Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. Juli 2020

Anrufung an Machig Labdrön

Hingebungsvoll gesungene Verse der esoterischen Offenbarung an Machig Labdrön sind hierin enthalten.

NAMO GURU DAKIYE //

Visualisation

Eine Handbreit über der Krone unseres Kopfes auf einem dreifachen Sitz aus Lotos, Sonnen- und Mondscheibe, in einem mit Regenbogenlichtern angefüllten Palast, ist der Lama, zu dem ich Vertrauen habe, untrennbar in seiner Essenz von der Mutter der vier Edlen. Der Körper von Machig Labkyi Drönma ist weiß, ihr nach oben gebundenes Haar hängt an ihrem Rücken herab, friedlich lächelnd, blickt sie mit ihren drei Augen zum Himmel.

Die seidenen Gewänder an ihrem Körper flattern im Wind, mit einer roten Schärpe sind sie um ihre Mitte gebunden. Sie hat ihre Beine im der Vajra-Haltung. In ihrem Herzen befindet sich auf einer Mondscheibe ein A umgeben vom Mantra.

In ihrer rechten Hand hält sie eine goldene Damaru, mit deren Rhythmen sie die drei Welten erfüllt. Aus dem reinen Buddha-Feld, dem unübertroffen Dharma-Bereich von Akanishta erscheinen die Buddhas, Bodhisattvas und verwirklichten Meister. Sie kommen zusammen, wie der Wind die Ernte zusammenbringt, und alle verschmelzen mit dem Körper der Mutter (Machig Labdrön).

In ihrer linken Hand hält sie eine silberne Glocke, deren feiner Klang die 10 Richtungen erfüllt. Die Dakinis der 24 Plätze versammeln sich wie ein Schneesturm und verschmelzen mit der Gestalt der Mutter (Machig).

Flehentliche Anrufung

Oh Machig Labdrön, Versammlung aller Zufluchtsfelder – zu Euch bete ich aus der Tiefe meines Herzens.

Abkehr von Samsara

Dieser kostbare Körper, mit seinen Vorzügen und Freiheiten, so schwer zu erlangen – segnet mich, damit ich den wesentlichen Punkt realisiere.

Die Zeit des Feindes, des Herrn des Todes, ist gewiss – segnet mich, damit ich im Geiste kein Bedauern empfinde.

Die inneren Gesetze (des Karmas) sind die eigentlichen Herrscher – segnet mich, damit meine wahre Natur ohne Scham ist.

Wo immer jemand in den sechs Bereichen geboren wird, ist auch Leiden – segnet mich, damit die Türen dieser Geburten verschlossen sind.

Eintritt in den Pfad

Die sichere und unfehlbare Zuflucht sind die drei Juwelen – segnet mich, damit ich das Entstehen der Gewissheit erlebe.

Die sechs Bereiche der Wesen sind meine Eltern – segnet mich, damit Liebe und Mitgefühl entstehen.

Bitte um Segen

Der letztendliche Punkt ist, dass mein eigener Geist der nackte Dharmakaya ist – segne mich, dass ich diese Wahrheit verwirkliche.

Abhisheka – Ermächtigung

Körper, Rede und Geist der Machig Labdrönma, wie Wasser in Wasser gegossen wird, auf diese Weise werden sie und ich selbst zu einer untrennbaren Einheit. Durch alle diese Bedingungen erfahre ich die höchste Wonne.

Durch die Kraft dieser Gebete löst sich die Große Mutter in Licht auf und verschmilzt mit mir.

Die Natur des Geistes erblicken

Die wahre Natur meines Geistes ist frei von Ausschmückungen, nackt. Blicke nun nach innen auf deinen Geist.

Belehrungen zur Natur des Geistes

Wenn du deinen Geist betrachtest, kann nichts erblickt werden; er ist nicht substanziell. Das ist die Wahrheit der Leerheit deines eigenen Geistes.

Geist existiert nicht, obwohl alles mögliche darin entstehen kann. Die Lehre zum Weisheitsgewahrsein ist dein eigener Geist.

