Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. April 2021

Zehn Elemente des Vajrayana

Die zehn Elemente des tantrischen Pfades

Der Pfad des Geheimen Mantra kann in zehn Elemente unterteilt werden.

Die Sichtweise, das Verhalten, Mandala, Ermächtigung und Samaya, Opfergaben, Mantra, Konzentration, Aktivitäten, Vollendung: So sollten die Tantras des Geheimen M antra unterteilt werden.

Betrachten wir diese der Reihe nach. Die Sichtweise betrifft die letztendliche Realität; das Verhalten ist das Aufgeben von Beschränkungen; das Mandala ist die Anordnung der Erscheinungen; die Ermächtigung zeigt den allmählichen Fortschritt an; Samaya ist das, was nicht übertreten werden darf; Opfergaben sind die Dinge, die den verschiedenen Sinnen dargeboten werden; Mudras binden, während Mantras rezitiert werden; Konzentration ist unerschütterlich; erleuchtete Aktivität wird gezeigt; Vollendung ist das, was angestrebt wird. Dies sind die sogenannten zehn Elemente der Tantras (oder elf, wenn Mudra und Mantra getrennt gezählt werden).

Dieselben Elemente sollten auf folgende Weise verstanden werden. Die Ansicht ist die unverfälschte Erkenntnis der grundlegenden Natur der Wissensobjekte oder Phänomene. Korrektes Verhalten in Bezug auf die für das Geheime Mantra spezifischen Aktivitäten besteht im Aufgeben der Beschränkungen des dualistischen Anhaftens. Die Phänomene der Stufen von Grund, Pfad und Ergebnis und die Anordnung aller Erscheinungen sind vollkommen wie das (Mandala der) Gottheit. Die Ermächtigung gibt die Fähigkeit, allmählich zu den Ebenen der gewöhnlichen und der letztendlichen Verwirklichung vorzudringen. Samaya besteht darin, die spezifischen Gebote nicht zu übertreten. Die gesamte phänomenale Existenz entsteht als Mudra der Opfergabe an die verschiedenen Sinnesfähigkeiten der Gottheit und an den Zustand der letztendlichen Realität. Für jemanden, der die wahre Natur der Phänomene, ihre drei Seinsweisen und ihre vierfache Verankerung erkennt, ist jede Bewegung des Atems Mantra. Alle Erscheinungen und Aktivitäten sind vollkommen vom Gewahrsein versiegelt; sie entfernen sich nicht von den vier Mudras. Die Konzentration wandert nicht von den tiefgründigen Stufen der Erzeugung und Vervollkommnung. Der Einsatz von Aktivitäten, die untrennbar mit der Sicht der letztendlichen Realität verbunden sind und die Natur der vier grenzenlosen Geisteshaltungen haben, ist sowohl für einen selbst als auch für andere von Nutzen. Vollendung schließlich bezieht sich auf das authentische Erreichen der gewünschten Verwirklichung.

Diese zehn Elemente lassen sich wie folgt zusammenfassen. Ermächtigung ist der Eintritt in den Pfad des Mantrayana. Denn obwohl wir in ihrem kausalen oder grundlegenden Aspekt bereits die vier Vajras von Körper, Rede, Geist und ursprünglicher Weisheit besitzen, sind sie noch nicht zu ihrem endgültigen resultierenden Zustand herangereift. Die zugehörige mitwirkende Bedingung für diese Reifung oder Verwirklichung ist Ermächtigung. Ermächtigung befähigt einen, über die vier Pfade zu meditieren und die vier resultierenden Kayas zu erlangen. Wie Vimalamitra in seinem Grundlagentext sagt:

So wie das Schärfen einer Klinge Kraft verleiht, gibt Ermächtigung, wenn sie wirklich erlangt wird, Kraft.

Und doch ist es nicht genug, nur eine Ermächtigung zu erhalten. Mit Ausnahme derjenigen, die das höchste Glück haben, die Befreiung genau im Moment der Einweihung zu erlangen, müssen alle anderen fleißig die Stufen der Erzeugung und Vervollkommnung meditieren. Dies sind die geschickten Mittel, durch die es möglich ist, sich von dem eigenen gewöhnlichen Körper, der Rede und dem Geist zu befreien, zusammen mit ihren gewohnheitsmäßigen Tendenzen, die das Antlitz der eigenen, innewohnenden, ursprünglichen Weisheit verhüllen. Und selbst wenn man über diese beiden Stufen meditiert, werden die beiden Errungenschaften nicht erreicht, wenn man es versäumt, das Samaya zu halten. Deshalb muss man in der eigenen Verhaltensweise und als günstige Bedingung für den Pfad der Praxis das Samaya vollkommen einhalten, wie die Tantras erklären. Wenn diese drei Elemente (Ermächtigung, Praxis und Samaya) zusammen aufrechterhalten werden, ist der Pfad des Mantrayana dem der Paramitas weit überlegen. Er ist ohne Zweifel der authentische, höchste Pfad. Wenn man andererseits versucht, die Stufen der Erzeugung und Vervollkommnung zu praktizieren, ohne Ermächtigung zu erhalten, oder wenn man praktiziert, aber gleichzeitig das Samaya vernachlässigt, ist der eigene Pfad nur ein schwacher Abglanz des Mantrayana-Pfades; er ist weder unverfälscht noch erhaben.


Aus dem „Schatzhaus der kostbaren Qualitäten“ (Treasury of Precious Qualities; vol. 2; Vajrayana and the Great Perfection by Jigme Lingpa; Commentary by Longchen Yeshe Dorje, Kangyur Rinpoche). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2021). Möge es von Nutzen sein!


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