Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Dezember 2020

Das Seil der Achtsamkeit durchtrennen

Das Substrat-Bewusstsein durch die Shamatha-Praxis, den Geist als Weg zu nehmen, zu erhellen, ist nicht die Krönung des buddhistischen Pfades. Vielmehr verschafft es ein beispielloses Maß an geistiger Ausgeglichenheit, Stabilität und Klarheit, mit dem man sich in die tiefste Dimension des Bewusstseins wagen kann: das ursprüngliche Gewahrsein. Um die berühmte Aussage von Winston Churchill zu zitieren, die er als Reaktion auf den Sieg Großbritanniens in der Schlacht um Ägypten machte: „Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang des Endes. Aber es ist vielleicht das Ende des Anfangs.“ Nach Düdjom Lingpa besteht der Weg zur direkten Identifizierung des ursprünglichen Gewahrseins, dem letztendlichen Grund des eigenen Seins, darin, zuerst die Leerheit der inhärenten Natur aller Phänomene in Samsara und Nirvana durch die Kultivierung von Vipashyana zu erkennen:

Sobald man sie als das Spiel des Raumes der letztendlichen Wirklichkeit erkannt hat, identifiziert man diesen Zustand als die große Verwirklichung und begreift seine eigene Natur. Infolgedessen lässt man sich ganz natürlich im Grundbewusstsein als die große Freiheit von Extremen nieder. Das ist der schnelle Pfad, das Fahrzeug der Großen Vollkommenheit.

Düdjom Lingpa erklärt mit außergewöhnlicher Klarheit, was als nächstes kommt:

Indem man die Meditation fortsetzt, verschwinden all diese Erfahrungen von Leere, Leerheit und Helligkeit, die durch Anhaftung befleckt sind, im absoluten Raum, so als ob man aufwachen würde. Danach sind die äußeren Erscheinungen nicht mehr behindert, und das Seil der inneren Achtsamkeit und der fest gehaltenen Aufmerksamkeit ist durchschnitten. Dann ist man weder durch die Fesseln der guten Meditation gebunden, noch fällt man durch schädliche Unwissenheit in einen gewöhnlichen Zustand zurück. Vielmehr schimmert ein allgegenwärtiges, durchscheinendes, leuchtendes Bewusstsein durch, das die Konventionen der Sicht, der Meditation und des Verhaltens transzendiert. Ohne die Zweiteilung von Selbst und Objekt, so dass man sagen kann „dies ist Bewusstsein“ und „dies ist das Objekt des Bewusstseins“, wird der ursprüngliche, aus sich selbst hervorgehende Geist, der Erfahrungen hat, von Anhaftungen befreit. Wenn du dich in einer Weite niederlässt, in der es kein Grübeln oder einen Bezugspunkt der Aufmerksamkeit gibt, werden alle Phänomene manifest, denn die Kraft des Gewahrseins ist ungehindert. Die Gedanken verschmelzen mit ihren Objekten, sie verschwinden, da sie nondual mit diesen Objekten werden, und sie lösen sich auf. Da kein einziger von ihnen einen objektiven Bezug hat, sind sie keine Gedanken von fühlenden Wesen. Vielmehr hat sich der Geist in Weisheit verwandelt, die Kraft des Gewahrseins wird transformiert und Stabilität wird dort erreicht. Verstehe, dass dies wie Wasser ist, das frei von Sedimenten ist.

Wenn man eine solche Erkenntnis durch die Praxis der Großen Vollkommenheit erlangt hat, kann man nach der Erfahrung des Todes die Auflösung der dunklen Errungenschaft in das klare Licht bewusst erleben. Mit den Worten von Düdjom Lingpa:

Als Analogie, so wie der Raum im Inneren eines Gefäßes mit dem Raum außerhalb vereint ist, ohne auch nur einen Fleck irgendeiner Erscheinung eines Selbst, entsteht eine strahlende, klare Weite wie ein alles durchdringender Raum, frei von Verunreinigungen, wie die Morgendämmerung am Himmel. Zu diesem Zeitpunkt werden Menschen, die durch den Durchbruch [zum ursprünglichen Gewahrsein bzw. die Praxis von Tib. Trekchö] bereits sehr vertraut mit dem Grundgewahrsein sind und Vertrauen darin gewonnen haben, die Verbindung des Gewahrseins, in dem sie zuvor geübt haben – das wie eine vertraute Person ist – und dem klaren Licht, das später auftaucht, erkennen. Dort müssen sie sich selbst behaupten, wie ein König, der auf seinem Thron sitzt. Die Anzahl der Tage, die man in der meditativen Stabilisierung im klaren Licht des Sterbeprozesses verweilt, entspricht der Stabilität und Dauer der eigenen gegenwärtigen Praxis. Diejenigen, die eine Stabilität der Praxis erreicht haben, die einen ganzen Tag und eine ganze Nacht dauert, können beim Tod eine Stabilität erreichen, die sieben menschliche Tage dauert. Aber für diejenigen, die den Pfad nicht betreten haben, wird das klare Licht nicht länger erscheinen als die Zeit, die man braucht, um eine Schüssel Nahrung zu verspeisen.

Es gibt viele Praktiken im tibetischen Buddhismus, von denen gesagt wird, dass sie zur Erkenntnis der „Natur des Geistes“ führen. Indem man während des Traumzustandes luzide wird und dann den Traum bewusst loslässt und alle Erscheinungen verschwinden lässt, kann man sein eigenes Substratbewusstsein erfahren. Indem man die Shamatha-Praxis, den Geist in seinem natürlichen Zustand zu beruhigen, zu ihrem Höhepunkt bringt, kann man die relative Natur des Geistes erkennen, indem man im Wachzustand leuchtend auf das Substratbewusstsein zugreift. Durch die Praxis von Vipashyana kann man die letztendliche Natur des Geistes erkennen, indem man seine Leerheit der inhärenten Existenz erkennt. Schließlich kann man die ursprüngliche Natur des Geistes erkennen, indem man das ursprüngliche Gewahrsein verwirklicht. Achtsamkeit spielt auf diesem gesamten Pfad eine entscheidende Rolle, bis sie schließlich ihren letzten Zweck erfüllt hat und das Seil der Achtsamkeit durchtrennt ist.


Von Alan B. Wallace „Meditations of a Buddhist Skeptic. A Manifesto for the Mind Sciences and Contemplative Practice.“ Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!


Responses

  1. DANKE dir auch fuer diese Veroeffentlichung!


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