Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. August 2018

Grundlage des Pfades

water-lilies-1825477_1920Die Grundlage, die verstanden werden muss, ist die alles durchdringende Sugata-Essenz. Nicht zusammengesetzt, lichthaft und leer ist sie der natürliche Zustand des Gewahrseins. Jenseits von Täuschung und Befreiung ist sie völlig ruhend, wie der Raum. Obwohl sie sich ohne Trennung von Samsara oder Vereinigung mit Nirvana befindet, gemäß dem großen Dämon der gemeinsam entstandenen und begrifflichen Unwissenheit, aus den verfestigten Gewohnheitsmustern des Greifens und Festhaltens und aus den verschiedenen Wahrnehmungen der Welten und Bewohner, erschienen die sechs Klassen der Wesen wie ein Traum.

Obwohl dies so ist, habt ihr euch niemals aus dem ursprünglichen Zustand der Essenz entfernt oder werdet euch niemals entfernen. Bemüht euch daher im Bereinigen der zeitweiligen Befleckungen.

Die Stufen des Pfades, die zur Erkenntnis führen, sind unzählige. Reinigt euer Wesen, sät die Samen und kultiviert sie. Beseitigt die Hindernisse und ebenso bringt eine Verbesserung hervor. So tretet in den rechten Pfad durch diese fünf Aspekte ein.

Aus dem „Stufenweg des Pfades zur Essenz der Weisheit“ (lam rim ye shes snying po).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. August 2018

Anrufung an den Lehrer

waterfall-828948_1920.jpgAus der Weite des himmlischen Schatzhauses: Ein Gebet an den Lehrer, genannt „Ein beständiger Fluss der vier Ermächtigungen“ ist hierin enthalten.

Aus den gesammelten Werke von Dudjom Lingpa; Band 12 (na), Seite 231 – 232

 

NAMO GURU PADMA KARA YE //
Um hinderliche Geister und Hindernisse bei allen Praktiken und Mandalas zu bereinigen und damit die Verwirklichung des Segens der Ermächtigung entsteht, betet man zuerst hingebungsvoll mit den drei Toren, sodass sich schließlich der erleuchtete Geist und der Intellekt miteinander vermischen.

NAMO – Den uranfänglich reinen Dharmakaya-Lehrer Samantabhadra, den unendlichen Ozean der fünf Familien des spontan präsenten Sambhogakaya, die drei Familien des überragenden Nirmanakaya, den Schild der Wandernden, flehe ich an, bitte führt meinen Geistesstrom zur Reife und Befreiung!
Möge das natürliche Antlitz der spontan präsenten drei Kayas offenbar werden! Padmasambhava, den Beschützer der umherwandernden Wesen aus Orgyen, die überragende Mutter der Siegreichen, die Tsogyal der großen Glückseligkeit, die Versammlung von König und den 25 Herzensschülern flehe ich an, bitte führt meinen Geistesstrom zur Reife und Befreiung! Mögen die überragenden und gewöhnlichen Verwirklichungen rasch erlang werden!
Den einzigen Storm der drei Linien, den vollkommenen Meister und die drei Wurzeln, die Dakas, Dakinis und Dharma-Schützer flehe ich an, mögen meine unreinen drei Tore in die Reinheit der drei Vajras reifen und befreit werden! Möge die Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit durch Trekchö offenbar werden, möge die Praxis der vier Visionen von Thögal vollendet werden (und) möge ich in die uranfängliche Reinheit des jugendlichen Vasenkörpers erwachen!

Wenn man dieses Gebet, versehen mit den drei Merkmalen, spricht, dann wird man ohne Hindernisse auf dem allerhöchsten Pfad reisen. SAMAYA. GYA GYA GYA. ITHI.
Dies wurde aufgrund der eindringlichen Bitte von Jungne und Riglo vom Dudjom Dorje aus dem himmlischen Schatzhaus entnommen. Möge es am Anfang, in der Mitte und am Ende immerzu glücklich sein!


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017). Möge es von Nutzen sein!

Hier könnt ihr das Gebete als Praxistext herunterladen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Juli 2018

Tara – Stern der Befreiung am dunklen Firmament der Unwissenheit

Tara_GrünDie Entstehungsgeschichte der Tara berichtet, wie Amitabha sah, dass die fühlenden Wesen leiden und er ein Mittel erschaffen wollte, um diese Leiden zu beseitigen. Also schickte er einen Lichtstrahl aus seinem rechten Auge aus. Dieser verwandelte sich in einen See und daraus entstand Avalokiteshvara – der Bodhisattva des allumfassenden Mitgefühls. Sogleich machte sich Avalokiteshvara ans Werk und begann entsprechend seines Samayas zum Wohle der fühlenden Wesen zu wirken. Doch als sich Avalokiteshavra nach getanem Werk in Kontemplation niederließ, sah er, dass noch immer fühlende Wesen in Samsara waren und sie trotz seines Wirken noch immer litten. So begann er angesichts des Leidens der Wesen zu weinen. Aus diesen Tränen entstand ein weiterer See und darauf eine Lotusblüte mit der Arya Tara als Ausdruck des tätigen Mitgefühls darauf. In einer etwas anderen Geschichte wird geschildert, wie aus den Tränen des rechten Auges die Grüne Tara und aus den des linken Auges die Weiße Tara entstanden.

Tara in der Welt

Wie kam nun das Tara-Tantra in diese Welt? Gemäß der Schilderung von Taranatha tauchte es ca. 300 Jahre nach dem Dahinscheiden Buddhas auf. Als Zeitpunkt wird eine Zeit kurz nach dem dritten Konzil der Shravakas genannt. Zu dieser Zeit tauchten an verschiedenen Orten Indiens die Mahayana-Sutras auf und auch andere spontan entstandene Schriften wurden verbreitet.
Ebenfalls nennt Taranatha diese Zeit als den Beginn der Verbreitung der verschiedenen äußeren Tantras (Kriya, Charya, Yoga), sowie den Prajna- und Upaya-Tantras des Anuttaratantrayanas. Dabei praktizierten Könige und Hofstaat die verschiedenen Tantras, wussten jedoch untereinander nichts davon, bis sich schließlich Erleuchtung erlangt hatten. Lediglich die Arya Tara offenbarte sich aufgrund ihres Mitgefühls auch jenen, die keine Verwirklichungen erlangt hatten.
Als Guru Rinpoche nach Tibet kam, lehrte er seiner Weisheitsgefährtin Yeshe Tsogyal und dem Dharma-König Thrisong De’u Tsän auch die Praktiken der Tara. Allgemein war die Praxis der Tara zu dieser Zeit in Tibet schon bekannt, da die Leute dort seit der Zeit des Chögyal Songtsän Gampo die Prinzessin Wencheng (tib., mun chang kung co) – eine seiner beiden Frauen – als Emanation der Weißen Tara ansahen. So wurde in den nächsten Jahren die Praxis der Tara in Tibet sehr populär.

Emanationen und Nutzen

21_TarasDa Tara in verschiedensten Emanationen zeigt, verfügt sie über eine Reihe geschickter Mittel, die der Errettung aus misslichen Lebenslagen dienen. Neben der Grünen Tara, die die erleuchtete Aktivität des tätigen Mitgefühls verkörpert und der Weißen Tara, die wegen ihrer Manifestation von Mitgefühl, Gleichmut, Heilung und Langlebigkeit auch als „Chintamanitara“ – als „wunscherfüllendes Juwel“ – bezeichnet wird, auch die Rote Tara, die wegen des Heranziehens aller guten Dinge und Eigenschaften praktiziert wird. Die gelbe Emanation der Tara steht für Wachstum und Reichtum, die schwarze Tara für Macht. Liest man im „Lobpreis an die 21 Taras“ nach, so kann man alle Qualitäten und Eigenschaften der Tara darin erkennen.
Neben der Anrufung an die Tara, ist die Meditation der Erzeugungsstufe eine rasch wirksame Methode. Wie Dudjom Lingpa in der Einleitung zur Erzeugungsstufe der Arya Tara schreibt: „Wenn zukünftig, im dunklen Zeitalter der letzten 500 Jahren, die hochstehenden Wesen tiefgründigen glücklicher Umstände, die Halter meiner, Padmas, Linie wünschen auf dem raschen Pfad in den himmlischen Bereich (Khechara) zu reisen, habe ich, Padma Thöthreng, aus diesem Grund das Sadhana der ehrwürdigen Arya Tara, (genannt) „Der rasche Pfad in die himmlischen Gefilde“ gelehrt. Um das in die Praxis umzusetzten, ist der wesentlichen Punkt der Stufen der Erzeugung und Vollendung, mit dem Geist nirgendwohin fort zu wandern, sondern einsgerichtet die Samaya-Mudra zu verwirklichen – (das ist) der wesentliche Punkt. Bringe den die positive Seite beschützenden Ortsherren einen weißen Torma dar und beauftrage sie, wie ein Freund zu einem und förderlich für die Praxis zu sein. Den üblen, bösartigen Göttern und Dämonen gibt man einen roten Torma und ein zornvolles Lösegeldopfer, und mit Mitteln zornvollen Visualisationen besiegt man sie und vertreibt sie in das Innere des großen Berges Meru.“

