Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. Oktober 2019

Die vier tantrischen Dämonen

Der erste ist der Dämon des Greifbaren. Greifbare Dämonen sind etwas, das wir als Feinde auffassen – den Donner und den Blitz, Feuer, Wirbelstürme etc. Alles, was wir als Beeinträchtigungen wahrnehmen, sind dingliche Dämonen. Der zweite ist der Dämon des Ungreifbaren. Das sind dämonische Einflüsse, Elementargeister und alle Arten negativer Schwingungen, von dem herbeigebracht werden, was wir als Ablehnung gegenüber Elementen oder Geistern empfinden. Ein dritter ist dem Dämon der Vergnügungen sehr ähnlich. Es ist etwas, das sehr ähnlich dem Göttersohn-Dämon aus der Tradition des Sutrayana ist, eine Art, die mit Glanz, Unterhaltung und dem Zerstreuen auf dem Pfad der Dharma-Praxis verlockt. Der vierte ist sehr mächtig, da er die Wurzelursache von allen anderen ist. Er ist wie der Wurzelstock von einem Baum und der Rest des Baumes sind dann die Äste. Das ist das Anhaften an einem Ich, mein, die Vorstellung von Selbstexistenz. Das ist Ich-Anhaften, Greifen. Das ist jener Dämon, mit dem wir arbeiten. Sobald der ausgerissen ist, geht alles Übrige viel, viel leichter.

Ich habe jetzt den dritten Dämon ein wenig ausgelassen. Er ist auch eine Art von eifersüchtigen Gefühlen über die eigenen Errungenschaften, eine Art geistiger Aufblähung. So sagt man – ihr wisst, dass ich diese Mahamudra-Praxis gemacht habe und heute habe ich genau dieselbe Art gefühlt, von der Rinpoche gesprochen hat – und man erfreut sich daran. Auch das ist, so sagt man – auf einer höheren Ebene natürlich – Anhaftung und nichts anderes als ein Dämon, der sich anschickt, die eigene Praxis zu beschädigen. Also – ich hab zu dieser Zeit diese Art der Verwirklichung erlangt, vielen Dank und Dank an meinen wunderbaren Lama, so und so… Auch das kann auf subtile Weise als Anhaftung übersetzt werden und Hindernis, anstatt etwas Förderliches für die eigene Praxis.

Wir sprechen von Geistern und Dämonen, der Ursprung von den sogenannten Geistern und Dämonen sind aber die Erscheinungen oder begrifflichen Gedanken. Begriffliche Gedanken entstehen sprichwörtlich vom Ich-Festhalten, was im Tibetischen mit „danzi“ gemeint ist. Das Festhalten an dieser Idee eines Ichs ist das Zentrum von allem. Die greifbaren und nicht-greifbaren, all diese Dämonen entstehen aufgrund der eigenen begrifflichen Gedanken. Es gibt alle Arten von Täuschungen und auf eine Weise ist es einfach zu sagen – nun habt mal keine begrifflichen Gedanken, das sind Dämonen, und Punkt. Das ist sehr, sehr einfach zu sagen, aber wenn es ans Praktizieren geht, muss man es Schritt für Schritt machen und um ein gutes Beispiel zu verwenden, wie man diese Dinge reduziert oder auslöscht, das beste Beispiel sind vielleicht die Schritte, die Milarepa gemacht hat. Folgt jeder Geschichte und versucht dabei zwischen den Zeilen zu lernen und auch die tieferen und tiefgründigeren Bedeutungen in jeder der Geschichten zu erfassen. Milarepa sagte, dass von allen machtvollen Dämonen für ihn die begrifflichen Gedanken die destruktivsten waren. Man sagt auch von der eigenen Buddhanatur, dass sie rein ist, innewohnend, makellos, gerade so wie ein Spiegel. Wenn sie befleckt ist, dann entstehen aus den Befleckungen alle Arten der verschiedenen Dämonen. Selbst wenn man eine Gottheit ist, wenn euer Spiegel umwölkt ist, wenn euer Spiegel befleckt ist, dann seid ihr nicht länger eine Gottheit. Daher hängt es von eurem Geisteszustand ab, ob der Spiegel befleckt ist oder nicht.

Nun wieder zurück zum Wurzeltext, wo gesagt wird: dieses Chöd ist die Herzessenz aller Mutter-Dakinis. Was wir Mutter-Dakinis nennen, ist die Definition des Zustandes der Leerheit. Das ist eine Repräsentation der Leerheit. Der Körper der Dakini ist der Lama, die Rede der Dakini ist die Yidam-Gottheit und der Geist ist die Dakini. In dieser Hinsicht sind die Dakinis alle Leerheit, ein Symbol der Leerheit. Es ist die Kernanweisung der Lamas, das ist der Kommentar von hochverwirklichten Siddhas. Basierend auf den Erfahrungen und dem Verständnis und wenn man es praktiziert hat, ist es eine Art wunscherfüllendes Juwel. Es ist die Medizin, die die Heilkraft hat, alle Arten von Krankheiten zu heilen. Wenn man es genau betrachtet, dann sieht man, dass es eine weit größere Bedeutung hat, als die oberflächliche Bedeutung. Man sagt, es ist die Medizin für alle Arten von Gebrechen. Alle Arten von Gebrechen kann man in drei Kategorien einteilen. Diese gehören zu den drei Giften und sie werden in ähnlich dem Wind, den Flammen und den Abscheulichen eingeteilt.[1] Diese Praxis ist auch eine sehr mächtige Praxis, sowie eine Gegenmittel zu allen dämonischen Einflüssen. Es sind die fünf Weisheiten, die die fünf Gifte auslöschen. Auf der einen Seite hat man fünf Weisheiten, wenn man die Seite dann wendet, hat man fünf Gifte. So wie mit dem Schwert von Manjushri werden bei dieser Praxis alle Täuschungen durchtrennt und das besagt der Wurzeltext.

Buddha Shakyamuni drehte das Rad des Dharmas ein zweites Mal, Guru Padmasambhava hat sehr tiefgründige Kernanweisungen an Naropa gegeben und Padampa Sangye, der Befriedende, hat eine große Sache mit der Methode des Befriedens von Leiden gelehrt. Wenn ihr all diese verschiedenen Lehren zusammennehmt, dann werden die verschiedenen Aspekte davon, jeder einzelne davon, in dieser Praxis des Chöd der Machig Labchi Drölma verkörpert.


[1] Hier dürfte ein Übersetzungsfehler im Originaltext vorliegen, da die Krankheiten in der tibetischen Medizin gewöhnlich in Wind-, Galle- und Schleimkrankheiten eingeteilt werden. (Anm. d. Ü.)


Aus den Belehrungen zum Chöd, von Garchen Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Oktober 2019

Chöd – Essenz der Lehren des Abschneidens

Die Essenz der Chöd-Lehren hier ist, so wie das Wort „Chöd“ schon aufzeigt, die Anhaftung abzuschneiden, die Anhaftung an das eigene Selbst – Ego, ich, mein, mir. Dieses soll durchtrennt werden. Hier gibt es einen wunderbaren Wurzeltext dazu. Der besagt, dass die Lehre dieser erhabenen Chöd-Praxis die wirkungsvollste Waffe gegen die Maras oder Dämonen ist, wenn man so sagen will. Sie ist die Herzessenz aller Mutter-Dakinis. „Sie“ bezieht sich auf die Chöd-Praxis. Sie ist die Kernanweisung aller wunderbaren Lamas, sie sind die Kommentare, die auf dem erfahrungsmäßigen Verständnis all jener gründen, die den unerschütterlichen Zustand im Verständnis des Zustandes von Mahamudra erlangt haben. Sie ist wie ein wunscherfüllendes Juwel, das alle Bedürfnisse und Wünsche erfüllt. Sie ist wie Medizin, die die Heilkraft hat, alle Arten von Gebrechen zu heilen. Sie ist die einzige Waffe, allen Arten von dämonischen Einflüssen zu begegnen. Sie ist die Weisheit, die all die fünf Gifte reinigen wird. Sie ist das Weisheitsschwert, das alle Täuschungen durchtrennt. Dies sind einige der wunderbaren Dinge, die über die Chöd-Praxis gesagt werden können.

Wenn wir nun Maras und Dämonen in der Tradition des Sutrayana sprechen, dann gibt es dort vier davon. Der erste von allen ist der Dämon, der mit den Skandhas oder den Haufen assoziiert wird. Mit den Begriffen eines Laien vom Kopf bis zu den Zehen. Wie wird das nun zu einem Mara oder einem Dämon? Weil wir alles auf der relativen Ebene verknüpfen. Alles von Kopf bis Fuß gehört zu uns, weil wir ein Gefühl für Zugehörigkeit haben. Alles ist mein und ich bin im Zentrum davon. Aber wenn man viele, viele Geburten, zahllose Geburten angenommen hat, dann ist der Geist auf solch täuschende Weise darin konditioniert, dass der physische Körper so wichtig ist und dass all diese Körperteile „mein“ sind und „ich“ mich inmitten von allem befinde. Das hinterlässt eine Art Eindruck. Diese Einprägung wird jedes Mal, wenn man ein weiteres Leben annimmt, verstärkt. Aufgrund dieses Eindrucks erkennen wir die Tatsache nicht, dass niemand von uns den Körper mitnehmen kann. Er ist etwas, das zurückgelassen werden muss, etwas das weggeworfen wird. Es ist so, als ob man zu einem Motel kommt. Es ist wie ein Motel, das nur für eine Nacht Schutz bietet, nicht mehr als das. Wenn man den eigenen Geist auf diese Vorstellungsweise trainieren kann, dann hilft einem das, weniger Anhaftung zu empfinden.

Der zweite der Dämonen ist der Dämon der Störungen, anders gesagt, der Dämon der störenden Emotionen sind die fünf Gifte. Dieser flirtet etwas mit dem ersten der Maras und diese Art des Vermischens macht sie noch kräftiger. Der dritte ist der Göttersohn-Dämon, den man hat, weil man sich mit dem Ärger, Eifersucht, Stolz und Hass all dieser Emotionen beschäftigt. Dieser dritte ist eine Art von Verlockung gegenüber aller Unterhaltung, damit man eine gute Zeit hat. Das eigene Leben in einer zerstreuten Weise zu verbringen, bringt einen vom Pfad des Dharma ab, stattdessen beschäftigt man sich mit weltlichen Dingen. Man möchte dann glücklich sein, sich unterhalten, ganz in einem herkömmlichen Sinne. Dann kommt noch der letzte der Dämonen, der der Herr des Todes ist, der Dämon des Todes und wenn der daherkommt, dann ist alles zu spät.

In den Lehren des Tantrayana gibt es auch vier Dämonen, wir haben nur die Dämonen des Sutrayana aufgedeckt, aber selbst bei den Dämonen des Tantrayanas können wir einen Bezug zu den Dämonen des Sutrayana herstellen, die ersten beiden, den Dämon des Körpers und die Dämonen der Emotionen. Diese zwei arbeiten Hand in Hand, beispielsweise wenn wir essen, mögen wir das, was gut schmeckt, dies ist dann Anhaftung. Wir mögen etwas nicht, wenn es uns nicht schmeckt, das ist dann Hass. Wiederum fällt man in die Grube der Anhaftung oder fällt in die Grube des Hasses. Buddha sagte selbst, dass das Essen von Nahrung auf eine gemäßigte Weise erfolgen sollte, weil es dafür ein tiefgründiges Argument gibt. Wir sollten uns davon überzeugen, dass diese beiden Dämonen soweit, was den Kontext von Essen betrifft, beispielsweise der gute oder schlechte Geschmack nur von der Zunge gefühlt wird. Sobald das Nahrungsmittel die Zunge verlassen hat, dann kümmert sich der Rest des Körpers keinen Deut mehr darum, ob es gut oder schlecht schmeckt.

Es hängt also tatsächlich hiervon – der Zunge – ab und wenn wir das erkennen, dann sind wir schon etwas näher daran, diese Art von Körpersprache zu verstehen. Wenn wir dies verstehen, dann sind wir erstens näher dran zu erkennen, was die Dämonen sind und zweitens können wir etwas unternehmen, um sie zu reduzieren oder auszulöschen. Manchmal schlucke ich fälschlicherweise etwas wie ein brühend heißes Wasser mit vollem Mund einfach hinunter und schäle mir dabei eine Schicht von der Zunge herunter und ich kann das Süße vom Sauren nicht mehr unterscheiden. Auf eine Art ist das wirklich gut, weil man sich dann nicht darüber sorgen muss, ob genug Salz oder nicht genug Salz drinnen ist. Nur um die Dinge weniger kompliziert zu machen, sagt man einfach zu sich, dass Schmecken versus Nicht-Schmecken nur eine Täuschung sind. Man braucht Essen nur zur Ernährung des Körpers. Esst etwas Nahrhaftes und vergesst den Geschmack. Wenn ihr das machen könnt, dann macht das den Geist frei vom Jagen nach diesen begrifflichen Gedanken, stattdessen könnt ihr ihn zu etwas Nützlichem verwenden.


