Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Januar 2016

Grundlagen der tantrischen Meditation

nepal-771781_1920Obwohl man durchaus den Eindruck bekommt, dass die Welt in einem argen Zustand ist und auch in den kommenden Jahre in Europa schwierige Zeiten zu erwarten sind, sind unsere Lebensumstände verglichen mit anderen Weltgegenden und Daseinsbereichen ein Götterhimmel mit all seinen Vorzügen. Wie es einem ergeht, hängt ausschließlich von einem selbst ab. Die eigenen Motivationen und Taten müssen auf bestimmte Bedingungen treffen, damit sie zur Reife gelangen und sich als Glück oder Leid manifestieren. Dies wird im Buddhadharma als das „unausweichliche Gesetz von Ursache und Wirkung“ – Karma – bezeichnet. Glück erwächst aus einer Geisteshaltung der liebenden Güte, des Mitgefühls, der Mitfreude usw. Und alles Unheil und alle Qual, der man sich ausgesetzt fühlt, ist das Ergebnis einer Geisteshaltung, die unter dem Einfluss von Hass, Gier, Missgunst, Stolz oder Ignoranz steht. Daher liegt es an uns selbst, darauf zu achten, ob wir unser Herz in eine Mördergrube verwandeln oder ob wir in der Lage sind, leidbringende Geisteszustände aufzugeben und heilsame Zustände zu fördern.

Ein ewig unreifes Ego

Die primäre Ursache dafür, dass wir uns immer wieder mit denselben leidvollen Zuständen herumquälen liegt einfach darin, dass wir ein bestimmtes Selbstbild fixiert halten. Wir halten an einer Ich-Vorstellung fest, die aufgrund der Selbstbezogenheit und dem Verwirklichen der eigennützigen Ziele einfach unreif und selbstmitleidig ist. So erschaffen wir eine endlose Abfolge an mehr oder weniger redundanten Erfahrungen, die bloß ein Ziel verfolgen, ein gleichbleibendes Ich-Erleben zu konstruieren und am Laufen zu halten.
Sind wir in der Lage, die eigenen Vorzüge, geschenkten Freiheiten und Möglichkeiten zu erkennen und als förderliche Qualitäten wertzuschätzen, gelangen wir zu ein wenig mehr Freisein von quälenden Geisteszuständen und den damit verbundenen Handlungen.

Freisein von Qual

Wie kann man nun diese Freiheit erlangen? Buddha Shakyamuni hat ja wiederholt darauf hingewiesen, dass dieses Festhalten an „ich“ und „mein“ die Quelle aller Kränkung ist. Wenn man nun den eigenen Horizont erweitert und von den selbstbezogenen Zielen ablässt und sich dem Nutzen der anderen zuwendet, erleichtert dies bereits vieles. Das Denken kreist nicht mehr so um einen selbst und man sieht, dass andere auch von vielen Lebenserfahrungen betroffen sind. Untersucht man ferner, wie dieses Ich zustande kommt, gelangt man zur Erkenntnis, dass es sich im Grunde um ein kalaidoskopartiges Schauspiel mehrerer Erlebnishaufen handelt. Ein Ich ist niemals vorhanden, sondern entsteht aus einem Greifen nach und Festhalten von geistigen und körperlichen Erlebnissen. Und durch die tantrische Meditationspraxis kann man sich nicht nur von diesem Greifen und Klammern befreien, sondern man kann diesen Vorgang auch noch nutzbringend verwandeln, indem man durch die Praxis eine reine Sicht der Phänomene – der gesamten Manifestation der Erlebnis- und Erscheinungswelt – erlangt.

Ziel einer Einweihung

Dies ist im Grunde auch Ziel und Absicht einer tantrischen Ermächtigung. Man wird in die Lage versetzt, von der gewöhnlichen Vorstellung abzulassen und zu einem reinen Erleben der Manifestation der angeborenen Buddha-Natur zu gelangen. Die alten Sichtweisen auf die körperlichen und geistigen Erlebnishaufen werden bereinigt und man wird in eine neue Sichtweise und in neue Möglichkeiten des Selbst- und Welterlebens ermächtigt. In den Liturgien und Meditationstexten liest sich das dann immer als „alle Erscheinungen sind Gottheit und Mandala, alle Klänge sind Mantra und alle geistigen Vorgänge sind der Ausdruck der Natur des Geistes“. Klar, das ist gleich einmal so dahergeredet, aber man kann es auch durch beständige Praxis als erlebte Wahrheit realisieren.

So, das war’s vorerst als Einstimmung. Das nächste Mal werde ich euch etwas über Buddha-Erscheinungen in der Welt erzählen. Also dranbleiben!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Januar 2016

Die acht glückverheißenden Symbole

Im Buddhismus findet man ja eine Menge Symbole. Die häufigsten sind wohl die acht glückverheißenden Symbole. Im alten Indien wurden diese Symbole auch als königliche Symbole und wurden bei besonderen Zeremonien verwendet. Im Buddhadharma repräsentieren diese Symbole jene Gaben, die Buddha Shakyamuni von den Göttern direkt nach seiner Erleuchtung erhielt.

Die rechtsdrehende weiße Muschel (Skt: shankha; Tib. dung dkar)
MuschelhornDie weiße Muschel, die sich nach rechts dreht, symbolisiert den weitreichenden, melodischen Klang der wahren Lehre. Dieser Klang soll die Wesen vom Schlaf der Unwissenheit erwecken und sie aufrufen, etwas Sinnvolles im eigenen Leben zu vollbringen und nützlich für andere zu sein. Sein Klang soll den Dharma in der Welt verbreiten und dabei helfen, dass sich die Lehre durchsetzt.
Nachdem Buddha Shakyamuni Erleuchtung erlangt hatte, erschien ihm Gott Indra und überreichte ihm die rechtsdrehende weiße Muschel mit der Bitte, er möge den Dharma verkünden.
Durch das Blasen von Muschelhörnern wurde im antiken Indien das Kommen von hochrangigen Persönlichkeiten angekündigt. Muschelhörner wurden als Zeichen der Macht und Herrschaftlich in alten indischen Erzählungen wie dem Mahabharata oder dem Ramayana den Helden gegeben. Mit diesem Klang werden Feinde und böse Geister erschreckt und abgewehrt. Man sagt auch, dass sein Klang in der Lage sei, Naturkatastrophen abzuwenden.

KnotenDer Endlosknoten (Skt: shankha; Tib. dung dkar)
Der Knoten – manchmal auch als glückverheißendes Zeichen genannt – symbolisiert die wechselseitige Verbundenheit aller Aspekte des Daseins. Auch steht er für die Einheit von Mitgefühl und Weisheit. Er ermutigt uns, Größe und menschliche Weisheit durch unser Verständnis in unsere Umgebung zu tragen.

Das Siegesbanner (Skt: dhvaja; Tib. rgyal mtshan)
SiegesbannerDas Siegesbanner wurde aus der Kriegsführung des antiken Indien übertragen und repräsentiert den Triumph über die feindlichen Kräfte in Körper und Geist, die uns davon abhalten, unser vollständiges Potential zu erkennen. Auch führt das Siegesbanner zu einem glücklichen und produktiven Leben. In Tibet steht das Siegesbanner für den Sieg über die Verunreinigungen von Wissen, Weisheit und Mitgefühl.

Rad

 

Das Dharma-Rad (Skt: dharmachakra; Tib. ‚khor lo)
Der Gott Brahma kam und gab ihm das Dharma-Rad. Er äußerte die Bitte, den Dharma zu lehren und so das Rad der Lehre in Bewegung zu setzen.
Das Dharma-Rad ist ein Symbol für die beständige Erhaltung der Lehre und ihre ständige Verbreitung. Auch als „Rad des Gesetzes“ bezeichnet, wird es in Tibet als „Rad der Verwandlung“ angesehen, das alle Hindernisse und Illusionen überwindet.