Schutz vor Ängsten und Gefahren

TaraWeißDie Praxis der Tara wird deshalb als rasch bezeichnet, weil tätiges Mitgefühl unmittelbar wirksam ist. Man kennt im Zusammenhang mit der Tara acht Ängste und 16 Gefahren. Aber auch acht weltliche Verwirklichungen werden bei ihr genannt. Alle diese werden in der „Goldenen Girlande“ (tib., sgrol ma’i rgyud kyi byung khungs gsal bar byed pa’i lo rgyu) von Taranatha geschildert.
Wenn man die geschilderten acht Ängste liest, so stehen diese immer für bestimmte Geistesgifte, welche als Ursachen für die Manifestation der Lebenslage bzw. Ängste und Gefahren fungieren. So schützt die Tara vor dem Geistesgift Stolz, das sich als Löwen und Könige, d.h. als staatliche Autoritäten heutzutage verkörpern. Sie beschützt vor Täuschung und Nichtgewahrsein, was sich als wilde Elefanten zeigt, d.h. heutzutage als „Elefant im Porzellanladen“ darstellt. Sie schützt vor Hass und Ärger, die sich als Feuer manifestieren. Sie behütet vor Eifersucht und Missgunst, die die geistig-emotionale Ursache für die Manifestationen von Giftschlangen sind. Sie schützt für falschen Ansichten und fatalistischen Sichtweisen, die durch Banditen und Dieben verkörpert werden. Auch schützt sie vor Gefängnis, das sich aufgrund des Geistesgiftes Geiz und Knausrigkeit manifestiert. Sie schützt vor dem Geistesgift der Begierde und Anhaftung, was sich als Flutwellen manifestiert. Und sie schützt auch vor trügerischen Zweifeln, die sich als bösartige Geister und Dämonen manifestieren.
Außerdem schützt die Tara vor fleischfressenden Dämonen (Pisaci), vor Lepra, den bösartigen Ghandarva-Geistern, die die Boten Indras sind, vor Armut, vor der Trennung von Verwandten und Freunden, vor königlicher Bestrafung, vor Blitzschlägen und vor der Furcht zu versagen.
Mit der Tara sind auch die Lebensgeschichten verschiedener Meister und Siddhas verbunden. In Taranathas Goldener Girlande wird geschildert, wie sie acht Meister vor den acht Ängsten beschützt. So wird Digvarman vor Feuer gerettet, Amarasingha vor Wasser, Devasingha aus der Gefangenschaft, Sanghamitra vor Banditen, Subhasakirti vor Elefanten, Buddhadasa vor Tigern, Triratnadasa vor einer Schlange und Jnanadeva vor bösartigen Geistern.
Im Lobpreis an die Arya Tara werden ihre Qualitäten aufgezählt: „HUM – Die seit allem Anfang an unveränderte, ursprüngliche Reinheit ist die Dharmakaya-Gefährtin. Die spontan präsente Natur der großen Glückseligkeit ist der Sambhogakaya. Die schöpferische Kraft des Mitgefühls ist der Tanz der vielfältigen Dakinis. Die Verkörperung von all dem, Arya Tara, lobpreise ich. Obwohl Ihr Euch nicht aus der alles umfassenden ursprünglichen Reinheit heraus bewegt, zeigt Ihr für die schwer zu Zähmenden Euch als Formkörper, um durch vielfältige geschickte Mittel die Wesen vor den Leiden zu beschützen – oh Mutter der Siegreichen Tara, vor Euch verbeuge ich mich und lobpreise Euch! Ermattet vom für wirklich Halten der Objekte der fünf Gifte und fünf Aggregate und ohne Zuflucht sind die Wesen. Ihr befreit aus allen Ängsten und Leiden, oh Arya Tara, vor Euch verbeuge ich mich und lobpreise Euch! In Eurem Körper sind die angeordneten Mandalas der Siegreichen vollendet, Eure Rede mit den sechzehn Arten von Melodien zähmt die Wesen, Euer Geist ist das geheime Spiel, das Samsara und Nirvana in Gleichheit umfasst, oh edle Meisterin Tara, Mutter und Gefährtin, vor Euch verbeuge ich mich und lobpreise Euch! Von jetzt an bis das Herz der Erleuchtung erlangt ist, Euch, oh Mutter der Siegreichen, nehmt Euch meiner an! Mögen dadurch meine drei Tore in die drei Vajras gereift und befreit sein und ich die prachtvolle Fähigkeit erlangen, die Grube der zyklischen Existenz aufzuwühlen!“

Resultate der Praxis

Tara_blackAls Verwirklichungen der Praxis der Tara werden acht weltliche Errungenschaften genannt. Diese weltlichen Errungenschaften sind: die Siddhis der Pillen, die Siddhis der Herrschaft über die Unterwelt, die Siddhis der Unsichtbarkeit, die Siddhis des In-die-Himmel-Gehens, die Siddhis der Lebenskraft, die Siddhis des Schwertes, die Siddhis des Elixiers der Jugend und die Siddhis des Reichtums.
Und als Resultat der Praxis schreibt Dudjom Lingpa: „Wenn man so Vertrauen in die Visualisation besitzt, werden diejenigen mit Vertrauen und Samaya darin, die dies einspitzig in die Praxis umzusetzten, in diesem Leben die Stufe eines Vidyadharas erlangen. Mit beständigem Eifer, ohne Misstrauen an der Gottheit, frei von Unsicherheit bezüglich der Anweisungen und ohne falschen Sichtweisen gegenüber dem Lehrer: Das ist der Lebensstein von Gottheit und Lehrer. Vergesst das nicht! Halter das Versprechen der Lebenskraft! Alles, was erscheint und existiert, alle Phänomene in der zyklischen Existenz und ihrer Transzendenz, sind in der alles-umfassenden großen Leerheit, der ungekünstelten Gleichheit ausgebreitet. Der König der Sichtweise, die dies sachgemäß verwirklicht, überragend in der Grundlage, macht den grundlegenden Zustand, das eigene Antlitz zur Wirklichkeit: Ohne Zuschreibungen in einem Zustand zu verweilen, der frei von Meditieren, Tun, Verändern, Denken und Intellekt ist, ist der Höchste unter den Pfadender Nicht-Meditation. Die drei Toren von Körper, Rede und Geist von der Hektik derneun Aktivitäten abzutrennen, das aktivitätslose, alles Tun lassende Verweilen, ist die Höchste und den Handlungsweisen der ungekünstelten Handlungsweise. Übe dich auf diese Weise in dem einen Leben, das mit den drei Schlüsselpunkten ausgestattetet ist, in der Herzpraxis! Erlange das vierfache furchtlose Vertrauen der Meditation und Verwirklichung. Wenn alle sichtbaren Phänomene sich in der Dharmata, im Zustand der Soheit erschöpfen, ist dies das Höchste aller Resultate der tatsächlichen Erleuchtung im jugendliche Vasenkörper. Auf diese Weise werden diejenigen, die mit den überragenden Schlüsselpunkten der beiden Stufen der Erzeugung und Vollendung ausgestattet sind, untrennbar von mir, Padmasambhava sein.“

Versprechen der Tara

Und zum Abschluss noch das Versprechen der Prinzessin Jnanachandra – Mond der Weisheit – als sie aufgefordert wurde, eine weibliche Inkarnation anzunehmen, um als Bodhisattva den Wesen zu nützen: „Hier gibt es weder Mann, noch Frau, nicht Selbst, keine Person und kein Bewusstsein. Bezeichnungen wie ‚Mann‘ oder ‚Frau‘ haben keine Essenz, sondern sind Täuschungen der bösartigen Welt.“ Und weiter sprach sie: „Es gibt gar viele, die Erleuchtung in einem männlichen Körper begehren, aber niemanden, der zum Wohle der fühlenden Wesen im Körper eine Frau wirkt. Daher werde ich, bis Samsara geleert ist, zum Wohle der fühlenden Wesen in einem weiblichen Körper wirken!“

Zusammengestellt und übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!