Aus den Belehrungen zur Praxis des Chöd, von Garchen Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Oktober 2019

Überlieferungslinien des Chöd

Nun zur eigentlichen Linie des Chöd oder dem Ursprung des Chöd – womit ist die Chöd-Praxis verbunden? Eine Linie ist die Linie des Sutrayana, eine weitere ist die Linie des Tantrayana und eine dritte Linie ist eine Verbindung aus beiden (Sutrayana und Tantrayana).

Soweit man die Sutrayana-Linie betrachtet, dann hat sie natürlich ihren Ursprung in Buddha Shakyamuni, von Buddha Shakyamuni zu Manjushri, von Manjushri zu Nagarjuna, von Nagarjuna zu Aryadeva, von Aryadeva zu Dampa Sangye. Das ist die Linie des Sutrayana.

Die tantrische Linie der Chöd-Praxis stammt von Prajnaparamita ab. Prajnaparamita ist der Dharmakaya-Zustand der Buddhaschaft. Prajnaparamita gab die Lehren an Vajra Yogini, die den Sambhogakaya-Zustand der Buddhaschaft darstellt, weiter. Vajra Yogini gab es an Tara weiter. Tara ist die wiedergeborene Form oder der Nirmanakaya-Zustand der Buddhaschaft. Tara gab die Lehren an Machig Labchi Drölma weiter.

Bei der Kombination der Linien von Sutrayana und Tantrayana ist zuerst Manjushri. Manjushri gab es weiter an Tara, Tara gab es weiter an die Dakini Sukhasiddhi, die Dakini Sukhasiddhi an Aryadeva, Aryadeva an Dampa Sangye, Dampa Sangye an Sönam Lama, Sönam Lama gab es an Machig Labchi Drölma weiter. Machig Labchi Drölma gab ihre Lehren an ihre drei Söhne weiter. Dies tat sie in verschiedenen Kategorien – zuerst gab sie an ihren Sohn Gyalwa Döndrub hauptsächlich die Lehren der Sutrayana-Linie weiter. Dem zweiten Sohn Tönyon Samdrub gab sie die Chöd-Praxis der Tantrayana-Linie weiter und dem dritten Sohn Khugom Chöseng wurden die Lehren aus den Linien des Sutrayana und Tantrayana weitergegeben. Von diesen Söhnen wurde es an viele, viele Schüler weitergegeben und es gab viele erleuchtete Wesen mit einem erfahrungsmäßigen Verständnis. Und dank der Anstrengungen von Machig Labchi Drölma und dank ihrer Söhne, die ihre Lehren weitergaben, haben wir nun diese Chöd-Praxis – die große Mahamudra-Chöd-Praxis, die eine Art davon ist, sich überall hin verbreitet. Und diese besondere Ermächtigung, ist das, was wir eine Torma-Einweihung nennen.

Die Torma-Ermächtigung stammt von der Linie des Khugom Chöseng und all den verschiedenen tibetischen Namen ab und falls jemand das nachher braucht, werde ich nachher helfen, das aufzuschreiben. All diese verschiedenen Namen und der letzte wäre dann Karmapa Rangjung Dorje. Das war der dritte Karmapa. […]

Diese spezielle Chöd-Lehre kommt von Machig Labchi Drölma her. Es ist gewissermaßen eine unreine Vision, dass diese Lehre von ihr herkommt. Was eigentlich geschieht ist das, dass es Negatives in Positives bis zu dem Ausmaß wandelt, dass Feinde sich verwandeln oder als Freunde zurückkehren, ungünstige Dinge werden in günstige verwandelt; daher ist das tiefgründig und erhaben.

Machig Labchi Drölma sagte diese Dinge ihren Söhnen:

„Hört auf eure Mutter; keine Hindernisse werden jemals auftauchen, wenn ihr die Kranken und Sterbenden zu den Dämonen gebt, dann könnt ihr sicher sein, dass es nichts gibt, was zur Krankheit werden könnte, weil ihr nichts habt, das krank werden könnte. Das muss umschrieben werden – manchmal wenn wir ein Gepäck haben und es für ein paar Münzen in einen Kasten sperren, lassen wir das Gepäck in Obhut anderer Leute. Wenn ihr besondere Dinge habt, dann könnt ihr nicht über euch selbst verfügen, weder nicht nachsehen oder euch nicht darum kümmern, gebt sie einfach in die Obhut eurer Feinde, dann ist nichts zu fürchten, keine Furcht, dass es gestohlen wird oder keine Furcht beraubt zu werden. Wenn ihr alles gehen lässt, dann gibt es nichts zu wünschen. Dies sind meine Kernanweisungen.“

Machig Labdrön

Sie fuhr fort, ihren Söhnen zu erzählen, die Botschaft ist wirklich für Leute wie uns  – anstatt zu sagen, bewahrt sie auf, beschützt sie, ihr könnt hundertmal sagen, bewahrt sie auf, bewahrt sie auf… beschützt sie, beschützt sie… Sie aufzubewahren, ist ein Haften. Das ist einfach sinnlos und nutzlos, stattdessen solltet ihr einfach sofort sagen – da habt ihr sie, nehmt sie; das ist viel besser. Sie sagte, wenn ihr euren Körper in materielle Nahrung verwandeln könnt, dann ist das ein weit größerer Schutz, als alle Arten von Schutzamulette zu tragen. Hier sagt Machig Labchi Drölma nun, es ist viel besser wenn man wirklichen die beste Art des Schutzes braucht, ein Mandala, dann soll man den Körper alle jene da draußen opfern und dies ist der beste Schutz.


Aus den Belehrungen zur Einweihung und Praxis des Chöd, von Garchen Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 2. Oktober 2019

Buddhistische Magie, Hexerei und mitfühlende Gewalt

In einigen der frühesten buddhistischen Sutras aus dem Pali-Kanon finden wir standardisierte Listen der verschiedenen magischen Kräfte, die Buddha und einige andere Praktizierende besitzen, die in der Meditation fortgeschritten sind – Kräfte, von denen immer wieder behauptet wird, dass sie auf den höheren Stufen der meditativen Verwirklichung erzeugt werden. Am bekanntesten im Samannaphala-Sutta („Diskurs über die Früchte des kontemplativen Lebens“) der Digha Nikaya sind dies die fünf übernatürlichen Wahrnehmungen (Pali, Abhinna, Skt. Abhijna, Tib. mngon shes): wunderwirkende Kräfte, Hellsehen, Hellhörigkeit, telepathisches Wissen und das Wissen aus vergangenen Leben. Die allgemeine Einstufung dieser Begriffe als „Erkenntnisse“ dient der Stärkung der grundlegenden Verbindung, die der Buddhismus zwischen Wissen, das durch Meditation kultiviert wird, und tatsächlicher Errungenschaft erkennt – oder, im Buddhismus, etwas zu wissen, bedeutet, die Beherrschung und die Kontrolle darüber zu erlangen. Die erste Kategorie, die Wunderwirkungskräfte (P. iddhi, Skt. rddhi, Tib. rdzu ‚phrul), umfasst das breiteste Spektrum paranormaler Fähigkeiten, einschließlich der Kräfte der körperlichen Transformation und Vermehrung des Körpers sowie der Fähigkeit nach Belieben aufzutauchen und zu verschwinden, ungehindert durch Wände, Berge und andere feste Objekte und Oberflächen gehen, auf Wasser gehen, mit gekreuzten Beinen durch die Luft fliegen, die Elemente (Erde, Wasser, Feuer und Luft) zu beeinflussen, die Sonne und den Mond zu berühren und in die himmlischen Reiche zu reisen. Alle diese übernatürlichen Erkenntnisse werden traditionell als weltliche Kräfte angesehen, die von jedem fortgeschrittenen Asket entwickelt werden können, unabhängig davon, ob er buddhistisch ist oder nicht, und sie sind somit repräsentativ für die Vielfalt der magischen Künste, die den meisten, wenn nicht allen indischen, asketischen Traditionen Indiens dieser Periode gemeinsam waren. Die einzige Macht, die nur den Buddhisten vorbehalten ist und die nur durch die speziellen Praktiken des Buddhismus erreicht werden soll, ist das Erreichen der Befreiung von Samsara, der höchsten Leistung, die die Pali-Schriften oft als sechste übernatürliche Erkenntnis hinzufügen – nämlich das Wissen zur Beendigung von karmischen Verunreinigungen. Aus dieser frühen Perspektive betrachtet wird sogar die buddhistische Erleuchtung als eine besondere Art magischer Leistung angesehen.

Dieselben übernatürlichen Erkenntnisse wurden auch im Mahayana akzeptiert und in die markante Figur des Bodhisattva, des barmherzigen Erlösers, der das Erwachen erreicht und im Bereich der Wiedergeburt zum Wohle leidender Wesen bleibt, assimiliert. Demonstrationen solcher Mächte wurden sowohl als Beweis für die spirituelle Verwirklichung des Bodhisattva als auch als zweckdienliche Mittel (Skt. upaya) angesehen, um unter den Ergebenen Glauben zu erzeugen, Rivalen zu plündern und sie auf den buddhistischen Pfad zu bringen und alle fühlenden Wesen vom Leiden zu befreien. Die Mahayana-Schriften sind voller erzählerischer Beispiele, die die erleuchteten Darstellungen dieser übernatürlichen Mächte beschreiben, die nicht nur die unzähligen Möglichkeiten veranschaulichen, in denen Buddhas und Bodhisattvas sich selbst und andere befreien, sondern auch die enge Verbindung zwischen magischen Errungenschaften und dem Ausdruck der grundlegenden Mahayana-Lehren wie die zwei Wahrheiten, abhängiges Entstehung und Leerheit, die Illusion der Realität, die drei Verkörperungen eines Buddhas und so weiter aufzeigen.

Die buddhistischen Tantras sind ebenfalls fest in diesen grundlegenden Mahayana-Prinzipien verankert und erkennen wie der gesamte Buddhismus die Wirksamkeit magischer Kräfte auf dem buddhistischen Pfad an. Der tantrische Buddhismus fügt jedoch eine Reihe weiterer paranormaler Fähigkeiten hinzu, die in fortgeschrittener Meditation und durch spezifische yogische und rituelle Praktiken erreicht werden sollen. Diese werden Siddhi (tib. dngos grub) genannt, verschiedenartig übersetzt als „yogische Kräfte“, „magische Kunststücke“ oder „spirituelle Errungenschaften“ und werden im Allgemeinen in einem achtfachen Standardschema wie folgt aufgeführt: Unbesiegbarkeit mit dem Schwert, Herrschaft über die Unterwelt, Unsichtbarkeit, Unsterblichkeit und Unterdrückung von Krankheiten, die medizinische Pille, die Fähigkeit, durch den Himmel zu fliegen, Schnellfüßigkeit und die magische Augensalbe. Ähnliche achtfache Listen finden sich auch in den Saiva-Tantras, was wiederum auf gemeinsame Einflüsse zwischen den beiden Traditionen hinweist. Die buddhistische Liste ist nicht statisch und zahlreiche andere Mächte werden häufig in der tantrischen Literatur beschrieben. Das Besondere an den verschiedenen magischen Kräften in den buddhistischen esoterischen Traditionen ist, dass sie nicht nur als Produkte fortgeschrittener meditativer Zustände betrachtet werden, sondern vielmehr als direkte Kräfte bestimmter Gottheiten, die vom tantrischen Praktizierenden für das Verwirklichen einer Vielzahl pragmatischer Ziele gelenkt werden. Diese Ziele sind im Großen und Ganzen in vier Kategorien eingeteilt, die die Tibeter einfach die „vier Handlungen“ (las bzhi) bezeichnen: Befriedung (zhi), Vermehrung (rgyas), Unterwerfung (dbang) und Wildheit (drag), genauer gesagt als Befriedung von Krankheit und dämonischer Behinderungen; die Steigerung der Lebensdauer, des Verdiensts und der Freuden; Kontrolle über die drei Welten; und die feindseligen Handlungen des Tötens, des Spaltens und der Lähmung. Diese vier Aktivitäten, die in einigen Quellen als „niedrigere Handlungen“ (smad las) bezeichnet werden, bezeichnen eine breite Zusammenstellungen magischer Handlungen, einschließlich der allgemein üblichen acht Siddhis und funktionieren im Gegensatz zu den sogenannten „höheren Handlungen“ (stod las), deren Ziel die Befreiung von Samsara ist. Sie werden in erster Linie durch spezielle Rituale, die Sadhana (Tib. sgrub thabs) genannt werden, erreicht, die die tantrischen Gottheiten beschwören.

