Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. Juni 2020

Gelübde im Dharma

Wie früher bemerkt, hat das Bodhisattva-Gelübde zwei Hauptlinien. Die Linie des Nagarjuna kam von Buddha zu Manjushri und dann zu Nagarjuna und die Linie des Asanga ging vom Buddha zu Maitreya und dann zu Asanga. Diese Linien kamen dann später über die Mahayana-Meister des alten Indiens nach Tibet.

Tantras verschiedenster Art erschienen in der Welt und kamen auch über zahlreiche Linien nach Tibet. Aber die Haupttantras des Mahayoga und des Anuyoga der Nyingma gingen von Samantabhadra aus dem Dharmakaya zu den Buddhas der fünf Familien des Sambhogakaya, den drei Bodhisattvas, den fünf Klassen der Wesen und König Dza von Oddiyana dem ersten menschlichen Empfänger. Später brachten Vimalamitra, Guru Padmasambhava und Nub Sangye Yeshe sie nach Tibet. Nyingthig Tantras, die innersten Lehren des Atiyoga, kamen von Samantabhadra als Dharmakaya zu den friedvollen und zornvollen Gottheiten, dann zu Vajradhara, Vajrasattva, Vajrapani und Garab Dorje, dem ersten menschlichen Empfänger. Später brachten Vimalamitra und Padmasambhava sie nach Tibet.

Die Gelübde bewahren: Es ist wichtig, jede Regel der drei Gelübde zu lernen, so wie in „Gewissheit über die drei Gelübde erlangen“ erklärt wird und sie dementsprechend einzuhalten. Jedoch aufgrund der Grenzen von Wissen, Zeit, Atmosphäre, Widmung und Energie kann es für viele schwierig sein, sie einzuhalten. Ich möchte den Rat von H.H. Dodrupchen Rinpoche zitieren, den er am Ende der Ermächtigung des Nyingthig Yabzhi 1989 im Tempel des Mahasiddha Nyingmapa-Zentrums von Massachusetts gegeben hat. Er sagte:

„Es ist schwierig, die Namen der Gelübde zu erlernen, geschweige denn sie einzuhalten. Daher solltet ihr euch zumindest darum bemühen, gütig zu den Menschen zu sein, speziell zu jenen, die euch nahe sind wie Freunde und Verwandte, Dharma-Geschwister und Nachbarn. Versucht, ihnen kein Leid zu bereiten. Seid respektvoll zu ihnen, da alle in ihrer wahren Natur erleuchtet sind. Dann geht ihr auf einfache Weise dazu über, die Pratimoksha-Gelübde des Nicht-Quälens anderer zu erfüllen, dann die Bodhisattva-Gelübde, andere zu lieben und dann das tantrische Gelübde der reinen Wahrnehmung.“

Die Gelübde erneuern: Nachdem wir die Gelübde genommen haben, müssen wir lernen, wie man jeden Verfall und Bruch der Gelübde wieder repariert, da wir zweifellos das erreichen, dass dies so geschehen wird. Andernfalls wird es wie ein Sprengstoff in der Hand einer geistesgestörten Person sein. Jedes der drei Gelübde hat seine eigene Methode der Reinigung. Da jedoch die Praktizierenden des Vajrayana tantrische Praktizierende sind, ist es passend, eine tantrische Methode der Reinigung zu verwenden, da sie machtvoller ist und die Fehler bereinigt, die auf jeder dieser Gelübdekategorien begangen wurden. Vielen von uns ist die Reinigung durch die Rezitation von Vajrasattva vertraut. Sie ist auch eine der mächtigsten Methoden der Bereinigung. Diese Reinigung muss mit den „vier Kräften“ praktiziert werden. Die „Kraft der Quelle“ der Macht der Reinigung ist das völlige Vertrauen auf Vajrasattva mit überzeugtem Glauben, hingebungsvoller Wärme und einsgerichteter Konzentration. Man sollte Vajrasattva als die Verkörperung der Macht der Reinigung aller Buddhas ansehen, der die vollkommene Weisheit, unendliche Macht und unendliches Mitgefühl besitzt. Die „Kraft des aufrichtigen Bedauerns“ ist das starke Gefühl der Reue für die Fehler, die man begangen hat, wissentlich oder unwissentlich, so als ob man Gift zu sich genommen hätte. Die „Kraft des Versprechens“, den Fehler nicht mehr zu begehen, ist der Entschluss aus der Tiefe des eigenen Herzens, dass man nun, und koste es auch das eigene Leben, man solch einen Fehler nicht wieder begehen wird. Wenn wir starkes, aufrichtiges Bedauern haben und den Entschluss, die Fehler nicht wieder zu begehen, wie die Bremsen und Steuerung beim Autofahren, dann werden wir nach und nach die Richtung unseres Lebens ändern. Die „Kraft der Reinigung“ ist die eigentliche Rezitation und Meditation von Vajrasattva. Man sollte Vajrasattva und Gefährtin über der Krone des eigenen Scheitels visualisieren und die Gebete und Mantras mit Vertrauen und Hingabe wiederholen und man sollte um ihren Segen beten, der die Macht der Reinigung ist. Man sollte Hingabe und Offenheit und das Mitgefühl und die Kraft von Vajrasattva und seiner Gefährtin empfinden. Dann wird als Ergebnis die Reinigungskraft vom Körper Vajrasattvas in Form eines Nektarstromes herabkommen, alle Unreinheiten von Körper, Rede und Geist von uns wegwaschen, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Seid euch sicher, dass ihr dann frei von allen Befleckungen seid. Schließlich füllt euren Körper mit Nektar und dem Gefühl des Friedens, der Glückseligkeit und Offenheit, der Segenskraft von Vajrasattva an. Bekenntnis und Bereinigung sind nicht nur ein Akt, dass man es einer Person, auch wenn es der Lama wäre, sagen würden: „ich hasse dich“ oder „ich hasse dich nicht“, sondern es ist die Meditation und das Erleben der vier Kräfte, die aus der Tiefe des eigenen Herzens erfahren wird.

Die Vorzüge des Einhaltens der Gelübde: Das Erlangen von Glück und Erleuchtung ist das Aufrechterhalten der Gelübde. Erinnert euch, dass das Aufrechterhalten eines Gelübdes eine starke Verpflichtung ist, nur mit passenden und heilsamen Taten zu leben und das Abstandnehmen von falschen und bösen Taten ist. Auf diese Weise werden wir gutes Karma schaffen oder im Falle von Tantra, reines Samaya, und das wird in Glück, Weisheit und Buddhaschaft münden, der Quelle der Freude für alle. Ngari Panchen Pema Wangyal schreibt:

Dann wird man spontan die Ziele für einen selbst und andere erlangen.


Aus „Perfect Conduct“ von Dudjom Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. Juni 2020

A spiritual advice for dharma practitioners

(by Kyabje Jadral Sangye Dorje Rinpoche)

The following is an excerpt from the teachings of Kyabje Jadral Rinpoche as spiritual advice for Dharma practitioners given at Salburi Monastery in Siliguri (India) on 26 December 2000.

It is an auspicious day today as it is the first month in the Tibetan year. You have all come from afar with a sense of Dharma and a spiritual intention. Thank you for your offering to Nyungne Temple. I will give a little advice that comes directly from the Buddha’s teachings.

Observe the actions

Please always remember how important it is to know exactly what to accept in your life and what to let stay. There are the ten wholesome actions and there are the ten unwholesome actions. Of course, we should try and do our best to do all ten wholesome actions. Among the ten unwholesome deeds, the worst of all is killing and the wrong views. As it is said: „There is no worse action than taking someone else’s life, of the ten unwholesome actions, the wrong view is the most serious. So please refrain from any act of killing, even the smallest insect. If at all possible, also refrain from eating meat and become a vegetarian. If someone cannot do this all the time, then at least refrain from eating meat on the three important days of each month, the 8th, 15th and 30th.

Also hold back on drinking [alcohol] and smoking, especially smoking, as this makes Phowa – the transmission of consciousness – ineffective.

Right View

Since a wrong view, (which includes the two extreme wrong views of the belief in eternity and the belief in nothingness) is the most serious one, be very careful with it as well.

In this age of decline, the effects of our actions are very powerful, whether positive or negative. Therefore, the suffering of people in this world is increasing because many people are committing unwholesome deeds. Try to give them all up and instead do only wholesome actions at all. For most sangha members it is extremely important that we hold on to our own vows and rules.

If offerings made by the faithful of the sangha are misused, it will lead to huge weaknesses and bad karma for those who do it. So always be very careful in your own actions!

In all good or bad actions, intention is the most important factor that determines whether they are positive or negative, serious or minor. In the same way, the motivation with which you hear the sacred Dharma is most important. So what makes an action good or bad? Not what it looks like, not whether it is big or small, but the good or bad motivation behind it.

In The Sutra of the Wise and the Stupid, it says, „Do not recklessly commit small misdeeds because you think they do not harm. Even a tiny spark of fire can ignite a haystack.“ Therefore, do not underestimate the smallest evil by believing it will not do much harm. In the same way, even the smallest wholesome deeds bring great benefit.

State of mind

So if we have a negative mind then we will have the three poisons (that is desire, hate and ignorance) and the five poisons of desire (desire craving, attachment etc.), hate (anger, aversion etc.), ignorance (confusion, ferocity etc.), jealousy and pride, along with the 84,000 negative emotions associated with them. With this negative mind, we will then continue to perform negative actions, which eventually only lead us to the lower realms.

There is a verse from Jowo Atisha that says, „To be kind to those who have come from far away, to those who have been ill for a long time, or to our own parents in old age, is equivalent to meditating on emptiness, of which compassion is the real essence.“ It is extremely important to look inside and change your motivation. If you can correct your mindset, then skillful means will work through your positive actions and you will set out on the path of the great beings. Whether or not your motivation is pure will have a great impact on the final outcome of your practice. So it is said that „pure mind is the land of the path of the bodhisattvas.“ And that’s why your daily life will be good too. If as your mind is good, then your path and the land you walk on will be good. On the other hand, if your mind is bad, your path and the land you walk on will be bad. The mind is the only one that produces good and bad. So always check your mind. If your mind is positive then be happy and do more and more good. If your thoughts are negative, confess them immediately, regret and be ashamed that you still have such thoughts in the face of all the teachings you have received. So look carefully at your mind. Be careful and alert all the time.

The Teachings of Buddha

We should therefore remember the following important words: „Do not commit any negative deeds, always do virtuous things, tame your mind.That is the Buddha’s doctrine.“ If you can completely renounce these unwholesome deeds, then you will close the gates to the lower realms and you can then attain the precious human birth. You will be able to encounter the sacred Dharma and be accepted by a spiritual friend. Then your veils will be removed and then in the future you will be reborn either in Buddha Amitabha’s pure Land of Great Bliss, or in the Potala – the Buddha Field of Avalokiteshvara – or in Guru Padmasambhava’s Palace of Lotus Light in the Buddha Field of Copper Mountain (Zangdog Pal Ri). They will hold you with their compassion and accept you as their disciples, so that they will eventually lead you to complete liberation and enlightenment, with the qualities of the ten powers, the four kinds of fearlessness, etc.

In the face of many sufferings today, such as new kinds of diseases, wars, people who are sick all their lives and those who die suddenly, the most important thing is to pray to the Three Jewels with a pure heart. Then all your prayers will be heard and answered and all your wishes will be fulfilled.

Mantrayana

The Mantrayana can be entered through many entrances. It includes many methods of accumulating merit and wisdom, and skillful means to manifest the potential within us without having to undergo great effort. The basis for these methods is the way we direct our aspirations.

Everything is impermanent and depends entirely on one’s own aspirations. The flawless path is on our way that we use the foundation of our own Buddha nature, the support for our precious human life, the fact of having a spiritual friend and the method of following his advice. In this way we can become Buddhas in the future. All this will of course start from our own application of the three sacred acts: 1) developing Bodhicitta at the beginning; 2) doing the main practice free from conceptualization, i.e. with the nature of emptiness; and 3) dedicating the merits to the attainment of Buddhahood for all sentient beings at the end. Furthermore, we must do all these things daily. Otherwise, you will feel sick and tired, and then you will have many obstacles. So to avoid this, be both consistent and persevering in your practice of sacred Dharma every day. Thank you very much!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Juni 2020

Bodhisattva-Gelübde

Das Gelübde der Bodhisattvas (Anhänger der Erleuchtung) betont hauptsächlich das Einhalten von Bodhicitta oder dem Geist der Erleuchtung. Bodhicitta ist die Geisteshaltung des Übernehmens der Verantwortung, allen Wesen Glück zu bringen und sie zur Erleuchtung zu führen, mit Liebe und Mitgefühl, frei von jedem Rückstand eines selbstbezogenen Interesses, sowie dies in die Praxis zu bringen.[1] Hier nehmen wir nicht nur Abstand davon, anderen zu schaden, sondern wir widmen uns auch im Dienst an anderen.

Das Bodhisattva-Gelübde hat drei große Abschnitte. Der erste ist das „Aufgeben von leidbringenden Taten“, was wiederum zwei Traditionen hat. Gemäß der Tradition des Nagarjuna gibt es achtzehn Hauptregeln, die einzuhalten sind. Entsprechend der Tradition des Asanga gibt es bei den Gelübden des wünschenden Bodhicitta vier allgemeine Vorschriften, damit man die Gelübde nicht verliert und acht Regeln, damit man sie nicht vergisst. Beim Gelübde des angewandten Bodhicitta gibt es vier Wurzelverfehlungen und vierundsechzig kleine Fehler, die man vermeiden sollte.

Der zweite Abschnitt ist das „Ansammeln von heilsamen Taten“. Das ist das Training in den sechs Vollkommenheiten: Freigiebigkeit, ethische Disziplin, Geduld, Fleiß, Sammlung und Weisheit.

Der dritte Abschnitt ist „der Dienst an anderen“. Das ist die Praxis der vier Mittel zum Versammeln oder andere zum Dharma zu bringen. Diese vier sind die Praxis von Großzügigkeit, freundlicher Rede, andere durch den bedeutungsvollen Pfad des Dharma zu führen und selbst auf dem Pfad bleiben.

Gemäß Longchen Rabjam[2] ist das Gelübde für das Bodhicitta des Strebens, die Kontemplation der vier unermesslichen Geisteshaltungen: Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Das Gelübde des Bodhicitta der Praxis ist, sich in den sechs Vollkommenheiten zu üben.

