieder, und sie sind verwirrt. Das ist ein Punkt.

Sich mit dem Lehrer verbinden

Ein weiterer Punkt ist, wenn man sich mit einem Lehrer verbindet, der gebrochenen Samayas hat oder auf eine andere Art unrein ist, ist dies ein sehr großes Problem. In den weltlichen Unternehmungen macht man dies zu einer Vertrauenssache, wenn man sich beispielsweise einen Geschäftspartner wählt. Es muss jemand sein, dem man wirklich vertraut und man soll diese Person überprüfen, ob man ihr wirklich vertrauen kann, bevor man ein Geschäft eingeht oder Geld ausgibt. Wenn es sich herausstellt, dass der Geschäftspartner nach all dem nicht vertrauenswürdig ist, hat man vielleicht ein paar hundert oder ein paar tausend Euro oder mehr verloren. Aber das ist keine große Sache, wenn man sich dessen gewahr ist, bevor man sich einem spirituellen Lehrer anvertraut und es dann nicht funktioniert, und zu einer Wiedergeburt im untersten Bereich führt.

Verbindung durch Gelübde

Der Grund dafür ist, dass man Gelübde nimmt und Verpflichtungen eingeht, und sich auf eine völlig verschiedene Ebene als in den weltlichen Unternehmungen einlässt und die Ergebnisse sind äußerst tief. Wenn der spirituelle Lehrer nicht rein ist, dann ist die Dharma-Übertragung nicht rein. Und wenn die Dharma-Übertragung nicht rein ist, fällt man in die unteren Bereiche. Man wird nicht das angestrebte Ergebnis erhalten. Man verbleibt in Samsara. Man braucht nicht hinabzufallen. Man braucht keine falschen Lehrer. Man soll hineinblicken. Man muss den Lehrer prüfen. Der Lehrer muss den Schüler ebenso prüfen und ein reiner Lehrer wird dies. Aber im Westen ist alles so rasch; man hat nicht die Zeit dazu. Daher überprüft man nur so viel wie man eben kann und das ist gefährlich.

Auf den Lehrer vertrauen

Wenn der Pfad der Großen Vollkommenheit erklärt oder einem Schüler offenbart wird, werden Belehrungen über die Qualifikationen des spirituellen Lehrers gegeben, über die Fähigkeiten des Schülers, wie man sich auf den spirituellen Lehrer und Meister stützt, über die Fähigkeiten für den besten Platz der Übertragung, den Notwendigkeiten der Zeit, dem Nutzen des Erhalts der Übertragung, den Fehlern einer unreinen Übertragung, die Art den Belehrungen zu lauschen, die Art, wie man die Verpflichtungen am Pfad aufrecht hält und welche Dinge oder Materialien für die Praxis benötigt werden. Alle diese Punkte werden ausführlich besprochen. Vieles davon wird in Patrul Rinpoches „Die Worte meines vollendeten Lehrers“ (das Kunzang Lama’i Shalung) behandelt. Die detaillierten Anweisungen dazu befinden sich in Karma Chagme Rinpoches ausführlichen Kommentar. In diesem mittleren Kommentar hier werden drei Kategorien erklärt: die Qualifikation des spirituellen Lehrers, die Qualifikation des Schülers und wie man sich auf den spirituellen Lehrer stützt.
Guru Rinpoche sagte, hat man einmal einen Lehrer gefunden, der wirklich in jeder Hinsicht qualifiziert ist, sollte man sich auf ihn stützen, indem man in ihm zu allen Zeiten und in allen Situationen einen lebenden Buddha sieht. Was immer lehrt oder einen fragt, sollte man nicht nur hören, sondern man sollte dem sehr, sehr sorgfältig folgen. Man sollte fähig sein, seinen Körper und/oder das eigene Leben in jeder Weise zu opfern, aus Hingabe zum Lehrer. Da sollte nichts zurückbehalten werden. Man sollte fähig sein, alles zu opfern. Wenn der spirituelle Lehrer und Meister es wünscht, sollte man fähig sein, selbst das eigene Herz und die Augen ohne Anhaftung zu geben.
Natürlich sollt ihr verstehen, dass diese Belehrungen sich darauf beziehen, wie man sich auf einen völlig qualifizierten Lehrer bezieht. Ein reiner spiritueller Lehrer und Meister würde niemals nach dem Leben des Schülers trachten. Ein Lehrer, der nach solch einer Sache fragen würde, wäre ein Dämon und kein spiritueller Lehrer und Meister. Dieses Beispiel wird nur Zweck des eigenen Verständnisses gegeben, welches Ausmaß an Hingabe man an den Lehrer benötigt. Wenn das Herz an diesem Fleck ist, dann ist der Segen dort zu finden. Wenn man an einer Stelle ist, wo die Hingabe so stark ist, dass man alle Belange des eigenen Lebens aufgegeben hat, die Selbstbezogenheit, die Anhaftung an den eigenen Körper und durch einen vertrauensvollen Geist ersetzt hat, dessen einziges Bestreben ist, einem lebenden Buddha zu dienen, mit einem Geist ohne Habgier und der alles aufgegeben hat, sich allen Schwierigkeiten am Pfad unterzieht, dann wird der Segen da sein. Geduld, Eifer – eigentlich die Praxis aller sechs Paramitas – sind Voraussetzungen für diese Art der Hingabe.

Hingabe und Segen

Denkt beispielsweise wie sich Marpa auf seinen Guru Naropa gestützt hat. Denkt, wie sich Milarepa auf Marpa gestützt hat. Das war echte Hingabe an den Guru. Am Ende wurde Milarepa ein Buddha. Seine Anstrengungen waren nicht für Marpa. Sie waren für seine eigene Erleuchtung, welche sich auch ereignete. Alle großen indischen und tibetischen Gelehrten und Mahasiddhas erlangten Erleuchtung ebenfalls in Abhängigkeit von ihrer Art der Hingabe.
Wenn ihr mich fragt: „Wie steht es um dich?“ Dann müsste ich antworten, obwohl ich seit meiner Jugendzeit ich das Glück hatte mit einigen großen Meistern Tibets, wirklich erleuchteten Buddhas wie S.H. Dudjom Rinpoche und S.H. Karmapa zusammen zu sein, ich nicht wirklich diese Stufe der Hingabe erlangt habe. Das ist sehr schlecht; ich habe meine Gelegenheit verpasst. Aber dies bedeutet nicht, dass ihr aufhören sollt, es zu versuchen, obwohl ich euch erzähle, dass es schließlich nicht einfach ist.
Nun habt ihr diesen Verdienst, diese Chance, diese Gelegenheit in diesem flüchtigen Moment der Zeit, da sollt ihr wirklich versuchen, euer Bestes zu geben, diesen Grad an guten Glauben und Hingabe zu eurem Lehrer zu erzeugen. Ich sage damit nicht, dass ihr dies für mich empfinden sollt. Ihr sollt dies auf diese Weise für die großen spirituellen Lehrer und Meisters, die aus Indien hierherkommen, um die tiefgründigen Ermächtigungen und Übertragungen geben, empfinden. Ihr sollt wirklich versuchen, sie als lebende Buddhas zu sehen. Wer immer euer buddhistischer Lehrer ist, versucht bitte diese reinen Gedanken zu entwickeln. Behandelt euren Lehrer nicht wie ihr euren Freund oder eure Freundin behandelt, einige Tage liebevoll, einige Tage nicht. Warum nicht? Weil ihr euren eigenen Zweck verliert. Ihr quält euch selbst. Für weitere ausführliche Anweisungen, wie man sich auf einen Lehrer stützt, könnt ihr in den „50 Versen der Guru-Verehrung“ nachlesen. Wenn ihr fähig seid, guten Glauben zu entwickeln, werden alle Segnungen durch die Stärke dieses Vertrauens entstehen.