Wer sich der Praxis der Tara widmen möchte, findet im Bereich Downloads ein kurzes Ritual des Tara-Mandalas, genannt „Die achtfache tiefgründige Essenz“.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Juli 2018

Guru Rinpoche Tag

Eine kurze Zusammenfassung der Vorzüge des 10. Tages als Festtag

von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje

padmasambhava-2248028_1920OM SWASTI. Wie eine Vase der Vorzüglichkeit, ein wunschgewährender Baum, ein wunscherfüllendes Juwel gewährt Ihr uns Segen, Verwirklichungen und alles wonach wir uns sehnen. Orgyän Dorje Chang, schon der Gedanke an Euch fegt alles Leiden hinweg. In jedem unserer Leben mögen wir Euch als Zuflucht (wieder) finden.
Im Wurzel-Tantra des Lama Gongdü mit dem Titel „Der Haufen der Lotusstämme“ wird verkündet: „Natürlich erschienener Padma – so werde ich genannt. Die Emanation des Weisheitsgeistes von Buddha Amitabha. Das Licht der erleuchteten Rede des Arya Avalokiteshvara, der Bruder aller Dakinis, der König der Krieger, der Meister der Taten Buddhas in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der unvergleichliche große Samantabhadra Vajradhara. In Nirmanakaya-Formen erscheine ich, ausgestattet mit machtvollem Mitgefühl zähme ich alle entsprechend ihrer Bedürfnisse ein einer großen Welle der erleuchteten Handlung und erfülle die Hoffnungen der fühlenden Wesen, so wie sie es wünschen.“
Solche Aussagen wie diese sind geheime Vajra-Rede, die Versprechen, die von einem furchtlosen Löwen gebrüllt werden. Die Verkörperung der Weisheit aller zahllosen Buddhas vereint, derjenige, von dem alle Mandalas der drei Wurzeln hervorkommen und wieder aufgenommen werden und darüber hinaus der Vajra-Meister, dessen Güte gegenüber den Schülern im Schneeland von Tibet größer ist, als die des Buddha selbst, ist weithin als Padmasambhava – der Lotusgeborene – bekannt. Vom Standpunkt der gewöhnlichen, kurzsichtigen Schüler fällt das Ereignis, wenn er die Handlungen seiner wundersamen befreienden Lebensgeschichte zeigt, genau auf den 10. Tag des zunehmenden Mondes.

Manifestationen und Monate

Und so, als er zu Sonnenaufgang am 10. Tag des 6. Monats[*] – dem Monat des Affen – in einer Lotusblüte am Dhanakosha-See geboren wurde und das Rad der Lehre für die Dakinis der Insel dreht, ist er als GURU TSHOKYE DORJE bekannt.
Als er am 10. Tag des 12. Monats – dem Monat des Tigers – von Indrabhuti, dem König Uddiyanas willkommen geheißen wurde, der ihn als Kronprinz einsetzte und er Prabhavati als seien Prinzessin nahm und das Königreich dem Dharma entsprechend regierte, ist er als GURU PADMA GYALPO bekannt.
Als er am 10. Tag des 1. Monats – dem Monat des Hasen – das Königreich und den Bereich aufgab, das yogische Verhalten von Vereinigung und Befreiung am Leichenplatz des Kühlen Hains praktizierte und alle Mamos und Dakinis unter seine Macht brachte, ist er als GURU SHANTARAKSHITA bekannt.
Als er am 10. Tag des 2. Monats – dem Monat des Drachen – der Erscheinung nach bei Ananda die Ordination nahm, bei vielen Gelehrten und verwirklichten Meistern studierte, alle Sutras und Tantras meisterte und die unendlichen Wissensgebiete vollendete, ist er als GURU LODÄN CHOGSE bekannt.
Als am 10. Tag des 3. Monats – dem Monat der Schlange – der König von Zahor ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen versuchte, ließ er Vertrauen durch die magische Verwandlung des Scheiterhaufens in einen See entstehen und führte das gesamte Königreich in den Dharma. Indem er sich auf die Prinzessin Mandarava stützte, erschien er im Vajra-Körper und ist als GURU CHIME PADMASAMBHAVA bekannt.
Als am 10. Tag des 4. Monats – dem Monat des Pferdes – die dämonischen Minister von Uddiyana nach ihm suchten, um ihn und seine Gefährtin bei lebendigem Leib zu verbrennen, verwandelte er den Scheiterhaufen in einen See, der auf wundersame Weise in Pracht und Herrlichkeit schimmerte, und sie erschienen auf einer Lotusblüte und erweckten in allen Vertrauen. Und da er das gesamte Königreich durch die Lehren des Kadü Chökyi Gyatso zur Reife und Befreiung führte, ist er als GURU PADMA VAJRA-TSAL bekannt.
Als am 10. Tag des 5. Monats – dem Monat des Schafs – die Tirthikas aus Südindien versuchten, den Lehren Buddhas großen Schaden zuzufügen, zerschmetterte er sie zusammen mit ihren Göttern und Schützern durch einen gewaltigen Ausdruck magischer Kraft zu Staub und errichtete das Siegesbanner der Lehren Buddhas. Daher ist er als GURU SENGE DRADOG bekannt.
Als am 10. Tag des 7. Monats – dem Monat des Vogels – die Tirthikas von Zangling ihn in den Ganges warfen, erweckte er in ihnen Hingabe und begründete er im Königreich die Lehren Buddhas, indem er durch seine wundersame Heldentat einen Vajra-Tanz am Himmel vollführte und den Lauf des Flusses umkehrte. So ist er als GURU KHADINGTSAL bekannt.
Als am 10. Tag des 8. Monats – dem Hund-Monat – die Tirthikas ihn vergifteten, erlittet er nicht nur keinen Schaden, sondern verwandelte das Gift in Nektar, wodurch seine Ausstrahlung noch prachtvoller und herrlicher als zuvor wurde. Durch so eine wundersame Heldentat erweckte er Vertrauen und die Tirthikas zusammen mit ihrem Gefolge nahmen die Lehren Buddhas an. Daher ist er als GURU NYIMA ÖZER bekannt.
Als er sich am 10. Tag des 9. Monats – dem Monat des Schweins – in Yangleshö in Nepal in Gestalt des Vajrakumara manifestierte, die Götter und Geister Nepals und Tibets durch Eide band, die Praxis des großen, glorreichen Yangdag Heruka verwirklichte und die überragende Stufe eines Vidyadhara der Mahamudra erlangte, ist er als GURU DORJE THÖTHRENGTSAL bekannt.
Als er am 10. Tag des 10. Monats – dem Monat der Ratte – in Zentral-Tibet ankam, alle wilden, unbeherrschbaren Götter und Geister Tibets unterwarf, das Dharma-Rad im glorreichen Samye errichtete, die Lampe des heiligen Dharmas der Sutras und Tantras entzündete und die vom Glück Begünstigten, den König und seine Untertanen zur Reife und Befreiung führte, ist er als GURU PADMASAMBHAVA bekannt.
Als er am 10. Tag des 11. Monats – dem Monat des Ochsen – eine zornvoll verrückte Gestalt in Paro Tagtsang in Mön und anderen Plätzen annahm, schwor er alle Erdherrscher Tibets als Beschützer der Schatztexte ein und im gesamten Schneeland von den Grenzen bis ins Zentrum verbarg er unglaubliche Fundgruben der Lehren, kostbare Materialien, heilige Substanzen, und er machte Vorhersagen und gab Anweisungen zur Wahrung, was von den Lehren durch die Mittel der Schatztexte verbleiben wird. So ist er als GURU DORJE DROLÖ bekannt.