Das Bodhisattva-Gelübde sollte so lange aufrechterhalten werden, bis man Erleuchtung erlangt. Falls wir Bodhicitta nicht aufgeben, dann wird es in uns auch bei Tod und Geburt, Leid und Freude verbleiben. Seine Kraft des Verdienstes vermehrt sich in uns, sogar im Schlaf oder bei Ablenkung, so wie Bäume auch in der Dunkelheit der Nacht wachsen. Hier könnten Menschen ein Problem mit der Vorstellung haben, die Gelübde auch nach dem Tode aufrecht zu halten. Entsprechend des Buddhismus werden uns körperliche Merkmale wie Körper, Reichtum und Freunde nicht in unser nächstes Leben folgen, aber geistige Gewohnheiten, Überzeugungen, Stärken und Bestrebungen – zusammen mit ihren Auswirkungen, ihrem Karma – werden bei uns bleiben, bis sie gereift oder zerstört sind. Wenn wir also machtvolle Bestrebungen und Anstrengungen machen, dann werden die Gelübde bei uns bleiben und den Verlauf unserer zukünftigen Leben gestalten.

Das Bodhisattva-Gelübde ist viel schwieriger einzuhalten als das Gelübde des Pratimoksha, da  seine Hauptdisziplin im Bewahren der rechten Geisteshaltung und dem rechten Verständnis besteht, während es subtil und schwierig zu kontrollieren ist. Jedoch ist es viel mächtiger und segensreicher, weil wenn wir Bodhicitta in unserem Geist haben, dann können wir niemandem etwas zu leide tun und können nur von Nutzen sein. Das ist keine Frage von Vermeiden geistiger Störungen oder ihrer Quellen, sondern eine Angelegenheit sie zu zerstören oder zu neutralisieren. Beispielsweise eine mitfühlende Haltung befriedet Ärger, das Erblicken der vergänglichen Natur der phänomenalen Existenz mindert Begierde und das Erkennen der Verursachung und/oder dem Fehlen eines „Selbst“ beendet Unwissenheit. Wenn ein Schüler mit wahrem Bodhicitta-Gewahrsein außergewöhnlich intelligent und fleißig, voller Energie und Begeisterung und völlig offen und wertschätzend ist, dann ist er oder sie geeignet, die Disziplinen des Tantra zu betreten und diese noch mehr zu betonen.


[1]                Kommentare des sDom-gSum rNam-Nges von Tulku Tsultrim Zangpo, Seite 695 und von Dzogchen Khenpo Yönen Gyatso, Seite 84a/5-6

[2]                Siehe Sems-Nyid Ngal-gSo von Longchen Rabjam, Seite 33b/5


Aus „Perfect Conduct“ von Dudjom Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 13. Juni 2020

Kostbare menschliche Geburt

Wir beginnen den Prozess der Entwicklung einer spirituellen Perspektive, indem wir die kostbare Gelegenheit in Betracht ziehen, eine vollwertige menschliche Geburt als Arbeitsgrundlage für die spirituelle Entwicklung zu haben. Unser Körper kann mit einem Boot verglichen werden, unser Geist mit seinem Kapitän. Wenn wir sie gut gebrauchen, können wir die verräterischen Strömungen der zyklischen Existenz zu den Ufern der absoluten Wahrheit durchqueren. Diese kostbare Gelegenheit zu haben und sie nicht zu nutzen, stellt eine große Verschwendung dar – so als wären wir zu einer Insel der wunscherfüllenden Juwelen gereist und hätten keine mitgebracht. Welches Bedauern würden wir empfinden!

Eine solche Geburt stellt den Höhepunkt großer Tugend und des inbrünstigen Strebens nach spiritueller Praxis dar. Das bedeutet nicht, dass es ihr an Schwierigkeiten oder Frustration mangelt. Wir müssen Geburt, Krankheit, Alter und Tod ertragen, und oft können wir nicht bekommen, was wir wollen, oder vermeiden, was wir nicht wollen, oder behalten, was wir haben. Dennoch genießen wir achtzehn Freiheiten und günstige Bedingungen, zusammengefasst durch den tibetischen Begriff dal jordal, der sich auf die Freiheit von acht ungünstigen Bedingungen bezieht, jor auf die Ausstattung mit zehn günstigen Bedingungen.

Mit den acht Freiheiten ausgestattet zu sein, bedeutet, frei von Umständen zu sein, die eine Verbindung mit dem Dharma fast unmöglich machen. Dazu gehören die Freiheit von der Wiedergeburt als Höllenwesen, beraubter Geist oder Tier, die überwältigendes Leiden mit sich bringt; die Wiedergeburt unter den langlebigen Göttern, die uns mit unwiderstehlichen Sinnesfreuden (in den unteren Götterbereichen) und lustvollen Bewusstseinszuständen (in den oberen Götterbereichen) verführt; die Wiedergeburt in einer bösartigen Kultur, die Gewalt und Böses sanktioniert und uns vom heiligen Dharma abschneidet; Wiedergeburt mit falschen Ansichten, die uns veranlassen, das, was heilig und heilsam ist, herabzusetzen und das zu genießen, was schädlich ist; Wiedergeburt in einem dunklen Zeitalter, in dem sich kein Buddha manifestiert und uns eines spirituellen Pfades beraubt; und schließlich Wiedergeburt mit körperlichen und geistigen Behinderungen, die so schwerwiegend sind, dass wir die Lehren nicht hören oder verstehen können.

Die zehn günstigen Bedingungen fallen in zwei Kategorien. Die erste umfasst Bedingungen, die der persönlichen Situation entsprechen: als Mensch geboren zu werden, an einem Ort zu leben, wo das Dharma zu finden ist, alle seine Fähigkeiten zu besitzen, von abscheulichen Verbrechen Abstand genommen zu haben (z.B. einen Buddha zu verletzen, ein Elternteil zu töten oder eine größere Spaltung in der Sangha zu verursachen) und Vertrauen in die moralische Lehre des Buddha als Grundlage aller positiven Eigenschaften zu haben. Die zweite Kategorie umfasst Bedingungen, die den allgemeinen Kontext definieren, in dem spirituelle Entwicklung stattfinden kann: das Erscheinen eines Buddhas in der Welt, die Lehre der Lehre, die beständige Qualität der Lehre, die Möglichkeit, die Lehren zu praktizieren, und die Anwesenheit von Lehrern, deren altruistisches Mitgefühl und Liebe die spirituellen Bestrebungen unterstützen.

Die extreme Schwierigkeit, im Menschenreich eine Wiedergeburt zu finden, die mit allen Freiheiten und günstigen Bedingungen voll ausgestattet ist, wird durch bestimmte Metaphern angedeutet. Zum Beispiel soll die Zahl der Höllenwesen im Verhältnis zu den Menschen so groß sein wie die Zahl der Schmutzpartikel auf dieser Erde im Vergleich zu den Schmutzpartikeln unter einem Fingernagel. Die Zahl der Menschen, denen Spiritualität gleichgültig ist, im Verhältnis zu denen, die sie suchen, wird verglichen mit der Vielzahl der Nachtsterne im Vergleich zu der Seltenheit der Tagessterne, und unter den spirituell Suchenden sind diejenigen, die ernsthaft praktizieren, noch viel seltener.

Eine andere Art und Weise, über die Schwierigkeit, eine menschliche Wiedergeburt zu finden, nachzudenken, beinhaltet das Bild vom gesamten Universum als einem riesigen Ozean. Auf der Oberfläche dieses Ozeans schwimmt ein Joch, das von den Winden und Strömungen geworfen wird, und in den Tiefen dieses Ozeans schwimmt eine blinde Meeresschildkröte, die nur einmal in einem Jahrhundert auftaucht. Die Chance, eine menschliche Wiedergeburt zu finden, ist gleich der Wahrscheinlichkeit, dass die blinde Meeresschildkröte, die nach hundert Jahren wieder auftaucht, ihren Kopf durch das Joch in den universellen Ozean steckt.

Westler glauben oft, dass man als Mensch eine Wiedergeburt nach der anderen erlebt, und sie neigen dazu, ihr vergangenes Leben als eine faszinierende Reihe von Abenteuern zu betrachten, die sich der Erinnerung entziehen. Tatsächlich aber haben wir alle unendlich viele Arten von Wiedergeburten seit dem anfangslosen Beginn unserer Existenz erlebt, jede von ihnen ein exaktes Abbild unseres Karmas und nur wenige von ihnen als menschliche Wesen.

Unser Körper stellt eine zusammengesetzte Einheit dar, die beim Tod zu Staub zerfällt. Der Geist ist substanzlos, hat aber eine kraftvolle Kontinuität. Sowohl seine unveränderliche Natur als auch seine karmischen Tendenzen setzen sich durch Zyklen von Tod und Wiedergeburt fort. Wir brauchen nur die Gedanken, die in unserem Geist auftauchen, zu überblicken, um zu erkennen, dass nur ein Bruchteil von ihnen von der Art ist, die das glückliche Karma zur Erlangung einer voll begabten menschlichen Geburt erzeugt. Die meisten Gedanken sind mit Anhaftung und Abneigung befleckt. Selbst subtile Geistesgifte können eine glücksverheißende Wiedergeburt untergraben, aber die schlimmsten Gedanken, jene, die von gewalttätigem Hass erfüllt sind, können uns zur Wiedergeburt in der Hölle treiben.

Patrul Rinpoche verstand klar die subtile Verbindung zwischen Gedanken, Karma und Wiedergeburt. Er lebte ein einfaches, asketisches Leben, reiste oft umher, nahm nie viel mit und hörte den Belehrungen vieler Lamas zu. Manchmal hatten diese Lamas keine Ahnung, dass der demütige Mönch, der ihren Reden so aufmerksam zuhörte, der berühmte Gelehrte Patrul Rinpoche war, weil er seinen Namen nicht verkündete oder seinen Status als einer der am meisten verehrten Lamas seiner Generation zur Schau stellte.

Eines Tages blieb er auf einer Wiese stehen. Als er sich ausruhte und den blauen Himmel über ihm und den Blumenteppich, der das Land bedeckte, genoss, dachte er: „Wie schön es doch ist“. Im nächsten Augenblick fügte er hinzu: „Möge ich hier nicht wiedergeboren werden.“ Später erklärte er, dass das Festhalten an seiner Schönheit zur Wiedergeburt an diesem Ort geführt haben könnte, möglicherweise als Tier, vielleicht sogar als Insekt, da es keine menschlichen Bewohner gab.

Wenn wir seine Kostbarkeit zutiefst in Betracht ziehen, werden wir inspiriert sein, unsere menschliche Geburt mit ihrem unübertroffenen Potenzial zur Erleuchtung zu nutzen. Es als selbstverständlich anzusehen, wird Anlass zu unermesslichem Leid geben. Wir müssen unseren Geist in der verbleibenden Zeit schulen und ungezähmte Gedanken wegräumen, bevor sie sich in die unzähligen Formen des Samsara ausbreiten.

Anweisungen zur Meditation

Denke zunächst darüber nach, wie wichtig es ist, eine kostbare menschliche Geburt zu haben, die mit allen für die spirituelle Praxis notwendigen Freiheiten und Bedingungen ausgestattet ist. Wie selten! Wie unsicher ist es, dass du sie wiederfinden wirst, da der Geist dich leicht in einen nichtmenschlichen Bereich oder in eine menschliche Geburt ohne vollständige Begabung führen könnte. Denke darüber nach, wie groß deine Tugend und dein Streben zuvor gewesen sein müssen, damit du diese gegenwärtigen glücklichen Umstände zusammengebracht hast. Denke darüber nach, bis die außergewöhnliche Gelegenheit, die dieses Leben bietet und die nicht als selbstverständlich hingenommen oder vergeudet werden darf, klar ersichtlich wird. Dann erlaube dem Geist, in natürlicher, nichtkonzeptueller Meditation zu ruhen.

Wenn Gedanken aufkommen, lenke sie auf das Mitgefühl. Denke an diejenigen, die in niederen Reichen leiden und kaum die Möglichkeit haben, eine menschliche Wiedergeburt zu erlangen, weil dichte Verdunkelungen sie daran hindern, Verdienste zu erzeugen. Denke an diejenigen, die einen menschlichen Körper haben, aber nicht mit Bedingungen ausgestattet sind, die der spirituellen Entwicklung förderlich sind. Denke an diejenigen, die eine menschliche Geburt erlangen, diese aber für weltliche Bestrebungen vergeuden oder ihre Chance zerstören, indem sie anderen schaden. Denke daran, dass selbst für Praktizierende die Amtszeit in diesem Leben so ungewiss bleibt wie die einer Kerzenflamme im Wind. Wenn die Kontemplation zu dem tiefsitzenden Wunsch führt, dass alle Wesen Befreiung von geistig verarmten Umständen finden, dann entspanne den Geist.

Wenn Gedanken aufkommen, bete zum Lama als der Verkörperung der Buddhas und Bodhisattvas der zehn Richtungen. Bete, dass dieses wunscherfüllende Juwel der menschlichen Geburt nicht unwiederbringlich in den Ozean von Samsara geworfen wird, sondern dass es stattdessen gut genutzt wird, um Verdienste zu schaffen und die Anerkennung der wahren Natur des Geistes zu erlangen. Bete, dass diejenigen, die in anderen Reichen leiden, menschliche Wiedergeburt finden mögen, dass diejenigen Menschen, die nicht mit spirituellen Bedingungen ausgestattet sind, sie finden mögen, dass diejenigen, die das Glück haben, mit spirituellen Bedingungen ausgestattet zu sein, ihre höchsten Bestrebungen erfüllen können. Bete, dass Sie die Kraft erlangen, ihnen zu helfen. Dann ruhen dich aus.

Und schließlich, wenn die Gedanken wieder einmal auftauchen, lenke sie auf Engagement. Denke: „In meinen vergangenen Leben hatte ich insgesamt unzählige Körper, von denen ich jeden einzelnen geliebt, genährt und verteidigt habe. Wenn all ihre Leichen aufgetürmt würden, würden sie einen Berg von der Größe von Meru bilden. Das Blut, das durch diese Körper raste, die Tränen, die aus Frustration vergossen wurden, würden einen riesigen Ozean bilden. Doch zu diesen Lebzeiten gelang es mir nicht, Erleuchtung zu erlangen. Jetzt, durch die Anhäufung all meiner Verdienste, habe ich diese eine außergewöhnliche Geburt erreicht. Das werde ich gut nutzen, zum größten Nutzen aller fühlenden Wesen.“Dann, wiederum, ruht der Geist in ungekünstelter Meditation.


Aus den Erklärungen zu den grundlegenden Übungen (Ngondro) von Chagdud Khadro (Jane Tromge). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Juni 2020

Suche nach einem spirituellen Lehrer

Die Freiheiten und Möglichkeiten des Lebens nutzen

Bei der Annäherung an die Lehre des Buddha, der Quelle allen Glücks und Wohlergehens, finde zuerst einen spirituellen Führer und folge ihm dann.

