Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. März 2016

Der zornvolle löwenköpfige Archetyp

Simhamukha Kopie 3Nichts desto weniger ist Simhamukha trotz ihrer zornvollen Erscheinung und ihrer magischen Aktivitäten eine Manifestation erleuchteten Gewahrseins des Buddha und ihre Natur ist Mitgefühl. Wie der Erzengel Michael erschlägt sie den Drachen, der die Kräfte des Bösen und des Chaos verkörpert. Sie zeigt ihr wildes und zorniges Gesicht nur, um fehlgeleitete Wesen zu unterwerfen, ganz so wie eine Mutter ihr ungezogenes Kind in die Schranken weist. Die weltlichen Götter und Geister sind keine erleuchteten Wesen, sie sind noch immer durch ihr Unwissen und ihr Karma konditioniert und sie sind noch im Samsara, in ihrer zyklischen Existenz gefangen. Manchmal richten sie negative Energien in der Form von Verwünschungen gegen Menschen und die Praxis der Simhamukha kann dazu verwendet werden, diese übersinnlichen Angriffe abzuwehren und zurückzusenden.
Transzendente Gottheiten wie Simhamukha sind Emanationen bzw. Projektionen erleuchteter Wesen und da sie Archetypen sind, können sie als Meditationsgottheiten verwendet werden. Diese Erscheinungsformen werden grundsätzlich in drei Klassen unterteilt, da die Meditation auf sie als Gegenmittel für die drei Hauptgifte dient, die das menschliche Bewusstsein heimsuchen:

  1. Meditation auf friedvolle, ruhige Gottheiten wandelt Verwirrung um.
  2. Meditation auf zornvolle Gottheiten transformiert Wut.
  3. Meditation auf lustvolle bzw. freudvolle Gottheiten transformiert Begierde.

Woher stammen Ornamente, Kleidung und Attribute einer zornvollen Gottheit? Gemäß dem Tantra gab es in prähistorischen Zeiten auf einer Insel im indischen Ozean einen Schwarzmagier und Dämonenkönig namens Matam Rudra, der das blanke Überleben der noch primitiven menschlichen Rasse bedrohte. Daher verschafften sich die Bodhisattvas Hayagriva und Vajrapani Zugang zu seinem gigantischen Körper und ließen ihn von innen heraus explodieren. Daraufhin nahmen sie seine Kleidung und seinen Schmuck an sich und unterwarfen anschließend die niederen Dämonen, wobei sie durch ihre grimmige Erscheinung Schrecken verbreiteten. Simhamukha trägt dieselben Ornamente. Als Königin der Nacht hält sie die alptraumhaften dämonischen Wesen auf Distanz, die versuchen, aus den jenseitigen Bereichen des Zwielichts in unser Bewusstsein der Sonnenlichtwelt einzudringen. Als aktive Manifestationen von Leerheit und Weisheit zerstreut ihr Löwengebrüll das diskursive Denken und sie ist nackt, da sie gleichsam frei von diskursiven Gedanken ist.

Aus dem „Secret Book of Simhamukha“ von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds; 1987); deutsche Übersetzung von Florian Lobsang Dorje (Florian Schnitzer, 2014) dankend übernommen und nachbearbeitet vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. März 2016

Simhamukha – die Abwehr von magischen und spiritistischen Angriffen

sengdongma1Wie in einem früheren Beitrag bereits beschrieben, besteht die hauptsächliche magische Funktion der Simhamukha darin, negative Energien abzuwehren oder zurückzuschlagen (tib., bzlog pa), um sie an ihren Ursprung zurückzusenden, gleich ob diese Quelle ein Schwarzmagier oder ein böser Geist (tib., gdon) ist. Eine solche Provokation durch negative Energie wird Verwünschung genannt (tib., byad ma, byad kha) und dies wird durch die Geschichte von Bari Lotsawa im nächsten Kapitel erklärt. Meist wird diese Gottheit angerufen, um einen übersinnlichen Angriff abzuwehren. Tantrischer Buddhismus arbeitet auf konkrete Weise mit Energie durch vier Formen der Magie. Obgleich Simhamukha mit jeder dieser vier der magischen Aktivitäten arbeiten kann, steht sie hauptsächlich mit der vierten Funktion in Verbindung, d.h. mit den grimmigen magischen Praktiken (tib., drag po’i ‘phrin las). Deshalb wird die dunkelblaue Vajra Simhamukha im Zentrum des Mandalas positioniert. In spiritueller Hinsicht repräsentiert sie die Transformation von Ärger und Wut in erleuchtetes Gewahrsein und durch übersinnliche bzw. magische Praktiken vollbringt sie die Unterwerfung und Auslöschung von Angriffen negativer Energien (tib., gdon), die als Dämonen und böse Geister personifiziert werden. Sie ist von einem Gefolge aus vier Dakinis umgeben, die ihr ähneln, mit Ausnahme der Körperfarbe und spezieller Attribute. Im Osten erscheint die weiße Buddha-Simhamukha, die die magische Funktion hat, Umstände zu befrieden und zu heilen, im Süden die gelbe Ratna-Simhamukha, die die magische Funktion hat, Reichtum und Wohlstand zu vermehren, im Westen die rote Padma-Simhamukha, die die magische Funktion hat, andere zu verzaubern und unter ihre Macht zu bringen und im Norden die dunkelgrüne Karma-Simhamukha, die die magische Funktion, hat negative Kräfte zu besiegen und zu vernichten. Wenn der Praktizierende eine spezielle Absicht verfolgt, beispielsweise erfolgreich im Geschäftsleben zu werden oder beim Pferderennen zu gewinnen, so wird er die Ratna-Simhamukha im Zentrum des Mandala platzieren und ihre Visualisation durchführen, während er ihr Handlungsmantra rezitiert. Aber auf Thangkas wird die Vajra Dakini Simhamukha gewöhnlich als einzelne Figur, ohne begleitendes Gefolge dargestellt.
Nichts desto weniger ist Simhamukha trotz ihrer zornvollen Erscheinung und ihrer magischen Aktivitäten eine Manifestation erleuchteten Gewahrseins des Buddha und ihre Natur ist Mitgefühl. Wie der Erzengel Michael erschlägt sie den Drachen, der die Kräfte des Bösen und des Chaos verkörpert. Sie zeigt ihr wildes und zorniges Gesicht nur, um fehlgeleitete Wesen zu unterwerfen, ganz so wie eine Mutter ihr ungezogenes Kind in die Schranken weist. Die weltlichen Götter und Geister sind keine erleuchteten Wesen, sie sind noch immer durch ihr Unwissen und ihr Karma konditioniert und sie sind noch im Samsara, in ihrer zyklischen Existenz gefangen. Manchmal richten sie negative Energien in der Form von Verwünschungen gegen Menschen und die Praxis der Simhamukha kann dazu verwendet werden, diese übersinnlichen Angriffe abzuwehren und zurückzusenden.

Aus dem „Secret Book of Simhamukha“ von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds; 1987); deutsche Übersetzung von Florian Lobsang Dorje (Florian Schnitzer, 2014) dankend übernommen und nachbearbeitet vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 7. März 2016

Spickzettel – Geistestraining (Lojong)

Hier findet ihr einen Spickzettel zum Thema „Geistestraining“ – Lojong (tib., blo sbyong). Einfach herunterladen, ausdrucken und an eine gut sichtbare Stelle pinnen. Jeden Tag ein bisschen darin lesen und versuchen, das auch in die Praxis umzusetzen. Und wenn ihr mehr dazu wissen wollt, dann seht einfach hier auf rangdrol’s Blog unter „Geistestraining – Dharma im Alltag“ nach. Da könnt ihr euch ein bisschen Inspiration holen! Viel Erfolg dabei!

