Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Dezember 2018

Buddha – erleuchtet in der Welt

Als Prinz Siddhartha Gautama in die Familie der Shakya geboren und daher dann als Buddha Shakyamuni bekannt geworden, stellt er wohl eine der herausragenden Gestalten an spirituellen Lehrern. In vier Sammlungen von Lebensgeschichten wurde versucht, sein Leben und Wirken zu übermitteln, damit nachfolgende Generationen sich dies als Vorbild nehmen können.

Lebensgeschichtliche Quellen

Das Mahavastu-Avadana der Mahasanghika-Schule aus der Hinayana-Tradition erzählt das Leben Siddharthas von seiner Geburt bis zu seinem Erwachen und seiner Lehrtätigkeit. Der Hauptteil der Erzählung beginnt in einem früheren Leben Siddhartas zur Zeit des Buddha Dipankara vor ca. 5-7.000 Jahren, als er als Sumegha vor Dipankara Buddha gelobte, in Zukunft selbst Buddhaschaft zu erlangen.

Das Buddhacarita schildert das Leben Buddhas von seiner Geburt bis zu seinem Parinirvana. Besonders hervorzuheben ist in diesem Werk die ausführliche Darstellung der Schlacht zwischen Siddhartha und Mara kurz vor der Erleuchtung.

Ein umfassendes Werk der Lebensgeschichte ist das Lalitavistara, das im 2./3. Jhdt. entstand und auf mehrere Verfasser zurückgeht. In ihm finden sich in Pali und Sanskrit überlieferte Episoden und beruht wohl auf einem Text aus der Schule der Sarvastivada. Besonders an diesem Werk ist die ausführliche Schilderung des überweltlichen Aspekts vonBuddha Shakyamuni. In dieser Lebensschilderung finden sich die 12 Taten eines Buddha, die in einem weiteren Beitrag geschildert werden.

Eine weitere Quelle für das Leben Buddha Shakyamunis bilden die Jatakas – die Vorgeburtsgeschichten. Von diesen Jatakas gibt es in Asien mehrere verschiedene Sammlungen.

Betrachten wir hier zunächst den weltlichen Aspekt des Buddha und nachfolgend in einem weiteren Blog-Beitrag anhand der 12 Taten auch seinen transzendenten Aspekt.

Buddha – Mensch

Man kann das Leben Buddhas anhand von vier wesentlichen Orten und Stationen beschreiben und für sich dieselben Bestrebungen und Ziele hinsichtlich Befreiung ableiten. Betrachten wir zunächst einmal den Lebensverlauf des Prinzen Siddhartha und seiner nachfolgenden Lehrtätigkeit als Buddha Shakyamuni. Vier Orte – Lumbini, Bodhgaya, Sarnath und Kushinagar – sind die bedeutsamen Meilensteine seines Lebens und Wirken in der Welt.

Lumbini – Geburt als Mensch

Als Prinz Siddhartha wurde der Buddha in Lumbini im Königreich Magadha geboren. Seine Mutter Mayadevi verstarb kurz nach der Geburt und Siddhartha wuchs bei der zweiten Frau des Königs Shuddhodana auf. Bei seiner Geburt wurde von einem Rishi vorhergesagt, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, wie das Leben Siddharthas verlaufen könne. Zum einen könne er ein großer König, sogar ein Weltenherrscher werden, zum anderen könne er ein Weltenlehrer sein. In Anbetracht seinen Thronerben zu verlieren, beschloss König Shuddhodana, den Jungen von der Umwelt abgeschottet aufwachsen zu lassen. Siddhartha meisterte alle erzieherischen Herausforderungen und war begabt in allen Künsten seiner Zeit.

Doch aufgrund einer tiefen Erkenntnis in der Begegnung mit der Lebenswirklichkeit von Alter, Krankheit und Tod, aber auch der Möglichkeit der Befreiung anhand mehrerer Ausfahrten, beschloss Siddhartha im Alter von 29 Jahren sein wohlbehütetes Leben hinter sich zu lassen und stahl sich heimlich aus dem königlichen Palast. Er schnitt sich sein langes Haar ab und entsagte so seiner königlichen Würde. Dann suchte er die bedeutendsten spirituellen Lehrer – Alara Kalama und Uddaka Ramaputta – seiner Zeit auf. Bei ihnen erlernte und meisterte er rasch ihre meditativen Anweisungen. Damit nicht zufrieden und nicht die von ihm erwünschte Befreiung vom Leiden erlangt zu haben, begab er sich für einige Zeit mit ein paar Gefährten auf die spirituelle Suche. Doch auch durch anstrengende asketische Praktiken stellte sich das angestrebte spirituelle Ziel nicht ein. Schließlich trennte er sich von seinen Gefährten und begab sich nach Bodhgaya.

Bodhgaya – Erleuchtung

In Bodhgaya setzte er sich unter einen Baum und fasste den Entschluss, die Lösung seiner Lebensfrage zu erlangen. Nach längerer Zeit der Versenkung und Meditation gelang ihm schlussendlich der Durchbruch. In einem sagenhaft geschilderten spirituellen Kampf besiegte er die zentralen Geistesgifte und Antriebe, und erlangte Einsicht in die Zusammenhänge des Daseins und vieles mehr. So wird kurz seine Erleuchtung geschildert. Nach einiger Zeit der Versenkung in diese Erkenntnis, beschloss er, dieses Wissen und seine Einsichten mit anderen zu teilen. Nachdem seine beiden Lehrer zu dieser Zeit bereits verstorben waren, fand er dann seine fünf Gefährten in einem Wald nahe Varanasi, dem alten spirituellen Platz am Ganges. Zu diesem Zeitpunkt war er 35 Jahre alt.

Sarnath – Lehrtätigkeit

In Sarnath begegnete er seinen früheren fünf spirituellen Gefährten und vermittelte ihnen die grundlegenden Einsichten zur Befreiung vom Leiden. Im Hirschpark von Sarnath lehrte er zum erstenMal die Vier Edlen Wahrheiten. Diese sind die edle Wahrheit vom Leiden, die edle Wahrheit von der Ursache des Leidens, die edle Wahrheit von der Beendigung des Leidens und die edle Wahrheit vom Pfad, der zur Beendigung des Leidens führt. Dieser erste Lehrzyklus ist so fundamental und essentiell, dass er sich in all seinen weiteren Lehren wiederfindet. Hierbei zeigt Buddha auf, dass wir aufgrund von Nicht-Gewahrsein in einen Zustand der Verwirrung fallen und in einem anhaltenden Kreislauf an Aktionen und Reaktionen unser Selbstbild – so qualvoll unzulänglich es auch erscheinen mag – immer wieder und wieder erneut manifestieren. Doch neben diesem Hinweis auf die Qual der Unzulänglichkeit aller äußeren Erscheinungen wies Buddha auch darauf hin, dass wir Befreiung dann erlangen können, wenn wir unseren Blick nach innen wenden, wir so dieseProzesse verstehen lernen und ihnen ein Ende setzen können. Das wird als das erste Drehen des Dharma-Rades bezeichnet. Damit ist das Initiieren eines Zyklus von Lehren.

Dies tat er der Überlieferung nach noch zwei weitere Male, sodass wir von drei Lehrzyklen sprechen. Bei jedem Lehrzyklus wurde eine neue grundlegende Sichtweise eröffnet. War der erste Zyklus noch auf Entsagung ausgerichtet, so wurden im zweiten Zyklus Leerheit – das Leersein aller Phänomene von Eigennatur – und Merkmalslosigkeit gelehrt. Dies geschah zum ersten Mal am Geierberg in Rajgir, als Buddha Shakyamuni 51Jahre alt war. Und im Alter von 63 Jahren wurde von ihm der dritte Lehrzyklus in Shravasti in Gang gesetzt. Dieser Zyklus handelt von der Buddha-Natur, der Klar-Lichtheit der Natur des Geistes, die alle Wesen durchdringt.

Neben öffentlichen Vorträgen fanden sich auch zahlreiche Treffen im kleineren Kreis oder auch privater Natur im Leben Buddhas. Bei all diesen hat er verschiedenste spirituelle Zugänge und unterschiedliche spirituelle Methoden gelehrt, je nach Notwendigkeit und Fähigkeit seiner Hörerschaft und Schüler. Diese Lehren wurden zunächst mündlich überliefert und wenige Jahrhunderte nach seinem Dahinscheiden nach und nach niedergeschrieben. Manche wenige Lehrreden sind aus seinem Mund, andere wiederum von ihm autorisiert und einige in seinem Geiste, d.h. im Sinne seiner Lehre bestätigt und ihre Gültigkeit besiegelt.

Kushinagar – Dahinscheiden

Im Alter von 80 Jahren spürte Buddha Shakyamuni das Nahen seines Todes und beschloss nach Norden zu wandern. In Kushinagar verstarb der Buddha an einer Lebensmittelvergiftung. Er hatte eine verdorbene Pilzsuppe zu sich genommen. Die Lehre, die der Buddha in Kushinagar erteilte, ist die weitreichendste und wohl tiefgründigste. Hier zeigt er am eigenen Beispiel auf, dass Erleuchtung bzw. Befreiung zu keiner Form von Unsterblichkeit oder Göttlichkeit führt, dass sich keine feststehende, immerwährende Substanz in einem befindet und Vergänglichkeit das Zeichen aller bedingten Phänomene ist. Diese Lehre treibt einen an, über grundlegendes Leersein nachzudenken und auf die Klar-Lichtheit der Natur des Geistes zu meditieren.