Vollendete Hingabe

In Patrul Rinpoches „Kunzang Lama’i Shalung“ (Die Worte meines vollendeten Lehrers) gibt es eine gut bekannte Geschichte über eine alte Frau und einem Hundezahn. Eine alte tibetische Frau hatte einen Sohn, der Händler war. Er reiste oft für Geschäfte und zum Handeln nach Indien. Er unternahm so viele Reisen in dieses alte Land, dieses heilige Land, dass eines Tages seine Mutter in darum bat, ihr eine Reliquie von Buddha als Stütze für ihren Glauben mitzubringen. Etwas das sie auf ihren Altar legen konnte und zu diesem beten konnte. „Ja natürlich, Mutter“ sprach er, „ich werde das für dich machen.“ Er ging nach Indien und kehrte etwas später zurück, aber jedes Mal vergaß er ihr eine Reliquie mitzubringen. Schließlich regte sich seine alte Mutter darüber so auf, dass, als er sich für eine weitere Geschäftsreise vorbereitete, sie ihm sagte, wenn er wieder vergessen würde, eine Reliquie von Buddha zu bringen, sie sich vor ihm das Leben nehmen würde. „Sei nicht besorgt, Mutter, ich bin mir siche, dass ich dir diesmal etwas mitbringen werde,“ versicherte er ihr.
So ging er nach Indien, verkaufte, handelte, machte Geschäfte, ging überall hin und kehrte schließlich nach Tibet zurück. Als er sein Dorf erreichte erinnerte er sich plötzlich an die Reliquie. „Ach nein! Was soll ich nun bloß machen?“ dachte er. Alsbald erblickte er einen alten, trockenen Hundeschädel, der am Wegesrand lag und da kam ihm eine Idee. Er brach den Schädel auf und zog ihm einen der Zähne heraus, wickelte ihn in vielfärbigen Seidenbrokat und legte ihn in eine sehr besondere Schachtel. Als er daheim ankam, wartete die Mutter schon auf die Reliquie. Er erzählte ihr, dass er so glücklich sei, dass er einen Zahn des Buddhas bringen könne.
Der Glaube seiner Mutter an Buddha war sehr tief. Sie glaubte wirklich und sie war so erfreut, dass sie betete und diesen Zahn verehrte, der später Reliquien hervorbrachte. Und als sie starb, erschienen Regenbögen und sie erlangte Erleuchtung.
War dies wegen dem Zahn oder durch die Frau? Wessen Segen war es? Buddhas Segen ging einzig durch ihren guten Glauben in ihren Geist ein. Es musste nicht der Zahn des Buddhas sein. Sie machte ihn zu diesem durch ihren Glauben. Wir haben nun all diese vielen Stupas, Statuen, Thankas und ähnliche Dinge weil sie Objekte der eigenen Hingabe sind, nicht weil wir ein Museum damit schaffen wollen.

Dies beschließt die Belehrungen von Gyatrul Rinpoche über das Entwickeln der Hingabe an den spirituellen Lehrer und Meister, wie man sich auf den spirituellen Lehrer und Meister stützt. Möge es von Nutzen sein!

 

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. Januar 2018

Schüler & Lehrer – beiderseits prüfen

buddha-159316_1280In einem Text, der die „50 Verse der Guru-Verehrung“ genannt wird, der auch in English erhältlich ist, wird gesagt: „Wenn ein Schüler die spirituellen Eide (Samaya) bricht, wird dies direkt den Lehrer schädigen.“ Wenn ein Schüler selbst unrein ist, fügt dies dem Lehrer Schaden zu. Dies ist auch der Fall, wenn der Lehrer unrein ist, wird dies den Schüler treffen. Guru Rinpoche sagte: „Wenn man den spirituellen Lehrer nicht prüft, ist es sehr schwierig, den spirituellen Pfad zu praktizieren. Wenn man den Lehrer nicht sehr sorgfältig überprüft, wird man in einen fehlerhaften Pfad eintreten und diesen praktizieren.“ Am Pfad der Übertragung des Dzogchen / Atiyoga ist es äußerst wichtig, die Qualifikationen des spirituellen Lehrers ebenso aber auch der Belehrungen, die gegeben werden, zu prüfen.

Fehler eines Lehrers

Guru Rinpoche sagt uns, was die Fehler eines spirituellen Lehrers sind und wie wir sie erkennen: ein spiritueller Lehrer, der sehr wenig Belehrungen erhalten hat und/oder der denkt, dass er wenig Belehrungen erhalten hat, und Zeichen von Stolz zeigt; der aufgeblasen und stolz über die Belehrungen, die er erhalten hat ist und was wer darüber weiß; jemand zeigt Zeichen der Ignoranz oder Täuschung; der geringe oder mangelnde Weisheit hat und unfähig ist, die Bedeutung der Belehrungen zu verstehen; dessen Praxis der Erzeugungs- und Vollendungsstufe so schwach ist, dass er kein wirkliches Verstehen dieser Stufen hat; der sich selbst verherrlicht und wenig Mitgefühl für andere hat; der geringes Wissen, eine geringe Wahrnehmung und falsche Sicht hat; der sektiererisch ist oder parteiisch zugunsten seiner selbst ist. Wenn man sich auf einen spirituellen Lehrer stützt, der irgendeinen dieser Fehler hat, ist dies eine Ursache für eine Wiedergeburt in den niederen Bereichen. Solch einen spirituellen Meister, solch einen spirituellen Lehrer sollte man um jeden Preis zurückweisen.