Spickzettel_Lojong

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. März 2016

businessman-1106923_1920Neben dem spirituellen Aspekt gibt es in der Lehre des Buddha auch noch einen weltlichen. Auch wenn im Buddhadharma immer wieder davon gesprochen wird, das Streben nach den acht weltlichen Dharmas wie Gewinn, Verlust, Verehrung, Verachtung, Lob, Tadel, Glück und Unglück aufzugeben, spricht Buddha von zwei Arten des Überflusses und zwei Arten des Glücks.

Überfluss

Die zwei Arten des Überflusses sind eine Fülle an materiellen Dingen und ein Überfluss an Tugend oder Wissen. Die zwei Arten des Glücks sind das von den materiellen Dingen abhängige Glück und das von den materiellen unabhängige Glück, das spirituelle Glück. Man sieht, dass die Lehre des Buddha nicht einfach ein Abwenden vom Weltlichen ist, sondern auch davon handelt, wie man geschickt mit den weltlichen Dingen umgeht. Ein geschickter Umgang mit weltlichen Dingen dient nicht zur Selbstbestätigung, sondern ist dazu gedacht, förderliche Bedingungen auf dem Pfad bereitzustellen und zu mehren.

Persönliche Übung – Wunsch und Anwendung

apples-1181882_1920Für die persönliche Übung ergeben sich drei Gebiete des verdienstvollen Wirkens: 1) Freigiebigkeit; 2) Moral; und 3) geistige Entwicklung. In buddhistischen Ländern gibt es darüber hinaus noch sieben weitere Aspekte: 1) Verehrung; 2) Dienen; 3) Verdienstübertragung; 4) sich am Verdienst anderer erfreuen; 5) die Lehre darlegen; 6) der Lehre lauschen; und 7) Wiedergutmachung bzw. die rechte Sicht wieder herstellen.
Dabei ergeben sich für Laien – also jene Praktizierenden, die keine monastischen Gelübde halten – folgende vier Tugenden: 1) Aufrichtigkeit; 2) Selbstdisziplin; 3) Enthaltung; und 4) Freigiebigkeit. Mittels dieser vier Tugenden lässt sich auch ein Zusammenleben einigermaßen konstruktiv gestalten. Wendet man zusätzlich dazu noch die vier Aspekte des wünschenden Bodhicitta – liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut – an, dann verwandelt man den Ort, an dem man sich befindet in eine Stätte, an der selbst Gott Brahma verweilen möchte.
Durch die Praxis der überweltlichen Tugenden – der Paramitas – manifestiert man das Streben nach Befreiung. Freigiebigkeit besteht aus den drei Arten des Gebens: 1) das Geben von materiellen Dingen; 2) Schutz gewähren; und 3) den Dharma geben. Ethische Disziplin ist 1) das Aufgeben von negativen Handlungen; 2) das Ansammeln von positiven Handlungen; und 3) das Wirken zum Wohle der fühlenden Wesen. Duldsamkeit zeichnet sich auch durch drei Aspekte aus: 1) das unerschütterliche Verweilen angesichts von Leid, 2) dem Leiden frohgemut zu begegnen bzw. das Annehmen von Leid und 3) das Streben nach einem wahren Wissen der Realität bzw. Gewissheit über den Dharma zu erlangen und dies alles dient dem Beseitigen von Ärger und Gram. Freudvolles Streben ist 1) ein Eifer gleich einer Rüstung; 2) ein Eifer in der Ausführung der heilsamen Taten; und 3) ein Eifer zum Wohle der anderen. Pflegt man die dreifache Sammlung wie beispielsweise die neun Arten des geistigen Ruhens oder die Konzentration, welche ausgezeichnete Eigenschaften entstehen lässt etc., verwandeln wir uns in ein reines Gefäß, das die drei Arten der Weisheit (Hören, Nachdenken, Meditation) enthält.

Lebensweise

hand-676485_1920Im Vyagghapajja-Sutra lehrt der Buddha, wie auch Laien inmitten des Weltlichen ein glückliches Leben führen können. Der Laie Dighajanu bittet den Buddha dabei um eine Lehre, die zum Wohl und Heil gereiche, sowohl diesseits wie auch jenseits. Buddha Shakyamuni rät dann zu Fleiß, Wachsamkeit, edlem Umgang und einer maßvollen Lebensweise.
Wenn jemand in der Arbeit für den Lebensunterhalt tüchtig und nicht nachlässig ist und versteht, mit den richtigen Mitteln zu handeln und auch anzuordnen, dann bezeichnet der Buddha das als Bewährung im Fleiß. Die durch Fleiß und Strebsamkeit erworbenen Güter wurden rechtschaffen angesammelt und nun müssen diese auch bewacht und behütet werden, damit Fürsten und Räuber sie nicht fortnehmen oder sie nicht der Zerstörung durch die Elemente anheimfallen oder gar von Erbschleichern ergaunert werden. Dies bezeichnet der Buddha als Wachsamkeit. Menschen, deren Charakter von Vertrauen, Sittlichkeit, Freigiebigkeit und Weisheit gekennzeichnet ist, sollte man aufsuchen und so einen edlen Umgang pflegen. Was ist nun kein edler Umgang? Buddha nennt dabei jene, die das Leben zerstören, die stehlen, einen unrechten Wandel in den Sinneslüsten betreiben, lügen und Rauschmittel konsumieren.
Vier Dinge sollte man meiden: 1) Ausschweifungen; 2) Trunksucht; 3) Spielsucht; und 4) schlechte Gesellschaft. Diese vier werden auch als die „vier Abflüsse“ bezeichnet. Buddha Shakyamuni gibt als Beispiel dazu einen Teich, der vier Zuflüsse und vier Abflüsse hat. Wenn man die vier Zuflüsse verstopft, aber die vier Abflüsse weit öffnet und die Wolken einen Regen spenden, so wird eine Abnahme des Wassers darin stattfinden. Aus diesem Grund rät der Buddha dem Laien Dighajanu in der Lehrrede über die Grundlagen der Wohlfahrt, diese aufzugeben. Genauso rät er dem Dighajanu, einer üppigen Lebensweise zu entsagen, bei der die Ausgaben höher als die Einnahmen sind. Gleichermaßen aber lehrt er auch, wenn man bei großem Einkommen eine dürftige Lebensweise führt, dass man wie ein Hungergeist sterben wird. Buddha rät daher ein maßvolles Leben zu pflegen, bei der man die Einnahmen und Ausgaben kennt und die Lebensweise demgemäß einrichtet.
Auch der rechte Lebenserwerb ist natürlich hilfreich. D.h. man nimmt Abstand der Ausübung der fünf verwerflichen Berufe wie dem Handel mit Waffen, Lebewesen, Fleisch, Rauschmittel und Giften. Daher sind die Berufe des Schlächters, Fleischhauers, Fischers und/oder Söldners für eine segensreiche Dharma-Praxis kaum zuträglich.

dagobert-1001336_1920Knausrigkeit

Im Macchariya Sutra beschreibt Buddha fünf Arten der Missgunst, die man aufgeben sollte und zwar hinsichtlich 1) der Wohnstätte; 2) der Unterstützer; 3) des Gewinns; 4) des Ansehens; und 5) des Wissens bzw. der geistigen Fähigkeiten. Wenn man diese fünf Arten aufgibt, dann „ist das heilige Leben erfüllt“. Das bedeutet, dass man ohne diese aufzugeben, nicht in der ersten Versenkungsstufe verweilen kann.

