Verfasst von: Enrico Kosmus | 19. Juli 2020

Girlande der Sichtweisen

Die „Girlande der Sichtweisen“ (tib., man ngag lta ba’i ‚phreng ba) ist ein Grundlagenwerk im Rahmen des Vajrayana. Sie ist eine Sammlung esoterischer Anweisungen, die vom Guru Padmasambhava gegeben wurde und vom Jamgön Kongtrul der Schriftensammlung des „Kostbares Schatzhaus der mündlichen Anweisungen“ im ersten Band über die Ansätze der Nyingma – der alten Übersetzungstradition – hinzugefügt wurde. Die „Girlande der Sichtweisen“ ist übrigens das einzige Werk von Guru Padmasambhava, dass zur mündlichen Übertragungslinie gehört. Alle anderen Lehren Padmasambhavas sind Schatzlehren.

Guru Padmasambhava verwendet das Sinnbild einer Girlande bzw. Halskette, die einen großen Umfang an Sichtweisen darstellt, die wir tragen können. Der Zweck für das Studium dieser Sichtweisen liegt darin, dass die Sicht im Dharma die Basis für die Praxis darstellt. Bereits im achtfachen Pfad wird von „rechter Sicht“ gesprochen und damit ist ein korrektes Verständnis gemeint. Im Vajrayana spricht man oft von „Sicht, Meditation und Verhalten“ (tib., lta sgom spyod gsum). Unter diesen dreien ist die Sichtweise der bedeutsamste Punkt. Wenn es uns am grundlegenden Verständnis mangelt, wenn es uns an einer verständnismäßigen Basis fehlt, dann ist das wie eine schlechte Planung für eine Reise. Wenn also die Sicht falsch ist, dann werden Meditation und Verhalten in eine andere Richtung führen, als ursprünglich beabsichtigt. Ist die Sichtweise korrekt, dann werden Meditation und Verhalten ganz natürlich folgen und die gedachten Ergebnisse zeitigen. Deshalb ist die rechte Sicht so entscheidend und daher wird dieses Werk immer wieder als Grundlagenstudium für den Pfad empfohlen.

Wie Guru Rinpoche in seiner Darlegung sagt, kann man die vielfältigen Sichtweisen in zwei Kategorien zusammenfassen. Zum einen gibt es die weltlichen Sichtweisen der zyklischen Existenz und zum anderen gibt es die nicht-weltlichen Sichtweisen. Als weltliche Sichtweisen werden jene Arten des Denkens, Glaubens und Handelns angesehen, die mit jeglichen Formen des Greifens und Klammerns verbunden sind und uns somit in einer zyklischen Existenz – Samsara – halten.

Weltliche Sichtweisen

Diese Sichtweisen bestehen ja nicht außerhalb von uns, sondern werden von uns erdacht und nach außen projiziert. Und da unser Geist nun einmal in gewohnter Weise weltlich orientiert ist, der gewöhnliche Geist dualistisch organisiert ist und man an geistigen Phänomenen hängt, führen diese Ansätze nicht zur Befreiung. Die Vielfalt der weltlichen Sichtweisen teilt Guru Padma in vier Gruppen:

  1. die Unreflektierten ohne Sichtweise;
  2. die Materialisten mit zurückweisenden Sichtweisen;
  3. die Nichtigkeitsgläubigen mit den Sichtweisen, die in Sackgassen führen; und
  4. die Ewigkeitsgläubigen mit den Sichtweisen des Festhaltens.

Die ersten beiden dieser Sichtweisen sind von einem Verständnis der wahren Natur der Phänomene weit entfernt, während die letzten beiden ein gewisses Verständnis der wahren Natur aufweisen, aber dennoch einige Fehler beinhalten und deshalb nicht zur Befreiung führen.