Nutzen für die Praxis

Nun der Reihe nach der besondere Nutzen, wenn man die Praxis an jedem dieser aufeinanderfolgenden monatlichen Festtage einhält.
Im 6. Monat werden alle Arten von Krankheit, negativen Kräfte und Hindernisse befriedet und die Lebensspanne, der Verdienst und Reichtum vermehrt.
Im 12. Monat werden Glück und Geistesschärfe gesteigert und das Vertrauen nimmt zu, sodass Menschen und nichtmenschliche Wesen unter deine Macht gelangen.
Im 1. Monat werden Macht, Rang und Reichtum wachsen und die Erdherren und Schützer werden dich wie Diener gehorchen.
Im 2. Monat werden Leiden und Schaden befriedet, die vom Todesherrn und den acht Klassen der Götter und Geister verursacht sind, die Disziplin wird gereinigt und grenzenlose Weisheit erstrahlt.
Im 3. Monat bist du von Schaden durch ungünstige Planeten- und Sternenkonstellationen, sowie von Feinden und Dieben unberührt. Vorzügliches, Friede und Güte werden sich in Nah und Fern vermehren.
Im 4. Monat wirst du immun gegenüber dem Schaden der Erdherrn, Nagas und Nyän sein, und die Dharmapalas und Schützer werden jede Aktivität vollbringen, die du ihnen anvertraust.
Im 5. Monat wird jeder Schaden durch Hindernisse, Feinde und negative Kräfte befriedet und die Gegenstände deiner Wünsche werden unter deine Herrschaft gebracht.
Im 7. Monat werden chronische Leiden, Immunschwäche und ähnliches bereinigt, der Körper wird gesünder, der Geist glücklicher, deine Anhängerschaft und dein Reichtum nehmen zu und deine Bestrebungen werden erfüllt.
Im 8. Monat werden alle Hindernisse des Jahres, des Monats, des Tages und der Stunden, sowie alle negativen Zeichen und ähnliches befriedet und jedes Abnehmen von Wangthang oder Windpferd (Lungta) wird wiederhergestellt.
Im 9. Monat werden alle Krankheiten und negativen Kräfte, die von den acht Klassen und den Jungpo-Dämonen verursacht sind, vorzeitiger Tod und tödliche Unfälle befriedet, ernsthafte Verwünschungen werden beseitigt, du wirst von Hexenzauber und psychischen Angriffen befreit und dein Körper wird unzerstörbar.
Im 10. Monat werden Fehler und Verfall der drei Gelübdekategorien wie Respektlosigkeit gegenüber heiligen Objekten und Brüche und Beschädigungen der Samayas geheilt und dein Geistesstrom wird gereinigt.
Im 11. Monat wird kein plötzliches Unglück, wie vorzeitiger Tod eintreten und sobald wir dieses Leben hinter uns lassen, werden wir im reinen Land von Padma Ö (Lotuslicht) vor Guru Rinpoche selbst geboren werden.

Allgemeiner Nutzen

Nicht nur dass die Vorzüge absolut unermesslich sind, wenn man (die Praxis) am 10. Tag einhält, sondern indem man sich auf die verschiedenen Praktiken zum Ansammeln von Verdienst konzentriert und Gebete spricht, werden diese Anlässe als außerordentlich vorteilhaft gepriesen. Wie im Lama Sangdü erklärt wird: „Am 10. Tag des Affen-Monats im Affen-Jahr und an jedem 10. Tag werden meine Emanationen sich ausbreiten, um die Welt anzufüllen und die höchsten und allgemeinen Verwirklichungen gewähren. Wenn du dieses Menschenleben mit der Verwirklichung des Lehrers verbringst, dann wirst du in mein – Orgyäns – Herz eingehen, wenn deine Lebensspanne an ihr Ende gelangt.“
Und in den Anleitungen zum Schatztext von Ratna Lingpa wird gesagt: „Wenn eine Person an jedem 10. Tag des Monats bei Sonnenaufgang meiner gedenkt, dann werden diese Person und ich untrennbar sein. König von Tibet, Minister, Schüler, die wie meine Kinder sind – am 10. Tag jedes Monats werde ich euch in Person erscheinen. Das schwöre ich. Padmasambhava ist nicht jemand, der andere betrügt.“
Und in den „Anweisungen der goldenen Girlande“ wird verkündet: „Besonders am Festtag des 10. Tages werde ich, Orgyän, nach Tibet, dem Schneeland, kommen und überall präsent sein. Auf den Strahlen von Sonne und Mond und den Dunsttropfen des Regenbogens reitend, werden die Hindernisse meiner hingebungsvollen Kinder bereinigt werden. Die vier Ermächtigungen gewähre ich so wie ihr wünscht. Dies ist mein einziges Versprechen und Padma täuscht niemals, das schwöre ich. Wenn ihr euch mir widmet, beständig an jedem 10. Tag praktiziert und entsprechend meiner Anweisungen handelt, dann wird sich das ganze Land an Glück erfreuen und es wird allen wohl ergehen.“
Versprechen wie diese hat er nicht nur einmal gegeben und es sind die wahren Vajra-Worte seiner erleuchteten Rede, die niemals falsch oder trügerisch sein können. Deshalb sollten alle seine Nachfolger von der Tiefe ihrer Herzen vollständig darauf vertrauen und wir sollten große Anstrengungen unternehmen, uns und andere jetzt und immerzu darin ermutigen, diese Festlichkeit des Glücks und der Freude zu verbreiten.

Dieses zum Heilsamen inspirierende Gespräch ist gleich einer schönen Jungfrau. Wie zuvor mit Beredsamkeit seine vortreffliche Bedeutung erklärt wurde, so stellt sie ihr schönes Gewand zur Schau. Gegenüber jenen, die sich nach Befreiung sehnen, lasst sie vorwärts schreiten und ihnen ein Festmahl jedweder Art von Glück und Freude darbringen!

Dies wurde von Jigdral Yeshe Dorje, dem Botschafter Padmasambhavas, der in jede Richtung schreitet, niedergeschrieben. Möge Heilsames und Vorzügliches in Hülle und Fülle vorhanden sein!


[*] Gemäß dem Lama Gongdü wird die Geburt von Guru Rinpoche im sechsten Monat angesiedelt. Im berühmten Kalendersystem des Phugpa-Kalenders wird dafür der fünfte Monat genannt.


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017) aus den gesammelten Werken von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje, Band 24 (ya), Seite 355 – 364) und verglichen mit der englischen Übersetzung von Lotsawahouse. Möge es nützlich sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Juli 2018

Ein Lob der Intelligenz

Saraswati_2Der süße Klang der vollkommenen Freude:
Ein Lobpreis an die Göttin Sarasvati

von Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö

HRING – Tochter des Geistes von Brahma, entstanden aus dem großen See der Freude, mit Eurem Gesicht, so rein und weiß wie der Mond – Göttin Sarasvati, Euch bezeuge ich meine Verehrung!

Unendliches Schatzhaus der geheimen Worte der Veden und der riesigen Sammlung des Dharma des Buddha, am Ende des Pfades der Todlosigkeit angelangt – glorreiche Frau der Melodien, vor Euch verneige ich mich hingebungsvoll!

Eine Tambura-Laute in Euren Händen haltend und mit den Spitzen Eurer Finger sanft spielend, vor Euch, die den Geist aller – sowohl jenseits wie auch noch immer in diesem weltlichen Bereich – bezaubert, verneige ich mich!

In Wirklichkeit seid Ihr die Vollkommenheit der Weisheit selbst, dennoch erscheint Ihr in Gestalt einer Göttin, eine wundersame und unglaubliche Erscheinung, große Frau, die die zehn Bhumis gemeistert hat, vor Euch verneige ich mich!

Allen Buddhas, die mit ihrer Liebe an Euch denken und auf Euch mit ihren Weisheitsaugen blicken, bringt Ihr große, wolkengleiche Gaben der wonnevollen Vereinigung dar, vor Euch, der großen Mutter der Freude, verneige ich mich respektvoll!

Sobald Ihr in die Kehlen und Herzen der Intelligenz eintretet, im selben Moment werden sie verwandelt und zu machtvollen Meistern der Rede – an Euch, Gewährerin der höchsten Intelligenz, richte ich meinen Lobpreis!

Durch die Segnungen des Preisens an Euch auf diese Weise möget Ihr in den milchigen See meines hingebungsvollen Geistes eintreten und gewährt mir das strahlende Licht der Weisheit, vollendet mit dem zweifachen Wissen, so bete ich!

ཨོཾ་པི་ཙུ་པི་ཙུ་པྲ་ཛྙཱ་ཝཱརྡྷ་ནི། ཛྭ་ལ་ཛྭ་ལ་མེ་དྷི་ཝཱརྡྷ་ནི། དྷི་རི་དྷི་རི་བུདྡྷི་ཝརྡྷ་ནི་སྭཱ་ཧཱ།

OM PITSU PITSU PRAJNA WARDHANI / DZALA DZALA MEDHI VARDHANI / DHIRI DHIRI BUDDHI VARDHANI SWAHA //

Rezitiere dies und die Intelligenz wird zunehmen.

In Erwiderung auf die Bitten von Samten Tulku Rinpoche, dem Neffen des edlen Palpung Situ Rinpoche, zusammen gegeben mit der Gabe eines seidenen Schals, schrieb ich, Chökyi Lodrö, auch bekannt als Jampal Gawa’i Gochar, dies im Freudenwald des Vergnügens der Göttin Sarasvati im Palpung-Kloster. SIDDHI RASTU.


Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2012). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Juli 2018

Vajrayana – reine Sicht & geschickte Mittel

GuruRinpocheDie geschickten Mittel des Varjayana sind in der einen Praxis der reinen Wahrnehmung, auch „reine Sicht“ genannt, enthalten. Alle Wesen sind aufgrund der Fähigkeit ihres Geistes zu gewöhnlichem Wissen (shepa) fähig. Allerdings haben gewöhnliche Wesen bis jetzt noch nicht überragendes Wissen (sherab) kultiviert. Beispielsweise können gewöhnliche Wesen ganz einfach die fünf natürlichen Elemente – Erde, Luft, Feuer, Wasser und Raum – erkennen und erfahren. Aber was sie nicht wissen oder erfahren, ist die Essenz der fünf natürlichen Elemente, welche Leerheit ist. Das ist deshalb, weil das Wissen um die Leerheit der Bereich des überragenden Wissens ist, nicht der Bereich des alltäglichen Wissens. Im Falle des überragenden Wissens sind die fünf natürlichen Elemente, die die äußere Welt ausmachen, in ihrer Essenz die fünf weiblichen Buddhas, was sozusagen als die leere Essenz der äußeren Welt verstanden oder erkannt wird.
Weiters können gewöhnliche Wesen ganz einfach ihren eigenen Geist und Körper als die fünf psychophysischen Haufen (skandhas) erfahren. Was sie nicht erfahren, ist die leere Essenz der fünf Haufen, welche sozusagen die fünf männlichen Buddhas sind. Und wiederum können gewöhnliche Wesen ganz einfach ihre störenden Geisteszustände von Begierde, Ärger, Dummheit, Eifersucht und Stolz erkennen. Aber was nicht leicht verstanden wird, ist die leere Essenz der störenden Zustände, welche sozusagen die fünf Weisheiten der Erleuchtung sind. Die fünf Elemente, die die Umgebung der äußeren Welt ausmachen, sind vom Standpunkt der reinen Schau oder erhabenen Einsicht die fünf weiblichen Buddhas, die fünf Haufen, die Geist und Körper ausmachen, sind die fünf männlichen Buddhas, und die fünf störende Zustände sind vom Standpunkt der reinen Schau oder erhabenen Einsicht aus, die fünf Weisheiten der Erleuchtung. Solch erhabenes Wissen ist der Bereich der Erleuchtung.
Der nächste Punkt, der verstanden werden soll, ist die erleuchtete Perspektive der reinen Sicht, die zum Pfad der Praxis gemacht wird, was Vajrayana-Praktizierende meditieren, was die Art jetzt gerade ist. Sie erkennen die äußere Welt als den Raum der fünf weiblichen Buddhas, ihren Geist und Körper und den der anderen als die fünf männlichen Buddhas und ihre störenden geistigen Zustände als die fünf Weisheiten der Erleuchtung. So wird erhabene Einsicht praktiziert und erlangt. Durch beständige Praxis wird reine Schau zur Gewohnheit und schließlich sind die Praktizierenden fähig, die Welt, alle Wesen und ihre Geisteszustände als nichts anderes als ihre eigene Natur zu erkennen!

Von Lama Tharchin Rinpoche über die „Qualitäten der Erleuchtung“. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. Juni 2018

Yana – der spirituelle Ansatz im Dharma

buddah-2291717_1920.jpgWeil manche meinen, die Dreiteilung der Ansätze (Yana; Fahrzeug) im Dharma wäre das Um und Auf. Sorry, aber das ist es nicht. Es werden in den verschiedenen Sutras unterschiedliche Modelle der Yanas (Fahrzeuge) skizziert. Schauen wir uns zunächst einmal einige Gliederungen an, so wie sie in den Sutras und von den Gelehrten vorgenommen wurden.

Zum einen gibt es das Modell des Ekayana (Ein Fahrzeug), das als Buddhayana vornehmlich im Saddharmapundarikasutra verkündet wird. Auch andere Mahayana-Sutras wie das Sutrasamuccaya stützen sich auf diese Position.

Dann gibt es das Modell der zwei Fahrzeuge – Hinayana und Mahayana. Die Unterscheidung wird im Mahayanasutralamkara vorgenommen.

Das Yanatraya oder Triyana – also die eingangs erwähnte Dreiteilung der Fahrzeuge – besteht aus Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Bodhisattvayana. So wird’s im Mahavastu erwähnt. Auch im Abhidharmakoshabhasya und dem Vibhasaprabhavrtti des Abhidharmadipa gibt es Hinweise auf diese Art der Gliederung.

Dann gibt es noch eine Gliederung in Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Mahayana, wobei letzteres wiederum in zwei weitere Fahrzeuge – das Paramitayana und das Mantrayana – unterteilt wird. Diese Art der Dreiteilung war bei den Indern und später bei den Tibetern übrigens sehr beliebt, weshalb die Tibeter dann auch noch andere Unterscheidungsmerkmale herangezogen haben. Da gab’s also dann auch noch das Fahrzeug, das durch die Befreiung aus dem Ursprung von Samsara gekennzeichnet ist, plus das Fahrzeug das durch Entsagung Weisheit (Wissen) und das Fahrzeug das durch die Mittel der Transformation gekennzeichnet ist.

Ein Vier-Yana-Model wird im Kshitigarbhasutra erwähnt. Da gibt es das Svargayana (das Fahrzeug, das zu einem guten Ziel führt), das Shravakayana, das Pratyekabuddhayana und das Mahayana. Auch im Manjushrinamasamgiti findet sich so ein Vierer-Model – Shravaka, Pratyeka, Maha, die alle als Ursachenfahrzeuge bezeichnet werden und zusätzlich noch das Mantrayana, das als Ergebnisfahrzeug – auch Phalayana – gilt.

Im Lankavatarasutra werden fünf Yanas erwähnt. Das Devayana, das Brahmayana, das Shravakayana, das Pratyekabuddhayana und das Tathagatayana. Wieso Deva und Brahma da getrennt gezählt werden, wissen auch die gelehrten Köpfe nicht zu beantworten, da sich beide auf himmlische Wesen und Bereiche beziehen. Im Akshayamatinirdeshasutra findet man auch fünf Yanas gezählt: Devayana, Manusyayana, Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Mahayana. Im Akshayamatinirdeshatika werden auch fünf Fahrzeuge erwähnt, wobei dort das Lokattarayana und das Laukikayana vorkommen, die als weltliche Fahrzeuge gelten und somit dem Devayana und Brahmayana zugerechnet werden können.

Im Guhyagarbhatantra findet man ebenfalls fünf Fahrzeuge: Devamanusyayana, Shravakayana, Pratyekabuddhayana, Bodhisattvayana und Mantrayana. Also vier Ursachenfahrzeuge und ein Ergebnisfahrzeug.

Eine Einteilung in neun Fahrzeuge findet sich in der tibetischen Tradition bei den Nyingmapas (und den Bönpos). Dort werden das Shravakayana, Pratyekabuddhayana, Bodhisattvayana als Ursachenfahrzeuge bezeichnet, wie sie im Sutrayana zusammengefasst sind. Weitere sechs Fahrzeuge finden sich als Ansätze der äußeren Tantras, und zwar als Kriyatantra, Charyatantra, Yogatantra. Und als höchste Ansätze werden hier das Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga (Dzogchen) gesehen, da sie die inneren Tantras sind. Diese Gliederung ist speziell tibetisch, da man dafür keine indischen Quellen findet. Allerdings steht es nicht im Widerspruch zur indischen Dharma-Tradition, da dort eben eine Vielzahl an Yanas gezählt werden. Und aus Sicht der Nyingmas kann man alle neun Fahrzeuge ihres Systems in dem bereits erwähnten Modell des Triyana – Hinayana, Mahayana, Vajrayana – zusammenfassen.

Dann gibt es sogar ein N-Yana-Modell, ein Nanayana, wie es im Lankavatarasutra genannt wird. Dieses Nanayana bezeichnet die unendlich große Anzahl an Ansätzen, sodass man sie gar nicht zählen kann.

Dann gibt es noch das A-Yana, das Nicht-Fahrzeug, ebenfalls im Lankavatarasutra erwähnt. Die Idee hinter dem A-Yana – dem Nicht-Fahrzeug – ist, dass Wesen, sobald sie das Ufer der Befreiung erreicht haben, kein Fahrzeug mehr brauchen. Gemeint ist damit, dass die Vorstellung von einem Fahrzeug, das Wesen wohin befördert nur so lange erforderlich ist, wie es Wesen zu befördern gibt.