Der kostbare Schirm (Skt: chhatra; Tib. gdugs)
SchirmDer kostbare Schirm symbolisiert die heilsamen Aktivitäten, andere vor Krankheit und anderen leidvollen Kräften zu schützen, die im Leben auftreten können. Es stellt auch einen Schutz dar, den man durch das Ausführen rechter Handlungen und Weisheit empfängt. Weiters symbolisiert der Schirm den Schutz vor Hitze und Sonne. Der Schatten des Schirms bewahrt nicht nur vor Hitze der Sonne, sondern auch vor der Hitze des leidenschaftlichen Verlangens. Darüber hinaus symbolisiert er auch majestätische Weisheit und Mitgefühl.

FischeDie goldenen Fische (Skt: suvarnamatsya; Tib. gser nya)
Im antiken Indien war der Fisch ein Symbol für die heiligen Flüsse Yamuna und Ganges, die für Glück, Reichtum und Leben standen. Das Symbol der Fische ist so in alle großen spirituellen Traditionen Indiens eingegangen.
Die goldenen Fische symbolisieren unsere Fähigkeit, mit allen Härten umzugehen, ähnlich so wie ein Fisch im Ozean schwimmt, sowie sich frei und spontan von einem Ort zum anderen zu bewegen. Weiters symbolisieren die goldenen Fische auch Glück sowie Reichtum und Fruchtbarkeit.

Die Schatzvase (Skt: nidhana kumbha; Tib. gter gyi bum pa)
VaseVon der Göttin Sthavara – der Göttin der irdischen Schätze – bekam er die Vase mit dem Nektar der Unsterblichkeit und der Schätze. In der tibetischen Dharma-Tradition ist die Schatzvase mit Lotusblüten verziert und mit einem Khata – einem Seidenschal – geschmückt.
Die Schatzvase stellt eine riesige Ansammlung an Weisheit bereit, die wir zur Verfügung haben, wenn wir uns mit den Schwierigkeiten des Alltags abmühen. Weiters steht die Schatzvase auch für langes Leben und Wohlstand.

BlumenDie Lotusblüte(Skt: padma; Tib. pad ma)
Der Lotus wurzelt im Schlamm, doch blüht rein und unbefleckt an der Oberfläche des Gewässers. Diese Qualität steht für die Natur des Geistes, die von allen Befleckungen nicht beeinträchtigt wird. Auch steht der Lotus für die Fähigkeit, schwierige Umstände in förderliche Ergebnisse zu verwandeln.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. Dezember 2015

2015 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Etwa 8.500.000 Menschen besuchen jedes Jahr das Louvre Museum in Paris. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 90.000 mal besucht. Wenn dieser Blog eine Ausstellung im Louvre wäre, würde es etwa ca. 90 – 100 Jahre brauchen um auf die gleiche Anzahl von Besuchern zu kommen.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Dezember 2015

Thröma Nagmo – die zornvolle Schwarze

ThromaThröma Nagmo (Krodha Kali) untrennbar vom Lama ist die grundlegende Praxis, „Ngöndro“ genannt. Sie ist der Nirmanakaya, der Dharmakaya ist Kuntuzangmo (Samantabhadri) und der Sambhogakaya ist Dorje Phagmo (Vajra Varahi). Die Praxis der Thröma Nagmo ist in allen Traditionen des tibetischen Buddhismus berühmt, da sie mit Chöd verbunden ist.

Dudjom Lingpas Zyklus der Thröma Nagmo

Der Thröma-Zyklus von Dudjom Lingpa beinhaltet den vollständigen Pfad zur Befreiung, beginnend mit der grundlegenden Praxis, setzt dann fort mit dem Phowa – der Bewusstseinsübertragung zur Zeit des Todes, führt dann zur Yidam-Praxis, von denen es eine ausführliche – genannt „Die Girlande des Mondlichts“, die mittlere Praxis – genannt „Die Sonne uranfänglicher Weisheit“ – und eine sehr kurze Praxis – genannt „Die Vajra-Essenz“ (Dorje Nyingpo). Die ausführliche sowie die mittellange Praxis des Yidam beinhalten Liniengebete, Guru-Yoga sowie Tshog und sind mit den vier erleuchteten Aktivitäten verbunden, die die volle Bandbreite der Ngakpa-Aktivitäten abdeckt wie Chöd, Changbu-Opferungen, Exorzismus und Vajra-Rüstung, Wasseropfer an die gelbe Thröma, den Schwarzen Dzambhala, an die Nagas, der Opferung des Serkyem – des goldenen Tranks – und Torma – der Zeremonialkuchen an die Dharma-Schützer, das Regenmachen, Führung der Verstorbenen, die Praxis am Leichenplatz zum Einladen der Geier, verschiedene Rauchopfer – Sang (allgemein), Sur (für Bardo-Wesen), Nöl (Reinigung von Gegenständen), Drib (Reinigung von Befleckungen) – und schließlich das Me-Chö – die Feuer-Puja – zum Bereinigen von Befleckungen während eines Retreats. Zusätzlich findet ihr darin auch noch Langlebenspraktiken. Ferner beinhaltet der Zyklus auch den Gipfel des Dzogchen – das Thögal.
Während der vollständigen Ermächtigung – genannt „Die Lapislazuli-Kette“, kombiniert mit „Den Regenwolken der Dharmata“ solltet ihr wirklich aufmerksam aufpassen und die verschiedenen Insignien der Gottheit und für die Ngakpa-Praxis empfangen, weil ihr bekommt alle magischen Gegenstände dort. Darüberhinaus könnt ihr auch noch die sogenannte „Haarermächtigung“ für die Ngakpas getrennt davon empfangen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. Dezember 2015

Bari Lotsawa und die löwenköpfige Dakini

BariLotsawaEinst lebte ein Mann, der als der große Übersetzer Bari von Dringtsam bekannt war. Er war ein Experte des Sutra- und des Mantra-Yana, denn er beherrschte die heilige Sanskrit Sprache aus Indien. Er setzte seine Studien in Nepal bei dem berühmten Meister Tshitherpa fort. Damals forderte er den Tirtika Bhavyaraja zu einem Rede Duell heraus. Mehrere Tage stritten sie erbittert und schließlich gewann der Tirtika. Der Übersetzer betete zu seinem Meister und zur Meditationsgottheit Achala – „Unerschütterlich“, die zornvolle Form, die Shakyamuni angenommen hatte um Mara zu besiegen. Am nächsten Morgen besiegte Bari den Bhavyaraja, der in seiner Wut ausrief: „Durch die Kraft meiner schwarzen Mantras wirst du in sieben Tagen dein Leben verlieren, wenn du nicht zu meiner Lehre konvertierst! Voller Furcht rannte der Übersetzer zu seinem Meister Tshitherpa und berichte ihm den Vorfall. Dieser beruhigte ihn: „Zuerst verlangt er, dass du seine Lehre annimmst, und jetzt sollst du sterben? Mach dich unverzüglich nach Indien zum hochberühmten Meister Vajrasanapa nach Bodhgaya auf, er wird dich die schwarzen Mantren zum Abschneiden des Lebensatems lehren.“ Sofort begann der Meister eine Paste zu bereiten, die man sich auf die Füße schmiert um die Kunst des Schnelllaufs zu bewältigen. Und so ausgestattet verließ Bari Lotsawa frühmorgens Zentral-Nepal und kam gegen mittags in Bodh Gaya in Indien an. Er präsentierte dem berühmten Guru Vajrasanapa sein Empfehlungsschreiben, das ihm sein Meister mitgegeben hatte. Nachdem er Niederwerfungen und seine Opfergabe von einem Lot Gold gemacht hatte, erklärte er sein Missgeschick.

