Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. September 2020

Die Gelübde halten

Wie die drei Arten von Gelübden gleichzeitig eingehalten werden können

Die tibetische Übersetzung des Begriffs Nirwana bedeutet wörtlich „über das Leiden hinausgehen“. Hier bezieht sich „Leiden“ auf das Elend des Samsara, dessen Ursache Karma und unreine Emotionen sind. Über solche Ursachen „hinauszugehen“, durchtrennt das Kontinuum des Leidens und ist die höchste Ebene des Friedens oder Nirwanas. Dieser Zustand der Erleuchtung ist das Ziel des ganzen wahren Pratimoksha, einer Disziplin, die somit jeder ethischen Einhaltung überlegen ist und deren Ziel einfach das Glück der höheren Bereiche ist. Wenn man zusätzlich zum Aufrechterhalten des Pratimoksha die vollkommene Erleuchtung erlangen möchte, um anderen in großem Umfang zu nützen, und wenn man die Gelübde des Bodhichitta in Streben und Handeln gemäß einer der beiden Traditionen der Weitreichenden Aktivitäten und der Profunden Sicht gebührend ablegt, wird man zum Träger des Bodhichitta-Gelübdes. Darüber hinaus kann man, mit der hohen Motivation, anderen zu nützen, die Ermächtigung gemäß den Mantrayana-Ritualen erhalten, die die vollkommene Sicht der großen Klassen des Tantra ausdrücken. Auf diese Weise erhält man das authentische Mantrayana-Gelübde der Vidyadharas. Dies wiederum ist die Grundlage für die tiefgründige Praxis der Erzeugungs- und Vollendungsstufen. Eine Person, die alle drei Arten von Gelübden ablegt und die ihre vielen Gebote bezüglich der anzunehmenden oder aufzugebenden Handlungen, wie sie je nach Stufe erklärt werden, einhält, wird alle Qualitäten des Pfades und der Frucht erreichen.

Da die drei Arten von Gelübden ineinander übergehen, weisen sie eine einzige wesentliche Natur auf und werden nicht als getrennte Einheiten betrachtet. Sie sind jedoch in Bezug auf ihre jeweiligen Aspekte verschieden, so dass sie im Geist des Einzelnen unvermischt bleiben, bis sie einmal gebrochen werden. Dieses Prinzip der Unterscheidung nach Aspekten ist ein zentraler Punkt, weshalb jedes der drei Gelübde auf seiner eigenen Ebene gehalten werden muss, ohne verwechselt zu werden. Daher kann eingewandt werden, dass die verschiedenen Gelübde einander widersprechen. Zum Beispiel wird der Akt des Tötens, der durch das Pratimoksha-Gelübde verboten ist, im Falle eines Bodhisattvas als erlaubt bezeichnet, während er im Zusammenhang mit dem unübertrefflichen Mantrayana als ein Akt befürwortet wird, den man bereitwillig ausführen sollte, da er das Samaya der Vajra-Linie ist. Was soll man davon halten?

In der Tradition der gelehrten und vollendeten Meister der Vergangenheit (die an Praktizierende dachten, die in der außergewöhnlichen Haltung der Nächstenliebe gut bewandert waren und Vertrauen und Sachkenntnis in den Stufen der Erzeugung und Vollendung besaßen), heißt es, dass die größte Betonung auf die Praxis von Bodhichitta und Mantra gelegt werden muss. Die wesentliche Bedeutung davon wird wie folgt erklärt. Zu töten verstößt gegen das grundlegende Gebot des Pratimoksha, nämlich anderen nicht zu schaden und sich deshalb des Tötens zu enthalten. Aber ein Bodhisattva, der z.B. einen bösen und gefährlichen Mann tötet, unterbricht den Strom der Handlungen des Mannes und verringert dadurch sein Leiden. Der Zweck dieser Tat steht offensichtlich in Übereinstimmung mit dem Ziel des Pratimoksha-Gelübdes, nicht zu schaden, sondern Glück zu schaffen und den Samen der Befreiung zu pflanzen.

Wenn jedoch eine Handlung wirklich im Widerspruch zu den drei Gelübden steht, die der Buddha, geschickt in den Mitteln, in Übereinstimmung mit den verschiedenen Fähigkeiten und Bestrebungen der Wesen festgelegt hat, dann ist sie in keiner Weise zulässig. Umgekehrt, wenn bestimmte scheinbar schädliche Handlungen erlaubt sind, liegt der Grund dafür darin, dass sie letztlich nicht gegen die Gebote verstoßen. Denn alle Lehren des allwissenden Buddha, ob zweckmäßig oder absolut, sind alle in einer wesentlichen Absicht vereint. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der außergewöhnlichen Sichtweise und Meditation des Mantrayana. Alkohol, dessen Einnahme nach dem Shravaka Pratimoksha ein Vergehen ist und einen Fehler in der Bodhisattva-Disziplin darstellt, wird im Mantrayana als eine Substanz des Samayas betrachtet, die immer vorhanden sein muss. Im Guhyagarbha-Tantra heißt es:

An Fleisch und Alkohol darf es nicht fehlen
denn sie sind Substanz der Errungenschaft,
Essen und Trinken, Essenzen und Früchte
und all das ist ein Genuss für die Sinne.

und auch:

Insbesondere ist es unangemessen, dass Fleisch und Alkohol fehlen.