Die Quelle unseres gegenwärtigen und dauerhaften Glücks und Wohlergehens ist die kostbare Lehre des Buddha. Nur seinen Namen zu hören, ist selten, wie viel mehr noch, ihm zu begegnen. Jetzt, da die Lehre des Buddha in dieser Welt bekannt ist und man ein Mensch ist, dessen Leben voller Muße und Begabungen ist, sollte man diese Gelegenheit nicht verpassen, denn ein solches Leben ist wie ein Juwel, das Wünsche erfüllt.  Um das Leben fruchtbar zu machen, sollte man, wenn man sich [der Lehre] weise nähern, zuerst nach einem qualifizierten spirituellen Führer suchen und dann seiner oder ihrer Führung unfehlbar folgen.

Die Suche nach einem Meister umfasst drei vorbereitende Schritte: Der erste [ist das Nachdenken über die Einzigartigkeit der Lehre des Buddha], wie in Verwobenes Lob (skt., Mishrakastotra; tib., spel mar bstod pa) [von Matricheta und Dignaga]beschrieben:

[Ihre Doktrin ist] der einzige Weg, der leicht zu betreten ist. Sie gewährt die Vormachtstellung und hat keinen Makel. Günstig am Anfang, in der Mitte und am Ende: Niemand hat eine Doktrin wie die Eure gelehrt!

Die Lehre des Buddha ist der einzige Weg zur Befreiung. Leicht zu betreten, gewährt sie nichts anderes als die höchste Errungenschaft. [Die Lehre des Buddha] ist [als Gegenmittel] gegen Anhaftung und andere [Gefühle] makellos. Sie ist vorteilhaft, weil alle Stadien [seiner Praxis] – zuerst das Zuhören, dann das Nachdenken und schließlich das Ausführen einer lebendigen Erfahrung – zum Keim für die Erlangung höherer Ebenen der Existenz und Befreiung werden. Aus diesen Gründen stellt die Lehre des Buddha in jeder Hinsicht die Quelle allen Glücks und Wohlbefindens dar. Diese Merkmale finden sich nicht in den Lehren anderer Lehrer, wie z.B. der des Sehers Kapila, sondern sind ausschließlich in den Lehren des Buddha zu finden. Dementsprechend hat der Bodhisattva Shantideva (skt., Bodhisattvacaryavatara; tib., byang chub sems dpa’i spyod pa la ’jug pa) dieses Gebet verfasst:

Möge die Doktrin, das einzige Heilmittel für Leiden und die Quelle allen Glücks, unterstützt und geehrt werden und lange ausharren!

Der zweite [Schritt ist die Wertschätzung des kostbaren menschlichen Lebens.] Die Wiedervereinigung von Vater und Sohn (skt., Pitaputrasamagamanasutra; tib., yab dang sras mjal ba’i mdo) heißt es in der Schrift:

Nachdem sie alle acht Fesseln des Lebens gemieden und die wunderbaren Begabungen als so selten empfunden haben, um die Weisen zu gewinnen, die zum Glauben an die Lehre des Freudigen gekommen sind, wenden sie sich der richtigen spirituellen Praxis zu.

Nur wenn wir an die Lehre des Buddha glauben und ihr folgen, können wir unser menschliches Leben, das voller Muße und Begabungen ist, in vollem Umfang nutzen.

Der dritte Schritt [ist die Berücksichtigung der Notwendigkeit eines spirituellen Führers]. In der Transzendenten Weisheit in achttausend Zeilen (skt., Ashṭasahasrikaprajnaparamita; tib., ’phags pa shes rab kyi pha rol tu phyin pa brgyad stong pa) heißt es:

Ein Bodhisattva, ein großes Wesen, das das endgültige, authentische und vollkommene Erwachen erreichen möchte, sollte sich zuerst spirituellen Führern nähern, mit ihnen arbeiten und sie ehren.

Nach welcher Art von spirituellem Führer sollte man suchen? In der Sammlung der Spontanen Äußerung (skt., Udanavarga; tib., ched du brjod pa’i tshoms) heißt es:

Da man, wenn man sich auf einen Unterlegenen verlässt, sich zurückentwickelt, auf einen Gleichen, stagniert, und auf einen Überlegenen, sich auszeichnet, sollte man mit einem spirituellen Führer in Kontakt bleiben, der einem überlegen ist.

Wir werden keine heilsamen Qualitäten entwickeln, wenn wir mit einem spirituellen Führer zusammenarbeiten, der uns in den Bereichen Ethik, Wissen und meditativen Fähigkeiten usw. unterlegen ist. [Im Gegenteil, die Beziehung] wird sich in vielerlei Hinsicht als schädlich erweisen und wir werden Rückschritte machen. Wenn der geistige Führer ein Gleicher mit ähnlichen Fähigkeiten wie wir ist, werden wir stagnieren und weder Fortschritte noch Rückschritte machen. Wenn der geistige Führer Qualitäten hat, die unseren überlegen sind, können wir überragend sein und das angestrebte höchste Ziel erreichen. Deshalb sollten wir immer in der Nähe eines Menschen bleiben, der uns selbst überlegen ist, eines spirituell fortgeschrittenen Meisters. In derselben Schriftstelle heißt es:

Wenn man mit einem Meister studiert, der einem in Ethik, kontemplativer Ruhe und Weisheit weit überlegen ist, kann man ihn sogar übertreffen.

Die Notwendigkeit, mit einem spirituellen Führer zu arbeiten

Die Notwendigkeit eines Leitfadens lässt sich aus der Schrift, der Logik und aus Gleichnissen ermitteln

Die Notwendigkeit, mit einem spirituellen Führer zu arbeiten, kann mittels 1) Schriften; 2) Logik; und 3) Gleichnissen bestimmt werden.

Schriften

Es gibt unzählige schriftliche Hinweise auf die Notwendigkeit der Arbeit mit einem spirituellen Führer. In der Verdichteten Transzendenten Weisheitsschrift von Sutra und Mantra (tib., mdo sngags gsung rab rgya mtsho’i snying po mtshan gzungs mang bsdus) heißt es:

Wenn man sich der Lehre des Buddha, der Quelle allen Glücks und Wohlergehens, nähert, sollte man zunächst einen spirituellen Führer finden und ihm dann folgen.

Im Blumengirlanden-Sutra (skt., Gandhavyuha-Sutra; tib., sdong po bkod pa’i mdo) heißt es:

Oh Kind der universalen Familie, all deine tugendhaften Eigenschaften gehen von deinem geistigen Führer aus. Nur wenn du Verdienste und Weisheit über Äonen hinweg kultiviert hast, kannst du ihm begegnen und von ihm Anweisungen erhalten. Andernfalls kann es sich als schwieriger erweisen, einem spirituellen Führer zu begegnen, als auf den seltensten aller Edelsteine zu stoßen. Werde deshalb nie müde, deinen spirituellen Führer zu ehren.

Logik

Da ein Schüler den Wunsch hat, den Zustand eines allwissenden Buddhas zu erlangen, ist die Grundvoraussetzung, dass er oder sie mit einem spirituellen Führer zusammenarbeiten muss. Der Grund dafür ist, dass der Einzelne nicht weiß, wie er Verdienste und Weisheit kultivieren oder Verdunkelungen beseitigen kann. Beispiele, die mit diesem Beweis übereinstimmen, sind die Erleuchteten der drei Zeiten. Das Umgekehrte kann durch Pratyekabuddhas und andere Beispiele veranschaulicht werden.

Gleichnisse

Viele Gleichnisse veranschaulichen [die Notwendigkeit eines spirituellen Führers]. Zum Beispiel heißt es in der Biographie von Shri Sambhava (tib., dpal ’byung gi rnam thar):

Spirituelle Lehrer sind wie Führer, weil sie uns auf den Pfad der Vollkommenheit führen.

In der Biografie des Laien-Praktizierenden Achala (tib., dge bsnyen ma mi yo ba’i rnam thar) heißt es:

Spirituelle Führer sind wie Begleiter, weil sie uns in den Zustand der Allwissenheit geleiten.

Das Blumengirlanden-Sutra sagt aus:

Spirituelle Führer sind wie Fährleute, weil sie uns über den Fluss des zyklischen Lebens tragen.

Aus dem Kap. 1 des Treasury of Knowledge (tib., shes bya mdzod) von Jamgon Kongtrul. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Mai 2020

Bewusstseinsmodi in den Pfad bringen

Die sechs Ansammlungen in den Pfad bringen

Wenn wir in formeller Meditation sitzen, sollten wir die Nyam-Shag-Meditation [Meditation des Gleichmuts] praktizieren. Wenn wir uns aus dieser Meditation erheben und gehen, bleiben, essen und mit anderen sprechen, wenn Unglück oder Glück entsteht, sollten wir uns darin üben, „die sechs Modi [des Bewusstseins] in den Pfad bringen“.

Die Sinne entstehen aus dem Bewusstsein und durch diese Sinne nehmen wir ein Objekt wahr. Dieses Objekt entsteht jedoch auch aus dem Bewusstsein, welches das Subjekt ist. Eine Ansammlung ist die Verbindung von Objekt, Sinnen und Bewusstsein. Gefühle wie Hass, Zorn, Verlangen, Stolz, Eifersucht usw. sind allesamt Leidenschaften. Sie entstehen, wenn wir Objekte wahrnehmen, und durch diese Leidenschaften schaffen wir Karma.

Wenn zum Beispiel ein Mann eine schöne Frau sieht und sich in sie verliebt, ist die Frau das Objekt, und die Sinne und das Bewusstsein, die die Frau wahrnehmen, sind das Subjekt. Wenn der Mann keine Sinne hätte, könnte er die Frau nicht wahrnehmen. Ohne Augen könnte er keine Form sehen. Aber selbst mit Augen, wenn er kein Bewusstsein hätte, könnte er immer noch kein Objekt wahrnehmen. Um wahrnehmen zu können, braucht man alle drei zusammen: Objekt, Sinne und Bewusstsein; und die Verbindung dieser drei wird als Ansammlung bezeichnet.

Wenn ein Mann eine schöne Frau wahrnimmt und das Verlangen in ihm aufsteigt, möchte er mit ihr Liebe machen. Wenn diese Frau ihn aber nicht mag, oder wenn sie ihn mag, aber ein anderer Mann sie liebt, dann entsteht in ihm Zorn. Wenn sich diese Frau entscheidet, mit einem anderen Mann zu gehen, dann entsteht Eifersucht. Wenn er denkt, dass er diesen anderen Mann besiegen, diese Frau für sich gewinnen und sie kontrollieren muss, dann entsteht Stolz. Wenn er in der Lage ist, diese Frau für sich zu gewinnen und bei ihr bleibt, dann entsteht ständig Angst, weil er fürchtet, sie zu verlieren, und das ist Gier. Alle diese fünf Leidenschaften entstehen aus Unwissenheit, die die Grundlage aller Leidenschaften ist. Diese fünf Leidenschaften bilden zusammen mit der Unwissenheit die „sechs Leidenschaften“. Dieses Beispiel gilt auch für Frauen, die schöne Männer wahrnehmen, denn alle diese Leidenschaften entstehen auf die gleiche Weise.

Je nach Wunsch entsteht Wut; je nach Wut entsteht Eifersucht; je nach Eifersucht entsteht Stolz; je nach Stolz entsteht Gier; und all diese Leidenschaften entstehen aus Unwissenheit und sind von Unwissenheit durchdrungen.

Wegen dieser Leidenschaften machen wir uns viele Gewohnheiten. Die Art und Weise, wie Gewohnheiten gebildet werden, lässt sich erklären, indem man mit dem Beispiel der schönen Frau fortfährt. Den ganzen Tag lang entstehen die sechs Leidenschaften beim Mann, weil er mit der Frau als Objekt seiner Leidenschaften zu tun hat. In allem, was er tut, sagt und an sie denkt, entstehen Begehren, Eifersucht und die anderen Leidenschaften. Dann träumt er nachts von ihr, und er träumt, dass er sie liebt, dass er wütend oder eifersüchtig ist und so weiter; und so bilden sich seine Gewohnheiten heraus. Alle Handlungen, Reden und Gedanken der sechs Leidenschaften, mit denen er sich tagsüber beschäftigt, kommen nachts in seinen Träumen zu ihm und formen seine Gewohnheiten. Diese Gewohnheiten werden immer stärker und stärker und werden von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Leben zu Leben weitergegeben. Jede Erfahrung oder jedes Karma entsteht aus diesen Gewohnheiten, und diese Gewohnheiten entstehen aus den sechs Leidenschaften.

Ein entgegengesetztes Beispiel für entstehende Leidenschaften ist das Beispiel eines Menschen, der seinen Feind sieht. Zunächst lässt der Anblick seines Feindes Hass entstehen. Aus diesem Hass erwächst der Gedanke, dass er diesen Feind besiegen und siegreich werden muss, was Stolz ist. Aus diesem Stolz erwächst die Hoffnung oder der Wunsch, Erfolg zu haben. Aus dem Verlangen erwächst die Gier, immer an diesem Erfolg festhalten zu wollen. Aus dieser Gier erwächst die Eifersucht, zu denken, dass ein anderer größer werden wird, als er ist. Alle diese fünf Leidenschaften entstehen aus Unwissenheit, wie im vorhergehenden Beispiel.

Diese Leidenschaften entstehen auf die gleiche Weise durch alle Sinne: durch das Hören von unangenehmen oder angenehmen Geräuschen, Tadel oder Lob; durch das Riechen von schlechten oder guten Gerüchen; durch das Schmecken von unappetitlichen oder köstlichen Geschmacksrichtungen; durch das Berühren von rauen oder weichen Oberflächen; durch das Sehen von hässlichen oder schönen Formen; und durch das Erleben von unglücklichen oder glücklichen Gefühlen. Der sechste Sinn ist der Sinn des Bewusstseins; obwohl jeder der anderen Sinne unterschiedlich wahrnimmt, funktioniert der Sinn des Bewusstseins, der weiß, dass er in allen von ihnen funktioniert. Das Bewusstsein ist wie ein Affe in einem Haus mit fünf Fenstern, die den fünf Sinnen gleichen. Wenn der Affe im Haus herumspringt und sich schnell von Fenster zu Fenster bewegt, mag es so aussehen, als gäbe es viele Affen im Haus, aber in Wirklichkeit gibt es nur einen Affen.

Das Zusammentreffen des Objekts, des Sinnesorgans und des Bewusstseins jedes der sechs Sinne wird als die sechs Modi des Bewusstseins bezeichnet (tib., rnam shes tshogs drug). Alle Menschen haben die sechs Bewusstseinsaspekte. Aus diesen Aspekten entsteht Saṃsara, und alle Menschen wandern wegen dieser Aspekte in Samsara umher.

Wie bringen wir diese sechs Aspekte in den Pfad zur Befreiung?

