Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. Juni 2016

Wiedergeburt ohne Seele

beyond-602060_1280Buddhismus und die Vorstellung einer Wiedergeburt sind eng miteinander verknüpft. Für manche erscheint die Idee einer Wiedergeburt eine Heilsperspektive zu sein, da sie glauben, in einem zukünftigen Leben alle bisherigen Versäumnisse nachholen zu können, zukünftig die bisherigen Fehler vermeiden zu können und sich in Zukunft mit geliebten Personen wieder treffen zu können. Leider funktioniert das nicht so, wie sich das einfache Gemüter vorstellen.
Auch versuchen manche, dem Dharma gegensätzlich eingestellte Personen, Buddhisten mit der Frage nach dem Bevölkerungswachstum zu fangen. Schließlich nimmt doch die Bevölkerung ständig zu. Wo kommen also alle diese zusätzlichen Menschen her?
Der Buddha lehrte jedoch nichts dergleichen. Er lehrte, dass allen Wesen keine individuelle Seele innewohnt. Diese Lehre wird als Lehre von Anatman (Fehlen einer inhärenten Entität) genannt und stellt einen der Hauptunterschiede zu anderen Religionen dar. Dieses Fehlen einer innewohnenden Seinseinheit und das dennoch Erscheinen wurde im alten Indien in langen Debatten abgehandelt und gipfelte in der siebenfachen Begründung von Chandrakirti in einem Kommentar zum Mittleren Weg (Madhyamaka). Verschiedene Hindu-Traditionen, aber auch die Jains verwendeten den Begriff Atman, um eine individuelle Seele zu bezeichnen, da sie dachten, dass dieses Atman als Essenz des Brahman allen Wesen innewohne. In diesen Traditionen wird Wiedergeburt als Übergang des Atman von einer toten Person in einen neuen Körper angesehen.
Der Buddha hat dennoch gesagt, dass es keine solche individuelle Wesenheit gäbe, die von einem Haus in ein neues umziehen würde. Auf diese Weise hat der Buddha die Sichtweise eines Ewigkeitsglaubens (Eternalismus) abgelehnt. Außerdem hat er auch die Sicht eines Nichtigkeitsglaubens (Nihilismus) zurückgewiesen, da ja offensichtlich etwas erscheint, erfährt, sich wandelt und ein beständiger Strom des Erlebens gegeben ist.

Buddhismus und Wiedergeburt

animal-21649_1920Wenn man die buddhistische Lehre des Wieder-in-Erscheinung-Tretens verstehen will, dann muss man dabei die buddhistische Sicht auf ein Selbst betrachten. Der Buddha lehrte, dass unsere gewöhnliche Wahrnehmung von einzelnen, für sich abgetrennten Individuen eine Täuschung ist und dies die Ursache für unsere Probleme darstellt. Vielmehr treten alle Phänomene, einschließlich der Wesen, wechselseitig bedingt in Erscheinung. Aufgrund der individuellen Ursachen und Bedingungen erleben die Wesen dann ihre Geburt in einer Welt.
Etwas einfach betrachtet glauben machen, dass jedes Wesen wie eine Welle oder ein Tropfen in einem riesigen Ozean sei. Doch auch das stimmt nicht. Denn a) liegt dieser Überlegung auch ein substanzieller Ansatz zugrunde; und b) würden alle Wesen dadurch vermischt sein, was zu einer Erleuchtung schon vor ca. 2.500 Jahren geführt hätte, was aber offensichtlich nicht geschah. Anders als in der westlichen Philosophie fragt man sich im Dharma nicht nach einer Tatsächlichkeit der Welt, sondern erkennt, dass das eigene Erleben das einzige ist, was man tatsächlich erlebt und wie man mittels Wahrnehmung sich und Welt gestaltet.
Das Beispiel von Ozean und Welle wird jedoch immer wieder dazu verwendet, um das Auftauchen der diskursiven Gedanken aus der Natur des Geistes zu veranschaulichen. Jedoch haben alle Wesen die gleiche Natur des Geistes, doch ist bei jedem Wesen dieses Auftauchen klar-deutlich verschieden.
Hier kommen wir zu zwei Aspekten der Lehre Buddhas, und zwar a) zum Aspekt des Leerseins von Eigennatur und b) zum Aspekt des klar-deutlichen Erscheinens, dem Klarheitsaspekt, der sich wiederum in zwei weitere, nämlich der Lichthaftigkeit und der ungehinderten Manifestation, gliedert.
medusa-1253383_1920Im gewöhnlichen, verschleierten Geisteszustand erleben sich also die fühlenden Wesen als von einander getrennte Individuen in ganz bestimmten Erlebniswelten. Diese Erlebniswelten werden im Dharma in die sechs Daseinsbereiche der Götter, Gegengötter, Menschen, Tiere, Hungergeister und Höllenwesen gegliedert. Manchmal wird noch eine siebte Erlebniswelt – der Zustand zwischen Tod und Ergreifen einer neuen Geburt – dazu genommen. Diese Welten erscheinen in ihrem Zustand für die darin befindlichen Wesen absolut zu sein, da sie deren Geisteszustände bestimmte Bedingungen erschaffen und wahrnehmen. Wasser wird von den Göttern als Nektar der Langlebigkeit gesehen, von den Gegengötter als das Streitobjekt mit den Göttern, von den Menschen als Wasser, von Tieren als Lebensraum (oder auch Trinkwasser), von Hungergeistern als ein Fluss einer ekelerregenden Flüssigkeit (z.B. Eiter, Blut, Urin) und von den Höllenwesen je nach Höllenbereich als Feuerwasser, das einem unsägliche körperliche Schmerzen bereitet.
Buddhistische Schulen lehren eine Form des Übergangs. Bei manchen wie im Pali-Kanon der Theravadins folgt auf den Tod unmittelbar die nächste Geburt, bei anderen wiederum wird ein Zwischenzustand postuliert. Wie nun auch immer, es wird ein subtiler Geistesstrom aufgezeigt, der auch „lichthafter Geist“ oder die „lichthafte Natur des Geistes“ genannt wird und der nicht Gegenstand von Geburt und Tod ist. Natürlich ist das nicht dasselbe wie unser gewöhnliches, alltägliches Bewusstsein von uns selbst, das sich anhand von Kontakt, Name und Form etc. konstituiert, sondern es wird in tiefen Versenkungszuständen erfahren. Schließlich ist ja nicht unser alltägliches Bewusstsein, das sich von einem Körper zum nächsten bewegt. Es ist diese lichthafte Natur des Geistes, die im verschleierten Zustand als „fühlendes Wesen“ einen Daseinsbereich erschafft und darin erscheint, während im befreiten Zustand diese Lichthaftigkeit sich ungehindert als erwachte Körper in unzähligen Formen manifestiert.