Die Sichtweise der Unreflektierten weist kein Verständnis auf, da Unreflektierte über nichts nachdenken. Guru Padmasambhava sagt dazu: „Die Unreflektierten haben kein Verständnis dafür, ob Phänomene die Ursachen oder Ergebnisse von irgendetwas sind oder nicht. Sie sind völlig verwirrt.“

Sie machen sich keine Gedanken über die Erscheinungen oder ihre Grundlage, reflektieren nicht Ursache und Auswirkung. Auch denken sie weder über Vergangenheit oder Zukunft nach, noch über die Gegenwart. Heilsame Taten oder Unheilsames ist für sie ohne Bedeutung. Die Unreflektierten sind einfach das, was sie sind und genießen das Leben oder kämpfen manchmal damit. Aber sie sind nicht in der Lage, sich auch nur irgendwie zu entwickeln. Da sie keine Idee davon haben, ist dies für sie auch nicht wichtig. So sind sie getrieben von den karmischen Kräften – ihren Gewohnheiten – und kreisen weiter im Rad des Lebens bar jeder Möglichkeit der Befreiung.

Die zweiten im Reigen der Sichtweisen sind die Materialisten oder werden auch Hedonisten genannt. Guru Rinpoche sagt darüber: „Die Materialisten haben kein Verständnis dafür, ob es frühere und zukünftige Leben gibt oder nicht. Sie arbeiten, um Stärke, Reichtum und Kraft in diesem einen Leben zu erlangen, für das sie sich auf das geheime Wissen der weltlichen Wesen verlassen.“

Menschen mit diesen Sichtweisen mögen nicht allzu viel untersuchen oder analysieren, sondern nehmen Gehörtes einfach an, glauben daran oder überlassen das Finden von Wissen und Verständnis ihren Autoritäten. Sie glauben nichts, was sie nicht selbst mit den Sinnen erblicken, hören, fühlen oder empfinden können. Alles andere, was für sie unsichtbar, nicht hörbar, selbst nicht fühlbar oder empfindbar ist, weisen sie zurück. Da kann es schon geschehen, dass beim Streben nach Reichtum oder Macht der Zweck die Mittel heiligt.

Die Sackgassen-Sichtweisen sind deshalb ausweglos Sichtweisen, weil mittels dieser Sichtweise keine Möglichkeit der Ansammlung von konstruktivem Potential – Verdienst – besteht, wodurch höhere Geburten verhindert werden. Wie Sachen Kunga Nyingpo in seinem Kommentar zu „Abstandnehmen von den vier Anhaftungen“ (Tib., zhen pa bzhi bral) erwähnt: „…greifst du nach Nicht-Existenz, gibt es keine höhere Wiedergeburt…“ Diese Art der Sichtweisen wird als „nihilistische Sicht“ bezeichnet. Padmasambhava erklärt: „Nichtigkeitsgläubige glauben nicht, dass Dinge Ursachen und Auswirkungen haben. Für sie ist alles, was in diesem einen Leben geschieht, ‚einfach so‘ und erlöscht schließlich.“

Zwar versucht man mittels dieser Sichtweise über das Dingliche hinauszukommen und ist daher den beiden vorherigen Ansätzen der Unreflektieren und der Materialisten überlegen, aber gleichzeitig steckt man darin fest, dass man nichts glaubt, was man selbst nicht sehen kann. Das existiert für einen dann gar nicht. Der Zusammenhang von Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen wird ignoriert oder man sucht nach keinem tieferen Verständnis von Vergangenheit oder Zukunft.  Weil man kein Vertrauen in Heilsame und Tugendhafte hat, so wie es in den Schriften dargelegt wird, kümmert man sich nur um das gegenwärtige Leben. Weil man kein Vertrauen in zukünftige Resultate hat, diese momentan nicht sehen kann oder man nicht an frühere Ursachen, die außerhalb dieses gegenwärtigen Lebens liegen, tut man sich schwer, in der Gegenwart entsprechende Ursachen zu setzen.

Nihilisten können auch im Buddhadharma auftauchen. Dann missverstehen sie Leerheit und verwechseln dies mit einem blanken Nichts. Der Drikung Gyalwang Kunga Rinchen schreibt in seinem Kommentar zum fünffachen Pfad zur Mahamudra im Abschnitt über die „Vier Arten, die Leerheit falsch zu verstehen“: „Zum Beispiel mag jemand, der konzeptionell bei einer ungefähren Vorstellung der Leerheit als völlige Verneinung angelangt ist, während der Meditation über die Bedeutung des SWABHAWA SHUDDHA Mantra über alles, was existiert, als nicht-existent meditieren. Diese Person täuscht sich durch das Missverstehen der Natur der Leerheit des Objekts, das man kennen sollte – die Leerheit.“ An dieser Stelle sei angemerkt, dass man als buddhistisch praktizierende Person die Sicht genauestens studieren und verinnerlichen sollte, damit man bei den Unterweisungen zu Shunyata (Leerheit) nicht in nihilistische Vorstellungen abgleitet.