Nutzen von Gliederungen

Welchen Nutzen hat nun diese Vielzahl der Gliederungen? Sowohl in Indien wie auch in Tibet hat man versucht, die zahlreichen Lehren des Buddha in verschiedene Ansätze einzuteilen und so eine Übersicht zu ermöglichen. Ein weiterer Grund war wohl die Unterscheidung zwischen buddhistischen Ansätzen und nicht-buddhistischen Ansätzen zu unterscheiden. Vajragarbha, ein Autor des Hevajrapindarthatika hat sich besonders auf das Triyana-Modell gestützt, da er diese Einteilung in Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Mahayana als hilfreich ansah, während er gleichzeitig weltliche Fahrzeuge – also ein viertes und/oder fünftes – verwarf. Allein dies reichte, dass die Einteilung wie sie die Nyingmapas in Tibet vornahmen, immer wieder kritisiert wurde.
Aus buddhistischer Sicht kann man zwischen einem Laukikayana – weltlichen Fahrzeug – und einem Lokattarayana – überweltlichen Fahrzeug – unterscheiden. Und welches Fahrzeug benutzt du?

Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. Juni 2018

Spirituelle Praxis

alone-2666433_1920Einst umkreiste ein Mönch das Peltring-Kloster. Geshe Tenpa, ein hervorragender alter Lehrer, kam zu ihm und sagte: „Es ist schön, heilige Orte zu umkreisen, aber es ist viel besser, den ausgezeichneten Dharma zu praktizieren.“
Demütig begann der Mönch zu studieren, auswendig zu lernen und die buddhistischen Sutras zu rezitieren. Eines Tages kam Geshe Tenpa bei ihm während er in seine Studien und Andachten vertieft war vorüber. Der alte Abt sagte zu ihm: „Es ist wertvoll, die Schriften zu studieren und heilsame Taten anzusammeln, aber weit besser ist es, den edlen Dharma zu praktizieren.“
Nach ernsthaften Überlegungen beschloss der Mönch, dass intensive Meditation die beste Sache für ihn sei und er begann ernsthaft zu meditieren. Unvermeidlich fand Geshe Tenpa ihn in einer Ecke mit festem, konzentriertem Blick sitzen. „Meditation ist fein,“ kommentierte der gebildete Abt, „aber wahre Dharma-Praxis wäre sogar noch besser.“
Nun war der Mönch aber völlig verwirrt. Es gab nichts, das er nicht schon versucht hatte. Dennoch missbilligte der ehrwürdige Lehrer seine Bemühungen. „Sehr verehrter Herr, was sollte ich tun?“ flehte er.
„Gib einfach all das Haften an dieses Leben auf,“ erwiderte Geshe Tenpa. Dann setzte er ruhig seinen Weg fort.


In diesem Sinne sagte auch Jetsün Drakpa Gyaltsen aus der Sakya-Tradition in der Einleitung zu seinem Kommentar über„Das Aufgeben der vier Anhaftungen“:

„…Jedes Verhalten, das dem Dharma widerspricht, muss beendet werden, und daher,
um das Dharma auf richtige Weise zu praktizieren, folgt hier die Anweisung über die „Befreiung von den vier Anhaftungen“, die ich euch nun zu Gehör bringe:
„Hängst du an diesem Leben, bist du kein wahrhaft spirituell Praktizierender,
hängst du an Saṃsāra, hast du keine Entsagung,
hängst du an deinem eigenen Selbstinteresse, hast du kein Bodhicitta,
ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.“


Möge es inspirierend sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Juni 2018

Dharmata – Quelle aller Phänomene

peacock-feather-1438415_1920Wiederum fragte der Bodhisattva Prasannantindra: „Oh Lehrer, Bhagavan, törichte Schüler, die durch das Festhalten an wahrer Existenz gebunden sind, können die Art und Weise des Daseins der grundlegenden Dharmata nicht einfach durch die Art der Nichtexistenz der Grundlage für die Benennung einer Bezeichnung erkennen. Möge der Lehrer daher einen Weg offenbaren, wie diese Nichtexistenz durch grobe und subtile Untersuchung festgestellt werden kann.“
Er antwortete: „Oh Prasannatindra, es ist genauso: wenn ein Baumstamm erscheint, ist diese Existenz dieses Stammes dauerhaft oder ist er gänzlich nichtexistent? Das ist die Untersuchung und Analyse. Wenn er dauerhaft wäre, dann könnte er nicht abgeschnitten oder zerstört werden und müsste wahrhaft existent, undurchdringlich, unveränderlich, undurchdringbar und unvergänglich sein. Aber eine Scharte entsteht, wenn er mit einer Axt gehackt wird, also kann er abgeschnitten werden und wenn viele Male gehackt wird, dann fällt er um und ist zerstört. Da eines zu viele werden kann, ist er trügerisch und nicht wirklich existent. Weil er von weißen und schwarzen Farben und Pulvern befleckt werden kann, ist er nicht undurchdringbar, sondern durchlässig. Da er Gegenstand von Veränderung aufgrund der Jahreszeit und der Umstände ist, ist er nicht unveränderlich. Er kann irgendwo durchdrungen und zerstört werden, somit ist er durchdringbar, vergänglich. Dieses Holz kann auf viele Arten beschädigt werden, somit ist es verderblich. Da es auch nicht nur eine der Eigenschaften eines Vajra hat, kann festgestellt werden, dass er nichtexistent ist.“

Vajra – sieben Qualitäten der Natur des Geistes

Prasannatindra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, bitte erklärt, was ein Vajra ist, der mit allen sieben Qualitäten eines Vajra versehen ist.“
Er erwiderte: „Oh Prasannatindra, in Bezug auf die Existenz eines konventionellen, materiellen Vajras ist es wie in Anlehnung auf einen Sohn einer unfruchtbaren Frau. Materielle Vajras werden aus Knochen gemacht; Stein-Vajras können zerstört werden, indem man sie verbrennt; und Eisen-Vajras schmelzen im Feuer. Sie sind also nicht wahrhaft existent, sondern diese konventionellen Vajras sind zerstörbar. Dieser Raum-Vajra, der irgendwo erscheint, kann mit Waffen oder irgendetwas anderem nicht durchschnitten werden. Er kann von keinen Gegenständen oder Bedingungen zerstört werden. Frei von Fehlern oder Verunreinigungen, so ist er die große Grundlage der Weite des Universums, somit ist er wirklich. Er kann von Fehler oder Heilsamen nicht befleckt werden, somit ist er undurchdringbar. Er ist frei von Wandel in den drei Zeiten, somit ist er unveränderlich. Weil alles von Leerheit durchbohrt wird, ist er gänzlich undurchdringbar. Er kann durch nichts verändert oder verwandelt werden, somit ist er unvergänglich.
Das ist der Raum-Vajra, der überall erscheint. Für jene, die nach Substanzialität greifen, ist das ein konventioneller Vajra und für jene, die seine Natur als ungetrübte Befreiung begreifen, ist das der letztendliche, unzerstörbare Vajra. Wenn es ein anderes Objekt geben würde, das mit allen sieben Qualitäten eines Vajra versehen wäre, dann wäre es dauerhaft, aber wenn nicht, dann ist es sicher, dass alles Leerheit ist, die nicht festgeschrieben werden kann.
Die Substanzen, die als Dinge wie ein Baumstamm, Erde, Steine, Gebäude und Haushaltsgüter erscheinen, können umgestoßen, zerbrochen und zerrieben werden. Zerreibt man sie zu Teilchen, sind sie zu Pulver reduziert. Durch das Pulverisieren dieser Teilchen auf ein Siebtel ihrer Größe, sind sie zu winzigen Teilchen reduziert und indem man sie zu einem Siebtel ihrer Größe zersetzt, werden sie so zur Teilchenlosigkeit reduziert. Sie sind ausgelöscht und lösen sich in die Natur des Raumes auf.
Darüberhinaus verschwindet die Asche jeglicher Substanz, die im Feuer verbrannt worden ist, ganz von selbst im Raum und etwas, das die Form eines Lebewesens zu sein scheint, löst sich auf, sobald es getötet und verbrannt worden ist. Durch das Erforschen und Analysieren dieser ganzen auftauchenden Phänomene auf diese Weise, wirst du entdecken, dass sie alle vollständig verschwinden und kein einziges Ding eine wahre Existenz aufweisen kann. Die intensive Untersuchung ist bei diesem Thema wesentlich, also versteh das!“