Weltliche Furcht und spirituelle Führung

VajrasattvaWas lässt nun erscheinen? Wesen, die im gewöhnlichen, verdunkelten Geisteszustand gefangen sind, werden von ihren karmischen Winden, also den instinktiven Impulsen in ihrem Geistesstrom getrieben und ergreifen aufgrund von Furcht und Verlangen eine neue Geburt. Wesen, die aufgrund von spirituellen Einsichten und durch heilige Versprechen und Gelübden geführt werden, erscheinen zum Wohle anderer.
Mit durchdringender Einsicht ausgestattet, erscheint diesen Wesen der Tod dann nicht als die Vernichtung und ist kein angsterfüllter Moment, sondern sie sind transferieren ihr gewöhnliches Bewusstsein in die Weite des Raumes, die nicht verschieden ist von der Natur des Geistes, sehen die im Bardo auftauchenden Gestalten als die lichthaften Erscheinungen dieser Natur des Geistes und ergreifen keine Geburt mehr. Durch die Bodhisattva-Gelübde sind sie jedoch in der Lage, zum Wohle der Wesen, die diesen Zustand noch nicht realisiert haben, zu erscheinen und unvorstellbare Taten auszuführen.
Noch ein Schlusswort: Wiedergeburt – also eigentlich ein Wieder-in-Erscheinung-Treten – beschränkt sich nicht auf das Verständnis von einem Ende des Lebens in diesem Körper und einem Wiedererscheinen. Es umfasst eigentlich jedes Wieder-in-Erscheinung-Treten. Auch jetzt und jetzt und jetzt und… Es ist die Kunst des Gestaltens von Übergängen, damit man nicht den instinktiven Neigungen ausgeliefert sich in immer wieder denselben misslichen Lebenslagen wiederfindet und handelt von der Natur des Geistes und seinem ungehinderten, klar-deutlichen Erscheinen.

Mehr dazu beim Retreat vom 17. – 22. Mai, insbesondere bei der Praxis für das Geleit von Verstorbenen durch den Bardo aus dem Zyklus der 100 Friedvollen und Zornvollen. >mehr lesen

Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Juni 2016

Buddhistische Trauerarbeit

DrubwangRinpoche-RelicBegleitung von Toten

Am Ende der 49 Tage und/oder einer Neydren-Zeremonie nachfolgend, werden die Tsatsas hergestellt und geweiht. Tsatsas sind kleine Tonstatuen in Form von Stupas oder Buddhas. Traditionell werden sie gemacht, um die Asche des Verstorbenen aufzubewahren. Familie und Freunde können dabei helfen, sie herzustellen oder man einem geeigneten Praktizierenden Opfergaben darbringen und darum bitten, sie herzustellen. Wenn fertig, dann werden sie an verschiedenen Orten aufgestellt, wobei es buddhistische Bauten gibt, die speziell dafür gemacht sind, Tsatsas aufzunehmen – Tsarkhang in Tibetisch genannt – oder an heiligen Plätzen in der Nähe von Stupas. Orte in der freien Natur, wo sie sich in die Elemente auflösen, sind auch angemessen. Wenn sie sich auflösen, wird der Segen „zerstäubt“, das dem Verstorbenen, allen Wesen und der Umgebung nützt. Das Anfertigen von Tsatsas symbolisiert, dass die Gottheit aus der Leerheit erscheint und sich mit dem Verstorbenen im Zustand des Nirmanakaya verbindet.

Herstellen von Tsatsas

Nachdem die Tsatsas (tib., sa tstsha; སཱཙྪ) fertiggestellt und geweiht sind, bewahrt die restliche Asche des Verstorbenen nicht am Altar oder im Schrein auf. Genauso wie mit der Asche von Verstorbenen gebt sie entweder drinnen oder draußen an einen würdevollen Platz oder bewahrt sie in Respekt auf.
Zu allererst als Annäherung bei jeder Praxis vergegenwärtigt euch eure Motivation. Bedenkt das gute Geschick des Zusammenkommens mit anderen, ein Ergebnis des Segens und Mitgefühls der Buddhas und die Qualität eures Strebens, um dem Verstorbenen zu nutzen. Haltet das Gewahrsein, als ob der Verstorbene euer Lehrer wäre. Er oder sie handeln als euer Lehrer, indem sie uns die Wahrheit unserer Sterblichkeit, Vergänglichkeit zeigen und uns zur Praxis beeinflussen. Die Teilnahme an einem Neydren-Ritual erzeugt einen sehr machtvollen Segen, der den Verstorbenen nützt, wie auch uns und jedem Wesen im Zustand des Leidens. Man braucht eine weite Geisteshaltung, während man das ausführt und muss beständig den Nutzen für alle Wesen darin sehen, nicht nur für den Verstorbenen. Dies wird die Qualität und Kraft der Praxis vermehren.

Tsatsas und Reliquien

Die benötigte Form um Tsatsas herzustellen, die die Asche von Lamas beinhalten sollen, ist in Gestalt von Buddhas. Für Schüler ist es am besten Formen zu verwenden, die Stupas entsprechen, obwohl es erlaubt ist alles Mögliche zu benutzen, was verfügbar ist. Wenn man festen Töpferton verwendet, dann muss man ihn auf einem Holzbrett so lange kneten, bis etwas steif wird, um die Extraflüssigkeit aufzunehmen. Wenn der Ton zu weich ist, dann wird er in der Form steckenbleiben und die Formen werden zerstört oder er wird sich einfach nicht aus der Form lösen lassen.
Es gibt ausführliche Rituale für das Herstellen von Tsatsas, die verschiedene Visualisationen und Mantras, die während jedes einzelnen Aspekts rezitiert werden. Wenn ihr keine spezielle Praxis habt, die für das Anfertigen von Tsatsas gedacht ist, visualisiert euch selbst als Vajrasattva und rezitiert das 100-Silben-Mantra mit klarer Absicht, während ihr den ganzen Vorgang durchführt. Der Verdienst, der dadurch geschaffen wird, ist unermesslich. Tsatsa-Formen und –bausätze sind online über verschiedene Internet-Shops erhältlich.

Trauerarbeit und Segen

Nachdem man die Erfahrung des Dahinscheidens eines Freundes oder geliebten Menschen als einen spirituellen Vorgang gemacht hat, kann man sich auf eine bisher nie gekannte Weise bereichert und beglückt fühlen. Obwohl wir die Erfahrung von Verlust gemacht haben, haben unsere Anstrengungen nicht nur für den Verstorbenen einen großen Nutzen, sondern verstärken auch unser Verständnis. Außerdem bringt die Verdienstansammlung des Guten für alle Wesen positive Ergebnisse, spirituelles Wachstum und ein größere Würdigung für die kostbare Gelegenheit, die wir mit anderen in diesem Leben teilen.

Aus den Belehrungen des Gyatrul Rinpoche zur Begleitung von Verstorbenen. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013) zum Nutzen der Praktizierenden.

Im Rahmen des Ngakpa-Retreats gibt der Lopon Ogyan Tanzin Rinpoche vom 19. – 22. August die Übertragung des Lama Dorje Sempa und die Lehren zur Begleitung von Verstorbenen, inkl. das Herstellen von Tsatsas. >mehr lesen

 

Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. Juni 2016

Buddhistische Begleitung von Verstorbenen

Verbrennung_1Geisteshaltung der Begleitenden

Es ist wichtig, den Geist in einem positiven Zustand der Freude und Offenheit zu halten, damit man dem Verstorbenen nützt und vielmehr noch, wenn der Körper am Praxisort gegenwärtig ist, was ein zusätzlicher Nutzen ist, aber nicht unbedingt notwendig. Das Verhalten rund um den Körper hat Auswirkungen. Zum Zeitpunkt des Todes und danach ist die Wahrnehmungsfähigkeit des Bewusstseins des Verstorbenen weit über das gewöhnliche hinaus vergrößert, zumindest neunmal größer als seine normale Fähigkeit. Alle negativen Emotionen im Geist der Teilnehmer können Hindernisse im Geist des Verstorbenen verursachen. Vertreibt sofort alle solche Gedanken. Das Öffnen eures Herzens und das Bewahren von Ruhe sind die vorrangigsten Angelegenheiten. Alle fühlenden Wesen sich zu vergegenwärtigen, um ihnen mit dieser Praxis zu nützen, verschafft eine Gelegenheit von großer Verdienstansammlung.

Das Totengeleit

Verbrennung_2Die Zeremonie des Führens und Befreiens (tib., gnas lung; གནས་ལུང) ist eine Praxis, die von Praktizierenden ausgeführt wird, die Verständnis und Geschick in den Methoden des inneren Mantra haben. Diese Praxis wird immer in Verbindung mit einer Weisheitsgottheit ausgeführt. In diesem Zustand reinen Gewahrseins besteht die Möglichkeit des Führens des Bewusstseins, damit es im Bardo nicht verloren geht. Kontakt wird mit dem entkörperten Bewusstsein hergestellt, indem man die Keimsilben, die mit den sechs Bereichen des Daseins in Verbindung stehen aufschreibt und ebenso durch das Anfertigen von Abbildern und Replikaten der Individuen. Durch die Kraft und den Segen des Gebets, des Mitgefühls, der Methode und Weisheit wird das Bewusstsein angezogen und von den wilden, verwirrten Geisteszuständen und Ängsten herbeigeführt und auf höhere, konstruktivere, positivere und spirituelle Stadien der Wiedergeburt geführt. Es hat auch die Möglichkeit, in den reinen Bereichen des Weisheitsgewahrseins zu erwachen. Diese Zeremonie ist sehr machtvoll und auf vielen Ebenen hilfreich. Allein der Gedanke anderen auf diese Weise zu nützen, ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, sie schließlich vom Leiden zu befreien.

Das Bewusstsein erheben

Verbrennng_3Im Vajrayana werden Rituale praktiziert, die auch dem Bewusstsein von jemandem helfen, der bereits verstorben ist. Diese Rituale kennt man auch als „Nedren“, was wörtlich „die Führung des Bewusstseins fort von den negativen Zuständen der Wiedergeburt“. Diese Rituale benötigen als einfache Grundlage ein Abbild, auf das der Name der verstorbenen Person geschrieben steht. Es kann heutzutage auch ein Foto von der verstorbenen Person sein. Dieses Abbild ist die Basis für das Bewusstsein, das dort hineingezogen und durch Rituale der Abbitte gereinigt wird. Danach wird diesem Bewusstsein die Ermächtigung erteilt und nach dem Reinigungsvorgang wird es im Rahmen einer Feuer-Puja verbrannt. So werden die sterblichen Überreste symbolisch verbrannt und das Bewusstsein wird befreit. Durch das glückliche Zusammentreffen dieser förderlichen Umstände und wenn das Ritual ordentlich von jemanden ausgeführt wird, der diese Methoden beherrscht, kann man eben dem Bewusstsein der verstorbenen Person noch einen Nutzen erweisen, selbst wenn diese Person schon länger verstorben ist.
Nach der Verbrennung wird die Asche aus dem Nedren-Ritual für das Herstellen von Tsatsas verwendet. Diese Tsatsas werden dann im Falle von gewöhnlichen Verstorbenen in einen Fluss gelegt oder sonst irgendwo in der Natur an einen schönen Ort gestellt. Im Falle von verwirklichten Praktizierenden kann man so eine Tsatsa als Objekt der Verehrung auf den Altar stellen.

Aus den Belehrungen verschiedener Lamas zur Praxis des Dahinscheidens und der Begleitung von Verstorbenen, ein Leitfaden für Sterbende und Hinterbliebene. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013) zum Nutzen der Wesen.

Im Rahmen des Retreats auf Thröma Nagmo vom 23. – 28. Feb. 2017 werden Rituale und Praktiken zum Geleit von Verstorbenen gelehrt. Anschließend erfolgen Erklärungen zur Praxis und der Führung von Toten inkl. einiger Rituale für die Zeit danach. >mehr lesen

Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Juni 2016

Vajrasattva und Zwischenzustand

VajrasattvaWährend der drei Tage nach dem Tode, rufen diejenigen, die eine buddhistische Praxis für den Verstorbenen ausüben, Vajrasattva an. Die Eigenschaft der Reinheit von der Gottheit verwandelt störende Emotionen und die Verwirrung, die unser Leiden mit sich bringt. Strengt euch an, das Gewahrsein während diesem Vorgang zu erkennen. Drei Visionen entstehen zu dieser Zeit im Bewusstsein des Verstorbenen, die die Ursachen für die störenden Emotionen loslassen und das negative Karma ausleeren, während das Bewusstsein sich in die ursprüngliche Natur entwirrt, um zu ruhen. Dies geschieht, wenn sich das Gewahrsein vom Körper trennt. Innerhalb von ein oder zwei Tagen nach dem Tod oder in den Stunden zuvor lösen sich die Elemente auf.

