Verfasst von: Enrico Kosmus | 27. September 2020

Den Geist zum Pfad der Befreiung machen

Der Bodhisattva Mahasahasrananta bat: „Oh Lehrer, Bhagavan, möge der Lehrer den tiefgründigen Pfad enthüllen, der die Schüler befreit!“

Er erwiderte: „Oh Kind aus guter Familie, es scheint viele Wege geschickter Mittel undWeisheit zu geben, die als Eingang in die Stadt der großen Befreiung dienen. Aber schließlich den Geist als den Pfad zur Befreiung zu machen, ist die Frage nach dem wahren Pfad und sobald die Grundlage bestimmt worden ist, kann man die Dharmata als Pfad nehmen. Von diesen beiden Alternativen nimmt macht man zuerst den Geist zum Pfad.

Von Beginn an üben sich Schüler, die ihre Samayas halten, anfänglich in der Art der allgemeinen, äußeren Grundlagen, nämlich der Vier Gedanken, die den Geist wenden und den ungewöhnlichen, sieben inneren Grundlagen. Am Ende dieser gibt es die Art und Weise, wie man die Stufen der Hauptpraxis des Suchen des Pfades ausführt.

Zuerst einmal geht in einen völlig entlegenen Wald, sprecht Gebete der Anrufung an euren spirituellen Mentor, vermischt euren Geist mit dem eures Mentors, dann entspannt für eine kurze Weile. Oh Mahasahasrananta, von deinem Körper, Rede und Geist, was ist am wichtigsten? Wer ist der Handelnde? Sag mir, wer ist der unwandelbare, selbständige Herrscher? Dann zum großen Vorteil der Schüler werden die Handlungen von Lehren, Hören und der Natur der Anweisungen völlig klar werden.“

Dann erwiderte der Bodhisattva Mahasahasrananta: „Oh Lehrer, Bhagavan, der Körper ist vom Geist konstruiert. Wenn Materie und Gewahrsein sich nach dem Tode trennen, dann folgt der Geist seinem Karma und beginnt wieder getäuscht nach der Erscheinung eines Körpers zu greifen. Ferner sind der Körper im Wachzustand, der Körper beim Träumen und der Körper, der auf dieses Leben folgt, vom Geist des Greifens nach einem Selbst geschaffen. Sie sind zeitweilige Verwandlungen, die niemals bestanden haben, außer als bloße Erscheinungen des Geistes. Da der Geist der alles gestaltende Herrscher ist, ist er von größter Wichtigkeit.

Ein geistloser Körper ist nicht vielmehr als ein Leichnam, da er keine Macht hat. Wenn der Körper und der Geist sich trennen, dann sind die Phänomene des Empfindens von Freude und Kummer, den Zustand der Buddhaschaft erreichen oder in den drei Bereichen von Samsara umherzuwandern, aufgrund des Geistbewusstseins, die hinsichtlich der Objekte getäuscht sind. Somit ist er gewiss der Handelnde.

Betreffend der Rede, welche Erscheinungen der Stimmgebung auch entstehen, sie sind nicht viel mehr als Erscheinungen des Geistes. Rede hat keine andere Existenz als das Phänomen der Stimmgebung, die durch die Begrifflichkeit des Geistes konstruiert wordenist, somit ist der Geist am wichtigsten. Wenn der Körper, die Rede und der Geist nacheinander trennen, dann ist der Geist, der weiter bestehen bleibt, der Körper verwandelt sich in einen Leichnam und die Rede vergeht insgesamt. Somit ist der Geist definitiv am wichtigsten.

Dies ist die Art und Weise, wie Körper, Rede und Geist als nicht verschieden begründet werden. Bei der Praxis der Erzeugungsstufe werden Körper, Rede und Geist von einem als der Ausdruck des Vajra-Körpers, der Vajra-Rede und des Vajra-Geistes der gewählten Gottheit angesehen. Indem man das macht, werden sie gereinigt und Befreiung wird erlangt. Wenn sie sich trennen, dann werden sowohl der unveränderliche Vajra des Körpers wie auch der ungehinderte Vajra der Rede zurückgelassen, während der Geist irgendwohin weiterzieht. Wenn sich dann die Versammlung der drei Vajras auflöst, würde die Gottheit dann umkommen? Und da diese drei nicht verschieden von einander sind, werden sie als „ein Geschmack“ festgelegt.