Um mit dem Beispiel der schönen Frau fortzufahren, wenn der Wunsch beim Anblick einer schönen Frau aufkommt, wenn der Mann diese Meditation praktiziert, Um mit dem Beispiel der schönen Frau fortzufahren: Wenn beim Anblick einer schönen Frau Begehren entsteht, sollte der Mann, wenn er diese Meditation praktiziert, dieses Begehren nicht unterdrücken, sondern es einfach loslassen und zusehen, um zu sehen, was das Wesen des Begehrens ist. Es gibt keine Substanz oder Wurzel dieses Begehrens; es gibt keinen Ort, an dem dieses Begehren wohnt, so dass dieses Begehren automatisch verschwindet. Wenn dieses Begehren verschwindet, verschwindet das Objekt des Begehrens automatisch mit ihm. Da es kein Begehren gibt, entsteht auch kein Zorn. Genauso wenig gibt es Eifersucht, Stolz oder Gier, weil das Objekt dieser Leidenschaften verschwunden ist. Das Objekt dieser Leidenschaften hat sich in das Subjekt oder Bewusstsein aufgelöst, und das Bewusstsein löst sich in die Dharmadhatu auf. Da es keine der fünf Leidenschaften mehr gibt, ist die Unwissenheit verschwunden, und das ist Befreiung.

Wenn eine der sechs Ansammlungen aus unserem Hör-, Riech-, Geschmackssinn usw. entsteht, sollten wir sie nicht verdrängen, sondern sie in unserer Meditation verwenden. So wie das Verlangen oder der Hass durch diese Praxis, die sechs Modi in den Pfad zu bringen, verschwinden, so werden auch Eifersucht, Stolz und Gier verschwinden. Wann immer eine Leidenschaft aus der Wahrnehmung eines Objekts dieser Leidenschaft entsteht, wenn wir sie praktizieren, wird diese Leidenschaft verschwinden und das Objekt der Leidenschaft wird mit ihr verschwinden. Dies ist die Praxis, die als „die sechs Modi [des Bewusstseins] in den Pfad zur Befreiung bringen“ bezeichnet wird. Wenn man diese Methode praktizieren kann, dann wird der Nutzen umso größer sein, je mehr die Leidenschaften entstehen. Da unser Geist immer mit den Leidenschaften vermischt ist, können wir, wenn die Leidenschaften stark aufsteigen, ein größeres Verständnis für den Zustand unseres Geistes haben. Wenn wir diese Methode jedoch nicht praktizieren können, werden wir, wenn die Leidenschaften stark aufsteigen, nur starkes Karma erzeugen.

Befreiung bedeutet Freiheit von den Fesseln von Samsara. Diese Bindungen sind die Leidenschaften, die uns fesseln und uns dazu bringen, endlos in Samsara umherzuwandern. Freiheit entsteht durch die Praxis, die Leidenschaften zu nutzen und uns von dem Karma dieser Leidenschaften zu befreien. Dies ist die Selbstbefreiung der sechs Modi.

Wenn wir uns hinsetzen, um Meditation zu praktizieren, sollten wir darüber meditieren, den Geist im Gleichmut zu belassen und wir sollten die Freiheit von den fünf Skandhas praktizieren. Wenn wir unsere formale Meditation verlassen und die täglichen Aktivitäten wie Essen, Schlafen, Gehen usw. weiterführen, sollten wir uns darin üben, „die sechs Modi auf dem Pfad zur Befreiung zu tragen“.


Aus „A Small Golden Key“, von Dungse Thinley Norbu Rinpoche verfasst. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Mai 2020

Das Gesetz des Karma

Der karmische Prozess im Allgemeinen

Es besteht absolut kein Zweifel, dass wir, wenn wir sterben, dorthin gehen müssen, wohin wir getrieben werden. Wie Fische, die an einem Haken hängen, sind wir in die Fäden unseres Karmas eingebunden und werden in den einen oder anderen der sechs Bereiche gezogen, ob hoch oder niedrig. Das ist nichts anderes als die Wirkung von Handlungen, ob positiv oder negativ. Es stimmt zwar, dass es letztlich keinen Ursprung gibt, aber auf der Ebene der relativen Wahrheit ist das karmische Prinzip von Ursache und Wirkung unausweichlich. Es ist wie bei einem Gärtner, der zwei Arten von Samen pflanzt, die bittere Aloe oder die süße Traube. Die daraus resultierenden Pflanzen werden einen entsprechenden Geschmack haben. In gleicher Weise ist die existenzielle Qualität unseres gegenwärtigen Lebens, ob mit oder ohne Glück, nur das Produkt von positiven oder negativen Handlungen, an die wir uns in unseren früheren Existenzen gewöhnt haben.

Handlungen verfehlen nie ihre Wirkung

Der Schatten eines am Himmel schwebenden Vogels mag vorübergehend unsichtbar sein, aber er ist immer noch da und wird immer erscheinen, wenn der Vogel auf die Erde kommt. In gleicher Weise kommt Karma zur Entfaltung und führt zu einer günstigen oder ungünstigen Lebenssituation, wenn die begleitenden Ursachen mit den Faktoren Begierde und Festhalten zusammenfallen. Wie es im Sutra heißt: „Das Karma, das Lebewesen sammeln, wird auch nach hundert Kalpas nie abgenutzt. Wenn der Moment gekommen ist und sich die entsprechenden Bedingungen sammeln, wird die Frucht des Handelns zur Reife kommen“.

Der karmische Prozess ist unwiderstehlich

Solange die Phänomene als wirklich existent wahrgenommen werden, können selbst kleine negative Handlungen immense Folgen haben. Sie werden im Wurzelvers mit einer monströsen feuerspeienden Stute verglichen – eine Anspielung auf die Vulkane, die den Ozean aus Sole am Rande der Welt umschließen. Das Feuer dieser Vulkane ist in der Lage, die unzähligen Wellen des Meeres auszutrocknen, die hier glückliche Inkarnationen, die Frucht positiven Handelns, symbolisieren. Es ist wichtig, Sutras wie das Saddharmasmasmrityupasthana, Karmashataka, Lalitavistara und Karmavibhanga zu studieren, denn sie beschreiben, wie unsere menschliche Existenz, die wie ein Schiff ist, mit dem wir zur kostbaren Insel der Allwissenheit segeln können, zerstört und in den völligen Ruin getrieben werden kann.

Die Folgen böser Taten, nämlich die niederen Reiche, die so voll schrecklichem und unausweichlichem Elend sind, werden im Ursprungstext so beschrieben, dass sie unsere Stärke, unsere Armee von zehn „zum Glück neigenden Tugenden“ – mit anderen Worten, unsere glückliche Existenz in höheren Staaten – im Moment nicht überwältigen konnten. Diese Tugenden sind wie Helden, deren Land noch nicht von den Legionen des Leidens überrannt ist. Und doch werden wir, wenn unsere Entschlossenheit nachlässt, in die zehn bösen Handlungen und von dort aus in niedrigere Existenzen fallen. Es gibt viele Möglichkeiten, wie dies geschehen könnte. Einige Menschen, die nach Befreiung streben, erhalten von ihren Äbten oder Lehrmeistern das Gelübde der reinen Disziplin. Aber durch Begierde oder andere böse Gedanken in Versuchung geführt, brechen sie ihre Verpflichtungen und fallen, besiegt in ihrer klösterlichen Entschlossenheit. Wiederum töten manche Menschen Tiere um des Gewinns willen und verkürzen dadurch ihr eigenes Leben. Einige ziehen aus Aggression in den Krieg, nur um selbst getötet zu werden. Einige, von Tugend beseelt, wenden sich einer asketischen Disziplin zu und werden sogar gegenüber Nahrung und Kleidung gleichgültig. Aber später, als Opfer ihrer Begierde, lassen sie sich im Eheleben nieder. Einige widmen sich mit großer Mühe dem Studium und der Reflexion, aber sie können sich nicht von den acht weltlichen Angelegenheiten befreien und lassen sich von weltlichen Sorgen mitreißen. Manche, anstatt ihren Reichtum den Drei Juwelen darzubringen, verschwenden ihn an ihre Verwandten oder vergeuden ihn in Gerichtsverfahren.

Im Großen und Ganzen sind ein moralisches Gewissen in Bezug auf sich selbst und seine religiösen Werte sowie ein Schamgefühl in Bezug auf die Meinung anderer zwei Faktoren, die zusammenwirken, um böses Verhalten zu bremsen. Manche Menschen geben jedoch sowohl ihr Gewissen als auch ihr Schamgefühl auf. Sie missachten tugendhaftes Verhalten und frönen auf die eine oder andere Weise dem Bösen, indem sie Gewohnheiten nachgeben, an die sie sich von Anfang an gewöhnt haben. Auf diese Weise fallen die Menschen in die niederen Gefilde und bleiben dort.

Karmische Wirkungen sind nicht von einer Geistesströmung auf eine andere übertragbar.

Der Täter (Verursacher) einer Handlung ist immer derjenige, der ihre karmischen Folgen erlebt. In jedem Fall wird man bei sorgfältiger Prüfung feststellen, dass negative Handlungen, die im Namen anderer, sei es im Namen der Drei Juwelen, im Namen von Verwandten, Freunden oder Angehörigen oder zur Verteidigung des eigenen Landes begangen werden, egozentrischen Motiven entspringen. Daher wird schwerwiegendes negatives Verhalten, wie z.B. Aggression, die durch eine böse Absicht motiviert ist, immer auf den Täter reifen, nicht auf diejenigen, in deren Namen die Handlung ausgeführt wird. Letztere werden von der Negativität des Täters unberührt bleiben, der sich, wie der Grundtext sagt, in das Böse stürzt und den Elefanten der Bosheit aus dem hemmenden Harnisch der Selbstbeherrschung befreit – ein Bild, das zur Veranschaulichung des Ausmaßes des Bösen benutzt wird.

Aus dem „Schatzhaus der kostbaren Qualitäten. Bd. 1“ (Treasury of Precious Qualities: Book One) von Jigme Lingpa mit einem Kommentar von Kangyur Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Mai 2020

Das Gesetz des Karma, der menschliche Zustand und die Erlösung

Dennoch sollten wir einen Blick darauf werfen, was die buddhistische Tradition tatsächlich in Bezug auf Gott sagt. Evans-Wentz seinerseits fährt mit dem Schreiben fort:

Diese yogische Abhandlung [die Übersetzung, die wir hier haben] , wie das Evangelium des Hl. Johannes, lehrt, dass man nur in sich selbst schauen muss, um die Wahrheit zu finden … die alte Lehre, dass das Universum das Produkt des Denkens ist, dass Brahma das Universum denkt und dass es, wenn man darüber meditiert, den Meditierenden zu der Erkenntnis führen wird, dass die einzige Realität der Geist ist, der Eine Geist, von dem alle mikrokosmischen Geister im ganzen Kosmos illusorische Teile sind, dass alles Vorstellbare im Grunde genommen Idee und Gedanke sind und somit die Nachkommen des Geistes. … [Was] das samsarische Wesen, das Traumprodukt des Einen Geistes, betrifft, so ist seine illusorische Realität völlig relativ; wenn der Eine Geist die Schöpfung nicht länger aufrechterhält, hört seine Schöpfung auf zu sein… Im wahren Zustand des Einen Geistes hat das pluralistische Universum keine Existenz….

Wie wir bereits gesagt haben, kann die buddhistische Sichtweise als nicht-theistisch beschrieben werden. Sie behauptet nicht, dass Gott, hier Brahma genannt, denkt oder auf andere Weise das Universum als seinen Schöpfer ins Dasein ruft, oder dass sein Denken seine Existenz aufrechterhält, oder dass seine Schöpfung, das Universum, aufhört zu existieren, wenn er aufhört zu denken (oder zu träumen oder zu atmen, je nach Fall). Im Gegenteil, nach den buddhistischen Lehren, die sowohl in den Sutras als auch in den Tantras zu finden sind, ist unser Universum das Gesamtergebnis der Handlungen aller fühlenden Wesen, die unser Universum bewohnen, in ihrem vergangenen Leben. Wenn die Welt einer Gruppe von fühlenden Wesen, wie z.B. der menschlichen Rasse, auf dieselbe Weise erscheint, dann deshalb, weil alle Mitglieder dieser Gruppe eine gemeinsame karmische Vision (las snang) teilen, d.h. eine bestimmte Art und Weise, Dinge wahrzunehmen, die durch eine karmische Ursache bestimmt sind. Auf die erste Frage im Katechismus, „Wer hat die Welt gemacht?“, antworten die buddhistischen Lehren ohne Zögern: „Es ist das Karma, das die Welt gemacht hat“.

Was ist der Ursprung unseres gegenwärtigen Zustands? Er ist als Ergebnis der Handlungen entstanden, die wir in unseren früheren Leben begangen haben. Dies ist bekannt als das Prinzip des Karma (las), ein Wort aus dem Sanskrit, das wörtlich „Handlung“ bedeutet; aber in diesem Zusammenhang impliziert es auch die Wirkungen, Ergebnisse oder Früchte (Skt. phala) unserer Handlungen (las rgyu ‚bras-bu). Es wird gesagt, dass ihre Folgen unserem Handeln ebenso unvermeidlich folgen wie der Schatten dem Körper. Die Ursachen und Folgen von Karma sind eines der Hauptthemen für Reflexion und Meditation während der vorbereitenden Übungen für Vajrayana Buddhismus. Dieses Prinzip des Karma ist grundlegend für die buddhistische Sicht des Lebens auf allen Ebenen. Was als falsche Sicht (Skt. mithya-drishti) bezeichnet wird, bedeutet in erster Linie, diese Lehre über Karma zu leugnen. In der Tat wird das gesamte Universum mit all seiner Vielfalt sowohl in Bezug auf die physische Umgebung als auch auf die Lebewesen in Form von Karma erklärt. Gemäß der Abhidharmakosha wird „die ganze Vielfalt der Welt durch Karma erzeugt“. Nochmals, wie es in der Mahakarunapundarika steht: „Die Welt wird durch Karma erschaffen; Lebewesen sind das Ergebnis von Karma und stammen aus ihm als Quelle; sie werden von ihm in Typen und Zustände unterteilt“. Und im Karmashataka Sutra heißt es: „Handlungen sind von unterschiedlicher Art, und durch sie sind die verschiedenen Arten der Existenz geschaffen worden.“

Zum Beispiel sprechen die buddhistischen Lehren konventionell von den sechs Schicksalen der Wiedergeburt (’gro-ba drug). Die drei höheren Schicksale sind die der Devas oder Götter, der Asuras oder Titanen (die Gegner der Götter sind, ihnen aber ansonsten recht ähnlich sind) und der Menschen. Die niederen oder elenden Schicksale sind die Wiedergeburt unter den Tieren, unter den Pretas oder hungrigen ruhelosen Geistern und unter den Bewohnern der Hölle.

