Verfasst von: Enrico Kosmus | 7. Januar 2021

Niederwerfungen – Prostrations / Ngöndro

Niederwerfungen sind eine einfache Praxis. Verbunden mit den erforderlichen Visualisationen und der entsprechenden Motivation sind sie eine ausgezeichnete Methode, den Dharma zu verinnerlichen und in den Körper zu bringen.


Prostrations are a simple practice. Combined with the necessary visualizations and proper motivation, they are an excellent way to internalize the Dharma and bring it into the body.

ན་མོ། མཆོག་གསུམ་ཀུན་འདུས་བླ་མར་སྐྱབས་སུ་མཆི།
NAMO – CHOG SUM KÜN DU LA MAR KYAB SU CHI / /
NAMO – Zum Lama, der Verkörperung der Drei Kostbaren, nehme ich Zuflucht.

Hier als kurze Variante, oder etwas ausführlicher:

དང་པོ་སྐྱབས་སུ་འགྲོ་བ་ནི།  Zufluchtnahme 

མདུན་གྱི་ནམ་མཁར་སྐྱབས་ཡུལ་མཆོག་གསུམ་ཀུན་འདུས་ཀྱི་ངོ་བོ་རྩ་བའི་བླ་མ་ཉིད་གུ་རུ་རིན་པོ་ཆེའི་རྣམ་པར་མངོན་སུམ་དུ་བཞུགས་པར་མོས་ལ། 
Im tiefen Vertrauen, daß dein Wurzel-Lama, der die Essenz des Zufluchtsfeldes der drei Juwelen verkörpert, im Raum über dir in Gestalt von Guru Rinpoche erscheint. 

འདི་བཟུང་བྱང་ཆུབ་སྙིང་པོ་མ་ཐོབ་བར༔ བླ་མ་དཀོན་མཆོག་གསུམ་ལ་སྐྱབས་སུ་མཆི༔ 
DI ZUNG CHANG CHUB NYING PO MA TOB BAR / LAMA KÖN CHOG SUM LA KYAB SU CHI // 
Von jetzt an, bis ich die Essenz der Erleuchtung erlange, nehme ich Zuflucht zu Lama, Buddha, Dharma und Sangha. 

ཞེས་ཕྱག་དང་སྦྲགས་སྟེ་ཅི་ནུས་སུ་བརྗོད། Rezitiere dies so oft wie möglich und verbinde es mit Niederwerfungen. 

Vor sich visualisiert man dabei das Zufluchtsfeld mit Guru Rinpoche (oder Samantabhadra oder Vajradhara oder Buddha Shakyamuni etc.) in der Mitte. Hinter dem Guru sind die Lehrer der Überlieferungslinie. Diese sind meist in der sogenannten „Münzanordnung“ – d.h. wie übereinander gestapelte Münzen – versammelt. Ganz oben ist meist Samantabhadra Yab-Yum oder Vajradhara als Symbol für den Dharmakaya und Beginn der Linie. Von uns aus gesehen links vom Guru ist die Hinayana-Sangha mit Buddha Shakyamuni und den Arhats versammelt und rechts davon ist die Mahayana-Sangha mit den Bodhisattvas. Vor dem Guru sind die Meditationsgottheiten, im Falle der Nyingma-Tradition meist die Kagye (die acht großen Praxisgottheiten), versammelt zusammen mit den Dakinis und Schützern im Ring darunter. Danach können die vier Großen Könige der vier Hauptrichtungen sein.

Wenn man Zuflucht nimmt, visualisiert man dies alles und stellt sich auch vor, dass vor einem die eigenen Feinde und Widersacher sind, rechts von einem Vater und die gesamte Vaterlinie, links Mutter und die Mutterlinie. Den eigenen Körper vervielfältigt man tausendfach, so oft wie es Staubteilchen im Universum gibt und dann beginnt man mit den Verbeugungen, während man die Verse der Zuflucht rezitiert. Man macht vollständige Niederwerfungen, d.h. man streckt dabei den Körper zur Gänze am Boden aus.

Bei jeder Verbeugung nimmt man Zuflucht und wenn man sich wieder aufrichtet, visualisiert man, dass man die fühlenden Wesen mit dem eigenen Aufrichten emporzieht und zur Befreiung führt. Und so praktiziert man so lange es einem möglich ist.

