Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Juli 2018

Tara – Stern der Befreiung am dunklen Firmament der Unwissenheit

Tara_GrünDie Entstehungsgeschichte der Tara berichtet, wie Amitabha sah, dass die fühlenden Wesen leiden und er ein Mittel erschaffen wollte, um diese Leiden zu beseitigen. Also schickte er einen Lichtstrahl aus seinem rechten Auge aus. Dieser verwandelte sich in einen See und daraus entstand Avalokiteshvara – der Bodhisattva des allumfassenden Mitgefühls. Sogleich machte sich Avalokiteshvara ans Werk und begann entsprechend seines Samayas zum Wohle der fühlenden Wesen zu wirken. Doch als sich Avalokiteshavra nach getanem Werk in Kontemplation niederließ, sah er, dass noch immer fühlende Wesen in Samsara waren und sie trotz seines Wirken noch immer litten. So begann er angesichts des Leidens der Wesen zu weinen. Aus diesen Tränen entstand ein weiterer See und darauf eine Lotusblüte mit der Arya Tara als Ausdruck des tätigen Mitgefühls darauf. In einer etwas anderen Geschichte wird geschildert, wie aus den Tränen des rechten Auges die Grüne Tara und aus den des linken Auges die Weiße Tara entstanden.

Tara in der Welt

Wie kam nun das Tara-Tantra in diese Welt? Gemäß der Schilderung von Taranatha tauchte es ca. 300 Jahre nach dem Dahinscheiden Buddhas auf. Als Zeitpunkt wird eine Zeit kurz nach dem dritten Konzil der Shravakas genannt. Zu dieser Zeit tauchten an verschiedenen Orten Indiens die Mahayana-Sutras auf und auch andere spontan entstandene Schriften wurden verbreitet.
Ebenfalls nennt Taranatha diese Zeit als den Beginn der Verbreitung der verschiedenen äußeren Tantras (Kriya, Charya, Yoga), sowie den Prajna- und Upaya-Tantras des Anuttaratantrayanas. Dabei praktizierten Könige und Hofstaat die verschiedenen Tantras, wussten jedoch untereinander nichts davon, bis sich schließlich Erleuchtung erlangt hatten. Lediglich die Arya Tara offenbarte sich aufgrund ihres Mitgefühls auch jenen, die keine Verwirklichungen erlangt hatten.
Als Guru Rinpoche nach Tibet kam, lehrte er seiner Weisheitsgefährtin Yeshe Tsogyal und dem Dharma-König Thrisong De’u Tsän auch die Praktiken der Tara. Allgemein war die Praxis der Tara zu dieser Zeit in Tibet schon bekannt, da die Leute dort seit der Zeit des Chögyal Songtsän Gampo die Prinzessin Wencheng (tib., mun chang kung co) – eine seiner beiden Frauen – als Emanation der Weißen Tara ansahen. So wurde in den nächsten Jahren die Praxis der Tara in Tibet sehr populär.

Emanationen und Nutzen

21_TarasDa Tara in verschiedensten Emanationen zeigt, verfügt sie über eine Reihe geschickter Mittel, die der Errettung aus misslichen Lebenslagen dienen. Neben der Grünen Tara, die die erleuchtete Aktivität des tätigen Mitgefühls verkörpert und der Weißen Tara, die wegen ihrer Manifestation von Mitgefühl, Gleichmut, Heilung und Langlebigkeit auch als „Chintamanitara“ – als „wunscherfüllendes Juwel“ – bezeichnet wird, auch die Rote Tara, die wegen des Heranziehens aller guten Dinge und Eigenschaften praktiziert wird. Die gelbe Emanation der Tara steht für Wachstum und Reichtum, die schwarze Tara für Macht. Liest man im „Lobpreis an die 21 Taras“ nach, so kann man alle Qualitäten und Eigenschaften der Tara darin erkennen.
Neben der Anrufung an die Tara, ist die Meditation der Erzeugungsstufe eine rasch wirksame Methode. Wie Dudjom Lingpa in der Einleitung zur Erzeugungsstufe der Arya Tara schreibt: „Wenn zukünftig, im dunklen Zeitalter der letzten 500 Jahren, die hochstehenden Wesen tiefgründigen glücklicher Umstände, die Halter meiner, Padmas, Linie wünschen auf dem raschen Pfad in den himmlischen Bereich (Khechara) zu reisen, habe ich, Padma Thöthreng, aus diesem Grund das Sadhana der ehrwürdigen Arya Tara, (genannt) „Der rasche Pfad in die himmlischen Gefilde“ gelehrt. Um das in die Praxis umzusetzten, ist der wesentlichen Punkt der Stufen der Erzeugung und Vollendung, mit dem Geist nirgendwohin fort zu wandern, sondern einsgerichtet die Samaya-Mudra zu verwirklichen – (das ist) der wesentliche Punkt. Bringe den die positive Seite beschützenden Ortsherren einen weißen Torma dar und beauftrage sie, wie ein Freund zu einem und förderlich für die Praxis zu sein. Den üblen, bösartigen Göttern und Dämonen gibt man einen roten Torma und ein zornvolles Lösegeldopfer, und mit Mitteln zornvollen Visualisationen besiegt man sie und vertreibt sie in das Innere des großen Berges Meru.“