Nach dieser Betrachtung des Leben Buddhas anhand von Orten werde ich in Folge seinen transzendenten Aspekt aufgrund der 12 Taten schildern. Bleibt also dran!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Dezember 2018

Reliquien und Mantras – spirituelles Leben einhauchen

Über das Befüllen von Statuen und Stupas, wodurch sie zu Gegenständen der Inspiration und Verehrung werden.

Eine Statue leer zu lassen bedeutet, den Buddhas nichts darzubringen und dies kann Hindernisse schaffen. Deshalb ist es wichtig, zumindest ein paar Mantras und etwas Räucherwerk in die Statue zu geben. Die Vorzüge des Umkreisens von Abbildern von Körper, Rede und Geist der Erleuchtung, wie z.B. Statuen, Stupas etc., werden ausführlich im Avalokiteshvara-Sutra und im Sutra „Mitfühlender weißer Lotus“, aber auch anderen Schriften erklärt. Auch die Vorzüge aus tantrischer Sicht werden in verschiedenen Schriften des Kangyur erklärt.

Statuen, Stupas und andere religiöse Bauten sind in Tibet üblich. Sie sind wunderschön anzusehen, aber ohne entsprechende Dharani-Mantras (tib., gzungs sngags) und andere innere Reliquien haben sie keinerlei spirituellen Wert. Wenn die Statue nicht mit diesen Mantras und inneren Reliquien gefüllt ist, geglaubt man, dass bösartige Geister in die Statue geraten und den Menschen Schaden zufügen können. Daher ist die Füllung einer Statue, eines Stupas oder eines anderen religiösen Baus sehr wichtig. Mit diesem Befüllen durch Dharanis werden die religiösen Konstruktionen oder Statuen zu einem spirituellen Wesen, das Segnungen verleihen kann.

Dharanis und inneren Reliquien verleihen ihnen spirituelle Bedeutung und Heiligkeit, daher ist das Einfügen von Dharanis und Reliquien gleichbedeutend mit dem Einhauchen von Leben im Körper. Das Darbringen von Dharanis und Reliquien sollte idealerweise von einem ordinierten Mönch ausgeführt werden, der kein Fleisch, keine Zwiebeln, keinen Knoblauch isst, Alkohol trinkt, Tabak raucht oder kaut und das Gelübde des Zölibats abgelegt hat. Eine solche Person ist jedoch in dieser modernen Zeit sehr selten zu finden. Andernfalls kann dies natürlich auch eine erfahrene Laienperson ausführen, die zumindest während dieser Zeit so rein wie ein Mönch lebt.

„Die vier Dharmakaya-Reliquien-Mantras (makellose Zinne der Gottheit, die geheime Reliquie, die Reliquie des Erhabenen, das vollkommen reine makellose Licht und 100.000 Ornamente der Erleuchtung) sind eine heilige Reliquie. Sie sind die höchsten Reliquien des Buddha, Reliquien der Dharmakaya. Andere Reliquien, diejenigen, die wir normalerweise sehen, wie Reliquien der Gewänder oder Teile von Buddhas heiligem Körper, stellen sekundäre Reliquien dar. Diese vier Mantras stellen die höchsten Reliquien dar. Nachdem ich von den unglaublichen Vorteilen jedes dieser Mantras erfahren hatte, ließ ich sie aufschreiben und wir druckten viele. Dies ist normalerweise das, was wir in Stupas, Statuen usw. einfügen sollten. Diese sehr speziellen Mantras geben unglaubliche Kraft. Wenn ihr diese Mantras in eine Statue gesetzt habt, werden die Devas dieses heilige Objekt dreimal täglich anbeten. Indem ihr diese Mantras in einen Stupa steckt, wird sogar eine Glocke, die dem Stupa dargebracht wird, unvorstellbaren Nutzen bringen. Beispielsweise wird das negative Karma aller fühlenden Wesen, die den Klang dieser Glocke hören, gereinigt werden. Sie sind aus den niederen Bereichen befreit, ihr negatives Karma wird gereinigt und sie werden eine gute Wiedergeburt erlangen. Ferner bringt es einen unglaublichen Nutzen. Es hilft den Lebewesen auf diese Weise, ganz leicht negatives Karma zu bereinigen und die Erleuchtung zu erlangen. Auch wenn man einen Stupa umrundet, in dem diese Mantras vorhanden sind, reinigt dies einen vom negativen Karma, in allen acht heißen Höllen wiedergeboren zu werden. Das negative Karma, das einen dazu führt, in den acht heißen Höllen geboren zu werden, ist völlig gereinigt, indem man einmal einen Stupa mit diesen Mantras umrundet.“

Vorteile der vier Dharmakaya-Reliquien-Mantras von Lama Zopa Rinpoche

Substanzen und Utensilien

Für das Befüllen braucht man verschiedenste Materialien. Zunächst einmal die Mantra-Blätter, die für alle Statuen etc. gültig sind, wie die bereits erwähnten Dharmakaya-Reliquien-Mantras (Tsugtor Drime, Sangwa Rigsel, Özer Drime, Jangchub Gyänbum). Dann braucht man natürlich auch noch andere Mantras, wie das entsprechende Namens-Mantra oder Essenz-Mantra der Gottheit (beim Füllen von Statuen), das Mantra des bedingten Entstehens (tib., rten ‚brel snying po), die Sanskrit-Vokale und -Konsonanten (Ali Kali) usw. Neben den Mantras kommen auch noch bestimmte Substanzen hinein. Diese sind das Lebensholz (tib. srog shing), das den Zentralkanal bzw. die Weltenachse darstellt; Räucherwerk in Pulverform; Kräuter; getrocknete Blüten; Weihrauch und Sandelholz. Verschiedene, in kleinen, luftdicht verschlossenen Gefäßen abgefüllte Nahrungsmittel, wie Getreide, Tee, Salz, Butter, Alkohol usw. Zusätzlich kann man auch noch Medizinpillen, Nektarpillen, geweihten Sand von einem Mandala, Erde und Wasser von gesegneten Plätzen wie den vier heiligen Stätten des Buddhismus oder anderen yogischen Praxisplätzen, Gold, Silber, Edelsteine, Münzen. Außerdem braucht man noch roten bzw. gelben Stoff und fünffarbiges Garn. Natürlich können auch verschiedene Klebstoffe hilfreich sein, aber man kann die Statuen dann auch mit flüssigem Bienenwachs versiegeln.

Lebensholz

Innere Reliquien bestehen aus heiligen Schriften in Form von Mantras oder Gebeten und wertvollen Gegenständen, die von einem Lebensholz (tib., srog shing) in der Mitte unterstützt werden und das die Lebensachse oder Weltenachse darstellt. Das Lebensholz muss ein fruchttragender Baum mit duftenden Blättern wie Wacholder, Zypresse oder Sandelholz sein. Es ist zu einem vierkantigen Holz geschnitten, das sich zur Spitze hin verjüngen, während seine Basis in Vajra-Form gehalten wird. Das Lebensholz ist rot bemalt und die Mantras werden an den vier Seiten in Gold geschrieben. Die Größe dieser Lebensachse hängt von der Höhe der Statue oder des Stupas ab.

Dharani-Mantras

Mantra-Rollen sind ein wichtiger Bestandteil beim Füllen der religiösen Gegenstände. So werden heilige Schriften oder Mantras gedruckt und gerollt, aber jede Rolle ist markiert, um die richtige Reihenfolge der Schriften für die Befüllung zu gewährleisten, da die Ansicht besteht, dass die Befüllung von Schriften mit dem Schriftkopf nach unten schädlich ist. Die Mantra-Rollen werden um ein Räucherstäbchen gewickelt, das die Stabilität gewährleistet. Markiert wird die Oberseite mit roter Farbe. So weiß man, dass die Schriftrollen aufrecht im Objekt stehen.

Befüllung

Verschiedene andere wichtige Komponenten, wie Reliquien von Körper, Rede und Geist großer Lamas, Edelmetalle und eine kleine Statue (Terma), werden um das Lebensholz gelegt, das dann in Seidenbrokat gehüllt wird. Nachdem das Lebensholz fertig bemalt und beschrifte ist, werden Mantra-Rollen, die auf Papier gedruckt sind und mit Sandelholzpulver und Weihrauch gefüllt sind, darum herum angeordnet. Die ausgestopften Gegenstände halten die Reliquien-Gegenstände fest in ihrer jeweiligen Position. Wenn jeder mögliche Zwischenraum vollständig ausgefüllt ist, wird der Boden mit einer Bronzeplatte versiegelt. Schließlich werden die Statue bzw. der Stupa im Rahmen einer Zeremonie gesegnet, um als Objekt für Verehrung und Zuflucht zu dienen.