Die Rettung naht

Simhamukha_2Vajrasapana antwortete: „Oh Übersetzer, mein Sohn, es ist nicht notwendig, dass du dich diesem Ungläubigen unterwirfst! Ich besitze gewisse geheime Belehrungen, um solche magische Attacken abzuwehren. Um erfolgreich in dieser Praxis zu werden ist es notwendig, dass du am Abend des zehnten Tages eine vorzügliche Ganapuja (Tshog = Festmahl) mit großzügigen Opfergaben verrichtest. Danach sollst du zu deinen Lehrern, den Drei Juwelen, den Gottheiten und der Versammlung der Dakinis beten; in den darauf folgenden frühen Morgenstunden wirst du ganz gewiss ein zukunftsweisendes Zeichen der Dakinis vorfinden.“
Daraufhin bereitete der Übersetzer eine Ganapuja um vier Unzen Gold vor und erbat unterwiesen zu werden. Und so erhielt er dann die Prophezeiungen der Gurus, Gottheiten und Dakinis. Sie sagten sie zu ihm: „Oh Übersetzer, unser Sohn, du musst keine Angst haben vor diesem Ungläubigen! Wir werden dich beschützen!“ Die wichtigste Prophezeiung aber erhielt er direkt aus dem Mund Unserer Hohen Frau, der Gnosis Himmels Tänzerin Simhamukha: „ Die Höchste aller geheimen Belehrungen sind die dreifältigen magischen Riten: weiß, schwarz und vielfärbig. Diese sind wie ein Nektar Ozean, der alle Störungen auslöscht. Mach dich nach Osten auf und nach zwei Meilen wirst du auf einem Eisenklumpen stoßen, geformt wie ein Yak. Hebe ihn auf und du wirst eine dreieckige Grube aus schwarzer Erde finden. Grabe nach und du entdeckst einen Holzkohle Meiler. Grabe weiter bis du auf einen Kasten aus Siegellack stößt, brich diese Schutzhülle auf, darunter befindet sich eine Schachtel aus Leder und in dieser ist ein Kästchen aus dem Holz des Feigenbaumes, in diesem sind fünf weitere Schatullen aus Silber, Gold, Türkis, Lapislazuli und Rubin. Öffne sie alle und in der letzten Kassette wirst du eine Rolle aus Menschenhaut finden, eingewickelt in dunkelrote Seide. Enthülle sie und du wirst 14 Silben erblicken, geschrieben mit dem Herzblut von uns allen – den Dakinis. […][1] So sprach die edle Frau mit dem Löwenkopf und entschwand wieder, wie ein Regenbogen am Himmel.
Am nächsten Tag, bei Sonnen Aufgang wandte sich Bari nach Osten, nachdem er den Schutzgottheiten einen roten Opferkuchen dargebracht hatte. Am Yak Fels angekommen entdeckte er die dreieckige Erdgrube. Und der Prophezeiung folgend, fand er nacheinander die Kästchen und im Innersten die geheime Formel des Lebens Atems der Dakinis – die Essenz tief wie ein Ozean von Nektar. Als Ersatz für den gehobenen Schatz legte er einen in Seide geschlagenen Text zusammen mit Gold und Edelsteinen in die Grube und schüttete sie wieder zu.

Praxis

Danach rezitierte der Übersetzter Tag und Nacht gemäß den Belehrungen die Mantras. Als es dunkel wurde stellten sich gewisse Zeichen der schwarzen Magie, die der Ungläubige sandte, ein. Wie auch immer, so waren diese feindlichen Zeichen der Dakinis und Schützer des Ungläubigen nicht durchschlagend genug um zu Bari Lotsawa vorzudringen, sondern im Gegenteil, wurden von ihm postwendend zum Sender zurückgeschickt. Am nächsten Abend kamen wiederum Angriffe der feindlichen weltlichen Götter und Dämonen, aber auch diesmal gelang es ihm diese abzuwehren und zurückzuschicken. Und nochmals am sehr frühen Morgen griffen die Karma-Dakinis ihn an und wiederum schaffte er die Zurücksendung zum Absender.
SimhamukhaSchließlich erschien die Königin der Dakinis selbst – unsere edle Frau mit dem Löwenhaupt – vor ihm und sagte: „Oh Bari, mein Sohn, der Ungläubige Lehrer Bhavyaraja hat gerade begonnen Blut zu erbrechen und ist im Begriff zu sterben.“
Daraufhin war Bari der Übersetzer höchst erfreut und zufrieden. Sofort begab er sich zu seinem Lehrer Vajrasapana und berichtete was passiert war. Entsetzt rief der Guru aus: „Oh weh! Die Ausrichtung der fühlenden Wesen in diesen degenerierten Zeiten ist nur von ihren Leidenschaften getragen! Und dann gibt es für sie auch noch Lehrer wie mich, die dem Vorschub leisten!“ Und er blieb für lange Zeit schweigend sitzen und bedeckte sein Gesicht mit seinem Schal.
Bari Lotsawa machte viele Niederwerfungen und erklärte voller Reue: „Oh mein Guru, ich praktizierte diesen Abwehrritus, weil ich so in Angst war, aber ohne Zweifel ist es nicht verdienstvoll, sich der Magie so zu bedienen, dass jemand dabei ums Leben kommt. Da ich nun den Lebensfaden dieses Menschen abgeschnitten habe, will ich Sühne üben.“
Nachdem er nun in dieser Art zu Vajrasanapa gesprochen hatte, antwortete dieser ihm: „Allein das Mantra auf Deinem Körper zu tragen wäre genug gewesen um beschützt zu sein, aber auch noch Tag und Nacht das Mantra zu rezitieren, damit hast du das Karma auf dich geladen einen Menschen zu töten! Nun musst du dich ganz und gar der Aufgabe widmen dieses Vergehen zu reinigen! Und bis sich nicht die Zeichen der Reinigung Deines Karmas einstellen komme nicht erneut in meine Gegenwart!
Ein ganzes Jahr widmete sich Bari nun dieser Reinigung und trat nicht vor seinen Lehrer. Dennoch, nachdem er ein Schüler mit großer Zuneigung und Hingabe war, begann er heimlich seinem Lehrer Nahrung und Wein zu bringen. Und zusätzlich brachte er noch andere notwendige Dinge und so betrieb er seine Devotion. Schließlich erschienen Bari die erforderlichen Zeichen der Reinigung von seiner verwerflichen Tat und so wagte er sich wieder vor das Angesicht seines Gurus. Nachdem er ihn um viele verschiedene Belehrungen gebeten hatte, verwirklichte er diese und entwickelte auch großes Vertrauen in die Praxis.
Danach kehrte er nach Tibet zurück, wo er zum Vorteil aller fühlenden Wesen wirkte. Nachdem er in das Kloster der Sakyas zu Sachen Kunga Nyinpo zurückgekehrt war, gab er die geheimen Belehrungen weiter, zusammen mit der Sadhana und den magischen Riten.

Die Praxis der Simhamukha ist äußerst populär, da sie beide Arten des Strebens – das Streben nach Erleuchtung und die weltlichen Ziele – umfasst. Daher wird Lama Vajranatha vom 8. – 10. April 2016 eine Übertragung zahlreicher magischer Praktiken der Simhamukha (Langlebenspraktiken, Reichtumspraktiken, Schatzvasen, Schutzamulette etc.) geben.

[1] Dann gab sie die Anweisungen zur Mantra-Praxis, die hier auf rangdrol’s Blog nicht veröffentlicht werden, sondern eine direkte Übertragung durch einen Lehrer benötigen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 21. Dezember 2015

Simhamukha – Die zornvolle Weisheits-Dakini mit dem Löwenkopf

lion-976389_1920In den höheren Tantras gibt es eine Meditationsgottheit, die sowohl grimmig als auch weiblich ist, die Jnanadakini Simhamukha. Es ist wichtig zu verstehen, dass sie trotz ihrer äußerst zornvollen Erscheinung und ihres Tierkopfes kein Schutzgeist ist, der in der Vergangenheit durch einen machtvollen Mahasiddha mittels Magie unterworfen wurde, zum Dharma konvertierte und durch einen Eid gebunden wurde.