Schutz vor Ängsten und Gefahren

TaraWeißDie Praxis der Tara wird deshalb als rasch bezeichnet, weil tätiges Mitgefühl unmittelbar wirksam ist. Man kennt im Zusammenhang mit der Tara acht Ängste und 16 Gefahren. Aber auch acht weltliche Verwirklichungen werden bei ihr genannt. Alle diese werden in der „Goldenen Girlande“ (tib., sgrol ma’i rgyud kyi byung khungs gsal bar byed pa’i lo rgyu) von Taranatha geschildert.
Wenn man die geschilderten acht Ängste liest, so stehen diese immer für bestimmte Geistesgifte, welche als Ursachen für die Manifestation der Lebenslage bzw. Ängste und Gefahren fungieren. So schützt die Tara vor dem Geistesgift Stolz, das sich als Löwen und Könige, d.h. als staatliche Autoritäten heutzutage verkörpern. Sie beschützt vor Täuschung und Nichtgewahrsein, was sich als wilde Elefanten zeigt, d.h. heutzutage als „Elefant im Porzellanladen“ darstellt. Sie schützt vor Hass und Ärger, die sich als Feuer manifestieren. Sie behütet vor Eifersucht und Missgunst, die die geistig-emotionale Ursache für die Manifestationen von Giftschlangen sind. Sie schützt für falschen Ansichten und fatalistischen Sichtweisen, die durch Banditen und Dieben verkörpert werden. Auch schützt sie vor Gefängnis, das sich aufgrund des Geistesgiftes Geiz und Knausrigkeit manifestiert. Sie schützt vor dem Geistesgift der Begierde und Anhaftung, was sich als Flutwellen manifestiert. Und sie schützt auch vor trügerischen Zweifeln, die sich als bösartige Geister und Dämonen manifestieren.
Außerdem schützt die Tara vor fleischfressenden Dämonen (Pisaci), vor Lepra, den bösartigen Ghandarva-Geistern, die die Boten Indras sind, vor Armut, vor der Trennung von Verwandten und Freunden, vor königlicher Bestrafung, vor Blitzschlägen und vor der Furcht zu versagen.
Mit der Tara sind auch die Lebensgeschichten verschiedener Meister und Siddhas verbunden. In Taranathas Goldener Girlande wird geschildert, wie sie acht Meister vor den acht Ängsten beschützt. So wird Digvarman vor Feuer gerettet, Amarasingha vor Wasser, Devasingha aus der Gefangenschaft, Sanghamitra vor Banditen, Subhasakirti vor Elefanten, Buddhadasa vor Tigern, Triratnadasa vor einer Schlange und Jnanadeva vor bösartigen Geistern.
Im Lobpreis an die Arya Tara werden ihre Qualitäten aufgezählt: „HUM – Die seit allem Anfang an unveränderte, ursprüngliche Reinheit ist die Dharmakaya-Gefährtin. Die spontan präsente Natur der großen Glückseligkeit ist der Sambhogakaya. Die schöpferische Kraft des Mitgefühls ist der Tanz der vielfältigen Dakinis. Die Verkörperung von all dem, Arya Tara, lobpreise ich. Obwohl Ihr Euch nicht aus der alles umfassenden ursprünglichen Reinheit heraus bewegt, zeigt Ihr für die schwer zu Zähmenden Euch als Formkörper, um durch vielfältige geschickte Mittel die Wesen vor den Leiden zu beschützen – oh Mutter der Siegreichen Tara, vor Euch verbeuge ich mich und lobpreise Euch! Ermattet vom für wirklich Halten der Objekte der fünf Gifte und fünf Aggregate und ohne Zuflucht sind die Wesen. Ihr befreit aus allen Ängsten und Leiden, oh Arya Tara, vor Euch verbeuge ich mich und lobpreise Euch! In Eurem Körper sind die angeordneten Mandalas der Siegreichen vollendet, Eure Rede mit den sechzehn Arten von Melodien zähmt die Wesen, Euer Geist ist das geheime Spiel, das Samsara und Nirvana in Gleichheit umfasst, oh edle Meisterin Tara, Mutter und Gefährtin, vor Euch verbeuge ich mich und lobpreise Euch! Von jetzt an bis das Herz der Erleuchtung erlangt ist, Euch, oh Mutter der Siegreichen, nehmt Euch meiner an! Mögen dadurch meine drei Tore in die drei Vajras gereift und befreit sein und ich die prachtvolle Fähigkeit erlangen, die Grube der zyklischen Existenz aufzuwühlen!“