Teile davon sind aus dem Handbuch Wissenswertes zum Befüllen mit Dharanis & Reliquien. (gzungs’bul mthong bas shes pa). Andere Quellen und persönliche Unterweisungen durch Lehrer ergänzen diese Darstellung. Möge es nützlich sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 2. Dezember 2018

Kurze Geschichte der Nyingma-Tradition

Die Nyingma-Schule hat eine ununterbrochene Linie erleuchteter Meister von Mantrayana und Sutrayana von der Gegenwart bis zu den Schülern von Shakyamuni Buddha. Wörtlich ist sie als die Schule der Alten bekannt.

Buddha Shakyamuni und die Nyingma-Tradition

Vor mehr als 2.500 Jahren hat uns der Shakyamuni Buddha, der vierte Buddha, in die verheißungsvolle Zeit (Kalpa) hineingeführt, in der wir noch leben und in der sich tausend Buddhas manifestieren werden. Er offenbarte sich als Buddha, indem er die zwölf Taten erfüllte, die alle Buddhas vollbringen:

  1. Herabkunft aus dem himmlischen Bereich von Tushita;
  2. Eintritt in den Mutterleib von Mayadevi;
  3. körperliche Geburt in den Shakya-Klan in Lumbini;
  4. Studium der Künste und Wissenschaften;
  5. weltliche Freuden des Familien- und Palastlebens;
  6. Lossagung von der Familie und Aufgabe des Besitzes;
  7. Übung der Askese an den Ufern des Nairanjana-Flusses;
  8. Hervorbringung von Bodhichitta unter dem Bodhi-Baum;
  9. Bezwingung der dämonischen Kräfte Maras;
  10. Erlangung der vollkommenen Erleuchtung;
  11. Drehen des Dharmarades (d.h. „Lehrzyklen“) in Varanasi und
  12. Eingehen ins Parinirvana in Kushinagar.

Er drehte dreimal das Rad des Dharma. Das heißt, er lehrte drei verschiedene Zyklen oder Lehrsammlungen.

Zuerst lehrte Buddha die vier edlen Wahrheiten, die Wahrheit vom Leiden, die Wahrheit von der Ursache des Leidens, die Wahrheit von der Beendigung des Leidens und die Wahrheit des Pfades, der zur Beendigung des Leidens führt. Dies ist die Basis des Hinayana.

Am Geierberg in Rajgir lehrte er als dann die Vollkommenheit der transzendenten Weisheit (Prajnaparamita) sich als Leerheit bzw. als grundlegenden Leersein von Eigennatur charakterisiert. Der wohl bekannteste Satz daraus ist: „Form ist Leere und Leere ist Form.“ Er lehrte dies einem gemischten Publikum von Männern, Frauen, Sramaneras, Bhiksus, Bhiksunis, Bodhisatvas (einschließlich Manjushri, Avalokitsvara, Vajrapani und Maitreya).

Schließlich legte er die Lehre von der absoluten Wahrheit den übernatürlichen Wesen, Göttern, Bodhisattvas, Nagas, Raksas, Raksasas und den Menschen dar.

Der Buddha hat uns 84.000 Arten von Lehren hinterlassen, genug für eine angemessene Lehre für jede Art von Geistesfähigkeit und Veranlagung. Diese können in drei, neun, zwölf, vierzehn und fünfzehn Yanas oder Fahrzeuge klassifiziert werden.

Der erste Lehrzyklus befasste sich mit dem Hinayana, der zweite und der dritte mit Mahayana. Dazu siehe auch Yanas.

Yanas – die spirituellen Ansätze

Die Lehren des Shravakayana bilden die Grundlage für alle buddhistischen Studien und Übungen, während die Lehren des Bodhisattvayana die Basis für das Sehen und Üben des großen Fahrzeugs, des Mahayana sind. Das Bodhisattvayana beinhaltet die Sutrayana-Lehren wie Prajnaparamita und Tathagatagarbha und die Mantrayana-Lehren, die in Tausenden von Tantras offenbart werden.

Das Tantrayana oder Vajrayana wurde traditionell zuerst auf Wunsch von König Indrabodhi von Oddiyana privat unterrichtet. Er lehrte ausgewählte Schüler von hohem Verdienst, wie man phänomenale Erscheinung in ein reines Mandala verwandeln kann. Um dies zu lehren, strahlte er das Guhyasamaja-Mandala aus, gab ihm die Ermächtigung und gab dann die tantrischen Lehren. So wurde es getrennt von den drei Drehungen des Dharmas gelehrt. Er prophezeite auch, dass er in einer zukünftigen Zeit das Vajrayana unterrichten würde. Im Mahaparinirvana-Sutra sagte er, er würde in einem See wiedergeboren. Dies wurde erfüllt durch dieGeburt von Padmasambhava, auch bekannt als Pema Jungne, der Lotusgeborene Guru odereinfach Guru Rinpoche.

Die Ansicht im Hinayana ist, dass Shakyamuni seine Lehren an versierte Schüler wie Kashyapa, Ananda, Shanavasika, Upagupta usw. übertrug. In den Schilderungen des Mahayana wird berichtet, dass dieses durch die Boddhisattvas einschließlich Maitreya, Manjusri usw. alsVermittler an Nagarjuna, Aryadeva, Asanga, Vasubandhu, Gunaprabha, Sakyaprabha, Dignana und Dharmakirti übermittelt wurde; zu den beiden wunderbaren Lehrern Santideva und Candragomin; zu den vier großen Lehrern Mahabrahmana Saraha, Dharmapala, Rahula und Virya. Die tantrischen Vajrayana-Lehren wurden durch Vajrapani und die vierundachtzig Mahasiddhas übertragen.

Das Vajrayana wird innerhalb der Nyingma-Tradition in äußere und innere Tantras eingeteilt. Die äußeren Tantras sind Kriyatantra, Caryatantra und Yoga-Tantra. Die inneren Tantras sind Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga. Die inneren Tantras gehören spezifisch zur Nyingma-Tradition. In der Sarma-Tradition, den Schulen der neueren Übersetzungen wie Sakya, Kagyü, Gelug, Jonang usw. gibt es das Anuttaratantra, das in Vater-, Mutter- und nonduales Tantra eingeteilt wird. Die ersten beiden Tantra-Klassen in der Nyingma-Tradition wurden an König Indrabodhi weitergegeben. Sie wurden durch die Vidyadaras Kukkuraja, Lilavajra, Buddhaguhya, Padmasambhava und andere übertragen. Das Atiyoga wurde an den ersten menschlichen Vidyadhara Garab Dorje an Manjusrimitra, Sri Simha, Jnanasutra, Vimalamitra, Padmasambhava und andere weitergegeben.

Padmasambhava

Fünf Jahre nach dem Parinirvana von Shakyamuni Buddha taucht, wie vorausgesagt, Guru Padmasambhava, der Lotusgeborene Guru in Oddiyana auf, um die Lehren des Mantrayana zu übertragen, die als innere Tantras bekannt sind: Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga.

28 Jahre nach dem Parinirvana des Buddha erhielt König Indrabodhi von Zahor, auch bekannt als König Dza, die Übertragung der Tantras des Mahayoga und Anuyoga vom Bodhisattva Vajrapani. Er begann eine lange Reihe von Vidyadharas, die diese Lehren für viele Jahrhunderte in Indien verwirklicht und verbreitet hatten.

Garab Dorje wurde 166 Jahre nach Buddhas Parinirvana in Oddiyana im Nordwesten Indiens geboren. Er war eine Inkarnation von Vajrasattva. Er war der erste Mensch, der die Atiyoga Tantras unterrichtete. Er übergab die Atiyoga an Manjushrimitra, eine Emanation des Boddhisattva Vajrapani zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Im Gegenzug übermittelte er sie Shri Simbha. Er erkannte sie und gab sie an Jnanasutra, Buddhaguhya und an die Meister weiter, die sie nach Tibet brachten: Vimalamitra, Padmasambhava und Vairotsana.

Während des 7. bis 8. Jahrhunderts übertrug Lilavajra die Mahayoga-Tantras an Buddhaguhya, Padmasambhava und Vimalamitra, die später die Lehren nach Tibet brachten.

Möglicherweise gelangten einige dieser Lehren im 5. Jahrhundert nach Tibet. Dennoch begann sich der Buddhismus erst im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung systematisch und allgemein zu etablieren. König Trisong Detsen (ca. 742 n. Chr.) lud den indischen Abt Shantarakshita nach Tibet ein, um ein großes Kloster zu errichten. Nachdem er auf Schwierigkeiten gestoßen war, bat er um Hilfe bei einem tantrischen Praktizierenden, Padmasambhava.

Padmasambhava ist als der zweite Buddha im gesamten Himalaya bekannt. Sein Vermächtnis ist in der gesamten Region zu finden und in vielen Höhlen, in denen er meditiert hatte, sieht man immer noch Handabdrücke und Fußabdrücke, die er in soliden Felsgeprägt hat, so groß war seine außergewöhnliche Kraft.