Es wird gelehrt, dass solche Substanzen von Yogis genossen werden sollen, die durch das Praktizieren der Erzeugungs- und Vollendungsstufen in der Lage sind, die Kraft ihrer Gedanken zu überwinden – die auf den ersten Blick so fest und real erscheinen, die aber im Laufe der Zeit als die eigentliche Gottheit erscheinen. Im Allgemeinen bezieht sich dies auf die Gottheit des Strebens für diejenigen, die auf dem Pfad der Ansammlung sind; auf die Gottheit des Wind-Geistes, für diejenigen, die auf dem Pfad der Vereinigung sind; auf die Gottheit der Klar-Lichtheit, für diejenigen, die auf dem Pfad des Sehens sind; auf die Gottheit der gemeinsamen Ebene des Lernens; und auf die Gottheit der vereinten Ebene des Dharmakaya und Rupakaya, für diejenigen, die auf dem Pfad des Nicht-mehr-Lernens sind.

Praktizierende der inneren Tantras des Mantrayana handeln ohne dualistisches Festhalten, so dass ihre Sicht der Reinheit und Gleichheit der Phänomene unterstützt wird. Durch die geschickten Mittel der Erzeugungsstufe entstehen ihre eigenen Aggregate und Elemente, das Universum selbst und alle Wesen, die es bewohnen, als Ausdruck von Gottheit, Mantra und Mudra. Diese Praktizierenden segnen die Substanzen des heiligen Festes oder der Ganachakra-Puja (tib., tshogs) und verwandeln sie in Amrita. Und wenn sie diese Substanzen genießen, ist der Alkohol nicht mehr gewöhnlich, und auch ihre Haltung ist nicht mehr die eines gewöhnlichen Genusses. In diesem Zustand großer Reinheit und Gleichheit werden ihre Wahrnehmungen verwandelt, und sie erfahren sich selbst als die Gottheit und den Alkohol als Amrita. Unter derartigen Umständen ist es Yogis und Yoginis erlaubt, Alkohol zu konsumieren. Sie klammern sich nicht aus Eigeninteresse an ethische Gebote bezüglich dessen, was angenommen oder aufgegeben werden soll, und betrachten sie als wahrhaft existierende und unveränderliche Werte, und sie sind nicht an ihr Selbstbild als Bhikshus und Bhikshunis gebunden. Sie klammern sich auch nicht an den Begriff der uneigennützigen Großzügigkeit im relativen, materialistischen Sinne und klammern sich an die Idee, Bodhisattvas zu sein. Yogis und Yoginis, die auf diese Weise am Alkohol teilhaben dürfen, sind nicht wie die Shravakas, die das Begehren ablehnen müssen, weil sie keine Mittel haben, um Verunreinigungen und sinnliche Freuden auf dem spirituellen Pfad nutzbar zu machen. Ebenso wenig sind solche Praktizierende wie gewöhnliche Menschen, die im Bann der Negativität Handlungen ansammeln, die sie in die samsarische Existenz treiben. Durch die tiefen Yogas der Erzeugung und Vollendung werden alle Wahrnehmungen verwandelt. Alle Erscheinungen werden zum unendlichen Mandala der Gottheiten. Die Samaya-Substanzen, Alkohol und so weiter, werden als Amrita genossen, und aus diesem Grund können sie konsumiert werden. Es wird nicht nur kein Fehler begangen, sondern der Verdienst nimmt zu, denn Yogis und Yoginis, die sich solcher Samaya-Substanzen erfreuen, bringen in Wirklichkeit den Drei Juwelen und der Yidam-Gottheit Opfergaben dar. Auf diese Weise wird ihre Ansammlung von Verdiensten und ihre Entwicklung spiritueller Qualitäten weitaus intensiver gefördert, als wenn sie der Sangha, die sich aus Mönchen und Nonnen zusammensetzt, die sich auf die Pratimoksha-Disziplin beschränken, oder aus ordinierten Bodhisattvas, die sich um das Wohl anderer bemühen, denen aber noch die Sichtweise von Reinheit und Gleichheit fehlt, Opfergaben darbringen würden.

Die Einhaltung der drei Gelübde, wie sie in der Nyingma-Tradition gelehrt werden

Wenn sich der Yogi negative Emotionen und das Verlangen nach Sinnesobjekten zunutze macht, um auf dem spirituellen Pfad voranzukommen, muss er wissen, wie er die gleiche Argumentation auf alle anderen Aspekte der Gebote, sowohl auf die großen als auch auf die kleinen, anwenden kann. Anfänger in der Praxis der drei Gelübde müssen jedoch bestrebt sein, alle Gebote aller drei Gelübde so gut wie möglich einzuhalten. Zu diesem Zweck ist es unerlässlich, die Lehre unserer Tradition zu dieser Frage zu verstehen, die unter sechs Überschriften zusammengefasst ist.


Von Jigme Lingpa, aus dem „Schatzhaus der kostbaren Qualitäten“, kommentiert vom Kangyur Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!


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