Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Juli 2020

Torma – die Verwendung von Opferkuchen

Bei der Durchführung einer ausführlichen tantrischen Puja werden verschiedenste Repräsentationsformen am Altar aufgestellt. Einige dieser Figuren dienen als Stütze für die Meditation, wie beispielsweise für Guru oder Meditationsgottheit, andere sind als Opfergaben, die den Wesenheiten dargebracht werden. Wiederum weitere sind gar als spirituelle Waffen gedacht, womit bestimmte negative Einflüsse beworfen werden.

In Indien als „Balingta“ – Opferkuchen – bezeichnet, wurde dieser Begriff in Tibet übernommen und nennt sich „Torma“. Während im alten Indien für die Praxis oftmals Statuen verwendet wurden, wurde dies in Tibet dann zu einer reichhaltigen Verwendung von Tormas. Diese können sehr kunstfertig gestaltet sein und stehen oft jahrelang als Repräsentationen auf den Altären. Andere wiederum werden gerade einmal für eine Klausurpraxis hergestellt, sind einfach geformt und werden nach erfolgreicher Klausur in einer Feuer-Puja dargebracht.

Man kennt drei Arten von Tormas: 1) der dauerhafte Torma ist einer, der auf dem Altar während der Praxis über verbleibt, ob als Opfergabe oder als Repräsentation für die Gottheit. Der vorübergehende Torma ist einer, der nur für einen Tag oder weniger auf den Altar gestellt wird. Der Torma mit einer bestimmten Dauer wird nur für eine bestimmte Zeitdauer, wie beispielsweise einen Monat, auf den Altar gestellt. In verschiedenen Termas von Guru Rinpoche wird gesagt:

„Wenn man die dauerhaften Tormas, die vorübergehenden Tormas und die Tormas, die an eine bestimmte Dauer gebunden sind, richtig aufstellt und wenn man die langen oder kurzen Anrufungen und Lobpreisungen rezitiert, die von den Vidyadharas verfasst wurden und wenn man eine Musikkombination spielt, dann werde ich – Padmakara – und mein Gefolge in großer Zahl herbeikommen und ich werde die höchsten und weltlichen Verwirklichungen gewähren.“

Die Herstellung von Tormas, das Aufstellen von Opfergaben ist bereits Teil der Praxis und sollte von den Praktizierenden auch erlernt und angewendet werden, weil es dadurch bereits zu einer Verbindung mit der Praxis und zu einer Verdienstansammlung kommt.

Hier nun ein kurzer Einblick in die Anordnung der Sadhana aus dem Könchog Chidu, wie Jamgön Kongtrul es in seinem Kommentar beschreibt.

„Auf der mittleren Anordnung der Getreide legt man einen Lotusteller, auf dem ein Guru-Tormagestellt wird, umgeben von einem Gefolge aus vier Tormas, die genauso aussehen und von Teigdreiecken. Auf die Anordnung der Getreide zur Seite der Hand, als eine Basis für die Visualisation des Guru Dragpo, stellt man einen dreieckigen, roten Torma der „prachtvollen Nahrung“, umgeben von einem Gefolge aus fünf Tormas, die genauso aussehen und von Teigdreiecken. Auf die linke Seite stellt man einen dreieckigen roten Torma als Grundlage für die Visualistion der Simhamukha, umgeben von vier Tormas, die genauso aussehen und mit Teigdreiecken.

Davor und auf der rechten Seite aller drei Tormas stellt man einen roten Torma für Lu-dü, der von einer Schlange umwunden wird, auf. Vorne und zur linken Seite der drei Haupttormas stellt man einen weißen Torma für Menmo des Sees auf, die ein Kind trägt. Rechts von dieser ganzen Anordnung stellt man Amrita auf, der Dharma-Medizin als Zutat enthält. Links von dieser gesamten Anordnung stellt man Rakta auf, der die 35 Zustatenenthält oder wenn das nicht enthalten ist, einen Rakta, der Sindhura als Zutat hat. Vor dieser gesamten Anordnung stellt man in einer Reihe die zwei Wasser und die fünf Genüsse auf.

In Übereinstimmung mit der sichtbaren Übertragung macht man Tormas für die Hinderer, weiße und rote Opfer-Tormas, Ganachakra-Nahrung, den Befehls-Torma, den Tenma-Torma usw.“

Von Jamgön Kongtrul

Hier nun genauere Erklärungen zu diesen genannten Tormas.

Guru-Torma

Ein Guru-Torma ist ein Torma in einer speziellen Form, die besonders für die Opferung an einen Guru gedacht ist. Es wird gesagt, dass in der Tradition Kongtruls das ein roter friedvoller Torma mit einem Grund aus Lotusblättern ist. Seine begleitenden Tormas werden als die fünf kleineren weißen runden Tormas beschrieben, obwohl es vier geringer Versionen davon gibt, die in diesem Text beschrieben werden.

Kleine Teigdreiecke; tib., theb kyus; gemacht aus zusammengedrücktem Teig zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger. Jeder repräsentiert eine zusätzliche Torma-Opferung, sodass eine große Anzahl an Tormas geopfert werden kann.