Woraus Phänomene erscheinen

planet-2785082_1280Prasannatindra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, wenn sie sich nicht ermitteln lassen und auf diese Weise unwirklich sind, woraus erscheinen alle diese Phänomene dann? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Prasannatindra, durch das Greifen nach einem Selbst, das als Ursache dient und durch das Konzeptualisieren, das als begleitender Umstand dient, existieren sie als bloße Erscheinungen. Das anfängliche Bewusstsein bewegt sich zum Objekt und plötzlich entsteht eine Erscheinung. Aufgrund des Gedanken, es zu beseitigen und die Erscheinung des Denkens, dass es zerstört wird, verändert es sich oder verschwindet überhaupt. Alle Phänomene sind nichts weiter als bloße Erscheinungen aus voneinander abhängig bestehenden Ereignissen. Es gibt sicherlich nichts, das von sich aus wahrhaft existiert.
Beispielsweise aufgrund der gleichzeitigen Zusammenkunft der Augen von jemandem als Ursache, mit dem durchsichtig, klaren Raum, der als Grundlage dient und mit den Substanzen und Mantras, die für eine Illusion verwendet werden und der hervorbringende Geist, die als mitwirkende Umstände dienen, erscheint das davon abhängig bestehende Ereignis einer illusorischen Emanation, obwohl sie eigentlich nichtexistent ist. Aufgrund der zusammengetroffenen, sich aufeinander beziehenden Ereignisse des durchsichtig klaren Raumes als Ursache und der Wärme und Feuchtigkeit als beitragender Umstände, erscheint eine Fata Morgana, die sich beweisen lässt. Von der abhängigen Beziehung mit dem durchsichtig, klaren Allgrund-Bewusstsein als Ursache und dem Greifen nach einem Selbst als mitwirkender Umstand, tauchen Traumerscheinungen auf, die nichtexistent sind und man ist durch das Greifen nach ihrer Wirklichkeit und dem Festhalten an ihrer wahren Existenz getäuscht, als ob sie Erscheinungen im Wachzustand wären. Aufgrund der wechselseitig abhängigen Beziehung der gleichzeitigen Nähe eines klar-deutlichen Spiegels als Ursache und einem Gesicht als mitwirkender Umstand, erscheint eine Spiegelung, die nichtexistierend ist. Aufgrund der abhängigen Beziehung des Samadhi des Kultivierens meditativer Stabilität als Ursache und aufgrund der gleichzeitigen Nähe von einem Gefäß und von Flüssigkeit als mitwirkende Bedingung erscheint eine Stadt der Gandharvas als ein Objekt. Aufgrund der abhängigen Beziehung eines festen, hohen Objekts wie einem Geröll und einem Hörbewusstsein asl Ursache und dem Erzeugen eines Klanges wie das Rufen als mitwirkende Bedingung, entsteht ein Echo. Aufgrund der abhängigen Beziehung von klarem, sauberen Wasser als Ursache und das gleichzeitige Erscheinen von Planeten und Sternen am Himmel als begleitende Bedingung, taucht eine Spiegelung auf. Aufgrund der abhängigen Beziehung vom Wasser selbst als Ursache und dem Aufrühren oder Aufwühlen als gleichzeitig mitwirkende Bedingung entstehen Blasen. Aufgrund der abhängigen Beziehung der Augen als Ursache und dem gleichzeitigen Druck, der auf die Augäpfel als mitwirkende Bedingung angewendet wird, tritt eine optische Täuschung ein. Aufgrund der abhängigen Beziehung der Meisterschaft, die als Ursache hervorgebracht wird und dem Eintritt in den Samadhi des Hervorbringens von Emanationen als mitwirkende Bedingung, erscheinen nichtexistierende Erscheinungen.
Bei diesen zehn Analogien gibt es eine Abhängigkeit, indem man sich auf Ursachen stützt, es gibt eine Beziehung durch der Ungetrenntheit der Ursachen und mitwirkenden Ursachen und es gibt ein Entstehen aufgrund des Hervortretens nichtexistierender Erscheinungen. Auf gleiche Weise erscheint ein Bewusstseinsstrom des Selbstgreifens nach einem „Ich“ in Bezug auf den ungehinderten, ungegenständlichen Ausdruck des grundlosen, wurzellosen Bereichs des Raumes, der die grundlegende, absolute Natur des durchdringenden Bereichs des Raumes ist. Aufgrund dieses Bewusstseinsstroms wird der Grund geteilt: durch das Zurückziehen des Selbst wird die grundlegende, absolute Natur veräußerlicht. Aus dem klaren, deutlichen, spiegelgleichen Grund, in dem alles mögliche erscheinen kann, treten die Erscheinungen der drei Bereiche hervor. Als Vergleich wird aufgrund des Auftretens von Schaum, der ungetrennt vom Ozean ist, der Ozean herangezogen; und aufgrund der Erscheinung von Regenbögen am Himmel, die nichts anderes als der Himmel sind, erscheint der Himmel als etwas anderes. Es besteht eine Abhängigkeit aufgrund des Stützens auf ein Ich, es besteht eine Beziehung aufgrund der Ungetrennheit von einem selbst und anderen und es gibt Entstehung aufgrund der Ereignisse, die keine objekthafte Existenz haben. Durch das Erforschen der Art und Weise des Daseins aller Arten der erscheinenden Phänomene, erkenne den entscheidenden Punkt, wie sie als Ausdruck des leeren Raumes der Dharmata ermittelt werden.
Darüberhinaus wenn du einschläfst, lösen sich die unbelebte Welt der Objekte, die während des Wachzustandes erschienen sind, die fühlenden Wesen, die die Welt bewohnen und aller erschienenen Objekte der fünf Sinne in den leeren Allgrund auf, der die Natur des Raumes ist und dann treten sie aus diesem Bereich wieder hervor. Wiederum erscheint das nach einem Selbst greifende Bewusstsein aufgrund der illusorischen Erscheinungen der Bewegungen der karmischen Energien. Daraufhin tritt alles aufgrund der Selbsterscheinungen innen und außen, einschließlich der unbelebten und belebten Welt und der Sinnesobjekte als Traumerscheinungen wie zuvor in der grundlegenden, absoluten Natur auf. Freude, Kummer und Indifferenz sind eng verflochten und aneinander geklammert, als wären sie wirklich existent. Das ist Täuschung, daher erkenne es!“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. Juni 2018

Leerheit der Phänomene

bird-2424077_1920Prasannatindra fragte: „Lehrer, Bhagavan, auf welche Art sind äußere Objekte leer? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Was das Auftreten des Greifens nach einer Identität des gewünschten Phänomens als etwas anderes als das Ich betrifft, lass uns die Art und Weise untersuchen, wodurch alle diese Namen, Dinge und Zeichen nicht begründet werden. Zuerst einmal lass uns einmal die Leerheit der Namen des Körpers bestimmen, indem wir die Grundlage der Bezeichnung der Namen untersuchen. Überprüfen wir das, was Kopf genannt wird: Haar ist Haar und nicht der Kopf; die Augen sind Augen und nicht der Kopf; die Ohren sind Ohren und nicht der Kopf; die Nase ist die Nase und nicht der Kopf; die Zunge ist die Zunge und nicht der Kopf. Genauso scheinen die Haut, das Fleisch, die Knochen, das Blut, die Lymphe, die Sehnen usw. alle ihre eigenen Namen zu haben, daher werden sie nicht als Kopf bezeichnet.“

Höchstes Erkennen durch Analyse

Prasannatindra fragte: „Lehrer, Bhagavan, wenn du ihn auf seine Bestandteile wie eben reduzierst, dann ist er nicht begründet, aber wird ihre Anordnung nicht als Kopf bezeichnet?“
Er antwortete: „Kind aus gutem Hause, beobachte, dass es allgemein viele Fälle gibt, in denen die Zusammenkunft dieser Bestandteile nicht als Kopf bezeichnet werden kann. Wenn der Kopf einer Person auf seine Teilchen reduziert wird, die dann wieder zusammengefügt und anderen gezeigt werden, dann würden sie ihn nicht als Kopf bezeichnen. Selbst wenn diese Teilchen befeuchtet und als Kugel geformt werden, dann würde man das nicht als Kopf bezeichnen.
Wenn dein Kopf, der während des Traumes auftaucht, dein Kopf, der während des Wachzustandes erscheint, dein Kopf, der in der Vergangenheit erschienen ist und dein Kopf, der in Zukunft erscheint, immer identisch wären, dann müssten auch alle Geschwüre, Schwellungen, Kröpfe, Muttermale und Warzen, die du hättest bei all diesen Gelegenheiten auftauchen, aber das tun sie nicht. Wenn jeder dieser Köpfe verschieden wäre, dann müssten entweder diese vorherigen Köpfe weggeworfen werden oder ansonsten würde das darauf hindeuten, dass sie von Anbeginn an niemals vorhanden waren. Wenn du sagst, er wird Kopf genannt, weil er an der Spitze oben erblickt wird, dann solltest du die oberen und unteren Regionen des Raumes analysieren. Indem du untersuchst, wie die vorderen, rückseitigen, oberen und unteren Regionen des Raumes bestehen, wirst du feststellen können, dass keine von ihnen aus sich heraus existiert.
Wodurch wird genauso das Auge bestimmt? Alle flüssigen Kugeln sind nicht mit dem Namen Auge bekannt. Die Haut, das Blut, Fett, die Kanäle und Sehnen gewähren nicht den Begriff Auge. Wie im vorherigen Fall besteht auch das Auge nicht als eine Ansammlung dessen. Wenn du glaubst, dass eine flüssige Kugel, die Formen sieht, Auge genannt wird, dann beobachte, ob das, was in der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, in den Traumerscheinungen und im Wachzustand die ganze Zeit Formen sieht, diese flüssige Kugel der Gegenwart ist. Selbsterscheinungen gibt es aufgrund des uranfänglich vorhandenen Bewusstseins, anstatt dieser flüssigen Kugel der Gegenwart. Auch wenn du hundert Millionen Augäpfel nimmst, die in eine Richtung blicken, so würden sie keine Form sehen.

