Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. Februar 2021

Vajrakilaya – aktives Mitgefühl

Die Praxis von Vajrakila ist eine in Tibet allseits beliebte Praxis um Hindernisse abzuwehren. Als Guru Rinpoche auf dem Weg nach Tibet war, machte er in Nepal Station. Das Land wurde gerade von zahlreichen Schicksalsschlägen und Naturkatastrophen heimgesucht. Er schickte zwei seiner Begleiter zurück nach Indien mit dem Auftrag, die Schriften des Vajrakilaya zu bringen. Als diese auf ihrer Rückkehr die Grenze nach Nepal überschritten, hörten die Plagen sofort auf. So mächtig war allein schon die Anwesenheit der Schriften des Vajrakilaya.

Alljährlich finden daher am Ende des tibetischen Jahres verschiedenste Rituale und Praktiken im Kontext des Vajrakilaya statt, um die Hindernisse des vergangenen Jahres zu beseitigen. Hier folgt eine Serie von Videos zu einer kurzen Praxis des Vajrakilaya. Die Erklärungen zum Beginn einer Ermächtigung in Vajrakilaya sind von Garchen Rinpoche. Sie dienen auch zur Klarstellung, dass Vajrakilaya wie jede andere Meditationsgottheit im Vajrayana manifestiertes Mitgefühl zum Wohle der Wesen ist.

In der Tat gibt es heutzutage Anlass zu meinen, dass mit dieser Welt einiges nicht in Ordnung ist. Doch diese Probleme sind – verglichen mit den anderen Bereichen von Lebewesen – gering. Im Vergleich zu den anderen Bereichen ist der menschliche Bereich geradezu ein Paradies. Ob es einem gut oder schlecht ergeht, ist die Folge eigenen Tuns. Wir nennen dies Karma – die Auswirkung des eigenen Tuns. Diese Gesetzmäßigkeit sollte man mit großer Freude zu Kenntnis nehmen, denn liebevolle Grundhaltung, Freundlichkeit, fördert eigenes Glück zu Tage. All das Unheil, die Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten kommen von nichts anderem als von einer Geisteshaltung, die von Ärger, Gier oder Neid geprägt ist. So sind die Lebensbereiche in dieser Welt, auch die nichtmenschlichen Bereiche, durchzogen von allen Arten von Leiden. Auch wenn es darin Freude gibt, ist auch diese von dem Makel der uns ständig überwältigenden Geistesstörungen geprägt, die uns wie Schatten folgen. Die Lebewesen darin sind wie Wesen, die vergifteten Reis gegessen *haben. Gelingt es einem, die Folgen des eigenen Tuns zu beachten, vermeidet man alles Schädliche, das aus der Motivation des Ärgers oder der Gier resultiert und vollbringt man freundliche, gute Taten, dann wird diese Welt juwelengleich und kostbar. Überprüft man die Welt auf die verschiedenen Meinungen und Lebensweisen, gibt es zwei verschiedene Arten zu nennen: 1. Es gibt die weltliche Art und Weise mit der Welt umzugehen 2. und es gibt die Sichtweise der Religion, die die Welt erkennt, wie sie wirklich ist und dementsprechend mit ihr umgeht. Das Ziel beider Sichtweisen ist das gleiche. Jeder trachtet ausnahmslos danach, Freude zu erlangen und Unglück zu vermeiden. Allein die Mittel und Wege sind verschieden. Während die Religion versucht, eine Methode zu finden, wie sich im eigenen Bewusstsein bereits der Anfang von Unglück vermeiden lässt und wie Freude im eigenen Bewusstsein zu Tage zu fördern ist, trachten die weltlichen Lebensweisen danach – auch unterstützt von Wissenschaft und Technik – äußere Bequemlichkeit zu erlangen. Wenn es nun gelänge, beide Lebensweisen zu vereinen, dann wäre es so, als ob man mit zwei Augen sehend durch die Welt ginge und alles würde zum Rechten werden. 

Garchen Rinpoche

In Tibet gab es den großen Gelehrten Atisha und es gab parallel eine große Vielzahl an Übersetzungsaktivität. Diese Übersetzer haben sich den unterschiedlichsten Praktiken gewidmet und deshalb wurde die Frage an Atisha gestellt: ,,Wenn es schon so eine nicht überschaubare Vielzahl von Gottheiten gibt und jede einen eigenen Fundus von Literatur aufweist, wie soll man all jene in eine Übung umsetzen?“ Er antwortete : ,Gegründet auf das Verständnis von Bodhicitta, jener Art von Herzenseinstellung, die sich ausrichtet an den Gesetzmäßigkeiten dieser Scheinwelt dieses Lebens und ausrichtet an den Gesetzmäßigkeiten der eigentlichen Wirklichkeit, mit diesen zwei Arten von Bodhicitta sollte man diese Gottheiten praktizieren, die alle vom Wesen her eins sind. Übt man eine auf diese rechte Weise, so sind alle anderen darin enthalten.“ So ist eine solche Einweihung ein geschicktes Mittel, das uns ,heranreifen‘ Iässt.