In den buddhistischen Tantras, die zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in Indien auftauchten und später in Tibet als unübertroffenes Yoga-Tantra eingestuft wurden, werden diese Evokationsrituale in der sogenannten „Erzeugungsstufe“ (Skt. utpannakrama, Tib. bskyed rim) durchgeführt, die in der tantrischen Praxis die erste Phase eines zweistufigen Pfades zur Buddhaschaft ist. Kurz gesagt, umfasst die Erzeugungsstufe eine Reihe meditativer Techniken und ritueller Handlungen, die das Bewusstsein des Praktizierenden für gewöhnliche Formen, Klänge und Gedanken transformieren und deren Anerkennung als Ausdruck eines bestimmten erleuchteten Buddhas, der sogenannten „erwählten Gottheit“, fördern sollen. (Skt. istadevata, Tib. yi dam). Die erleuchtete Essenz dieser Gottheit, ihr Körper, ihre Sprache und ihr Geist werden in den Gesten der Mudra, in den Klängen des Mantras und im Bild ihres Mandalas rituell ummantelt. Während dieser Phase erzeugt der Praktizierende durch komplizierte meditative Visualisierung nach und nach das Mandala der erwählten Gottheit, die er sich als ein und dasselbe Wesen mit sich selbst vorstellt, und ruft die Präsenz der Gottheit durch die Gesten der Mudras und durch die Mantra-Rezitation oder in einigen Fällen durch die Verwendung anderer ritueller Hilfsmittel wie Abbilder, Talismane usw. hervor. Wenn sich die Gottheit durch diesen Erzeugungsprozess manifestiert, kann sie aufgefordert oder gezwungen werden, dem Praktiker seine besonderen göttlichen Kräfte zu verleihen, die er für jeden Zweck einsetzen kann, den er wünscht. Diese Kräfte sind die zuvor genannten Siddhis und bilden die magischen und wundersamen Fähigkeiten des buddhistischen tantrischen Yogins, bekannt als Siddha (Tib. grub thob) oder „vollendeter Meister“.

Die zweite Phase der tantrischen Praxis, die „Vollendungsstufe“ (Skt. sampannakrama, Tib. rdzogs rim), priorisiert nicht den Erwerb magischer Kräfte, sondern betont eine Reihe fortschrittlicher yogischer Techniken, die die Beeinflussung der psychophysischen Energien des subtilen Körper – der subtilen Winde (Skt. vayu, Tib. rlung) und der Essenztropfen (Skt. bindu, Tib. thig le) – innerhalb der zentralen Kanäle (Skt. nadi, Tib. rtsa) betreffen und so transformativ und progressiv glückselige Bewusstseinszustände zu bewirken. Diese Techniken werden im Idealfall durch den Einsatz einer qualifizierten Frau (Skt. mudra, Tib. phyag rgya) erreicht, die in sexueller Verbindung mit dem Yogin hilft, die erforderliche Bewegung und Kontrolle der subtilen Energien zu erleichtern. Ra Lotsawa wird in der Biografie beschrieben, wie er mit einigen jungen Mädchen als Partnerinnen an solchen Praktiken beteiligt war und mehr als ein paar Skandale entfacht hatte. Der gesamte Prozess der Vollendungsphase mündet schließlich in der Tatsache, dass tatsächlich ein Buddha zu werden, die auserwählte Gottheit im Zentrum des tantrischen Mandalas.

Beide Stufen, Erzeugung und Vollendung, werden in allen Tantras der unübertroffenen Yoga-Klasse gelehrt, einige ausdrücklicher als andere. Im Allgemeinen sind die Praktiken der Vollendungsphase in der Regel ein vorherrschender Fokus der „Mutter“-Tantras, wie der von Hevajra und Cakrasamvara, während die Methoden der Erzeugungsstufe zusammen mit der anschließenden Beschaffung übermenschlicher Kräfte für die Durchführung der vier Handlungen gewöhnlich sind ausgeprägter in den „Vater“-Tantras, wie die von Vajrabhairava und Yamantaka.

Ra Lotsawa ist in Tibet als buddhistischer Adept bekannt, ein Siddha, der die Erzeugungs- und Vollendungsstufen der tantrischen Praxis beherrscht, die göttlichen Kräfte von Vajrabhairava erlangt und diese Kräfte nach Belieben kontrolliert. Seine Biografie wird von Berichten über seinen Einsatz dieser Kräfte für spirituelle und weltliche Zwecke dominiert, hauptsächlich um den Glauben an die Wirksamkeit der Lehren des Buddha, insbesondere von Vajrabhairava, zu wecken und Schüler anzuziehen, um die Leidenden zu schützen, zu nähren und zu heilen von Krankheiten oder um Dämonen zu befrieden, und um riesige Mengen an Reichtum und materiellem Besitz anzusammeln, die zum Erhalt des Dharmas, seiner heiligen Bilder und seiner Institutionen benötigt werden. In der Biografie wird jedoch auch beschrieben, wie er seine mächtigen tantrischen Kräfte einsetzte, um seine Rivalen, sowohl Menschen als auch Nichtmenschen, gewaltsam zu bekämpfen, zu bestrafen und zu rächen und sogar zu vernichten. Es war Ralos ungehemmter Einsatz seiner magischen Fähigkeiten für solch gewalttätige Zwecke, die zu seiner unermüdlichen Berühmtheit als tibetischer Meister der buddhistischen Zauberei geführt haben.

Die gebräuchliche tibetische Bezeichnung für buddhistische Zauberei lautet ngönchö (mngon spyod) und bedeutet „vorsätzliche Handlung“ oder „magischer Angriff“, die dem Sanskrit abhicara entspricht und der vierten Kategorie der vier zuvor dargestellten tantrischen Handlungen entspricht. Der Begriff wird in tibetischen Wörterbüchern als „heftige Aktivitäten“ definiert; die Aktivität, um Feinde, Dämonen und Behinderer durch die Macht des Mantras zu töten oder zu „befreien“ (bsgral). „Hier im Text von Ra Lotsawas Leben wird ein anderer Begriff bevorzugt, das Wort tu (mthu), was wörtlich „Kraft“ oder „Macht“ bedeutet und ist in diesem Sinne auch dem Begriff „Grausamkeit“ (drag) ähnlich, durch den die vierte Aktion typischerweise gekennzeichnet wird. In der tibetischen Volkssprache bedeutet das Wort „tu“ jedoch häufig etwas Bösartiges, eine böse Handlung, die wir leichter als schwarze Magie oder Hexerei erkennen könnten. Obwohl die genaue Unterscheidung zwischen tu und ngönchö nicht eindeutig ist, teilen beide Begriffe die Bedeutung von Zauberei, die als eine Art feindseliger Magie verstanden wird. Was zumindest aus der Perspektive seiner Anhänger klar ist, ist, dass Ra Lotsawa keine böse Magie ausübt, sondern stattdessen in typisch buddhistischer Weise seine grausamen Kräfte mit den barmherzigen Absichten eines Bodhisattvas kontrolliert und steuert. Seine Rivalen hatten jedoch die entgegengesetzte Ansicht. Diese Mehrdeutigkeit ist ein wesentlicher Aspekt des beliebten Bildes von Ra Lotsawa, das in „Der alles durchdringende melodische Trommelschlag“  am buntesten dargestellt wird.


Aus „Der alles durchdringende melodische Trommelschlag. – Das Leben von Ra Lotsawa“; verfasst von Ra Yeshe Senge. Übersetzt ins Englische von Bryan Cuevas. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. September 2019

Der Keim des Argumentierens

Anmerkungen zu den fünf großen logischen Argumenten des Mittleren Weges[1]

von Jamyang Khyentse Wangpo

NAMO MANJUGOSHAYA!

Die fünf großen logischen Argumente des Mittleren Weges sind:

1. Untersuchung der Ursache: Die Diamantsplitter;
2. Untersuchung des Ergebnisses: Widerlegung vorhandener oder nicht vorhandener Wirkungen;
3. Untersuchung beider: Widerlegung der vier Permutationen des Entstehens;
4. Untersuchung der wesentlichen Identität: „weder einer noch viele“; und
5. Das logische Argument der großen gegenseitigen Abhängigkeit

Die ersten vier überwinden das Extrem der Zuschreibung von Existenz und das fünfte das Extrem, den Phänomenen keine Existenz zuzuschreiben.

Untersuchung der Ursache: Die Diamantsplitter

Acharya Nagarjuna sagt in den Wurzelversen des Mittleren Weges:

Nicht aus sich selbst, nicht aus einem anderen, weder von beiden, noch ohne Grund – entsteht irgendwo jemals etwas?[2]

Nagarjuna; Wurzelverse des Mittleren Weges

Nimm, was gerade als Thema für eine Debatte erscheint. Daraus folgt, dass es unwirklich ist, weil es letztendlich weder aus sich selbst, noch aus etwas anderem, nicht aus beiden oder ohne Grund entsteht und daher wie ein Traum ist.[3]

Betrachte das Entstehen aus einer vorhandenen Ursache. Es ist unlogisch, wenn etwas aus sich selbst entsteht, denn was erschaffen wird, muss sich wesentlich von seinem Hersteller unterscheiden. Darüber hinaus besteht keine Notwendigkeit, dass etwas bereits Bestehendes entsteht. Darüber hinaus würde dies zu einem unendlichen Rückgang beim Herstellen führen. Dass etwas aus etwas anderem als sich selbst entsteht, ist ebenfalls unlogisch, denn wenn eine Ursache mit einer bestimmten Natur eine Wirkung mit einer ganz anderen Natur hervorrufen könnte, würde dies bedeuten, dass eine Lampe Dunkelheit hervorrufen könnte. Alles, ob eine Ursache oder nicht, wäre in der Lage, irgendetwas anderes hervorzubringen, ob eine Wirkung oder nicht. Man könnte denken, wenn es weder ein Entstehen aus sich selbst noch aus anderen gibt, könnte es ein Entstehen aus beiden geben. Dies würde jedoch einfach alle oben aufgeführten Fehler auf sich ziehen. Man könnte annehmen, dass Wesenheiten von Natur aus ohne Grund entstehen, aber dies hätte seine eigenen absurden Konsequenzen. Es würde bedeuten, dass ein Lotusgarten aus dem Weltraum herauswachsen könnte, und es würde die weltliche Gewohnheit, Samen in der richtigen Reihenfolge zu pflanzen, bedeutungslos machen, um bestimmte Früchte hervorzubringen.

Untersuchung des Ergebnisses: Widerlegung bestehender oder nicht bestehender Wirkungen

Im selben Text heißt es auch:

Ob für existierende oder nicht existierende Dinge, eine unterstützende Bedingung wäre ungültig. Wie könnte es eine Bedingung für das Nichtexistierende sein? Und was würde als Bedingung für das Bestehende bewirken?[4]

Nagarjuna; Wurzelverse des Mittleren Weges

Mach diese verschiedenen scheinbaren Entitäten zum Thema. Daraus folgt, dass sie unwirklich sind, weil sie weder als existent noch als nicht existent hervorgebracht werden. Man könnte annehmen, dass eine Vase entsteht, während sie existiert, aber ihre Herstellung wäre dann unlogisch, weil sie bereits existieren muss. Wenn sie entstehen würde, während sie nicht existiert, würde dies das existierende Entstehen aus dem Nichtexistierenden beinhalten. Eine solche extreme Unvereinbarkeit der Substanz ist jedoch nicht möglich.

Untersuchung von beiden: Widerlegung der vier Permutationen des Entstehens

In den Zwei Wahrheiten wird gesagt:

Mehrere Dinge erzeugen nicht eine einzige Sache, und viele Dinge erschaffen keine Vielzahl. Ein einzelnes Ding wird nicht von vielen Dingen hervorgebracht. Und aus einer Sache entsteht nicht eine einziges.[5]

Zwei Wahrheiten

Nimm bloße Erscheinungen als Thema. Daraus folgt, dass sie unwirklich sind, weil es letztendlich kein Entstehen von einem einzigen Ding aus einem einzigen Ding, von vielen Dingen aus einem einzigen Ding, von vielen Dingen aus vielen Dingen oder von einem einzigen Ding aus vielen Dingen gibt. Dies ist gleich dem Anwenden der Bezeichnung „Raum“ auf die Abwesenheit von Dingen.