Wie finden wir uns in einem dieser Schicksale wiedergeboren? Als Ergebnis unserer Handlungen in früheren Leben wird unser Bewusstseinsstrom von einer bestimmten Leidenschaft beherrscht, und so findet sich unser Bewusstsein mit der Wiedergeburt in einem Raum oder einer Situation wieder, die im Sinne dieser vorherrschenden Leidenschaft strukturiert ist. Zum Beispiel wird ein Mörder, der jemanden tötet, oder ein Krieger, der beruflich tötet, feststellen, dass sein Bewusstseinsstrom von seinen Gedanken des Hasses und der Wut, die mit seinen Handlungen in der Vergangenheit verbunden sind, durchdrungen und völlig beherrscht wird. Nach dem Tod wird er sich in einer Erfahrung der Hölle wiedergeboren finden, gequält von großer Hitze oder großer Kälte in einem überaus engen Raum. Dieser Raum, den wir Hölle nennen, wurde für sein Bewusstsein durch seine gewohnten Gedanken von Hass und Zorn geschaffen. Aber wenn die Energie dieser Anhäufung von Karma, die durch seine wütenden, hasserfüllten Gedanken und aggressiven Gewalttaten geschaffen wurde, erschöpft ist, dann wird er sich an anderer Stelle wiedergeboren wiederfinden, je nachdem, welche anderen unbewussten Neigungen unter der Oberfläche seines Bewusstseinsstroms existieren.

In gleicher Weise schaffen die Neigungen zu Gier, Begierde, Verlangen und Anhaftung eine öde wüstenähnliche Landschaft ständig frustrierter Wünsche, in der man auf der Suche nach Befriedigung fruchtlos umherirrt wie ein Preta, ein Geist, der ständig von unstillbarem Hunger und Durst heimgesucht wird.

Die Neigungen zu Täuschung, Verwirrung, Fassungslosigkeit und Dummheit führen zur Wiedergeburt im Tierreich, wo die eigene Existenz ständig von unwiderstehlichen Instinkten und der Furcht davor, von anderen in der Wildnis getötet und gefressen zu werden, oder von der Knechtschaft gegenüber der Menschheit beherrscht wird.

Die Neigung zu Eifersucht und Neid schafft die Existenz der mächtigen, ruhelosen Titanen, die als Asuras bekannt sind, wo man ständig ohne Ruhe in Krieg, Kampf und Streitigkeiten verwickelt ist.

Die Neigungen zu Stolz, Arroganz und Egozentrik führen dazu, dass man unter den Devas oder Göttern des Reichs der sinnlichen Begierde wiedergeboren wird, wo man in einem himmlischen Paradies eine sehr angenehme tagtraumähnliche Existenz genießt.

Die Wiedergeburt als Asura oder Deva zu erlangen, erfordert auch eine Menge verdienstvolles Karma und nicht nur Gedanken des Neids oder Stolzes. Aber die Gedanken von Neid und Stolz bestimmen, auf welche Weise sich diese Existenzzustände manifestieren. Sie sind schließlich Bewusstseinszustände. Aber selbst in diesen entzückenden Deva-Reichen erfährt man Leid, weil die Devas über Vorwissen oder Vorahnung verfügen; und so erleiden sie die Vorkenntnis ihres bevorstehenden Todes und ihrer zukünftigen Wiedergeburt anderswo unter weit weniger angenehmen Umständen. Daher ist die andere Seite des Stolzes der Deva Angst und Furcht. Das Vorhandensein aller fünf Leidenschaften oder Neigungen gleichzeitig und in mehr oder weniger gleichem Maße führt einen wieder in die menschliche Wiedergeburt.

Auf seine Weise nutzte der Buddha die zu seiner Zeit aktuelle indische Mythologie, um die verschiedenen psychologischen Dimensionen zu veranschaulichen, die durch die Leidenschaften und die daraus folgenden Handlungen von Stimme und Körper entstehen. Und in der Tat können all diese verschiedenen Schicksale, die durch die Vorherrschaft der einen oder anderen dieser Leidenschaften im Bewusstseinsstrom entstehen, im menschlichen Dasein hier und jetzt gefunden werden. Es ist daher nicht notwendig, auf ein zukünftiges Leben zu blicken, um uns in einer Dimension wiederzufinden, die durch eine dieser Leidenschaften oder Obsessionen geschaffen wurde. Da jedoch im Sinne der traditionellen Kosmologie alle diese oben erwähnten Wesenstypen (höllische, geisterhafte, tierische, titanische, göttliche oder menschliche Wesen, die grobstoffliche Körper oder Körper aus subtilerer Materie besitzen) von ihren Sinneswünschen beherrscht werden, werden die Dimensionen ihrer Existenz kollektiv als die Kamadhatu oder die Begierdewelt bezeichnet. Über dieser Wunschwelt liegen die Ebenen einer rein mentalen Existenz in sehr subtilen Lichtkörpern. Diese Ebenen sind kollektiv als die Rupadhatu oder die Formwelt bekannt. Darüber hinaus, da sie keine besonderen Orte im Raum haben, sondern sich überall in unserem Universum erstrecken, sind die Ebenen des kosmischen Bewusstseins bekannt als Arupadhatu oder die Formlose Welt. In ihrer Gesamtheit umfassen diese drei Welten, die Tridhatu, Samsara, den anfangslosen Zyklus von Tod und Wiedergeburt.

Aber wie wird dieses Karma von einem Leben zum anderen übertragen? Wie kann das, was wir in einem früheren Leben getan haben, uns in diesem gegenwärtigen Leben beeinflussen, insbesondere im Hinblick auf die bekannte buddhistische Lehre von Anatman, dass es kein ewiges oder bleibendes Selbst in Personen gibt? Das Prinzip, um das es hier geht, ist ein wechselseitig bedingtes Entstehen: ein Ereignis tritt ein und darauf folgt ein weiteres Ereignis, das vom Auftreten des ersten abhängig ist, und so weiter bis ins Unendliche. Die Energie, die durch unsere Handlungen erzeugt und in unserem Bewusstseinsstrom gespeichert wird, kann in einem einzigen Leben nicht vollständig ausgeschöpft werden, und so führt dies zur Entstehung von Erfahrungen in zukünftigen Leben.

Wir können von diesem Prozess in einer eher psychologischen Weise sprechen, indem wir das organische Modell übernehmen, das in der Yogachara-Schule verwendet wird. Obwohl es keine bleibende, unveränderliche Entität oder Substanz namens „das Selbst“ gibt, gibt es dennoch einen vijnana-santana oder „Bewusstseinsstrom“, einen unaufhörlichen Fluss von Bewusstseinszuständen. Dieser Bewusstseinsstrom fließt durch viele verschiedene Lebenszeiten wie ein Fluss, der durch viele verschiedene Landschaften fließt; es ist immer derselbe Fluss, und doch verändert er sich von Augenblick zu Augenblick. Die Oberfläche des Flusses mit seinen ständig wechselnden Wellen und Wirbeln stellt den gewöhnlichen Wachzustand des Bewusstseins dar; aber es gibt auch große Tiefen im Fluss weit unter der Oberfläche und tief fließende Strömungen, die normalerweise nicht sichtbar sind. Diese Kontinuität des Flusses in den Tiefen wird als Alaya (kun gzhi), „das Fundament von allem“, bezeichnet und ist normalerweise als Ganzes ziemlich unbewusst. Wenn aber sein Inhalt auf das Bewusstsein einwirkt, sprechen wir von alaya-vijnana oder „Speicherbewusstsein“. In Analogie zu einem Behältnis werden in Alaya die Spuren oder Resterinnerungen all unserer vergangenen Handlungen karmischer Natur hinterlegt. Diese Rückstände oder Spuren sind als vasnas (bag-chags) bekannt. Ursprünglich bezeichnete dieser Begriff eine Spur von etwas, wie z.B. den Restduft, der in einem Raum zurückbleibt, wenn eine schöne Dame, die Parfüm trägt, ihn durchquert hat. Die Rückstände unserer Handlungen werden in zukunftsträchtiger Form in der Alaya deponiert, so wie ein Gärtner im Herbst seine Samen in die dunkle Humuserde pflanzen könnte in der Erwartung, dass sie im Frühjahr keimen und sprießen würden. Auf dieselbe Weise wird der karmische Samen keimen und sprießen, wenn die erforderlichen sekundären Ursachen in einem zukünftigen Leben vorhanden sind, und sich im Bewusstsein als ein unerklärlicher Impuls oder samskara, als ein Wunsch oder eine Leidenschaft oder ein Gefühl oder eine Idee oder eine Wahrnehmung manifestieren. Auf diese Weise wird unser psychisches Leben von samskaras oder „karmischen Formationen“ beherrscht, und als Ergebnis dieser Impulse treten wir in Aktion und damit wieder in die Transmigration ein.

Die Lehren, die eine umfassende Analyse des Karma und seiner Funktionsweise aus der Sicht der Sutras enthalten, finden sich in einer Sammlung von Abhandlungen, die kollektiv als Abhidharma bekannt sind und die die Sutras ergänzen. Gemäß diesen Abhidharma-Lehren lassen sich unsere Handlungen in drei Typen einteilen. Erstens gibt es diejenigen Handlungen, die heilsam oder tugendhaft (dge-ba) oder verdienstvoll (bsod-nams) sind. Dies sind Handlungen, die im Allgemeinen zu einer glücklichen Wiedergeburt in der Wunschwelt führen, sei es unter den Göttern oder unter den Menschen. Und unter solchen gesunden und verdienstvollen Handlungen werden diejenigen der Großzügigkeit und des Nichtschadens anderer hervorgehoben. In den Sutras finden sich viele Beispiele von Einzelpersonen, die in ihrem zukünftigen Leben die Früchte ihrer vergangenen großzügigen und hilfreichen Taten ernten konnten. Zum Beispiel praktizierte der Brahman Krika in prähistorischen Zeiten so extravagante Taten der Großzügigkeit und des Nutzens für andere, dass er als Ergebnis des großen verdienstvollen Karmas, das er angesammelt hatte, im Himmel als der Gott Indra wiedergeboren wurde.

Zweitens gibt es Handlungen, die ungesund oder nicht tugendhaft (mid dge-ba) oder nicht verdienstvoll (bsod-nams ma yin-pa) sind. Dies sind Handlungen, die im Allgemeinen zu einer unglücklichen Wiedergeburt innerhalb der drei bösen Schicksale führen, d.h. zu einer Wiedergeburt unter den Tieren, den Pretas oder den Bewohnern der Hölle. Unter diesen nicht-tugendhaften oder bösartigen Handlungen werden Töten, Stehlen und Vergewaltigen als die schlimmsten angesehen. Traditionell sprechen wir von den zehn falschen Taten (mi dge-ba bcu), d.h. von den drei falschen Taten – Leben nehmen, stehlen und vergewaltigen -, von den vier falschen Taten – Lügen, Verleumdung, harte Worte und Tratsch – und von den drei falschen Taten – begehrliche Gedanken, böser Wille und falsche Ansichten. Wie wir bereits gesagt haben, bestehen falsche Ansichten in erster Linie in der Leugnung der Existenz des Gesetzes des Karma und in der Leugnung der Wirksamkeit der Drei Juwelen für die Erlösung. Damit eine dieser falschen Taten zu einem Karma-Pfad wird, der unweigerlich und unweigerlich zur Wiedergeburt in den bösen Schicksalen führt, muss die Handlung vorher überlegt, tatsächlich begangen, erfolgreich ausgeführt und danach nicht bereut oder bereut werden. Auch hier finden sich in den Sutras viele Beispiele für die Folgen solcher unheilvollen Handlungen.

Schließlich gibt es Handlungen, die von unbestimmter Natur sind und als aninjya-karma (mi gyo-ba’i las) bekannt sind. Hier ist die Rede von der Erlangung verschiedener Konzentrationsstufen in der Meditationspraxis und der daraus folgenden Wiedergeburt in die entsprechenden Zustände der Absorption auf den höheren geistigen Ebenen der Formwelt und der formlosen Welt.


Aus „Self-liberation through seeing with Naked Awareness“, von John M. Reynolds (Lama Vajranatha). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Mai 2020

Befreiung durch Hören

Befreiung durch Hören: Eine Erläuterung der Phänomene des Zwischenzustandes.

von Minling Terchen Gyurme Dorje

OM SWASTI. In Hingabe verbeuge ich mich vor demjenigen, dessen mitfühlendes Sonnenlicht die Dunkelheit der Angst vertreibt und der die Wesen auf dem großen Weg zur Befreiung führt.

Hier werde ich kurz die Phänomene des Bardos erklären.

Hier kannst du auf der Grundlage eines beliebigen Mandala-Rituals praktizieren, das die in der Schlinge des Herrn des Todes gefangenen Wesen vor den Schrecken der niederen Reiche schützt.  Wenn man solche Praktiken mit einer verwandten Erklärung der Phänomene des Bardos erweitert, dann tut dies mit der Motivation eines grenzenlos großen Mitgefühls für alle Wesen im Allgemeinen und besonders für alle Wesen dieser Welt, die von euren besonderen Fokus-Objekten geleitet werden. Nehmt euch die nötige Zeit und rezitiert die folgenden Worte des Textes langsam:

Kye! Sohn oder Tochter einer adligen Familie, du, der du [Name einfügen] genannt wirst, die du gestorben bist, lass dich nicht ablenken! Lausche und bedenke dies. Es liegt in der allgemeinen Natur aller bedingten Phänomene, dass sie unbeständig sind und Veränderungen unterliegen. Und es wird gelehrt, dass die Natur des Lebens der Wesen im Besonderen darin besteht, dass ihnen auch nur die Dauerhaftigkeit eines Augenblicks fehlt. Für dich ist jetzt die Zeit gekommen: dein Leben ist vorüber. Du befindest dich in einem Zwischenzustand. Wende diese Schlüsselpunkte einer tiefgründigen Unterweisung an, und bis diese rituelle Einführung abgeschlossen ist, bleibe in einem natürlichen Bewusstseinszustand und fühle dich, unterstützt durch diese Namenskarte (ming byang), wohl.
Es ist lebenswichtig, dass du den Bardo als den Bardo erkennst und deine Absicht auf den wahren Pfad ausrichtest.

Es folgt nun 1) eine allgemeine Belehrung über den Zwischenzustand und 2) eine Erklärung der einzelnen Phasen.

1. Allgemeine Unterweisung

Dieser besteht aus vier Teilen: 1) Das Wesen des Bardo; 2) die wörtliche Bedeutung des Begriffs; 3) seine Unterteilungen; und 4) spezifische Praktiken für jede dieser Unterteilungen.

1.1. Die Essenz

Alle anderen Erfahrungen als der ursprünglich reine Raum des Bodens sind Zwischenzustände. Die Erfahrung, in der die Erscheinungen des Grundes als Weisheit heraufdämmern, ist der reine Bardo der Dharmata, während alle Phänomene der trügerischen Erscheinung, die die sechs Bereiche der Wesen umfassen, den unreinen Bardo der Täuschung bilden. Der Bardo bezieht sich also auf die Geisteszustände zusammen mit ihren Samen, die aus dem ursprünglich reinen Raum entstanden sind und so lange andauern, bis sie in diesem Raum, der die Grundlage für ihr Entstehen ist, erschöpft sind.