Verkommene Zeiten

Guru Rinpoche hat gesagt, dass während dieser verkommenen Zeiten die Praktizierenden des Dharma ihre Praxis der Sichtweise nicht mit ihrem Verhalten vereinen werden können. Die Sicht während sie ihre Sadhana praktizieren und das Verhalten, dem sie danach folgen, wird nicht eins sein. Ihr Verhalten wird nicht entsprechend ihrer Sicht sein. Es mangelt ihnen in Sicht und Verhalten, sowohl bei ihrer Praxis als auch in ihrem Auftreten. Sie werden meditieren wollen, bevor sie verstehen, wie sie es machen können. Schon ein paar wenige Belehrungen gehört zu haben, denken sie, dass sie bereit für die Meditation auf den höheren Ebenen sind. Bevor sie eine Art der Meditation verstanden oder verwirklicht haben, wollen sie mit schon mit anderen Lehren beginnen. Bevor ihr eigener Geist gereift ist, wollen sie eigentlich schon Ermächtigungen geben. Obwohl ihr eigener Geist noch nicht befreit ist, gehen sie soweit, dass sie Belehrungen aufgrund von Erfahrung geben, wie Dzogchen und andere geheime Belehrungen, die persönliche Befreiung verlangen. Sie geben vor zu lehren.
Offensichtlich können sie nicht lehren, weil sie die Lehren selbst nicht verstanden haben. Das ist keine wirkliche Übertragung. Sie handeln, als ob sie etwas verstanden hätten und sie versuchen einen zu betrügen. Sie lügen darüber, aber eigentlich haben sie nichts verstanden. Sie belügen einen, die letztendliche Wahrheit verwirklicht zu haben. Sie haben dies nicht, dennoch behaupten sie, sie hätten es. Sie maßen sich an, dass sie befreit wären, bevor Befreiung eingetreten ist. Ihre Meditation wird sie nicht befreien und ihre Belehrungen werden niemandem nützen, wenn sie selbst keine echte Verwirklichung oder Erfahrung haben. Ihre Worte sind leer und haben keine Kraft.

Unstete Praktizierende

Diese Art von Praktizierenden werden jene sein, die hoch oben in den Bergen in einer Einsiedelei ein Retreat machen möchten, und sich aber wünschen, in die Stadt zu gehen. Sobald sie in der Einsiedelei sind, kehrt ihr Geist zurück und wird mit der Stadt beschäftigt sein. Wenn sie dann aber in die Stadt gehen, denken sie: „Oh, ich würde gerne ein Retreat machen!“ Nichts an ihnen ist überzeugend und sie verhalten sich in einer unzuverlässigen Art und Weise. Sie sind in der Lage, den Geist der anderen durch Lügen zu drehen, sodass sie es vermeiden irgendwohin zu gehen, wo andere Lehrer sind, weil sie ihre eigene Bloßstellung fürchten. Sie haben ihre eigene Linie verloren. Sie haben vielleicht das Gehabe, „Wenn ich Belehrungen von jemandem erhalte, dann werde ich mich ihm unterwerfen müssen und ich bin aber nicht gewillt mit zu unterwerfen; ich bin über ihm!“ Sie sind nicht fähig, sich unter jemanden zu stellen.
Die Wahrheit ist, dass im Geist von solch einem Menschen viele Zweifel sind. Er fühlt sich immer unzufrieden und ist leicht ärgerlich. Daher muss er sich beständig überzeugen, dass er ein Gelehrter ist, gute Disziplin hat, eine ehrbare Person ist und einiges an Verwirklichung hat. Während viele Leute „OM MANI PADME HUM“ rezitieren, ist die Rezitation dieser Person eifersüchtig und von Konkurrenzdenken geprägt. Das kommt dann eigentlich aus ihrem Mund. Obwohl seine Qualitäten sehr, sehr gering sind, wird er immer Fehler bei jenen, die gute und großartige Qualitäten haben, zu finden versuchen. Es gibt viele solcher Leute. Einige werden „Chöje“ – Dharma-Herr oder Inhaber des Dharma – genannt. Einige bezeichnen sich selbst als verwirklichte Wesen, Mahasiddhas, Entsagende, Rinpoche, Khenpo und so fort. Sie sind wie ein Schwein mit Scheiße, eingewickelt in fünffarbigem Brokat: schön an der Außenseite, verkommen im Inneren.
Guru Rinpoches Prophezeiung setzt fort: „Es gibt dann viele so genannte Dharma-Praktizierende hier in Tibet, und in Zukunft werden noch mehr davon kommen“ Das ist etwas, worüber wir Nyingma-Praktizierende äußerst sorgsam sein müssen. Migyur Dorje sagte, dass wir Guru Rinpoches Rat entsprechend den Worten seiner Prophezeiung, die zu unserem Wohlergehen gemacht wurde, folgen sollten. Man soll die spirituellen Lehrer prüfen, bevor man sich auf sie stützt, sodass man keine Probleme bekommt.

Prüfung

Aber es ist sehr schwierig, die spirituellen Lehrer zu prüfen. Es wird in den Sutras und den Tantras gelehrt, dass man guten Glauben und Hingabe dem spirituellen Lehrer gegenüber haben sollte, nachdem man sich auf ihn stützt. So wird es für einen sehr schwierig, ihn zu prüfen. Ebenso spricht Guru Rinpoche davon, dass in diesen verkommenen Zeiten die dämonischen Kräfte (Dämonen, negative Geister und Leid bringende Entitäten) sich absichtlich manifestieren und trügerische Emanationen von sich in Gestalt von spirituellen Lehrern aussenden, als große Gelehrte und Verwirklichte erscheinen, äußerlich ehrbar und diszipliniert, aber innerlich eigentlich Leid bringende Wesen. Sie versuchen die fühlenden Wesen absichtlich in die niederen Bereiche zu leiten.
Guru Rinpoche sagte weiters, dass in diesen verkommenen Zeiten es viele Dämonen und Geister geben wird, die behaupten werden, dass sie Gottheiten wären, aber es nicht sind. Namentlich gibt es neun Arten, die in den menschlichen Bereich kommen, um die Wesen in diesen Zeiten am spirituellen Pfad in die Irre zu führen. Diese negativen Geister werden trügerische Erscheinungen erzeugen, dem Anschein nach die erste, zweite und dritte Bodhisattva-Stufe erreicht haben, obwohl sie es tatsächlich nicht haben. Sie werden magische Zeichen zum Ausdruck bringen, die verursachen, dass man an sie glaubt. Sie werden selbst als Bodhisattvas erscheinen, obwohl sie keine sind. Sie werden verschiedene Zeichen manifestieren und den wundersamen Ausdruck von Körper, Rede und Geist, so unvorstellbar, dass dies einem den Verstand raubt. Erblickt man diese trügerischen Erscheinungen der Macht, wird im Geist der Wesen mit geringem Verdienst und Karma die Erfahrung von gutem Glauben entstehen, und sie werden all ihre Hingabe auf diese negativen Wesen ausrichten.
Ebenfalls wird in den Sutras gelehrt, dass es in Zukunft dämonische Geister, Dämonen geben wird, die Khenpos werden und Acharyas genannt werden und die überaus ehrbar und friedlich sein werden. Allerdings braucht man diesen nicht zu vertrauen. Sie werden sehr geschickt mit Worten sein, aber man soll ihnen noch immer nicht vertrauen. Es ist sehr schwierig für ein Wesen, die Zeichen der Befreiung aus den Fallstricken der zyklischen Existenz zu zeigen und darin kann man das Merkmal finden. Diese negativen Wesen verfügen über eine große Macht der Erinnerung. Sie sind fähig, Sutras und die ganzen Abschnitte des Tripitaka zu rezitieren. Das wird ein allgemeines Kunststück sein, weil dies nicht sehr schwierig ist. Vertrauen ist kein notwendiges Erfordernis für diese Fähigkeit und das ist eine gute Art, den Geist der Leute zu unterwerfen und dahingehend zu verdrehen, dass sie glauben, man wüsste eine Menge darüber. Ein Spion beispielsweise, der in ein feindliches Land geht, wird so handeln, dass die Leute glauben, er sei einer von ihnen. Er wird nette Worte benutzen und freundlich auftreten, aber sein Geist ist vergiftet. Entsprechend den Belehrungen, muss man von jeder Art der Verbindung zu einem negativen Lehrer vermeiden. Man soll sich nur auf einen ausgezeichneten Lama verlassen. Aber wie sollen wir dies machen?