Untersuchung der wesentlichen Identität: Weder einer noch viele

Das Ornament des Mittleren Weges sagt:

Da ihnen eine wahre Identität als Einzigartigkeit oder Vielheit fehlt, sind Dinge ohne angeborene Natur.

Ornament des Mittleren Weges

Mache erscheinende Objekte zum Thema. Daraus folgt, dass sie nicht als real oder irreal festgelegt werden können, weil sie jenseits von Einzigartigkeit und Vielheit liegen, wie das Spiegelbild des Mondes im Wasser. Jeder Satz, der wahre, angeborene Einzigartigkeit erfordert, ist unbegründbar. Und da die Einheit nicht hergestellt werden kann, kann auch die darauf beruhende Vielheit nicht hergestellt werden.

Große wechselseitige Bedingtheit

Die Wurzelverse sagen:

Was auch immer in wechselseitiger Bedingtheit entsteht, wird als Leerheit bestehend erklärt, welches eine abhängige Zuschreibung ist. Dies ist der Pfad des Mittleren Weges.[6]

Wurzelverse

Nimm bloße Erscheinungen als Thema. Daraus folgt, dass sie unwirklich sind, weil sie wie eine Spiegelung voneinander abhängig sind.

Wenn etwas voneinander abhängt, ist es notwendigerweise leeres Sein. Das Aussehen von Pferden, Ochsen und dergleichen kann durch das Zusammentreffen bestimmter Ursachen und Bedingungen, nämlich Stöcken und magischen Formeln, erzeugt werden. Aber es gibt keine wirklichen Pferde oder Ochsen in diesen Erscheinungen. Wenn diese Erscheinungen ihre Merkmale ändern, sei es auf einer gröberen oder subtileren Ebene, bedeutet diese Verwandlungen ebenfalls, dass sie keine frühere Substanz mehr enthalten. Gleichzeitig ist auch die spätere Substanz leer, da es keine Substanz außer der früheren gibt. Wenn die Pferde, Ochsen usw. auftauchen, ist nichts mehr für sie wie Stöcke und Mantras, also sind sie leer. Ihnen fehlt das eigentliche Wesen von Pferden, Ochsen und dergleichen. Nach der gleichen Logik sind alle erscheinenden Dinge, von Bergen bis zu gewöhnlichen Männern und Frauen, leer, weil an ihren Erscheinungen nicht viel mehr ist als Ansammlungen von Atomen. Sie sind auch leer von Beständigkeit, weil sie auf subtiler Ebene von Natur aus momentan sind. So erscheinen die Dinge unaufhörlich durch voneinander abhängige Bedingungen und sind gleichzeitig bloße Erscheinungen, weil sie nicht einmal den Wert eines Atoms für die innewohnende Realität haben. Dies zu wissen ist der wundersame Pfad des Mittleren Weges, die Einheit von Erscheinung und Leerheit. Wie es im Sutra der Fragen des Naga-Königs Anavatapta heißt:

Was auch immer aufgrund von Bedingungen entsteht, entsteht nicht wahrhaftig. Denn es fehlt die Natur des Entstehens. Was immer von den Bedingungen abhängt, ist leer, heißt es. Wer Leerheit versteht, wird vorsichtig sein.

Sutra der Fragen des Naga-Königs Anavatapta

Da es keinerlei wirkliches Phänomen gibt, ist nichts zu widerlegen. Trotzdem kann ein Gegner eine Behauptung aufstellen, die eine Fixierung auf die wahre Realität beinhaltet, beispielsweise durch Projizieren der Existenz auf das, was nicht existiert. In solchen Fällen würde eine der oben genannten Überlegungen ausreichen, um die Behauptung zu pulverisieren. Deshalb sollten wir uns an die Bedeutung dieses Mittleren Weges erinnern, der allen überlegen ist, an das Dröhnen dieses großen Löwen, das vom Buddha gesprochen wird, der der transzendente, vollendete Eroberer ist. Dies zu tun und den Lotus der kritischen Intelligenz zum Blühen zu bringen, ist der Höhepunkt aller Möglichkeiten, die Freiheit dieses menschlichen Lebens bedeutungsvoll zu machen.

Dies wurde als die höchste gegebene Anleitung.

SARVADA SHREYO BHAVANTU.


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2019), verglichen mit der englischen Übersetzung von Lotsawahouse.org von Adam Pearcy (2018) und mit seinen Anmerkungen und Formatierungen ergänzt. Möge es nützlich sein!


[1] Damit ist die Philosophie des Madhyamaka gemeint.

[2] Mulamadhyamakakarika I, 1

[3] Für jedes der fünf Argumente bietet Jamyang Khyentse einen Syllogismus in der formalen Sprache der Debatte mit These, Begründung und Beispiel.

[4] Mulamadhyamakakarika I, 6

[5] Satyadvayavibhanga Vers 14

[6] Mulamadhyamakakarika XXIV, 18

Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. September 2019

Der Guru der großen Glückseligkeit

Die Meditation der Selbstnatur in Form des Gurus ist einer drei Punkte im Rahmen des Drei-Wurzel-Trainings. Neben einer Erscheinung des Vidyadhara-Gurus im Rahmen der Versammlung der Wissenshalter „Der Ausdruck großer Glückseligkeit“ gibt es noch zwei weitere Manifestationsformen. Eine davon ist der zornvolle Guru König der großen Glückseligkeit (Lama Dragpo Dechen Gyalpo) und eine weitere ist der äußerst zornvolle Guru (Lama Wangdrag). Je nach Erfordernis hat Padmasambhava diese drei Aspekte den Hauptschülern gelehrt. Die Versammlung der Wissenhalter ist besonders im Dudjom Tersar von besonderer Bedeutung, da sie mit dem Guru im Zentrum, umgeben von den vier Familienherrschern, den acht Hauptemanationen Padmasambhavas, den acht indischen Wissenshaltern, welche die acht Haupt-Mandalas der Nyingma-Tradition lehrten und den 28 Ishvaris , Schützern usw. ein großes Mandala umfassen. Die Steigerungsform vom friedvollen, über den zornvollen hin zum äußerst zornvollen Guru ist eine zunehmende Intensität der meditativen Methode.

Padmasambhava legte für die zukünftigen Generationen diese Lehren dar. Hier ein Einblick in die Möglichkeiten der Praxis des Lama Dragpo Dechen Gyalpo.

Prophezeiung

Die Notwendigkeit einer intensiven Praxis legt Padmasambhava mit folgenden Worten dar.

Zum Nutzen für die künftigen Generationen der Linienhalter so wie ich, habe ich, der ehrwürdige Meister Padma Thöthreng die Praxis des zornvollen Lamas Dechen Gyalpo, die als „Die wahre Herzessenz“ (bekannt ist), gelehrt. Wenn in der Zukunft, in der letzten 500 Jahr (-Periode), diejenigen, die karmisch mit mir, Padmasambhava, verbundenen sind, auf das Tor des tiefgründig geheimen Mantrayanas treffen, dann wird das für die Tage und Stunden aller Lebenszeiten beständig unumkehrbar sein. Personen, die die Aggregate zufriedenstellt, hängen von dir ab. Für diejenigen, die faul, abgelenkt, geschäftige oder wollüstig sind, ist Zweifel am heiligen Dharma ein großer Räuber. Gleichgültigkeit sind Aufschieben sind teuflischer Räuber. Gewinn, Ehre und Ruhm sind teuflische Banditen. Kurzum, nimm zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten den niedrigsten Sitz ein, lege einen Pelzmantel an und verweile ganz allein, das ist die Anwendung der Schlüsselpunkte. Rechne anderen nicht prahlend vor, wie viele Jahre oder Monate du praktiziert hast! Fasse das ganze Leben in essentieller Praxis zusammen! Ein menschliches Leben ist wie ein Sonnenstrahl zwischen den Wolken. Mach das Verlangen „brauchen, brauchen, nötig, nötig“ nicht größer, die vielen Notwendigkeiten ruhen zu lassen, ist die Anwendung der Schlüsselpunkte. Wenn du, obwohl du morgen sterben könntest, keinen Gedanken daran verschwendest, dann ist alles loszulassen der wahre heilige Yoga. Wenn du die sorglose Zuversicht hast, glücklich zu sein, wenn du krank bist und freudig, wenn du stirbst, dann bist du ein Mensch, dann akzeptiere ich dich als Kind, das nach dem Vater kommt. Belasse es für diese Schlüsselpunkt nicht bei den Beispielen, sondern setzte sie in die Praxis um! Dann werdet ihr von Padma als Nachfolger angenommen, ihr Glücklichen. SAMAYA.

Hinweise zur Praxisgestaltung

Padmasambhava empfiehlt, die Praxis an einsamen, entlegenen Orten durchzuführen.

An höchst entlegenen Plätzen wie im Schnee, im Schlamm, im Dschungel oder auf Felsklippen, in einem reinen Land, abgeschieden von den weltlichen Dingen, die ausgezeichneten Orte, wo sich Wesen mit höchstem Karma und Streben aufhalten, ist insbesondere edel. SAMAYA.
Zu den guten Zeitpunkten (wie) dem zunehmenden Mond, besonders am 10. Tag, öffnet man das Mandala und praktiziert den Wurzeltext. Ein Mandala, geschmückt, arrangiert und vollkommen mit allen Merkmalen, ist die Methode mit Ausschmückungen. Sich auf eine Torma-Stütze mit den Merkmalen, die die drei Stützen repräsentieren, auf das Mandala der drei Sitze zu stützen, ist die unausführliche Methode. Man arrangiert die Festopfersubstanzen, die die Sinne erfreuen. Die Stufen des Rituals der Vorbereitung (für den Ort und das Mandala) lernt man aus den allgemein üblichen (Abläufen). SAMAYA.
Die vom Glück Begünstigten der Praxis des zornvollen Lamas, ausgestattet mit der Essenz der tiefgründigen Erzeugung und Vollendung und ohne irgendwelche Ablenkung und ohne ein Wort zu sprechen, nichts aufzugeben, die Versprechen unbefleckt, die Schutzgrenze nicht gebrochen, die Praxis der letztendlichen Essenz ist der tiefgründige Schlüsselpunkt. Nimm diesen Herzensrat von Padma an, oh Herzenskind! SAMAYA.

Zeichen der Verwirklichung

Wenn man die Mantra-Rezitation im vollen Ausmaß praktiziert, sollten sich auch die entsprechenden Zeichen einstellen.

Die Zeichen der Verwirklichung werden sicherlich erscheinen: Insbesondere das Aufgehen von Sonne und Mond, man gelangt auf den Gipfel eines Berges, fliegt am Himmel, Blumen erblühen, man erfreut sich an Getreide, das Haus lodert von Feuer, man überquert ein großes Gewässer, Musik erklingt und man erblickt das Antlitz der Gottheit, man bekommt einen klaren Spiegels – als Zeichen der Annäherung und Verwirklichung sind das die besten. Werden Felsen zerstört, ein Pflanzendickicht niedergedrückt, Lebewesen getötet, zu Dienst gebunden und unterworfen, eine Versammlung von vielen lobpreist (einen auf) einem Thron, Männer und Frauen als Mönche oder als Bön-Schamaninnen bringen einem Verehrung und Respekt entgegen und die acht Klassen der Götter und Dämonen legen Versprechen ab, das sind die Zeichen der Verwirklichung der erleuchteten Aktivität. Insbesondere, wenn Erfahrung und Verwirklichung entsteht, Federn vom Adler, dem König der Vögel herabfallen, sich ein Blumenregen herabfällt, der Nektar (in der Schädelschale) kocht, der Torma mit Feuer lodert, der Rakta überfließt, der Selbstklang von Gesang und Musik erklingt, das sind Zeichen für die tatsächliche Verwirklichung und allerhöchste Gewissheit. Wenn sich auf diese Weise die Zeichen der Verwirklichung zeigen, dann wirf Festhalten an Hoffen und Bangen fort und lasse dich in der Sphäre ohne Freude und Leid nieder! Halte diese Schlüsselanweisung als besonders hoch!

Spirituelles Festmahl

Im Rahmen einer Ganachakrapuja – ein spirituelles Festmahlopfer – werden gebrochene Praxisversprechen bereinigt. Guru Padma sagt dazu:

Damit das den zornvollen Gurus praktizierende Kind die Ansammlungen vollenden, die Verschleierungen bereinigen und die Verletzungen und Brüche der Samayas wiederherstellen kann, dreht er den Kreis des Festopfers: Alle Freude und Reichtum an Sinnesfreuden werden wie der Berg Meru und der Ozean der Genüsse aufgehäuft. […]

Nutzen

Am Ende verkündet Padmasambhava den Zweck der Praxis, beauftragt den Dharma-Schützer Rahula, diese Lehren vor Missbrauch zu behüten und versiegelt sie mit Gelübde, drei einfachen Siegeln, einem Schatzsiegel und weiteren Siegeln des Geheimen und der Tiefgründigkeit.