Nach dem Vorbild des berühmten Otantapuri-Tempels in Bihar wurde das Samye-Kloster schließlich fertiggestellt. Die 84.000 Lehren des Dzogchen, die von Bodhgaya in Indien und anderswo erhalten wurden, wurden von Padmasambhava in Tibet eingeführt. Unter der Leitung von Padmasambhava beaufsichtigen Vimalamitra und Vairotsana die Übersetzung der Mahayoga-, Anuyoga- und Atiyoga-Tantras in Tibetisch, und mehr als hundert tibetische und indische Panditas übersetzten die meisten der damals bekannten buddhistischen Lehren in Tibetisch. Buddhaguhya, der berühmte Panditavon Nalanda, übertrug die Mahayoga-Lehren an tibetische Schüler wie Nyag Jnanakumara, die sie nach Tibet brachten.

Die inneren Tantras wurden auf zwei Arten von Generation zu Generation übertragen. Die Kama-Übertragung (lange Übertragung, d.h. die mündliche Überlieferung) wurde von einem realisierten Meister an einen Schüler weitergegeben, die so über einen langen Zeitraum eine ununterbrochene Kette von Individuen darstellen, und die Terma-Übertragung (kurze Übertragung durch spirituelle Schätze). Letzteres wird aus Lehren abgeleitet, die von Padmasambhava und seiner spirituellen Gefährtin Yeshe Tsogyal verborgen wurden, um entdeckt zu werden, wenn die Umstände von Tertons (Schatzfinder) richtig waren. Sie sind daher eine sehr direkte Kommunikation und sind den Umständen jetzt angemessen, während die lange Übertragung die Gewissheit bietet, zu wissen, dass sie von einer Reihe von Personen zuvor funktioniert und realisiert wurde.

Terma – die Tradition der spirituellen Schätze

Die Übertragung des Schatzes umfasst die unzähligen Schatztexte, die von nachfolgenden Schatzmeistern enthüllt wurden, die im 9. Jahrhundert von Guru Rinpoche selbstverborgen wurden, sowie zahlreiche Lehren, die später durch erleuchtete Gedanken und meditative Visionen von Nyingma-Meistern enthüllt wurden. Hunderte von Meistern sind aufgetaucht, die Schätze enthüllt haben. Unter ihnen sind Nyangral Nyima Özer (1124-92), Guru Chowang (1212-70), Dorje Lingpa (1346-1405), Padma Lingpa (geb. 1405) und Jamyang Khyentse (1820-1892) als die Fünf Könige unter den Tertöns bekannt. Ihre offenbarten Schätze betreffen unter anderem den Zyklus von Lehren und Meditationen im Zusammenhang mit Avalokiteshvara, den Sadhanas von Guru Rinpoche, den Dzogchen-Lehren, dem Kagye-Zyklus von Lehren, dem Vajrakila-Zyklus von Lehren, Medizin und Prophezeiungen.

Neben dem üblichen Mahayana-Kanon von Kagyur und Tengyur können viele weitere Lehren in derSammlung von 100.000 Nyingma-Tantras gefunden werden, die im 13. Jahrhundert von Tertön Ratna Lingpa (1403-1473) zusammengestellt und von Kunkhyen Longchen (1308-1363) organisiert wurden. Daneben haben zahlreiche Werke, wie die von Jamyang Kongtrul (1813-1899) zusammengestellten sechzig Bände des Rinchen Terdzö, sowie die Schriften von Rongzom, Dodrupchen, Patrul, Mipham und vielen anderen die reichhaltige Sammlung der Nyingma-Literatur erweitert.

Yeshe Tsogyal, König Trisong Detsen, Vairocana der Übersetzer, Nyag Jnanakumara, Sangye Yeshe und Rinchen Chog und andere der 25 Schüler von Padmasambhava wurden mit derVerantwortung beauftragt, den Dharma an zukünftige Generationen weiterzugeben. Sie alle wurden wiederholt als Meister von Kama und Terma wiedergeboren, um nachfolgende Generationen von Praktizierenden zu führen und die Nyingma-Schule bis heute zu schützen.

Im Gegensatz zu den anderen buddhistischen Traditionen wurden die Nyingmapas erst viel später in ihrer Geschichte institutionalisiert. Abgesehen von Samye wurden bis zum 12.Jahrhundert keine größeren Klöster errichtet.

Diese erstePeriode wurde als frühe Übersetzung-Tradition bezeichnet. Diejenigen, die dieTradition praktizierten, aus der sich diese Tradition ergab, wurden schließlich als Nyingma (die Älteren) bezeichnet, um sie von den Nachfolgern zu unterscheiden spätere Traditionen, die später als Sarma (die Neueren) bekannt wurden.

Unterschied zwischen Alt und Neu

Nach der Ermordung des letzten Dharma-Königs, 836 u.Z., führte sein Bruder, König Langdarma, Krieg gegen den Buddhismus und die Klöster wurden zerstört. Geschützt von den Schülern von Padmasambhava und Vimalamitra, überlebte der Buddhismus in Tibet durch die Linie der ordinierten Mantra-Praktizierenden oder „Ngakpas und Ngakmos“.

Die Vinaya (Mönchs-)Sangha wurde von drei Mönchen, sMar, Rab und gYo, konserviert, die heilige Texte in die abgelegene Provinz Amdo schmuggelten, wo sie sicher aufbewahrt werden konnten.

Die offizielle Verfolgung dauerte nur etwa ein Dutzend Jahre, aber Tibet blieb verwirrt. Tibet hatte sich in zehn kleine Königreiche zersplittert. Erst im 10. Jahrhundert u.Z. begannen die Tibeter die zerstörten Klöster und Tempel wieder herzustellen. Langsam begannen die Praktizierenden einen Austausch des Dharma mit Indien zu pflegen und reisten nach Indien oder kamen nach Tibet. Von diesen war der wichtigste Smrtijnanakirti (892 – 975).

Im Ugpalung-Kloster in Zentraltibet sammelte der Nyingma-Meister Zurpoche Shakya Jungne im 10. Jahrhundert tausende von Texten und klassifizierte und arrangierte Tantras zusammen mit ihren Kommentaren, Übungen und Ritualhandbüchern.

Angeführt von Rinchen Zangpo (957 – 1055), der im 10. und 11. Jahrhundert in Kaschmir studiert hatte, kam es zu einer zweiten Welle der Übersetzung und Interpretation, die zur Neuübersetzung der Sarma führte. Die daraus resultierenden Traditionen dieser zweiten Welle umfassten die Kadam (später zur Entwicklung des Gelugs), Sakya, Kagyü, Shangpa Kagyü, Chöd und Zhije, Kalachakra und Urgyen Nyendrub. Zusammen mit dem Nyingma werden diese manchmal als die Acht Streitwagen der geistigen Errungenschaft bezeichnet.

Alle wichtigen Sutrayana-Lehren des Buddha und die Sastras der Mahapanditas wurden von den neuen Schulen in überarbeiteten und modifizierten Übersetzungen erhalten und bilden ein Erbe, das alle Schulen gemeinsam haben. Die Texte der inneren Tantras, die in der Frühzeit übersetzt wurden, sind das einzigartige Erbe der Nyingma-Schule.

Bedeutende Nyingma-Zentren

Das Nechung-Kloster wurde in Zentraltibet von Chokpa Jangchub Palden und das Kathok-Kloster in Kham von Ka Dampa Desheg (1112-92 n. Chr.) Im Jahr 1159 gegründet. Ab dem 15. Jahrhundert wurden große Klosteruniversitäten gebaut, darunter Mindroling, das 1676 von Rigzin Terdag Lingpa, auch als Minling Terchen Gyurme Dorje (1646-1714) bekannt, und Dorje Drag, gegründet von Rigzin Ngagi Wangpo in Zentraltibet, 1659 gegründet wurde. Palyul wurde von Rigzin Kunsang Sherab im Jahre 1665 gegründet; Dzogchen wurde von Dzogchen Pema Rigzinim Jahr 1685 und Zhechen von Zhechen Rabjampa im Jahr 1735 in der Provinz Kham erbaut. In Amdo wurden Dodrubchen- und Darthang-Klöster gegründet.

Textsammlungen

Im 15. Jahrhundert wurden die im Kloster Ugpalung aufbewahrten inneren Tantras vom Nyingma-Meister Ratna Lingpa in einer Sammlung zusammengefasst, die als Nyingma Gyübum bekannt ist.

Orgyen Terdag Lingpa und Lochen Dharmashri sammeln alte Nyingma Kama-Texte zusammen und bewahren sie im 17. Jahrhundert n. Chr. auf.

Im 18. Jahrhundert verifizierten Künkhyen Jigme Lingpa und Gertse Mahapandita die Echtheit der Nyingma Gyudbum-Texte im Inneren Tantra und verfassten Kataloge und Geschichtenfür eine Blockdruckausgabe in Derge, Osttibet.

Während des 19.Jahrhunderts sammelten Jamyang Khyentse Wangpo, Jamgön Kongtrul Lodro Thaye und Chogyur Dechen Lingpa tausende von Terma-Schatztexten aus ganz Tibet zusammen und schufen so eine Sammlung, die als Rinchen Terdzö bekannt ist.

Die Nyingma-Tradition klassifiziert die Lehren in 9 Yanas oder Fahrzeuge. Diese können jeweils als in sich vollständig betrachtet werden, in Grund, Pfad und Frucht eingeteilt werden oder alternativ als Schritte entlang eines Kontinuums in Richtung der großen Vollkommenheit verstanden werden. Es wird auch gesagt, dass jedes die anderen Yanas enthält.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. November 2018

Dzogchen oder Meditation

Meditation“ (tib., sgom) ist ein willentlicher Akt, also eine Geistestätigkeit, bei der der gewöhnliche Geist aktiv etwas macht, d.h. man kultiviert, pflegt etwas, man gewöhnt sich an etwas, was vorher so noch nicht da war. Man bemüht sich also um etwas, muss sich anstrengen, damit ein Resultat erzielt wird. Dabei stellt man sich etwas vor oder man „denkt“ sich etwas. Im Tibetischen wird das auch als „bsam“ genannt. Der tibetischen Begriff „Samten“ (tib., bsam gtan) – Konzentration – kommt davon. Man konzentriert den Geist auf etwas, das als Stütze dient, damit der umherwandernde Geist gebunden wird und die Gedankenketten (diskursives Denken, begriffliches Denken) aufhört. Irgendwann gelangt man aufgrund der Praxis zu bestimmten Einsichten und Realisationen. Soweit so gut, aber nicht im Dzogchen.

Im Dzogchen zeigt der Lehrer dem Schüler die Natur des Geistes auf, d.h. er gibt die Ermächtigung in die manifestierende Fähigkeit des ursprünglichen Gewahrseins (tib., rig pa rtsal dbang). Ohne diesen Akt funktioniert nichts im Dzogchen. Nachdem der Schüler nun die Natur seines Geistes, die frei von diskursiven Gedanken ist, frei und offen wie der Raum ist, aber dennoch eine inhärente Klarheit und Lichtheit aufweist, ein allererstes Mal erkannt hat, beginnt er sich an diese Natur des Geistes mittels Erkennen zu gewöhnen, bis er schließlich völlige Vertrautheit damit erlangt hat. Doch diese Art von Praxis nennt man nicht mehr „Meditation“, sondern „Kontemplation“. Jegliche willkürliche Geistestätigkeit, also etwas imaginieren, etwas pflegen, kultivieren, sich etwas denken und vorstellen, macht diesen natürlichen Zustand zunichte. Wenn man jetzt allerdings der Meinung ist, einfach so zu sitzen und Gedanken vorüberziehen zulassen, wär schon die Realisation, dann verfehlt man das Ziel, weil wenn die Natur des Geistes nicht gekannt wird, weht einem nur der kühle Wind um die Nase. Nur allzu leicht versteigen sich die Leute dann in den subtilen Geistesregungen und übersehen, wie ihre Projektionen anwachsen und verwechseln diese dann mit reinen Erscheinungen. Wenn Leute darin hängen bleiben, sind sie meist für den Pfad verloren, da sie ihren geistigen Mist für Buddha-Manifestationen halten.

Natürlich tauchen auch später noch immer Gedanken auf, aber die werden in ihrer Essenz erkannt. Gedankenketten entstehen so nicht, da sie sich bereits bei ihrem Entstehen wieder auflösen, so wie eine Zeichnung auf dem Wasser. Nun gut, soweit mal der Ansatz über Trekchö, wo die uranfängliche Reinheit (tib., ka dag) realisiert wird. Thögal ist eine andere, meist nachfolgend gelehrte Methode, die mit der spontanen Präsenz (tib., lhub sgrub) der Klar-Lichtheit dieser Natur des Geistes arbeitet. Nun, das ist der Ansatz über die Upadesha-Klasse (tib., man ngag sde).

Dann gibt es noch zwei andere Ansätze, 1) die Geist-Kategorie (tib., sems sde), bei der es vier Stufen der Praxis gibt, die nacheinander praktiziert werden und ähnlich den vier Stufen der Mahamudra sind; und 2) die Raumkategorie (tib., longs sde), die auch vier Stufen aufweist, die allerdings alle auf einmal praktiziert werden.

Mittlerweile ist es so, dass überwiegend die Upadesha-Kategorie gelehrt wird. Die Semde und Longde werden gegenwärtig äußerst selten unterrichtet. Recht interessante Abhandlungen finden sich bei Chogyur Lingpa in seinem Dzogchen Desum – den drei Dzogchen-Kategorien – wo er alle behandelt. Auch bei den Bön finden sich ausgezeichnete Darlegungen zu diesem Thema. Da Buddhisten und Bönpos im Dzogchen keine essentiellen Unterschiede aufweisen, sind die Darlegungen von beiden sehr inspirierend.

Und noch etwas sei angemerkt, im Dzogchen ist es vor einer Einführung in die Natur des Geistes ratsam, die verschiedenen Praktiken des Khorde Rushen (tib., ‚khor ‚das ru shan) auszuführen, um über Körper, Rede und Geist eine Trennung von Samsara und Nirvana vorzunehmen. Das sind die grundlegenden Übungen für die Upadesha-Kategorie. Wesentlich für den gesamten Pfad ist jedoch das Guru-Yoga. Ohne diese ernsthafte Hingabe an Guru, wird der zündende Funke beim Aufzeigen der Natur des Geistes nichts bewirken, und die ganze Einführung verbleibt auf einem intellektuellen Niveau.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. November 2018

Ich-Anhaftung abschneiden – Über die Grundsätze des Chöd

Das tibetische chos lus byin heißt wörtlich „die Lehre der Körperdarbringung“. Bei dieser Praxis wird im Rahmen einer Visualisation der gewöhnliche Körper, der als Grundlage für das Greifen nach einem Ich gilt, dargebracht. Dies klingt zunächst vielleicht etwas morbid, ist aber eine außerordentlich wirksame Methode, da wir beständig Vorstellungen und Konzepte von uns und der Umwelt – den anderen – aufbauen und lebhaft aufrechthalten. Allgemein kann man sagen, dass die Praxis des Chöd sehr rasch zur Verwirklichung führt, da das Greifen und Klammern nach inhärenter Existenz an seiner Wurzel durchtrennt wird.

Wie Machig Labdrön in ihren Erklärungen zur Praxis des Chöd sagt: „Am Beginn des Chöd sind der Geist der Unwissenheit und seine mit ihm entstandene Ich-Fixierung die Wurzel aller Probleme, Grundlage aller diskursiven Gedanken, der getäuschte Verstand, der alle störenden Gefühle entstehen lässt, das aufgeblähte Objekt. Dieser unwissende, verdunkelte Geist muss durch die zeitlose Weisheit des selbsterkennenden Gewahrseins (rang rig) abgeschnitten werden. Ferner ist es zu Beginn der Dharma-Praxis von entscheidender Notwendigkeit herauszufinden, dass die Ich-Fixierung die Wurzel der Selbstgefälligkeit der Unwissenheit ist. Aber das Bereinigen der Ignoranz von Anfang an und das Abschneiden werden nicht einfach so geschehen. Indem man den Geist beständig im Nicht-Selbst übt, wird die Wurzel der Überhöhung der Ich-Fixierung abnehmen. Dann wird das transzendente Wissen vom Nicht-Selbst zunehmen und du wirst allmählich die Pfade voranschreiten, von der Ansammlung über die Vorbereitung usw. den Mara des überhöhten Objekts abschneiden und die Geburt der erleuchteten Eigenschaften ereignen sich zur selben Zeit.

Körpergabe

Die Visualisation für diese Praxis kann ganz einfach erfolgen oder auch sehr detailreich sein. Sie kann mit demVisualisieren eines Zufluchtsfeldes beginnen. Aber allen Praktiken des Chöd ist gemeinsam, dass man das eigene reine Bewusstsein über den Zentralkanal in den Raum hinaus befördert. Dieses verwandelt sich in die Vajrayogini (oder in anderen Chöd-Praktiken in Thröma Nagmo) und dann wird der gewöhnliche Körper, der nun als Leiche vorhanden ist, von der Yogini zerstückelt, auf einem riesig großen Herd, gemacht aus der Schädelschale des Leichnams, aufgekocht und inNektar verwandelt, der die Wesen befriedigt. Dann werden die vier Klassen derGäste eingeladen und man bringt den beiden oberen Klassen – den Buddhas, Bodhisattvas, Meditationsgottheiten, Dakinis und Schützern – Opfergaben dar. Durch diese Gabendarbringung wird Verdienst angesammelt.

Die dritte Klasse der fühlenden Wesen wird gereinigt. Sie werden in die entsprechende Dakini verwandelt und ihre Bereiche werden zu reinen Ländern. Diese Darbringung der Gaben des Mitgefühls an die Wesen der sechs Bereiche erfolgt aufgrund des Bodhisattva-Versprechens.

Die vierte Klasse – die der karmischen Schuldner und Gläubiger – bekommt auch ihren Nektaranteil, um die Forderungen und Schulden zu bereinigen. Auf diese Weise werden karmische Hindernisse bereinigt, sodass diese keine Störungen mehr bereiten. Was kann man sich nun unter „karmischen Schuldnern und Gläubigern“ vorstellen? Üblicherweise zeigen sich die durch störende Gefühle, die man anderen Wesen gegenüber empfindet. Man kann sich diese emotionalen Störungen rational nicht erklären, aber wenn diese eine bestimmte Person mit einem interagiert, dann fühlt man sich unweigerlich belästigt.