Deduktiv – induktiv

Ebenso ist es mit den Ohren, da das Fleisch, die Haut, die Kanäle, Sehnen, das Blut, die Lymphe und Höhlungen ihre eigenen Bezeichnungen haben und nicht die Bezeichnung ‚Ohr’ haben, was wird dann Ohr genannt? Wenn du sagst, etwas wird deshalb Ohr genannt, weil es Klänge hört, dann untersuche, ob das, was die ganze Zeit über und nach diesem Leben, während des Träumens und während des Wachens Klänge hört, das Ohr ist. Indem du das machst, wirst du entdecken, dass das Bewusstsein des Geistes es ist, das hört und nicht die Form des vorhandenen Ohres. Auch wenn unzählige Ohren in der Hand halten würdest, so würden sie keine Klänge hören. Das ist der Fall, da das Ohr ursprünglich nicht existiert.
Durch das Erforschen und Analysieren des Begriffs und der wahren Zeichen der Nase entdeckst du gleichfalls, dass das Fleisch, die Knochen, das Blut, die Lymphe, die Kanäle, Sehnen und Höhlungen alle ihre eigenen verschiedenen Bezeichnungen haben, somit existieren sie nicht als die Nase, noch bestehen sie in ihrer Ansammlung.
Wenn du meinst, dass das, was Gerüche wahrnimmt, die Nase genannt wird und dass Gerüche von dieser Öffnung gespürt werden, dann bedenke, dass diese Öffnung im Traumzustand noch in anderen Leben benötigt wird. Bewusstsein im Zwischenzustand nimmt genauso Gerüche wahr. Wenn daher das Geistbewusstsein keine Nase hätte, dann hätte die Nase gewiss kein objektives Dasein.
Ebenso wird die Zunge nicht durch irgendwelche einzelnen Bestandteile aus Fleisch, Blut, Haut, Kanälen und Sehnen begründet, noch ergibt sich die Bezeichnung Zunge aus deren Zusammenkunft Wenn du versicherst, dass dies, was Geschmäcker erfährt, die Zunge ist, dann erforsche, ob diese Zunge, die im Traumzustand, im Zwischenzustand und in anderen Leben Geschmäcker erfährt oder nicht und dann wirst du es wissen.
Durch das Erforschen des sogenannten Körpers hinsichtlich Haut, Fett, Fleisch, Blut, Knochenmark, Knochen und allen Kanälen und Sehnen wirst du herausfinden, dass der Körper nicht festgelegt werden kann. Wenn sie alle auf winzig kleine Teile reduziert werden und zu einem Klumpen geformt werden, dann wäre das nicht der Körper. Wenn du sagst, dass das, was die taktilen Eindrücke erfährt, als Körper bezeichnet wird, dann überprüfe: wer erfährt die taktilen Eindrücke in einem Traum und im Zwischenzustand? Indem du das machst, bestimmst du, dass es das Geistbewusstsein selbst ist. Da also der Begriff des Körpers auf den Geist nicht angewendet werden kann, existiert der Körper nicht.
Ferner durch das Erforschen des Ortes des sogenannten Armes, so ist die Schulter nicht der Arm, noch ist es der Oberarm, der Unterarm oder die Handfläche und die Finger des Armes, also sage ich: ‚Ermittle, was der Arm ist und sag es mir.’ Du sagst vielleicht, dass dasjenige, das die Funktionen des Armes ausführt, der Arm genannt wird. Aber dann überprüfe, ob es das ist, was als ein Arm erscheint und die Funktionen eines Armes in einem Traum ausführt und ob es alles ist, das als solches im Zwischenzustand erscheint. Wenn du das machst, wirst du entdecken, dass es das nicht ist. Vielmehr wirst du feststellen, dass sie bloße Erscheinungen des Geistes sind, somit ist der Arm als solches nicht begründet, außer als etwas dem Geist zugeordnetes.
Darüberhinaus durch das Überprüfen der Schulter, dass das Fleisch nicht die Schulter ist, auch nicht die Knochen, Kanäle und Sehnen. Sie besteht nicht in irgendeiner dieser einzelnen Komponenten und sie ist auch nicht die Ansammlung der Teilchen, auf die man sie reduzieren kann, selbst wenn du sie befeuchten und dann zu einem Klumpen formen würdest. Genauso wird durch das sorgfältige Erforschen aller Gelenke nachgewiesen, dass die Basis der Bereitstellung dieser Bezeichnung keine objektive Existenz hat.

Grundlage der Bezeichnung

drift-wood-482653_1920Außerdem worauf beziehst du den Namen für die Erscheinung eines menschlichen Wesens da drüben? Der Kopf ist nicht ein Mensch. Die fünf Sinnesfähigkeiten sind nicht ein Mensch. Die Bezeichnung Mensch wird nicht im Fleisch, Blut, den Knochen, Knochenmark, den Kanälen, den Sehnen, den größeren und kleineren Gliedern oder im Bewusstsein gefunden. Was ist ebenso die Grundlage für die Bezeichnung eines Hauses? Die Erde ist nicht das Haus, auch beim Stein lässt sich der Name für ein Haus nicht verwenden, nur für den Stein selbst. Die Bezeichnung Haus lässt sich nicht auf Säulen, Dachsparren, Balken oder den Boden anwenden und auch wenn man sie alle zusammen nimmt, ist die Bezeichnung Haus nicht gerechtfertigt. In Bezug auf einen Tasse beispielsweise, ist das Äußere nicht die Tasse, noch ist es das Innere, noch ist es ihr Ausguss oder ihr Boden und das Holz ist keine Tasse. Weder sind es die einzelnen Bestandteile, noch existiert ihre Zusammenkunft objektiv als Grundlage für die Benennung. Auch ist das bei einem sogenannten Berg. Die Erde ist nicht der Berg, noch sind es die Steine, das Gras oder die Bäume. Und ihre Anordnung ist auch kein Berg. Somit ist der Name Berg leer.
Um die Grundlage einer Bezeichnung für einen einzelnen Stock zu überprüfen, so ist seine Spitze einfach eine Spitze und nicht ein Stock. Sein Boden ist nichts anderes als sein Boden, das Holz ist nichts anderes als das Holz, seine verbrannte Asche ist nichts anderes als Asche und seine Teilchen am Boden sind einfach Teilchen und kein Stock. Sogar also diese Bezeichnung kann sich nun ohne jegliche objektive Existenz auflösen.
Wisse, dass Erde, Wasser, Feuer und Luft im Bereich der groben Teilchen, der winzigen Teilchen oder der teilchenlosen winzigen Teilchen nicht existieren. Was alle möglichen Bezeichnungen angeht, so ist eine Illusion nichtexistent und nicht viel mehr als die bloße Bezeichnung Illusion; eine Fata Morgana ist nichtexistent und nicht viel mehr als eine bloße Kennzeichnung; ein Traum ist nichtexistent und ist nicht viel mehr als eine bloße Benennung; eine Spiegelung ist nichtexistent und nichts anderes als eine bloße Etikettierung; eine Stadt der Gandharvas ist nichtexistent und ist nicht viel mehr als eine Benenntung; ein Echo hat keine objektive Existenz abgesehen von seiner bloßen Bezeichnung als Echo; der Mond im Wasser ist nichts anderes als die bloßen Worte von Mond im Wasser; eine Wasserblase ist nichts anderes außer dem bloßen Wort Wasserblase; eine optische Täuschung hat keine objektive Existenz abgesehen von seiner Bezeichnung; und eine magische Erscheinung hat keine Existenz abgesehen von der bloßen Äußerung ihres Namens. Genauso wie die Äußerungen der Klänge dieser Namen sind alle Grundlagen der Bezeichnung für die geäußerten Namen und Worte für alle möglichen erscheinenden Phänomene nichtexistent und sie sind Leerheit, die nicht festgestellt werden kann. Erkenne, dass Leerheit keine objektive Existenz hat und Leerheit in der Weite des Raumes gänzlich endet. Das ist der praktische Rat.“

Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt von Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014)

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