Die Eternalisten haben durchaus eine hohe moralische Disziplin, auch eine hohe Sichtweise, doch führt ihr Unterfangen nicht zu Befreiung. Sachen Kunga Nyingpo sagt dazu: „Wie weit ich mich im Dharma auch entwickelt haben mag, solange das Greifen nach einem Selbst existiert, besteht keine Freiheit. Genauer gesagt: Greifst du nach Existenz, gibt es keine Befreiung;…“ Eternalisten glauben an etwas Ewiges, das kann eine Schöpferwesenheit oder eine unzerstörbare Wesenseinheit – meist „Ich“ oder „Seele“ genannt – sein. Guru Padma dazu: „Ewigkeitsgläubige glauben an ein permanentes Selbst, welches sie sich in allen Phänomenen vorstellen. Manche glauben an eine Realität – eine Wirkung – für die es keine Ursache gibt. Manche haben eine falsche Sicht auf die Kausalität. Einige glauben, dass, während die Ursache real ist, die Auswirkungen unwirklich sind.“

Eternalisten untersuchen verschiedenste Systeme, analysieren und überprüfen diese, aber dann stellen sie eine Behauptung auf, dass es etwas tatsächlich, wahrhaft aus sich bestehend gäbe. Einer der Fehlschlüsse von Eternalisten ist ein dauerhaftes Ich. Zum Beispiel hat das dauerhafte Ego oder „Ich“ keine Ursache, was bedeutet, dass es, obwohl es keine Ursache gibt, ein Ergebnis geben kann, und dieses Ergebnis ist dauerhaft. Auch glauben Eternalisten wiederum, dass es zwar eine Wirkung gibt, aber keine Ursache. Zwar blicken Eternalisten über den gegenwärtigen Moment hinaus, glauben an frühere oder zukünftige Leben, doch verstehen nicht das bedingte Entstehen. Sie halten einfach ihren Ideen fest, die ihrem Glauben oder ihren Überzeugungen entsprechen, auch wenn diese der Logik und Prüfung nicht standhalten.

Überweltliche Sichtweisen – Dharma-Sicht

Jene Sichtweisen, die zur Befreiung führen, werden in zwei Kategorien eingeteilt. Da gibt es zum einen die Sichtweisen des Ursachenfahrzeugs – Sutrayana – und zum weiteren die Sichtweisen des Ergebnisfahrzeugs – Vajrayana. Egal welche der beiden Ansätze man verfolgt, beide sind befreiend und führen die Praktizierenden über den Daseinskreislauf hinaus.

Das Sutrayana wird als Ursachenfahrzeug bezeichnet, weil der Schwerpunkt auf den Ursachen und Bedingungen liegt, die dann in Zukunft ein Resultat bringen sollen. Selbst wenn man auf ein gutes Ziel hinarbeitet, wird man es nicht erreichen, wenn man nicht die rechten Ursachen gesetzt hat und die richtigen Bedingungen vorfindet. Deshalb hat der Buddha immer wieder betont, dass man hinsichtlich der Ursachen und Bedingungen sehr genau und weise damit umgehen soll. Sind die Ursachen und Bedingungen gut, dann stellen sich mühelos auch gute Resultate ein. Wenn die Ursachen gut, die Bedingungen aber ungünstig sind, dann wird das Unterfangen schwierig. Und wenn beide – Ursachen wie Bedingungen – ungünstig sind, dann wird das gewünschte Resultat nicht erreicht werden. Somit ist es wichtig, dass man sorgfältig im Ansammeln des Heilsamen und Beseitigen des Unheilsamen ist.