Ein Beispiel, um das etwas zu verdeutlichen. Eine Person A gab einer Person B Geld und diese versprach, es zurück zu zahlen. Jedoch vor der Rückzahlung verstarb diese Person A und die ausstehenden Schulden wurden nicht in den Nachlass aufgenommen. Heimlich freute sich Person B daran, dass sie nun die Schulden nicht bezahlen musste. In einem nächsten Leben treffen diese beiden wieder aufeinander, jedoch erkennen beide natürlich einander nicht mehr. Person B fühlt sich jedoch auf unerklärliche Weise von der anderen Person immer wieder bedrängt. Person B kann es nicht erklären und das Spiel läuft solange, bis ein Akt der Begleichung der Schulden eintritt. Da aber beide sich nicht mehr an ihre früheren Leben erinnern, weil sie nun in anderen Erscheinungsformen aufeinander treffen, gelingt ein Ausgleich nur sehr selten. Jedoch fühlen sich beide auf irrationale Weise aneinander gebunden und entwickeln Gefühle der Forderung bzw. der Abwehr.

Natürlich gibt es auch noch andere Schulden, wie „Fleischschulden“, die aufgrund des Verzehrs von Fleisch, aber auch schon durch die Nahrungsaufnahme allein erfolgen. Solche Forderungen und Schulden werden durch die Gabe des Mitgefühls an die vierte Klasse der Gäste bereinigt.

Wesensbegegnungen dieser Art können auch für die Betreffenden wie Begegnungen mit Dämonen sein. Man braucht sich unter demBegriff „Dämonen“ jetzt nicht sofort etwas aus Filmen vorstellen, obwohl diese Darstellungen für die Visualisationen durchaus hilfreich sind. Wie in den Lehren der Machig Labdrön über die weltlichen Götter und Dämonen vermerkt ist, versteht man unter Dämonen, alles was hinderlich für einen ist und Götter sind alle hilfreichen Lebensaspekte. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Nachdem die Wesen nun ihre entsprechenden Gaben erhalten haben, sind alle Wesen zufriedengestellt und man kann den beiden unteren Klassen den Dharma lehren. Das Lehren des Dharmas erfolgt sehr essentiell und basiert auf einem Spruch aus dem Pratimoksha-Sutra und der Übersetzung des Mantras des bedingten Entstehens.

Erweiterungen

In der Chöd-Ermächtigung, genannt „Das Öffnen des Himmelstores“, wird Nyima Senge für die spezielleÜberlieferung des Chöd zitiert. Dort merkt er an, dass „diese heiligen Lehren des Durchtrennens der Dämonen […] die Lebensessenz der Dakinis der Mutter-Tantras [sind]. Sie sind die mündlichen Anweisungen der überragenden  Lehrer. Sie sind die auf Erfahrung basierenden Anweisungen der Verwirklichten. Sie sind ein Juwel, das alle Bedürfnisse und Wünsche erfüllt. Sie sind ein Nektar, der hundert Krankheiten kuriert. Sie sind ein Heilmittel, das hundert dämonischeEinflüsse unterwirft. Sie sind das zeitlose Erkennen, das die fünf Gifte unter wirft. Sie sind das Schwert des Höchsten Erkennens, das die Täuschung durchtrennt.“ Das ist deshalb möglich, weil aufgrund des visualisierten Darbringens des Körpers, der die Basis für Greifen und Festhalten ist, im Geist kein Gefühl von Entität beibehalten wird und Angriffe jeglicher Art dadurch insLeere gehen.

Es gibt unterschiedlichste Visualisationen und Absichten, je nach Erfordernis, die man mit der Praxis des Chöd zusammen ausüben kann. Man kennt dabei die Weiße Gabe, die Bunte (oder Gemischte) Gabe, die Rote Gabe und die schwarze Gabe, und diese werden bedarfsweise mit anderen begleitenden Praktiken kombiniert um Krankheiten zu heilen o.a. zu vollbringen.

Der berühmte Kagyü-Lehrer Karma Chagme hat ein Kompendium an Chöd-Praktiken basierend auf den Lehren der Machig Labdrön und der Niederschrift des 3. Karmapa Rangjung Dorje zusammengestellt, das als „Kostbare Girlande an Chöd-Praktiken“ (Tshogle Rinchen Threngwa) bekannt ist und auch selbst eine Praxis des Chöd imTraum empfangen. In dieser Traumanweisung zum Chöd schreibt er, „dass sogar sterbende Menschen zwölf Jahre durch eine bestimmte Visualisation länger leben würden, wenn sie diese Traumprophezeiung hören würden.“ Und weiter sagt er, dass „diese Visualisation, wenn sie für einen selbst oder andere ausgeführt wird, ist dazu geeignet, um Krankheiten und Hindernisse zu beseitigen. Wenn man sich der Wünsche des Textes nicht mehr erinnert, ist es auch ausreichend, den Vorgang zu visualisieren.“

Abschließende Bemerkungen

Welche Visualisationen genau anzuwenden sind, sollte immer von einem qualifizierten Lehrer erfragt werden. Damit die Praxis des Chöd auch von Erfolg gekrönt ist, muss man die erforderlichen Ermächtigungen in diese Praxis wie z.B. „Das Öffnen des Himmelstores“ oder eine Ermächtigung in Thröma Nagmo empfangen haben und ebenso auch die Textübertragungen inklusive der hinweisenden Erklärungen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. November 2018

Wie Täuschung auftaucht

fee-3041679_1920Wenn dieser Grund nicht genau so erkannt wird, wie er ist, dann wird er durch vorübergehende Täuschung verunreinigt. Dadurch wird der Grund in einer fehlerhaften Art und Weise erfahren und aufgefasst. Dies ist als der „konstruierte Grund der Täuschung“ und „unreine Erscheinung der Täuschung“. Obwohl der grundlegende Raum des ursprünglichen Grundes ursprünglich rein ist, ist er von Natur aus untrennbar von seinen eigenen spontan vorhandenen Erscheinungen. Sie sind eine Einheit. Aufgrund dieser entscheidenden Tatsache geschieht es, dass sich Buddhas manifestieren, wenn der natürliche Zustand verwirklicht wird, wohingegen sich Lebewesen manifestieren, indem sie dieses Erkennen versäumen.
Im Allgemeinen ist das, was wir „Geist“ nennen, etwas, das sich der Objekte bewusst ist. Wäre dies nicht der Fall, wäre eine Täuschung unmöglich, ebenso wie die Verwirklichung von Tatsachen, die frei von Täuschung sind. Die natürliche Disposition des Geistes besteht darin, Objekte zu erfassen. Es ist daher möglich, dass die Natur eines Gegenstandes richtig erfasst wird, beispielsweise ein Seil als Seil wahrgenommen wird. Wird der Geist jedoch durch verschiedene Umstände in die Irre geführt, kann er auch fehlerhaft wahrnehmen, etwa wenn ein Seil als Schlange gesehen wird. Ebenso kann die Selbstdarstellung, die spontan durch die ungehinderte Ausstrahlung des uranfänglichen Bewusstseins erscheint, als Objekte aufgefasst werden. Aus diesem Samen der dualistischen Täuschung erwachsen die Erscheinungen des Daseins in einem gewaltigen Ausmaß.
Dieser Zustand ähnelt Wasser, das vollständig zu Eis gefroren ist. Aus der Perspektive eines Menschen, der alles erfährt und erfasst, was auf gewöhnliche dualistische Weise erscheinen mag, ist die Tatsache großer Reinheit und Gleichheit nicht offensichtlich. Weil solch ein verwirrter Geist im Konflikt mit dem Pfad der Weisheit steht, der Realität der Natur, die als der Grund schlummert und unsichtbar verweilt. Stattdessen erscheint nichts als Täuschung.
Während die Art und Weise, wie diese Täuschung den natürlichen Zustand verdunkelt, im Detail erklärt werden kann, kann sie auch als die Verdunkelungen der vier Zustände zusammengefasst werden: 1) Während des Wachzustandes bewegen sich die Kognitionen der sechs Bewusstseine grob und klar in Richtung ihre Objekte, die verschiedene gewöhnliche Erscheinungen wahrnehmen. Dies verdeckt die Natur des Nirmanakayas, der die völlige Reinheit von Erscheinung und Existenz innerhalb des magischen Netzes ist. 2) Was beim Träumen erscheint, ist lediglich der energetische Geist. Indem man sich auf die Manifestation dieser verschiedenen substanzlosen, selbst ausdrückenden Erfahrungen fixiert, verdunkelt man die Natur des Sambhogakayas der selbst ausdrückenden Weisheitserkenntnis. 3) Während des tiefen Schlafes ziehen sich die Bewegungen des Geistes und der mentalen Zustände zurück, während man in einen dunklen Zustand völligen Vergessens stürzt. Dies verdunkelt die Natur des nichtkonzeptuellen Dharmakayas. 4) Zum Zeitpunkt des Eintauchens werden alle groben Empfindungen durch den Geschmack der Glückseligkeit ausgelöscht. Greifen und Anhaften verdecken in diesem Zustand die Natur des geeinten Svabhavikakayas.
Wenn man also in fortwährender Täuschung fortschreitet, sieht man die Realität der vier Kayas, die darin weilen, nicht. Diese Täuschungen können unmöglich ohne Ursache auftreten. Man fragt sich daher vielleicht, was als ihre Wurzel zugrundeliegt. In den gewöhnlichen Fahrzeugen wird gesagt, dass sie in dem mentalen Zustand des Nichtgewahrseins selbst verwurzelt sind. In den Tantras des Mantrayanas wird jedoch beschrieben, dass sie in der subtilen karmischen Energie verwurzelt sind, die dualistische Wahrnehmungen im Geist auslösen. Alternativ wird Täuschung auch als die Funktion von subtilem Samen, Ei und Energie beschrieben – die Veranlagung für die Übertragung innerhalb der drei Erfahrungen. Außerdem sagt man, dass die extrem subtile Wurzel dieses energetischen Geistes aus der ursprünglichen und unaufhörlichen Selbstdarstellung hervorgeht. Als solches sollte man verstehen, dass alle Erklärungen des in den verschiedenen Fahrzeugen gefundenen Grundes auf den Grund der großen Vollkommenheit herabfallen.