Dieser Lebensbindu des Ozeans der Siegreichen der drei Zeiten, zusammengefasst zur Quintessenz als tiefgründige Anweisungen wurde für die Linienhaltern Padmas vom Siegel der Überantwortung gelöst. Abgesehen von den Herzenskindern, die diese Anweisungen nicht verkommen lassen, und den durch Wunschgebete und Karma verbundene Glücklichen sind diejenigen, die dies hier treffen, so selten wie die Udumvara-Blume. Diese tiefgründige Herzessenz von mir, Padma, ist mit der Absicht von 100.000 Vidyadharas besiegelt und mit der Weite von immens vielen Myriaden von Dakinis besiegelt (und) auch mit den Segnungen von unzähligen Siegreichen besiegelt. Verglichen hinsichtlich der Kraft des Segens ist sie überragend. Wer immer damit zusammentrifft, wird das Tiefgründige und Klare völliger Befreiung haben. Es ist dem befehlshörigen Beschützer Za Düd (Rahula), dem giftigen Rasiermesser, anvertraut. Beschütze den Buddha! Befehl- und Eid-Siegel.

Ermächtigung

Wie jede tantrische Praxis ist auch für die des Lama Dragpo Dechen Gyalpo eine Ermächtigung erforderlich. Dafür gibt es Vorbereitungen.

Die Stufen der Ausführung dieser überragenden Ermächtigung des zornvollen Lamas: Der mit der höchsten Sichtweise ausgestattete Meister legt in ein wohlarrangiertes Mandala, das mit allen Merkmalen vollendet ist, die Stützen für Körper, Rede und Geist. Zuerst führt er die Praxis gemäß des Wurzeltextes aus. Dann kommt für Schüler, die geeignete Gefäße dafür sind, das Reifen durch die Ermächtigung: Zuerst setzen sie sich der Reihe nach hin und man führt die Waschung durch, bannt die hinderlichen Kräfte und meditiert den Schutzkreis. Um die ungeeigneten (Schüler) zu entfernen, werden die Vajra-Worte erklärt.

Dann folgt ein Dialog zwischen Lehrer und Schüler, bei dem es um die Willigkeit zur Einhaltung der Samayas – der tantrischen Gelübde – geht. Für die geeigneten Schüler geht es dann weiter mit einem Reinigen des Seinsstroms der Schüler, damit deren drei Tore als Vajra-Gefäße geeignet gemacht werden. Darauf folgt die eigentliche Einweihung. Wie viele tantrische Ermächtigungen ist auch dieser Vorgang der Einweihung ein vierstufiger Prozess, in dem eine elaborierte Vasenermächtigung, eine geheime Ermächtigung, eine Weisheits-Bewusstseinsermächtigung und eine kostbare Wortermächtigung gegeben werden.

Zum Abschluss werden Wunschgebete gesprochen und Padmasambhava spricht wiederum Empfehlungen und Prophezeiungen aus, und beauftragt fünf Dharma-Schützer, diese Lehren zu bewachen und vor Missbrauch zu schützen.

Man umgibt es mit einem Festopfer der Danksagung. Dies ist äußerst tiefgründig und heikel, bis auf solche (Schüler) mit reinem Samaya ist es unpassend, (die Ermächtigung) zu gewähren. Wenn man das Blut der reinen Essenz der (Herz)essenz der Dakinis verschüttet und fortwirft, werden sie einen strafen. Aus diesem Grund ist das Einhalten des Samaya von größter Wichtigkeit. Ist diese Ermächtigung erlangt und werden die Anweisungen ungetrübt geübt und in die Praxis umgesetzt, wenn dann in diesem Leben (die Stufe) eines Wissenshalters nicht erlangt wird, habe ich, Padma, euch getäuscht. Zukünftigen Generationen im zukünftigen Zeitraum der letzten 500 Jahre werden das geheime Mantra als Segenszeremonie für wankelmütige Menschenmengen machen – das ist das Zeichen für die Erfahrung der Lehren des Mahayoga. Sie werden aus Tsalung ein Spektakel machen – das ist das Zeichen für die Erfahrung der Lehren des Anuyoga. Sie werden Sichtweise und Meditation auf der Straße verkünden und darüber streiten und das Maß des Pfades von Thögal in Kurzform erklären – das ist das Zeichen für die Erfahrung der Lehren des Atiyoga. Was die drei Yogas in jener Zeit betrifft: Deren Erfahrungen sind wie der Reichtum auf einem Bild – es gibt keine Freude oder weder Nutzen noch Schaden. Zu dieser Zeit werde ich selbst, Padmasambhava, in der Art eines versteckten, die Konventionen niederreißenden Yogis als Herr des geheimen Schatzes der Dakinis, Dudjom Dorje Throlötsal ausstrahlen. Er wird die Schüler mit Wunschgebeten völlig befreien. Die heutigen 25 (Schüler) – König und Untergebene – und die 30 verwirklichten Wissenshalter werden in der Art und Weise von Lehrer und Gefolge ausstrahlen. Der Dharma der Herzessenz (Nyingthig) wird wie die jugendliche Sonne erstrahlen und die Linienhaltern werden in das Glück der Ermächtigung versetzt. In jener Zeit werden die fünf falsche Wunschgebete machenden Minister Unterbrechungshindernisse bereiten. Es werden Beleidigungen, falsche Ansichten, lächerlich machendes Gekicher, negative Worte, Feinde, Streit und Bösartigkeit auftauchen. Aber auch das kann den tiefgründigen Dharma nicht zerstören. Für Sonne und Mond sind Wolken kein ständiger Schleier. Du, Frau, Yeshe Tsogyal, schreibe diese Lehre in symbolischen Zeichen nieder! Verstecke sie in Kham, im Felsen von Sinmo Drag! Befehlshörige Schützer Mahadeva, Mamo (Ekajati), Za (Rahula), Tsän (Tsi’u Marpo) und (Dorje) Legpa beschützt es! Seid den Linienhalter-Kindern Freunde und Begleiter! Zerstört die Sinnesfähigkeiten derjenigen, die sie beleidigen!

Essenz der Praxis

In einem kurzen Kommentar wird noch auf die Essenz der Praxis verwiesen.

Der gesamte Horizont des durchdringenden, ausgebreiteten Raumes ist das Selbstgewahrsein, der eine König der großen Glückseligkeit (Dechen Gyalpo), der nicht hervorgebracht, (sondern) zeitlos vorhanden ist. Das ist das große Geheimnis aller Erzeugungsstufen, das Wandeln der Lebenskraft der gesamten zyklischen Existenz und ihrer Transzendenz. Es ist der unübertreffliche Gipfel der spirituellen Ansätze. Welches Kind auch immer es in die Praxis umsetzt, erlangt Macht über alle Wesen der phänomenalen Welt, macht Götter, Dämonen und Menschen zu Dienern gemacht (und) die Stufe des Vajradhara wird erlangt. Das ist die essenzielle Quintessenz, befehlshöriger großer Yaksha, beschütze es!


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) und Lama Sangye Dorje (Christian Paar) aus den Wurzeltexten des Dudjom Lingpa, Band 1 seines Dharma-Zyklus. Veröffentlicht, damit ernsthaft Praktizierende eine Inspiration finden mögen. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. August 2019

Alles nur gelogen…

Weil sich viele für den Buddhadharma interessieren und andererseits immer wieder einige neunmalkluge Leute in Chatrooms im Internet als Lehrer verkleidet herumtreiben und ihre halbgaren Dinge als „Dharma“ verkünden. Obacht!

Der Dharma ist eine Lehre. Diese wurde mündlich überliefert, niedergeschrieben, kann man nachlesen, studieren, diskutieren, verstehen (oder auch nicht). Den Dharma gibt es. Wenn irgendwelche „Lehrer“ behaupten, „den“ Dharma an sich gäbe es so nicht, „den“ Buddha an sich gäbe es so nicht, dann ist das ein billiger rhetorischer Trick.

Das erinnert mich an eine Geschichte vom Mulla Nasruddin.

Eines Tages wollte der Hodscha frische Früchte essen, darum schlich er in einen fremden Garten. Dort kletterte er auf einen Baum und aß all die Früchte, die in seiner Reichweite waren. Etwas später kam der Besitzer des Gartens und fragte ihn böse: „Was machst du da oben?“ Der Hodscha versuchte sich heraus zu reden und antwortete süß: „Oh, mein Herr, ich bin nur eine Nachtigall und sitze hier oben und singe!“ Der Mann amüsierte sich darüber und sagte lachend: „Soso, du bist also eine Nachtigall? Dann lass mich mal ein Lied von dir hören!“ Der Hodscha machte komische Gesichtsausdrücke und gab merkwürdige Töne von sich. Der Besitzer brach in Lachen aus und sagte: „Mann, was für eine Art von Singen ist das? Ich habe noch nie zuvor eine Nachtigall so singen hören!“ Der Hodscha erwiderte: „Ja, das ist eine Nachtigall aus einem fernen Land!“

Fühlt man den Leuten fachlich auf den Zahn, ist bald das Ende der Fahnenstange erreicht. Dann wird gerne damit argumentiert, dass man Schriften und Studium nicht so wichtig nehmen soll, denn die Erfahrungen sind es, auf die es ankommt. Mit solchen rhetorischen Tricks kann man ganz gut eigene Mängel verschleiern, weil man sich ja auf nichts festzulegen braucht. Auf diese Weise kann man dann den interessierten, aber unkundigen Leuten etwas vorlabern und hoffen, dass im weiten Meer der Beliebigkeiten ein passender Schuh dabei sein wird. Diese „Lehrer“ sind jedoch Blender.

Und noch ein sicheres Zeichen für solche Blender ist, wenn sie auf ihre Mängel angesprochen werden, wird ihnen die Kartoffel rasch zu heiß. Daher merke: Fake-Gurus verdrücken sich rasch. Andernfalls biegen sie sich nach dem Wind der Anerkennung.

Aber keine Sorge. Die Erde ist rund, niemand fällt hinunter und der Dharma ist kein elitäres Projekt. Wir mögen sie alle. Auch die Scharlatane. Ohne sie wäre die spirituelle Reise langweilig. Hier noch etwas von Dzongsar Khyentse zum Thema der Wannabe-Gurus:

„An die Scharlatane – ohne euch wäre die spirituelle Reise einfach langweilig. Habt ihr schon einmal von einer Tibetischen Klangschale gehört? Sie existierten nie in Tibet, bis ein gerissener Erfinder, der wirklich wusste, wie man die Dinge mit einer pro-tibetischen Stimmung in klingende Münze verpackt und mit dieser Glocke auftauchte. Jetzt sieht man sie überall, als ob sie tibetische Kultur an sich wären. Selbst die Tibeter in Dharamsala und Kathmandu haben diese Klangschalen als teil ihrer eigenen Kultur angenommen. Es ist dasselbe mit den chinesischen Glückskeksen, die ganz und gar nicht chinesisch sind. Sie wurden in Amerika erfunden, basierend auf einem japanischen Rezept und nun werden sie serviert, als ob sie die Quintessenz der chinesischen Küche wären, sogar in authentischen chinesischen Restaurants. Dieser Art von Gefahr begegnen wir, wenn wir nicht aufpassen. Eines Tages wird ein nett verpackter, schön vermarkteter, unauthentischer Buddhismus als die wahre Sache dargeboten werden. Daher ist Prüfung wichtig: Prüfung der Lehren, Prüfung des Lehrers und Prüfung des Schülers. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch schrieb.“

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche; „Der Guru trinkt Schnaps?“

Buddha-Wort oder Fake

Wenn’s gut klingt, dann muss es doch buddhistisch sein, oder? Leider werden allen möglichen Leuten Aussagen in den Mund gelegt, die sie überhaupt nicht gemacht haben. Wenn das im Dharma passiert, dann geschieht dadurch eine Verwässerung und Fälschung der Lehre. Daher ist es immer gut, bei solchen Aussagen, die zwar vielleicht gut klingen, ein bisschen Lebensweisheit beinhalten und so leicht runter rinnen, wie Rhizinusöl mal über „fake quotes…XY…“ im Internet zu suchen. Man staunt echt, was sich aus so ein paar bewegten Bildern und lauwarmen Sprüchen alles basteln lässt und man den wenig informierten Leuten verkaufen kann. 