Vermögensverwaltung

Abschließend beschreibt Buddha auch noch zehn Arten, wie Menschen mit ihrem Besitz umgehen. Er beginnt mit jenen, die auf ungesetzliche und gewaltsame Weise nach Vermögen streben. Diese vollbringen in gar keiner Weise gute Taten, da sie das Vermögen nicht mit anderen teilen und machen sich und andere durch Erwerb und Besitz unglücklich. Dann gibt es jene, zwar genauso ungesetzlich und gewaltsam streben, aber zumindest für sich selbst ein kleines Glück daraus schöpfen, obwohl sie es nicht mit anderen teilen. Dann gibt es die Robin Hoods unter den drei Unglücklichen, die zwar auch ungesetzlich und gewaltsam handeln, aber das Vermögen mit anderen teilen und so gute Werke tun. Buddha nennt dann drei weitere Kategorien, in denen Menschen sowohl gesetzlich als auch ungesetzlich, gewaltsam als auch gewaltlos handeln. Einige davon teilen ihr Vermögen mit anderen, andere wiederum nicht. Je nachdem schaffen sie so gute Werke oder eben nicht. Und abschließend nennt der Buddha vier Arten des gesetzlichen und gewaltlosen Erwerbs. Jedoch nur jene, die dabei sich selbst und andere glücklich machen, es mit anderen teilen und gute Werke tun, kommen auch in einen Genuss des Vermögens. Sie hängen nicht an ihrem Besitz, verwenden diesen nicht zur Selbstbestätigung und erkennen sogar die mit Besitz verbundenen Gefahren. Aber sie verfügen auch über die nötige Einsicht in den vergänglichen Nutzen des Vermögens und erlangen deshalb geistige Freiheit dabei.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. Februar 2016

Geheime Praktizierende

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Geheimhaltung ist ja im Vajrayana oft eine Killer-App und führt bei manchen Leuten zu einer Geheimniskrämerei. Ok, man kann auf verschiedene Arten das Gefieder aufplustern. Doch alles im Leben in den Pfad zu bringen und 24/7 die Sicht zu halten, erfordert oft eine große Einfachheit. Hier ein Herzensrat von Chagdud Rinpoche.

Den Geist durch die Praxis im Alltag üben

Buddhismus ist seit 2500 Jahren eine spirituelle und philosophische Tradition, die seine Praktizierenden befähigt, die Geistesgifte und negativen Gewohnheiten zu beseitigen und die reine und absolute Natur des Geistes zu enthüllen.
Die grundlegende Natur unseres Geistes ist wie reines Gold, aber ihre angeborene Reinheit ist nicht offensichtlich, weil sie von einer Kombination aus widerstreitenden Gefühlen, karmischen Umständen, intellektuellen Verschleierungen und Gewohnheiten bedeckt ist. Diese nicht geläuterten Schichten, die wie Erz sind, das Gold enthält, müssen wie beim elementaren Gold verfeinert und geläutert werden, um die reine Essenz unseres Wesens freizulegen.
Unsere menschliche Geburt bietet uns die Gelegenheit, diesen Reinigungsprozess zu unternehmen und die Liebe, das Mitgefühl, den Gleichmut und die Freude zu entdecken, die spontan aus der grundlegenden Natur des Geistes erscheinen.
Wenn wir unser Leben überprüfen, dann werden wir sehen, dass unsere wahre Unzufriedenheit, unsere Angst und unser Unbehagen nicht von äußeren Umständen verursacht ist, sondern von der Art und Weise wie wir innerlich auf diese Bedingungen reagieren. Wir können nicht leugnen, dass schwierige Umstände existieren, aber wir müssen erkennen, dass eine Person, die etwas Kontrolle über die innerlichen Vorgänge des Geistes hat, nicht dieselbe Kraftlosigkeit und das gleiche Leiden angesichts von Verlusten, Ungemach und Krankheit hat, verglichen mit einer Person, deren Geist ungeübt ist.
Ich kenne das aus persönlicher Erfahrung, da mein Land Tibet an die kommunistischen Invasoren verloren ging, die unseren kulturellen und spirituellen Traditionen völlig feindlich gegenüber waren. Viele große Meister wurden gefoltert, zu Tode gehungert und getötet. Ungeachtet dieses Elends konnten die Kommunisten nicht das Vertrauen, das Mitgefühl und den inneren Frieden bei jenen schmälern, den diese durch spirituelle Realisation erlangt hatten. Die Kommunisten konnten bloß die äußerliche Realität beherrschen.

Was ist bedeutsam?

Viele von uns sind in diesem reichhaltigen und gastfreundlichen Ort wie Brasilien[1] nicht mit solch dramatischen Herausforderungen konfrontiert. Stattdessen sind wir gefordert herauszufinden, was wirklich bedeutungsvoll in unserem geschäftigen Leben ist und zu entdecken, was wirklich nützlich in den Beziehungen mit unserer Familie, unseren Lieben und Kollegen am Arbeitsplatz und anderen ist, denen wir begegnen.
Vom buddhistischen Standpunkt aus gibt es nichts Bedeutsameres, als diese kostbare menschliche Geburt zu nutzen, um die unwandelbare absolute Natur des Geistes zu erkennen. Diese Erkenntnis beschleunigt Vertrauen und Kraft angesichts der flüchtigen inneren und äußeren Ereignisse. Jedesmal wenn wir unsere selbstzentrierten Gewohnheiten beiseite lassen, um für den Nutzen anderer zu wirken, reinigen wir einige der gewöhnlichen Verschleierungen des Geistes und wir vermehren unseren Verdienst.

Integration des spirituellen Pfades im Alltag

Reinigung und Erzeugen von Verdienst und Weisheit bilden den Pfad zur Erleuchtung. Und wir können beständig Gelegenheiten entdecken, dies in unsere täglichen Aktivitäten zu integrieren. Die Menschen beschweren sich oft, dass sie keine Zeit für die formale Praxis haben. Jedoch kann jeder Tag in eine ausführliche Meditationssitzung gegliedert werden:

  • Wenn wir am Morgen aufwachen, erfreuen wir uns an der Tatsache, dass wir einen weiteren Tag für das Verwirklichen von spiritueller Praxis haben.
  • Wir erzeugen eine reine, starke Motivation, indem wird davon Abstand nehmen, anderen mit unseren körperlichen, sprachlichen und geistigen Handlungen zu schaden und ihnen in jeder Weise nützlich sein können.
  • Während des Tages prüfen wir unseren Geist – selbst wenn wir reden oder mit anderen Aktivitäten beschäftigt sind – um herauszufinden, ob diese Handlungen aus einer reinen Absicht herrühren oder von Giften wie Selbstbezogenheit, Stolz, Eifersucht und Ärger. Handlungen oder Worte können genau das gleiche sein, aber die positive oder negative Emotionen hinter ihnen werden die karmischen Resultate bestimmen.
  • Vor dem Einschlafen in der Nacht reflektieren wir unseren Tag. Wenn wir Momente finden, in denen wir dabei versagt haben, unseren guten Absichten zu folgen, dann bereinigen wir das. Wir laden ein erleuchtetes Wesen als unseren Zeugen ein, anerkennen und erzeugen Bedauern über unser Vergehen, dann fassen wir den Entschluss, es nicht mehr zu wiederholen und empfangen Reinigung durch das Visualisieren von Licht, das von unserem erleuchteten Zeugen ausstrahlt, uns durchdringt und die Negativität bereinigt.
  • Wir rufen uns auch die Momente in Erinnerung, in denen wir Verdienst durch unsere Handlungen, unsere Rede und positiven Absichten angesammelt haben. Wir stellen uns vor, wie sich dieser Verdienst ausweitet, zu einer gewaltig großen Opfergabe wird, die sich im Geist aller Wesen im gesamten Universum auflöst.

Geheime Praktizierende

Eine Person, die eine einzige Kerze entzündet, bietet Licht für alle in einem Raum. Ebenso vermehrt die Widmung des Verdienstes, den wir erzeugt haben, die positiven Eigenschaften – Wohlstand, Langlebigkeit und Glück – von allen Wesen.
Die Lehren des Buddha befähigen uns, Transformation durch spirituelle Praxis zu verwirklichen, ohne auf einem Kissen zu sitzen, ohne anderen unser Glaubenssystem zu verkünden, ohne äußerliche Religiosität. Innerlich trainieren wir unseren Geist und werden geheime Praktizierende auf dem Pfad der Erleuchtung.

