Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. März 2021

Rechte Sicht und Natur des Geistes

Maßgebliches Verstehen durch den Weg der Sicht

Das Mysterium des Geistes, das ursprüngliche Gewahrsein selbst, ohne von irgendjemandem verändert worden zu sein, ursprünglich ohne Basis oder Wurzel, ist die große Weite, die alle Zeichen von Stofflichkeit völlig transzendiert und frei von begrifflichen Vorstellungen ist. Daher wird seine essentielle Natur als leer bezeichnet.

Die manifeste Natur des ursprünglichen Gewahrseins ist dem “ Unterbewusstsein“ weit überlegen, denn es heißt, dass das Unterbewusstsein die Grundlage für alle Arten von zufälligen guten und schlechten gewohnheitsmäßigen Neigungen ist. Diese manifeste Natur des ursprünglichen Gewahrseins ist auch einem begriffslosen Geist und anderen ethisch neutralen, nicht-begrifflichen Zuständen wie den fünf Modi des sensorischen Bewusstseins überlegen. Seine unveränderliche, natürliche Lichtheit ist ursprünglich frei von allen Verunreinigungen der Begrifflichkeit und Verdunkelungen. Von dem Moment an, in dem es erfahren wird, ist der Aspekt seiner unveränderten, ursprünglichen, essentiellen Natur, der in der Art einer inneren Lichtheit erkennt, das spontan verwirklichte große Wesen, das aus sich selbst heraus entsteht. Seine manifeste Natur wird also als Lichtheit bezeichnet.

Es ist nicht so, dass Leerheit und Lichtheit nur in einer Art gegenseitiger Abhängigkeit vorhanden sind, sondern es ist für sie allgegenwärtig unmöglich, auch nur das kleinste bisschen von der essentiellen Natur des einen Geschmacks, der ursprünglich untrennbar ist, abzuweichen. Das nach außen leuchtende ursprüngliche Bewusstsein, das die natürliche Kreativität der großen Vereinigung von ursprünglichem Gewahrsein und Leerheit ist – unveränderlich und erhaben – ist völlig frei von Voreingenommenheit oder Parteilichkeit. Wenn du es erkennst, bist du ein Buddha, und wenn nicht, bist du ein fühlendes Wesen. Unaufhörlich ist sie das, woraus alle Arten von phänomenalen Welten, zusammen mit allem, was sich auf ihnen bewegt, entstehen können. In seiner grundlegenden Natur ist es ursprünglich allgegenwärtig und allumfassend, ohne sich irgendwo zu befinden. Deshalb wird es alldurchdringendes Mitgefühl genannt.

Alle Phänomene, die als solche Ausdrucksformen der Schöpferkraft erscheinen, sind verschieden, ohne miteinander verschmolzen zu sein, aber sie sind nichts anderes als die eigentliche Natur der Existenz, die Vereinigung von ursprünglichem Gewahrsein und Leerheit. So werden die drei Aspekte [der Leerheit, der Lichtheit und des alles durchdringenden Mitgefühls] als die große Untrennbarkeit bezeichnet.

Dies ist weder eine Leerheit, die als Spur übrig bleibt, nachdem die Verdinglichung zerstört wurde, noch ist es der klare Geist desjenigen, der das versteht, noch ist es etwas Belangloses wie die bloße Vereinigung eines Objekts, das zuerst kommt, und eines Subjekts, das später kommt. Die essentielle Natur des ursprünglichen Gewahrseins, frei von begrifflichen Ausführungen, die durch nichts verändert werden kann, ist immer schon leer gewesen. Sie ist frei vom Intellekt, selbst-entstehend, innerlich leuchtend, und ihre Natur wird von niemandem entworfen. Nicht nur, dass unterschiedliche Dinge – wie Objekte, die zuerst kommen, und Subjekte, die später kommen – schon immer untrennbar waren, sondern welcher Buddha oder welches fühlende Wesen könnte jemals etwas leer machen, oder etwas leuchtend machen, oder diese beiden miteinander verbinden? Das, was unverändert, einheitlich und unveränderlich ist, was nicht das geringste Bedürfnis hat, gemacht oder verbunden zu werden, kann von keinem zufälligen Intellekt identifiziert werden (wie z.B. einem, der die bloße Abwesenheit von wahrer Existenz wahrnimmt), geschweige denn von einem Intellekt, der nach wahrer Existenz greift! Selbst wenn es möglich wäre, was würde es nützen?

Obwohl es also nicht den geringsten Hinweis auf etwas zu Erkennendes und etwas, das es erkennt, gibt, wird es in sich selbst erkannt. Alle Fehler, sich darüber zu wundern, was es ist und was es nicht ist, werden natürlich von innen heraus beseitigt. So gibt es keinen Raum für schwankende Ungewissheit. Aber wenn dies nicht geschieht, was hat es dann für einen Sinn, irgendetwas mit dem begrifflichen Etikett der „ursprünglichen Reinheit“ zu versehen? Das Beste ist, es so zu realisieren, wie es ist. Das Mittlere ist, dass eine feine Erfahrung davon in dir selbst entsteht. Zumindest ist es unerlässlich, ein entschlossenes Verständnis des geheimen, entscheidenden Punktes zu erlangen, der ganz anders ist als andere geistig erfundene philosophische Systeme, die mit Zeichen arbeiten.

Wenn sich ein qualifizierter Schüler und ein Lehrer treffen, ist es außerdem in der Vergangenheit vorgekommen und geschieht auch jetzt noch, dass zur Zeit der Ermächtigung und so weiter, auch aufzeigende Anweisungen gegeben werden. Auch wenn es gerade nicht so geschieht, so werden diejenigen, die die Lehren, von den Vorübungen bis zu diesem Punkt, erklären und anhören, durch diese Zusammenstellung von Kernanweisungen, wenn sie sie aufrichtig in die Praxis umsetzen – und nicht nur ein Lippenbekenntnis ablegen – mit diesen Methoden sicherlich Einsicht gewinnen. Insbesondere ist es besser, eine kurze Sitzung mit edler Verehrung und Hingabe für den Guru zu praktizieren, als lange Zeit andere Geistestrainings durchzuführen. Ohne sich also in viel Grübeln zu ergehen, ist es sicherlich ausreichend, diese eine Methode zu praktizieren, um die tatsächliche Natur des Geistes zu erkennen, mit einer einzigartigen Haltung der Ehrfurcht und Hingabe zum Guru. Wenn du dich zu allen Zeiten und auf alle Arten bemühst, wird es großen Nutzen geben, ohne jeglichen Nachteil. Auf der anderen Seite, wenn du deine Hoffnungen in das setzt, was irgendein Gott, Dämon oder alter Mann zu sagen hat, oder in irgendeine Weissagung, wer weiß, was dann passieren wird?

Wenn du davon schwadronierst, dass es niemanden gibt, der sieht und nichts zu sehen ist, würden das Phänomen und das Individuum voneinander weggerissen werden, was gäbe es dann noch zu erkennen? Solche Menschen kehren dem Dharma definitiv den Rücken zu. Deshalb widme dich von jetzt an bis zum Ende deines Lebens den feinen Gebeten für deine authentische Verwirklichung der tatsächlichen Natur des Geistes.


Übersetzt aus „Open Mind: View and Meditation in the Lineage of Lerab Lingpa“ von Alan B. Wallace; deutsche Übersetzung Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2021). Möge es von Nutzen sein!


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