Auflösung

Wenn der Atem am ersten Tag aufhört, tritt die „weiße Erscheinung“ auf, bei der man Mondlicht wahrnimmt, die mit dem Ärger korrespondiert. Der weiße Bodhicitta-Tropfen oder Tigle (Bewusstsein) des Vaters fällt vom Scheitel herab, tritt in den Zentralkanal im Herzzentrum ein. Die Ursachen oder das Karma für Ärger entspannen sich und lösen sich in die spiegelgleiche Weisheit auf.
Während des zweiten Tages tritt die „rote Erscheinung“ auf, die mit Begierde oder Anhaftung korrespondiert. Der rote Bodhicitta-Tropfen oder Tigle (Bewusstsein) von der Mutter steigt von unten vom geheimen Chakra (vier Finger breit unterhalb des Nabels), wo es sich sonst aufgehalten hat, ins Herzzentrum auf. Die Ursachen für Begierde lösen sich in die unterscheidende Weisheit auf. Am dritten Tag tritt die „schwarze Erscheinung“ auf, die mit Unwissenheit korrespondiert. Sobald sich die zwei Tigles im Herzzentrum treffen, zerplatzen sie und vereinigen sie sich, verschmelzen mit dem Gewahrsein des Verstorbenen. Dann tritt die „schwarze Erscheinung“ auf. Das Bewusstsein eines Menschen ohne eine Grundlage in der Praxis, dessen Täuschungen aktiv sind, wird an diesem Punkt schwach und sich einige Zeit später in der Erfahrung des Bardo-Zustandes fortsetzen. Ein geschulter Praktizierender, wie nun immer, erwacht und tritt in die ursprünglich reine Gewahrseinsnatur ein. Das Entflechten und Lösen der Verwirrung, die der Sitz des Leidens ist, geschieht. Dies ist eine große Gelegenheit für das Individuum, das gestorben ist. Gewahrsein entspannt sich in seinen ursprünglichen Zustand. Der gesamte Vorgang wird genannt: „Das Kind kommt zur Ruhe im Schoß der Mutter.“ Die Emotionen lösen sich und verschwinden in den Gewahrseinsgrund. In den meisten Situationen verlässt am Ende des dritten Tages das Bewusstsein den Körper.
Danach ist es an der Zeit für die Verbrennung.

Anweisungen für den Zwischenzustand

Traditionell werden buddhistische Anweisungen für den Übergangszustand während des Sterbevorgangs gegeben und für die 49 nachfolgenden Tage nach dem Tode gelesen. Dies zu hören, ist sehr förderlich, egal ob die Person noch lebt oder schon verschieden ist. Ihr findet sicher irgendwo eine Quelle für die Anweisungen, die unten aufgelistet sind. Praktizierende, Freunde oder Familienangehörige können dies laut lesen oder eine aufgenommene Version kann abgespielt werden. Besonders interessant ist der Abschnitt, der „Selbstbefreiung von Gewohnheitstendenzen“ genannt wird. Macht was immer ihr könnt und gebt euer Bestes, die benötigten Substanzen zusammenzutragen.

Reiner Geist

Als symbolische Figur für die reine Natur des Geistes fungiert Vajrasattva. Manchmal als „Diamantwesen“ übersetzt, verkörpert er die unzerstörbare, letztendliche Natur des Geistes. Dies offenbart sich in mannigfaltigen Erscheinungen und zeigt sich im Bardo in Gestalt der 100 friedvollen und zornvollen Wesenheiten. Zunächst manifestiert sich diese strahlende Geistesnatur noch in friedvollen Formen, bis sich diese schließlich nach ca. 14 Tagen in Schrecken erregende Gestalten verwandeln, die die Schattenseiten verkörpern. Das Bardo-Wesen begegnet auf diese Weise zuerst den lichthaften Wesensanteilen und später seinen Schattenseiten. Wenn das Bardo-Wesen nicht erkennt, dass alles davon lediglich Projektionen der eigenen Natur des Geistes sind, versucht es getrieben von den karmischen Winden eine Wiedergeburt zu ergreifen.
In diesem Stadium ist es durch verschiedene Rituale möglich, das Bardo-Wesen zu beeinflussen und ihm die Natur des Geistes aufzuzeigen. Dafür wird das Ritual zur Führung der Verstorbenen durch den Bardo praktiziert. Der zentrale Inhalt dafür ist die Praxis des Vajrasattva.

Basierend auf den Belehrungen von Gyatrul Rinpoche zur Praxis des Dahinscheidens und der Begleitung von Verstorbenen, ein Leitfaden für Sterbende und Hinterbliebene. Übersetzt und ergänzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013) zum Nutzen der Wesen.

 

Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. Juni 2016

Vajrasattva und die Begleitung von Verstorbenen

LamaDorsemVajrasattva ist die Hauptgottheit für die Reinigungspraxis in der Tradition des Vajrayana. Dieser Buddha ist von weißer Farbe, was die Reinheit symbolisiert und er hält einen Dorje (vajra) an seinem Herzen und eine Glocke an seiner Hüfte, was bezeichnend für die Einheit von geschickten Mitteln und Weisheit ist. Sowohl während des Lebens als auch während des Sterbeprozesses bringt die Rezitation der Mantras von Vajrasattva der Person, für die das Mantra praktiziert wird, wie auch für den Praktizierenden einen großen Nutzen und hat den Effekt des Bereinigens von Hindernissen, negativen Gewohnheitsmustern, verbleibenden störenden Gefühlen und unerlösten karmischen Schulden.

Visualisation

Die Visualisation von Vajrasattvas Bild und die Rezitation des Mantras wird in vielen Übungen des Vajrayana verwendet, sowohl in den grundlegenden wie auch in den fortgeschrittenen. In unserer Tradition wird die Praxis der Erzeugungsstufe von Vajrasattva gewöhnlich für drei Tage nach dem Tod eines Buddhisten ausgeführt und kann sowohl von der Sangha der Schüler, der Praktizierenden, der Lamas, Mönche und Nonnen, wie auch von ihren Freunden und Familienangehörigen ausgeführt werden. Erbittet einfach eine Begleitung, um dieses formelle Ritual zu praktizieren.
Wenn jemand wünscht, die Praxi des Vajrasattva auf eine regelmäßige Grundlage zu stellen, dann sind das Erhalten einer Einweihung oder Ermächtigung, eine Textübertragung und einführende Belehrungen von einem qualifizierten buddhistischen Lehrer notwendige Voraussetzungen. Wie nun immer, wenn man sich in buddhistischer Praxis und in Vajrasattva speziell betätigt, kann man das Mantra rezitieren, bis die Ermächtigung erhalten werden kann und die Vajrasattva-Rituale begleitend folgen. Wenn dies der Fall ist, dann sucht nach Rat und Führung bei einem buddhistischen Lama des Vajrayana. Ebenso wenn wir Unterstützung für jemanden anbieten, der stirbt oder gestorben ist, ist es angebracht und nützlich, entweder das sechssilbige Mantra Vajrasattvas oder das 100-Silben-Mantra ohne Ermächtigung zu rezitieren. Die Rezitation kann in Gegenwart der Person erfolgen, die sich dem Übergang annähert und auch beim Körper danach oder an einem anderen Ort.

Kräfte der Reinigung

Die Praxis der Wiederholung des Vajrasattva-Mantras schließt auch ein, was man die „Vier Kräfte“ nennt. Während man das Mantra rezitiert und sich das Bild der Gottheit über dem Scheitel des eigenen Kopfes vorstellt, kontempliert diese dazu, um die Hindernisse und Verdunklungen zu bereinigen. Diese vier sind 1) die Kraft des Objekts, das ist die Stütze auf Vajrasattva als absolute Zuflucht; 2) die Kraft des Erlösens, das bedeutet den Wunsch, die eigenen Negativitäten zu klären, einschließlich der Reflexion über die Mängel und Fehler, die man zu bereinigen wünscht; 3) die Kraft des Heilmittels bezieht sich auf die Einsgerichtetheit in der Praxis und 4) die Kraft der unzerstörbaren Festlegung, welche die feste Entschlossenheit ist, gegründet auf Weisheit, niemals wieder zu solchen Gedanken, zu solcher Sprache oder solchen Taten zurückzukehren.

