Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. August 2020

Die erleuchtete Absicht

Angesichts der erleuchteten Absicht der wahren Natur der Phänomene, die sich nie von einem Zustand der Ruhe, dem Grund des Seins, entfernt, gibt es keine Trennung in Äußeres und Inneres; denn diese Natur ist frei von den Ausarbeitungen der dualistischen Wahrnehmung. Es gibt keinen gewöhnlichen Geist, der sich auf etwas „Anderes“ – ein „Sinnesobjekt“ – fixiert, also ist nichts als Objekt verdinglicht, und eure Wahrnehmungen des Universums sind frei von Fixierung. Es gibt keinen Kontext für eine Wiedergeburt in Samsara – das ist dem Raum ähnlich. 

Es gibt kein inneres Konzept des Geistes als „Selbst“, also wird nichts als Subjekt verdinglicht, und die alles verzehrenden Denkmuster der bedingten Existenz werden zum Erliegen gebracht. Das Potenzial für die Wiedergeburt im Samsara wird an der Wurzel durchtrennt. An diesem Punkt seid ihr bei der erleuchteten Absicht des Dharmakaya angekommen, so wie Raum, in dem es keine Trennung in Äußeres und Inneres und keinen Bezugsrahmen für Phänomene gibt, die auf Verwirrung beruhen. Ihr habt den Punkt der Auflösung erreicht, und da es kein Kommen und Gehen gibt, ist alles eine unendliche Weite, der reine Bereich von Samantabhadra. Ihr habt den erhabenen Palast des Dharmakaya erreicht. 

Wenn das Gewahrsein im gegenwärtigen Augenblick nicht vom Grund des Seins abweicht, negiert die Gewöhnung an diese Erfahrung jede Förderung der bedingten Existenz. Man ist frei von Karma und gewohnheitsmäßigen Mustern, die die Wiedergeburt aufrechterhalten. Man ist zu der entscheidenden Erfahrung der Ursächlichkeit gekommen, die als die Gleichheit von Samsara und Nirvana beschrieben wird. Ihr seid bei der Herzessenz der Erleuchtung angekommen, die nicht in einer bedingten Existenz oder im Zustand des Friedens verbleibt. Es ist entscheidend, dass ihr zwischen diesem und einem einspitzigen Zustand des ruhigen Verweilens unterscheidet. Dies ist die erleuchtete Absicht der natürlichen großen Vollkommenheit. 

Wenn man von seiner grundlegenden Natur abweicht, ist das Funktionieren des begrifflichen Geistes ganz einfach Samsara. Das beinhaltet Ursache und Wirkung – ihr seid nicht zu der maßgeblichen Erfahrung gelangt. Eine Person, die diesen Fehler macht, fällt immer tiefer und tiefer. Deshalb entfernt sich das erhabene Geheimnis – die große Vollkommenheit – nicht vom grundlegenden Raum, und die Ausdrucksformen der dynamischen Energie lösen sich im Grund des Seins auf. Die erleuchtete Absicht bleibt als ein unbeirrbarer Zustand der Gleichheit bestehen. 

In diesem Kontext gibt es keine Ursache und Wirkung, keine gezielten Bemühungen. Die Sicht kann zum Beispiel in der Meditation nicht kultiviert werden. Obwohl der Modus des Beendens so beschrieben wird, dass er weder ein Zentrum noch eine Grenze hat, entstehen, wenn die dynamische Energie selbst von diesem natürlichen Zustand abweicht, die unzähligen Erscheinungsformen als die Vielfältigkeit des Universums der Erscheinungen und Möglichkeiten. Deshalb sollte man niemals kategorisch sagen: „Es gibt keine Ursache und Wirkung“. 

Die wechselseitige Abhängigkeit bewirkt, dass bedingte, zusammengesetzte Phänomene jenseits von Aufzählung und Vorstellungskraft liegen. Verwirrte Wahrnehmung in Samsara und sogar Zustände von Frieden und Glückseligkeit liegen jenseits von Aufzählung und Vorstellungskraft. All dies macht den Prozess der Verflochtenheit aus, d.h. das Zusammentreffen von Ursachen und Bedingungen. 

Wenn man die grundsätzlich nichtbedingte Natur bewertet, stellt man fest, dass es sie nie als irgendetwas gegeben hat. Wenn man diesen Pfad nimmt, hat man auch keinen Bezugsrahmen, um von dieser grundlegend nichtbedingten Natur in ihrer ganzen Unmittelbarkeit abzuweichen. Stattdessen schätzt man sie im Kontext einer erleuchteten Absicht. Indem man den endgültigen Zustand in der Unmittelbarkeit der eigenen, grundsätzlich nichtbedingten Natur erreicht hat, wird man durch gar nichts beschmutzt. 

Bedrückende Emotionen, Karma und gewohnheitsmäßige Muster finden in dieser riesigen Weite keinen Halt, sondern sind das Spiel der wundersamen Zauberspiele der Illusion. Ihr müsst davon befreit werden, also kommt bitte zu einer maßgeblichen Erfahrung der Ursächlichkeit. Als Mittel dazu gibt es nichts Besseres als diesen Ansatz. Deshalb ist es entscheidend, nicht von der erleuchteten Absicht der wahren Natur der Phänomene abzuweichen. Dies ist die Tragweite meiner tiefgründigen und von Herzen kommenden Ratschläge. Es ist entscheidend, jenseits dessen, was alles ist oder nicht ist, über „sein“ und „nicht sein“ hinauszugehen. 

Aus “ Die kostbare Schatzkammer des grundlegenden Raums der Phänomene“ (Chöying Dzö) von Longchenpa; übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!


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