Fähigkeiten und Kenntnisse

Im allgemeinen Kontext des Mahayana sollte im besten Fall ein spiritueller Lehrer die Lehren des Buddhas kennen. Er sollte Erfahrung aufgrund seiner eigenen Praxis haben. Er sollte ein qualifizierter Lehrer sein, der die Erklärungen sowohl über Belehrungen als auch Erfahrungen geben kann. Er sollte sehr erfahren in der Erzeugungsstufe, der Vollendungsstufe und der Mantra-Rezitation sein. Er sollte eine unbeirrte Sicht, eine ungetäuschte Meditation und ein untrügliches Verhalten haben, was immer einwandfrei und vollkommen rein ist. Der spirituelle Lehrer sollte die Merkmale der Vollendung von Grundlage, Pfad und Ergebnis zeigen. Er sollte durch seine persönlichen Erfahrungen eine große Gewissenhaftigkeit in der Vollendung der Praktiken zeigen. Er sollte sehr geschickt und qualifiziert im Belehren anderer sein, und er sollte sehr großes Mitgefühl für diese haben. Sein Geist sollte voll riesiger Verwirklichung sein. Er sollte eine große reine Vision haben, eine reine Wahrnehmung und sollte einzig zum Zweck anderer wirken. Der Lehrer sollte von den acht weltlichen Angelegenheiten Abstand genommen haben, und ohne einen einzigen Gedanken an sein Leben und für die Dinge seines Lebens sollte er seine Bemühungen auf die Vorbereitung für zukünftige Leben richten. Er sollte ein wirklicher Linienhalter sein, der den machtvollen Segen der großen verwirklichten Meister beinhaltet. Er sollte die Macht haben, sehr große Meister getroffen und Übertragungen und ihren Segen erhalten zu haben. Und er sollte reich an reinen Qualitäten sein.
Wenn der spiritulle Lehrer alle diese Qualfikationen aufweist, dann ist er ein kostbares, wunscherfüllendes Juwel. Auf solch einen spirituellen Lehrer sollte man sich stützen. Andererseits kann man sich direkt auf jeden spirituellen Lehrer stützen, der in Guru Rinpoches Prophezeiungen vorkommt, der ein designierter Linien- oder Terma-Halter ist, oder der ein Inhaber einer Dharma-Übertragung ist. Solch ein spiritueller Lehrer ist ein unübertroffener spiritueller Meister, von dem man Dzogchen-Übertragungen erhalten kann.
Selbst wenn ein Lehrer nicht Teil einer bestimmten Prophezeiung ist, kein reiner Tulku in dieser Hinsicht, aber jedoch von solch einem Lehrer Übertragungen erhalten hat, den Belehrungen gefolgt ist und genau in Übereinstimmung mit diesen Anweisungen praktiziert hat, sowie Verständnis und Verwirklichung erlangt hat, dann ist er auch ein geeigneter Lehrer, auf den man sich verlassen und Dzogchen-Belehrungen erhalten kann. Es ist ebenso brauchbar, Dzogchen-Belehrungen von einem Lehrer zu erhalten, der mehr gute Qualitäten als schlechte Fehler hat, der Anzeichen des Mitgefühls für andere Lebewesen zeigt, der wahren Glauben in den Dharma, in die Drei Juwelen hat, und der keine sektiererischen Ansichten hat. Dies sind Beispiele für die Art des Lehrers, auf den man sich verlassen kann. Dies sind die Qualifikationen eines wirklichen Lehrers.

Den Schüler prüfen

Guru Rinpoche sagte: „Wenn ein Schüler nicht geprüft wird, dann ist dies ein Dämon für den Dharma.“ Einige Studenten sind elegant und gut mit Worten, aber ihr Geist ist sehr negativ. Sie sind geizig. Sie kommen ohne Opfergaben oder zeigen keine Zeichen der Großzügigkeit. Sie versuchen immer Dharma-Belehrungen zu erhalten und sie wissen, wie man zu den Belehrungen kommt, ohne den Opfergaben um sie zu erhalten. Sie folgen nicht den Belehrungen des spirituellen Lehrers oder seinen Wünschen. Sie glauben immer, sie wären geeignet, all die geheimen Übertragungen zu erhalten und sie versuchen ihr Bestes, diese zu erhalten. Einige Schüler können die spirituellen Versprechen (Samaya) nicht halten und lassen ihre Unfähigkeit des Gelübdehaltens beiseite, sie haben die Frechheit, gegen den spirituellen Lehrer zu argumentieren und seine Fehler herauszustreichen, anstatt ihm dankbar zu sein. Sie sehen nicht die Qualitäten des spirituellen Lehrers; sie sehen und überprüfen nur seine Fehler. Diese Art von Schüler ist wie ein Dämon für den Dharma und sollte vom spirituellen Lehrer zurückgewiesen werden. Das zu wissen, ist für den spirituellen Lehrer oft schwer.
Ein spiritueller Lehrer sollte so einen Schüler nicht unterrichten. Es wird im Dorje Trengwa Tantra aus dem Kriyayoga gesagt: „So wie die Milch eines Schneelöwen nicht in einen Tontopf gegeben werden sollte, so sollte ein Lehrer solch einen ungeeigneten Schüler nicht unterweisen.“ Die Milch eines Schneelöwen sollte in ein Behältnis aus kostbarem Metall oder Juwelen gegeben werden, andernfalls wird sie durchsickern. Wenn man sie in einen Tontopf gibt, wird man sie verlieren. In derselben Weise sollte man ungeeigneten Schülern keine Belehrungen zu Dzogchen, der Großen Vollkommenheit, geben.