Tja, ohne sich den Schriften zu widmen geht es nicht. Weil immer wieder Postkartensprüche die Leute beeindrucken und mit Nettigkeiten auf falsche Wege führen, hier ein paar Worte des Buddha aus dem Mahaparinibbana Sutta, wie man die Lehre prüfen kann.

Ohne Zustimmung und ohne Verachtung, aber wenn man die Sätze Wort für Wort sorgfältig studiert, sollte man sie in den Diskursen nachverfolgen und durch die Disziplin überprüfen. Wenn sie in den Diskursen weder nachvollziehbar noch von der Disziplin überprüfbar sind, muss man daraus schließen: „Dies ist sicherlich nicht die Äußerung des Seligen. Dies wurde von diesem Bhikkhu missverstanden – oder von dieser Gemeinde oder von diesen Ältesten oder von diesem Ältesten.“ Auf diese Weise, Bhikkhus, solltet ihr es ablehnen.

Mahaparinibbana Sutta

Es hat auch mit dem Wunsch nach geschwinder Problemlösung zu tun. Dabei greifen die Menschen dann wie Kinder im Süßigkeitenladen nach allen möglichen Dingen und stopfen sie in sich hinein.

Ich denke, dass die Menschen im Westen keine Fragen dazu stellen, ob eine Lehre vom Buddha gelehrt wurde oder ob Referenzen in den Lehren der alten gültigen Pandits und Yogis vorhanden sind. Für sie scheint es nicht wichtig zu sein, die Referenzen zu überprüfen. Wenn westliche Menschen den Dharma hören, sind sie froh, wenn dieser für ihr Leben und ihren Geist unmittelbar von Vorteil ist, insbesondere, wenn er mit ihren Problemen zusammenhängt. Es spielt keine Rolle, ob er etwas ist, was Buddha oder ein Dämon lehrte. Sie hinterfragen oder prüfen nicht. Für sie geht es darum, einen unmittelbaren Nutzen für ihren Geist zu erzielen, wenn sie zuhören. Dann werden sie bleiben. Ansonsten gehen sie nach ein paar Minuten, besonders während meiner Gespräche. Aber im Osten ist es im Allgemeinen vorsichtiger, zu untersuchen, ob Buddha etwas gelehrt hat. Sie überprüfen die Referenzen, um festzustellen, ob sie der Praxis vertrauen können oder nicht, ob sie ihr Leben dem widmen können. Sie denken über die Langfristigkeit nach, was sehr wichtig ist. Im Westen geht es vor allem darum, sofort etwas Süßes zu probieren.

Lama Zopa; Belehrungen zur Praxis der Vajrayogini

In Watte gepackter innerer Druck

Spannend wird’s dann immer in den verschiedenen Chatrooms auf Social Media. Da gehen Sprüche (und Leute) viral, dass es nur so kracht. Leute, die einem bei der Darlegung des Dharma gar noch gespickt mit Zitaten Dogmatismus und ähnliches vorwerfen, sehen ihr den Dharma korrumpierendes Verhalten absaufen. Somit geht dann nur mehr ad hominem.

Generell sollte eine Darlegung des Dharma mit Zitaten versehen sein, da dadurch auch die Authentizität der Darlegung untermauert wird. Aber es gibt Leute, die sich nicht um den Dharma kümmern, sondern diesen für die Beweisführung ihrer eigenen verdrehten Konzepte verwenden. Fehlende Zitate, Zitate aus dem Zusammenhang gerissen u.a. sind deren Markenzeichen. Eh schon wissen, dass das auf jene Leute zutrifft, die durch „Klickibunti-Posts“ und Fake-Quotes ihr Ding drehen. Weist man diese dann auf die besagten Fehler hin, sind sie sauer und werfen einem vor, dass man a) ja eh nix verwirklicht hätte, weil man an den Schriften hängt – ja, das ist dann die alexandrinische Bibliothek im Herzen der Herzchens; 2) der Dharma viel zu intellektuell interpretiert würde, weil eigentlich der Dharma ja eine Herzensangelegenheit wäre; 3) die stattfindende Konfrontation eigentlich nicht „rechte Rede“ sei; und 4) überhaupt alles jenseits von Worten wäre. Ja eh, wenn man vorher schon nichts zu sagen hat, sondern nur redet; d.h. im Falle von Facebook-Posts/Kommentaren einfach nur Blabla schreibt. Gut, genug der Schandtatenaufzählung. Das Blöde an der Sache ist, dass die Leute den sechs Verzerrungen unterliegen und vier Fehler machen. 

Der nächste Punkt ist, dass eine vorgebliche Weltoffenheit durch das muntere Vermischen aller möglichen Ansätze und Lehren verstanden wird. Wenn dann jemand daherkommt und diesen Eintopf in seine Bestandteile zerlegen versucht und das auch noch mit fachlichen Darlegungen, Zitaten untermauert, dann wird dieser Person, die korrigierend eingreift, einfach Intoleranz, Dogmatismus etc. vorgeworfen. Die Person, die diese Anwürfe macht, merkt jedoch nicht, dass sie es ist, die eigentlich mit etwas konfrontiert wird und ihre Angst vor dem Aufdecken der Fehler projiziert; frei nach dem Prinzip: „Der Bote der schlechten Nachricht wird getötet.“ Tja, wenn fachlich nichts vorhanden ist um zu reüssieren, dann wird einfach die Person niedergemacht. Es gibt schon sture Geister, bei denen ein ad hominem als Provokation manchmal hilfreich ist. Aber ob es Sinn macht oder nicht, stellt sich recht rasch durch die Verflachung der Kommentare heraus. Solche Vorwürfe und Anschuldigungen sind einfach eine unerkannte Strategie des unbewussten Greifens nach einem Ich, d.h. Formen trügerischer Selbstbestätigungen. Es läuft auf ein in Watte gehülltes Leiden hinaus. Die Befreiung davon wird dabei hinten rausgeschoben.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. August 2019

Padma Gyalpo – der Lotuskönig

Der Guru Padma Gyalpo (tib., gu ru pad+ma rgyal po; Skt., Padmaraja) ist einer von acht Manifestationen des Guru Rinpoche. Dabei wird Guru Rinpoche als jugendlicher Prinz dargestellt, der in königlicher Haltung auf einem Lotus sitzend mit der rechten Hand ein Damaru spielt und in der linken einen Spiegel hält.

Guru Rinpoches erste Erscheinung

Guru Padma Gyalpo ist die Form, in der Guru Padmasambhava ursprünglich in unserer Welt erschienen ist. Er wurde nordwestlich von Bodhgaya in einem als Oddiyana bekannten Königreich geboren, vier Jahre nach Buddhas Mahaparinirvana. Padma Gyalpo erschien auf wundersame Weise als achtjähriger Junge auf einem Lotus mitten im See Dhanakosha. Er blieb fünf Jahre lang beim König von Oddiyana, nachdem er auf dieser Lotusblüte geboren und von König Indrabhuti adoptiert worden war. Umgeben von Dakas und Dakinis zeigte Guru Rinpoche die Pracht seiner Weisheit, die spontan das mächtigste der sichtbaren und unsichtbaren Wesen besiegt dass sie ihn als ihren obersten Monarchen oder König betrachten. Dies ist der wahre Sieg von Padma Gyalpo, dem Lotuskönig, einer ganz besonderen Emanation von Guru Padmasambhava, die Wahrnehmung und Konzeption jenseits von Ichhaftung und negativen Emotionen magnetisiert und gleichzeitig unsere Freude, unseren Frieden und unsere spirituelle Verwirklichung aktiv steigert.

Als Laienanhänger ist er gut gekleidet mit langen, fließenden Kleidungsstücken in verschiedenen Farben, einem Kopfschmuck, langen Ärmeln und Schuhen. In der rechten Hand hält er ein doppelseitiges Damaru und in der linken ein goldener Spiegel. Mit einer Krone aus Gold, Ohrringen und einer Halskette geschmückt, sitzt er auf einer Mondscheibe und einer rosa Lotusblüte, die von einem Nimbus aus verschiedenen Lichtern und einem grünen Warzenhof umgeben sind, in der entspannten Haltung königlicher Leichtigkeit. Vorne auf einem erhöhten Fleckchen Erde ruht eine blaue Lapislazulischale, die mit Wunschjuwelen, kostbaren Ornamenten und einem goldenen Dharma-Rad gefüllt ist.

Padmas Prophezeiungen und Praxiserfolg

In den letzten 500 Jahren des Zeitalters des Niedergangs wird durch die Macht der falschen Bestrebungen und Sichtweisen der Geister die Lebenskraft der ungezähmten fühlenden Wesen getäuscht sein. Den Lehren und den Wesen wird Glück und Zufriedenheit geraubt werden. Die Lehren des Buddhas werden wie der Vollmond von Wolken verdunkelt sein. Das strahlende Licht der jüngst erschienenen Sonne des Mantras wird in eine Phase wie zur Sonnenfinsternis eintreten. Das wird die Zeit der Siegreichen der drei Zeiten sein. Wenn man sich in der erleuchteten Aktivität des Herrschers Padmasambhava der Essenz der Annäherung und Verwirklichung bemüht, dann wird man in der Schlacht mit den Dämonen und falschen Sichtweisen siegreich sein. […]

Praktiziert man jedes einzelne [Mantra] davon immer wieder und wieder (und) rezitiert es so oft wie möglich ausgestattet mit den Schlüsselpunkten, dann wird auch ein Armer gereinigt (und) ein wohlhabender Mensch werden. Der Besitz wird nicht armselig sein. Befeuchtet man die Augen mit dem Mantra-Wasser, auf dessen Wasser man viele Male rezitiert hat, und schläft mit der Aufmerksamkeit für das, was man sich wünscht ein, träumt man, dass schönes oder hässliches verwandelt wird. Meditiert und rezitiert man in großer Zahl, wird Hellsichtigkeit entstehen. Ferner wird man nicht überwältigt werden, genauso wird der Rudra verwandelt werden

Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje; aus der Praxis des Padma Gyalpo: Die mit dem Vajra versiegelte, geheime Sadhana des Vidyadhara Padma Gyalpo, genannt „Die drei Weltenbereiche mit dem Eisenhaken heranziehen“

Im Kontext der Praxis des Padma Gyalpo erscheinen auch Mahadeva und Ganapati – Ganesh als der Herr der Scharen. Beide verkörpern die Fähigkeit, Reichtum anzuziehen. Bei Ganapati (Ganesh) ist darüber hinaus auch noch die Fähigkeit der Klarschau im Traum und des Verbesserns von Traumvisionen gegeben.

Geburt Padmasambhavas

Wie kam Padmasambhava nun in die Welt? Laut tibetischer Geschichte wurde Guru Rinpoche vier Jahre nach Buddhas Mahaparinirvana geboren. Obwohl die Vorhersage von Buddha Shakyamuni über das Kommen von Padmasambhava als acht Jahre wiedergegeben wird, teilt das in Indien verwendete System den Monat in zwei, was dem zunehmenden und abnehmenden Mond entspricht. Nach dem tibetischen Kalender trat Buddha Shakyamuni während des Jahres des Metall-Drachens in das Mahaparinirvana ein und Guru Padmasambhava wurde im 5. Monat – dem Affenmonat – im Jahr des Affen geboren. Im tibetischen Buddhismus wird jedes Jahr des Affen als das Jahr des Guru Padmasambhava angesehen.

Guru Padma Gyalpo ist die Form, in der Guru Padmasambhava ursprünglich in unserer Welt erschien. Er ist direkt verwandt mit Buddha Amitabha, dem Buddha des Westens, sowie mit Avalokitesvara, dem Buddha des Mitgefühls. Buddha Amitabha repräsentiert den Dharmakaya, Avalokitesvara den Sambhogakaya und Guru Padmasambhava den Nirmanakaya. Amitabha, Avalokitesvara und Guru Padmasambhava umfassen alle möglichen Ausstrahlungen des Trikaya. Vielleicht fragt man sich bisweilen, wie solche Formen wie im Dharmakaya als Buddha Samantabhadra, Buddha Vajradhara und Buddha Vajrasattva enthalten sind. Sie sind aber nur verschiedene Aspekte und Namen für den Dharmakaya. Sie alle sind in den drei Kayas Amitabha, Avalokiteshvara und Guru Padmasambhava enthalten. Tatsächlich ist das gesamte Mandala aller Buddhas und aller Kayas in Guru Padmasambhava. Er ist nicht nur ein wichtiges Mitglied der Lotus-Familie, er verkörpert auch das gesamte Mandala.

