Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. Oktober 2020

Die Erfüllung der Praxisverpflichtung im Chöd

Der erste Abschnitt behandelt die Chöd-Samayas oder die Erfüllung der Verpflichtung, nachdem man diese Ermächtigung erhalten hat. Dabei ist das erste Erfordernis, nachdem man die Ermächtigung erhalten hat, es auch zu praktizieren. Die Art dies auszuführen, ist die Praxis des Chöd an furchteinflößenden Orten, nicht an irgendeinem anderen Platz. Man geht nicht an irgendeinen Ort, sondern an einen furchteinflößenden Ort: ein Leichenplatz könnte beispielsweise so was sein. Der Grund dafür ist, wenn man diese Praxis an einem furchteinflößenden Ort macht, dass man ausgerichtet sein wird, der eigene Geist wird geschärft sein. Wenn der Geist scharf ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass man von irgendeiner Art der verschiedenen begrifflichen Konzepte unterbrochen wird. Das ist einer der Gründe, warum empfohlen wird, dass die Praktizierenden diese Praxis an fürchterlich aussehenden Plätzen durchführen sollten. Allgemein sind alle Arten von Furcht und anderen Gefühlen auf der letztendlichen Ebene wirklich nicht-existent. Um ihr Auftreten zu beenden, ist es oft notwendig, einsgerichtet zu verbleiben und furchteinflößende Plätze helfen einem dabei, in solch einem Geisteszustand zu verweilen.

Chöd-Klausur

Ein weiteres Erfordernis ist es, ins Retreat zu gehen. Ein Retreat ist wiederum nicht irgendeine Art von Retreat-Platz. Hier bedeutet es speziell „Rithrö“. „Rithrö“ ist eine Art von Retreat-Platz, der geschichtlich zurück in Tibet an Berghängen liegt, es kann eine einfache Höhle sein. Für jene von euch, die eine gewisse Stabilität in der Praxis erlangt haben, könnten auf einen Leichenplatz und andere furchteinflößende Orte gehen, aber jenen unter euch, die eine Stabilität noch aufbauen, denen rate ich, macht ein Retreat in einsamen Gegenden.

Wenn ihr an fürchterlich aussehende Orte geht, ohne eine Stabilität in eurer Praxis aufgebaut zu haben, da gibt es viele Geschichten über Unfälle und Hindernisse. Daher wird empfohlen, dass man zuerst ein Retreat machen sollte. Ich empfehle euch nicht, geradewegs auf die Leichenplätze zu gehen und die Praxis zu machen.

Ein Grund, warum es so schwierig ist, an furchteinflößende Orte zu gehen und zu praktizieren, wo eine Menge Gefahren lauern, dass ihr bei der ersten Idee, dass euch etwas widerfährt, ihr darüber nachdenkt, was geschieht mit „mir“. Wenn dann das „mich“ in den Vordergrund tritt, dann ist diese Art des Schreckens der einzige Grund, warum ihr diese Praxis macht. Dies ist der Grund, warum es empfohlen wird, dass ihr euch nicht an fürchterlich aussehende Plätze hinauswagen sollt, um diese Praxis zu machen, ohne eine gewisse Stabilität aufgebaut zu haben. Wenn wir vom Aufbauen einer Geistesstabilität sprechen, einer Geistesstabilität im Sinne dies zu praktizieren, dann meinen wir dies in die Praxis zu bringen. Dann beginnt man zu praktizieren und entwickelt eine stabile Denkart. Wenn ihr dann hinaus an diese fürchterlichen Plätze geht, selbst wenn ein wildes Tier wie ein Tiger oder ein Leopard oder ein Räuber, ein Bandit, wer immer euch bedrohen kann, auftaucht, dann habt ihr bereits den Geisteszustand erlangt, bei dem ihr euch selbst sagt – nun, die Zerstörung des Ich, meines Körpers, was immer mit mir geschieht ist nicht maßgeblich. Die wichtigste Art dabei ist, dass das Bedürfnis von demjenigen, der der Täter ist, erfüllt wird. Wenn ihr diese Geistesebene erreicht habt, dann habt ihr wirklich Mitgefühl und keine Ängste und die Frage der Ausrichtung auf ein „Ich“ oder „mich“ existiert nicht.