Zornvolle Manifestation

Simhamukha ist vielmehr eine zornvolle Manifestation der Guhyajnana Dakini, die gemäß der Nyingma-Tradition die Haupt-Dakini-Lehrerin von Padmasambhava im Land Uddiyana war. Obgleich sie also von ihrer Erscheinung her eine Dakini ist, fungiert sie dennoch als Yidam, als Meditationsgottheit und ihre spezielle Fähigkeit besteht in der Abwehr und im Zurückschicken magischer Attacken, die den Praktizierenden angreifen können und in der Unterwerfung negativer weiblicher Energien, die durch Matrikas und Mamos personifiziert werden. Dies sind wilde, unkontrollierbare, weibliche Geister, die in der Wildnis auf Bergen und in Wäldern hausen, jenseits der Beschränkungen der patriarchalen Zivilisation.
Diese weiblichen Geister sind dem männlichen Geschlecht gegenüber grundsätzlich feindselig eingestellt. Simhamukha erscheint in zornvoller, weiblicher und dämonischer Form. Tatsächlich wird gelehrt, dass ihre Form die einer Matrika, einer Mamo ist, nicht weil ihre Natur bösartig oder dämonisch ist, sondern weil ihr zornvoller Aspekt geschickt genau diese gewalttätigen, negativen Energien überwältigt und unterwirft. Simhamukha ist somit eine Jnanadakini, eine Weisheitsgöttin. Gemäß Jigme Lingpa (1726-1798), dem berühmten Nyingmapa-Meister und Entdecker von versteckten Terma-Texten repräsentiert Simhamukha eine Nirmanakaya-Manifestation, die sich im zeitlichen und historischen Kontext manifestiert, während ihr Sambhogakaya-Aspekt Vajra Varahi und ihr Dharmakaya-Aspekt Samantabhadri, die uranfängliche Weisheit selbst ist.

Weibliche Weisheitswesen

Sehr oft waren die Dakinis und die Matrikas alte, vorbuddhistische, heidnische Gottheiten der Erde und des Himmels, obwohl im Allgemeinen die Matrikas eher einem bestimmten Ort zuzurechnen sind. Dakinis können in vielen verschiedenen weiblichen Formen erscheinen, jung und alt, und manche sogar mit Tierköpfen. In der Hindutradition wird die Göttin Durga die Königin der Dakinis, Matrikas und Hexen genannt. In vielerlei Hinsicht repräsentiert Simhamukha die buddhistische Version von Durga, aber anstelle auf einem Löwen zu reiten und mit ihren achtzehn Armen Waffen zu schwingen, hat Simhamukha den Kopf einer Löwin.

Abwehr von Zauber

Unter den acht Tantra-Abschnitten, die im achten Jahrhundert durch Padmasambhava nach Tibet gebracht wurden gibt es einen Abschnitt, der Mamo Bötong genannt wird, „Die Verwünschungen und Zaubersprüche, die mit der Hexengöttin in Verbindung stehen.“ Hierbei nimmt Simhamukha, als die göttliche Hauptfigur, in großem Umfang die Rolle der Hindu-Göttin Durga ein, da sie Dämonen und böse Geister unterwirft und den Praktizierenden vor gezielten Angriffen durch negative Energien schützt, die von den Mamos stammen. Wie auch andere Naturgeister werden die Mamos durch die Zerstörung der natürlichen Umwelt von Menschenhand gestört und bestrafen daher die menschliche Zivilisation mit Plagen, neuen Krankheiten, Erdbeben, Wahnsinn, Kriegen und anderen Heimsuchungen.

Aus dem „Secret Book of Simhamukha“ von Lama Vajranatha (John Myrdhin Reynolds; 1987); deutsche Übersetzung von Florian Lobsang Dorje (Florian Schnitzer, 2014) dankend übernommen und nachbearbeitet vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Dezember 2015

37 Punkte für die Praxis

Ein Rat an die Schüler

Für meine Schar an Schüler, die mit mir durch kostbares Bestreben und Karma verbunden sind, habe ich, der Tulku, genannt Chagdud, ein gütiger alter Mensch, inspiriert durch meine Gefühle der Liebe für euch diese Botschaft niedergeschrieben und sie an euch mit dem Ross der Luft geschickt. Bitte achtet darauf.

  1. Ruft ihr den Erleuchtungsgeist der Wissenshalter der drei Linien mit Vertrauen, Respekt und Sehnsucht an?
  2. Versucht ihr, die Essenz diese schwer erlangten Zustandes der Freiheit und Gelegenheit, der so selten wie eine Udumbara-Blume ist – durch die Praxis des geheiligten Dharma zu erkennen?
  3. Habt ihr die Bande eurer Anhaftung an alle vergänglichen, illusorischen Phänomene dieses Lebens durchtrennt?
  4. Da die Resultate eurer rechten und falschen Taten unfehlbar sind, bemüht ihr euch, Heilsames zu praktizieren und Unheilsames zu unterlassen.
  5. Weil es keine Möglichkeit auf dauerhaftes Glück im Daseinskreislauf gibt, ist die überragende Haltung der Entsagung in eurem Geistesstrom entstanden?
  6. Da das Hören der authentischen Lehren Unwissenheit beseitigt, habt ihr die Lampe des Dharma immer wieder und wieder entzündet?
  7. Da euer Geistesstrom nicht bloß durch das Hören der Lehren gezähmt wird, habt ihr die eitlen Spekulationen durch innere Kontemplation abgeschnitten?
  8. Damit ihr nicht von den konzeptuellen Ausschmückungen des Hörens und Kontemplierens gefesselt seid, praktiziert ihr gemäß der Schlüsselpunkte der Anweisungen der direkten Übertragung?
  9. Indem ihr wisst, dass es dem Daseinskreislauf an jedweder anderer unfehlbarer Zuflucht mangelt, stellt ihr die drei überragenden Quellen der Zuflucht auf euren Kopf?
  10. Um Schutz vor dem Leiden des Daseinskreislaufs zu finden, gebt ihr auf, anderen zu schaden und sogar den Gedanken, ihnen zu schaden?
  11. Weil es kein einziges fühlendes Wesen in den sechs Bereichen gibt, das nicht eure Mutter oder euer Vater gewesen ist, meditiert ihr mit Gleichmut auf die Gleichartigkeit und Güte von ihnen allen?
  12. Wenn ihr alle Wesen seht, die eure Eltern gewesen sind, wie sie andauernd die Ursachen für Leiden schaffen und von deren Resultaten gepeinigt werden, ist dein Herz von Mitgefühl ergriffen?
  13. Wissend, dass die Ursache für Glück das Heilsame ist, und wenn ihr Glück bei anderen seht, erfreut ihr euch dann von ganzem Herzen?
  14. Angesichts des kurzlebigen Glücks, das keine dauerhafte Befriedigung bringt, erweckt ihr das Streben, andere zu letztendlichem Glück zu führen?
  15. Indem ihr euren eigenen Geistesstrom begutachtet, lenkt ihr euren Körper, eure Rede und euren Geist auf den Pfad der Tugend?
  16. Durch euer angesammeltes Heilsames und euren Besitz, vervielfacht durch die Kraft der Visualisation, bringt ihr Opfergaben dar, um die Ansammlung von Verdienst zu vollenden?
  17. Um die Fesseln des Greifens nach einem Selbst auszureißen, bringt ihr euren Körper als Gabe an die vier Klassen der Gäste dar?
  18. Da die grundlegende Natur der Opfergabe frei von Ausschmückungen ist, haltet ihr die Sicht, die die Ansammlung des makellosen Gewahrseins vollendet?
  19. Um die schwere Bürde der leidvollen Handlungen, Verschleierungen, Fehler und des Versagens abzuwerfen, bekennt ihr, indem ihr die vier Kräfte als euer Gegenmittel verwendet?
  20. Wenn ihr Vajrasattva, die Einheit von angeborenem Gewahrsein und Leerheit, identisch mit eurer eigenen wahren Natur anseht, löst ihr die subtilen Gewohnheitsmuster in den grundlegenden Raum auf?
  21. Wisst ihr, dass der äußerst überragende, tiefgründige spirituelle Pfad der geschwinde Pfad des Guru-Yoga ist?
  22. Habt ihr gehört, dass es besser ist, einmal auf den Lama zu meditieren, als viele Zeitalter auf hunderte und tausende Gottheiten?
  23. Habt ihr solch eine Klarheit in eurer Visualisation erlangt, dass die Merkmale des Lamas – Farben, Gegenstände, Schmuck und Roben – lebendig und spontan erscheinen und leuchtend und klar zu unterscheiden sind?
  24. Scheint das Sonnenlicht eures Vertrauens und reinen Samaya auf den Schneeberg des Lama, der das Reservoir der Schneeschmelze des Segens ist?
  25. Um die Verschleierungen zu bereinigen, die aus den wechselseitig bedingten Handlungen von Körper, Rede und Geist angesammelt wurden, folgt ihr dem tiefgründigen Pfad, indem ihr die vier Ermächtigungen immer wieder empfangt?
  26. Damit der Segen der Geist-zu-Geist-Linie in euren Geistesstrom eintritt, vermischt ihr den Geist des Lamas mit eurem eigenen?
  27. Habt ihr den letztendlichen Lama von Angesicht zu Angesicht getroffen, die Einheit aus angeborenem Gewahrsein und Leerheit, als eure eigene wahre Natur, gänzlich mühelos und weiträumig?
  28. Nehmt ihr alle diese Phänomene der Nachmeditation – Erscheinung, Klang und Gedanken – als die erleuchtete Form, die erleuchtete Rede und den erleuchteten Geist des Lama wahr?
  29. Versteht ihr, dass, obwohl alle Phänomene in Samsara und Nirvana nicht euer eigener Geist sind, sie aber nicht getrennt von eurem Geist existieren?
  30. Um das dichte Netz der Konzepte zu durchtrennen, habt ihr die Grundlagen für das Zerstören der Behausung des gewöhnlichen Geistes durchgemacht?
  31. Während ihr euch mit der Hauptpraxis beschäftigt – der direkten Begegnung mit der wahren Natur als das angeborene Gewahrsein, ruht ihr denn mühelos, weiträumig und gänzlich ohne Künstlichkeit?
  32. Ohne absichtlich zu meditieren, dennoch ohne Ablenkung, seid ihr mit der stattlichsten und überragenden Art der Achtsamkeit vertraut?
  33. Obwohl eure Sicht so geräumig wie der Himmel selbst sein mag, seid ihr gewissenhaft beim Einhalten der ethischen Lebensführung in eurem Verhalten?
  34. Was das Ziel selbst betrifft, zeitlos und spontan verwirklicht, habt ihr die Bande von Hoffen und Bangen durchtrennt?
  35. Wenn euch danach ist, dass ihr sitzen möchtet, verweilt ihr dann in der Zitadelle des uranfänglichen Seins?
  36. Wenn euch danach ist, dass ihr gehen möchtet, folgt ihr dem wahren Pfad?
  37. Wenn euch danach ist, etwas zu tun, bringt ihr den Wesen dann großen Nutzen?