Die drei Siegel – Glückseligkeit, Klarheit, Nicht-Begrifflichkeit

Wenn du Wonne erfährst, blicke auf die Essenz der Glückseligkeit. Dies ist die Wahrheit des Großen Siegels von Glückseligkeit-Leerheit.

Wenn du Klarheit erfährst, blicke auf die Essenz der Klarheit. Dies ist die Wahrheit des Großen Siegels von Klarheit-Leerheit.

Wenn du Offenheit erfährst, blicke auf die Essenz der Nicht-Dinghaftigkeit. Dies ist die Wahrheit des Großen Siegels der Nicht-Begrifflichkeit.

Untrennbarkeit

Blickst du auf diese Weise, gibt es nichts was auch immer zu erblicken wäre. Dies ist die Wahrheit des Sinkens in den nackten ungekünstelten Geist.

Blickst du nach draußen, sind alle Erscheinungen wie ein Regenbogen: Obwohl Formen klar zu unterscheiden sind, sind sie leer von jeglicher wirklicher Essenz.

Selbstbefreit

Welche der fünf Gifte auch im eigenen Geist erscheinen, betrachtet man sie recht, sind sie in ihrem eigenen Grund befriedet. Dies ist die Wahrheit der heiligen Anweisung zur Selbstbefreiung der fünf Gifte. Welche Anzeichen von Freude oder Leid auch im Geist entstehen, blicke auf ihre innerste Essenz und sie werden in ihren eigenen Grund zurücksinken.

Von „einem Geschmack“

Dies ist der Dharma des Großen Siegels von „einem Geschmack“. Welche schreckliche Erscheinungen im Geist auch entstehen, blicke auf ihre Essenz und sie werden in ihrem eigenen Grund ruhen. Dies ist der Dharma des Großen Siegels vom Durchtrennen der Phänomene.

Welche Erscheinungen des Leidens auch im Geist entstehen, blicke auf ihre Selbstnatur und lasse sie in ihren eigenen Grund sinken.

Dies ist die heilige Wahrheit vom Beruhigen des Leidens. Der Geist ist frei von Sein oder Nichtsein, Zustimmung oder Verneinung.

Mittlerer Weg

Dies ist die heilige Wahrheit des Großen Mittleren Weges. Hier ist kein Phänomen, welches nicht vollkommen ist im Geist.

Dzogpa Chenpo – Große Vollkommenheit

Dies ist die heilige Wahrheit von der Großen Vollkommenheit. Der Geist des Siegreichen und der eigene Geist und all unsere Mütter, die fühlenden Wesen sechs Bereiche, sind von der selben Essenz. Dies ist die Sicht, dass Samsara und Nirvana untrennbar (von selber Essenz) sind.

Meditiere darauf, verweile ohne jegliches Ziel. Dies ist der ungekünstelte Geist, vollkommen nackt.

Mahamudra

Ruhe, ohne dass es einen Geist gibt, der auf etwas schaut oder es etwas gibt, worauf geschaut wird. Dies ist die eigentliche Praxis von Mahamudra.

Den Pfad von Sicht und Praxis unverfälscht zu bewahren, schützt die drei Gelübdeklassen, wie die eigenen Augen (und) vereint die beiden Ströme von Kadampa und Mahamudra. Der (entscheidende) Punkt ist, Stabilität im Geist zu bewahren.

Dies wird als Frucht bezeichnet. Dies ist die Wahrheit von der Frucht des Geheimen Mantra-Pfades.

Dies habe ich am 16. Tag des Monats bei Kerzenlicht geschrieben, so wie es mir in den Geist kam. Du mit dem Mut, die Verwirklichung in einem Leben zu erreichen, so wie die ehrwürdige Halterin der Linie der Machig Labdrön sagte: „Vertraue mir und diene mir.“ So verlasse dich auf diese Worte und mache sie zu deinem Yidam.

Dieses Gebet wurde von Raga Asya in einem Lager in den Dharma-Bergen von Tö für den Einsiedler Jomo niedergeschrieben.


Aus den gesammelten Werken von Karma Chagme; Band 52 (zi), Seite 281 – 286. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017). Möge es von Nutzen sein!


Responses

  1. Danke für die schöne Übersetzung!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: