Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Januar 2021

Guru Yoga & Sampa Lhündrub

„Oh großer Meister! In jeder deiner geheimen Mantra-Belehrungen hast du erklärt, dass das Einhalten der Samaya-Gelübde von entscheidender Bedeutung ist. Und von diesen Gelübden, so hast du gesagt, ist das Gebet zum Meister das allerwichtigste. Da dem so ist, bitten wir dich, der du ein Buddha bist, sowohl für uns als auch für zukünftige Generationen: Lehre uns ein Gebet, das wir am Morgen und am Abend sprechen können, mit wenigen Worten und prägnanter Bedeutung, ein Gebet, das lebendiges Vertrauen und Freude weckt, das uns mit kraftvollem Segen erfüllt und das, wenn gewöhnliche Menschen, die nicht mit großer Intelligenz begabt sind, seine Worte als eindringliche Bitte verwenden, den Weisheitsgeist der Gottheiten des geheimen Mantrayāna anruft und dazu führt, dass wir den Segen von dir, dem Guru, empfangen.“

Aus dem 1. Kapitel des Le’u Dünma – Das Gebet in Sieben Kapiteln an Guru Rinpoche

Als der Meister Padmasambhava in das Land der Rakṣasa-Kannibalen im Südwesten, auf den Gungthang-Höhen, aufbrach, warf sich der Prinz Mutri Tsenpo vor ihm nieder und umschritt ihn. Er setzte die Füße des Guru auf den Scheitel seines Kopfes, umklammerte den Saum seines Gewandes und stimmte mit tränenüberströmtem Gesicht folgenden Trauergesang an:

„Kyema! Oh Guru Rinpoche! In diesem letzten fünfhundertjährigen Zeitalter haben sich hier in Gungthang, in Mangyul, entlang dem Schneegebirge, meine Familie und meine Linie niedergelassen. Wenn wir auf die Stufe gewöhnlicher Menschen herabsinken und ins Elend gestürzt werden, habe Erbarmen mit den Königen Tibets! An wen wird meine Familie sich wenden? Kampf und Gewalt werden weit verbreitet sein. Die großen abgelegenen Einsiedeleien werden niedergerissen, Berge und Täler werden zu Treffpunkten von Banditen. Wenn niemand Zeit hat, das Dharma zu praktizieren, werden die Meister und ihre Schutzherren in Schwierigkeiten und Not geraten. Habt Erbarmen mit jenen, die in zukünftigen Zeiten voll Vertrauen sind! Tempel werden zu Schlachtfeldern; heilige Objekte, Statuen, Texte und Stupas werden zerstört; Sakralgegenstände werden von Laien entweiht;abgelegene Einsiedeleien werden widerhallen von den Beschwörungsformeln der Zauberer. Wenn Klöster und Tempel am Rande der Vernichtung stehen, wird die gesamte Kultur des Buddhadharma vom Ruin bedroht sein. An wen können wir uns dann um Schutz für das Dharma wenden? Die Großen und Verehrungswürdigen werden vergiftet, die Mächtigen werden ermordet, die Besten werden von den Gesetzlosen auf die niederste Ebene hinabgezerrt; wenn liebste Freunde uns betrügen, habe Erbarmen mit den königlichen Ministern Tibets! Wem kann der König dann noch vertrauen?

Krankheit, Krieg und Hungersnot werden sich ausbreiten; Armeen aus den angrenzenden Ländern werden eindringen; Geister, Hindernisbereiter und Jungpo-Dämonen werden plötzlich überhand nehmen. Wenn alles Unerwünschte sich ereignet, habe Erbarmen mit den Tibetern in ihrem Leid! An wen können sie sich wenden, fühlende Wesen ohne Beschützer? Trisong Detsen ist verstorben; der Guru ist auf dem Weg nach Orgyen; Mutri Tsenpo wird in Tibet allein gelassen sein! Das Leben des Königs, meines Vaters, endete vorzeitig; so sei es! Das Mitgefühl des Guru ist so gering; so sei es! Mein Verdienst ist so spärlich; so sei es! Die Klöster und Lehren scheitern; so sei es! Das Glück des tibetischen Volkes ist zu Ende; so sei es! Warum nur starb Mutri Tsenpo nicht, als mein Vater und der Guru noch hier waren? Auf wen kann ich mich nun verlassen? Wer wird mir liebevolle Ratschläge erteilen? Wen kann ich um Belehrungen bitten? Wer wird, wenn ich sterbe, mein Bewusstsein übertragen? Wer wird im Bardo mein Leid beseitigen? Wer wird, wenn ich tot bin, die Praktiken ausführen, um meine Verdunklungen zu reinigen?

Kyema! Kyihü! Welch kärgliches Mitgefühl!“ Als er dies sagte, entrang sich dem Prinz ein schmerzerfülltes Seufzen und er wurde ohnmächtig.

Der Meister Padmakara spuckte in sein Ohr und er kam wieder zu Bewusstsein. Sanft legte er den Kopf des Prinzen in seinen Schoß. Dann sprach er:

„Höre, König von Tibet, Vertrauensvoller! Mein glücklicher, mein hingebungsvoller Sohn! Wisse, dass Trisong Detsens Leben sein natürliches Ende erreicht hatte. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets. Ich werde weiterhin zum Wohle Tibets kommen, jenen, die Hingabe haben, werde ich persönlich erscheinen, um das Dharma zu lehren. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets. All deine negativen Handlungen und Verdunklungen, ausnahmslos, werden ohne Zweifel gereinigt werden, wenn du nur mein Gesicht siehst. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.

In diesem Leben, im nächsten und im Bardo-Zustand wirst du mir wieder und wieder begegnen, und dein Leiden wird beseitigt werden. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets. Du wirst in sechzehn Leben nach diesem zum Wohle der Wesen wirken, dann wirst du nach Orgyen gehen, dem Bereich der Ḍākinīs. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.