Fähigkeiten des Schülers

Was ist nun ein geeigneter Schüler? Was sind die Qualifikationen? Guru Rinpoche sagt: „Große Weisheit, großer Eifer und Ausdauer.“ Ein geeigneter Schüler ist nicht einer, der sich andauernd beschwert: „Mir ist zu heiß, ich bin zu müde, ich bin hungrig, ich bin krank.“ Sondern einer der großen Eifer in der Praxis hat, einer der guten Glauben hat, aufrichtige Hochachtung und eine reine Wahrnehmung des Dharmas und des spirituellen Lehrers. Ein geeigneter Schüler entwickelt intensive Entsagung von der zyklischen Existenz und hat von Grund auf vollständig Abstand von der Anziehung oder dem Anhaften daran genommen. Ein geeigneter Schüler hat ein mutiges Verhalten und verändert sein Leben für die Praxis des Dharma, hört jedes Wort, das der Lehrer äußert, und fühlt, dass er das Potential zur Verwirklichung dieser Worte hat. Ein geeigneter Schüler ist einer, dessen glühendes Bestreben stabil und beständig ist, nicht an einem Tag da und dann schon wieder vorbei. Ein geeigneter Schüler denkt nicht „ich habe guten Glauben an MEINEN Lehrer,“ und ist unfähig, anderen guten spirituellen Lehrern zu vertrauen. Wenn man nicht fähig ist, guten Glauben in andere spirituelle Lehrer wie zum eigenen zu haben, dann wendet man sich von der Sangha ab. Den Lehrern wie ein Hund hinterherzulaufen, ist ebenfalls ein Hindernis für die Dharma-Praxis.
Ein Schüler mit all diesen guten Qualitäten sollte vom spirituellen Lehrer ausgewählt werden, weil solch eine Art von Schüler ist ein ausgezeichnetes Gefäß für das Erhalten der Belehrungen. Wenn dieser Typ eines Schülers die Dzogchen-Übertragungen im besonderen erhält, dann wird dieser in einem Körper und in einem Leben die vier Visionen des thögyal erfahren und ein Buddha in der Weite der ursprünglichen Reinheit werden. Es ist für die Lehrer sehr schwierig, solch einen qualifizierten Schüler zu finden. Wenn solch eine Art von Schüler nicht gefunden wird, sollte ein brauchbarer Schüler zumindest guten Glauben haben und nicht sektiererisch sein.

Was, wenn beide ungeeignet sind?

Was sind nun die Fehler, die sowohl den spirituellen Lehrer als auch den Schüler ungeeignet machen? Wenn sowohl der Lehrer als auch der Schüler geeignete Gefäße sind und über die oben erwähnten Qualifikationen verfügen, und wenn die unvorstellbar tiefgründigen Belehrungen der Großen Vollkommenheit übertragen werden, dann wird der Schüler tatsächlich in einem Leben den Zustand des Erwachens erlangen, die Weite der ursprünglichen Reinheit realisieren und in einem reinen Bereich wiedergeboren werden. Aber egal wie tiefgründig der Dharma auch sein mag, wie qualifiziert der Lehrer auch sein mag, wenn der Schüler über die Qualifikationen nicht verfügt, dann ist die Übertragung nutzlos. Oder wenn der Schüler die Qualifikationen hat, aber der spirituelle Lehrer nicht – wenn der Lehrer fehlerhaft ist -, dann wird der Lehrer den Schüler zu einem falschen Pfad führen und das Ergebnis ist, dass dadurch der Samen für eine Wiedergeburt in den unteren Bereichen gelegt wird. Warum? Weil wenn der Lehrer in seinem Verständnis fehlerhaft ist, dann wird von Anfang an die Sicht auch falsch sein. Wenn die Sicht falsch ist, dann werden der Pfad und die Art des Verhaltens falsch sein und die Ergebnisse werden falsch sein. Es wird unmöglich sein, dass irgendwelche guten Früchte heranreifen. Das findet einfach nicht statt.

Falsche Lehrer

Was sind diese Fehler des Lehrers? Nach welchen Zeichen soll man Ausschau halten? Es gibt viele so genannte Lehrer in diesem Land und ich hatte viele Schüler wie diese. Ich habe Situationen erlebt, wo im Namen des Buddhismus eine Person Hinduismus, Daoismus, ein wenig Islam zusammengemischt hat und die Traditionen vermischt hat. Den Buddhismus als Basis zu nehmen und darauf entsprechende Techniken von anderen Religionen aufzubauen, ist kein guter Anfang und führt zu keinem guten Ende. Im Wesentlichen ist da keine Richtung. Solch ein Lehrer mag mit Worten sehr klug umgehen, es mag viele geben, die darauf hören, aber der Pfad ist am Kopf stehend. Solch ein Lehrer wird sich als nicht-sektiererisch bezeichnen, sagen, dass er alle diese verschiedenen Traditionen zusammenbringt. Das ist New Age und er schafft einen neuen Pfad mit den bereits etablierten Religionen: „Das ist die Religion unserer Zeit, ein nicht-sektiererischer Weg.“

Reine Traditionen

buddha-1757989_1920Gewiss hätte der Buddha gewusst, wie die Traditionen zu vermischen wären, aber warum tat er es nicht? Warum schuf er keine Tradition, die für alle verschiedenen Zeiten richtig wäre? Und was ist mit Jesus? Wieso unterscheiden sich die Lehren von Jesus und die Lehren des Buddhas? Und was ist mit den großen Hindu-Heiligen und den muslimischen Lehrern? Viele Generationen sind vergangen, ohne dass die reinen Traditionen vermischt und verunreinigt wurden. Warum sind heutzutage New Age-Lehrer plötzlich so klug, dass sie den Wert tausender Jahre der alten Traditionen völlig ignorieren können, neue Ideen damit vermischen und glauben, dass damit die echten Resultate erlangen? Was macht diese Tage so schwierig? Etwas, dass der Buddha nicht wusste?
Heutzutage wissen die Wesen nicht, wie man eine nicht-sektiererische Sicht hält. Es gibt keine Notwendigkeit die Traditionen zu vermischen, um sich zu beweisen, dass man nicht-sektiererisch ist. Durch geschickte Mittel gibt es eine Methode, mit der man jeden und jedes fühlende Wesen auf seiner speziellen Ebene zähmen kann – wenn jemand allwissendes Gewahrsein hat. Es kann sauber und klar, ohne dass man neue Ideen mit einem Mangel an Kraft erschafft, gemacht werden.
Die großen Buddhisten, beispielsweise die verwirklichten Mahasiddhas, sind wirklich nicht sektiererisch. Ihr Vertrauen ist unbefangen, ihr Anliegen für die Wesen ist vorurteilslos und ihre aktive Arbeit für die fühlenden Wesen ist unvoreingenommen, alles aufgrund ihres reinen Glaubens. Sie empfinden keinen Ärger und keinen Hass. Sie haben keinen Ärger gegen jene Wesen, denen es an Vertrauen zu ihnen mangelt. Sie haben nur Liebe für sie. Daher seid euch dessen gewahr, wenn ihr einen reinen Pfad gewählt habt, sollt ihr beständig auf diesem Pfad bleiben und ihr sollt niemals voreingenommen sein.
Im Buddhismus muss man alle wahren, reinen Traditionen für das, was sie sind, respektieren, und man muss eine Wertschätzung dafür haben, wie sie anderen nutzen. Auf diese Weise kann man den eigenen Pfad wertschätzen und ihm rein folgen. Wenn man einer reinen Tradition folgt, die sich über lange Zeit bewährt hat, dann werden die Resultate rein sein. Wenn man andererseits in die zehn Richtungen läuft und ein bisschen hier und da herumschnuppert und die Traditionen vermischt, ist es sicher, dass aufgrund des unreinen Samens, das Ergebnis eine Wiedergeburt in den unteren Bereichen erfolgen wird und man beständig in der zyklischen Existenz herumwandert, was man eigentlich bis jetzt schon immer gemacht hat.
Das Vermischen der Traditionen ist wie die ganze Zeit ein Fest feiern. Zeitweilig fühlt man sich glücklich, solch ein aufregendes Leben zu führen – jede Nacht ausgehen, neue Leute treffen, sich an allen Arten neuer Ideen und neuer gesellschaftlicher Verbindungen erfreuen – aber vielleicht wird man körperlich und geistig müde. Das Geld geht einem aus, man wird möglicherweise in ein paar Kämpfe verwickelt, der Geist wird noch mehr Anhaftung und Ablehnung entwickelt haben und am Ende wird kein gutes Ergebnis stehen. Wenn man keinen Heimathafen hat, keine feste Basis, auf die man sich beziehen kann und wo man sich sicher und glücklich fühlt, dann wird man immer ausgehen und herumrennen wollen, nach irgendetwas suchen, dass einem Glück bringt. Der Punkt ist, wenn man keine feste Basis entwickelt, dann hat man immer das Gefühl, man muss draußen danach suchen. Allen Frauen und Töchter hinterher zu jagen ist nutzlos.

Abseits von Beliebigkeiten

Ihr seid noch immer in einem Zustand tief verwurzelter Verwirrung. Wenn ein Lehrer den Pfad nicht klar auslegt, wenn er seine Ursprünge, seine Linien nicht belegen kann, und keinen Beweis für seinen Wert hat, wenn er die Traditionen vermischt, seinen eigenen Pfad erschafft und versucht, diesem Wahrheitsgehalt zuzustimmen, entsteht Verwirrung. Andererseits wenn ein Lehrer sehr klar und geradeheraus den Weg lehrt: „Dies ist unsere Tradition; dies ist der Ursprung, dies sind die Prinzipien, das ist der Pfad“ egal welcher Religion oder welcher Tradition, dies in diesem angemessenen Rahmen hält, macht dies die Dinge für die Schüler viel einfacher.
Es ist nicht meine Aufgabe, aber dennoch, weil diese Belehrungen sich in diesem Kommentar befinden, und weil dies die grundlegenden Prinzipien des Buddhismus, wie er in Tibet praktiziert wird, sind und die Tradition, von der ich komme, auf diesen Prinzipien gründet, teile ich mit euch diese Punkte. Ebenso weil unser vergangenes Karma uns zu dieser besonderen Zeit zusammengeführt hat, diese Belehrungen miteinander zu teilen, ist es angemessen, mit euch diese echten Belehrungen direkt zu teilen. Ich bin glücklich, diese Belehrungen erhalten zu haben, nicht nur aus Büchern, sondern von vielen unvergleichlichen großen verwirklichten Meistern. Mein Beitrag zu ihrem Geist ist lediglich nur ein Prozent von hundert Prozent.
Guter Glaube kann im Geist eines Schülers nicht erzwungen werden. Man muss die Qualitäten der Objekte des Vertrauens verstehen. Nur dann ist auch ein Grund für dieses Vertrauen gegeben. Weil dies schwierige Zeiten sind, und wenn der Schüler einen echten, festen Glauben, der keine Wischiwaschi ist, sondern auf dem echten Wunsch, den Pfad zu praktizieren gründet, und wenn ein Lehrer zumindest unvoreingenommenes Mitgefühl besitzt, dann bilden diese beiden eine geeignete Verbindung – der vertrauensvolle Schüler und der mitfühlende Lehrer – und es ist angebracht diese Verbindung zu nähren und den Pfad zu praktizieren.
Augenscheinlich sind haben nicht alle die oben angeführten Qualitäten, aber es ist sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, in diesen verkommenen Zeiten, dass sowohl der Lama als auch der Schüler alle Qualifikationen haben und zur gleichen Zeit sich begegnen. Was für einen ersichtlich und wahr ist, ist das, was man „Glück“ nennt, was eigentlich die Kraft guten Karmas ist, das man in vergangenen Zeiten angesammelt hat. Man nennt es einfach „Glück“, weil man nichts darüber weiß. Es ist nur eine Ansammlung, die man unwissentlich gemacht hat.

Frucht des Vertrauens

Padmasambhava sagte: „Mein Dharma des Geheimen Mantras ist äußerst gefährlich, als ob man ein wunscherfüllendes Juwel vom Kopf einer giftigen Schlange stehlen wollte.“ Wenn man fähig ist, das wunscherfüllende Juwel zu bekommen, hat es die Macht, einem alle Wünsche zu erfüllen. Aber man riskiert sein Leben beim Versuch es zu erlangen. Padmasambhava gab diese Analogie für den Pfad des Geheimen Mantras und es betrifft besonders den Pfad der Terma-Offenbarungen. Es gibt auch den Vergleich mit einer Schlange in einem Bambusrohr, wo es nur in zwei Richtungen geht: hinauf oder hinunter. Wenn man die spirituellen Versprechen (Samaya) hält und anständig praktiziert, kommt man geradewegs hinauf und erfährt sehr rasch Ergebnisse. Wenn man die spirituellen Eide (Samaya) nicht hält und nicht praktiziert, dann gibt es statt der guten Resultate sehr rasch ebenso negative.
Um ein geeigneter Schüler zu sein, ist die Hauptqualität der gute Glaube. Es ist gleich, welchen Dharma man erhält – Kagyu, Nyingma, Sakya, Gelugpa; Hinayana, Mahayana – man muss nicht einmal hübsch sein. Man braucht nur Vertrauen.