Vielfach wird dieser Teil der grundlegenden Übungen als anstrengend erlebt. Nun ja, körperlich ist es eine Herausforderung. Doch führt es einem selbst auch die Grenzen und Möglichkeiten der Praxis gut vor Augen. Da das Ngöndro oft auch als Ansammlungspraxis ausgeübt wird, ist auch Zählen erforderlich. In diesem Fall legt man vorne die Mala hin und bei jeder Niederwerfung schiebt man eine Kugel weiter. Das ist der traditionelle Stil. Mittlerweile haben sich auch schon Zählmaschinen eingebürgert.

Das Ngöndro insgesamt und auch die Niederwerfungen sollte man jedoch mehr wie einen guten alten Wein genießen. Auch wenn manche froh sind, diese Ansammlungspraxis absolviert zu haben, so ist das eine falsche Einstellung. Mit dem Ngöndro soll man im Grunde nie aufhören. Man kann es ausführlich oder kurz zusammengefasst machen.

In seiner Essenz ist das Ngöndro ein Guru-Yoga. Doch den Segen des Gurus zu empfangen kann man nur, wenn man den weltlichen Dingen entsagt hat und eine klare Ausrichtung im Dharma gefunden hat. Indem man Bodhicitta entfaltet, öffnet man das eigene Herz und nimmt alle fühlenden Wesen ein. Man lädt sie gewissermaßen als Gäste ein und beschließt sie zur Befreiung zu führen. Die eigene Praxis wird mit dieser Motivation durchgeführt.

Die anschließende Ansammlung von Verdienst im Rahmen der Mandala-Darbringung bringt das konstruktive Potential für die Realisation der zwei Buddhakayas (Dharmakaya und Rupakaya) zusammen. Durch das Anwenden der vier Kräfte zur karmischen Bereinigung inklusive der Rezitation der 100-Silben des Vajrasattva werden Hindernisse beseitigt.

Da man nun in der Lage ist, sich selbst als Meditationsgottheit zu visualisieren, d.h. es ist einem möglich, sich selbst in einem lichthaften Körper des leeren Seins hervorzubringen, betet man flehentlich zum Lehrer, dass er den eigenen Geistesstrom segnen möge. Hingabe ist zwar bei allen grundlegenden Übungen erforderlich, aber hier beim Guru-Yoga ist es zentral. Und durch diese hingebungsvolle Anrufung überträgt der Guru seinen Segen der vier Kayas in den eigenen Geistesstrom und man erkennt die Untrennbarkeit des eigenen Geistesstroms und des Geistesstroms des Gurus. In dieser Erkenntnis verweilt man.

Abschließend stärkt man die Praxis durch Widmung und Wunschgebete. In einigen Ngöndros wie dem kurzen Ngöndro im Dudjom Tersar werden zuvor noch Phowa und Chöd praktiziert. Doch dies sind kürzere Anrufungen und Ausrichtungsverse.

In den wesentlichen Zügen gleichen sich alle grundlegenden Übungen im Vajrayana. Unterschiede bestehen in der jeweiligen Visualisation, da die Überlieferungslinie immer wieder anders formuliert ist. Darüber hinaus können noch an bestimmten Stellen verschiedene Schwerpunkte gesetzt und zusätzliche Praktiken eingefügt werden.


ན་མོ། མཆོག་གསུམ་ཀུན་འདུས་བླ་མར་སྐྱབས་སུ་མཆི།
NAMO – CHOG SUM KÜN DU LA MAR KYAB SU CHI / /
NAMO – To the Lama, the embodiment of the Three Precious Ones, I take refuge.

Here as a short variant, or a little more detailed:

དང་པོ་སྐྱབས་སུ་འགྲོ་བ་ནི། Taking Refuge

མདུན་གྱི་ནམ་མཁར་སྐྱབས་ཡུལ་མཆོག་གསུམ་ཀུན་འདུས་ཀྱི་ངོ་བོ་རྩ་བའི་བླ་མ་ཉིད་གུ་རུ་རིན་པོ་ཆེའི་རྣམ་པར་མངོན་སུམ་དུ་བཞུགས་པར་མོས་ལ།
Deeply trusting that your Root Lama, who embodies the essence of the Refuge Field of the Three Jewels, will appear in the space above you in the form of Guru Rinpoche.