Von Mipham Rinpoche „Lichthafte Essenz – ein Kommentar zum Guhyagarbha-Tantra“; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. November 2018

Das natürliche Mandala des Grundes

circle-2418236_1920Zu diesem Thema wird gelehrt:

„Ohne Bindung und Befreiung sind dies die Eigenschaften der ursprünglichen und spontan perfektionierten Buddhaschaft.“

Wie dieses Zitat besagt, sind alle Phänomene, die Erscheinung und Existenz umfassen, ursprünglich rein als das Mandala des erleuchteten Körpers, der Rede und des Geistes. Frei von allen Eigenschaften sind sie eine große Gleichheit jenseits von Unterscheidungen und Grenzen. Dieser erleuchtete Zustand ist als das „natürliche und spontan vorliegende Mandala des Grundes“ bekannt. Genau dies wurde im Zusammenhang mit dem Vorspiel erklärt. In diesem essentiellen Zustand ist nie jemand gebunden worden und deshalb wird niemand jemals befreit. Da es frei von allen Aspekten der Dualität ist, ist es auch jenseits von Grenzen und Parteilichkeit. Präsentiert als die Natur der unteilbaren zwei Wahrheiten, ist es als „der wesentliche Grund des natürlichen Zustandes“ bekannt.
Wenn dieser Grund wirklich verwirklicht wird, ist er Nirwana. Wenn er jedoch nicht realisiert wird, ist er der Grund von Samsara. Er wird „Grund“ genannt, weil er die Natur ausnahmslos aller Phänomene von Samsara und Nirvana ist. Weil er in jedem fortwährend und unwandelbar vorhanden ist, von den fühlenden Wesen bis zu den Buddhas, wird er auch „Kontinuum“ genannt. Die Körper und Weisheitserkenntnisse der letztendlichen Frucht manifestieren sich kraft der Verwirklichung der Reinheit dieses Grundes. Aus diesem Grund wird er auch „kausales Kontinuum“ genannt, unter Berücksichtigung der Art und Weise, wie er sich manifestiert.
Mit Bezug auf den leeren Aspekt dieses Grundes sprechen die Mutter der Siegreichen und andere solche Schriften von „dem grundlegenden Raum der Phänomene“, „dem vollkommen Authentischen“ und „der Soheit“. In Anerkennung ihrer Erscheinung als Körper und Weisheitserkenntnisse, bestimmte Sutras, wie jene, die auf das Wesen hinweisen, beziehen sich darauf als „die Essenz des Tathagata“. Hier im Mantrayana der definitiven Bedeutung, wird es als „die Identität“ der großen Reinheit und Gleichheit bezeichnet, „die untrennbaren Wahrheiten von Erscheinung und Leere“ und „das Mandala des Urgrundes“.
Ein „Tathagata“ wird als solcher bezeichnet, weil er diesen Grund, so wie er ist, verwirklicht hat und der so-gegangen ist und zu einem Geschmack mit dem natürlichen Zustand der Soheit geworden ist. In ähnlicher Weise ist ein „Buddha“ jemand, der echte Weisheit in Bezug auf die Bedeutung des höchsten natürlichen Zustands entfaltet hat. Jede Art der Verwirklichung dieses Grundes wird als „der Pfad“ bezeichnet.


Von Mipham Rinpoche „Lichthafte Essenz – ein Kommentar zum Guhyagarbha-Tantra“; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

love-2055960_1920Die falschen Ansichten, die von Wesen in der Welt gehegt werden, sind ohne Zahl, aber sie können als vier Arten zusammengefasst werden: als die der Unreflektierten, der Materialisten, der nihilistischen Extremisten und der eternalistischen Extremisten.

Das äußere Universum – die Sphäre des Zerfalls, die Welt, die aus vergänglichen Dingen zusammengesetzt ist – wird von Lebewesen bewohnt, die lediglich auf das zurückgeführt werden, was der Geist nicht als Kontinuum der fünf Aggregate erkennt. Diese Leute sind in Unwissenheit versunken. Sie weichen von der Wahrheit ab und zeigen durch ihr falsches Verstehen und verschiedene verzerrte Überzeugungen unzählige Ansichten; denn falschem Verständnis sind keine Grenzen gesetzt. Dennoch können diese Ansichten als vier Arten zusammengefasst werden. (Das tibetische Wort für „Art“ – rnam pa – hat mehrere verschiedene Bedeutungen: Ursache, Besonderheit, Ähnlichkeit, Erscheinung, Anzahl und Zustand. Hier sollte es im numerischen Sinne verstanden werden.)

Diese vier sind die Sichtweisen der

  • die Unreflektierenden, die keine Philosophie des Lebens oder spirituelle Praxis haben und ohne tiefere Absichten sind;
  • die Materialisten, deren Name auf Tibetisch (ausgesprochen „gyang penpa“) je nach Schreibweise unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem wie er ausgesprochen wird, entweder rgyang phen pa (wörtlich „Zurückweisende“), weil die Materialisten in ihren Gedanken und mit ihrem Verhalten jegliche Überlegungen betreffend zukünftiger Existenzen beiseite schieben, die sie soweit zurückweisen; oder rgyang phan pa (wörtlich „Suchende nach offensichtlichem Nutzen“), weil sie nur danach streben, was offensichtlich für dieses gegenwärtige Leben von Vorteil ist und kein größeres Ziel hat;
  • die nihilistischen Extremisten (Skt. naisthika)
  • die eteralistischen Extremisten (Skt. tirthika), auf Tibetisch mu stegs pa genannt, weil sie angeblich auf den Stufen (stegs) bleiben, die zum Rand (mu) des Flusses führen, d.h. der Pfad, der in den Ozean des Nirvana mündet.

Der Begriff „Materialist“ kann, wenn er nicht spezifisch verwendet wird, jeden Nicht-Buddhisten außerhalb des Dharmas bezeichnen, wie dies im Parinirvana Sutra der Fall ist, wo zwischen Standpunkt des Buddha und dem der „Materialisten“ eine Debatte geführt wird. Aber hier im Zusammenhang mit einer Beschreibung der vier Arten von Ansichten hat das allgemeine Wort eine bestimmte Verwendung und wird in besonderer Weise für die in diesem Text erwähnte Ansicht verwendet. Darüber hinaus bezieht sich der Begriff hier nicht auf diejenigen mit falschem Verständnis, die „Materialisten“ (lokayatika), die Anhänger von Brihaspati sind und nihilistische Ansichten vertreten, wie die nihilistischen Extremisten. Es bezieht sich vielmehr auf diejenigen, die überhaupt kein Verständnis haben. Diese Materialisten und die Unreflektierenden ähneln sich insofern, als sie das karmische Gesetz von Ursache und Wirkung nicht untersuchen, aber sie unterscheiden sich darin, dass erstere eine gewisse Scharfsinnigkeit besitzen, um die Zwecke dieses Lebens sicherzustellen, während die anderen durch einen gewissen Mangel an Klarheit gekennzeichnet sind. Letztere umfassen die meisten Wesen in den höheren Bereichen. Folglich muss der Ausdruck „diejenigen, die das Gute für dieses gegenwärtige Leben tun“ im Kontext verstanden werden: Wenn immer auf die Anhänger von Brihaspati und dergleichen verwiesen wird, wird die im Wurzeltext beabsichtigte Bedeutung missverstanden. Ein Verständnis des Kontextes von Wörtern mit einer Vielzahl von Bedeutungen ist für die Erklärung aller Abhandlungen unerlässlich.