Bitte überprüft genau, ob diese 37 Schlüsselpunkte direkt auf euch zutreffen und zwar zu jeder Zeit und in jeder Weise. Ich selbst, der Chagdud, beladen mit dem Gewicht meiner Jahre, dieser schwer ausgearbeitete alte Körper, dieser knorrige Baum, verwittert von den Stürmen der unausgeglichenen Elemente, werde dennoch nicht beschädigt. Scharen der Dämonen und andere bösartige Haufen dienen mir mit Respekt. Ich haben die Grundlage für die Lehren des großen Geheimen bereitet, damit sie sich in Zukunft entwickeln. Wenn ich dahinscheide, dann bin ich zufrieden damit, in Gegenwart meines Lamas Padmasambhava zu sein. Wenn ich bleibe, bin ich zufrieden damit, die Liebe eines Lamas zu seinen Schülern zu nähren. Was immer ich getan habe, ich bin glücklich, ein Yogi der Illusion, der euch dies in einem weitreichenden und liebevollen Geistesrahmen schenkt. Bitte blickt mit Freude darauf! Möge es euch unauslöschlich in euren Geist geprägt sein!

Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015). Möge es für alle Praktizierenden von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. Dezember 2015

Tibetische Astrologie – Elementberechnung

Boudha_030Die tibetische Astrologie (TTA) ist eine alte Art der Berechnung und Interpretation der Phänomene am Himmel und der klimatischen Veränderungen im Jahreskreis und gehört zu den „10 Wissensgebieten“ oder den „Zehn Wissenschaften“ (tib., rig pa’i gnas bcu).
In der TTA gibt es drei Kategorien: 1) das System der Vokale – Yangchar (tib., dbyang ‚char) 2) die Berechungsweise mit den Elementen, im Tibetischen „Jungtsi“ (tib., byung rtsis; sprich: Dschungtsi) genannt; und 3) die Berechnung der Sterne, als „Kartsi“ (tib., dkar rtsis) bezeichnet und auf dem Kalachakra-System (tib. dus ‚khor) beruht. Diese Berechnungsweisen verbinden die verschiedenen astrologischen Berechnungen und Elementberechnungen der Kulturen der Nachbarländer Tibets und verleihen dem tibetischen System eine einzigartige Form.
Die Elementarberechnung weist chinesische Einflüsse auf, die ungefähr 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung unter dem tibetischen König Nyatri Tsenpo begann. Eine Weiterentwicklung erfuhr dieses System dann später im 7. Jhdt., als König Songtsen Gampo eine Prinzessin der Tang-Dynastie heiratete. König Songtsen Gampos chinesische Frau Wen Cheng kannte sich in den chinesischen Traditionen natürlich sehr gut aus und brachte einige Bücher über chinesische Astrologie und Medizin nach Tibet mit. So gelangte diese Prinzipien nach Tibet und verschmolzen mit dem dort heimischen System der Bön. Nach tibetischer Überlieferung wurde im Jahre 837 v. Chr. vom Bodhisattva Manjushri am Wutai Shan gelehrt.

Elementarberechnung

Die Praktizierenden der alten Bön-Religion hatten die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum zwar schon viele Jahr zu ihrem System gemacht und daraus ein System der Vorhersage und Befragung gemacht.
Tierkreis_TTAIn der Lehre des alten Bön war dies ein detailreiches System, das zur Vorhersage klimatischer Bedingungen wie auch zum körperlichen Befinden von Menschen verwendet wurde. Die Ansicht dabei war, dass die äußeren Elemente, die den Lebensraum des Menschen ausmachen, auch als innere Elemente existieren, die den menschlichen Körper bilden. Veränderungen im Lebensraum des Menschen wirken somit auch auf die elementaren Verhältnisse im Körper ein.
Lange Zeit war dies alles ein mündlich überliefertes Wissen. Mit der Einführung einer Schrift in Tibet durch Thönmi Sambhota und durch das Aufkommen des Buddhismus, erfuhr diese Elementarberechnung eine große Verbreitung.
Die tibetischen Astrologen[1] beobachteten den Zustand und die Veränderung der fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, sowie die chinesisches Variante davon als Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Weiters verwendeten sie die zwölf Tierkreiszeichen aus der chinesischen Tradition und die Mewa – das magische Quadrat der neun Felder. Später kamen noch die acht Trigramme „Parkha“ (chin., ba gua) hinzu, die um die neun Felder des magischen Quadrats angeordnet wurden. Mit der Kenntnis des astrologischen Charts konnte so die Befragung vorgenommen und eine komplexe Aussage getroffen werden.
Als später das Kalachakra-Tantra im Jahre 1027 nach Tibet gelangte, wurde das System der Befragung und Vorhersage um den Aspekt der indischen Kalachakra-Astrologie erweitert, die in manchen Aspekten ähnlich der westlichen Astrologie ist, jedoch einige wesentliche und entscheidende Unterschiede aufweist.

Magisches Quadrat

MewaDas Leben konnte von den Bewegungen der Planeten, vom Karma der Vergangenheit oder von hilfreichen oder bösartigen Geistern beeinflusst sein. Einige Geister waren chthonische Wesenheiten und wurden „Sadag“ (tib., sa dag; Erdherrscher oder lokale Gottheiten) genannt. Diese stehen mit dem Mewa in Verbindung. Und neben dem Mewa der Geburt gibt es noch ein Mewa des Jahres, das sich aus der Wanderung des Mewa ergibt und „Babme“ (tib., ‚bab me; „fallendes Mewa“) genannt wird.
Darüber hinaus gab es noch weitere Geisterklassen wie die Nagas (Wassergeister), die Gyalpos (Königsgeister), die Tsen (Felsgeister), die Nyen (fluidale Geister in Wiesen, Wäldern, in der Luft), die Gyü (dämonische Geister), die Mamos (Erdmütter), die Za (Planetengeister), die Nöjin (Erdgeister) und die Lha (weiße Götter) uvm.[2]

Acht Trigramme

ParkhaAuch die acht Parkha sind die acht Trigramme, die auch mit den Sadags in Verbindung stehen. Genauso gibt es ein Parkha der Geburt und ein Parkha des Alters. Die Berechnung des Parkha hat ein paar interessante Aspekte. Mit der Berechnung des Parkha der Geburt kann man die grundlegend günstige Richtung für den Wohnraum etc. ermitteln. Genauso wie bei der chinesischen Lehre des Feng Shui gibt es zwei Gruppen – eine „östliche Gruppe“ und eine „westliche Gruppe“. Bei der östlichen Gruppe sind die Himmelsrichtungen Osten, Südosten, Süden und Norden günstig und die anderen ungünstig. Bei der westlichen Richtung sind die Richtungen Westen, Südwesten, Nordwesten und Nordosten günstig und die anderen ungünstig.
Bezogen auf die Stellung des Individuums in einem Gebäude (oder auch in einer Landschaft) sind diese günstigen Richtungen mit Himmelsmedizin, Lebensstütze, Wohlstand und Glücksbotschaft verbunden. Diese haben mit Gesundheit und Heilung, mit Wohlbefinden und Regeneration, mit Reichtum und Vermögen sowie mit Reisen zu tun.
In den ungünstigen Richtungen sind Schaden, Fünf Dämonen, Lebensabschneidende Dämonen und Körperbedrängnis. Diese haben mit Unfallgefahr, mit negativen Einflüssen auf den Besitz, mit negativen Einflüssen auf die Vitalität und mit der Gefahr, dass es bei Beeinträchtigung einer bestimmten Körperpartie Komplikationen in der Heilung etc. gibt, zu tun.
Wenn man die Lage Tibets und seiner Gesellschaft mit Rechtsunsicherheit, geringer medizinischer Versorgung, Gefahren durch Räuber und Banditen sowie Wetterkapriolen bedenkt, dann macht eine Befragung durchaus Sinn.

Fünf Kräfte

Die wichtigste Kategorie der Befragung bestand aber im Ermitteln der fünf Kräfte – Geisteskraft (tib., bla; La; „Seele“), manchmal auch als „Seelenkraft“ übersetzt; Vitalität (tib., srog; Sog), körperliche Verfassung (tib., lus; Lü), Vermögen und Macht (tib., dbang thang; Wangthang) und Erfolg – das Windpferd (tib., rlung rta; Lungta).
Die Berechnung der „weißen und schwarzen Kiesel“, das Ermitteln der Einflüsse des jeweiligen Jahres auf die Geburtskonstellation gab Auskunft über mögliche widrige oder vorteilhafte Umstände, denen die Person begegnet. Ferner wurde die Kiesel-Berechnung auch vor der Eheschließung verwendet. Da konnte man feststellen, ob die beiden Personen zueinander passen, man konnte Aussagen über die Beziehungsdauer treffen, ob die Kinder von Krankheiten heimgesucht werden oder gesund und kräftig sind, wie es um das Vermögen in der Ehe bestellt ist und wie die gesellschaftliche Anerkennung und Stellung der Eheleute sein wird.

Schicksalsberechnung und Gesellschaft

Boudha_022In jeder dieser vier Kategorien – Elemente, Mewa, Parkha und fünf Kräfte – konnte man Vorhersagen treffen. Wo der Astrologe eine ungünstige Vorhersage entdeckte, konnte er der betreffenden Person Ratschläge für das Vermeiden oder Ausgleichen von problematischen Umständen geben, oder sie zu bestimmten Spezialisten wie einem Amchi (Arzt) für körperliche Belange oder einem Ngakpa bzw. Lama für spirituelle Angelegenheiten schicken. Genauso konnte aber auch ein Arzt eine Person zu einem Astrologen schicken, falls eine Heilbehandlung nicht erfolgreich war.
Die Gegenmittel, die der Astrologe empfahl, konnten sehr verschieden sein und von Person zu Person stark variieren. Der einen Person wurde ev. empfohlen, eine Puja durchzuführen oder für sich durchführen zu lassen, einer anderen sagte man Almosen zu geben, einer weiteren vielleicht, dass sie Tiere freisetzen solle usw. Bei besonders ernsten Schwierigkeiten wurden bestimmte Rituale wie ein Dogpa (tib., gtog pa;) in Auftrag gegeben, um die negativen Einflüsse auszutreiben und zu beseitigen. Dabei wurden die negativen Energien in ein Abbild aus Teig projiziert. Das materielle Abbild wurde dann vom Ngakpa oder Lama rituell zerstört und die gereinigten Energien zur kranken Person zurückgebracht. Man muss aber anmerken, dass diese Form des Rituals in äußerst schwierigen und lebensbedrohlichen Situationen angewendet wurde.
Neben dem Berechnen der Geburtskonstellation, dem Erstellen eines Heiratsdiagramms, einer Voraussage für das Jahr und medizinischen Berechnungen, wurden auch Berechnungen für die Toten vorgenommen. Dabei wurde über die Mewa ermittelt, welche Statue, welches Thangka oder ähnliches für eine günstige Wiedergeburt des Toten anzufertigen ist und auch welcher Tag für die Verabschiedungszeremonien vorteilhaft ist. Nachdem das Mewa aber nur neun Felder aufweist, ist die Auswahl natürlich etwas begrenzt. Allerdings stellt dieses Verfahren eine sehr gute Form der Trauerarbeit dar.

Funktioniert’s auch?

ape-1052567_1920Noch eine abschließende Bemerkung zur Relevanz solcher Methoden. Mittels dieser Methode versucht man gegenwärtige und zukünftige Situationen besser einschätzen zu können und Hindernisse in der Entwicklung zu vermeiden. Wie gut das funktioniert und ob das Aberglaube ist? Tja, denken Sie daran, dass Sie für Ihren Urlaub verschiedenste Vorhersagen wie Reiseberichte, Wetterberichte u.ä. zurate ziehen und davon überzeugt sind, dass Sie dadurch eine angenehme Zeit erleben werden. Erwarten Sie daher von einer astrologischen Prognose genau dasselbe.

Elementberechnungen, Jahresvorschau etc. können bei Bedarf im Ngakpa-Zentrum Lhündrub Chödzong angefertigt werden. Für nähere Informationen einfach ein eMail [enricokosmus(at)gmail.com].
Eine TTA umfasst die Erstellung eines Grundcharts mit den 4 Säulen, den 5 Kräften, dem Geburts-Mewa, dem Papme und dem Parkha. Dann wird ein Vergleich der 5 Kräfte mit dem aktuellen Jahr. Man sieht dann, ob es sich um ein günstiges/ungünstiges Jahr handelt, bei welchen Bereichen man aufpassen muss bzw. allfällige buddhistische Rituale vorzunehmen sind. Das ganze kostet € 60,–, zahlbar auf PayPal (enricokosmus@gmail.com). Benötigte Daten: Geburtsdaten (Tag, Monat, Jahr, Zeit), Geburtsort, Geburtsjahr der Mutter. Diese Daten bitte per eMail oder FB-Messenger an mich (Enrico Kosmus) schicken.


[1] Der Begriff „Astrologe“ ist im Grunde dem westlichen Zugang zu diesem Thema geschuldet. Da es sich bei der TTA nicht wirklich um eine Astrologie allein und schon gar nicht um eine Astro-Wissenschaft oder Astronomie im Sinne westlicher Naturwissenschaft handelt, ist der Begriff „Astrologe“ einfach ein Sammelbegriff für jemanden, der sich mit Schicksalsberechnung und Divination beschäftigt und diese für andere ausübt.

[2] Weitere Details finden sich auf rangdrol’s Blog im Beitrag „Die Ngakpas und die Geister“.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Dezember 2015

Vom Ausführen eines Rituals

OpferungWann immer man Gottheitenpraxis oder irgendeine andere Art der Praxis macht, dann ist die hauptsächliche Opferung, sich in liebender Güte und Mitgefühl zu üben und zum Wohle aller fühlenden Wesen zu handeln. Viel wichtiger als die technischen Aspekte der Visualisation ist die Motivation. Sich selbst als Opfergöttin oder als Yidam-Gottheit zu sehen, ohne eine mitfühlende Absicht zu haben, ist keine große Sache. Das Wesentliche ist, wenn man die geschickte Methode des großen Mitgefühls kultiviert und allen fühlenden Wesen dient, dann wird die Praxis zu einer Praxis, die zur Erleuchtung führt!