འདི་བཟུང་བྱང་ཆུབ་སྙིང་པོ་མ་ཐོབ་བར༔ བླ་མ་དཀོན་མཆོག་གསུམ་ལ་སྐྱབས་སུ་མཆི༔
DI ZUNG CHANG CHUB NYING PO MA TOB BAR / LAMA KÖN CHOG SUM LA KYAB SU CHI //
From now on, until I attain the essence of enlightenment, I take refuge in Lama, Buddha, Dharma and Sangha.

ཞེས་ཕྱག་དང་སྦྲགས་སྟེ་ཅི་ནུས་སུ་བརྗོད། Recite this as often as possible, combining it with prostrations.

In front of you, visualize the refuge field with Guru Rinpoche (or Samantabhadra or Vajradhara or Buddha Shakyamuni, etc.) in the center. Behind the guru are the teachers of the lineage. These are usually gathered in what is called the „coin arrangement“ – that is, like coins stacked on top of each other. At the top is usually Samantabhadra Yab-Yum or Vajradhara symbolizing the Dharmakaya and beginning of the lineage. From our point of view, to the left of the guru is gathered the Hinayana sangha with Buddha Shakyamuni and the arhats, and to the right is the Mahayana sangha with the bodhisattvas. In front of the guru are the meditation deities, in the case of the Nyingma tradition usually the Kagye (the eight great practice deities), gathered together with the dakinis and protectors in the ring below. After that may be the four Great Kings of the four main directions.

Taking refuge, one visualizes all this and also imagines that in front of one are one’s enemies and adversaries, to the right of one father and the entire father lineage, to the left mother and the mother lineage. One multiplies one’s own body a thousand times, as many times as there are dust particles in the universe, and then one begins the prostrations while reciting the verses of refuge. One makes complete prostrations, that is, one stretches out the body entirely on the ground.

With each prostration, one takes refuge, and when one stands up again, one visualizes that with one’s own standing up, one is pulling sentient beings up and leading them to liberation. And so one practices as long as one is able.

In many cases, this part of the basic exercises is experienced as strenuous. Well, physically it is a challenge. But it also shows you the limits and possibilities of the practice. Since ngöndro is often practiced as an accumulation practice, counting is also required. In this case, one puts down the mala in front, and with each prostration, one advances one ball. This is the traditional style. Meanwhile, counting machines have also become common.

However, the ngöndro as a whole and also the prostrations should be enjoyed more like a good old wine. Even if some are glad to have completed this accumulation practice, this is a wrong attitude. With ngöndro, one should basically never stop. One can do it extensively or briefly summarized.

In its essence, ngöndro is guru yoga. However, to receive the Guru’s blessing, one can only do it after renouncing worldly things and finding clear alignment in the Dharma. By unfolding bodhicitta, one opens one’s heart and welcomes all sentient beings. In a sense, one invites them as guests and resolves to lead them to liberation. One’s practice is done with this motivation.

The subsequent accumulation of merit within the mandala offering brings together the constructive potential for the realization of the two Buddhakayas (Dharmakaya and Rupakaya). By applying the four powers for karmic purification including the recitation of the 100 syllables of Vajrasattva, obstacles are removed.
Now that one is able to visualize oneself as a meditation deity, i.e., it is possible for one to bring oneself forth in a luminous body of empty being, one prays supplicatively to the teacher to bless one’s mindstream. Devotion is required in all basic practices, but here in guru yoga it is central. And through this devotional invocation, the guru transfers his blessing of the four kayas into one’s own mindstream, and one realizes the inseparability of one’s own mindstream and the guru’s mindstream. One dwells in this realization.

Finally, one consolidates the practice by dedication and aspiration prayers. In some ngöndros, such as the short ngöndro in Dudjom Tersar, phowa and chöd are practiced before the concluding prayers. But these are more brief invocations and devotional verses.
In the essentials, all the basic practices in Vajrayana are the same. Differences exist in the respective visualization, because the lineage is always expressed differently. Furthermore, different emphases can still be placed at certain points and additional practices can be inserted.


Möge es von Nutzen sein! May it be useful! SARWA MANGALAM.


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