Wenn ihr diesen Geisteszustand erreicht habt, wo ihr nichts anderes als Mitgefühl habt, keine Angst, einfach nichts, dann wird euch von keinem Tiger, noch einem Leoparden, weder von Dieben oder Banditen Leid zugefügt. Kein Leiden wird dann zu euch kommen. Dies ist auch die Idee dabei, wenn ich euch immer sage, wenn ihr begriffliche Konzepte habt, folgt diesen begrifflichen Gedanken nicht. Versucht in einem stabilen Geist zu bleiben, versucht diese begrifflichen Gedanken zu erkennen und lasst sie vergehen. Es gibt eine sehr tiefgründige Bedeutung und einen Zweck dafür – wenn ihr eine Art des Festhaltens und Greifens – und dann ist alles möglich. Wenn ihr kein Haften oder Greifen habt, dann wird es keine Furcht geben. Alles wird wie der Widerschein in einem Spiegel sein. Gibt es da eine Spiegelung? Ja, es gibt eine, aber wenn ihr versucht danach zu greifen und es festzuhalten, dann ist da nichts Greifbares daran. Vergleichsweise wenn ihr auf der relativen Ebene Dinge klar seht, dann gibt es die Dinge natürlich, dennoch folgt ihr diesen Dingen nicht nach. Was immer ist, lasst es sein, euer Geist jagt diese nicht. Es gibt eine sehr gute Geschichte, anscheinend eine wahre Geschichte.

Konzepte und der Dieb

Einmal ging ein Dieb auf Beutezug, um danach zu sehen, was er bekommen könnte und er kam zu einem Chöd-Praktizierenden, der sein Chöd praktizierte, eine Trommel in der rechten Hand, eine Glocke in seiner linken. Er schlich sich vorsichtig an den Praktizierenden an und das erste, was ihm einfiel war, dass er den Praktizierenden töten sollte, damit er mit dem wenigen Besitz des Praktizierenden davonlaufen könnte. Er zog sein Schwert und mit einem Streich enthauptete er den Praktizierenden. Der Kopf fiel zu Boden, dennoch setzte der Praktizierende – nun ein kopfloser Praktizierender – fort, ohne Trommelschlagen und dem Läuten der Glocke aufzuhören und so weiter und so weiter… Da begann der Dieb nun zu zweifeln und er hob rasch den Kopf auf und legte ihn wieder auf den Nacken des Praktizierenden und der Praktizierende machte noch immer weiter und weiter und weiter. Davon überzeugt, dass dieser Praktizierende ein wirklich erleuchtetes Wesen sei, zog er sich zurück und ging zurück in sein Dorf und erzählte es jedem, der vorbeikam, dass dieser Praktizierende, den er enthauptet hatte, dennoch weiter praktizieren würde. Dass er ihm den Kopf zurück auf den Nacken gelegt hatte und er noch immer weiter machte usw. Diese Neuigkeiten verbreiteten sich und er wollte schließlich ein paar Opfergaben darbringen und brachte einige Süßigkeiten und versuchte, nach dem Praktizierenden zu sehen. Endlich fand er ihn in einer Höhle, er ging zu Praktizierenden hin und sagte: „Ihr seid wahrlich ein erleuchtetes Wesen.“ Und der Praktizierende antwortete: „Nun wie weißt du das?“ Und der Mann sagte: „Ich köpfte Euch, aber Ihr habt einfach weitergemacht und immer weiter.“ Er sagte: „Oh nein! Das kann ich nicht glauben!“ In diesem Augenblick fiel der Kopf zu Boden, da der Praktizierende dieses begriffliche Denken hatte. Ihr seht also, in dem Minute, als der Mann ihm sagte, dass er ihn geköpft habe, war der Praktizierenden so schockiert und hatte Zweifel und Sorgen. Deshalb fiel der Kopf herunter. Die Moral von dieser Geschichte ist, dass man keine Zweifel und begrifflichen Gedanken haben sollte, sondern einsgerichtet sein sollte. Wenn man dann an einen schrecklich aussehenden Ort geht, kann man in der Angst verstrickt sein und wenn dann die Angst zuschlägt, wird es sehr, sehr schwierig, fokussiert zu bleiben.

Mindestmaß der Praxis

Die Untergrenze ist erreicht, wenn man Greifen und Anhaften reduziert hat, dann ist wirklich die Zeit gekommen, an Orte zu gehen, die fürchterlich aussehen, wie angsteinflößende Leichenplätze. Das wichtigste von allem zwischen Körper und Geist ist, dass der Geist wichtig ist und der Körper nicht wichtig ist. Es ist der Geist, der den Körper erschafft, weil es durch das eigene Greifen, das eigene Anhaften geschieht und dies sind die Bestandteile der Unwissenheit, die etwas entstehen lassen oder erschaffen, wenn ihr wollt, den Körper.

Andererseits wenn ihr Dzogchen praktiziert, gibt es einen Regenbogenkörper. Das Konzept des Regenbogenkörpers ist, dass ihr, wenn ihr den Regenbogenkörper erreicht, alles zurücklasst, vielleicht nur die Haare und die Nägel bloß als einen Hinweis, dass der Rest des Körpers sich in den Zustand des Regenbogens aufgelöst hat. Das ist dann, wenn sich alle mikrokosmischen Partikel eures Körpers sich in die Elemente aufgelöst und euer Bewusstsein mit dem Zustand der erleuchteten Wesen vermischt hat. Das ist der Regenbogenkörper. Wenn ihr dann diese Art von Haften an einem Ich, einem mir, einem mein habt, ist dies wie ein beständiger Schneefall und Nieselregen in hohen Lagen. Als Ergebnis seht ihr dann den Schneegipfel, den ihr aus der Ferne an der Spitze des Berges als weiß betrachten könnt, warum? Aufgrund eines leichten, beständigen Schneefalls und des kalten Wetters. Wenn ihr also dieses Festhalten an einem Ich, einem mir, einem mein habt, dann lässt dies eine Geburt entstehen, sodass man wieder und wieder wiedergeboren wird und man in der zyklischen Existenz ist. Wenn ihr das abschüttelt, besonders Gier, Ärger und Ignoranz, was dann geschieht ist, dass man im eigenen Geisteszustand ist.

Der meditierende Geist ist stabil genug, um in der Lage zu sein, die Buddhas und Bodhisattvas einerseits und jene von uns, den Wesen in der zyklischen Existenz, zu unterscheiden. Es gibt einen Unterschied zwischen Nirvana einerseits und Samsara andererseits. Wenn ihr euch weiterentwickelt, dann entwickelt ihr eure Praxis, ihr erlangt mehr Stabilität, ihr werdet die Erkenntnis haben, dass alles einfach eine Wahrnehmung ist. Alle ist da, aber zur selben Zeit richtet sich der Geist nicht darauf aus, was da ist, sondern auf seine wahre Natur, seinen wahren Geisteszustand, der eine höhere Stufe ist. Wenn ihr andererseits nicht fähig zu praktizieren seid und euren Geist nicht stabilisieren könnt, dann werdet ihr alles als anormal sehen, die Fehler der anderen und die Eigenschaften von einem selbst. Wir haben diese Tendenz zu sagen, wie gut man ist, wie toll man ist, wie rechtschaffen man ist, wie gut man aussieht und der andere ist dann immer der Fehlerhafte. Diese Art von Gedanken und Gefühlen entspringt aus dem beständigen Haften am Ego, Ich, mein und mir selbst. Durch die sechs Vollkommenheiten, eine nach der anderen, wenn man wirklich diese spezielle Methode praktizieren kann, dann reduziert dies die Menge Hass, man praktiziert etwas Geduld und ebenso reduziert dies Stolz und Eifersucht. Dies wirkt alles förderlich für die Stabilisierung des Geistes, damit wir dann tatsächlich in der Lage sind, an einige schreckliche Orte zu gehen und zu praktizieren.

Ich sagte schon einiges über diese Vorstellung der Verpflichtung, dass man hinausgeht und Retreats an schrecklich aussehenden Plätzen wie Leichenstätten macht. Das war wichtig, aber hier wird man in der gleichen Zeile auch aufgefordert, dass man ein Retreat machen sollte.

Man hat, obwohl der Text davon spricht, dass man diese Praxis machen sollten, man ins Retreat gehen sollte, hier im Westen vielleicht eine Arbeit auszuführen, da man sonst nichts zu essen hat. Daher ist es etwas schwierig, in ein Retreat zu gehen. Eine andere Sache, die ich den Leuten sage ist, dass hier eine Menge Leute sind, die zu mir kommen und mir erzählen, dass sie sich einmal auf den Weg nach Indien, Nepal oder sonst wohin machen und sich einige Zeit freinehmen und in ein Retreat gehen. Das ist eine wunderbare Sache. Es ist gut, dies zu tun, aber wartet nicht, bis ihr etwas Zeit habt und dann ein Retreat machen könnt. Selbst wenn es nur eine Angelegenheit von einer Stunde ist, sollt ihr so tun, als ob das Retreat jetzt ist. Die Bedeutung von „ins Retreat gehen“ ist, die geistige Ruhe zu erlangen, nicht durch begriffliche Gedanken gestört zu sein, den Geist in seiner eigenen natürlichen Ausprägung ruhen zu lassen. Wenn man das machen kann, dann ist das die Essenz von Retreat, da gibt es nichts anderes. Ins Retreat zu gehen ist eine Art Flucht, bei der man von Klängen und Sichtbarem nicht abgelenkt ist. Das ist also der Zweck, den man eigentlich in jeder Situation machen kann, sich nun hinter verschlossenen Türen für ein oder zwei Stunden hinsetzen.

Wenn ihr dies machen könnt, versucht zu verhindern, dass euer natürlicher Zustand nicht abgelenkt wird, dann ist das selbst schon ein Retreat. Es gibt kein anderes Retreat. Beispielsweise könnt ihr euch sonntags etwas Zeit nehmen, nach innen wenden, die Tür schließen, öffnet eure Fenster, denkt an euren Lama, führt eine Chöd-Praxis aus, das ist dann euer Retreat. Nun ins Retreat zu gehen, euch selbst einschließen, euren Körper irgendeine Einschränkung auferlegen, ist kein Retreat. Was wirklich eingesperrt werden soll, ist euer Denken. Schließt euren Geist in seiner natürlichen Form ein, lasst ihn nicht umherwandern, keine begrifflichen Gedanken nachjagen. Euer Geist sollte im Retreat sein, nicht euer Körper. Wenn ihr andererseits euch nur körperlich einsperrt, aber euer Geist wie ein Werwolf von einem Ort zu nächsten umherwandert, dann ist das überhaupt kein Retreat. Ihr müsst euren Geist kontrollieren und daher auch mein Vorschlag, dass ihr nicht warten sollt, bis ihr eine erhebliche Menge an Zeit für ein Retreat habt. Ihr könnt euer eigenes Schlafzimmer in ein Retreat verwandeln. Ihr müsst nicht nach Indien oder Nepal gehen, um dies zu machen.

Kyobpa Jigten Sumgön hat ganz klar ausgeführt, dass die heiligen Orte und die Orte der Anbetung und die Pilgerstätten dort sind, wo ihr seid. Eine Menge Leute gehen an heilige Orte wie Tsari in Südtibet. Ihr solltet den Ort, an dem ihr seid, als Tsari auffassen. Warum machen die Leute nun eine Pilgerfahrt nach Tsari? Weil Tsari der heilige Ort von Vajravarahi ist. Kyobpa Jigten Sumgön sagte, der eigene Körper hat jeden Aspekt von Tsari, den verschiedenen heiligen Plätzen und Pilgerstätten. Alle davon sind im eigenen Körper enthalten. Daher ist das, was ihr machen sollt, euren Körper als ein Retreat-Zentrum, einen Retreat-Ort verwenden und den Geist ins Retreat gehen lassen. Wenn euer Geist ins Retreat geht, diesem Zustand zwischen Ablenkung durch begriffliche Gedanken und dem Geisteszustand, in dem es keine Ablenkung und Störung gibt, dann werdet ihr ein besonders Gefühl dabeihaben und das ist das wichtigste dabei. Wenn ihr euren Geist ins Retreat schickt, dann werdet ihr dies erfahren. Wenn ihr dies erfährt, dann ist das wie bei einem kleinen Baby, das die Brust der Mutter bekommt. Jedes Mal, wenn ihr es erfährt, wisst ihr genau, dass es dieselbe Erfahrung ist, die ihr wiederholt. Daher ist es wichtig zu praktizieren, statt auf die Zukunft zu warten.

Von Garchen Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!


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