Motivation

Eltern sorgen sich ganz lieb um ihre Kinder und denken an sie. Wenn ein Kind in ein Feuer fällt, dann wird die Mutter hineinspringen und es retten, ohne einen Gedanken an sich selbst. Oder wenn das Kind von einer Strömung mitgerissen wird, dann wird die Mutter keine Überlegungen über ihr eigenes Leben anstellen, während sie versucht, es zu retten. Diese Art der fürsorglichen Geisteshaltung gleich für alle Wesen ist etwas, das wir so gut wie möglich kultivieren müssen. Zusammen mit dem Entwickeln von Mitgefühl für sie sollten wir nicht kleinlich bei den Fehlern der anderen sein, sondern uns stattdessen darauf konzentrieren, unsere eigenen Fehler zu reduzieren.
Tatsächlich ist Mitgefühl ein sehr großes Gegenmittel. Es macht nichts, ob man Ärger, Stolz, Eifersucht, Begierde oder Unwissenheit hat, Mitgefühl besiegt sie alle. Wenn man irgendeine Art einer störenden Emotion befrieden oder besiegen muss, dann wird Mitgefühl das machen!

Störende Gefühle

Offering_1Wir haben störende Emotionen. Durch den begleitenden Umstand unserer fortgesetzten Ansammlung des Unheilsamen, entstehen störende Emotionen wie Stolz, Eifersucht usw. Sie scheinen für uns sehr mächtig und wunderbar zu sein. Aufgrund unserer Gewöhnung an sie, wuchern aufgrund ihrer Macht zahllose negative Konzepte und Fehler, wenn sie auftauchen und uns völlig beherrschen. Egal welches der fünf Gifte vorherrschend ist, es wird die Person glauben lassen: „Ich bin besonders!“
Wir haben auch das Gegenmittel für alle diese Leidenschaften. Wir haben die Ursache – die Buddha-Natur – dafür, sie zu besiegen und wir haben die Methoden, das auch durchzuführen, beispielsweise die Praktiken von Vajrasattva usw. Im Grunde erscheinen die Gurus, Devas, Dakinis und Dharma-Schützer nur, um den fühlenden Wesen bei diesen Problemen zu helfen. Sie haben sich völlig von den störenden Gefühlen befreit und sie manifestieren sich, um anderen zu helfen, es genauso zu machen.
Wenn man den Dharma richtig praktiziert, sich auf diese Objekte der Zuflucht stützt, dann werden die Störungen im Geistesstrom langsam weniger werden. Langsam wird man mehr Raum haben, mehr Weite, mehr Frieden. Warum? Weil die fünf Gifte zu ihrer wahren Natur werden bzw. sich als diese manifestieren – nämlich den fünf Buddha-Familien.
Wenn man stattdessen bemerkt, dass die fünf Gifte durch die Dharma-Praxis zunehmen, dann ist das wirklich fatal!

Gottheitenpraxis

Wie sollten wir die Gottheitenpraxis ausführen, damit sie auch wirksame Gegenmittel zu unseren Giften ist?
Während der Praxis der Erzeugungsstufe visualisiert man sich selbst als Gottheit, während man praktiziert, egal ob man als Chöpön (Ritualmeister) agiert oder einfach auf dem Sitzkissen praktiziert. Während man eine Opfergabe hält, dann sollte man sich selbst als Opfergöttin sehen, die zahllose Opfergaben hervorbringt. Wenn man das gut visualisiert, dann ist die Opfergabe wirklich gut, stimmt’s? Wenn man stattdessen aber nicht versteht, wofür der Torma gut ist, dann betrachtet man das bloß aus ein kleines Etwas, das aus Teig gemacht ist. Vielleicht mag man das oder mag es nicht. Vielleicht hat man kein Interesse daran oder ignoriert es. Wenn man die Opfergabe ignoriert, dann ignoriert man den Guru, den Yidam und die Dakini und auch den Vajra-Meister ebenfalls. Wenn man sich nicht darum kümmert, dann ist man einfach ein Zombie, der Opfergaben darbringt. Das kann man öfters mal sehen.
Stattdessen muss man den Guru, den Yidam, die Dakini und das gesamte Mandala respektieren. Man muss sowohl die Opferung respektieren, als auch die Objekte, denen man opfert. Sie zu respektieren, erfordert zunächst ein Verständnis ihrer Bedeutung. Wenn man sie besser versteht, dann wird man sehen, warum es so wichtig ist, durch Visualisation und reine Sicht die Opfergaben zu vermehren und zu vervielfältigen. Also versucht das bitte zu kultivieren. Auch weil man die Opfergöttin ist, sollte der Körper nicht steif oder starr sein, sondern flexibel und angenehm. Auf diese Weise kann man mit Körper, Rede und Geist die Opfergabe darbringen.

Opfergöttinnen

OfferingGoddessesViele Leute fragen, was sind die Opfergöttinnen und wie sehen sie aus? […] Um sie zu kennen, muss man auf die Thangkas blicken, wo sie dargestellt sind. Es gibt die Opfergöttinnen der Vajra-Familie, der Padma-Familie, der Ratna-Familie, der Karma-Familie, der Buddha-Familie, der Dakini-Familie und viele andere. Alle erscheinen in unterschiedlichen Farben und Haltungen. Wenn man Opfergaben darbringt, egal ob man als Chöpön agiert oder die Praxis einfach rezitiert, dann muss man zahllose Opfergöttinnen geistig hervorbringen, die friedvoll, vermehren, machtvoll oder zornvoll sind, abhängig von der Praxis, die man macht. Es ist auch in Ordnung, den eigenen Körper als zahllose Körper anzusehen, die den Raum anfüllen und Opfergaben darbringen. Aber es ist jedoch nicht in Ordnung, bloß zu denken, „Ich bin eine Opfergöttin“ und dann das war’s dann! Oder wenn man denkt, „Ich bin eine Opfergöttin“ und dann arrogant über die Ritualgegenstände oder heiligen Texte zu hüpfen, im Hippie-Stil herumvögeln. Das ist nicht gut. Man muss ein Gewahrsein von sich als Opfergöttin mit Demut und Hingabe haben.
Vom eigenen Herzen gehen grenzenlose Wolken wie Samantabhadras Opfergaben aus. Diese Opfergaben sind nicht begrenzt oder einförmig. Sie sind ein unglaubliche Vielzahl wunderbarer Dinge wie schöne Formen, wohltönende Klänge, köstliche Geschmäcker, bezaubernde Düfte und samtweiche Stoffe. Wenn man Opfergaben auf den Schrein legt, dann visualisiert man sie nicht gering oder begrenzt. Man opfert nicht einfach einen Torma als Nahrungsopfergabe, sondern zahllose köstliche Tormas, die den Raum anfüllen. Man opfert nicht einfach eine Butterlampe, sondern zahllose strahlende Lichter. Nebenbei bemerkt, von der Lampe sollte seitlich kein Öl herabrinnen. Sie sollte sauber sein.