1.2. Wörtliche Bedeutung

Der Begriff Bardo bezieht sich auf einen Zwischenzustand zwischen dem, was davor und dem, was danach kommt. Im Falle der ersten beiden Bardos bedeutet dies das Zwischenstadium, das durch ein früheres Leben eingeleitet wurde und der Bildung des nächsten Lebens vorausgeht. Im Falle der beiden letzteren ist es so, wie es in der Schatzkammer [des Abhidharma] gesagt wird:

Hier entsteht zwischen Tod und Geburt eine Zwischenexistenz, da das Ziel noch nicht erreicht ist, es ist die Zwischenstufe des Werdens.

Wie dies zeigt, ist der Zeitraum, in dem jemand gestorben ist, bevor er seine spätere Wiedergeburt aufnimmt, der Zwischenzustand des Daseins.

3. Bereiche

Der „Ungehinderte Klang“ sagt:

Wenn sie geteilt werden, gibt es vier, von denen…

Es gibt also vier: 1) den Bardo von Geburt und Tod oder natürlichen Bardo; 2) den Bardo des Sterbens; 3) den Bardo der Dharmata; und 4) den Bardo des Werdens.  Der erste beginnt mit der Geburt aus dem Mutterleib und setzt sich fort, bis man einem todbringenden Zustand oder einer Verletzung erliegt. Der zweite beginnt mit dem Herannahen des Todes und dauert an, bis die Atmung aufhört. Der dritte beginnt mit dem Aufhören der inneren Atmung und dauert bis zur Auflösung der Visionen der spontanen Gegenwart. Der vierte beginnt mit der Auflösung der Visionen der spontanen Gegenwart und dauert bis zum Auftreten einer nachfolgenden Geburt.

4. Spezifische Praktiken

Jede der folgenden Erklärungen besteht aus einer Analogie und ihrer Bedeutung.

Die Analogie zur Beseitigung von Missverständnissen im Bardo dieses Lebens ist ein Falke, der in sein Nest eindringt.  Die Bedeutung ist, dass man Missverständnisse beseitigen muss, indem man einem edlen Guru folgt und sich eifrig dem Studium, der Reflexion und der Meditation über die Anweisungen, die er oder sie gibt, widmet.

In ähnlicher Weise ist die Analogie für eine klare Erinnerung (gsal gdab pa) im Bardo des Sterbens ein schönes Mädchen, das in einen Spiegel starrt. Wie dies nahelegt, muss man sich klar an Anweisungen erinnern, die aus der Vergangenheit bekannt sind.

Das Vertrauen darauf, dass der Schein die eigene Manifestation des Geistes während des Bardo der Dharmata ist, wird mit einem Kind verglichen, das in den Schoss seiner Mutter tritt. Wenn man die Bedeutung der Anweisungen beherrscht, darf man, egal welche Erscheinungen des Dharmata auftauchen mögen, nicht mit Furcht darauf reagieren, sondern muss darauf vertrauen, dass sie die natürliche Manifestation der eigenen Weisheit sind.

Das karmische Glück im Bardo des Werdens zu vergrößern, ist vergleichbar mit dem Ausbessern eines gebrochenen Bewässerungskanals durch das Hinzufügen eines Auslaufes. Wie furchterregend die verblendeten Erscheinungen auch sein mögen, man begibt sich auf den Weg zu einer reinen Wiedergeburt auf der Grundlage der Kernpunkte der Anweisungen, mit denen man bereits vertraut ist oder die zu diesem Zeitpunkt erklärt werden (wie es jetzt geschieht).

Es wird gelehrt, dass es also je nach unterschiedlichem Fähigkeitsniveau drei mögliche Stufen der Befreiung gibt.

2. Besondere Phasen

Was folgt, bezieht sich in erster Linie auf die drei späteren Bardos.

1. Der Bardo des Sterbens

Beim Übergang vom Leben zum Tod sind die Wasser-, Feuer- und Windelemente des Körpers gestört, und er kann weder Wärme noch Bewusstsein unterstützen. Dies markiert die Abtrennung der eigenen Lebenskraft. Die Aggregate, Elemente und Sinnesquellen zusammen mit ihren Objekten verblassen allmählich. Aber, um das Wichtigste zu betonen, spricht man von der Auflösung der Elemente, denn wann immer sich eine Stütze auflöst, wird sich mit Sicherheit auch das auflösen, worauf sie sich stützt.

Die „Weisheitsdarstellung“ sagt:

Zuerst löst sich Erde in Wasser auf, Wasser löst sich dann in Feuer auf. Feuer löst sich in Wind auf, und Wind löst sich dann in Bewusstsein auf. Genau dieses Bewusstsein tritt dann in klares Licht ein.

Wenn sich also Erde in Wasser auflöst, verschlechtert sich die Festigkeit des Körpers. (Anmerkung: Dies bedeutet nicht, dass die physische Kraft nach dem Auflösen der Erde in Wasser nachlässt, sondern dass der Prozess vom anfänglichen Moment der Auflösung und der Entstehung äußerer, innerer und geheimer Zeichen an beginnt) Wenn sich Wasser in Feuer auflöst, trocknen Mund und Nasenlöcher aus. Wenn sich Feuer in Wind auflöst, verliert der Körper Wärme, beginnend von den Extremitäten aus. Wenn sich der Wind im Bewusstsein auflöst, wird der Fluss des groben Atems unterbrochen. Wenn sich das Bewusstsein im Raum auflöst, hört alles Kommen und Gehen des Energie-Geistes auf. Wenn sich der Raum in Leuchtkraft auflöst, verblassen die Bewusstseine der fünf Sinnestüren und alle Gedankenprozesse im absoluten Raum. Dann lösen sich alle subtilen Essenzen des linken und rechten Kanals am oberen und unteren Ende des zentralen Kanals in das A und HAM auf.

Die weißen Essenzen vom oberen Ende des Kanals sinken herab. Wenn sie das Herzzentrum erreichen, wird die gesamte Erfahrung des Menschen vollkommen weiß wie der aufgegangene Mond. Man nennt dies die Erfahrung der Erscheinung, weil das natürliche Leuchten des Erkennens deutlich sichtbar ist. Die dreiunddreißig Gedankenzustände, die sich aus Zorn ergeben, wie die Freiheit von Leidenschaft und groben Wahrnehmungsgedanken (gzung rtog), hören auf. Dies ist der erste Moment, der als leeres Leuchten bekannt ist.

Rote Essenz am unteren Ende des Kanals steigt auf, und die gesamte Erfahrung wird vollkommen rot wie die aufgehende Sonne. Der Geist erscheint extrem klar, daher nennt man dies die Erfahrung der verstärkten Leuchtkraft. Die vierzig Gedankenzustände, die vom Begehren herrühren, wie Anhaftung und grobe Wahrnehmungsgedanken (‚dzin rtog), hören auf. Dies ist der zweite Moment, der als äußerst leere Leuchtkraft bekannt ist.

Wenn sich die weiße und die rote Essenz im Herzen treffen, hören die Windenergien im Lebenskanal auf, und die Gesamtheit der eigenen Erfahrungen wird völlig schwarz wie dichte Dunkelheit. Dies ist bekannt als die Erfahrung des Erreichens der Erfahrung bei der Annäherung an das Aufhören des Geistes. Die sieben Gedankenzustände, die von der Leere herrühren, wie z.B. mangelnde Klarheit und äußerst subtile Konzeptualisierung, hören auf. Dies ist der dritte Moment, der als die Leuchtkraft der großen Leere bekannt ist.

Dann, wenn sich das A HAM im Herzen vollständig auflöst, entsteht die gesamte Erfahrung des Menschen als Leuchtkraft ohne Zentrum oder Peripherie, wie ein wolkenloser Himmel. Dies ist bekannt als die Erfahrung der vollständigen Erlangung, bei der der Geist frei von jeglichem Makel ist. Die drei Erfahrungen hören auf. Dies ist der vierte Moment, der als die Leuchtkraft der universellen Leerheit bekannt ist.

Was sich zu diesem Zeitpunkt manifestiert, ist die große unzerstörbare Natur, die die Wesen von Anfang an immer besessen haben, der Dharmakaya der ursprünglichen Reinheit, der als ursprünglich reine ursprüngliche Befreiung bezeichnet wird. Auf dieser grundlegenden Klarheit, die die Wesen schon immer als ihre Natur besessen haben, manifestiert sich auch jenes klare Licht, das der erhabene Guru in der Vergangenheit vorgestellt hat und mit dem man vertraut geworden ist, so dass sich Mutter und Kind begegnen. Durch das Verbleiben in diesem nicht begrifflichen Zustand des klaren Lichts, der der tiefgreifende und entscheidende Punkt ist, kann es das geben, was als „Erwachen als klares Licht Dharmakaya beim Tod“ bezeichnet wird, genau wie in dem Sprichwort „In einem Augenblick vollständige Erleuchtung“. Dies ist die Erlangung der Befreiung im Bardo des uranfänglich reinen Dharmakaya.

Die Reihenfolge, in der all dies entsteht, ist wie folgt. Das klare Licht der unterstützenden Aggregate, Elemente und Sinnesquellen verschmilzt zusammen mit dem unterstützten mit dem klaren Licht der unterstützenden und unterstützten für die drei von Erscheinung, Vermehrung und Erlangung. Bei der vollen Errungenschaft tritt auch der Allgrund in den Raum der großen Leuchtkraft der Vereinigung ein. Dann manifestiert sich die Ebene des Dharmakaya der großen Glückseligkeit, in der absoluter Raum und reines Gewahrsein untrennbar sind. Genau diese Lichtheit entsteht für jeden zum Zeitpunkt des Todes, aber für diejenigen, denen die Anweisungen zur vorherigen Eingewöhnung fehlen, entsteht sie nur für einen einzigen Augenblick, und sie erkennen sie deshalb nicht.

Hinweis: Im Zusammenhang mit den oben erläuterten Stadien der Auflösung bedeutet der Bezug auf Erde, die sich in Wasser auflöst, nicht, dass die Erdbereiche des Körpers frei von Erdelement werden oder dass sie die Plätze tauschen und ein grobes Erdelement sich in das Wasserelement auflöst. Vielmehr bedeutet er, dass durch die Stärke der Windenergie im zentralen Kanal der mit dem Erdelement verbundene karmische Wind überwunden wird. Dann, wenn es keine Unterstützung mehr gibt, kann das Unterstützte nicht weitergehen, so dass das subtil erscheinende Bewusstsein, das nach den gewohnten Neigungen im zentralen Kanal verbleibt, aufhört. Dann verlieren die körpereigenen Elemente der Festigkeit wie die Knochen ihre stützende Windenergie und ihr Bewusstsein. Auf diese Weise löst sich die subtile Essenz der Erde in die subtile Essenz des Wassers auf. Ein ähnliches Prinzip gilt für die Auflösung von Wasser in Feuer und von Feuer in Wind. Wind, der sich in Bewusstsein auflöst, bedeutet nicht, dass er die Domäne des physischen Körpers verlässt oder dass er den Pfad des Bewusstseins überträgt und betritt. Es bedeutet auch nicht, dass sich die gewohnheitsmäßigen Tendenzen der subtilen Essenz des Windes im Bewusstsein festsetzen und der Wind dann aufhört. Vielmehr verschwindet die subtile Essenz des Windes von überall im Körper, auch aus dem groben Vitalkanal, und verschmilzt untrennbar – als ein einziger Geschmack – mit dem Bindu, das die fünf reinen Essenzen im Inneren des Vitalkanals vereint. Bewusstsein, das sich im Raum auflöst, bedeutet nicht, dass es aufhört, eine Einheit zu sein, sondern dass es, da es klar und ungehindert wie der Raum ist, auf eine schwer zu veranschaulichende Weise in den zentralen Kanal eintritt].

2. Der Bardo der Dharmata

Dies ist die Zeit, in der sich klare Lichtheit in Einheit auflöst. Wie oben erklärt, gibt es am Ende des vierten Moments eine Erfahrung von Lichtheit und Leerheit. Darin liegt die vollständige Erlangung der Erfahrung. Daraus ergibt sich dann die Zunahme der Erfahrung und daraus ergibt sich die Erscheinung. Dann, in einem Augenblick, entsteht aus dieser dreifachen Erfahrung und der sie begleitenden Windenergie durch die unmittelbare Ursache für das Erscheinen von klarem Licht eine äußerst subtile Form, klar und ungehindert, wie eine Reflexion in einem Spiegel oder Regenbogenlicht am Himmel. Dies ist das Heraufdämmern des Sambhogakaya.

Hier sind die fünf ursprünglichen und unzerstörbaren Aggregate das, was durchdrungen wird, und das, was sie durchdringt, ist die Mandala der fünf Buddha-Familien, basierend auf der entscheidenden Tatsache, dass diese Buddha-Familien, ihre Formen und reinen Reiche von Natur aus vorhanden sind. Diese Mandala Versammlungen füllen den gesamten Raum aus. Am ersten Tag erhebt sich das Mandala von Vairocana aus dem blauen Licht, das einem wolkenlosen Herbsthimmel gleicht. In ähnlicher Weise entstehen an den folgenden vier Tagen die anderen Versammlungen des Mandala auf einer grenzenlosen Skala – Akshobhya aus weißem Licht, Ratnasambhava aus gelbem Licht, Amitabha aus rotem Licht und Amoghasiddhi aus grünem Licht, alle zusammen mit männlichen und weiblichen Bodhisattvas und Torwächtern – insgesamt fünf Versammlungen.

Alle entstehen spontan aus der Ausstrahlung im eigenen Herzen, so dass sie als Mandalas des Vajra-Raums des Akanishtha zu diesem Zeitpunkt erscheinen. Die Anweisung, die sich auf diese Phase bezieht, wird als der entscheidende Punkt des verstehenden Engagements bezeichnet.

Der entscheidende Punkt des Bewusstseins, sich mit der Klar-Lichtheit zu beschäftigen, besteht darin, subtile, klare Strahlen fünffarbigen Lichts aus dem Herzen zu lenken, um die Herzen der Versammelten von Mandala zu treffen und dann in einer Erfahrung von Klarheit und Leere zu ruhen.

Dann, wenn die Versammlungen zurückgezogen und in Ihrem Herzzentrum aufgelöst sind, ist der entscheidende Punkt, an dem das Licht sich mit dem Gewahrsein auseinandersetzt, sich in einer Erfahrung von Gewahrsein und Leerheit niederzulassen, in der alles, was natürlicherweise entsteht, auf natürliche Weise befreit wird.