Zum Wohle der Wesen, die nicht des Englischen mächtig sind, vom Ngak’chang Rangdrol Dorje ins Deutsche übersetzt. Möge es inspirieren!

[1] Anm.; Chagdud Rinpoche verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Brasilien.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. Februar 2016

Spiritueller Rat für Dharma-Praktizierende

Chatral_Rinpoche(von Kyabje Jadral Sangye Dorje Rinpoche)

Das Folgende ist ein Ausschnitt aus den Belehrungen von Kyabje Jadral Rinpoche als spiritueller Rat für Dharma-Praktizierende, die am 26. Dez. 2000 im Salburi-Kloster in Siliguri (Indien) gegeben wurden.

Es ist heute ein günstiger Tag, da es der erste Monat im tibetischen Jahr ist. Ihr seid alle mit einem Geist des Dharma und einer spirituelle Absicht von weither gekommen. Danke für eure Opfergabe an den Nyungne-Tempel. Ich werde einen kleinen Rat geben, der direkt aus den Lehren des Buddhas herrührt.

Beachten der Handlungen

Bitte erinnert euch immer daran, wie wichtig es ist, genau zu wissen, was man im eigenen Leben annehmen und was man bleiben lassen soll. Es gibt die zehn heilsamen Handlungen und es gibt die zehn unheilsamen Handlungen. Selbstverständlich sollten wir versuchen und unser Bestes geben, alle zehn heilsamen Taten auszuführen. Unter den zehn unheilsamen Taten sind die schlimmsten von allen, das Töten und die falschen Sichtweisen. Wie gesagt wird: „Es gibt keine schlechtere Handlung als das Nehmen des Lebens von jemand anderem, von den zehn untugendhaften Handlungen ist die falsche Sicht die schwerwiegendste.“ Also unterlasst bitte jede Handlung des Tötens, selbst der allerkleinsten Insekten. Wenn es irgendwie möglich ist, dann unterlasst auch das Essen von Fleisch und werdet Vegetarier. Wenn jemand das nicht die ganze Zeit über machen kann, dann haltet euch wenigsten beim Fleischessen an den drei wichtigen Tagen jedes Monats zurück, nämlich am 8., am 15. und am 30. Tag.
Haltet euch auch mit dem Trinken [von Alkohol; Anm.] und dem Rauchen zurück, besonders vom Rauchen, da dies Phowa – die Übertragung des Bewusstseins – wirkungslos macht.

Rechte Sicht

Da eine falsche Sichtweise, (die die zwei extremen falschen Sichtweisen des Ewigkeitsglaubens und des Nichtigkeitsglaubens beinhaltet) die schwerwiegendste ist, seid auch damit sehr sorgsam.
In diesem Zeitalter des Niedergangs sind die Auswirkungen unserer Handlungen sehr machtvoll, egal ob nun positiv oder negativ. Daher nehmen die Leiden der Menschen in dieser Welt zu, weil viele Menschen unheilsame Handlungen begehen. Versucht sie alle aufzugeben und stattdessen überhaupt nur heilsame Handlungen auszuführen. Für die meisten Sangha-Mitglieder ist es äußerst wichtig, dass wir an unseren eigenen Gelübden und Regeln festhalten.
Wenn Opfergaben, die von den Getreuen der Sangha gemacht wurden, missbräuchlich verwendet werden, dann wird das zu gewaltigen Schwächen und zu schlechtem Karma bei jenen führen, die dies machen. Seid also immer sehr sorgsam bei euren eigenen Handlungen!
Bei allen guten oder schlechten Handlungen ist die Absicht der wichtigste Faktor, der bestimmt, ob sie positiv oder negativ, schwerwiegend oder gering sind. Auf dieselbe Art und Weise ist die Motivation, mit der ihr den geheiligten Dharma hört, am wichtigsten. Was macht eine Tat nun gut oder schlecht? Nicht wie sie aussieht, nicht ob sie groß oder klein ist, sondern die gute oder schlechte Motivation dahinter ist es.
Im Sutra des Weisen und des Dummen wird gesagt: „Begehe nicht leichtfertig kleine Untaten, weil du glaubst, sie schaden nicht. Selbst ein winziger Feuerfunke kann einen Heuhaufen entzünden.“ Daher unterschätze nicht die winzigste Übeltat, indem du glaubst, dass sie nicht viel Schaden bringt. Auf dieselbe Weise bringen sogar die kleinsten heilsamen Handlungen großen Nutzen.

Geisteszustand

Wenn wir also einen negativen Geist haben, dann werden wir die drei Gifte (das sind Gier, Hass und Unwissenheit) und die fünf Gifte von Begierde (Wunschverlangen, Anhaftung etc.), Hass (Ärger, Abneigung etc.), Unwissenheit (Verwirrung, Wildheit etc.), Eifersucht und Stolz haben, zusammen mit den 84.000 negativen Emotionen, die mit ihnen verbunden sind. Mit diesem negativen Geist werden wir dann weiterhin negative Handlungen ausführen, die uns schließlich nur in die niederen Bereiche führen.
Es gibt einen Vers von Jowo Atisha, in dem gesagt wird: „Zu jenen gütig zu sein, die von weither gekommen sind, zu jenen, die lange Zeit krank gewesen sind oder zu unseren eigenen Eltern im Alter, ist gleichwertig wie das Meditieren auf Leerheit, von dem Mitgefühl die eigentliche Essenz ist.“ Es ist äußerst wichtig, nach innen zu blicken und eure Motivation zu ändern. Wenn ihr eure Geisteshaltung berichtigen könnt, dann werden geschickte Mittel eure positiven Taten durchziehen und ihr werdet auf den Pfad der großen Wesen aufbrechen. Ob eure Motivation nun rein ist oder nicht, wird eine große Tragweite über den endgültigen Ausgang eurer Praxis haben. Daher wird also gesagt, dass „der reine Geist das Land des Pfades der Bodhisattvas ist.“ Und dadurch wird euer tägliches Leben auch gut sein. Wenn als euer Geist gut ist, dann werden euer Pfad und das Land, auf dem ihr geht, auch gut sein. Wenn andererseits euer Geist schlecht ist, dann werden euer Pfad und das Land auf dem ihr schreitet, auch schlecht sein. Der Geist ist der einzige der Gut und Schlecht hervorbringt. Also überprüft immer euren Geist. Wenn eure Gedanken positiv sind, dann seid froh darüber und macht mehr und mehr Gutes. Wenn sie negativ sind, dann bekennt sie sofort, bedauert und seid beschämt darüber, dass ihr noch immer solche Gedanken habt, angesichts all der Lehren, die ihr empfangen habt. Also schaut sorgfältig auf euren Geist. Seid die ganze Zeit achtsam und aufmerksam.

Die Lehre des Buddha

Wir sollten daher die folgenden wichtigen Worte im Gedächtnis behalten: „Begehe keine negativen Taten, führe immerzu Tugendhaftes aus, zähme deinen Geist. Das sind die Lehren des Buddha.“ Wenn ihr diesen unheilsamen Taten völlig entsagen könnt, dann werdet ihr die Tore zu den niederen Bereichen schließen und ihr könnt dann die kostbare menschliche Geburt erlangen. Ihr werdet in der Lage sein, auf den geheiligten Dharma zu treffen und von einem spirituellen Freund angenommen zu werden. Dann werden eure Verschleierungen bereinigt sein und dann werdet ihr in Zukunft entweder in Buddha Amitabhas reinem Land der großen Glückseligkeit wiedergeboren werden oder im Potala – dem Buddha-Feld von Avalokiteshvara – oder in Guru Padmasambhavas Palast des Lotuslichts im Buddha-Feld des Kupferfarbenen Berges (Zangdog Pal Ri). Sie werden euch mit ihrem Mitgefühl halten und euch als ihre Schüler annehmen, sodass sie euch schließlich zur vollständigen Befreiung und Erleuchtung, mit den Qualitäten der zehn Kräfte, der vier Arten von Furchtlosigkeit usw. führen.
Angesichts vieler Leiden heutzutage, wie neue Arten von Krankheiten, Kriege, Leute, die ihr ganzes Leben lang krank sind und jene, die plötzlich sterben, ist die wichtigste Sache, mit reinem Herzen zu den Drei Juwelen zu beten. Dann werden alle eure Gebete erhört und beantwortet und alle eure Wünsche werden erfüllt.

Mantrayana

Das Mantrayana kann durch viele Zugänge betreten werden. Es beinhaltet viele Methoden zur Ansammlung von Verdienst und Weisheit, und geschickte Mittel um das Potential in uns zu manifestieren, ohne sich großen Anstrengungen zu unterziehen zu müssen. Die Grundlage für diese Methoden ist die Art und Weise, wie wir unsere Bestrebungen lenken.
Alles ist unbeständig und hängt völlig vom eigenen Bestreben ab. Der fehlerlose Pfad ist auf unserem Weg, dass wir die Grundlage unserer eigenen Buddha-Natur verwenden, die Stütze für unser kostbares menschliches Leben, der Umstand einen spirituellen Freund zu haben und die Methode, seinem Rat zu folgen. Auf diese Weise können wir in Zukunft Buddhas werden. All das wird selbstverständlich von unserem eigenen Anwenden der drei heiligen Handlungen ab: 1) zu Beginn Bodhicitta entwickeln; 2) die Hauptpraxis frei von Konzeptualisierung ausführen, d.h. mit der Natur der Leerheit; und 3) die Widmung der Verdienste dem Erlangen der Buddhaschaft für alle fühlenden Wesen am Ende. Darüberhinaus müssen wir alle diese Dinge täglich machen. Andernfalls werdet ihr euch krank und müde fühlen und werdet dann viele Hindernisse haben. Um also das zu vermeiden, seid daher jeden Tag sowohl beständig und ausdauernd bei eurer Praxis des geheiligten Dharmas. Vielen Dank!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. Februar 2016

Keine Anpassung erforderlich!

Ein Interview mit der langjährigen Praktizierenden, buddhistischen Lehrerin und Übersetzerin Sangye Khandro

prayer-flags-484513_1920Der tantrische Buddhismus – das Vajrayana – muss nach Ansicht der amerikanischen Lehrerin und Übersetzerin Sangye Khandro nicht für westliche Menschen angepasst werden. Dennoch tun sich westliche Suchende oftmals schwer, die vollständige Übertragung und brauchbare Anweisungen zu finden. Oder sie kämpfen gegen kulturelle Missverständnisse, Übersetzungsprobleme und andere Hindernisse bei der Vollendung. Sie sieht diese Hindernisse getrennt von der Praxis selbst an, da egal ob man in Tibet oder im Westen auf sie trifft, kann sie ernsthaft Praktizierende erleuchten.
Tricycle berichtet schon seit langem über die Übertragungen des tibetischen Buddhismus an Praktizierende, die in Europe, den Vereinigten Staaten und anderswo leben. Oftmals müssen solche Konvertiten schwierige Entscheidungen treffen, da sie die Ziele und Rituale des Buddhismus gegen die intellektuellen Sitten und praxismäßigen Begrenzungen des westlichen Lebensstils abwägen. Aber Sangye Khandro bietet eine andere Perspektive, die der Traditionalisten.
Sie wurde in Oregon geboren und wuchs in Salt Lake City, Portland, Chicago und Hawaii auf. Nachdem sie im Jahre 1971 auf dem Landweg nach Indien gereist war, unterzog sie sich für sechs Monate einem intensiven Studium, das darin gipfelte, dass sie die Laiengelübde annahm. In den folgenden sieben Jahren kehrte sie jährlich nach Indien und Nepal zurück, um die Lehren zur Praxis des Vajrayana und der tibetischen Sprache zu erlernen, sowie um Übertragungen von ihrem Wurzel-Guru Dudjom Rinpoche und anderen hohen Lamas zu empfangen. Sie hat bisher mehrere Texte übersetzt, einschließlich „A Garland of Immortal Wishfulfilling Trees“ und „Generating the Deity“, sowie zusätzlich Kommentare und Liturgien. Sie widmet sich gegenwärtig ihrer Praxis, der Übersetzung und dem Leiten von Tashi Choling Retreat Center in Oregon, wo sie zusammen mit ihrem Partner und Mitarbeiter Lama Chonam lehrt.
Donna Lynn Brown, eine freiberufliche Journalistin und buddhistische Praktizierende hat kürzlich in Portland (Oregon) mit Sangye Khandro gesprochen.

Was hat dich befähigt, eine ernsthafte Praktizierende des Vajrayana zu werden?
Ich habe in jungen Jahren und gerade zur rechten Zeit die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, als die Tibetan Library for Works and Archives, die vom Dalai Lama geschaffen wurde, um tibetische Kultur zu bewahren und zu verbreiten, in Dharmasala (Indien) eröffnet wurde. Dort habe ich sowohl Sutra als auch Tantra gleich von Beginn an studiert. Nach ein paar Jahren habe ich dann beschlossen, dass ich auch die tibetische Sprache lernen muss. Im Laufe der Zeit war ich dann in der Lage, dass alles zusammenzubringen.

Glaubst du, dass das Vajrayana erfolgreich in den Westen übertragen wurde?
Ja und nein. Aber im Allgemeinen gibt es genügend vollauf kenntnisreiche Praxis, damit das Vajrayana im Westen verankert werden kann.
Vajrayana beruft sich auf drei Aspekte der Übertragung: die Ermächtigung oder Einweihung in die Praxis (dbang), die Leseübertragung des Textes (rlung) und die befreienden Anweisungen, wie man wirklich die Praxis ausführt (khrid). Wenn im Westen ein Lehrer vorbeikommt, dann bleiben diese drei Aspekte der Übertragung oftmals unvollständig. Weil es weit mehr Gelegenheiten für Ermächtigung gibt, kann ein Schüler zwar eine Ermächtigung empfangen, aber nicht die Übertragung und Anweisung. Der Vorgang ist dann nicht in Ordnung oder verbleibt unvollständig. Ich habe Leute praktizieren gesehen, ohne eine Kenntnis, wie sie es ordentlich machen oder sie aufgegeben haben aus Mangel an Anweisung. Die Schüler müssen Schritte unternehmen, alle drei Aspekte der Übertragung von einem qualifizierten Lehrer zu empfangen.

Welche falschen Auffassungen über Tantra haben Praktizierende im Westen?
Die Leute glauben manchmal, dass das Leben eines tantrischen Laienpraktizierenden recht einfach sei. Beispielsweise sehe ich Westler, obwohl sie recht neu sind, dass sie den Ngakpa-Zen – die Robe – eines Tantra-Praktizierenden tragen. Ich frage mich manchmal, ob sie überhaupt die Gelübde für diese Kategorie der Praxis kennen. Es gibt die grundlegenden Zufluchtsgelübde, d.h. die fünf Wurzelgelübde der Laienordination, dann die Bodhisattva-Gelübde, die auf die Erleuchtung zum Wohle aller Wesen fokussieren und schließlich die Vajrayana-Gelübde, die teilweise ziemlich schwierig sind. Alle diese Gelübde zu halten, ist ein schon selbst eine Praxis. Es kann sehr peinlich sein, diese Leute einen Zen tragen sehen, obwohl sie gleichzeitig nicht wissen, wie sie alle drei Ebenen der Gelübde halten. Wenn du alle diese eine Zeit lang hältst, dann mach dich auf und lege den Zen an!

Hat es andere Probleme in der Übertragung des Vajrayana gegeben?
Lass mich dir ein Beispiel dazu geben. Ein Abt, der mit meinem Partner Lama Chonam und mir arbeitet, kommt bald in die USA, um Dzogchen zu lehren. Er wird die Übertragung, die Leseübertragung und die Anweisungen geben. Aber es wird Einschränkungen für jene geben, die teilnehmen. Es ist sehr wichtig für ihn, dass keine akademischen Forscher dabei sind, außer sie sind hier um wirklich zu praktizieren. Er ist besorgt darüber, dass Westler diese Unterweisungen bekommen, dann in ihre Universitäten zurückkehren und dann außerhalb des Kontexts lehren oder darüber schreiben, was ihnen gegeben wurde. Das ist ein Problem im Westen und jene von uns, die eine ordentliche Übertragung verstehen, müssen darüber auch sprechen. Das muss sich aufhören.

Was ist mit den Herausforderungen bei der Übersetzung von Texten?
Probleme tauchen auf, wenn Übersetzer an tiefgründigem Material arbeiten, bevor sie es praktiziert haben. Beim Tantra sollte man nicht einfach einen Text vom Bücherregal nehmen und übersetzen, bloß weil man daran interessiert ist. Andere Probleme tauchen auf, wenn Leute Texte übersetzen, ohne mit einem qualifizierten tibetischen Gelehrten arbeiten. Jene von uns, die übersetzen wissen, dass ohne Hilfe wir oft nicht verstehen, was wir lesen. Wenn wir glauben, dass wir das tun, dann täuschen wir uns. Um ein spezielles Thema ganz klar zu verstehen, muss man sowohl mit einem praktizierenden Gelehrten zusammenarbeiten, als auch einige persönliche Praxiserfahrung mitbringen.

Glaubst du, dass Praktizierende Tibetisch lernen sollten, um die vollständige Übertragung zu bekommen?
Ich wünschte, sie würden es, aber es ist nicht praktizierbar. Und ich glaube, dass früher oder später alles ins Englische übersetzt werden wird. Sind wir schon dort? Nein. Wir sind noch immer Praktizierende. Aber wir können Vertrauen haben, dass die vollständige Übertragung irgendwann einmal in westliche Sprachen stattfinden wird.

Wie können Linien aufrechterhalten werden, angesichts dessen, dass die Leute heutzutage Traditionen und Praktiken mischen?
Die Leute werden Praktiken mischen – das wird so weitergehen. Alles was wir machen können ist, weiterhin beständig echte Linien anbieten, die wirklichen Segen tragen. Ich habe keine Zweifel darüber, dass die Wahrheit und Kraft ihrer zeitlosen Weisheit siegreich sein wird. Ich finde, dass ein paar Leute durch die Verwässerung dieser Dharma-Versionen entmutigt sind, weil sie keine Resultate erzielen. Später kommen sie dann zu mehr traditionellen Lehren, weil sie etwas Authentisches wollen.

Welche Aspekte der westlichen Kultur machen für uns schwer, das Vajrayana zu praktizieren?
Einfach der gewöhnliche Geist voller Konzepte. Das Vajrayana erfordert ein Vertrauen in das, was ungreifbar ist. Niemals siehst oder spürst du eine Weisheitsgottheit. Man muss eine reine Sicht bei den Phänomenen des Daseins kultivieren. Möglicherweise siehst du die Welt als reines Land, als Gottheit. Das ist für Menschen im Westen nicht immer einfach. Wir sind so voller Konzepte, so süchtig nach dem gewöhnlichen materialistischen Geist. Dennoch machen wir vielleicht tägliche Sitzungen, in denen wir Weisheitsgottheiten visualisieren und dazwischen fallen wir in die Gewöhnlichkeit hinab. Dann wird es wirklich schwer, Fortschritte zu machen.

Verstehen Menschen im Westen die körperlichen Aspekte der Vajrayana-Praxis?
Ja, wenn sie die Unterweisung von einem qualifizierten Lehrer bekommen haben. Die Ermächtigung erlaubt dir, die Verschleierungen und Befleckungen deines Körpers, sowie deiner Rede und deines Geistes zu bereinigen, sodass du dich selbst als Weisheitsgottheit visualisieren kannst. Körper, Rede und Geist sind nicht getrennt. Du arbeitest gleichzeitig mit ihnen. Wenn Leute die Anweisungen empfangen und ihnen folgen, dann werden sie es verstehen.

Welche Aspekte der tibetischen Kultur können die Menschen im Westen hinter sich lassen? Wie können wir mit der Hierarchie und dem Sexismus umgehen, die manchmal mit dem Dharma daherkommen?
Nun, wir müssen uns nicht in Chubas [traditionelle tibetische Gewänder] kleiden, um den Dharma zu praktizieren! Wir sollten nicht vorgeben, Tibeter zu sein. Trotzdem hat die tibetische Kultur viele wunderbare Qualitäten, bei der spirituellen Übung mitklingen, wie Bescheidenheit. Sich zu verbeugen, wie der Dalai Lama es macht, sodass du niedriger als dein Lehrer oder der Altar bist – ist das Kultur oder Dharma? Möglicherweise beides, aber wir können davon lernen.
Unter den tibetischen Praktizierenden sind die am meisten respektierten Leute jene Bescheidenen, die nicht in die Hierarchie eingebunden sind. Ich bin gerade letzte Woche aus Tibet zurückgekehrt und während ich dort war, habe ich das Mutter-Kloster von meinem Partner Lama Chonam besucht. Die federführenden Lehrer sitzen dort auf den niedrigsten Positionen. Ehrlich gesagt kommt eine Menge an Autoritätshörigkeit in den Dharma-Zentren von den Westlern selbst. Es ist einfach Streben nach Macht. Asiaten oder Westler – menschliche Wesen sind, was sie sind.
Deine Frage wegen dem Sexismus lässt mich an einen Besuch denken, den ich in Larung Gar in Ost-Tibet gemacht habe, wo es eine große, gutgehende Praxisgemeinschaft gibt. Ich habe dort sicher keinen patriarchalen Buddhismus gesehen. Es gibt dort mehr Khenmos [Äbtissinnen] als Khenpos [Äbte]. Die weiblichen Praktizierenden schmeißen den Laden. Der vorsitzende Lama von diesen zehntausenden Praktizierenden ist die Khandro Ani Mumtso, eine Nonne. Sie ist diejenige, die die Ermächtigungen für alle Übertragungen gibt. Niemand hat ein Problem damit. Es ist ganz selbstverständlich, dass dort Frauen die Männer lehren. Ich bin nicht damit einverstanden, dem tibetischen Buddhismus Sexismus vorzuwerfen. Während meiner Jahre mit den Tibetern bin ich wegen des Frauseins niemals benachteiligt worden – eigentlich das Gegenteil. Ganz von Beginn an wurde mir jede Gelegenheit geboten, zu lernen, manchmal sogar mehr als die Männer!