In Dudjom Lingpas Schilderung über die Geburt Padmasambhavas wird von einer Vorstufe im Reich der Nagas berichtet:

Am zehnten Tag des mittleren Sommermonats, im Schlangenjahr, trat eine mit einer HRI-Silbe markierte Lichtmasse in den Schoß von Königin Nordzin Tsho, der Frau des Naga-Königs Migön Karpo, ein. Nach fünf Monaten überwältigte ein Naga-Kind namens Ö Thrö, außerordentlich hübsch und charmant, alle Nagas, Nyens und Erdenlords mit seiner melodiösen Stimme. In Übereinstimmung mit dem Körper, der Rede und dem Geist der zu trainierenden Personen manifestierte er einen illusorischen Tanz mit geschickten Mitteln. Er lehrte den Dharma, übertrug Tantras, legte Gelübde ab und gewährte Ermächtigungen.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Dies ist aus dem ersten Kapitel der Biographie von Padma, das sich auf natürliche Weise durch Sehen befreit, wie er im Reich der Nagas geboren wurde und den Wesen half. In der Welt der Menschen erschien er jedoch durch eine wundersame Geburt.

Wie geschah nun die wundersame Geburt? Buddha Amitabha strahlte ein goldenes Licht aus seinem Herzzentrum aus, das sich als fünfzackiger goldener Vajra mit der Silbe HRI formte. Es landete mitten in einer Udambara-Blume, einer sehr seltenen und kostbaren Lotusart, die im Dhanakosha-See wächst. Ein jugendlicher Padmasambhava erschien auf wundersame Weise aus der Vereinigung des goldenen Vajra mit dem HRI und diesem wunderschönen, tausendblättrigen Lotus, der im See Dhanakosha wächst. Normalerweise werden wir mit Hilfe von Eltern geboren, aber durch das spontane Erscheinen von Guru Padma Gyalpo öffnen wir uns der panoramaartigen Schau der wahren Natur. Um unser gewohntes Muster der allmählichen Geburt durch Empfängnis im Mutterleib zu durchbrechen, demonstrierte er die Freiheit der augenblicklichen Geburt. Er offenbarte ein neues Tor: den ursprünglichen Zustand großer Offenheit.

Der König von Oddiyana war ein außergewöhnlicher Mann namens Indrabhuti. Er war sehr gütig, mitfühlend und großzügig. In einer Zeit großer Hungersnot gab er den Inhalt der königlichen Schatzkammer ab, um seine Untertanen zu ernähren, doch es wurde noch mehr benötigt. Im Altertum war es üblich, auf der Suche nach Juwelen und Schätzen über den Ozean zu segeln. Also ging König Indrabhuti mit seinen Ministern zur See und fand Edelsteine auf einer fernen Insel. Auf dem Heimweg hatte der König viele schöne Träume. In einem sah er einen fünfzackigen goldenen Vajra, der in alle Richtungen goldenes Licht ausstrahlte. Es kam so nahe, dass er es in der Hand halten konnte. Zur gleichen Zeit träumte er, dass sowohl Sonne als auch Mond am östlichen Himmel aufgingen. Gleich am nächsten Tag, nachdem diese wunderbaren Omen erschienen waren, begegnete Indrabhuti Padma Gyalpo.

Am 10. Tag des ersten Sommermonats des Affenjahres sahen sie inmitten des milchigen Ozeans ein weißes Kind, das mit den Haupt- und Nebenspuren geschmückt war, gutaussehend und erhaben auf einem geöffneten Lotos mit einhundert Multi Blütenblätter in einem weitläufigen Pavillon aus fünffarbigem Regenbogenlicht. Als der Kaufmann und die königlichen Minister mich [Padmasambhava] sahen, teilten sie dem König mit, was sie gesehen hatten. Unmittelbar nachdem er davon gehört hatte, wurden seine Augen geöffnet, als würde er aus einem Traum erwachen.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Als sich das Boot des Königs dem Ufer näherte, sah die Besatzung wunderschöne Regenbogen, die sich über den Himmel wölbten. Eine große Menge Vögel schwebte am Himmel und sang entzückende Lieder. Himmlische Düfte durchdrangen die Luft. In dem Moment, als sie diese Zeichen sahen, fühlten sich alle glücklich. Der König war bewegt, seine Träume mit den Ministern in Verbindung zu bringen. Nachdem sie in ein kleineres Boot gestiegen waren, setzten sie sofort die Segel in Richtung der Quelle der Regenbogenanzeige. Als sie näher kamen, sahen sie einen herrlichen Lotus. Keiner von ihnen hatte jemals zuvor eine solche Blüte gesehen. Es war eine ungewöhnlich große und leuchtende Blume, aber darüber hinaus saß auf dem Pollenbett ein wunderschöner, erhabener, achtjähriger Junge, der in der Vajra-Haltung Regenbogenlicht ausstrahlte und glühte. Der König war völlig erstaunt und sprach den Jungen an:

„Wie wunderbar! Eine höchste Verkörperung der Buddhas der drei Male! Was ist deine Heimat und Abstammung? Wer sind dein Vater und deine Mutter? Was ist der Grund, warum du hier auftauchst? In welchen Bereich möchtest du jetzt gehen? Ich bitte dich, mir freundlicherweise zu antworten!“
Dann antwortete ich: „Kye! Höre, oh König des souveränen Dharma! Mein Vater ist Samantabhadra, meine Mutter ist Große Glückseligkeit, Samantabhadri. Meine Heimat ist der reine allumfassende Raum der Phänomene, meine Abstammungslinie ist die alles durchdringende Vajra-Natur. Meine Blutlinie ist eine große, unveränderliche Erleuchtung, und ich bin auf diese Welt gekommen, um das Wohlergehen und das Glück in Fragen der Religion und des Staates zu steigern.“

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Als Buddhist war König Indrabhuti mit diesen Antworten sehr zufrieden. Natürlich war er schon ganz aufgeregt über eine so brillante und außergewöhnliche Darstellung, aber diese Antworten des Kindes zu hören, berührte ihn wirklich. Das Strahlen seines Körpers und seiner Sprache drang tief in das Herz des Königs ein. Der König war von all dem sehr bewegt und hatte keinen eigenen Sohn. Er fragte: „Wirst du in meinen Palast kommen und mit mir leben?“ Der junge Padma Gyalpo nahm diese Bitte an und ging mit dem Gefolge zum Palast.

Mit viel Weihrauch und Musik begrüßt, beschwor der König aus einem wunscherfüllenden Edelstein einen Juwelenthron und ein hoher Thron erschien, der immer eleganter wurde. Im Jahr des 13. Tierkreishauses wurde ich als König auf den Thron gesetzt. Ich [Padmasambhava] lebte im Haus von Prabhavati, der Tochter von Dhaha. Ich war damals als Guru Padma Gyalpo bekannt und blieb fünf Jahre im Königreich.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

Dann erschien eines Tages Buddha Vajrasattva Guru Padmasambhava und forderte ihn auf, Oddiyana zu verlassen, um den Lebewesen auf aktivere Weise zu helfen. Guru Padmasambhava befolgte diese Anweisungen und verließ Oddiyana mit etwa dreißig Jahren. In einer anderen Version der Geschichte verschuldete Padma Gyalpo den Tod des Sohnes eines Ministers. Dieser brachte den Fall vor den König und bestand darauf, dass Padma Gyalpo aka Padmasambhava hingerichtet werden sollte. Doch der König konnte dies abwenden und so wurde Padmasambhava ins Exil geschickt.

Obwohl Uddiyana bald ohne König sein würde, schlagen einige vor, dass Sie getötet werden, andere, dass Sie eingesperrt werden. Wieder andere sagen, du musst in furchterregende Länder verbannt werden. Diejenigen, die mir zustimmen, fragen schließlich, wohin Sie geschickt werden, um im Exil zu leben.

Dudjom Lingpa, Biographie des Padmasambhava

So verließ Padmasambhava den Palast zu Fuß und ging an vielen Orten umher. Aber auch die grundlegendsten Aspekte seiner Reise waren nicht gewöhnlich. Zum Beispiel würde er dort sofort ankommen, wohin er aufbrach. Die Zeit hatte keinen Einfluss auf Guru Rinpoches Aktivitäten. Er reiste durch Indien und besuchte die mächtigsten und furchteinflößendsten Friedhöfe, die als die acht Leichenstätten bekannt sind. Er unterwarf die acht Klassen von Geistern und führte sie auf den Pfad des Bodhicitta, dem vereinten Zustand von liebender Güte, Mitgefühl und Weisheit.

Äußere und innere Aspekte der Praxis des Padma Gyalpo

Obwohl Guru Rinpoche als menschliches Wesen auftrat, demonstriert er hier etwas, das völlig jenseits unserer dualistischen Vorstellungen und regulierten Ansichten liegt, indem er im Zentrum eines Lotus in diese Welt kommt. Er kam nicht durch leibliche Eltern in die Welt. Dies bedeutet, dass Guru Padmasambhava frei von Anhaftung und Hass ist. Er ist nicht von negativen Emotionen begleitet. Stattdessen unterwirft und transformiert er alle Wut und Anhaftung in ihre entsprechenden Weisheiten, wie dies durch diesen prachtvollen Lotus symbolisiert wird. Dies bedeutet, dass Praktizierende, die dem Pfad von Guru Padmasambhava oder Buddha Shakyamuni folgen, Hass, Aggression und neurotisches Verlangen durchtrennen und transformieren.

Im herkömmlichen Sinne brachte Guru Padmasambhava alle Untertanen von Oddiyana auf dem Weg der Erleuchtung in Harmonie, so dass sie sich durch die Praxis von Frieden, Liebe und Mitgefühl auszeichneten. Auf der inneren Ebene unterwarf er die acht Klassen der negativen Geister und band sie im Dienst an die Praxis des Bodhicitta. Umgeben von Dakas und Dakinis zeigte Guru Rinpoche die Pracht seiner Weisheit, die spontan das mächtigste der sichtbaren und unsichtbaren Wesen überwindet, so dass sie ihn als ihren höchsten Monarchen oder König ansehen. Dies ist der wahre Sieg von Padma Gyalpo, dem Lotuskönig, einer ganz besonderen Emanation von Guru Padmasambhava, die Wahrnehmung und Konzeption jenseits von Ichhaftung und negativen Emotionen magnetisiert und gleichzeitig unsere Freude, unseren Frieden und unsere spirituelle Verwirklichung aktiv steigert.

Wir sollten verstehen, was unter Magnetisieren zu verstehen ist. Es bedeutet in erster Linie nicht, dass man ein externes Objekt wie ein anderes Lebewesen unter Kontrolle bringt. Die Wahrnehmung zu magnetisieren bedeutet, den Verstand weltlicher Gewohnheiten zu überwältigen. Wenn man diese Fähigkeit nicht in sich hat, kann man anderen Lebewesen nicht magnetisieren oder ihnen nützen. Um anderen Wesen zu helfen, sollte der eigene Geist nicht von Leidenschaften und stürmischen Gedankenketten aufgewühlt sein. Sobald wir in der Lage sind, dualistische Wahrnehmungen und mentale Gewohnheiten zu überwinden, ziehen wir andere auf natürliche Weise an. Die Praxis auf Guru Rinpoche im Aspekt des Padma Gyalpo bereinigt alltägliche Ansichten und trügerische Gefühle und vermehrt unsere Anhäufungen von Verdiensten und Weisheiten.

Guru Padma Gyalpo zeigt offen die Pracht und Herrlichkeit der Weisheit der Padma-Familie. Er ist umgeben von einem herrlichen Gefolge von Dakas und Dakinis, die seine Lehren empfangen. Durch die verschwenderische Darstellung dieser Versammlung bietet er allen Wesen den gleichen Reichtum. Das ist der äußere Weg, diese Emanation zu verstehen.

Auf der inneren Ebene besagt Guru Padma Gyalpo, dass diejenigen, die diesem Weg folgen, ihre Sinne kontrollieren, Wahrnehmungen studieren, die Ichanhaftung unterwerfen und ihre Emotionen überwinden. Wenn man das Ichanhaften überwindet, wird man zu einem großen Souverän. In vollkommener Beherrschung der Gefühle und Reaktionen hat man die Macht und Würde eines glorreichen Königs oder einer prächtigen Königin. Nachdem man das Ichanhaften und die negativen Emotionen unterworfen hat, ist man wirklich siegreich.