Wenn es dir daran mangelt, dann wird sich die Vereinigung in Weisheit auflösen. Aus deinem Herzen taucht das Licht der vierfachen Weisheit – Decken aus blauem, weißem, gelbem und rotem Licht in den Raum darüber auf. Oben drauf befinden sich klare Lichtkugeln (thig le) in passenden Farben, die alle mit fünf kleineren Lichtkugeln verziert sind. Darüber erscheint eine Lichtkuppel wie ein Pfauenschwanzfächer.

Zu diesem Zeitpunkt ist der springende Punkt des Körpers, dass die Aggregate vom Festhalten an einem Selbst befreit werden, so dass der Körper im eigentlichen Antlitz der lichten Dharmata ruht, und, da er ohne Elemente und subtile Gebrechen ist, dies als eigene Projektion zu erkennen.

Danach folgt das Stadium der Weisheit, das sich in spontaner Präsenz auflöst. Die Weisheitsvisionen werden in der Lichtkuppel darüber absorbiert. Dann, aus der ursprünglich reinen Erscheinung, die einem wolkenlosen Himmel gleicht, entstehen in einem Augenblick all die unendlichen Erscheinungen der reinen friedvollen und zornvollen Reiche und der unreinen sechs Klassen von Wesen. In diesem Stadium ist die Erlangung der Befreiung durch die Beseitigung von Missverständnissen bezüglich der Selbstdarstellung der entscheidende Punkt, um das Höchste zu erkennen.

Bei dieser Gelegenheit erfolgt das Erwachen im ursprünglichen absoluten Raum auf der Grundlage der acht Entstehungsmodi der Visionen, der sechs Gruppen von sechs höheren Wahrnehmungen, wie den Fähigkeiten, der drei Gruppen von drei höheren Wahrnehmungen der drei Kayas und der sechs Erinnerungen, und mittels der acht Auflösungsmodi im Vertrauen auf die spontane Gegenwart.

Was die Bestimmung der Tage im Bardo der Dharmata betrifft, so ist ein Meditationstag die Zeit, die man in einer Erfahrung von klarem Licht verweilen kann. Für jemanden, der zuvor in Meditation trainiert hat, werden solche Tage daher für eine lange Zeit entstehen, und die Befreiung wird durch die Anerkennung zu diesem Zeitpunkt kommen. Für jemanden, der nicht vertraut ist, wird dies jedoch instabil sein und nur einen Augenblick dauern. Es wird kein Erkennen eintreten, sondern nur die Fortsetzung bis zum nächsten Bardo.

3. Der Bardo des Werdens

Für Anfänger verblassen die früheren Visionen der lichthaften Dharmata unerkannt. Im nächsten Moment werden dann durch verschiedene aktivierende Bedingungen gewohnheitsmäßige Tendenzen für die folgende Stufe ausgelöst. Windenergie, Geist und die vier subtilen Elemente dienen als Ursachen und Bedingungen, durch die die subtile und unbehinderte Bardo-Form entsteht. Die Dauer dieses Bardos beträgt sieben Tage, wobei ein Tag einem menschlichen Tag entspricht. Wenn man dann immer noch nicht die Unterstützung eines anderen Körpers gefunden hat, stirbt man wieder und lebt weitere sieben Tage. Dieser sich alle sieben Tage wiederholende Prozess der Geburt und des Todes dauert insgesamt maximal neunundvierzig Tage, innerhalb derer man die Bedingungen für eine Wiedergeburt findet.

In der ersten Hälfte der sieben Wochen behält man sein Aussehen aus dem vorherigen Leben bei und nimmt dann ab der Hälfte ein Aussehen an, das auf dem nächsten Leben basiert. Man könnte meinen, dass man während des Bardo sicherlich allein das Aussehen aus dem nächsten Leben haben wird. Möglicherweise ist es in Wirklichkeit so, aber das würde keinen Widerspruch bedeuten, denn das Festhalten an einer früheren Erscheinung würde auf gewohnheitsmäßigen, aus der Vergangenheit bekannten Tendenzen beruhen. Alle relativen Erscheinungen werden durch den verblendeten Verstand bestimmt.

Daher kann das Erschüttern durch irgendeine erschreckende Erfahrung dazu führen, dass man sein zukünftiges Aussehen erkennt. Außerdem sind hier alle sechs Sinneskräfte vollständig, so dass man die Sinnesobjekte der gemeinsamen karmischen Wahrnehmung erfahren kann. Du verfügst auch über Wunderkräfte, die es dir ermöglichen, ungehindert überallhin – mit Ausnahme des Ortes der zukünftigen Wiedergeburt – zu reisen, was bedeutet, dass man sogar feste Objekte wie Berge oder Mauern durchqueren kann. Die eigenen Fähigkeiten sind scharf und die eigene Geistesgegenwart klar. Alle, die innerhalb des Bardos vom gleichen Typ sind, können einander mit göttlicher Sicht sehen, sind aber für andere unsichtbar.

Im Allgemeinen sagt man, dass es kein Zurück mehr gibt, sobald der Bardo, der mit einer zukünftigen Geburt verbunden ist, festgelegt ist. Dennoch ist es unter bestimmten besonderen Umständen so, wie der Abhidharmasamuccaya sagt: „… in diesem Fall wird dies vermieden.“ Auf diese Weise ist es möglich, die Situation durch die Kraft der Tugend zu verändern. Darüber hinaus kann man, obwohl man sagt, dass Düfte, die gut oder schlecht sein können, für die grundlegende Versorgung, wodurch das erhalten kann, was durch besondere Rituale gewidmet wird.

Der Bardo, der diese Eigenschaften besitzt, weist auch verschiedene Zeichen auf: die vier Pfade der Wesen, drei furchterregende Abgründe, vier schreckliche Laute, fünf eindeutige Zeichen, sechs Unsicherheiten und so weiter:

Vier Pfade der Wesen

Ein Gebiet kann einen Pfad aus weißem Licht aufweisen, der in das Reich der Devas und Asuras führt; einen schwarzen Pfad, der zu den Höllen führt; einen roten Pfad, der in das Reich der Preta führt; oder einen gelben Pfad, der in das Reich der Menschen und Tiere führt. Darüber hinaus ist es ein Merkmal des Bardos, sich mit nach unten gerichtetem Kopf zu bewegen, das in die niederen Bereiche führt; sich mit nach oben gerichtetem Kopf zu bewegen, das ist ein Merkmal des Bardos, das in die Bereiche des Devas führt; und sich geradeaus zu bewegen, das ist ein Merkmal des Bardos, das in den Menschenbereich führt.

Drei erschreckende Abgründe

In ähnlicher Weise gibt es drei riesige Abgründe – tiefrot, aschgrau und dunkelschwarz, alle unerträglich anzusehen -, die durch die karmische Vision auf der Grundlage der drei Gifte erscheinen und die, wenn sie gesehen werden, auf den bevorstehenden Abstieg in die drei niederen Reiche hinweisen.

Vier schreckliche Laute

Während die Windenergien der vier Elemente und Gedanken in gewöhnliche Muster gleiten, tauchen die Windenergien der vier subtilen Elemente wieder auf und erzeugen vier schreckliche Geräusche, die unerträgliche Schmerzen verursachen: Geräusche von Erdbeben und Lawinen, von reißenden Flüssen und krachenden Wellen, von lodernden Waldbränden und von heftigen Orkanwinden.

Fünf eindeutige Zeichen

Die eindeutigen Zeichen sind wie folgt: 1) Während du früher schon durch die geringste physische Barriere behindert wurdest, kannst du jetzt ungehindert durch Berge und Mauern gehen; 2) während andere deine körperlichen Gesten sehen und deine Äußerungen hören, bleiben diese jetzt ungesehen und ungehört; 3) früher hinterließest du Fußspuren und warfst einen Schatten, aber jetzt nicht mehr; 4) früher hattest du keine gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeiten, aber jetzt entstehen verschiedene subtile Formen höherer Wahrnehmung. Dies sind alles Anzeichen dafür, dass man keinen greifbaren Körper hat. 5) Da dir die weißen und roten Elemente fehlen, siehst du innerlich nicht mehr die Sonne, den Mond, die Planeten oder Sterne, sondern stattdessen Dunkelheit.

Sechs Unwägbarkeiten

Was die Ungewissheit betrifft, so ist 1) dein Wohnort, der ein leeres Haus oder eine Höhle und dergleichen sein könnte, ungewiss; 2) deine Gefährten könnten Devas, Pretas oder Geister und Dämonen und so weiter sein und sind daher ungewiss; 3) deine Nahrung und Kleidung, die sich als die verschiedenen Formen von Nahrung und Kleidung der sechs Reiche manifestieren könnten, die alle schwer zu beschaffen sind, sind ungewiss; 4) deine Ruhestätte, die ein Strohlager oder die Ecke einer Brücke sein könnte, ist unsicher; 5) dein Verhalten, das in einem Augenblick irgendeine Form annehmen könnte, ist unsicher; und 6) deine Gefühle der Freude und des Schmerzes, die unterschiedlich sind und ohne Grund schwanken können, sind ebenfalls unsicher.

So wirst du immer wieder über Abgründe geschleudert wie eine Feder, die im Wind herumgeworfen wird. Oder aber deine Umgebung ist völlig in schwere Dunkelheit gehüllt. Du wirst von wilden und bösartigen Bestien gequält und von den Dienern von Yama, dem Herrn des Todes, geführt, während du von schrecklichen Geräuschen der Gewalt und des Gemetzels verfolgt werden. Deine Tugenden und Missetaten werden mit einer Reihe von weißen und schwarzen Kieselsteinen beurteilt. Du wirst von heftigen Schnee- und Schneestürmen heimgesucht oder von Schauern mit verschiedenen Waffen angegriffen. Vielleicht siehst du dein vergangenes Zuhause und deine nahe Familie wie in einem Traum und machen sich auf die Suche nach ihnen. Wenn sie sich nähern und rufen, sehen und hören sie dich nicht und antworten daher auch nicht. Wenn du ihre Trauer und ihre Notschreie vernimmst, verstehst du, dass du gestorben bist. Da du nirgendwo mehr hingehen kannst, empfindest du unerträgliche Trauer. Wenn du siehst, wie andere deine Besitztümer leichtfertig missbrauchen, fühlst du intensive Verbundenheit und Wut. Solche verwirrenden, beängstigenden Erfahrungen werden in einem unergründlichen Ausmaß auftreten, aber da sie nur die trügerischen Erscheinungen des Bardos sind, musst du sie als solche erkennen.

Darüber hinaus ist jede Initiative, die sich auf deinen früheren Wohnort stützt, jetzt beendet; deine Verbindung zu engen Familienangehörigen und Freunden ist gekappt; das Karma zur Nutzung angesammelter Besitztümer ist erschöpft; und all deine früheren Erfahrungen sind jetzt nur noch die Grundlage für gewohnheitsmäßige Spuren. Wenn diese unvorstellbaren Bardo-Erscheinungen dämmern, entstehen sie nur aufgrund der verblendeten Wahrnehmungen deines eigenen Geistes. Abgesehen davon fehlt ihnen auch nur der kleinste Fleck wahrer Realität.Wie der Bodhicaryavatara sagt:

Wer hat diesen brennenden Eisenboden geschaffen? Woher sind all diese Feuer gekommen? Diese und alle ähnlichen Qualen sind aus einem bösen Geist geboren, hat der Weise gesagt.

Begreife, dass es genau so ist. Vermeide Anhaftung und Abneigung gegen den Schein von Freunden und Feinden, gegen Sinnesfreuden, die Vergnügen bereiten, oder gegen unangenehme Dinge, die Leid verursachen. Entwickle, ohne sie dahingehend zu bewerten, was aufgenommen oder vermieden werden sollte, einen einsgerichteten Fokus und vertrauensvolles Vertrauen in die illusorische, unwirkliche Natur aller Phänomene.

Es ist leicht, die Unterstützung innerhalb des Bardos zu wechseln. Das Bewusstsein ist klar; wenn man daher auf Anhaftung oder Abneigung basierendes Karma anhäuft, kann dies negatives Karma aus der Vergangenheit stimulieren und einen in die niederen Bereiche hinunterwerfen; wenn man dagegen einen tugendhaften Geist des Glaubens, des Mitgefühls usw. erzeugt, kann dies jedes tugendhafte Karma aus der Vergangenheit neu beleben. Um es einfach auszudrücken: sich täuschen zu lassen, kann schwerwiegende Folgen haben, und selbst ein kleiner Gedanke an Anhaftung oder Abneigung kann einen in die niederen Bereiche hinabwerfen, während die Schulung auf dem Pfad ebenfalls höchst folgenreich ist. Hier kann deine Ausbildung in einem einzigen Augenblick mehr Fortschritte machen als im Laufe von Monaten und Jahren, als du noch am Leben warst. Meide es also, Opfer von quälenden Emotionen zu werden, und meditiere über den tiefgründigen Pfad. Dadurch wirst du im besten Fall genau in diesem Moment befreit, und zumindest wirst du in die höheren Bereiche vordringen – daran besteht kein Zweifel.

Solltest du diese Gelegenheit nicht ergreifen, wirst du wiedergeboren werden müssen. In diesem Fall ist es ein Zeichen für die bevorstehende Geburt im Mutterleib oder die Geburt aus einer Eizelle, wenn du ein Bild deiner Eltern siehst, die Geschlechtsverkehr haben. Die Anziehung von Düften ist ein Zeichen der Geburt durch Hitze und Feuchtigkeit, während die Anziehung eines Ortes ein Zeichen einer wundersamen Geburt ist. Meide insbesondere die Wärme, wenn du versuchst, der Kälte des Regens und des Windes auszuweichen, und vermeide das Verlangen nach Kälte, wenn du von der Hitze von Feuern usw. heimgesucht wirst, denn diese würden dich nur zu den heißen und kalten Höllen führen. In ähnlicher Weise solltest du, wenn du als Frau erscheinst, vermeiden, leidenschaftliche Zuneigung zu Männern zu empfinden, oder wenn du als Mann erscheinst, vermeiden, leidenschaftliche Zuneigung zu Frauen zu empfinden – und in beiden Fällen solltest du Feindseligkeit gegenüber deinem Gegenüber vermeiden. Vereinige alle potenziellen Objekte der Anhänglichkeit und Abneigung, wie trügerische Wahrnehmungen und erschreckende Erscheinungen, mit Illusion und Leerheit. Lasse das Bewusstsein an seinem Platz verweilen und entspanne dich tief, ohne zu ergreifen. Dadurch werden alle trügerischen Wahrnehmungen bei ihrem Entstehen auf natürliche Weise befreit.