Wie sollten wir mit Lehrern umgehen, egal ob Asiaten oder Westler, die qualifiziert sind, sich aber manchmal schlecht verhalten?
Die Menschen im Westen sollten Tibeter nicht auf ein Podest setzen, auch wenn sie „Tulku“ oder „Rinpoche“ genannt werden. Halte deine Augen offen und schau die Qualitäten an, die die Lehrer zeigen. In Tagen wie diesen und in diesem Zeitalter sind Namen und Titel nicht mehr sehr bedeutungsvoll. Früher oder später wird dieser gesamte Prozess des Anerkennens von Tulkus irgendwie zu einem Ende kommen, weil die Struktur dafür verschwindet. Die großen Meister, die wirklich geeignet sind, solche Anerkennungen zu machen, sterben aus. Du weißt dann nicht mehr, wer wer ist. Das ist etwas, das Menschen im Westen nicht ganz verstehen. Wir glauben, wenn jemand einen Titel hat, dann ist er/sie qualifiziert.
Ein Lehrer sollte den Dharma die ganze Zeit über verkörpern, nicht nur während des Lehrens. Schüler müssen schlau genug sein zu unterscheiden, was nun der Fall ist. Beim Vajrayana solltest du dies wissen, bevor du eine Einweihung nimmst. Du solltest da nicht einfach hineinspringen und dich dann später in einer schlechten Lage vorfinden. Wenn das Verhalten eines Lehrers dir nicht passt, dann solltest du auf Abstand gehen. Frag auch die Tibeter. Du musst die Referenzen wie auch seine oder ihre Reputation bis ganz zurück prüfen.

Gibt es Unterschiede darin, wie Westler und Tibeter die Hingabe an den Guru praktizieren?
Die Tibeter werden praktischerweise damit geboren. Die Babys und Kinder sehen ihre Eltern voller Hingabe. Für uns ist das neu, also müssen wir es üblicherweise kultivieren. Du hörst gelegentlich von Beispielen, wenn Westler einen spirituellen Lehrer sehen und auf die Knie fallen und ihr Leben für immer ändert. Aber das ist nicht allgemein so. Im Gegenteil, viel Westler, die am Vajrayana interessiert sind, haben überhaupt keinen Guru. Das ist ein Problem. Um zu praktizieren, musst du eine offenherzige Hingabe an einen Guru haben. Das ist es, was dir Inspiration bringt, Quellen, die heutzutage selten sind. Wenn du also eine Verbindung zu einem qualifizierten Guru spürst, dann ergreife die Gelegenheit.

Bei dem Versuch, das Ego zu reduzieren, verschlimmern Lehrer manchmal unabsichtlich die schon geringe Selbstachtung eines Schülers? Wie können wir das Vertrauen aufbauen, dass wir benötigen, um unsere Praxis anzuregen?
Um Vajrayana zu praktizieren, musst du den Vajra-Stolz entwickeln. In der anfänglichen Phase der tantrischen Praxis, die Erzeugungsstufe genannt wird, gibt es drei Erfordernisse: 1) die Klarheit in der Visualisation; 2) die klare Erinnerung; und 3) den Vajra-Stolz. Klarheit in der Visualisation bedeutet, dass du dich auf die Weisheitsgottheit konzentrieren kannst, während die reine Erinnerung bedeutet, dass du dich an jeden Aspekt der Gottheit erinnern kannst. Der Vajra-Stolz erlaubt dir, dich mit den Qualitäten des Geistes zu identifizieren, die die Aspekte der Gottheit repräsentieren. Indem du sie als integralen Bestandteil von dir selbst siehst, erlangst du Vertrauen.
Wenn du in einer Praxissituation bist, wo du dich niedergeschlagen fühlst, dann musst du da raus. Lehrer, die zu unwirsch sind, sind nicht hilfreich – sie schaden. Wahre Vajra-Meister schaden ihren Schülern niemals. Wenn Lehrer strenge Sachen sagen, dann müssen sie wissen, dass ihre Schüler sie nehmen können. Die Leute haben unterschiedliche Fähigkeiten und ein guter Lehrer unterscheidet das. Es ist nicht mitfühlend, jeden gleich zu behandeln.

Funktioniert im Westen die tibetischen Ritualarbeit?
Ja, aber der Lehrer muss eine Praxis erklären, bevor ein Schüler darum bittet, sie auszuführen. Wenn die Bedeutung von jeder Methode klar ist, dann ist das, was du tust, mehr als nur ein Ritual. Es ist die Praxis, um die von dir gewünschten Resultate zu erlangen. Wenn Schüler das verstehen, dann werden sie das freudig machen.
Ein paar buddhistische Rituale handeln nicht von erleuchteten Wesen, sondern von weltlichen Wesen – Geistern. Der Verdienst solcher Rituale, bei denen man manchmal etwas diesen Geister gibt, ist gewaltig groß, weil sie keine Möglichkeit haben, ihrem schrecklichen Leiden zu entfliehen. Mit ihnen Verbindungen herzustellen, ist sehr machtvoll – und es funktioniert. Um das zu verstehen, müssen Westler Vertrauen in die Lehren des Buddha haben. Das ist sehr wichtig, diese Ritual im Westen nicht zu verhindern versuchen, weil sie bringen Nutzen.

Was ist die Rolle der Mönche und Nonnen?
Der Buddha lehrte, dass das Vorhandensein der klösterlichen Gemeinschaft lebenswichtig für die Stabilität seiner Lehre in der Welt ist. Das Mönchstum strampelt sich im Westen ab, weil die Unterstützung durch die Gemeinschaft vor Ort oft nicht gegeben ist. Aber ich glaube, das wird sich ändern. Ich glaube auch, wir müssen uns auch darauf ausrichten, der Laiengemeinschaft zu helfen, damit sie vorankommt und stärker wird. Dann können die Gemeinschaften der Laienpraktizierenden leben und mit den klösterlichen Gemeinschaften zusammenarbeiten.

Werden Westler, die Erleuchtung erlangt haben, letztendlich das Vajrayana an unsere Kultur anpassen?
Wir müssen einfach weitermachen mit dem Übertragen der Linien. Sie werden für alle Menschen funktionieren, so wie sie sind, unbeschadet von Kultur oder Sprache. Ja, an einem gewissen Punkt werden Westler vollständig erwacht sein. Das ist möglicherweise schon geschehen. Können wir sagen, dass es nicht so wäre? Ich habe Praktizierende auf ähnliche Weisen sterben gesehen wie die hohen Lamas, mit ihrem Bewusstsein einige Tage lang in ihren Körpern. Diese Praktizierenden haben den Dharma nicht modernisiert oder verwestlicht. Sie waren hingebungsvolle Schüler an ihre Lehrer und bescheidene, ernsthafte Praktizierende derselben Linie, die seit der Zeit des Buddha weitergegeben worden ist. Da ist keine Anpassung notwendig – keine Adaption. Weil Weisheit ist zeitlos.

Dieses Interview mit Sangye Khandro wurde von Donna Lynn Brown geführt und erschien im Magazin Tricycle am 10. Sept. 2015. Da es hilfreich erschien, hat der Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015) dies mit bestem Dank an alle Beteiligten ins Deutsche übersetzt. Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 13. Februar 2016

Die Legende von Yamantaka

Yamantaka_GelugEinst lebte ein Einsiedler lange Zeit in einer Höhle. Er bemühte sich, dort volle 50 Jahre zu meditieren, um Nirvana zu erlangen. Er hatte nur noch einen Tag, als zwei Räuber in die Höhle eindrangen.
Sie schleppten einen gestohlenen Büffel mit sich, den sie getötet hatten, indem sie ihm den Kopf abschnitten. Aber als sie den Einsiedler erblickten, beschlossen sie ihn zu töten, weil er sonst Zeuge ihres Verbrechens gewesen wäre. Sie hackten ihm den Kopf ab, obwohl er sie anflehte, es nicht zu tun. Aber der Einsiedler hatte bereits übernatürliche Kräfte erlangt. Er hob den Büffelkopf auf seine Schultern und verwandelte sich in die furchteinflößende Gottheit Yama. Yama tötete die beiden Räuber und trank ihr Blut. So verlor er jede Hoffnung, Nirvana zu erlangen. Voller Raserei versuchte er, alle Tibeter zu töten. Die Tibeter baten den Bodhisattva Manjushri ihnen zu helfen. Manjushri nahm die Schrecken erregende Gestalt des Yamantaka an und vertrieb Yama in die Bereiche der Unterwelt.