Somit sind diese drei nichts anderes als der Geist. Sie werden als der Geist allein ermittelt und das ist das beste und höchste Verständnis.“

Wiederum fragte der Lehrer: „Hast du, der alles ausführende Herrscher, Gestalt oder nicht? Wenn du eine hast, welche Art der Gestalt eines Lebewesens nimmst du an? Hat dieser Herrscher Augen, Ohren, eine Nase, eine Zunge und geistige Wahrnehmung oder nicht? Wenn ja, wo existieren sie jetzt? Wo sind sie? Ferner hast du eine runde, rechteckige, halbkreisförmige, dreieckige, vielseitige oder irgendeine andere Art der Form? Bist du weiß, gelb, rot, grün oder von verschiedener Farbe oder nicht? Wenn ja, dann lass es mich unter allen Umständen direkt mit meinen Augen sehen oder lass es mich mit meiner Hand berühren!

Wenn du dir sicher bist, dass nichts davon existiert, dann bist du möglicherweise in das Extrem des Nihilismus gefallen. Daher enthülle mir nun die Realität von Samsara und Nirvana, Freude und Kummer, Erscheinung und dem Geist und all ihren substanziellen Ursachen.“

Mahasahasrananta erwiderte: „Oh Lehrer, Bhagavan, das Selbst hat keine Form, somit ist es leer von Form. Genauso hat es keinen Klang, Geruch, Geschmack, keine Berührung oder Geistesobjekte, somit ist es leer von diesen. Es ist leer von Form und Farbe, somit ist es leer. Die Augen, Ohren, Nase, Zunge und geistige Wahrnehmung haben gewiss keine Existenz außer dem klaren, deutlichen Bewusstsen selbst. Ohne sie nihilistisch zur Nicht-Existenz zu reduzieren, erscheinen die unbestimmten Manifestationen von Samsara und Nirvana wie ein Zauberer und seine Illusionen. Somit bin ich zur Schlussfolgerung gelangt, dass [der Geist] einfach ein unaufhörlich Handelnder ist.“

Der Bhagavan fragte: „Oh Geist-Vajra, sag mir, was ist die Quelle, von der aus du zuerst entstanden bist? Bist du aus der Erde, aus Wasser und Feuer, Wind und Raum entstanden oder bist du aus den vier Hauptrichtungen, von oben oder von unten entsprungen? Untersuche den Ort der Entstehung und das, was entsprungen ist und analysiere sie! Ebenso utnersuche den Ort, an dem du dich anschließend aufhältst und das, was vorhanden ist und analysiere sie!

Wenn der sogenannte Geist sich im Kopf befindet, wenn dann beispielsweise der Fuß von einem Dorn durchbohrt wird, dann gäbe es keinen Grund für die Erfahrung eines scharfen Schmerzes. Wenn er im Fuß lokalisiert werden würde, warum würde es dann das Unbehagen geben, wenn der Kopf und andere Glieder amputiert werden würden? Angenommen er würde sich im Körper als Ganzes lokalisieren lassen. Wenn dann in deisem Fall unerträgliches Bedauern und Elend im Geist entstehen würden, wenn außen ein Stück Stoff, eine Tasse, ein Haus und andere Besitztümer von anderen weggenommen oder zerstört werden würden, dann müsste sich der Geist in diesen befinden. Wenn er sich drinnen befinden würde, dann würde es niemanden geben, der sich mit Dingen außerhalb identifiziert. Wenn er sich außen aufhalten würde, dann gäbe es keine Festhalten oder Greifen nach dem Körper drinnen. Wenn es stimmen würde, dass er sich heutzutage im Körper aufhält, wo würde er dann lokalisiert werden, wenn er sich vom Körper trennt? Auf was würde er sich stützen?