Kurz gesagt, erlaube allen visuellen Formen, sich auf natürliche Weise als das unendlich reine Mandala des Gurus und der Yidam-Gottheiten zu entfalten. Lasse alle Klänge auf natürliche Weise als die natürliche Resonanz, den unzerstörbaren Klang und die Leere des Dharmata widerhallen.  Und begreife alle Gedanken als die Darstellung der ursprünglichen Reinheit des Dharmakaya. Ganz gleich, was geschieht – sei es Glück oder Leid, gut oder schlecht – wecke inbrünstige, einsgerichtete Hingabe an die Quellen der Zuflucht, indem du denkst: „Kostbare drei Juwelen, erkenne und sorge für mich!

Auch konzentriere dich, mit einzigartigem Fokus, auf die Erzeugung einer ausgezeichneten Motivation. Und denke: „Ich werde einen reinen Körper mit allen Freiheiten und Möglichkeiten annehmen, so dass ich große Wellen segensreicher Aktivität für die Lehren und alle fühlenden Wesen vollbringen kann! Visualisiere die Eltern, bei denen du wiedergeboren wirst, als den Guru, der untrennbar mit der Yidam-Gottheit verbunden ist, zusammen mit der Gefährtin. Betritt ihre Formen mit kraftvollem Fokus. Verbleibe ausgeglichen in der Leerheit jenseits der konzeptuellen Ausformung und bilde so viel wie möglich mit reiner Wahrnehmung aus.

Dies ist die klare Ermahnung.

Für diejenigen, deren Leben und Verdienste, die durch vergangene Tugenden hervorgebracht wurden, beendet sind, und die von der furchterregenden Yama zur Zitadelle der anderen Seite geführt werden, für alle, die erschöpft sind und denen es an Schutz fehlt, hier ist ein Einstieg in die Methode der Führung durch liebevolle Güte. Basierend auf dem, was der Beschützer, die Verkörperung des grenzenlosen Mitgefühls, in allen Sutras und Tantras gelehrt hat, und besonders in jenen einfachen Ergänzungen zu Ritualen zur Führung der Verstorbenen.

Aus all diesen Darstellungen der Bardo-Zustände, Reine Werke, die die wesentlichen Einzelheiten zusammenfassen, dies ist eine Zusammenfassung in Quintessenz – möge sie alle Wesen leiten!

Diese wesentliche Einführung in die Bardos mit dem Titel „Befreiung nach dem Hören“ wurde von Lama Shakya Özer aus Ngenlung Sang-ngak Chöling im Mön-Distrikt erbeten und im Palast der geheimen Mantra neben dem großen Tempel des glorreichen Tradruk vom Laienanhänger von Shakyamuni, dem Vidyadhara Gyurme Dorje, verfasst, der ohne Widerspruch die Absicht allgemeiner und speziell den Bardos gewidmeter Werke kombinierte. Mögen Tugend und Güte im Überfluss vorhanden sein!


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020), verglichen mit der Übersetzung von Adam Pearcey (2019; Lotsawahouse.org). Möge es für Praktizierende von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. Mai 2020

Die Qualitäten der Verwirklichung eines Buddha

Buddhas besitzen Qualitäten, die sich aus ihrer Verwirklichung ergeben. Diese sind: Die fünf Arten von Augen (spyan lnga), oder Sehkräfte, die voll ausgereifte Wirkung ihrer positiven Handlungen: (1) das Auge des Fleisches, d.h. die Fähigkeit, alle Formen, grob- oder feinstofflich, des dreitausendfachen Universums zu sehen; (2) das göttliche Auge, das Wissen von Geburt und Tod aller Wesen; (3) das Weisheitsauge, das Verständnis des Nicht-Selbst von Personen und Phänomenen; (4) das Dharma-Auge, das Wissen um die 84.000 Abschnitte der Lehre; und (5) das Buddha-Auge, die Allwissenheit.

Die sechs Arten übernatürlichen Wissens (mngon shes drug), die durch Konzentration erreicht werden: (1) das Wissen und die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen, die den Bedürfnissen der Wesen angemessen sind, wie z.B. die wundersame Vermehrung von Objekten; (2) die Hellsichtigkeit des göttlichen Auges (das Wissen um die Geburten und Todesfälle aller Wesen); (3) die Hellsichtigkeit des göttlichen Ohrs (die Fähigkeit, alle Klänge im gesamten dreitausendfachen Universum zu hören; (4) das Wissen um das eigene und das vergangene Leben anderer; (5) das Wissen um den Verstand anderer; und (6) das Wissen um die Erschöpfung von Flecken, d.h. dass Karma und Emotionen erschöpft sind.

Die zehn Kräfte (dbang bcu), durch die keine beabsichtigte Handlung behindert wird: (1) die Macht über das Leben: Buddhas können für ein Kalpa oder mehr leben, wenn sie es wünschen; (2) Macht über den Geist: je nach Wunsch der Wesen können sie in meditative Absorptionen eintreten oder darauf verzichten; (3) Macht über materielle Dinge: sie können jede Art und Anzahl von physischen Objekten materialisieren; (4) Macht über Aktivitäten: sie beherrschen jede Kunst und jede Fertigkeit; (5) Macht über die Geburt: sie können wählen, in einem der sechs Reiche geboren zu werden; (6) Macht über die Bestrebungen der Wesen: (7) Macht über die Gebete: sie können alle Gebete der Wesen hören und erfüllen; (8) Macht über Wunder: sie können das gesamte Universum in ein Senfkorn legen und so weiter; (9) Macht über die Weisheit: sie haben Allwissenheit erlangt; und (10) Macht über den Dharma: sie können alle Abschnitte der Lehre ohne jede Behinderung lehren.

Die vier Dharanis (gzungs bzhi), deren Wesen außerordentliches Gedächtnis und höchste Intelligenz ist. Der erste Dharani ist die Macht, allein durch das Nachdenken über die Silbe A zu verstehen, dass alle Phänomene ungeboren sind. Das zweite ist das mantrische Dharani. Buddhas haben die Fähigkeit, eine Formel zu erschaffen und sie mit Konzentration und Weisheit zu segnen, so dass sie zu einem Mantra wird, das so lange wie ein Kalpa wirkt. Das dritte ist das Wort dharani, die Fähigkeit, jedes Wort der Lehre in unvergesslicher Erinnerung zu halten. Das vierte ist die Bedeutung dharani, die Fähigkeit, den Sinn aller Lehren unfehlbar im Gedächtnis zu behalten.

Die zehn Stärken (stobs bcu). Dies ist definiert als eine ungehinderte Erkenntnis aller Objekte des Wissens: (1) die Stärke zu wissen, was richtig ist (z.B. die Idee, dass tugendhaftes Handeln zu Glück führt) und was falsch ist (z.B. die Meinung, dass tugendhaftes Handeln zu Elend führt); (2) die Stärke, die voll ausgereiften Wirkungen von Handlungen zu kennen (das gesamte Prinzip von Ursache und Wirkung und die spezifische Korrelation von Handlungen mit Ergebnissen im Detail zu kennen); (3) die Stärke, die verschiedenen geistigen Fähigkeiten der Wesen zu kennen; (4) die Stärke, die verschiedenen Arten von Wesen (ihr unterschiedliches Potential, z.B. für das Shravaka-Training) und Elementen (Erde, Luft, Feuer, Wasser und Raum) zu kennen; (5) die Stärke, die verschiedenen Interessen der Wesen zu kennen (ihr Streben nach den weiten und tiefen Lehren); (6) die Stärke, alle Pfade zu kennen, z.B. die Pfade der höheren und niederen Reiche und den Pfad der Befreiung; (7) die Stärke, alle Samadhis und vollkommenen Freiheiten zu kennen (jede erdenkliche Art der Konzentration zu kennen, d.h. die vier Stufen des Samadhi und die acht vollkommenen Freiheiten; a (8) die Stärke, vergangene Leben zu kennen (die Erinnerung an unzählige vergangene Leben aller Wesen ohne Ausnahme; (9) die Stärke, den Tod und die Geburt von Wesen zu kennen (zu wissen, wo jedes einzelne Wesen nach dem Tod geboren wird); und (10) die Stärke, die Erschöpfung von Flecken zu kennen (zu wissen, dass die beiden Schleier der emotionalen und kognitiven Verdunkelungen zusammen mit ihren gewohnheitsmäßigen Tendenzen entfernt worden sind).

Die vier Furchtlosigkeiten (mi ‚jigs pa bzhi) angesichts aller Feindseligkeit gegenüber dem, was die Buddhas über sich selbst und andere sagen. Die Furchtlosigkeit angesichts der Feindseligkeit gegenüber (1) der Behauptung ihrer eigenen vollkommenen Verwirklichung; (2) der Behauptung ihrer eigenen vollkommenen Eliminierungsqualitäten; (3) der Behauptung des edlen Pfades, der zur Befreiung führt, zum Wohle anderer; und (4) der Behauptung dessen, was Hindernisse auf dem Pfad verursacht, zum Wohle anderer.

Die vier vollkommenen Kenntnisse (so so yang dag par rig pa bzhi) über alle Möglichkeiten, Wesen zu helfen. Diese sind: (1) eine vollkommene Kenntnis jedes einzelnen Aspekts des Dharma (alle Worte einer unvorstellbaren Unzahl von Lehren kennen, ohne sie zu verwechseln); (2) eine vollkommene Kenntnis aller Bedeutungen, die in diesen Worten ausgedrückt werden, ohne sie zu verwechseln; (3) während man anderen das Dharma lehrt, eine vollkommene Kenntnis der Art und Weise, wie man es ausdrückt, zusammen mit der Kenntnis aller Sprachen; und (4) eine vollkommene Kenntnis durch unbegrenzte Intelligenz und Fähigkeit, die sich nicht erschöpfen würde, auch wenn ein einziger Punkt für ein ganzes kalpa erklärt werden müsste.

Die achtzehn charakteristischen Eigenschaften (ma ‚dres pa’i chos bco brgyad), die von den Shravakas und Arhats nicht geteilt werden. Sechs davon beziehen sich auf die Art und Weise, wie sich Buddhas verhalten. (1) Ihr physisches Verhalten ist ohne Täuschung. Das bedeutet, dass sie im Gegensatz zu den Shravakas, Arhats und Pratyekabuddhas stehen, deren Verhalten gewisse Mängel aufweisen kann. Letztere können zum Beispiel versehentlich auf eine Giftschlange treten, weil sie die Verdunkelungen gewohnheitsmäßiger Neigungen nicht beseitigt haben. Bei jeder ihrer Bewegungen, bis hin zum Öffnen und Schließen ihrer Augen und dem Strecken ihrer Gliedmaßen, handeln Buddhas ausschließlich zum Wohle anderer. (2) Die Stimme eines Buddhas ist nicht schrill oder rücksichtslos. Die Shravakas können schreien, wenn sie sich im Wald verirren, oder lauthals lachen. Buddhas tun dies nicht; selbst ihr Niesen oder das Räuspern hat den Charakter, anderen zu nützen. (3) Buddhas sind niemals unaufmerksam. Shravakas könnten etwas vergessen, was sie tun sollten, und da sie sich, damit ihre Hellsichtigkeit funktioniert, speziell auf das betreffende Thema konzentrieren müssen, sind sie sich möglicherweise einer nahenden Gefahr nicht bewusst. Andererseits sind die Handlungen der Buddhas immer zeitgemäß, und ihr Wissen ist mühelos (und allumfassend): Sie wissen alles in den drei Zeiten, unabhängig von der bewussten Absicht. (4) Der Geist eines Buddhas befindet sich immer im meditativen Gleichmut. Die Shravakas und Pratyekabuddhas sind nicht in der Lage, Handlungen auszuführen, während sie sich noch in der Meditation befinden. Im Gegensatz dazu kann ein Buddha lehren oder um Almosen bitten, während er sich nie von der Meditation erhebt. (5) Buddhas zwingen ihren Wahrnehmungen keine Diskriminierungen auf. Shravakas unterscheiden Dinge, indem sie einige als gut und andere als schlecht betrachten. Zum Beispiel betrachten sie das Nirwana als friedvoll und heiter, und sie empfinden Abscheu gegenüber Samsara. Buddhas unterscheiden Samsara und Nirwana nicht in dualistischer Weise; all diese Phänomene verschwinden für sie in der Weite der Nondualität. (6) Der Gleichmut der Buddhas beinhaltet dennoch volle Unterscheidung. Sie wissen, mit welchen Mitteln und zu welcher Zeit jedes einzelne Wesen gelehrt werden kann. Sie handeln entsprechend und im richtigen Moment. Die Shravakas und Pratyekabuddhas verfügen nicht einmal in Bezug auf ihre eigenen Schüler über ein solches Unterscheidungsvermögen, und so kann es vorkommen, dass sie durch ihr Handeln zu unpassenden Zeiten oder durch Unkenntnis der geeigneten Methode nicht in der Lage sind, ihnen wirksam zu helfen.

Es folgen nun sechs charakteristische Qualitäten der Verwirklichung eines Buddha. (7) Buddhas haben eine beständige, freudige Bereitschaft, um der Wesen willen zu handeln. (8) Sie besitzen eine Achtsamkeit, die sich nie vom Wohlergehen anderer abwendet. (9) Sie sind unermüdlich in ihrem Bemühen. Um eines einzigen Wesens willen sind sie bereit, für Hunderte von Zeitaltern zu lehren, ohne sich auszuruhen oder zu ernähren. (10) Sie haben ein überragendes Wissen über alle Phänomene, (11) eine einsgerichtete Konzentration und (12) eine völlige Freiheit von den beiden Arten von Verdunkelungen und gewohnheitsmäßigen Tendenzen, zusammen mit einer Erkenntnis allwissender Weisheit.

Dann gibt es drei Qualitäten, die die drei charakteristischen Aspekte der ursprünglichen Weisheit ausmachen. Buddhas kennen alle Objekte des Wissens – ohne Behinderung (aufgrund der Tatsache, dass die kognitiven Schleier entfernt wurden) und ohne Bindung (weil auch die emotionalen Schleier beseitigt wurden) -(13) in der Vergangenheit, (14) in der Gegenwart und (15) in der Zukunft. Arhats besitzen ein gleichartiges Wissen, das jedoch durch „Anhaftung und Behinderung“ begrenzt ist.

Die drei charakteristischen Qualitäten der Aktivitäten der Buddhas – (16) Körper, (17) Sprache und (18) Geist – gehen von der Weisheit aus und werden von ihr begleitet. Das bedeutet, dass das gesamte Spektrum ihrer Aktivitäten von Weisheit angetrieben wird. Auf der anderen Seite haben Shravakas und Arhats eine eingeschränkte Wachsamkeit, wie wir oben im Abschnitt über das Verhalten des Buddha gesehen haben. Alles in allem sind dies die achtzehn Qualitäten, die einem Buddha eigen sind und die von Shravakas, Pratyekabuddhas und Arhats nicht geteilt werden.


Aus dem „Schatzhaus der kostbaren Qualitäten“ von Jigme Lingpa; übersetzt aus dem englischen Text vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!

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