Geschichte(n) zu Yamantaka

Der von den Gelugpas und Sakyapas häufig praktizierte Yamantaka in Gestalt des Vajrabhairava (tib., rdo rje ‘jigs byed) ist der unzerstörbar Schreckliche – wie sein Name besagt. Yamantaka ist der Besieger des Todes und unterwirft Yama – den Herrn des Todes.
Yamantaka erscheint sowohl als Yidam-Gottheit wie auch als Beschützer (Dharmapala). Im Zyklus der Thröma Nagmo tritt er neben Rahula, Nagaraja, Tsen und Mamo auch als Beschützer des Dharma auf. Wesentliche Gottheitenpraktiken gehen auf Ra Lotsawa zurück, der Vajrabhairava als Meditationsgottheit verwendete, um Feinde zu vernichten.
In einem Text wird Yamantaka von Vajrapani gebeten, die bösartigen Geister zu unterwerfen und diese opferten ihm die Essenz ihrer Lebenskraft. Diese Geister wurden in den Zustand der meditativen Gelassenheit geführt. Aber dann begannen die arroganten Gespenster und ihr Gefolge wieder, blanken Schrecken zu verbreiten. Und Yamantaka sandte erleuchtete magische Waffen in Form von Eisenrädern, Schlingen, Haken, Ketten und Glocken aus und ließ Mantra-Silben ertönen, sodass diese Arroganten sofort unterworfen und gezähmt wurden.
Yamantaka offenbarte dann einige Tantras, die von Vajrapani gesammelt wurden. Diese wurden dann Garab Dorje anvertraut, der sie wiederum Manjushrimitra gab. Dieser gab einige dem Jnanagarbha und dem Shantigarbha. Der Meister Tsuglag Palge entnahm daraus dann einige sehr tiefgründige Anweisungen für das Schützen, Abwehren, Befreien und Unterwerfen.
Später wurden diese dem Padmasambhava gegeben und dann dem Vasudhara. Dessen jüngerer Bruder wurde dann als Nub Sangye Yeshe wiedergeboren. Dieser ging dann nach Kathmandu und bat Vasudhara sieben Mal um die Übertragung der Tantras und versiegelte dies, indem er einen Manjushri auf Nub Sangye Yeshes Kopf stellte. Die Anweisungen dieser Tantras durften zunächst nicht verbreitet werden, bis sie in ihm herangereift waren.
Obwohl alle anderen Tantras zu der Zeit in Tibet weithin blühten, konnte das Yamantaka-Tantra nicht verbreitet werden. Also sprach Nub Sangye Yeshe folgenden Wunsch aus: „Zur Zeit der fünf Arten des Niedergangs sollen diese mit den vom Glück gesegneten Ngakpas zusammentreffen und mögen so die Feindes des Dharma besiegt werden.“ Dann verbarg er diese Anweisungen in Lhodrag und in Phungpo Riwoche. Diese wurden dann später von Gyazhang Trom entdeckt und dann dem Lharje Nub Chung anvertraut. Später kamen diese Anweisungen zum Gyalwa Rinchen Phüntshog aus der Linie der Drikung Kagyü. Der Drikung Rigdzin Chökyi Dragpa verfasste dann einen berühmten Praxistext, der auch heute noch in der Drikung-Linie praktiziert wird.

Buddhisten und Shiva

03 LalitavajraIn der Gelug-Tradition wird Lalitavajra als Enthüller der Vajrabhairava-Tantras angegeben. Lalitavajra war ein Gelehrte an der Kloster-Universität von Nalanda im 10. Jhdt., der als Haupt-Yidam Manjushri praktizierte. Eines Tages erhielt er in einer Vision den Auftrag, nach Oddiyana zu gehen und die Tantras des Yamantaka zu enthüllen. Dort traf er auf die Weisheits-Dakini in Gestalt der Vajra-Vetali und auch auf andere Dakinis. Doch diese lehnten es ab, ihm diese Texte auszuhändigen. Er durfte die Lehren nur auswendig lernen und sie nach seiner Rückkehr aufschreiben.
Manche Gelehrte sehen die Vajrabhairava-Tantras in Verbindung mit der Tradition des kaschmirischen und afghanischen Shivaismus. Der Name „Bhairava“ verweist auf eine der Haupterscheinungen von Shiva und auch viele seiner Attribute wie Dreizack, Tigerhaut, Asche, Damaru etc. finden sich in beiden Traditionen. Jedenfalls entstand der Shivaismus im 8./9. Jhdt. und wahrscheinlich werden sich einige Parallelen zum buddhistischen Tantra finden. Jedoch lassen äußere Attribute keine Herkunft ableiten. Vielmehr ist der Unterschied in der Sicht – dem spirituellen Ansatz – zu finden.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Februar 2016

Spickzettel – Longchenpa 30 Ratschläge

Die 30 Ratschläge des Longchenpa sind eine ausgezeichnete Möglichkeit, den Geist zu trainieren. Der Spickzettel hier kann heruntergeladen werden und mag als Erinnerung dienen. Viel Freude und Erfolg damit!
Den ausführlichen Text von Longchenpa findet ihr hier zum Nachlesen.

Spickzettel_LongchenpasRat

Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. Februar 2016

Nyingma-Mönlam 2016 – Ngakpa-Zentrum

Titel_NyingmaMönlamWunschgebete sind Bestandteil der täglichen Praxis. Alljährlich finden aber große Gebetsfeste – „Mönlam“ genannt – statt. Hier der Ablauf für unser kurzes Mönlam, das wir zwischen Losar und Chotrul Düchen vom 10. – 21. Februar 2016 hier im Ngakpa-Zentrum abhalten. Der Ablauf basiert auf dem alljährlich in Bodhgaya stattfindenden Nyingma-Mönlam. Die entsprechenden Texte kann man HIER (Tibetisch/Transkript/Englisch) gratis herunterladen. Falls der Link nicht funktioniert, bitte eine kurze eMail an das Ngakpa-Zentrum, dann bekommt ihr einen anderen Link zugesandt.
Man kann also für sich daheim praktizieren, aber ihr könnt auch gerne bei uns im Zentrum vorbeischauen. Wir praktizieren immer von 19.00 bis 21.00 Uhr; bitte kurze Anmeldung per eMail, FB-Messenger oder Telefon vorher. An den Samstagen und Sonntagen sind die Zeiten flexibel.

Ablauf Nyingma Mönlam im Ngakpa-Zentrum Lhündrub Chödzong

  • Tashi Tsigpa – die Verse der acht edlen Glückverheißenden
    1. Und weitere Einleitungsgebete inkl. ausführlicher Mandala-Opferung
  • Nehmen der Bodhisattva-Gelübde (kurz)
  • Tara-Gebet
  • Guru-Yoga auf Padmasambhava
    1. Gebete aus dem Le’u Dünma
    2. Rezitation des Vajra-Guru-Mantras
    3. Sampa Lhündrub
    4. Barche Künsel
    5. Auflösungsphase
  • Manjushri
    1. Kurze Praxis
    2. Kurzes Namasamgiti
  • Herz-Sutra
  • Gebete zum Beseitigen von Hindernissen
    1. Barwa’i Khorlo Sutra
    2. Ushnishavijaya-Praxis
    3. Simhamukha plus Abwehrpraxis
  • Amitayus
    1. Kurze Praxis
    2. Dharani
  • Wunschgebete
    1. Kurzes Dewachen-Mönlam
    2. Vajradhatu Mandala
    3. Yeshe Tsogyal’s Gebet an Guru Rinpoche (ggf. nur kurzes)
    4. Für Bestehen der Nyingma-Tradition
    5. Vajra-Knoten
  • Langlebensgebete

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