Resultate der Praxis

Tara_blackAls Verwirklichungen der Praxis der Tara werden acht weltliche Errungenschaften genannt. Diese weltlichen Errungenschaften sind: die Siddhis der Pillen, die Siddhis der Herrschaft über die Unterwelt, die Siddhis der Unsichtbarkeit, die Siddhis des In-die-Himmel-Gehens, die Siddhis der Lebenskraft, die Siddhis des Schwertes, die Siddhis des Elixiers der Jugend und die Siddhis des Reichtums.
Und als Resultat der Praxis schreibt Dudjom Lingpa: „Wenn man so Vertrauen in die Visualisation besitzt, werden diejenigen mit Vertrauen und Samaya darin, die dies einspitzig in die Praxis umzusetzten, in diesem Leben die Stufe eines Vidyadharas erlangen. Mit beständigem Eifer, ohne Misstrauen an der Gottheit, frei von Unsicherheit bezüglich der Anweisungen und ohne falschen Sichtweisen gegenüber dem Lehrer: Das ist der Lebensstein von Gottheit und Lehrer. Vergesst das nicht! Halter das Versprechen der Lebenskraft! Alles, was erscheint und existiert, alle Phänomene in der zyklischen Existenz und ihrer Transzendenz, sind in der alles-umfassenden großen Leerheit, der ungekünstelten Gleichheit ausgebreitet. Der König der Sichtweise, die dies sachgemäß verwirklicht, überragend in der Grundlage, macht den grundlegenden Zustand, das eigene Antlitz zur Wirklichkeit: Ohne Zuschreibungen in einem Zustand zu verweilen, der frei von Meditieren, Tun, Verändern, Denken und Intellekt ist, ist der Höchste unter den Pfadender Nicht-Meditation. Die drei Toren von Körper, Rede und Geist von der Hektik derneun Aktivitäten abzutrennen, das aktivitätslose, alles Tun lassende Verweilen, ist die Höchste und den Handlungsweisen der ungekünstelten Handlungsweise. Übe dich auf diese Weise in dem einen Leben, das mit den drei Schlüsselpunkten ausgestattetet ist, in der Herzpraxis! Erlange das vierfache furchtlose Vertrauen der Meditation und Verwirklichung. Wenn alle sichtbaren Phänomene sich in der Dharmata, im Zustand der Soheit erschöpfen, ist dies das Höchste aller Resultate der tatsächlichen Erleuchtung im jugendliche Vasenkörper. Auf diese Weise werden diejenigen, die mit den überragenden Schlüsselpunkten der beiden Stufen der Erzeugung und Vollendung ausgestattet sind, untrennbar von mir, Padmasambhava sein.“

Versprechen der Tara

Und zum Abschluss noch das Versprechen der Prinzessin Jnanachandra – Mond der Weisheit – als sie aufgefordert wurde, eine weibliche Inkarnation anzunehmen, um als Bodhisattva den Wesen zu nützen: „Hier gibt es weder Mann, noch Frau, nicht Selbst, keine Person und kein Bewusstsein. Bezeichnungen wie ‚Mann‘ oder ‚Frau‘ haben keine Essenz, sondern sind Täuschungen der bösartigen Welt.“ Und weiter sprach sie: „Es gibt gar viele, die Erleuchtung in einem männlichen Körper begehren, aber niemanden, der zum Wohle der fühlenden Wesen im Körper eine Frau wirkt. Daher werde ich, bis Samsara geleert ist, zum Wohle der fühlenden Wesen in einem weiblichen Körper wirken!“

Zusammengestellt und übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!


Wer sich der Praxis der Tara widmen möchte, findet im Bereich Downloads ein kurzes Ritual des Tara-Mandalas, genannt „Die achtfache tiefgründige Essenz“.


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