An diesen Hängen der Schneegipfel Gungthangs in Mangyul werden deine Nachkommen in Zukunft unermüdlich in Übereinstimmung mit dem Dharma herrschen. Mein Mitgefühl wird ununterbrochen bei allen sein. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.

Wenn jene mit Vertrauen und Hingabe im Retreat praktizieren, werden die Lehre der Buddhas und die mitfühlenden Schüler durch meinen Segen und mein Mitgefühl beschützt sein. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.

Unglückliche, dämonisch aufgrund ihrer schlechten Taten und falschen Ansichten, fühlende Wesen, die besessen davon sind, Schaden zuzufügen, zu zweifeln und andere aus Eifersucht herabzusetzen, können von mir nicht beschützt werden, denn all ihre Handlungen sind negativ. Selbst diese üblen Minister, die gegenwärtig die Macht innehaben, die den Geist des Königs beunruhigen und ihr Samaya-Gelübde mit mir brechen, werden in die drei niederen Bereiche wandern, das ist sicher, doch da sie mein Gesicht gesehen und meine Stimme gehört haben, werden sie, wenn ihr letztes negatives Karma gereinigt ist, als meine Schüler wiedergeboren. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.

Wenn dieses degenerierte Zeitalter sein Ende erreicht, wird am östlichen Fuß des Berges Trazang aufgrund seiner Wünsche und Bestrebungen ein verborgener Yogi meinen Terma-Schatz enthüllen und die Linie deiner Familie beschützen. So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.

Fühlende Wesen werden in diesem letzten dunklen Zeitalter von trügerischen Führern getäuscht, und aufgrund dieses Irrtums stecken sie fest im Sumpf falscher Sichtweisen. Unfähig, das Dharma von dem zu unterscheiden, was dem Dharma nur ähnelt, werden sie von Zweifeln geplagt. Er, der am Fuße des Berges Trazang erscheinen wird, ist ein verborgener Yogi, der den tugendhaften Weg praktiziert und sich dabei ganz und gar an die Lehren des geheimen Mantra-Mahayana hält. Er wird den König von Gungthang und seine Untertanen gewiss beschützen, So verzweifle nicht, Prinz und Gebieter Tibets.“

So sprach er.

Bei dieser Gelegenheit gab der Guru die Belehrung genannt „Die Selbstbefreiung negativer Emotionen, die das Leid des Königs beseitigt“.

Dann sprach er noch einmal: „Oh Prinz, aufgrund der außerordentlichen Güte, die du deinen Untertanen erweist, werde ich deiner königlichen Linie mit meinem Segen und meinem Mitgefühl bis zum Ende des Abschaums der Zeit Zuflucht gewähren.

Oh Prinz, dir und deinen Untertanen hinterlasse ich diesen letzten Rat: Die edle und authentische göttliche Linie des klaren Lichts, von Mutri Tsenpo bis hin zum Ende dieser Familienlinie, wird stets von meinem Mitgefühl begleitet sein.

Höre nicht auf den Rat manipulierender Freunde oder Minister, deren Taten schlecht sind. Halte deine Bürgergesetze in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Dharma. Menschen ohne spirituelle Werte, störrisch, durchtrieben und betrügerisch, werden in diesem dunklen Zeitalter erscheinen. Bezwinge sie und halte das Gesetz des Dharma aufrecht.

Wenn dein Leben in Gefahr ist, deine Macht übernommen wird und der König zu einem Bürgerlichen erniedrigt wird, mache die Götter und Geister zu deinen Zeugen und handle, um derartige Krisen abzuwenden. Im Abschaum der Zeit werde ich aufgrund meines Mitgefühls für den König von Gungthang am Abhang des Felsenberges, an einem Ort geformt wie ein Haufen giftiger Schlangen, die Kernanweisungen zurücklassen, die die Nachkommen des Prinzen beschützen.

Wenn die Menschen dann in Zweifeln versinken, hege keine falschen Ansichten, folge meinen Anweisungen und die Wünsche des Königs von Gungthang werden in Erfüllung gehen. Könige, die Übeltaten begehen, werden nicht unter meinem Schutz stehen.“

So sprach er.

Der Guru sprach erneut: „Eine Zeit wird kommen, wenn die Letzten aus der Linie des Prinzen in Mangyul Gungthang durch mein Terma beschützt werden. In dieser Zeit wird Leid über Tibet hereinbrechen, fühlenden Wesen wird all das widerfahren, was sie nicht wollen. Oben werden die Götter und Dämonen in Chaos und Aufruhr gestürzt; unten werden die Nāgas und Nyens ins Chaos gestürzt; dazwischen werden die Gebieter der Erde ins Chaos gestürzt; Herrscher, die Böses tun, werden ins Chaos gestürzt; gewöhnliche Menschen werden ins Chaos gestürzt; Eltern, Geschwister und Kinder – ganze Familien – werden ins Chaos gestürzt. Dies wird die Zeit sein, in der die Lehre des Buddha ihr Ende erreicht. Die Siddhis der Yidams werden schwinden. Ḍākinīs und Dharmapālas werden sich abwenden, hin zum Berg Meru. Das Glück der fühlenden Wesen wird zu Ende sein.

König von Gungthang, Schutzherren des Dharma, Herrscher und Untergebene, führt meine Anweisungen aus und praktiziert diese Schatzlehre. Denn dann wird mein Mitgefühl, Padmas Mitgefühl, zu euch kommen, immer rascher und immer stärker. […]

Aus dem 7. Kapitel des Le’u Dünma – Das Gebet in Sieben Kapiteln an Guru Rinpoche


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