Im Ansatz des Ergebnisfahrzeugs – Vajrayana – verbindet man sich direkt mit dem angeborenen Gewahrsein, der unzerstörbaren Natur des Geistes. Dies geschieht beispielsweise bei der sog. „Gottheitenmeditation“ – auch Yidam-Praxis genannt – bei der man sich als erleuchtete Gottheit visualisiert. Das heißt, die Vortrefflichkeit der Umgebung (visualisiert als ein reiner Bereich), des Lehrers (visualisiert als eine Verkörperung der Erleuchtung), des Gefolges (sich selbst und andere als Gottheiten visualisiert), der Belehrungen (die einzig und allein die des Vajrayana-Ansatzes sind) und des Zeitrahmens (der des allgegenwärtigen Moments des zeitlosen Gewahrseins). Diese sind parallel zu der „fünffachen Gewissheit“ des Sambhogakaya. Man legt diesen Rahmen für den Empfang von Belehrungen und das Praktizieren im Kontext von Vajrayana fest. Mittels dieses Ansatzes nimmt man dieselbe Vision an, die ein Buddha hat. Man verbindet sich dadurch direkt mit dem ursprünglichen Gewahrseinszustand. Diese wahre Natur des Geistes muss von nirgendwo hergebracht oder erschaffen werden. Stattdessen durchdringt man direkt und kräftig, aber auch geschickt, die eigenen Gewohnheitsmuster und realisiert den inneren Zustand der eigenen angeborenen Natur.

Obwohl dieser ursprüngliche, makellose, erleuchtete Zustand allen Wesen innewohnt, wird er nur durch das erleuchtete Gewahrsein vollständig erkannt. Deshalb ist die Vajrayana-Praxis die wahre und letztendliche Praxis, direkt und kraftvoll. Wenn man in der Lage ist, diese Sicht ohne Zweifel und Zögern kontinuierlich aufrechtzuerhalten, dann wird man sehr bald Erleuchtung erlangen. Aus diesem Grund ist das Vajrayana als der schnelle diamantene Pfad bekannt. Indem wir im freien, strahlenden Gewahrsein unserer authentischen Natur verweilen, zerschneiden wir jedes gewohnheitsmäßige Muster und jedes Stückchen Greifen augenblicklich in seinem eigenen natürlichen Zustand. Dies ist als das resultierende Yana bekannt.

Diese verschiedenen Sichtweisen zu verstehen, ist sehr wichtig. Denn dadurch ist man in der Lage, zu verstehen, welche aufzugeben und welche anzunehmen sind, um das gewünschte Ziel auch zu erreichen.

Möge es nützlich sein!


Responses

  1. Lieber Enrico,
    dein obiger Beitrag kam zur rechten Zeit und ist – wie schon erwaehnt – sehr hilfreich. Ich frage zusaetzlich deine kompetente Hilfe an. Und zwar wuesste ich gern, ob es von Guru Rinpoche Belehrungen dazu gibt, wie man auf dem
    Vajrayana-Weg sich gegenueber Personen verhaelt, die – obwohl Zuflucht genommen – sich eine der vier Weltlichen Sichtweisen angeeignet haben.
    Worauf habe ich bei der Vajrayana-Praxis bei solchen Erscheinungen besonders zu achten? Ich erwarte jetzt kein Einheitsbrei-Patentrezept aber vielleicht doch einen hilfreichen Hinweis.
    Tashi delek, Ingrid

    • Von Guru Padmasambhava fallen mir jetzt keine Belehrungen zu solchen Situationen ein. Aber solche Praktizierenden wird man immer wieder finden. Das sind Leute, die ihre Samayas beschädigt oder gar gebrochen haben. Alles weitere hängt dann davon ab, was man weiter mit diesen Leuten machen muss. Alltäglicher Umgang stellt ja kein Problem dar. Vielleicht mögen diese Leute ja mal die „Girlande der Sichtweisen“ dazu studieren und ihre Sicht ordnen. Ansonsten… naja, nobody’s perfect.

      • JA, DANKE, fuehle mich durch deine Antwort verstanden – und sehe den Umgang mit solchen Sanghamitgliedern weiterhin als meine Uebungen auf dem Weg an.

  2. DANKE ENRICO – wieder einmal ein wertvoller Beitrag.


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