Dies beschließt die Belehrungen von Gyatrul Rinpoche zu den Qualitäten eines Lehrers und eines Schülers. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. Januar 2018

Drei Tore der Befreiung

chinese-1863819_1920Die „drei Tore der Befreiung“ (tib., nam tar go sum) sind Eigenschaften, die alle Phänomene ihrer absoluten Natur nach aufweisen. Leersein (shunyata; tib., stong pa nyid) bedeutet „leer von eigener Existenz; ohne ein Sein aus sich heraus“. Merkmalslosigkeit (animitta; tib., mtshan nyid med pa) ist das Fehlen von Merkmalen bzw. Kennzeichen. Und das dritte ist Absichtslosigkeit oder frei von Streben, auch „Wunschlosigkeit“ genannt (apranihita; tib., smon pa med pa), d.h. kein Phänomen hat eine Ausrichtung an sich.
Im „Sutra der Fragen des Brahma“ hat Buddha Shakyamuni dies folgend erwähnt:

Alle Phänomene sind ihrer Natur nach leer, jenseits von konzeptuellen Bezugspunkten. Alle Phänomene sind ihrer Natur nach merkmalslos, jenseits von konzeptuellem Denken. Alle Phänomene sind ihrer Natur nach absichtslos, jenseits von Annehmen und Zurückweisen.“

Hier folgt nun der Text von Rongtön Sheja Künrig, der die Meditation auf die drei Tore in Bezug zu Grund, Pfad und Frucht darlegt.

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Der ausgezeichnete Pfad des Mahayana: Wie man über die drei Tore der Befreiung gemäß dem Mahayana meditiert

von Rongtön Sheja Künrig

Verehrung dem Guru und der überragenden Gottheit!

Eure Weisheit ist für die Sphäre der Sonne vollkommen klar
und in Eurem Mitgefühl kümmert Ihr Euch um alle grenzenlosen Wesen,
Eure erleuchteten Handlungen, die bis zum Ende der Zeit andauern –
Höchster Weiser, hingebungsvoll verneige ich mich vor Euch!

Der spirituelle Meister Senge Zangpo (Haribhadra) erklärt anhand der Praxis der meditativen Versenkung (tib., ting nge ‚dzin) auf die drei Tore der Befreiung (tib., rnam thar sgo gsum), wie die drei Tore mit den sechzehn Aspekten der Vier Edlen Wahrheiten in Verbindung gebracht werden können, beginnend mit der Vergänglichkeit. Wenn wir hier die drei Tore erklären, d.h. Leerheit (tib., stong pa nyid), Merkmalslosigkeit (tib., mtshan nyid med pa) und Wunschlosigkeit (tib., smon pa med pa), wird nach den Grundsätzen des Mahayana das Leerheit auf den Grund (tib,. gzhi) angewendet, Merkmalslosigkeit auf den Pfad (tib., lam) angewendet und die Wunschlosigkeit auf das Ergebnis [Frucht] (tib., ‚bras bu) angewendet.
Zuerst müssen wir die drei Konzepte erklären, die diese Tore zur Befreiung versperren. Den Grund als tatsächlich anzusehen, versperrt das Tor der Leerheit. Zu glauben, dass der Pfad tatsächliche Merkmale hat, versperrt das Tor zur Merkmalslosigkeit. Wenn man die Frucht als etwas zu Wünschendes betrachtet, versperrt man das Tor zur Wunschlosigkeit.
Um diese drei Ideen, die den Weg zur Befreiung versperren, zu beseitigen, praktizieren wir die meditative Versenkung in die drei Tore.

Grund, Pfad und Frucht

Grund (tib., gzhi) bezieht sich auf die Aggregate (tib., phung po), Elemente (tib., khams) und Sinnesfelder (tib., skye mched). Dahingehend ist gemeinsam entstandenes Nichtgewahrsein (tib., lhan skyes kyi ma rig pa) die Wurzel der zyklischen Existenz (tib., ‚khor ba). Wie in den „70 Stanzas über die Leerheit“ (tib., stong nyid bdun cu) gesagt wird: „Echte konzeptuelle Gedanken – so sagt der Lehrer – ist Nichtgewahrsein.“
Wie dies zeigt, ist dies der Grund der zyklischen Existenz. Damit sie [die zyklische Existenz] überwunden wird, müssen wir zu einer endgültigen Schlussfolgerung über die Leerheit des Grundes kommen und dann die meditative Versenkung in die Leerheit praktizieren. Indem die Auffassung des Grundes als wahrhaft existierend aufgegeben wird, wird das Tor zur Leerheit geöffnet.
Wenn wir die meditative Sammlung (tib., ting nge ‚dzin) der Leerheit kultivieren, wir aber glauben, dass diese meditative Sammlung irgendwelche echten Merkmale hat, dann werden wir uns zur weiter verwickeln. Wie es gesagt wird: „Die Aspekte sind das Aufhören des Festhaltens und so weiter.“
Wir müssen jedes Festhalten gegenüber den Vier [Edlen] Wahrheiten beenden, daher ist auch Anhaftung an Pfad etwas, das aufgegeben werden muss. Und deshalb müssen wir den Pfad als frei von wahrhaften Merkmalen kultivieren. Das Kultivieren einer meditativen Versenkung der „Merkmalslosigkeit“ wird das Tor zur Merkmalslosigkeit [der Abwesenheit von Eigenschaften] geöffnet. „Ihre Gleichheit besteht aus vier Aspekten des Fehlens von Täuschung hinsichtlich Formen usw.“ So wird gesagt.
Gleichzeitig dürfen wir auch keine Form der Täuschungen durch konzeptuelle Gedanken aufrechterhalten, wird gesagt. Wir müssen nicht nur die Hoffnung aufgeben, dass da ein Ergebnis durch eine sonstige Methode zu erreichen wäre, sondern auch das Streben, durch das Erkennen von Leerheit etwas zu erreichen. Dies wird das Tor zur Wunschlosigkeit öffnen.

Lehrkontext

Diese Erklärung, in der die drei Samadhis (tib., ting nge ‚dzin) mit Grund, Pfad und Frucht in Beziehung stehen, wird aus der Perspektive des Mahayana gegeben. Es ist die Art, wie das Kultivieren der meditativen Versenkung (tib., ting nge ‚dzin) in die drei Tore zur Befreiung zu praktizieren ist. Die Erklärung des Pfadwissens, das aus diesen drei Zugängen zur Befreiung besteht, muss mit dem Ansatz des Mahayana in Verbindung gebracht werden.

Widmung

Mögen durch den Verdienst, welcher auch immer durch diese authentische Erklärung, wie man meditative Sammlung auf die drei Tore der Befreiung kultiviert, angesammelt wurde, die Bedeutung dessen, die für andere angesichts all ihrer Bemühungen so schwer zu verstehen ist, alle Wesen den Pfad des Mahayana betreten!