Zeige direkt den Körper, das Gesicht und den Aufenthaltsort von dem auf, der präsent ist. Untersuche den Aufenthaltsort und die Umgebung von dem, der präsent ist und die Größe usw. dieses Agierenden. Beobachte das! Schließlich musst du die Handlung des Gehens und den Gehenden untersuchen, auch beobachte das Ziel, den Pfad und den Punkt des Losgehens von Seiten des Geistes, dem alles ausführenden Akteurs und sieh, wie es sich bewegt. Wenn du das Gehen und denjenigen, der geht, siehst, dann zeige mir die Größe des Gehenden und seine Gestalt, seine Form und Farbe.“

Mahasahasrananta entgegnete: „Oh Lehrer, Bhagavan, ich habe keine Augen und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Form erscheint. Genauso habe ich keine Ohren und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Klang erscheint. Ich habe keine Nase und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Geruch erscheint. Ich habe keine Zunge und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Geschmack erscheint. Ich habe keinen Körper und aufgrund ihres Fehlens gibt es nichts, das als Berührung erschent.

Daher existieren die fünf Sinne wie auch ihre Erscheinungen nicht, somit gibt es auch niemanden, der entstanden ist. Wenn es denjenigen, der entstanden ist, nicht begründet wird, von dieser Zeit ist der sogenannte Geist nicht etabliert und nichtexistent. Bis jetzt sollte es etwas gegeben haben, das die Merkmale trägt, die diese Entität genannt wird. Ich bin ungeschaffene Leerheit, daher ist die Quelle der Entstehung leer. Um nach dem Ort der Entstehung zu suchen, so ist Erde etwas, das ich konstruiert habe. Genauso alle Elemente einschließlich Wasser, Feuer, Luft und Raum sind nichts anderes als wundersame Erscheinungen des Greifens nach einem Selbst allein. Somit ist festgestellt, dass derjenige, der entstanden ist, nicht objektivierbar ist.

Ich bin nicht lokalisierbare Leerheit, somit gibt es nichts, wo ich vorhanden bin. Was den sogenannten Körper betrifft, die Wunden, Schwellungen, Kröpfe, Geschwüre usw. können am Körper entstehen, der im Wachzustand erscheint, aber sie sind im Traumkörper nicht vorhanden. Auch wenn die Wunden, Schwellungen, Kröpfe und Geschwüre erscheinen mögen, als ob sie den Körper und die Glieder in einem Traum heimgesucht haben, so sind sie als Phänomene im Wachzustand nicht vorhanden. Als Phänomen im Wachzustand kann der Körper durch die Bestrafung eines Königs verwundet oder geschlagen werden, aber das erscheint nicht im Traumkörper. Wenn das in einem Traum geschieht, ist es im Körper im Wachzustand nicht präsent. Genauso Aufenthaltsort, Umgebung und der Agierende, die außen zu erscheinen mögen oder als Wesen innen ergriffen werden, sind nichts anderes als wundersame Erscheinungen von mir selbst.

Daher bin ich weder in einem äußeren noch in einem inneren Phänomen vorhanden. Äußere und innere Phänomene sind in mir nicht vorhanden. Sie sind Erscheinungen des Greifens nach einem Selbst, wie ein Zauberer und seine Illusionen. Sie sind nicht absichtlich konstruiert wie im Falle eines Illusionisten und seine Illusionen. Das Selbst erscheint, somit erscheinen die wundersamen Erscheinungen von anderen einfach automatisch, aber sie haben keinen Aufenthaltsort. Man mag den Bestimmungsort und den Agierenden untersuchen, aber der Ort der Bewegung und der Bestimmungsort sind alle nicht objektivierbar. Somit treffen sie nicht auf die Natur von mir und mein zu. Alle Phänomene erscheinen, während sie nichts anderes als der Bereich des Selbst sind. Außerdem ist es so, dass Körper, Rede und Geist niemals getrennt existiert haben und ihre Erscheinungen sind vom selben Geschmack. Bei allen Erscheinungen im Wachzustand, im Traum und nach diesem Leben, sind Körper, Rede und Geist nicht verschieden von mir. Somit ist es gewiss, dass der Gehende und der Bestimmungsort nicht begründet sind.“

