Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Oktober 2016

Siebenmal kein Ich

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Chandrakirti’s siebenfache Argumentation

Chandrakirti war ein berühmter indischer Gelehrter, der im frühen 7. Jhdt. lebte. Er verfasste zahlreiche Werke wie die „Einführung in den Mittleren Weg“, „Klare Worte“ und andere wichtige Schriften der Schule der Prasangika Madhyamika. Seine siebenfache Argumentation ist ein Klassiker der buddhistischen Philosophie und sollte eigentlich von allen studiert werden.

  1. Der Wagen ist nicht von Natur aus dasselbe wie seine Teile.
  2. Der Wagen ist nicht von Natur aus verschieden von seinen Teilen.
  3. Der Wagen ist nicht von Natur aus abhängig von seinen Teilen. (Nicht das Resultat seiner Teile.)
  4. Der Wagen ist nicht von Natur aus die Grundlage, auf dem seine Teile beruhen. (Nicht die Ursache der Teile.)
  5. Der Wagen ist nicht von Natur aus der Besitzer seiner Teile.
  6. Der Wagen ist nicht von Natur aus eine bloße Ansammlung seiner Teile.
  7. Der Wagen ist nicht von Natur die Form seiner Teile.

Die siebenfache Schlussfolgerung des Streitwagens (tib., shing rta rnam bdun gyi rigs pa) ist ein Gedankengang in der logischen Argumentation, wie sie von Chandrakirti in seinem Madhyamakavatara verwendet wird, um das Fehlen eines Selbst bei einem Individuum (tib., gang zag gi bdag med) zu begründen und aufzuzeigen, dass das Selbst eine bloße Zuschreibung ist, bezogen auf eine Zusammenstellung von Teilen. Auf dieselbe Weise kann man die Bezeichnung „Streitwagen“ auch auf seine Teile anwenden, wie z.B. die Räder, die Achse, den Körper usw.

Nicht-Selbst

Das Fehlen eines Selbst bei einem Individuum meint das Fehlen einer dauerhaften, einheitlichen und unabhängigen Identität in einem individuellen Wesen. Weiters gibt es noch das Fehlen eines Selbst in Phänomenen (tib., chos kyi bdag med). Damit ist die Abwesenheit jeglicher wesensmäßig innewohnender Identität in den Dingen und Ereignissen gemeint.
Soweit so gut. Wie kann man das nun in die meditative Praxis umsetzen? Dies wird in mehreren Schritten gemacht. Zunächst gibt es zwei Vorbereitungen dazu.
Im ersten Schritt entwickelt man ein unmissverständliches Gefühl von inhärenter Existenz. Sehr leicht geht das immer durch Beschuldigungen anderer. Wenn uns jemand ernsthaft und schwer beleidigt, dann entwickeln wir sehr rasch ein Gefühl eines Selbst (eines Ich, einer Identität). Daher sollte man sich für diese Übung eine solche Situation vorstellen und die dazugehörigen Gedanken und Gefühle ganz klar aufkommen lassen. Dies gestattet der meditierenden Person ein klares und unzweifelhaftes Bild von dem, was verneint wird. Außerdem hilft es dabei, diesen Ansatz wirklich zu verinnerlichen und ihn nicht als bloßes Spiel von Gedanken und Worten verkommen zu lassen.
Dann zum Überblick für die logische Begründung: wenn die inhärente Existenz des Wagens (oder Selbst) sich begründen ließe, dann könnte diese Existenz zumindest auf eine der sieben Weisen vorgefunden werden. Wenn sich die inhärente Existenz des Wagens (oder Selbst) nicht auf eine dieser sieben Arten vorfinden lässt, dann ist eine inhärente Existenz des Wagens (oder Selbst) nicht vorhanden.
Die Begründung folgt einer allgemeinen Suche nach einem Objekt, das inhärente Existenz genannt wird und basiert auf einem Beispiel. Genauso wenn man eine Katze im Haus sucht, findet man sie entweder im Wohnzimmer oder in einem anderen Zimmer. Aber wenn man sie nirgendwo im Haus findet, also weder im Wohnzimmer noch in irgendeinem anderen Zimmer, dann sagt man zweifellos, dass keine Katze im Haus ist… und postet ein Bild auf Facebook. Im Unterschied zur verlorenen Katze ist das Beseitigen der falschen Auffassung von inhärenter Existenz sehr befreiend.

  1. Das Selbst ist nicht von Haus aus dasselbe wie seine Teile (Körper, Gefühle, Gedanken).
    Wenn also das Selbst gleich seiner Teilen – d.h. Körper oder Geist – wäre, dann würde es genauso viele Selbst(e) wie Teile geben. Wir haben aber nur ein Selbstgefühl. Wie könnten also die Teile als ein Ganzes genommen werden? Wenn man das Selbst als eines wahrnimmt, dann müssten auch die Körperteile und Gedanken als eine einzige Wesenheit wahrgenommen werden. Am Beispiel von Haare schneiden lässt sich das auch ganz gut nachvollziehen. Man würde bei der Auffassung, dass das Selbst gleich seiner Teile wäre, bei jedem Haare schneiden etwas vom Selbst verlieren. Würde man einen Finger verlieren, dann würde man auch einen Teil des Selbst verlieren.
  2. Das Selbst ist nicht grundsätzlich verschieden von seinen Teilen (Körper, Gefühle, Gedanken).
    Wenn das wahr wäre, dann könnte man die Teile des Körpers oder Geistes entfernen, bis nichts mehr übrig ist, aber dann wäre noch immer ein Selbst vorhanden.
  3. Das Selbst ist nicht grundsätzlich abhängig von seinen Teilen (Körper, Gefühle, Gedanken).
    Wenn dem so wäre, dann müsste es verschieden sein von seinen Teilen und etwas ganz anderes. Zwar haben wir manchmal den Eindruck, dass das Selbst mal oben, dann unten ist. Aber dennoch hat es etwas mit diesen Teilen von Körper, Gefühlen und Gedanken zu tun und eben nicht mit denen des Nachbarn, oder? Daher sprechen wir ja auch von unserem Selbst.
  4. Das Selbst ist nicht von Haus aus die Grundlage, von der seine Teile (Körper, Gefühle, Gedanken) abhängen.
    Das hat wieder mit den oben genannten Punkten 2 und 3 zu tun. Die Konsequenzen sind dieselben.
  5. Das Selbst ist nicht der Besitzer seiner Teile (Körper, Gefühle, Gedanken).
    Wenn dem so wäre, würden Besitzer und Teile keinen Unterschied aufweisen.
  6. Das Selbst ist nicht grundsätzlich eine bloße Ansammlung seiner Teile (Körper, Gefühle, Gedanken).
    Wenn das Selbst eine bloße Ansammlung von Körper, Gefühlen und Gedanken wäre, dann müsste man nicht weiter darüber reden. Es würde keinen Sinn machen, eine Trennung zu empfinden. In unserer gewöhnlichen Wahrnehmung spüren wir jedoch immer wieder diese kleine Kluft zwischen einem Selbst – eben uns selbst – und einem Körper, den Gefühlen, Gedanken, Handlungen etc.
  7. Das Selbst ist nicht von Natur aus die Form seiner Teile (Körper, Gefühle, Gedanken).
    Wenn dem so wäre, würde das Selbst etwas Körperliches sein. Jedoch sind geistige Zustände nicht gleich Gehirnwindungen und Gehirnströme. Nicht-körperliche Dinge wie ein Geist und Gedanken haben keine Form. Auch würde das Selbst durch Essen oder Sport dick oder dünn werden, es würde altern und Falten bekommen. Doch wir haben anscheinend ein recht gleichbleibendes Gefühl eines Selbst.

Warum tust du MIR das an?

burnout-384086_1920Würde das Selbst tatsächlich existieren, dann könnte man es auf eine der sieben Weisen auffinden. Aber da es sich nicht auffinden lässt, existiert es nicht. Es ist eine bloße Zuschreibung auf Basis bestimmter Ereignisse, eben ein bedingtes Entstehen. Personen und Phänomene werden als konventionell bestehend angesehen, aber eben es fehlt ihnen an inhärenter Existenz. Wenn man das begreift, dann verpuffen qualvolle Erlebnisse im Sinne „Warum tust du mir das an?“ am Ort ihres Entstehens. Und wenn man sich über längere Zeit damit vertraut gemacht hat und ein Verständnis jenseits bloßer Gedankenspiele entfaltet hat, dann tauchen diese geistigen Qualen überhaupt nicht mehr auf. Ende der Geschichte.

Beipacktext

Eine paar Sätze der Vorsicht! Man kann diese Untersuchung natürlich auch falsch angehen und meinen, es würde dann rein gar nichts existieren. Also kein Selbst und überhaupt gar nichts. Nun ja, das ist ein fundamentaler Irrtum.Es geht nicht darum, eine Ich-Inflation einzuleiten, sondern zu verstehen, dass der Fehler in der trügerischen Auffassung einer inhärenten Existenz dieses Selbstgefühls liegt. Schließlich taucht ja ein Gefühl von Selbst auf. Doch dieses beruht nicht auf inhärenter Existenz, sondern entsteht bedingt. Gerade dadurch eröffnet sich ein ungeheuer großes Handlungsfeld. Die falsche Auffassung der inhärenten Existenz gilt es zu beseitigen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Oktober 2016

Spickzettel Sutra & Tantra

Als die Lehren des Buddha nach Tibet gelangten, waren sie schon lange Zeit im Norden Indiens etabliert und systematisiert. Die Lehren wurden in Ursachenfahrzeug und Ergebnisfahrzeug, in Sutra und Tantra – also exoterische und esoterischen Lehren des Buddha – eingeteilt.
Die tibetischen Schule der Alten Übersetzungstradition (Nyingma) hat eine ungebrochene Linie erleuchteter Meister des Sutrayana und Mantrayana seit Zeit der Schüler von Buddha Shakyamuni und geht auf die Bemühungen des Dharma-Königs Trisong Detsen, den Abt Shantarakshita und den tantrischen Meister Padmasambhava zurück. Sie klassifiziert den gesamten Lehrkorpus des Buddhadharma in neun Pfade. Jeden dieser Pfade betritt man durch ein bestimmtes Tor, d.h. Motivation und/oder Ermächtigung. Jeder Pfad beruht auf einer bestimmten Sicht, d.h. einer Verständnisgrundlage wie man selbst, die Phänomene und das Zusammenwirken gesehen wird. Jeder Pfad ist mit bestimmten Gelübden und Samayas verbunden, hat bestimmte meditative Praktiken, Verhaltensweisen und führ zu einer dementsprechenden Frucht.

Hier nun eine Übersicht über die Neun Yanas – die neun Fahrzeuge, die zur Befreiung oder Buddhaschaft führen.

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Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. Oktober 2016

Guru – Master for Concept’s Disaster

japan-1706942_1920Im Vajrayana wird anders als im Sutrayana dem Guru eine besondere Stellung eingeräumt. Im Sutrayana wird der Lehrer als spiritueller Freund betrachtet, während er im Vajrayana eine überragende Position einnimmt. Manchen Praktizierenden anderer buddhistischer Traditionen erscheint dies fragwürdig, da sie nicht in die verschiedenen Feinheiten der Sicht dazu eingeführt worden sind und die Praxis auf den Guru als simple Verehrung einer Person auffassen. Betrachten wir daher einmal Guru und die Praxis auf den Guru aus der Sicht verschiedener philosophischer Ansätze und praktischer Herangehensweisen.

Grundlagen

Bereits die grundlegenden, allgemein Praktiken des Vajrayana gipfeln im Guru-Yoga. Dabei werden durch das Übertragen der drei Lichter die vier Ermächtigungen empfangen, die ansonsten in der Ermächtigungsstruktur des Mahayoga vorkommen. Der wesentliche Aspekt dabei ist jedoch die Erkenntnis der Ungetrenntheit der Geistesnatur des Gurus mit der eigenen.

Lebendes Beispiel

Man kann aufgrund großer Hingabe an einen äußeren Lehrer eine besondere Inspiration entwickeln. Dieser Aspekt ist im Vajrayana durchaus von großer Bedeutung, da das lebendige Vorbild des Lehrers einen Schüler zur Praxis entsprechend anspornen kann. Auch wenn das Vajrayana auf Buddha Shakyamuni zurückgeht, so ist das lebende Beispiel, der direkte Kontakt mit einem Lehrer für das Verständnis der tantrischen Lehren essentiell.
Durch die Ermächtigung des Lehrers tritt der Schüler in eine spirituelle Intimität der Praxis ein, die nicht mit weltlichen Bezügen bemessen werden kann. Die Anweisungen zur meditativen Versenkung und Visualisierung unterscheiden sich fundamental von einfachen Zwiegesprächen zwischen Lehrer und Schüler. Da im Vajrayana neben dem Leerheitsaspekt auch der Ausstrahlungsaspekt der Natur des Geistes in der Praxis zur meditativen Praxis entfaltet wird, benötigt es eine Person, die dies bereits erfolgreich gemeistert hat und den neuen Schüler durch die geistigen Schleier aus Projektion und Übertragung führen kann.
Aus dieser Perspektive wird der äußere Guru, der einem im Vajrayana die Ermächtigungen erteilt, sogar gütiger als Buddha Shakyamuni selbst angesehen, weil der Guru eben einen tatsächlich in den Pfad des Reifens und Befreiens einführt. Eine historische Gestalt mag zwar inspirierend sein, aber da wir nicht das Glück der Geburt zur Zeit Buddha Shakyamunis hatten, ist der Guru als unmittelbar vorhandene Stütze von essentieller Wichtigkeit. Diese Wichtigkeit ergibt sich auch in der Geschwindigkeit der Realisation durch das Vajrayana. Während man im Sutrayana je nach Praxisansatz und philosophischer Herangehensweise drei oder mehr Leben oder gar ein paar unendliche Zeitalter für das Resultat benötigt, wird durch die Praxis des Vajrayana Realisation in einem einzigen Leben erlangt.

Vorurteilsvolle(sic!) Hingabe?

buddhism-705584_1920Durch den Ansatz des Vajrayana ist es möglich, in einem einzigen Leben Befreiung zu erlangen. Das langwierige Durchlaufen der Fünf Pfade von Ansammlung, Vorbereitung, Sehen, Meditation und Nicht-Mehr-Lernen geschieht hier in einem einzigen Leben. Dafür braucht es jedoch eine hohe spirituelle Reife und Hingabe. Wie der Drikung Kyobpa Jigten Sumgön in seinem Vier-Körper-Guru-Yoga zum 5-fachen Pfad zur Mahamudra sagt:„Wenn die Sonne der Hingabe nicht auf die Schneeberge scheint, dann wird sich der Segensstrom nicht ergießen.“ Doch die spirituelle Intimität zwischen Lehrer und Schüler ist nicht immer fehlerfrei.
Um bereits bei der Ermächtigung Befreiung zu erlangen, braucht es eine entsprechende Hingabe in der Sicht. Wir müssen dabei die Hingabe haben, den Lehrer als Buddha zu sehen und nicht als gewöhnliches Wesen. Doch wie sehen manche ihre Lehrer? Hat der Lehrer ein gewisses Ansehen oder ist einer der Superstars in der Dharma-Szene, dann lässt sich vielleicht leichter diese Hingabe aufbringen. Doch darin liegt auch eine Gefahr. Wir erzeugen sehr leicht eine Vorstellung davon, wie der Lehrer zu sein hätte, wie er sich zu verhalten hätte usw. Der Lehrer isst Fleisch? Der Lehrer trinkt Alkohol? Wie unbuddhistisch, denkt sich dann mancher, und merkt vor lauter Vorurteilen nicht, dass er selbst nur jemanden zum Anbeten möchte.
Ist der Lehrer jedoch nicht berühmt, vielleicht kaum einflussreich, arm und hat vielleicht auch ein etwas schroffes, direktes Auftreten, dann wird diese Hingabe in der Sicht sehr leicht auf die Probe gestellt. Andererseits sind es genau diese Lehrer, die den Konzepten der Schüler ein Ende bereiten und sie für den Dharma wirklich öffnen können. Jedoch auch diese oberflächliche Sicht, wo ein bestimmtes ruppiges Verhalten als yogische Aktivität interpretiert wird, ist wenig hilfreich. Man kann auch hier in die Irre laufen.
Meist beurteilen wir oberflächliche Erscheinungen und meinen, damit wäre Tiefgründiges erfasst. Wir erschaffen uns zuerst ein Bild von einem Lehrer und erst dann entwickeln wir Hingabe. Das ist falsch, weil die Hingabe nicht bedingungslos und eben überweltlich ist, sondern sich auf jene gewöhnlichen Auffassungen stützt, mit denen man den Daseinskreislauf erzeugt. Wir realisieren so nicht die Natur des Geistes, sondern pflegen Religion und Kult. Vielmehr sollte man die reine Wahrnehmung entwickeln, jegliche Handlungen des Gurus als Buddha-Aktivitäten zu betrachten. Erst dann sind wir in der Lage, die Natur des Geistes zu verstehen.

Natur des Geistes

Die Natur des Geistes hat zwei Aspekte – den Leerheitsaspekt und den Klarheitsaspekt. Diese beiden Aspekte werden durch „Guru“ dargestellt.
Im Rahmen eines äußerlichen Verständnisses wird Guru Rinpoche eben als historische Person bzw. eben der ermächtigende Lehrer als gegenwärtige Verkörperung von Guru Rinpoche betrachtet. Wenn man die spirituellen Biografien der Schüler von Guru Rinpoche liest, kann man deren Hingabe erkennen und ermessen, welche Inspiration dieser für sie war. Ihre spirituellen Errungenschaften bringen dann eben das Resultat ihrer Sicht und Hingabe zum Ausdruck. Betrachten wir hier nun die innere und geheime Ebene.
Wie bereits erwähnt, steht „Guru“ für die Natur des Geistes, eben die Buddha-Natur. Aus der Sicht des Madhyamika wird dies als „Leersein frei von Ausschmückungen“ bezeichnet. In Uttaratantra betrachtet man dies als Buddha-Natur, in der Literatur des Prajnaparamita als „Höchstes Erkennen“ und im Vajrayana offenbart sich dies als Guru Rinpoche, Samantabhadra, Vajradhara, Vajrasattva etc. Alle diese Begriffe verweisen auf dieselbe Sache, nämlich die Natur des Geistes – die Natur des Erkennens.
smoke-1287284_1920Wenn man Guru-Yoga praktiziert, dann empfängt man am Ende der Praxis die vier Ermächtigungen oder in einer anderen Praxisvariante werden die drei gewöhnlichen Tore von Körper, Rede und Geist in die des Gurus übertragen und ihre Untrennbarkeit realisiert. Man ruht einige Zeit in diesem natürlichen Zustand frei von Ausschmückung und betrachtet diesen Zustand. Bei diesem „Betrachten“ erwarten dann einige, dass irgendwelche Wunder geschehen oder sich Lichterscheinungen zeigen. Manche meinen, ein Nichts in Gestalt eines schwarzen Flecks im Sichtfeld zu sehen oder sie sehen Klarheit. All das ist jedoch unbrauchbar und von Erwartungen und Vorstellungen gesteuert. Die leere Natur des Geistes offenbart sich in einem Fehlen von Dauerhaftigkeit, zeigt sich durch Veränderung, es herrscht eben nicht immer ein bestimmtes Erkennen vor. Das klar-deutliche Erscheinen dieser Natur zeigt sich durch die illusionsgleichen Phänomene, die, weil leer von sich selbst, durch Wechselseitigkeit und Bedingtheit auftreten. Dafür verantwortlich ist eben die schöpferische Kraft, die der Natur des Geistes innewohnt.

Am Ende des Lebens

An dem für uns alle unvermeidlichen Übergang am Ende des Lebens, haben wir drei Möglichkeiten, Befreiung an dieser Stelle zu erlangen. Wenn wir die Sicht von Leersein und Klarheit verstanden haben, dann können wir im Bardo des Todes (tib., ‚chi kha’i bar do) das Klar-Licht realisieren und Befreiung erlangen. Die Phänomene des Bardos der Dharmata (tib., chos nyid bar do) erscheinen als die 100 Friedvollen und Zornvollen und sind Projektionen des eigenen Geistes.
„Kye ma! – Da mir nun der Zwischenzustand des Sterbens dämmert, will ich jegliches Anhaften, Greifen und Sehnen aufgeben, will nicht abgelenkt ins klare Verstehen der mündlichen Unterweisungen eintreten und mein Selbstgewahrsein in die Sphäre des ungeborenen Raumes wandeln. Da ich nun diesen zusammengesetzten Körper aus Fleisch und Blut verlasse, will ich ihn als unbeständige Illusion erkennen.
Kye ma! – Da mir nun der Zwischenzustand der Dharmata dämmert, will ich alle Wahrnehmungen von Furcht und Panik loslassen, mich daran erinnernd, alles was erscheint, ist die natürliche Manifestation meines eigenen Gewahrseins und der Weg, wie der Zwischenzustand sich offenbart. In diesem entscheidenden Moment will ich die Versammlung der Friedvollen und Grimmigen als meine eigenen Projektionen nicht fürchten.“
Doch dafür benötigt es eine intensive Praxis. Leichter ist es, wenn man die Praxis der zwei Stufen mit der Meditationsgottheit vollendet hat. Doch am leichtesten ist es, durch die Hingabe an den Guru sich an die eigene Natur des Geistes zu erinnern. Alle diese drei Aspekte von Guru, Sicht und Meditationsgottheit sind im Grunde ungetrennt. Sie stellen einfach verschiedene Ebenen von Verständnis und Praxis aufgrund der individuellen Geistesfähigkeiten dar.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. September 2016

Dzogchen in 4 Sitzungen

mountain-656783_1920Als nächstes gibt es zwei Arten um sicherzustellen, dass die Praxis auf dem richtigen Weg ist. Zuerst wird über die Übung in vier Sitzungen für jene, die mit Ausschmückungen praktizieren, in der „Klaren Weite“ gesagt:
Die Art um sicherzugehen, dass die Praxis des Tugendhaften auf dem richtigen Weg ist, ist das Üben in vier Sitzungen.
Daher meditiert man während der ersten Phase bei Tagesanbruch auf das Guru-Yoga.
In der zweiten Phase bewahre Trekchö und in der abschließenden Phase meditiert man auf Wonne-Leerheit und die zornvolle Weisheit.
Von der Dämmerung bis Sonnenaufgang rezitiere tägliche Sadhanas, Gebete usw. und vom Morgen bis zu Mittag praktiziere Tögal.
Am späten Nachmittag führe Niederwerfungen aus und andere heilsame Aktivitäten. Am Abend praktiziere wiederum Tögal.
In der Nacht opfere einen Torma und halte die Winde. Während der ersten Phase des Sonnenuntergangs meditiere auf Vergänglichkeit und in der zweiten Phase praktiziere die Rezitation der Erzeugungs- und Vollendungsstufe. Bei der Sitzung spät abends vermische den Schlaf mit dem angeborenen Klar-Licht.
Auf alle Fälle beginne jede Sitzung mit dem Erzeugen von Bodhicitta, während in der tatsächlichen Praxis nicht-begriffliches Gewahrsein bewahrt wird. Zum Abschluss beende jede Sitzung mit der Widmung des Verdienstes und mit Wunschgebeten. Dies ist bekannt als „Praxis vereint mit den drei Stufen“. Diese [drei Stufen] sind unerlässlich.

Aus dem Dzogchen-Handbuch „Yeshe Lama“ von Jigme Lingpa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2016)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. September 2016

Zweck des Lebens? Falsche Frage!

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Von Dzongsar Khyentse Rinpoche

Oft fragen die Leute, was ist der Zweck des Lebens. Ich glaube, dass dies eine falsche Frage ist, wenn man sie einen Buddhisten so stellt. Stattdessen sollte man fragen, was ist Leben überhaupt? Ein großer Zen-Meister sagte einst, den Buddhismus zu studieren, ist sich selbst zu studieren. Und sich selbst zu studieren, ist zu erkennen, dass es ein Selbst so nicht gibt. Und das ist es kurz und bündig gesagt. Ich hoffe, dass ihr durch meine kurze Einführung einen flüchtigen Eindruck bekommt, was aus buddhistischer Perspektive Leben ist.
Ist es ein Mysterium? Absolut nicht! Es ist so ziemlich direkt. Wenn ihr beispielsweise jemandem die Hand schüttelt, dann sagt ihr: „Ich möchte dir die Hand schütteln.“ Und dann schüttelt ihr die Hand. Aber ihr meint dann in diesem Rahmen nicht, ich möchte deinen Schweiß berühren, ich möchte deine Haut berühren und die Knochen… Ihr seht also, wir denken in diesem Rahmen dabei nicht in Teilen, sondern in einer gesamten Einheit. Das ist aber Unwissenheit.

Hände schütteln

Und wenn wir dann unsere Hand ansehen, dann glauben wir, das ist dieselbe Hand, die ich gestern schon hatte. Ja? Alle glauben, das ist die gleiche Hand wie gestern und das wird auch dieselbe Hand in Zukunft sein. Also morgen oder im nächsten Moment. Aber das ist nicht der Fall. Die Hand verändert sich immer und immer. Diese kostbare Hand ist auch in der Umklammerung des Yama – dem Herrn der Zeit. Und das macht Sinn. Weil wenn eure Hand nicht der Zeit unterworfen wäre, dann würdet ihr keine Feuchtigkeitscreme benötigen. Weil ihr aber Feuchtigkeitscremes verwendet, beweist das, dass sie sich verändert und wird sie schlechter, sie verfällt, bekommt Falten, dann zerfällt sie schließlich und fällt auseinander. Aber die ganze Zeit über ist eine verborgene Annahme, dass dies dieselbe Hand ist, die schon 20 Jahre lang hatte. Wenn wir von Unwissenheit reden, dann sprechen wir da nicht über etwas Außergewöhnliches, etwas Geheimnisvolles, nichts Mythisches. Wir sprechen da von einem grundlegenden Nichterkennen der Wahrheit unserer Existenz. Die Hand ist einfach ein Beispiel, aber jede Situation, unsere Gefühle, unsere Beziehung, unsere Wertigkeiten. Dinge, die wir heute wertschätzen, tun wir dann morgen nicht würdigen. Wenn ich da einen großen indischen, einen bengalischen Meister etwas abwandle, Atisha Dipamkara sagte: „Unsere Wertschätzung verändert sich die ganze Zeit. Wenn wir Kinder sind, schätzen wir unsere Spielsachen wert. Wenn uns zu dieser Zeit jemand die Puppen, die Spielsachen kaputtmacht, dann werden wir verrückt. Heute aber haben wir diesen Dingen entsagt, wir sind gewissermaßen ein Sannyasin geworden. Wir haben nun ein besseres Spielzeug bekommen. Naja, zumindest einige von uns. Wir haben nun ein neues Spielzeug. Es ist egal, was es ist. Schnelle Autos, Smartphones. Wenn wir dann aber 80 oder 90 Jahre alt sind, dann kümmern uns diese Sachen wieder nicht mehr. Vielleicht ist es dann ein Tischtuch, vielleicht ein Salzstreuer, vielleicht ein Gehstock. Ich hab keine Ahnung, aber jedenfalls davon. So ändern sich unsere Wertigkeiten.

Veränderlichkeit

Alles verändert sich. Die ganze Zeit kapieren wir das nicht. Und das wird vom Schwein dargestellt. Das Schwein ist ein sehr wichtiges Symbol in dem ganzen Ding. Und das Schwein ist auch die Quelle von Zeit und Raum. Weil aufgrund von Unwissenheit, aufgrund eurer Mutmaßung gibt es Raum und Zeit. So würden Buddhisten das interpretieren. Und wenn man nun das Schwein hat, die Unwissenheit, dann hat man auch zwei andere Emotionen. Grob gesagt, Hoffnung und Furcht.
Hoffnung wird, nun ja, wie soll ich’s sagen,… wenn Hoffnung stärker und schöpferischer wird, und wenn Hoffnung bestimmter wird, dann wird Hoffnung zu dem, was man Gier nennt, Begierde, Verlangen, Anhaftung, was üblicherweise vom Vogel dargestellt wird, vom Hahn, von dem man annimmt, dass er unersättlich ist. Ich weiß nicht warum, aber vor 2.500 Jahren haben die Buddhisten entschieden, dass der Hahn unersättlich ist.
Und dann die Furcht. Wenn die Angst unkontrollierbar wird, wenn die Furcht wirklich groß wird, dann wird die Furcht zur Aggression. Diese Aggression wird durch die Schlange dargestellt. Paranoid, panisch, immer Dinge behaupten. Also diese drei, Unwissenheit, Verlangen und Ärger sind eine Art allmächtiger Schöpfer von all diesen Wahrnehmungen, die wir Leben nennen.

Von Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. September 2016

Tsimara – der rote Elementdämon

tsimaraDie Dralha (tib., dgra lha) – manchmal auch als Drala (tib., sgra bla) bezeichnet – oder auch Kriegergötter werden in der indisch-tibetischen Überlieferung des Buddhadharma als Schutzwesen angesehen. Es sind Elementwesen, die sich der menschlichen Wahrnehmung entziehen.
Gewöhnlich werden sie als Krieger auf Pferden reitend, in Rüstungen und mit Waffen in den Händen dargestellt. Ihr innerer Aspekt korrespondiert mit dem subtilen Energiesystem des Körpers und der geheime Aspekt mit der Natur des Geistes. Die bekanntesten Figuren dabei sind König Gesar, Tsi’u Marpo, Dorje Setrab und Tshangpa.
Ihr Name verweist dabei auf zwei Aspekte, die mit Energie und Klang zu tun haben. Einerseits ist diese Klasse der Wesen mit der Lebensenergie (tib., bla) verbunden und stärkt unsere subtile Energie, wodurch wir unverwundbar gegenüber Feinden werden. Andererseits hat diese Wesenklasse mit einer natürlichen Kraft zu tun, die einen in der Erscheinungswelt handeln lässt und mit unserem reinen Gewahrsein verbunden ist. Frühe Quellen verweisen auch darauf, dass diese Wesenklasse mit dem Klang verbunden ist, weshalb auch Gebete wie die Anrufung an das Windpferd laut durchgeführt werden sollte, weil dadurch der Fluss der Windenergie in unseren Energiekanälen gesteuert wird.

Tsi’u Marpo – der rote Tsen

Tsi’u Marpo, oft auch Tsemara oder Tsimara genannt, wurde der Nachfolger des Pehar als Schützer von Samye. Tsi’u Marpo wurde von Guru Rinpoche gezähmt und zum Schützer erhoben – indem der Lotus-Geborene die Form des Hayagriva annahm. Aus diesem Grund geht auch heute noch der Einweihung des Tsi’u Marpo stets die Einweihung des Hayagriva voraus.

Geschichte des roten Tsen

Gemäß dem „Roten Razierklingen Tantra“ wurde das Wesen, das später zum Beschützer Tsi’u Marpo wurde, während der Zeit von Buddha Kashyapa geboren. Ursprünglich war Tsimara ein Prinz aus Khotan, namens Chorwa. Dieser hatte großes Vertrauen in den Buddhadharma und nahm die monastische Ordination. Als der Mönch Chorwa eines Tages allein im Wald meditierte, badete die Tochter des örtlichen Königs in der Nähe, als sie von einer giftigen Schlange gebissen wurde. Chorwa konnte ihr Leben retten, indem er ihr ein Gegenmittel verabreichte. Aber als zwei dem König übelgesinnte Minister dies sahen, verbreiteten sie das Gerücht, dass der Mönch und die Prinzessin Sex miteinander hätten. Der König war außer sich vor Wut und schickte Männer, um den Mönch zu töten. Die Prinzessin versuchte ihm dies auszureden, indem sie ihm die wahre Geschichte erzählte. Aber der König hörte nicht darauf und aus Protest schwor sie, in Zukunft als feindliche Schwester des Mönchs wiedergeboren zu werden. Dann beging sie Selbstmord und stürzte sie sich über die Klippen in den Abgrund. Chorwa war mittlerweile in die Berge des Himalaya geflohen und sein Geist war ganz niedergedrückt und voll böser Absichten. Schließlich aber fanden ihn die Heerscharen des Königs und töteten ihn, indem sie ihn aufspießten. Bevor er jedoch starb, schwor der Mönch, als Tsen-Dämon und als „Mörder aller Wesen“ wiedergeboren zu werden. Um sich zu rächen, nahm er die äußerst zornvolle Form des Tsi’u Marpo an.
Dann schlüpfte er aus dem Ei, das aus der Vereinigung der Gottheit Legpa, dem König der Mu-Dämonen und einem weiblichen Tsen, der Dong Marma (tib., gdong dmar ma) entstanden war. Als er dann geboren wurde, wuchsen in seinem Körper sechs andere Tsen-Dämonen heran. Daher werden öfters mal sieben Tsen-Brüder gezählt: 1) Tsi’u Marpo; 2) Dü-Tsen (tib., bdud btsan), der „Dämonen-Tsen“ in seinem Kopf; 3) Lha-Tsen (tib., lha btsan), der „ göttliche Tsen-Dämon“ in seinen Knochen; 4) Drag-Tsen (tib., brag btsan), der „mächtige Felsdämon“ in seiner Körperwärme; 5) Drib-Tsen (tib., grib bstan), der „verschleiernde Tsen-Dämon“ in seinem Blut; 6) Lu-Tsen (tib., klu bstan), der „mächtige Schlangendämon“ in seinem Urin; und 7) Dri-Tsen (tib., gri bstan), der „mächtige marschierende Dämon“ in seinem verkommenen und verrotteten Fleischgewändern. Zusammen sind das also die sieben Tsen-Brüder.
Schließlich wurde Tsi’u Marpo zusammen mit seinen Brüdern von Guru Rinpoche überwunden und als Schützer der Lehre vereidigt.

Erscheinung und Dienstbarkeit des roten Tsen-Dämonen

Der rote Tsen-Dämon Tsi’u Marpo ist ein berühmter Schützer geworden und der Anführer der Dralha, der Kriegergötter. Tsi’u Marpo trägt ein rotes Seidenbanner in seiner rechten Hand und eine Schlinge in seiner linken, mit denen er den Lebensatem der Feinde einfängt. Er reitet auf einem schwarzen Pferd, das weiße Hufe bzw. Beine hat und er trägt einen Lederhelm, der mit Geierfedern geschmückt ist.
Gewöhnlich wird Tsi’u Marpo als Beschützer von Samye angesehen und tritt daher mit Pehar gemeinsam auf. Er ist aber auch der Beschützer des westlichen Bereichs. Ist der Schützer einem wohl gesonnen, erscheint er als Mönch, hat man aber seine Damtsig verletzt, so erscheint er als roter Hund. Besonders beeindruckend sind die Zeichen in einem Mindroling-Kloster, wo sich die Anwesenheit von Tsi’u Marpo nach längerem Praktizieren in Gestallt eines Pferdehufs am Altar manifestiert.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 18. September 2016

Spiegelschau – die Divinationspraxis der Dorje Yudrönma

Dorje Yudrönma ist eine der zwölf Tenma (tib., bstan ma). Die Tenma-Göttinnen sind zwölf Erdmütter oder Lokalgottheiten von Tibet. Manchmal wird Yudrönma als das Oberhaupt der Tenmas betrachtet. Andere Quellen sehen sie als Emanation von Ekajati an. Dorje Yudrönma ist wegen der Spiegelschau berühmt.
Häufig wird sie mit weißem Körper, weißer Kleidung und türkisem Kopfschmuck beschrieben. In verschiedenen Quellen beschreiben sie mit unterschiedlichen Handsymbolen. Häufig trägt sie in der rechten Hand eine Juwelenschatulle einen Langlebenspfeil mit Spiegel zur Divination in der linken. Sie ist mit Türkisen, Gold und Blumen geschmückt.

Spiegelschau

soothsayer-1472635_1920Eine Spiegelschau der Dorje Yudrönma sollte an einem ruhigen und friedlichen Ort durchgeführt werden. Der Spiegel wird dabei in einen mit Getreide gefüllten Behälter gestellt, wobei man ihn auf einen sauberen Filz legt. Die wahrsagende Person sprenkelt dann Sindura-Pulver (Zinnober) darüber und rezitiert die Mantras für das Ritual.
Vor den Spiegel stellt man einen kleinen Kristall-Stupa oder einen Kristall und an der Rückseite wird eine fünffarbige Flagge, die die fünf Buddha-Familien darstellt, an einen Pfeil geheftet. Zur rechten Seite wird ein mit Butterornamenten verzierter Torma gestellt und zur linken wird ein roter Torma für das Ritual platziert. Darum herum stellt man Trankopfer (Serkyem), Schalen mit geröstetem Getreidemehl vermischt mit Butter, Räucherwerk und verschiedene Arten von Holz.
Vor sich selbst stellt die wahrsagende Person dann Vajra, Glocke und Damaru, etwas Getreide und Sindura-Pulver, um dies in das Trankopfer zu streuen, sowie einen Pfeil, auf den ein weißer Seidenschal gebunden ist. Dann erschafft sich die wahrsagende Person als Gottheit und führt die grundlegenden Praktiken für das Ritual durch, um Hindernisse zu beseitigen.

Yudrönma – Praxis

dorje-yudronmaDarauf folgen die Anrufungen und die Einladung der Dorje Yudrönma, eine der Hauptschützerinnen von Tibet, die einen Pfeil mit fünffarbigen Seidenbändern in ihrer rechten Hand und einen weißen Silberspiegel in ihrer linken hält. Die wahrsagende Person ersucht dann die Gottheit, eine korrekte Antwort auf die gestellten Fragen zu geben.
Die Spiegelschau selbst wird jedoch nicht von der wahrsagenden Person, sondern von einem kleinen Kind, das nicht älter als 15 Jahre ist, durchgeführt. Das Kind muss dabei sauber gewaschen und gut gekleidet sein. Es sitzt dabei auf einem Kissen, unter dem eine Swastika als Symbol für Stabilität gezeichnet wurde. Das Kind wird dann gebeten, einen Stein aufzuheben, diesen in ein rotes Stoffstück zu wickeln und diesen unter sein Knie zu legen und dann den orangefarbenen Trank zu trinken. Gesegnete Ohren aus Getreide werden auf den Kopf des Kindes gelegt, um den ein Turban gewickelt ist.

Divination

Der Wahrsager reinigt dann den Spiegel und entzündet die Butterlampe. Das Kind blickt in den Spiegel und abhängig von der Art der Divination, die erbeten wurde, sieht es entweder Bilder wie in einem Film oder Buchstaben. Buchstaben erfordern niedergeschriebene Fragen, die der befragenden Person, dem Wahrsager gegeben wurde. Das Kind beschreibt dann die Visionen dem Wahrsager, der diese in Bezug zur zuvor gestellten Frage interpretiert und erklärt. Das Kind selbst hat jedoch keine Ahnung von der gestellten Frage und die wahrsagende Person sieht auch nicht in den Spiegel. Allerdings haben sie eine ergänzende und wechselseitige Abhängigkeit bei dieser Art der Befragung. Die Gabe des Kindes, die Spiegelschau durchzuführen, verschwindet mit der Pubertät und daher wird die wahrsagende Person ein anderes Kind zu anderen Zeiten benötigen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. September 2016

Mit Shine kommt Geduld

buddha-1612745_1920.jpgDurch Shine entwickelt ihr Duldsamkeit. Das ist eine weitere Sache, die sehr wichtig ist – Geduld. Es ist in Tibet allgemein bekannt, wenn man Shine macht, dass man lernt, geduldig zu sein und die Gedanken bewegen lässt. In Tibet wird jenen Leuten gesagt, die sehr rauh und leicht zu verärgern sind, die leicht reizbar sind, dass sie Shine von einem gebildeten Lama praktizieren sollen. Eine solche Sache geschah einem Khampa, der sehr gewalttätig war. Also schickte seine Frau ihn zum Guru und bat ihn, ihren Gatten Shine zu lehren. Also lehrte dann der Guru dem Khampa Shine und gab ihm die verschiedenen Anweisungen. Dieser Khampa hatte einen Sohn, einen ungezogenen kleinen Buben. Dieser Bub hörte, dass sein Vater nun Meditation erlernte. Eines Tages ging er in das Zimmer und sah seinen Vater meditieren, also hüpfte er vor ihm hin und her. Der Vater blieb in der Meditation und dachte: „Geduld, Geduld, das hat mir der Guru gesagt.“ Aber der Sohn hüpfte weiter vor ihm hin und her. Dann gab der Vater auf und fing ihn ein und verprügelte ihn. Nachher sagte er: „Ach du meine Güte, das war’s dann wohl mit Shine!“
Er konnte es einfach nicht mehr ertragen. Wir sollten es nicht genauso machen. Geduld heißt wirklich Geduld, das ist es. Ein Teil des Shine ist Geduld. Überstürzt euch nicht mit den Gedanken, handelt nicht überstürzt, haltet die Gedanken nicht sofort auf, lasst dem Denken immer ein wenig Raum für Veränderung. Die meiste Zeit über erfordert es ein wenig Geduld bevor sich Dinge verändern. Wir lassen uns oft nicht die Zeit für Veränderung – das ist euer Problem. Sogar wenn jemand etwas Strenges und Negatives zu euch sagt, wenn ihr euch ein wenig zurückhaltet, dann wird es sich verändern. Es wird sich verändern, weil es ein Phänomen ist, das aus der Leerheit kommt und sich verändern wird. Es gibt keine Notwendigkeit, die Gedanken sofort zu verankern. Lasst der Weisheit immer ein wenig Zeit um sich durchzusetzen. Weisheit wird sich nicht durchsetzen, wenn ihr sofort an der Sache festhaltet. Auf diese Weise wird sie sich nicht obsiegen, stimmt’s? Wenn euch also jemand um etwas bittet, antwortet nicht sofort. Nehmt euch etwas Zeit. Dann wird eure Antwort anders sein. Eure Antwort wird nicht dieselbe sein. Ihr werdet eine weisere Antwort haben, als wie wenn ihr normalerweise antworten würdet. Lasst euch etwas Zeit.

Aus den Belehrungen von Lama Shenphen Dawa Rinpoche zu Sicht, Meditation und Verhalten. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) zum Nutzen der Praktizierenden.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. September 2016

Zeichen des Fortschritts

meditation-1287207_1920.jpgSchnörkellos, einfach, bescheiden und robust

Das Zeichen guter Meditierender ist, dass sie schnörkellos, einfach und bescheiden sind. Sie sind nicht gierig und sie greifen nicht nach Dingen, so wie viele es tun. Meditation ist dazu gedacht, den Stoff des Geistes weich zu machen, so wie Butter es macht, wenn sie auf steifes Leder gebracht wird. Eine herausragende Qualität des Geistes von solchen Meditierenden ist, dass er oder sie in der Lage ist, Schmerz auf sich zu nehmen. Was immer auf einen geschleudert wird, man ist fähig, es aufzunehmen, ohne zu vergelten. Das ist deshalb, weil man zu verstehen beginnt, dass alles aus dem Geist kommt, der hinsichtlich der Phänomene völlig verwirrt ist, also gibt es keinen Grund, Raum für irgendetwas zu lassen, das erscheint.

Passt auf

Seid sehr achtsam mit den Worten, die aus eurem Mund kommen und den Taten eures Körpers. Wir müssen sorgsam sein und diese mit Respekt hüten. Das Üben betreffend der post-meditativen Handlungen ist wirklich dazu da, damit ihr fähig seid, völlig Kontrolle über euch zu haben. Jede Emotion, die aufkommt, jagt ihr nicht nach. Stattdessen solltet ihr fähig sein, euch selbst für drei Tage zu beherrschen, bevor ihr darauf reagiert. Dann werdet ihr dauerhaftes Glück finden und Freude wird wirklich entstehen.

Alles durchdringendes Mitgefühl

Das Mitgefühl, das ihr habt, sollte sowohl relativ wie auch absolut sein. Mitgefühl im ersten Sinne ist grundlegend der Respekt für andere. Absolutes Mitgefühl ist das Wissen, dass alle Wesen die Essenz des Tathagatgarba haben. Relatives Bodhicitta ist die Beachtung dieser Tatsache. Relatives Bodhicitta bezieht sich auf die Praxis, die die Theorie und Anwendung ist. Bewahrt beständiges Gewahrsein die ganze Zeit über aufrecht. Gewahrsein ist der Schlüssel – „dranpa“ auf Tibetisch.
Da gibt es keine Notwendigkeit, daran zu denken. Es sollte gleichzeitig, spontan und gutgehend in eurem Gewahrsein sein. Lest die Leben der großen Heiligen. Das sind wichtige Materialien, die euch mehr Kraft geben. Ich ermutige euch, die verschiedenen Lebensgeschichten der unterschiedlichsten Lehrer zu lesen.

Zusammengefasst

Praktiziert die drei Konzentrationen bis ihr ein festes Verständnis darüber habt, wie sich Gedanken bewegen. Das ist sehr wichtig bei Shine. Ihr müsst das festnageln, bevor Shine selbst sich verwurzeln wird. Wenn ihr eine gute Grundlage habt, dann wird das Dach nicht zusammenbrechen. Ihr müsst den Boden entsprechend aufbereiten. Es gibt drei Schritte, die zu kultivieren sind, bevor ihr die Frucht der Verwirklichung von Shine erlangt. Dann werdet ihr in der Lage sein, euch zu entspannen und wissen, wie Gedanken sich bilden.
Schaut auf eure Gesundheit. Eure Flügel müssen kräftig sein. Meditation erfordert, dass ihr in einem guten Gesundheitszustand seid. Weiters könnt ihr nicht meditieren, wenn ihr traurig oder gekränkt seid.

Aus den Belehrungen von Lama Shenphen Dawa Rinpoche zu Sicht, Meditation und Verhalten. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) zum Nutzen der Praktizierenden.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. September 2016

Karma ist unfehlbar

buddha-993855_1920Alle negativen Dinge, die ihr in den vergangenen Leben begangen habt, glaubt ihr, die werden kein Resultat haben oder nicht in Erfüllung gehen? Glaubt ihr, dass sie einfach verschwinden werden, dass es keine Auswirkungen geben wird, wenn ihr den Dzogchen-Geist verstanden habt. Es gibt Konsequenzen aus euren früheren Taten. Karma ist unfehlbar. Buddha hat es gesagt, wie könnte es also nicht sein?
Als Buddha erleuchtet war und nach Varanasi ging, um zu lehren, stach ein Dorn in seinen Fuß. Ananda und Shariputra waren beunruhigt und sagten: „Herr, Ihr seid der Herr der Herrn. Als Ihr Eure Hand gehoben habt, sind alle himmlischen Götter und Göttinnen herbeigeeilt, um zu dienen. Ihr seid vollständig erleuchtet, wie kann es nun sein, dass ein kleiner Dorn durch Euren Fuß sticht und Euch bluten lässt, Herr?“ Und als der Buddha dann seinen Fuß ansah und sagte: „Ja, das ist eine Vergeltung für mein Karma, dass ich durchleben muss. Zu einer Zeit in einem früheren Leben trat ich unwissentlich auf eine Ameise und sie starb. Dieser Dorn, der meinen Fuß gestochen hat, ist das Karma, das ich dabei besitze, weil ich die Ameise getötet habe. Das ist die Folge davon.“
Wenn nun der Buddha für sein Karma bezahlen muss, ist es dann noch notwendig, über die Notwendigkeit des Zurückzahlens unseres eigenen Karmas zu sprechen? Daher seid sehr achtsam hinsichtlich der Folgen eurer Handlungen, seid sorgsam. Ein guter Praktizierender wird Karma verursachende Handlungen reduzieren. Das ist wichtig, so viel wie möglich Karma, Ursache und Auswirkung zu reduzieren.

Aus den Belehrungen von Lama Shenphen Dawa Rinpoche zu Sicht, Meditation und Verhalten. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus) zum Nutzen der Praktizierenden.

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