Ablauf der Praxis

Wenn man irgendeine Praxis des Vajrayana einschließlich der Mantra-Rezitation ausführt, ist es entscheidend, sowohl ein Zufluchtsgebet wie auch eine Widmung des Verdienstes dabei einzuschließen. Traditionell würde jemand mit einem Gebet des Glaubens und der Hingabe beginnen, dann Zuflucht zu den Drei Juwelen von Buddha (spiritueller Führer), Dharma (Lehren) und Sangha (Gemeinschaft der Praktizierenden) nehmen und zum eigenen spirituellen Führer oder Lehrer (tib.; Lama), bevor man eine Praxis ausführt. Jene, die mit buddhistischer Praxis und den Gesängen nicht vertraut sind, können sich anfänglich sprachlich oder im Geiste daran erinnern, dass die Motivation ist, die Praxis für einen Freund oder geliebten Menschen auszuführen und das letztendliche Streben der Zufluchtnahme in einer spirituellen Weise im Leben in der Praxis des Mitgefühls wurzelt und dem Wunsch, alle Wesen aus dem Leiden zu befreien. Dann der Mantra-Rezitation folgend, soll man sich einfach erinnern, im Gebet den aufrichtigen Wunsch zu haben, dass jegliches positive Ergebnis aus dieser Praxis dem Sterbenden oder der verstorbenen Person und dem Wohle aller Wesen gewidmet ist.

Aus den Belehrungen von Gyatrul Rinpoche zur Praxis des Dahinscheidens und der Begleitung von Verstorbenen, ein Leitfaden für Sterbende und Hinterbliebene. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013) zum Nutzen der Wesen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Juni 2016

Throma Nagmo

ThromaThroma Nagmo (Krodha Kali) inseparable form the Lama is the preliminary practice, called Ngondro. She’s the Nirmanakaya, the Dharmakaya is Kuntuzangmo (Samantabhadri) and the Sambhogakaya is Dorje Phagmo (Vajra Varahi). The practice of Throma Nagmo is famous in all Tibetan Buddhist traditions, since she’s connected with Chod.
Dudjom Lingpa’s Thröma cycle contains the complete path to liberation, starting with the preliminary practice, continues with the Phowa – the tranferance of consciousness at the time of death, leads to the Yidam practice in the extensive form – called „Garland of Moonlight“ (Dawa’i Ö-threng), middle length – called „Sun of Primordial Wisdom“ (Yeshe Nyima) – and the very concise one – called „Vajra-Essenz“ (Dorje’i Nyingpo). The Yidam’s extensive and middle length practice includes lineage prayers, Guru Yoga as well as Tshog and is connected to the four enlightenend activities which Ngakpa’s full range of yogic practice emcompasse various practices such as Chod, Changbu offerings, exorcism and Vajra armour, water offerings to the yellow Throma, to the Black Dzambhala, to the Nagas, offering Serkyem – the golden liqour – and Torma – the ceremonial cake to the Dharmapalas, making rain, guiding the death, practice on cemetery inviting the vultures, various smoke offerings – sang, sur, nöl, drib – and finally the Me-chod – the fire puja – for purifying the defilements during a retreat. Additionally you’ll find some longivity practices there too. Furthermore the cycle contains Dzogchen’s pinnacle – the Thogal.
During the full empowerment – called the „Lapislazuli garland“ combined with the „Rain Clouds of Dharmata“ – you should attentively receive the various insignias of the deity and for the Ngakpa practice, since you get all magic stuff there. Moreover, you can receive the so-called „hair empowerment“ for the Ngakpas separately.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Mai 2016

Schwarzer Hayagriva – zornvolles Mitgefühl & wirksamer Schutz

TamdrinNagpoDer Tamdrin Yangthrö Nagpo – der äußerst zornvolle schwarze Hayagriva – wird heutzutage selten praktiziert und ist daher eher weniger bekannt. Dennoch ist diese Praxis für unsere Zeiten genau richtig, da sie in der Lage ist, große Hindernisse zu beseitigen.

Prophezeiung

Hayagriva ist allgemein die zornvolle Erscheinung von Chenrezig, dem Bodhisattva des allumfassenden Mitgefühls und steht auch für die Ebene der Buddha-Rede. Da sanftes Mitgefühl manchmal nicht in der Lage ist, die wildesten Wesen zu bezwingen, manifestiert sich Chenrezig als äußerst zornvoller Hayagriva.
In diesen Zeiten des Niedergangs sind die inneren Elemente der Wesen durch großes Klammern und durch Leidenschaften sehr unausgewogen. Äußerlich bewirkt das Krieg und den Einsatz von biologischen und chemischen Waffen. Aber auch die zunehmende Verunreinigung von Nahrungsmitteln durch Pestizide, Herbizide etc. ist damit verbunden. Viele neue Krankheiten, von denen man oft noch keine genauen Ursachen kennt oder nicht weiß, wie man sie heilen soll, treten auf und Epidemien verbreiten sich sehr rasch. Weiters scheinen Freunde, Ehepartner und Kinder soziale Probleme zu verursachen und versuchen einander zu manipulieren, sodass man nicht mehr weiß, auf wem man noch vertrauen kann. Das führt selbstverständlich auch zu einer weiteren Disharmonie in den äußeren Elementen.
Das Wasser-Element verursacht Fluten, Tsunamis und Wirbelstürme. Das Feuer-Element verursacht Vulkanausbrüche, Trockenheit und Hitzewellen, Wind verursacht Stürme und das Erd-Element verursacht Erdbeben und Erdrutsche. Ebenso erheben sich die verschiedenen Klassen der Geister. Die gesamte Welt, wird äußerst turbulent und gerät außer Kontrolle, egal ob es sich nun um die inneren Elemente bei den fühlenden Wesen oder die äußeren Elemente handelt. Zu diesen Zeiten ist es für Buddhas, Bodhisattvas und zornvolle Gottheiten äußerst schwierig, den Geist der Wesen zu durchdringen. Das ist dann die Zeit, in der Hayagriva in Vereinigung mit Thröma Nagmo in seiner äußerst zornvollen und auch intensiv mitfühlenden Gestalt erscheint. Sein Mandala umfasst neben seiner Gefährtin Thröma Nagmo u.a. auch den Schwarzen Manjushri und den roten Hayagriva.