Dpal-bshos; allgemeinhin als „Paltor“ (glorreicher Torma) bekannt; dieser wird als ein roter (Torma) beschrieben, mit einem Boden aus Lotusblättern, aber mit einem hervorstehenden scharfkantigen Bauch, der die Punkte der drei Ecken formt, anders als die runde Form des Guru-Tormas. Die Tradition des Karseh Kongtrul folgt der Anwendung von Tsewang Norbu für die acht umgebenden geringeren Tormas, anstatt der fünf in diesem Text.

Torma-Waffen

Dieser rote Torma, der dreieckig ist und an der Spitze zu einem Punkt wie eine verlängerte Pyramide zusammenläuft und als scharfkantiger roter Torma (dmar-gtor rtse-rno) und auch als Tun-tor (thun-gtor; Torma der magischen Waffe) bekannt ist, im Gegensatz zu den roten Tormas mit den stumpfen Enden.

Torma als Ersatz und Abbitte

Lu-dü (klu bdud) könnte auch als Naga-Mara übersetzt werden, was aber in gewisser Weise zu Missverständnissen führen würde, weil ein Naga und ein Mara eine spezielle Bedeutung in der indischen Mythologie haben, während die Begriffe, mit denen sie übersetzt werden, ihre eigene angestammte Bedeutung in Tibet haben. Hier ist die angestammte Bedeutung damit gemeint. Die Lu sind Gottheiten des Regens, der Fruchtbarkeit, der Flussquellen und Seen. Sie können Lepra und Hautkrankheiten verursachen. Sie sind mit Schlangen verbunden und mit blaugrauen Pferden und Maultieren. Das ist freilich übereinstimmend mit den Schlangengottheiten von Indien. Jedoch sind die Dü nicht identisch mit dem Mara des traditionellen Buddhismus. Sie werden vielmehr als schwarze, furchterregende Wesen, die auf schwarzen Rössern reiten beschrieben, sind mit Dunkelheit verbunden und bringen Unglück, wenn man nicht vorbeugt. Da gibt es allerdings eine Vielfalt verschiedener Gruppen der Dü. Die Lu-Dü sind Wesen, die aus einer vermischten Elternschaft von zwei Gruppen übernatürlicher Wesen abstammen. Diese wiederum werden auch in einer großen Vielzahl unterschiedlicher Gruppen beschrieben. Der Torma, der geopfert wird, ist rot, weil die Gottheit, der geopfert wird, zornvoll ist und die Schlange symbolisiert die Lu oder den Naga-Status. Der Torma wird als ein roter Torma mit Schultern beschrieben, der von einer Schlange umschlungen und mit zwei Butterscheiben geschmückt ist. Dieser rote Torma ist ein Torma mit runden Enden, der einen runden Kopf hat. Die Schultern beziehen sich auf die erweiterte Form des Tormas an seiner Basis, die nach oben hin zum Kopf auf Schulterhöhe schmäler wird.

Der Mamo-Torma, der ein Kind trägt ist eine Opfergabe an eine spezielle Art von ursprünglich tibetischen Göttinnen, die „sman mo“ (Kräutergeister) genannt werden. Die Mamo sind eine Schwesternschaft, so wie die vier der zwölf Schützergöttinnen von Tibet (die Tenmas). Die Mamos werden auch als Gefährtinnen bedeutsamer Berggötter vorgefunden, wie Yarlho Shampo, Machen Pomra und Nyenchen Tanglha. Es gibt eine Vielzahl dieser Arten an Göttinnen, jede mit ihrer eigenen Beschreibung, ihrem Aufenthaltsort und ihrer Liturgie, abstammend aus der ursprünglichen religiösen Tradition Tibets. Die See-Mamos sind jene, die in den Seen wohnen, aber es gibt eine Anzahl davon und ich war nicht in der Lage zu bestimmen, auf welche hier Bezug genommen wird. Der Torma, der geopfert wird, ist ein weißer und runder, so wie die Göttin, der hier im friedvollen Aspekt geopfert wird. Und vom Torma sagt man, dass er die Erscheinung des Tragens eines Kindes hat, weil das ein Merkmal der Göttin ist. Das Kind entspringt dem Schoß und Butterscheiben an der Vorderseite der Mutter und des Körpers des Kindes verweisen darauf, dass sich beide anblicken. Das ist sozusagen die traditionelle Art, in der eine Mutter in Tibet ihr Kind trägt. Der Torma wird sowohl der Mutter als auch dem Kind geopfert.