In Bezug auf all dies kann nun eine Analogie mit einem kostbaren Juwel an einer Kreuzung hergestellt werden. Einige Leute werden es überhaupt nicht sehen, andere werden es als Halbedelstein betrachten, andere werden es als etwas sehr Kostbares betrachten, und andere werden es so sehen, wie es ist. Diejenigen, die es überhaupt nicht sehen (hier „nicht sehen“, hier mit den anderen als eine Art des Sehens eingestuft), sind sinngemäß die Materialisten und die Unreflektierenden, die zusammen präsentiert werden, weil sie die wahre und letztendliche Bestehensweise der Phänomene nicht verstehen. Wie die Arten von Wesen, die hauptsächlich in den unteren Bereichen anzutreffen sind, sind sie so dumpf und dumm wie Vieh und wissen nicht einmal, wie sie in Bezug auf frühere und spätere Existenzen denken sollen. Ihre Ansichten sind die niedrigsten, da es unmöglich ist, eine niedrigere Ansicht zu erhalten. Es könnte argumentiert werden, dass es unangebracht ist zu sagen, dass sie eine Ansicht haben, da sie keinen Pfad verfolgen. Da ihr Verstand jedoch von Unwissenheit erfüllt ist, ist ihre „Sichtweise“ tatsächlich ein Zustand, in dem kein Verständnis gegeben ist. Wenn man also die richtige Sichtweise festlegt, ist ihre Position etwas, was abgelehnt werden muss. Während die meisten Wesen aufgrund ihres dürftigen Denkens und Verstehens an ihrem substantiellen Dasein und an der Sicht des vorübergehenden Zusammengesetzten festhalten, betrachten sie Ursache und Wirkung als real und werden von der Finsternis ihrer Sichtweise niedergedrückt, wobei nichts speziell analysiert wird. Deshalb sprechen wir davon, dass sie eine Sicht haben.


Von Mipham Rinpoche; ein Kommentar zum Lehrtext von Padmasambhava, genannt „Eine Girlande der Sichtweisen“. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. Oktober 2018

Störende Emotionen und die Buddha-Familien

Buddha-FamilienAnhaftung manifestiert sich als das glühende Verlangen des Geistes nach einem gegebenen Objekt. Weil es diese ausdrucksvolle Energie hat, ist der Geist zur Zeit des Pfades in der Lage, sich intensiv nach den Qualitäten des Pfades und der Erfüllung zu sehnen. Im Kontext der Verwirklichung ist es diese expressive Energie, die alle Phänomene mit voller Akzeptanz wahrnimmt, ohne sich von irgendetwas abzuwenden. Mit seiner Identität als unterscheidender Weisheitserkenntnis ist es Amitabha.

Abneigung manifestiert sich als Ablehnung abweichender Objekte. Das Vorhandensein dieser expressiven Energie im Geist verursacht das Verschwinden abweichender Faktoren im eigenen Sein im Kontext des Pfades. Zur Zeit der Verwirklichung wird dies zur spiegelgleichen Weisheitserkenntnis, die die Befleckungen der Täuschung über die Natur der Dinge beseitigt. So ist es Vajra-Aksobhya, der Überwinder aller Hindernisse und dämonischen Kräfte.

Dummheit manifestiert sich als Abkehr von der Natur ihrer Objekte. Insofern ist es ein Zustand, in dem man angesichts eines Objekts indifferent bleibt, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Da der Geist diese ausdrucksvolle Energie hat, erfasst er die Eigenschaften zur Zeit des Pfades nicht begrifflich. Im Kontext der Verwirklichung wird die Dummheit mit der Weisheitserkenntnis des grundlegenden Raumes der Phänomene identifiziert, der Konstrukten ungetäuscht ist. Als solches ist es Vairocana.

Stolz ist, sich überhöht zu empfinden. Da der Geist diese expressive Energie besitzt, kann er zur Zeit des Pfades alle Übungen ausführen, ohne entmutigt zu werden, mit dem Wissen, dass es keinen Pfad gibt, der dem des Mantras überlegen ist. Im Rahmen der Verwirklichung kommt man in den Besitz aller positiven Eigenschaften, so dass es kein Gefühl von Verarmung oder Niedergeschlagenheit gibt und man von den Schmerzen der Ungleichheit zu allen Zeiten frei ist. Da das im Wesentlichen die Weisheitserkenntnis der Gleichheit ist, ist es Ratnasaṃbhava.

Eifersucht sieht sich selbst in einer Weise als ungleich, das nicht toleriert werden kann. Weil der Geist diese expressive Energie besitzt, wendet er sich wendet von dem ab, was im Kontext des Pfades praktiziert und aufgegeben werden sollte. Zur Zeit des Resultats ist man in der Lage, jenen zu nützen, die Führung brauchen und davon absehen, denjenigen zu schaden. Seiner Natur nach als allumfassende Weisheitserkenntnis ist es Amoghasiddhi.

So wie bei der Heilkraft der Medizin und der Brillanz der Juwelen hat der Geist von Anfang an diese Energien des Selbstausdrucks besessen. Obwohl diese fünf alle Aktivitäten von Samsara ausführen, wenn sie nicht realisiert werden, führen sie auch alle reinen Aktivitäten des Nirwana aus, sobald Verwirklichung stattfindet. Wenn jemandem die Stärke und Energie dieser fünf fehlt, wird man wie ein Pfeil sein, der seinen Schwung verloren hat oder eine Maschine mit einem gebrochenen Motor. Man wird es versäumen, das Ziel vollständig zu erreichen, genau wie ein Hörer, der in einem Zustand des Friedens lebt. Daher ist es unmöglich, die selbstexpressive Energie des Geistes dauerhaft zu stoppen und das ist auch nicht nötig, denn wenn sie nicht durch Verblendung verdorben werden, manifestieren sich die störenden Emotionen als die fünf Weisheitserkenntnisse. Das Vimalakirti Sutra erklärt:
„Ein Lotus wächst nicht in trockenem Boden oder in einer Wüste, sondern aus Wasser und Schlamm. Ebenso entsteht eine unübertreffliche und wahrhaft vollkommene Erleuchtung nicht aus der Beseitigung der störenden Emotionen und der Beobachtung des Unbedingten durch den Hörer. Vielmehr erwacht der Erleuchtungsgeist der unübertrefflichen und wahrhaft vollkommenen Erleuchtung, sobald man einen Blick auf die vorübergehende Ansammlung, die wie der Berg Meru ist, entwickelt. Daher sind die störenden Emotionen von der Herkunft der Tathagatas.“


Von Mipham Rinpoche „Lichthafte Essenz – ein Kommentar zum Guhyagarbha-Tantra“; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. Oktober 2018

Die fünf Geistesgifte nicht aufgeben

peacock-feather-1438413_1920Die fünf Gifte werden von den Hörern aufgegeben und von Bodhisattvas gereinigt. Im Mantra werden sie jedoch zum Pfad gemacht. Wegen dieser Unterschiede ist jeder dem vorhergehenden darin überlegen, weniger getäuscht und geschickter zu sein. Die Gründe, warum die fünf Gifte nicht verworfen werden sollten, sind folgende: Letztlich gibt es keine materielle Substanz, die man aufgeben könnte, so wie ein Damm für eine Fata Morgana nicht benötigt wird, da die Gifte in Bezug auf die Vajra-Geschwister eine Hilfe auf dem Pfad sind, weil sie genauso wie Gift in Nektar verwandelt werden können, wenn sie geschickt verwendet werden. Darüber hinaus sind sie letztlich als große Reinheit und Gleichheit erleuchtet. Es ist gleichbedeutend mit der Erkenntnis, dass jemand, der fälschlicherweise für einen Feind gehalten wird, tatsächlich ein Freund ist. Von diesen drei wurden das erste und das letzte bereits abgedeckt.

Das Paramitayana lehrt auch, wie man die Gifte gekonnt als Hilfe benutzt. Störende Emotionen können die Ansammlungen vervollkommnen. Zum Beispiel ist es wertvoller, den eigenen Körper darzubringen als materielle Besitztümer, weil wir eine stärkere Bindung an den ersteren haben. Die Gifte können auch eine Ursache dafür sein, Tugend in großem Maßstab zu erreichen. Ohne bewusst die störende Emotion der Begierde aufzugeben, kann zum Beispiel ein Bodhisattva, der noch nicht die Macht erlangt hat, die Anhäufungen vervollkommnen, wenn er oder sie aufgrund von Begierde geboren wurde. Wenn die störenden Emotionen geschickt aufgenommen werden, kann sich ihre Identität in Tugend verwandeln. Ein Bodhisattva, der auf der Stufe des strebenden Verhaltens weilt, kann absichtlich Begehren aus Mitgefühl erzeugen, um die Hoffnungen einer Frau zu erfüllen, die von Verlangen gequält wird. Indem er begierig ist und Vergnügen empfindet, befriedigt er sie dann. Weil es von den geschickten Methoden des Mitgefühls umfasst wird, ist dieses Verlangen immer noch tugendhaft. Dies gilt auch für andere störende Emotionen.

Es gibt drei Gründe, warum Emotionen im Mantrayana nicht verworfen werden. Erstens sind die störenden Emotionen mit den Familien der Tathagatas verbunden; zweitens erwacht Weisheitserkenntnis, indem sie sie geschickt als Pfad nimmt; und drittens sind sie die Essenz der Weisheitserkenntnis, wenn sie mit der Erkenntnis ergriffen wird.


Von Mipham Rinpoche „Lichthafte Essenz – ein Kommentar zum Guhyagarbha-Tantra“. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!

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