Praxis-Segen

Der schwarze Hayagriva ist deshalb eine unglaublich wirksame Praxis für turbulente, chaotische Zeiten. Sein Segen wirkt sehr rasch, um wieder Harmonie herzustellen und dem Geist der Wesen zu nützen, sodass die äußeren Elemente zu balancieren, Krankheiten zu heilen und dämonische Kräfte zu beseitigen. Padmasambhava selbst erlangte durch die Praxis des Hayagriva den Zustand der Todlosigkeit.
Padmasambhava übertrug diese Praxis seinen Herzensschülern Yeshe Tsogyal und dem Dharma-König Thrisong De’u-Tsen zur Praxis und beauftragte sie, dies als Schatztext zu verbergen. Das Terma wurde später dann von Dudjom Lingpa entdeckt, der die Emanation von Khye’u-Chung Lotsawa und Guru Dorje Drolö in Person war. Schließlich hat S.H. Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje diese gesamte Praxis zusammengestellt, damit sie leicht zu praktizieren ist.
Der Praxiszyklus umfasst neben der Einweihung, der Aktivitätspraxis und den „niederen Riten“ auch verschiedene kurze Texte zur täglichen Ausführung. Darin befinden sich Praktiken zum Unterwerfen der Nagas oder zum Beseitigen von hartnäckigen Hindernissen.

Wirkung des Hayagriva

Die vereinigte Essenz aller unzähligen Hayagriva-Praktiken findet sich im äußerst zornvollen schwarzen Hayagriva. Dadurch hat er die besondere Kraft, den Geist der Wesen zu durchdringen und all jenen zu nützen, die niedergedrückt, zerrüttet oder verwirrt sind, sowie an verschiedenen Krankheiten leiden. Seine Praxis ist sehr leicht auszuführen und höchst wirksam. Allein schon seine Einweihung zu empfangen und seiner Praxis zu lauschen, unterwirft alle Klassen der Geister. Sich an ihn zu erinnern beseitigt alle falschen Sichtweisen und dämonischen Kräfte an der Wurzel. Sein Bildnis zu berühren, befriedet Plagen und die Leiden der fünf Gifte. Alle die eine Verbindung mit dieser Praxis herstellen, werden den Keim Samsaras zerstören.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. Mai 2016

Tantrisches Erfreuen

Ablauf des Ganachakra-Festmahls

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An wichtigen Tagen des tibetischen Mondkalenders wie z.B. dem 8. Tag, dem 10. Tag, dem 15. Tag oder dem 25. Tag werden längere Gebetsrituale praktiziert. Genauso auch wenn man für längere Zeit in Klausur geht, beginnt man die Praxis mit einer Ansammlung von Verdienst und Weisheit in Form einer Ganachakra-Puja. Das macht man, um sich auf das Retreat vorzubereiten und auch um eine gute Motivation anzusammeln. Dann wird die kommende Praxiszeit gewiss erfolgreich verlaufen. Auch wenn eine Praxisklausur nur von kurzer Dauer ist, wird sie durch das häufige Ausführen von Ganachakra-Ritualen sehr machtvoll sein. Wenn man auf diese Weise mit entsprechender Motivation und Ansammlung praktiziert, dann wird die Klausur gleich einer langen sein. Daher sollte man dafür auch ein Verständnis für diese Praxis und ein Vertrauen in sie haben.
Gewöhnlich besteht eine Ganachakra-Puja aus fünf bis sechs Abschnitten. Nach der Mantra-Ansammlung kann man die Praxis der Schützer ausführen. Das ist optional, aber auf jeden Fall sehr förderlich. Um jedoch ein Ganachakra-Festmahl auch darbringen zu können, müssen zunächst die Samayas – die buddhistischen Gelübde – gereinigt werden. Danach beginnt der eigentliche Teil des Ganachakra-Festes.
Der erste Aspekt besteht darin, dass Opfergabe durch Feuer, Wind und Wasser von den Verunreinigungen durch die gewöhnlichen Konzepte gereinigt werden. Dann werden sie mit den drei Vajra-Silben OM AH HUM verwandelt und vermehrt. Schließlich werden die Gäste für dieses Festmahl eingeladen. Dann wird der erste Teil des Ganachakra-Festmahls den hohen Wesen – der Meditationsgottheit und den Buddhas und Bodhisattvas – dargebracht. Der zweite Teil wird als Bekenntnis geopfert. Dann folgt der dritte Teil als Akt der Befreiung. An dieser Stelle werden die Konzepte und Hindernisse, personifiziert durch Rudra, in die reine Natur des Geistes befreit und die restlichen Skandhas werden dem Mund der Gottheit dargebracht. Als vierter Teil werden die tatsächlich aufgestellten Gaben in fester und flüssiger Form, die die fünf Geschmäcker und fünf Farben enthalten sollten, von den Anwesenden empfangen. Zunächst wird der dem Ritual vorsitzenden Person geopfert und dann allen anderen anwesenden Praktizierenden, die in ebenfalls in reiner Form als Mandala-Gottheiten geschaut werden. Schließlich wird ein Teil der Ganachakra-Speisen den Übriggebliebenen dargebracht. Dies wird allgemein als „Resteopfer“ bezeichnet. Damit sind meint man aber nicht, dass man die angebissenen Reste hinauswirft. Vornehm und edel ist es, wenn man vor der Verteilung der Ganachakra-Speisen an die versammelte Gemeinschaft einen Teil davon für das Resteopfer separiert. Schließlich gibt jede anwesende Person noch einen Teil selbst dazu. Manchmal kann allerdings auch der Ganachakra-Anteil der vorsitzenden Person als Resteopfer dargebracht werden.

Die Übriggebliebenen

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Das Resteopfer wird im Tibetischen als „Lhagma“ (tib., lhag ma) bezeichnet. Die Wesen, die diese Gabe empfangen, werden „Lhag Drön“ (tib., lhag mgron) genannt. Diese bestehen aus den 28 Ishvaris (tib., dbang phyug), den 32 Dakinis (tib., mkha‘ ‚gro), den 18 Großen Ging (tib., ging chen), den 16 Lankas (tib., lang ka), den 8 Barma (tib., ‚bar ma brgyad), den 7 Müttern (tib., ma), den 4 Schwestern (tib., sring), den 360 Dienern (tib., pho nya), den 4 Großen Königen (tib., rgyal chen), den Schützern der 10 Richtungen (tib., phyogs skyong), den Devas und Nagas (tib., lha glu), den 28 Wesenheiten der Planeten und Sterne (tib., gza‘ skar) und den 9 Furchteinflößenden (tib., ‚jigs byed).
Zusätzlich gibt es noch 75 Glorreiche Beschützer (tib., dpal mgon), die 12 Tenma-Schwestern (tib., brtan ma) und die 13 Gul-Lha (tib., mgul lha), sowie weitere weltliche Beschützer, die unter dem Befehl stehen oder durch Eide gebunden sind. Alle diese Gottheiten sind zum Teil Weisheitswesen und zum anderen Teil weltliche Gottheiten. Ihnen ist nur gestattet, die Überreste (tib., lhag ma) zu konsumieren und nicht vom Hauptteil der Ganachakra-Speisen (tib., tshogs phud).