Kolophon

Dieser ausgezeichnete Pfad des Mahayana, genannt „Wie man auf die drei Tore der Befreiung gemäß des Mahayana meditiert“, wurde vom großen Rongtön während des Monats Sagadawa im Kloster Nalendra niedergeschrieben.

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Aus dem Tibetischen übersetzt und kurz kommentiert vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018) und verglichen mit der englischen Übersetzung von Adam Pearcey (2007). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 7. Januar 2018

Tugend – jenseits von Vorstellung

portrait-3058443_1920Vimukti Bodhisattva fragte den Buddha: „Wenn der Geist in der wahren Wirklichkeit keine Geburt hat, wie ist dann etwas anzunehmen oder etwas ablehnen? Verbleibt man dann bei irgendwelchen phänomenalen Erscheinungen?“
Der Buddha antwortete: „Der Geist, der keine Geburt hat, akzeptiert nichts und weißt auch nichts zurück. Man verweilt im Nicht-Geist und im Nicht-Phänomen.“
Vimukti Bodhisattva fragte den Buddha: „Weltverehrter, wie verweilt man in Nicht-Geist und in Nicht-Phänomen?“
Der Buddha antwortete: „Wenn der Geist nicht auftaucht oder nichts ersinnt, wenn ein Phänomen nicht entsteht, bleibt man in keinem Phänomen. Edles Kind, da Phänomene und Geist nicht entstehen, verlässt man sich auf nichts. Wenn man nicht in den Handlungen von Körper, Stimme und Geist hängenbleibt, ist der Geist ständig leer und still, frei von verschiedenen Erscheinungen. Als eine Analogie bewegt sich der offene Himmel weder, noch bleibt er stehen, er tut nichts und unterscheidet niemals zwischen diesem und jenem. Wenn man das Auge erwirbt, das sieht, dass der Geist leer ist, und das Verständnis erlangt, wodurch man weiß, dass Phänomene leer sind, erkennt man, dass die fünf Aggregate und sechs Fähigkeiten leer und still sind.
Edles Kind, jene, die dieses Leersein erkennen,  gelangen über die drei Bereiche der Existenz hinaus und müssen sich nicht auf bestimmte Gebote stützen, weil der Geist keine Gedanken hat und rein und frei von Greifen und Zurückhaltung ist. Obwohl er von Natur aus diamanten wie Vajra ist, ist er niemals geringer als die Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha). Leer und bewegungslos ist der Geist von den sechs transzendenten Tugenden durchdrungen.“

Sechs transzendente Tugenden

Vimukti Bodhisattva fragte den Buddha: „Weltverehrter, all die sechs transzendenten Tugenden haben ihre Merkmale. Wie kann man Phänomene benutzen, um die Welt zu transzendieren?“
Der Buddha antwortete: „Edles Kind, die sechs transzendenten Tugenden (paramitas), die ich darlege, haben keine Merkmale und sind frei von Bedingungen. Warum? Denn wenn man Wünsche verwirft, wird der Geist immer rein sein. Wenn man wahrheitsgetreue Worte und geschickte Mittel verwendet, um die Segnungen des eigenen Bewusstseins zu offenbaren, um anderen zu helfen, ist dies die transzendente Tugend der Freigebigkeit (dana paramita). Wenn jemandes Entschlossenheit fest ist und wenn der Geist rein ist, in nichts verweilt und keine Bindung an die drei Bereiche der Existenz hat, ist dies die transzendente Tugend der ethischen Disziplin (sila paramita). Wenn man sich in die Leere der Phänomene vertieft, die Fesseln abschneidet, die drei Tore der Handlung von Körper, Stimme und Geist beruhigt und nicht in seinem Körper oder Geist verweilt, dann ist dies transzendente Tugend der Ausdauer (ksanti paramita). Wenn jemand weit weg von Namen und Zahlen bleibt, die gegenteilige Ansicht verwirft, darüber dass Phänomene leer oder existent ist und sich in die Leere der fünf Aggregate vertieft, ist dies die transzendente Tugend des freudigen Strebens (virya paramita). Wenn die Meditation von der Leere fernbleibt und nicht in verschiedenen Leerheiten verweilt, und wenn der Geist in nichts verweilt, nicht einmal in der großen Leere, dann ist dies die transzendente Tugend der Versenkung (dhyana paramita). Wenn jemand weiß, dass sein Geist keine Erscheinung hat, sondern leer wie der offene Himmel ist, keine Handlungen hervorbringt oder in einen friedlichen Zustand eingeht, sich nicht auf die Bodhisattva-Ebenen verlässt oder in seiner Weisheit verweilt, weder eintritt noch etwas verlässt , aber man konstant in der Gleichheit der Phänomene verweilt und mit der wahren Realität der Phänomene letztendlich übereinstimmt, dies ist Höchstes Erkennen (prajna paramita). Edles Kind, diese sechs transzendenten Tugenden sind die Vorteile des eigenen Bewusstseins und stimmen mit der wahren Natur überein. Sie ermöglichen es, die Welt zu transzendieren und eine Befreiung frei von Hindernissen zu erreichen. Edles Kind, diese Befreiung hat weder Erscheinung noch Handlung. Befreiung von Befreiung und Nicht-Befreiung wird Befreiung genannt. Warum? Weil es keine Erscheinung, keine Handlung, keine Bewegung und keine Unordnung hat. Es ist Ruhe ohne die Erscheinung von absolutem Frieden (nirvana).“

Aus dem Vajra-Samadhi-Sutra; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Januar 2018

Störgefühle als Abwehr

fantasy-2948896_1920Störgefühle wie Dumpfheit, Hass oder Gier sind einfach eine Abwehr und verunmöglichen Kontakt und Berührung. Dadurch sind wir in einer Abfolge endloser, sich wiederholender Erlebnisse von Qual und Hoffnung eingeschlossen. Lebendigkeit benötigt jedoch Offenheit – einen offenen Geist, ein offenes Herz. Diese haben mit Wachheit und Warmherzigkeit zu tun.

Wellness

Wellness ist jedoch der Versuch, sich vom ach so harten Leben in der Komfortzone freizukaufen. Buddha war kompromisslos, da er aufgrund der vier Ausfahrten erkannte, wie letztendlich nutzlos dieses Verharren in der Komfortzone ist, weil es ein Selbstbetrug ist. Man kann sich dem Offensichtlichen verweigern, aber am Ende des Tages bleibt einem nichts in den Händen, außer was man an Erkenntnis im Herzen bzw. Geist kultiviert hat.

Abwehrstrategien

Es lohnt sich darüber nachzudenken, welche Abwehrstrategien wir immer wieder verwenden, um die Inszenierung unserer Konzepte am Leben zu erhalten. Wir steuern dadurch permanent in Double-Binds hinein. Diese zu erkennen lohnt sich, weil wir uns dadurch aus unseren Widersprüchen befreien können.

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