Geisteshaltung

OfferingGoddesses_2Um eine Opfergöttin zu sein, muss man sauber sein und man muss auf reine Art und Weise saubere Substanzen opfern. Opfergöttinnen sind nicht schmutzig, sie reden nicht blöd daher usw. und sie sind nicht verärgert, eifersüchtig oder bringen irgendeines der fünf Gifte zum Ausdruck. Sie haben Vertrauen und reine Sicht und zum Wohle der fühlenden Wesen haben sie die geschickte Methode des großen Mitgefühls und der Weisheit (prajna). Sie sind nicht nur weiblich. Es gibt auch unvorstellbar viele Opfergötter oder Dakas. Diese Götter und Göttinnen repräsentieren die Verwandlung der fünf Gifte.
Es ist auch in Ordnung, sich selbst als Yidam-Gottheit zu visualisieren, die Gottheit der Praxis. Der Yidam ist das Objekt der Zuflucht und er ist der primäre Fokus der Praxis. Man sieht sich selbst als Yidam-Gottheit, um eine reine Sicht zu entwickeln, um für sich von Nutzen zu sein und um für andere von Nutzen zu sein.
Schaut in die Praxistexte und Kommentare für die Beschreibung dieser Dinge. Wenn ihr den Büchern folgt, dann wird es keinen Fehler geben. Wenn ihr aber eurem eigenen Trip folgt, dann wird es eine Fülle an Fehlern geben. Indem ihr die Opferung gemäß der Überlieferung macht, werdet ihr Verdienst ansammeln und Verschleierungen bereinigen, anstatt einfach nur Schauspieler zu sein. In den Kommentaren werden viele Dinge darüber gesagt. Seid nicht faul! Bildet euch! Denkt nicht einfach: „Ich bin das! Ich bin dies! Ich bin! Ich bin!“ Ach, leck mich! Wenn wir irgendeines der fünf Gifte körperlich oder geistig habt, dann wird eure Opferung nicht gut sein.
Wenn wir nicht wissen, wie man mit Gewahrsein visualisiert, dann denken wir vielleicht großartig „Ich bin eine Opfergöttin“ und werden dann abgelenkt, steif oder völlig abgefahren. Dann verschütten wir möglicherweise ein paar Dinge oder vermasseln die Aktivität. Stattdessen macht euren Job! Macht ihn sauber, auf nette Weise und richtig. Dann könnt ihr langsam mit der Visualisation beginnen.

Von Gyatrul.

Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2015) aus einer Belehrung von Gyatrul Rinpoche (Mai 2014). Möge es von Nutzen sein!

Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. Dezember 2015

Erleuchtete Aktivität

tibet-625177_1920Wie bekannt ist, gibt es viele verschiedene Yidams oder Meditationsgottheiten. Guru Rinpoche wird als die Wurzel aller Yidams angesehen, womit die Quelle aller spirituellen Errungenschaften gemeint ist. Denn wann immer man einen Yidam oder eine Meditationsgottheit verwirklicht, erlangt man spirituelle Verwirklichung und entwickelt die Stufen der Realisation. Diese Ebenen werden in zwei Kategorien eingeteilt: jene, die als gewöhnlich betrachtet werden, was alles außer Erleuchtung ist und alle anderen Ebenen, jene ungewöhnlichen oder höchsten Stufen, was Befreiung, Erleuchtung oder Buddhaschaft bedeutet. Abhängig von den karmischen Tendenzen oder der Richtung, die man verfolgt, wird man mit spezifischen Meditationsgottheiten zu verschiedenen Zeiten im Leben oder am Pfad arbeiten.

Vajrasattva

Mit Vajrasattva sind beispielsweise alle sehr vertraut. Besonders diese Gottheit wird vollendet, um negatives Karma zu bereinigen. Obwohl alle Meditationsgottheiten negatives Karma reinigen, ist dies die besondere Funktion von Vajrasattva. Vajrakilaya hat eine besondere Aufgabe beim Reinigen von Hindernissen und dem Verleihen von „Thrinle“, den wundersamen oder erleuchteten Aktivitätsmächten. So hat eben jede eine spezifische Funktion. Durch diese Funktion werden die Errungenschaften auf die Ebene der Wesen gebracht: gewöhnliche und höchste.

Tara

Alle Taras haben dieselbe Funktion, welche die unglaubliche Macht der Verwirklichung der erleuchteten Aktivitäten jenseits des Vorstellbaren ist. Es gibt viel, sowohl in Kama und Terma über Dölkar oder Weiße Tara. Sie vollendet die befriedende erleuchtete Aktivität und besonders von diesem Standpunkt aus vermehrt sie das Leben, die Lebenskraft und Lebenserwartung. Ebenso gibt es eine Vermehrung von Verdienst und ein Anwachsen von Macht und Ausstattung. Man sollte bedenken, dass die Weiße Tara eigentlich eine Gottheit für die vermehrende Aktivität ist. Als ein Buddha reinigt sie von den beiden Verdunklungen und verwirklicht den zweifachen Nutzen. Alle Taras dienen derselben Funktion, natürlich auch dem Bereinigen von Hindernissen auf dem Pfad, besonders den Hindernissen, die entsprechend der acht oder 16 Ängste auftreten. Tara kann einem großen Frieden im Geiste bringen und einem die Gelegenheit bieten, Hindernisse am Pfad zu klären. Im Fall der Weißen Tara hilft sie einem nicht nur Hindernisse am Pfad zu klären, sondern betont und vermehrt alle jene Qualitäten, die man bereits hat, einschließlich der Vermehrung der Lebensspanne.
Es gibt viele Gründe um die Weiße Tara hier darzustellen. Einige der zuvor genannten beinhalten den Schutz vor Angst vor den Elementen, Wind, Erdbeben und anderen äußeren Schwierigkeiten, die auftreten können, ebenso vor unheilbaren Leiden und Krankheiten. Ebenso ist das Vermehren von Ausstattung und Reichtum. Es gibt auch ein paar Gründe für das Bauen hier in einem armen Land. Weil es ein armes Land ist und die Leute viele Schwierigkeiten haben, wäre es wirklich von Nutzen für sie. Das ist eigentlich die Hauptidee: den Menschen von Nutzen sein.

Reinigung

Man hat so viel Unheilsames, dass durch das Tor des Körpers, durch den physischen Körper angesammelt wurde. Natürlich sind diese vom Geist motiviert, aber dann durch den Körper ausgeführt. Niederwerfungen sind eine sehr machtvolle Praxis für deren Reinigung. Man sollte berücksichtigen, dass dies als Ergebnis den Nirmanakaya oder die Verkörperung der absichtlichen Manifestation errichtet. Wenn alle körperlichen Hindernisse bereinigt sind, wird diese Verkörperung gegeben sein. Dies ist die eigene Natur und es wird das Ergebnis sein. In der Zwischenzeit wird man durch das Ausführen der Niederwerfungen und dem Reinigen der körperlichen Negativitäten größere Schönheit entwickeln oder Präsenz, Gesundheit und Körperkraft werden einem in diesem Leben entstehen. Wenn nicht in diesem Leben, dann gewiss im nächsten Leben. In diesem Leben kurieren die Niederwerfungen Krankheit und Gebrechen und befrieden körperliche Probleme. Dies ist eine Übung, die wirklich viele, viele wichtige Punkte hat. Sie ist nicht einfach nur eine Praxis, bei der man mit seinem Kopf nur den Boden berührt. Wenn man sich dabei nichts denkt, dann wird sie dies natürlich sein! Man sollte mit Vertrauen praktizieren, dann ist es gewiss. Aber sogar wenn nichts darüber weiß und Niederwerfungen ohne Glauben macht, ist es noch immer besser, als die Art, wie man sonst die Zeit mit bedeutungslosen Übungen verbringt.
Wie die Niederwerfungen ist das Umkreisen von Statuen und Stupas eine vergleichbare Art von körperlicher Praxis mit der man negatives Karma beseitigt, das man durch den Körper angesammelt hat, ebenso wie die Praxis der Erzeugungsstufe beim Gottheiten-Yoga. Wenn man Ermächtigung erhält, ist die erste Ermächtigung die so genannte Vasen-Ermächtigung. Diese bezieht sich auf den Körper und auf die Reinigung des negativen Karmas, welches körperlich angesammelt wurde. Obwohl Körper, Rede und Geist gesondert ausgeführt werden, ist der Geist die Hauptkraft, die bewirkt, dass Körper und Rede ihm dienen. Gewöhnlich ist der Geist so sehr mit dem Körper verbunden. So lange man in diesem Körper ist, dient der Körper dem Geist. Wenn man daran denkt, ist das negative Karma, welches man durch den Körper angesammelt hat, wirklich riesengroß. Und es ist sehr wichtig, dass man spezielle Praktiken nicht nur mit dem Geist und guten Absichten ausführt, um dies zu beseitigen, sondern sogar unter Verwendung des Körpers, um diesen Prozess umzukehren.

Von Gyatrul Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2009). Möge es für die Praktizierenden eine Inspiration sein!

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