Sechsfaches Erfreuen

Durch das Ganachakra werden sechs Arten des Erfreuens vollbracht.
Zunächst werden durch die vollkommene Sichtweise, die man während des Ganachakras beibehält, erfreuen sich die Wurzel- und Linienlehrer.
Dann werden durch die Kraft der meditativen Versenkung die Meditationsgottheiten erfreut.
Durch das reine Samaya, das die Praktizierenden beim Ganachakra halten, werden die Dakinis und Dharma-Schützer erfreut. Indem sich alle beim Festmahl Anwesenden als Wesen im selben Mandala und als Gottheit verstehen und die Art, wie man auf diese Weise miteinander verbunden ist, werden alle Dakinis erfreut. Durch die tantrischen Samaya-Handlungen, von denen alle durch Meditation in die höchste Sicht integriert werden, werden die Dharmapalas zufriedengestellt. Indem man dasselbe Samaya während des Empfangens der Lehren hält, mit demselben Lehrer ist und sich im selben Mandala mit den Vajra-Geschwistern befindet, wird das gesamte Mandala zufriedengestellt.
Die Praktizierenden selbst werden durch das Erfreuen an Speise und Trank zufriedengestellt. Man genießt die Ganachakra-Substanzen, einschließlich Fleisch als Repräsentant für geschickte Mittel und Alkohol als Repräsentant für uranfängliche Weisheit.
Durch die Gabe der Reste werden die eingeladenen Gäste, die äußeren und inneren Ortsschützer, welche durch Eide gebunden sind, zufriedengestellt.
Und schließlich werden durch das Singen von Vajra-Lieder die Dakinis der 21 und 32 heiligen Plätze erfreut.

Körper als Mandala

Gemäß der Sicht im Vajrayana sehen die Praktizierenden den Körper als Wohnstätte der Mandala-Gottheiten an. Auch werden alle Phänomene als Manifestation der Meditationsgottheit betrachtet, alle Klänge als Mantra gehört und alle Gedanken als Ausdruck der letztendlichen Natur des Geistes erkannt. Somit existieren in der Sicht der Vajrayana-Praktizierenden zahllose Gottheiten, sowie Dakas und Dakinis in unseren Körpern. Wenn jedoch Wissenschaftler mit ihren Instrumenten in den Körper blicken, dann sehen sie zahllose winzige Wesenheiten und keine Dakas und Dakinis. Das hat einfach damit zu tun, dass sie eben nicht die Sicht darüber verfügen.
Tantrische Praktizierende sehen jedoch unzählige Gottheiten und Dakinis. Und diese werden durch den unerschöpflichen Nektar uranfänglicher Weisheit der symbolischen Ganachakra-Substanzen genährt. Dadurch wird das Ganachakra-Festmahl zu einer sehr machtvollen Praxis.

Nach einer Belehrung von Lama Tharchin Rinpoche, ergänzt durch weitere Belehrungen zum Ganachakra von anderen Lehrern und Quellen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Mai 2016

Ein tantrisches Festmahl

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Die tiefgründigste Methode für die Ansammlung von Verdienst und Weisheit ist im Vajrayana ein Ganachakra-Festmahl (tib., tshogs). Diese Zeremonie schafft eine wunderbare Gelegenheit für die Praktizierenden, zumindest ein wenig zu verstehen, dass sie nicht länger mehr gewöhnliche fühlende Wesen sind. Üblicherweise haben wir ja nicht die geringste Ahnung davon, dass wir eigentlich Gottheiten[1] sind, daher sind wir ohne dieses Vertrauen immer nur gewöhnlich. Beim Ganachakra-Festmahl haben die Praktizierenden die Möglichkeit vorzugeben, dass sie Gottheiten sind. Das ist der Anfang der reinen Schau (tib., dag snang). Wenn man also versteht, dass wir Gottheiten sind, dann erschaffen wir ein reines Mandala und durch diese Erfahrung können wir Erleuchtung erlangen.

Nur im Vajrayana

Die Praxis des Ganachakra-Festmahls gehört einzig zum Pfad des Tantra, dem Vajrayana. Weder die Pfade des Hinayana noch des Mahayana haben eine Vorstellung, wie man ein Ganachakra ausführt. Es ist eine machtvolle Praxis, weil sie uns über die gewöhnlichen Konzepte hinausführt. Das Training im Sutrayana bezieht sich immer auf den Geisteszustand. Gemäß dem Sutrayana sollten wir immer Dinge opfern, von denen wir denken, dass sie nett oder schön sind, wie Räucherwerk, Blumen, die drei Weißen (Milch, Joghurt und Butter) oder die drei Süßen (Honig, Zucker und Melasse). Wir können im Sutrayana keine Dinge wie Fleisch oder Alkohol opfern. Außerdem sind die Praktizierenden meistens Mönche oder Nonnen gemäß der Sutrayana-Tradition und diese praktizieren häufig nicht gemeinsam. Gemäß dem Vajrayana können die Praktizierenden auch Yogis oder Yoginis sein und eine Zusammenkunft für ein Ganachakra-Festmahl beinhaltet sowohl Männer wie auch Frauen. Das Sutrayana bezieht sich auf die äußere Ebene und fokussiert auf speziell vorgeschriebene Handlungen. Die Praxis des Vajrayana gleicht alle diese Konzepte aus und nivelliert sie.