Garchen Rinpoche

Was aber soll hier reifen? Es geht um jenen Zustand, in dem wir und alle anderen Lebewesen sich befinden, der als ,unreif‘ bezeichnet wird. Deshalb, weil unser ureigenstes Potential zum Erlangen vollständigen Erwachens, sozusagen unser Buddha-Erbgut, sich momentan in einem nicht sichtbaren Zustand befindet, in uns irgendwo verborgen ist. Es ist wie eine Knospe, die unreif ist im Vergleich zu einer voll erblühten Blume. Aus dieser Knospe kann bei den richtigen Bedingungen eine volle Blüte entstehen. In diesem Sinne sind wir im Moment unreif, da das vollkommen erwachte Bewusstsein in uns verborgen schlummert. Doch sind wir in der Lage, dieses schlummernde Potential soweit zu entwickeln, dass wir wie eine vollentfaltete Blüte werden können, in deren Zentrum sich nährender Honig befindet. Man nimmt dann den Sitz eines Königs ein und reift zu vollständiger Selbständigkeit heran. Im Grunde sind alle Lebewesen mit dieser Fähigkeit begabt. Alle tragen die Fähigkeit zur vollkommenen Erleuchtung in sich, sind Erbnachfolger eines Königs. Doch so lange sie nicht eingeführt sind in Amt und Würde, solange nützt dem jungen Prinz sein Status nichts. Nimmt er die Gelegenheit nicht wahr, den Sitz einzunehmen, dann hat er die Chance vertan. So müssen wir die in uns schlummernde Fähigkeit zur Erleuchtung freisetzen.

Garchen Rinpoche

So ist Abisheka das, was uns in Körper-Rede-Geist heranreifen Iässt, bis wir unseren eigenen Sitz als Buddha einnehmen und zur vollkommen Selbständigkeit heranreifen können. Dann ist man im Besitz aller Fähigkeiten, um zum Wohle aller Lebewesen wirken zu können. Einige mit begrenzten Fähigkeiten glauben, dass es irrsinnig ist anzunehmen, dass man die Fähigkeiten eines Buddha bekommen könnte, und sie verschließen ihre Ohren und sind daher nicht empfangsbereit. Doch jene, die das verstehen, wenn von dem Potential, das in uns schlummert, die Rede ist, nehmen mit Freude zur Kenntnis, dass diese Fähigkeiten in ihnen angelegt sind und sie durch Einweihung und die geschickten Methoden, die zur Befreiung führen, in die Lage kommen, diese Fähigkeiten freizusetzen. Übt man diese befreienden Methoden nach so einer Einweihung, dann ist man in der Lage, seinen eigenen unreifen Zustand von Körper-Rede und Geist in den erleuchteten Zustand von Körper-, Rede und Geist eines Buddhas zu überführen. Dies ist das Grundprinzip aller Einweihungen. Man ist nicht mehr ohnmächtiges Opfer der eigenen Geistesverwirrung, die einen in die verschiedenen Daseinswelten treiben. 

Garchen Rinpoche

Was ist die Ursache, dass wir jetzt in einem unreifen Zustand sind? Was umgekehrt mag die Ursache dafür sein, dass sich dieser unreife Zustand wandelt und zur Reifung gelangt? 

Nun, beides ist Bewusstsein. Sowohl unsere Unreife ist durch die Geisteshaltung verursacht genau so wie der Zustand der Reife. Es ist die Geisteshaltung von Selbstsucht, die von dem Vorhandensein eines persönlichen ICH ausgeht, die den Zustand der Unreife kennzeichnet. 

Welche Einstellung ruft nun die Reife des Geistes hervor? Es ist jene, die sich auf das Wohl aller Lebewesen ausrichtet, die das Glück aller Lebewesen zum Ziel hat. Dies führt uns zur Reife, vergleichbar mit der Wärme der Sonne, die das Eis zum Schmelzen bringt. Am Anfang ist das Eis nichts anderes als gefrorenes Wasser. Und die Einstellung des Bodhicitta ist genau das, was dieses Eis wieder in Wasser verwandelt. So ist Bodhicitta am Anfang, in der Mitte und am Ende. 

Garchen Rinpooche

Zusammengestellt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2021). Möge es von Nutzen sein!


Responses

  1. Hallo Enrico,

    Gibt es einen Text zu dieser Praxis

    Ich bin in Brandenburg, und praktiziere fand aber keinen Text der zu deiner Praxsi passt wäre schön danke

    LG

    Peter Becker

    • Lieber Peter,
      du findest ein paar kurze Sadhanas des Vajrakilaya bei den Downloads hier am Blog. Den zu dieser passenden Text kann ich dir gerne auf extra Anfrage per eMail zusenden. Dann bekommst du auch die mp3-Datei mit der Leseübertragung.


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