In Tibet wird gesagt, dass man den heroischen Zustand erreicht hat, wenn man alle Negativität überwunden hat. Man ist ein Eroberer oder ein universeller Monarch geworden. Nach der alten buddhistischen Weltbeschreibung ist ein universeller Monarch oder Chakravartin einer, dessen Königreich alle vier Kontinente eines Weltsystems umfasst. Sich von Ichanhaftung zu lösen und frei von Neurosen zu sein, bedeutet, zur Erleuchtung aller Siegreichen vollkommen zu erwachen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. August 2019

Guru Rinpoche – 7 Zeilen

So beten wir dann also zum großen Meister aus Orgyen, der Verkörperung aller Buddhas. Die erste Zeile des Gebets offenbart den Ort seiner Geburt; die zweite die Art und Weise wie er geboren wurde; die dritte zeigt die außergewöhnliche Natur seiner Großartigkeit; und insbesondere die vierte offenbart Guru Rinpoches wahren Namen. Die fünfte Zeile erwähnt das Gefolge des Gurus, die Dakas und die Dakinis, zu denen wir auch beten, aber die in Wahrheit niemand anderer sind als der Ausdruck seines Mitgefühls, das den Wesen entsprechend ihrer Bedürfnisse hilft. Die sechste Zeile zeigt uns, wie wir beten sollten. Nachdem wir die Qualitäten des Gurus erblickt haben, wenden wir unsere Herzen ihm zu und wir beten mit unumkehrbarem Vertrauen, indem wir unsere Hingabe sowohl körperlich als auch verbal zum Ausdruck bringen – wir flehen hingebungsvoll, schließlich mit ihm untrennbar zu werden. Die siebte Zeile zusammen mit dem Mantra zeigt, dass durch solch eine Anrufung unser Geist gesegnet wird und wir Verwirklichung erlangen. Wenn wir Hingabe haben und wenn wir zu Guru Rinpoche beten, der in einem unsterblichen Weisheitskörper im natürlichen Nirmanakaya-Buddha-Feld weilt, dann wird der Segen seines Mitgefühls sofort und sicher in uns eintreten. 

Als im Heldengesang des Padma Guru Rinpoche von der Prinzessin ersucht wird, sagt er folgendes: „Resultate werden gemäß der Natur der eigenen Gebete erlangt. Bete zu mir. Eure Bedürfnisse und Wünsche werden so erfüllt.“ Im Führer zur Verwirklichung des Guru steht geschrieben: 

Am zehnten Tag des Affen-Monats, dem Affen-Jahr in jeder Region Tibets, werde ich aus Orgyen erscheinen und das ist sicher, mein Ehrenwort und Versprechen. An jedem zehnten Tag des Mondes werde ich kommen und mit meinen Emanationen wird Tibet erfüllt sein. Das ist mein heiliges Ehrenwort. Der Lotusgeborene ist ohnmächtig zu täuschen. Legt euren Geist auf mich fest, ihre alle, die Vertrauen haben. macht einen Torma wie ein leuchtendes Juwel, geschmückt mit einem Räucherstäbchen und ruft mich mit Musik und dem Klang der Schädeltrommel an. Rezitiert das Gebet der sieben Zeilen, ladet mich mit leidenschaftlicher Melodie ein. 

Und aus dem Hügel von Ngayab, werde ich aus Orgyen, genauso wie eine Mutter nicht widerstehen kann dem Wimmern ihres geliebten Kindes zu euch kommen und meinen Segen gewähren. Das ist mein Ehrenwort und die Hölle erwartet mich, wenn ich versage. 

Ju Mipham Rinpoche, „Weißer Lotus“

Alle diese unfehlbaren Vajra-Versprechen sollten wir in unseren Herzen hüten. Wir sollten Guru Rinpoche als unser wunscherfüllendes Juwel ansehen, die Verkörperung aller Zufluchten. Und wir sollten diese unübertreffliche Anrufung der sieben Zeilen als unsere Hauptpraxis erachten, sie mit einer gleichmäßigen, ausgewogenen Hingabe rezitieren, nicht zu stark und nicht zu schwach.

Wir sollten ihn mit einsgerichteter Konzentration anrufen und immer wieder und wieder Segnungen und Ermächtigungen von ihm empfangen. Wir sollten das zu unserer Hauptpraxis machen, so oft wir können. Und in der nachmeditativen Phase sollten wir bedenken, dass alle Phänomene der Ausdruck des Gurus sind. Wir sollten uns in reiner Wahrnehmung, Mitgefühl und Bodhicitta üben. Es wird weiter dann im zuvor erwähnten Text gesagt: 

Wenn du mit Mitgefühl und Bodhicitta meditierst, dann wird dein Geist gesegnet werden. Wenn du den Ort, wo du lebst, als Oddiyana betrachtest, dann wird deine Nachbarschaft gesegnet werden und dein Haus wird gesegnet, wenn du es als einen unermesslichen Palast visualisierst. Wenn du andere Leute als Gottheiten wahrnimmst, dann werden sie als Weisheitsgottheiten gesegnet werden. Indem du schließlich all deine Nahrung und deine Getränke als Amrita siehst, wirst du sie als Opfersubstanzen segnen. Das sind die fünf Aspekte des Segens, obwohl es andere, unvorstellbare Segnungen abseits davon gibt. 

Ju Mipham Rinpoche, „Weißer Lotus“


Aus dem Kommentar von Mipham Rinpoche zum 7-Zeilen-Gebet an Guru Rinpoche, genannt „Weißer Lotus“, übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2016). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. August 2019

Tibets dunkle Zeit und die Erneuerung des Dharma

Dem Buddhismus wurden die Privilegien als kaiserliche Religion Tibets im Jahr 842 offiziell entzogen, als der tyrannische Kaiser Langdarma (reg. 838 – 842) durch einen buddhistischen Mönch ermordet wurde. Dies war das Ende der Periode, die in den tibetischen Berichten als „frühe Verkündung der Lehre“ (bstan pa snga dar) bezeichnet wurde, die zweihundert Jahre früher im siebten Jahrhundert mit dem Aufstieg von Tibets imperialer Macht begonnen hatte, den Buddhismus erste Einführung in Tibet. Der Zusammenbruch des tibetischen Reiches folgte kurz nach dem Tod Langdarmas und nach den Worten indigener Historiker zerbrach Tibet. Interne Erbschaftsstreitigkeiten führten zur Zerstreuung der königlichen Familien in verschiedene Regionen des Landes, die allmählich von Territorialfehden und den sich verschiebenden Behörden verschiedener lokaler Klans dominiert wurden. Der Buddhismus verschwand jedoch nicht vollständig aus der tibetischen religiösen Arena. Trotz des Mangels an königlicher Unterstützung überlebte die Religion in Gebieten außerhalb der turbulenten und gebrochenen Region in Zentraltibet. In dieser lockeren Umgebung wurde der Buddhismus in einer Vielzahl nichtmonastischer Formen kultiviert und ohne zentrale Kontrolle entwickelt. Diese vielfältigen religiösen Bewegungen wurden im ganzen Land durch die Bemühungen von wandernden Yogins und selbsternannten religiösen Gelehrten verbreitet, von denen viele behaupteten, sie stammten von authentischen indischen buddhistischen Meistern ab. Gelehrte haben spekuliert, dass einige dieser religiösen Gruppen während dieses sogenannten „dunklen Zeitalters“ ihre eigenen kreativen Systeme der buddhistischen Praxis formulierten und frühere esoterische Traditionen ausarbeiteten, die während des Höhepunkts der tibetischen Dynastie im 8. und 9. Jahrhundert übersetzt wurden.

Zu der Zeit, als Ra Lotsawa im 11. Jahrhundert aktiv wurde, hatte eine neue Welle des Buddhismus im ganzen Land begonnen, was zum Teil das Ergebnis einer Wiederbelebung eines institutionellen Buddhismus im Fernen Osten und im Westen Tibets war. Diese Renaissance wird als die „spätere Verkündung der Lehre“ (bstan pa spyi dar) bezeichnet. In dieser Zeit entstanden in Tibet neue konkurrierende buddhistische Sekten, die neue tantrische Übertragungen aus Kaschmir, Indien und Nepal unterstützen. Diese aufkommenden Gruppen, die später gemeinsam als Sarmapa, die „neue Tradition“, bezeichnet werden sollten, unterschieden sich explizit und setzten sich von den früheren Formen des esoterischen Buddhismus ab, von denen behauptet wurde, dass sie während der imperialen Zeit und im dunklen Zeitalter praktiziert wurden. Dieser ältere Buddhismus wurde als „alte Tradition“ oder Nyingmapa bezeichnet, die auch der sich entwickelnden Bön-Religion sehr nahe kam. Obwohl die Unterschiede zwischen den Traditionen größtenteils auf Meinungsverschiedenheiten in der Lehre und auf Fragen zur Authentizität bestimmter Schriftübertragungen zurückzuführen sind, spielte der Einfluss politischer und wirtschaftlicher Faktoren auch eine wichtige Rolle bei der Trennung der unterschiedlichen Gruppen. Insbesondere die unabhängigen Königreiche Westtibets waren in einer außergewöhnlich starken Position, um buddhistische Lehrer aus Indien und Nepal anzuziehen und konzentrierte wissenschaftliche Aktivitäten zu unterstützen, die den Massenimport und die Übersetzung autoritärer indischer buddhistischer Schriften und esoterischer Praktiken beinhalteten. Diese Königreiche waren auch in der Lage, die materielle Unterstützung zu leisten, die für die Renovierung alter verfallener Tempel und Klöster und die Errichtung neuer buddhistischer Institutionen erforderlich war.

Viele der neuen buddhistischen Sekten, die sich in dieser aufstrebenden Umgebung entwickelten, lehnten die Gültigkeit der alten religiösen Systeme ab, die zuvor in der Ära der „frühen Verkündung“ gediehen waren, und argumentierten, dass die Texte, auf denen diese „Alten“ ihre Traditionen bezogen, vor allem unauthentische tibetische Erfindungen wären, die zu einer weit verbreiteten Verfälschung der buddhistischen Praxis geführt hatten. Diese Kritik löste organisierte Bemühungen aus, um maßgebliche sanskrit-buddhistische Quellen zu übersetzen, die zuvor nicht übersetzt worden waren, und um die Werke zu korrigieren, die in der früheren Zeit übersetzt worden waren. Die Könige von Guge in Westtibet schickten zu diesem Zweck fast ein Dutzend ausgebildete tibetische Gelehrte nach Kaschmir, darunter vor allem den große Übersetzer Lochen Rinchen Zangpo (958–1055). Jahrzehnte später, im Jahre 1076, berief der König von Guge eine Übersetzungskonferenz im königlichen Kloster von Toling ein, wo verschiedene Gelehrte aus Indien und Nepal eingeladen wurden, sich mit tibetischen Übersetzern über ihre laufende Arbeit zu beraten. Ra Lotsawa war einer der Übersetzer, die für die Teilnahme an diesem angesehenen Rat ausgewählt wurden.

Idealerweise wurden die Übersetzer dieser Zeit in Sanskrit-Grammatik und in den Feinheiten der buddhistischen Philosophie, die sie mit qualifizierten indischen Lehrern lernten, gut ausgebildet. Darüber hinaus mussten sie in der buddhistischen Praxis erfahren sein, insbesondere in Bezug auf die tantrische Literatur und die erforderlichen esoterischen Einweihungen und mündlichen Anweisungen erhalten haben. Das übliche Verfahren zur Erstellung buddhistischer Manuskripte aus Sanskrit bestand in der engen Zusammenarbeit mit einem indischen Gelehrten, eines Pandits, dessen Aufgabe darin bestand, die Wörter und die Bedeutung des Textes zu erklären und Fragen nach seiner korrekten Interpretation zu beantworten. In einigen Fällen konnte der Pandita nach Abschluss einer Übersetzung auch die tibetische Arbeit prüfen und Korrekturen vorschlagen.

Um effektive Arbeitsbeziehungen mit indischen Gelehrten aufzubauen, mussten die tibetischen Übersetzer häufig lange Strecken zurücklegen, was mit hohen Kosten verbunden war. Viele tibetische Gelehrte verbrachten in dieser Zeit mehrere Jahre im Ausland in Indien, Nepal, Kaschmir und anderen benachbarten Regionen und wurden in berühmten buddhistischen Klöstern wie Nalanda und Vikramalasila ausgebildet. Die Reise in den Süden war oft sehr heimtückisch und man musste schwierigem Gelände trotzen oder war von Dieben und Banditen entlang der Straßen bedroht oder man war der Hitze und fremden Krankheiten ausgesetzt. Die Gefahren des Reisens waren jedoch nicht die einzigen Komplikationen, mit denen die Übersetzer konfrontiert waren, da sie häufig mit anderen reisenden Gelehrten um die Finanzierung und Unterstützung durch örtliche Könige und Herrscher konkurrieren mussten.

Aus „The All-Pervading Melodious Drumbeat. The Life of Ra Lotsawa“ von Ra Yeshe Senge, übersetzt von Bryan J. Cuevas.

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