Sichtweise und Konzepte

Eine Geschichte von Lama Tharchin soll das veranschaulichen. Vor ein paar Jahren kam ein Besucher aus Europa zur Ganachakra-Puja. Er sah sehr „professionell“ aus, war wie ein Yogi gekleidet, hatte einen Haarknoten und trug einen Meditationsgurt. Als der Lama ihn zum ersten Mal erblickte, dachte er sich: „Wow! Ein echter Yogis ist heute gekommen!“ Dann machten sie alle gemeinsam eine Ganachakra-Puja. Lama Tharchin blickte weiter in das Gesicht des Yogis. Das war ziemlich hart, viele Muskeln waren sehr angespannt. Am Ende des Ganachakra-Festmahls kam der Yogi zum Lama und sagte: „Siehst du dich selbst als Buddhist?“ Lama Tharchin antwortete: „Ja, schon irgendwie.“ Der Yogi: „Was denkst du dir dabei, du ist Fleisch und trinkst Wein?! Nicht nur das, sondern du stellst sie auch auf den Schrein! Wie bringst du das alles mit der buddhistischen Philosophie in Einklang?“ Der Yogi war wirklich aufgebracht! Lama Tharchin empfand, wenn er seine Frage beantworten würde, dann würde es den Yogi wohl umhauen, also sagte er bloß: „Ja, wir sind einfach ein paar schlechte Buddhisten hier.“ Dann fragte ein anwesender Khenpo, es war Khenpo Orgyen Thinle Rinpoche, der neu dabei war und nicht viel Englisch sprach, was geredet worden war. Nachdem Lama Tharchin ihm das erzählt hatte, meinte er: „Das ist wirklich eine gute Antwort! Kein weiteres Argument.“
Was mit diesem Mann jedoch wirklich geschah, er hatte einfach Konzepte, dass Buddhisten kein Fleisch essen und keinen Wein trinken. Das war deshalb so, weil er nur Sutrayana-Buddhismus kannte. Er hatte überhaupt keine Ahnung vom Vajrayana und glaubte nicht an seine Traditionen. Das Ganachakra-Festmahl ist auch sehr speziell, weil der Kern des Buddhadharma nicht äußerlich ist. Indem man die Praxis des Ganachakra ausführt, kann man wirklich Resultate erzielen. Wenn man die eigene Praxis nur auf einer äußerlichen Handlungsebene bleibt, dann ist das etwas, was Patrul Rinpoche als „Weißes Samsara“ bezeichnet hat. Es ist nicht wirklich negativ, weil man Heilsames praktiziert, aber diese Art der Übung basiert noch immer auf einem dualistischen Standpunkt. Vielleicht trifft man eine Entscheidung, dass die Opfergabe der drei Süßen und der drei Weißen eine reine Gabe ist, während die Opferung von Fleisch und Alkohol eine unreine Opfergabe ist. Während das Darbringen dieser Gaben heilsam ist und somit einen positiven Effekt hat, wird eigentlich eine dualistische Geisteshaltung beibehalten. Natürlich dient das Sutrayana als Grundlage für das Vajrayana, aber wie kann man jetzt gegen die Grundlage sein, wo doch das ganze Gebäude darauf fußt? Wenn man jetzt dagegen wäre, dann wäre das auch Dualismus. Aber es ist besser, nicht auf einer äußeren Praxisebene festzustecken, die auf spezielle Handlungen fokussiert. Wir müssen wirklich unseren Geist prüfen. Wer ist der Wahrnehmende? Wer trifft diese Entscheidung, dass ein Ding rein und ein anderes unrein ist? Wer akzeptiert nicht, dass Fleisch und Alkohol eine Opfergabe an die Mandala-Gottheiten sind?

Geschickte Mittel

Das Vajrayana hat sehr machtvolle Techniken, die es ermöglichen, direkt die uranfängliche Weisheit zu erkennen. Da gibt es Techniken, um alle diese dualistischen Konzepte zu befreien, alles auszugleichen, einschließlich der drei Weißen und drei Süßen und Fleisch und Alkohol – ohne irgendetwas anzunehmen oder zurückzuweisen. Dieser Ort ist die Grenze des Geistes, der Ort, wo die dualistischen Gedanken verschwinden. Wenn wir unsere Praxis bis zu diesem Punkt bringen, dann kann sie wirklich sehr machtvoll sein. Wenn wir auf einer objekthaften Ebene bleiben, dann treffen wir Urteile wie: „Die Gottheiten mögen kein Fleisch und keinen Alkohol. Sie mögen die drei Weißen und die drei Süßen.“ Das macht die Gottheiten dann zu etwas sehr Gewöhnlichem oder Weltlichem. Wenn die Gottheiten ein paar Opfergaben akzeptieren und andere zurückweisen, wie ist diese Gottheit dann wirklich von uns verschieden? Wenn wir über alle diese Konzepte und diskursiven Gedanken jenseits des Annehmens und Zurückweisens hinausgehen, dann haben die tantrischen Substanzen wie die fünf Fleische die Macht, die Verwirklichungen, die Siddhis, rascher herbei zu ziehen. Es gibt auch fünf Substanzen uranfänglicher Weisheit, die wie eine Lampe fungieren, die die Fähigkeit hat, dass unsere Weisheit erstrahlt und glänzt. Diese uranfängliche Weisheit erscheint mächtiger ohne Anzunehmen und Zurückzuweisen, einfach durch Entzerren, durch Ausgleichen. Diese Art der höheren Sichtweise und Ansammlung von Verdienst ist viel mächtiger als andere Techniken, die nur auf äußerliche Handlungen fokussieren, weil der Fokus selbst nichts anderes als der konzepthafte Geist ist.

Zusammengestellt aus einer Belehrung von Lama Tharchin Rinpoche. Das nächste Mal schildere ich den Ablauf des Ganachakra-Festmahls sowie die Wesen, an die das Resteopfer geht und das sechsfache Erfreuen. Bleibt dran!

[1] Damit sind Meditationsgottheiten gemeint, die eben ein Ausdruck der Buddha-Natur sind.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. Mai 2016

Butterlampenopfer

ButterlampenopferButterlampen zu opfern ist eine sehr machtvolle Opfergabe, weil ihr Licht Weisheit symbolisiert. So wie eine Lampe die Dunkelheit vertreibt, repräsentiert das Opferlicht von einer Butterlampe das Beseitigen der Dunkelheit der Unwissenheit, um die leuchtend klare Buddha-Weisheit zu erlangen. Das Lampenopfer ist eine Opfergabe der Sinne an die Augen des Buddhas. Da die Augen Buddhas Weisheitsaugen sind, haben sie nicht die Extreme von Klarheit oder Nicht-Klarheit. Unsere gewöhnlichen Augen sind jedoch von der Dunkelheit der zwei Befleckungen – den groben emotionalen Störungen und den subtilen gewohnheitsmäßigen Befleckungen – verschleiert. Während der Buddha keinen Wunsch nach Opfergaben hat, opfern wir zum Zweck unserer Ansammlung von Verdienst und Weisheit. Durch die Kraft dieser Ansammlung können wir die Starre in unseren Augen der Unwissenheit beseitigen, um Buddhas überragende lichthafte Weisheitsaugen zu erlangen.

Nutzen des Lichtopfers

Wenn wir Licht opfern, dann sind die Ergebnisse die Erkenntnis der Weisheitsphänomene des Klar-Lichts in diesem Leben, die Klärung des dualistischen Geistes und das Beseitigen der Verwirrung und Erkenntnis des Klar-Lichts im Bardo und das Vermehren von Weisheit in jedem Leben, bis man Erleuchtung erlangt hat.
Traditionell werden Butterlampen auch als Widmung an die Toten dargebracht, um sie mit dem Weisheitslicht durch den Bardo zu geleiten. Wir können auch beten, dass dieses Licht alle Wesen der sechs Bereiche führt, ihre Verschleierungen beseitigt, sodass sie zu ihrer wahren Natur erwachen. Mit aufrichtigem Vertrauen und aufrichtiger Hingabe visualisieren wir, dass mit unseren Opfergaben zahllose Opfergöttinnen allen erleuchteten Wesen unermesslich viel Licht darbringen.

Von Lama Tharchin. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2016). Möge es von Nutzen sein!

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