Der Bhagavan erwiderte: „Oh Geist-Vajra, untersuche die Dimensionen deines sogenannten Geistes, dann begründe und erkenne seine wesentliche Natur. Sind sowohl der äußere Raum und der innere Geist gleich oder verschieden? Wenn sie gleich sind, dann muss die wesentliche Natur des Geistes Raum sein. Wenn sie verschieden sind, dann müsstest du zustimmen, dass Raum in einem Traum, Raum am Tag und Raum nach diesem Leben nicht eins, sondern verschieden sind. Wenn der vorherige Raum vergeht und die nachfolgenden Räume einer nach dem anderen auftaucht, dann müsste jeder Raum Gegenstand von Verwandlung, Schöpfung und Zerstörung sein. In diesem Fall ermittle die Ursachen und Bedingungen, aus denen sie entstehen. Wenn der Raum manifest am Tag aufgrund des Sonnenaufgangs am Morgen erscheint, warum bewirkt die Sonne dann nicht, dass er in einem Traum oder nach diesem Leben erscheint? Oder ist er das Klar-Licht deines eigenen Geistes? Mach nicht bloße Lippenbekenntnisse, sondern durchdringe dies vielmehr mit Gewissheit.“

Mahasahasrananta antwortete: „Oh Lehrer, Bhagavan, Raum ist unbestreitbar als die essentielle Natur meines Geistes festgelegt. Während des Tages zeigen sich Erde, Wasser, Feuer, Luft, das Selbst, andere, Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung und Geistesobjekte im Berech des Raumes und der Geist hält sie durch die Mittel der Begrifflichkeit. Im Traumerscheinungen erscheint der Grund des Geistes genauso als Raum und die gesamte Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte zeigen sich so, wie sie es zuvor taten. In zukünftigen Leben erscheint auch die wesentliche Natur des Geistes als Raum und in diesem Bereich erscheinen auf dieselbe Art und Weise die ganze Welt, ihre Bewohner und Sinnesobjekte. Sie werden vom Geist gehalten und man ist wieder und wieder voller Illusionen.

Daher sind Raum, das Selbst, andere und alle Sinnesobjekte von einem Geschmack und sie sind gewiss nicht verschieden. Außerdem ist es die Lebendigkeit des Raumes selbst und nichts anderes, dass Erscheinungen manifest werden lässt. Die essentielle Natur des Geistes und der Grund ist Raum selbst. Verschiedene Erscheinungen treten im Bereich des geistig erkennenden, durchsichtig, klaren, für immer präsenten Bewusstseins auf. Der Ausdruck dieser Erscheinungen ist wie die Spiegelungen in einem Spiegel oder die Abbilder von Planeten und Sternen in einem Teich von durchsichtig klarem Wasser. Sobald das durchsichtig klare Bewusstsein in den zentralen Bereich des durchdringenden, leeren Raum eingetreten ist, wird es nach innen gelenkt. Dabei verschwinden der Geist und alle Erscheinungen und breiten sich unendlich in die wertneutrale, durchdringende Leerheit aus. Ich habe festgestellt, dass aufgrund des Greifens nach einem Selbst, die große durchdringende Leerheit, die essentielle Natur des Grundes als der Geist und die Geistesfaktoren erscheinen. Der Raum und die Lebendigkeit sind nichts anderes als die Realität des durchsichtigen, klaren Geistes selbst, die als ein Ergebnis von Bedingungen i Selbst und andere zerfällt.

Einfach indem man den Geist zum Pfad macht, erfährt eine Person mit überragenden Fähigkeiten die Seinsnatur der Soheit, die die Dharmata ist und realisiert die umfassende Sicht von Samsara und Nirvana und erlangt Befreiung im angeborenen Bereich des Raumes. Eine Person mit durchschnittlichen Fähigkeiten erlangt Überzeugung im formlosen Bereich und eine Person mit geringen Fähigkeiten erfährt Freude im Formbereich. Von einer Person mit den geringsten Fähigkeiten wird der Pfad als Glück im Begierdebereich erlebt. Möge der Lehrer erklärten, wie das so ist!“


Von Dudjom Lingpa aus dem „Vajra-Herz-Tantra“ (tib. dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!


Responses

  1. DANKE, Enrico, fuer diese wertvolle Unterstuetzung meiner Praxis und meines Verstaendnisses ueber den Pfad der Selbstbefreiung.


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