Rakta

Die 35 Zutaten zum Rakta (wortwörtlich „Blut“); jedoch sollte die tantrische Terminologie nicht wortwörtlich genommen werden. Dieses „Blut-Opfer“ ist wird faktisch als eine Opfergabe des Blutes aus dem Töten der Geistesgifte Ignoranz, Stolz, Ärger, Anhaftung und Neid angesehen. Die erste Zutat besteht eigentlich aus drei Arten von Rakta: A) „Der Rakta des vollständig reinen Raumes“, was idealerweise das Blut aus dem Lotus – Raum und Lotus sind eine Umschreibung für die Vagina – einer Dakini, wie Padmakaras Gefährtin Yeshe Tsogyal bedeutet oder andernfalls das erste Menstruationsblut einer Jungfrau aus guter Familie oder sonst von einer gesunden Frau einer edlen Familie oder anderweitig Sindura (siehe folgende Anmerkung weiter unten) von einem kraftvollen, heiligen Platz. B) „Der Rakta der Existenz“, was natürliches Teer ist, von dem man sagt, dass er aus dem Menstruationsblut der Gefährtinnen der Buddhas der vier Richtungen entstammt: Buddhalocana, Mamaki, Pandara und Samaya-Tara, die die Gefährtinnen von Akshobhya (Osten), Ratnasambhava (Süden), Amitabha (Westen) und Amoghasiddhi (Norden) sind. C) „Der Rakta des geheimen Kanals“, der das Herzblut aus dem Lebenskanal (der Aorta) von jemandem ist, der im hohen Alter verstorben ist. Dieser wird auch „der Kanal-Rakta der zwölf Phasen des wechselseitigen Entstehens“ genannt, weil alle zwölf, von Unwissenheit bis Tod, vollständig darin enthalten sind. Die nächsten zehn Zutaten sind Fixative für die Wurzelzutat. Es sind solche Substanzen wie rotes Sandelholz, wilder Safran, Gewürznelken, Muskat, Granatapfel und Maulbeerblätter. Die anderen 25 Zutaten sind die Zweigzutaten und werden in fünf Gruppen zu je fünf Substanzen eingeteilt, alle werden „der Rakta (Blut), für das kein Leben genommen wird“ genannt. Alle diese sind natürliche Substanzen. Es gibt fünf Arten des Stein-Rakta, wie Zinnober und roten Ocker; fünf Arten des Holz-Rakta, wie Gummilack, Sandelholz und Sturmeisenhut (Aconitum napellus); fünf Saft-Raktas, wie Moschus, Rohzucker und Honig; fünf Frucht-Raktas, wie Rosinen, Berberitze und Myrobalam (Phyllanthus emblica) und fünf Blumen-Raktas, wie Gloxinie (Incarvillea). Es gibt eine spezielle Methode zum Zubereiten und Segnen dieser Substanzen, daher ist deren Sammeln und Zubereiten die Aufgabe eines Spezialisten. Ein Praktizierender stützt sich daher auf ein kleinwenig zubereiteten Rakta, den er geliefert bekommt. Das ist auch im Falle der Dharma-Medizin, die für den Amrita verwendet wird, für die noch eine viel größere Bandbreite an Zutaten erforderlich ist.

Sindhura

Sindhura bedeutet „Ablagerung aus den Ufern des Indus“ und ist eine rote Erde von einem Platz, der Vajrayogini geweiht ist, obwohl das Wort für die rote Erde von jedem Platz verwendet wird. Bleioxid (rotes Bleipulver) wird oft als ein Ersatz genommen.

Die äußeren Opfergaben

Die zwei Wasser und fünf Genüsse sind die üblichen Altaropfergaben mit den Schalen, wobei zwei Wasser enthalten (eine für den Mund und eine für die Füße) und die fünf Genüsse sind Blumen, Räucherwerk, Licht, Duft und Nahrung. Dies sind die Schalen, die die traditionellen indischen Opfergaben an einen Gast enthalten: zwei Wasser, Blumen, Räucherwerk, Licht, Duftwasser und Nahrung. Die letzten fünf sind die eigentlichen „Opfer der Sinnesgenüsse“. Das Licht ist üblicherweise eine metallene Öllampe ohne Schale und eine zusätzliche Schale wird manchmal hinzugefügt, bei der die Blumen die Grenzlinie darstellen, obwohl das hier nicht notwendig ist.

Diese Extraschale wird oft als Musikopferung missinterpretiert, obwohl tatsächlich die eigentlichen Musikinstrumente, die man spielt, diesen Zweck erfüllen. Manchmal wird eine Extraschale hinzugefügt, die Musik darstellt, aber richterweise stellt sie Blumen dar, die gedacht sind, den Zwischenraum zwischen den Opfergaben aufzufüllen.

Torma-Widmung

In dieser Praxis wird der Torma, der in der vorangehenden Praxis zum Befrieden der Hindernismacher geopfert wird, Sha-gzugs-ma – der fleischförmige Torma – genannt, der ein gebogenes Bein darstellt, der Schenkel ist am Boden und der Fuß ist in die Höhe gestreckt, wobei auf die Sohle eine Butterscheibe gedrückt wird. Man sagt, dass dies das Bein darstellt, das Padmakara manifestiert hat, während er Meditation war und auf die Hindernismacher schleuderte, um sie zu befrieden.

Die weißen Opfer-Tormas sind allgemein für die friedvollen Gottheiten, die roten Tormas mit den stumpfen Enden sind für die Zornvollen. Der Befehls-Torma ist für die angestammten tibetischen Gottheiten, die Padmakara einen Eid geschworen haben, den Dharma und seine Praktizierenden zu beschützen und der Tenma-Torma ist speziell für die zwölf Tenma-Göttinnen, den nationalen Gottheiten von Tibet, die auch von Padmakara unterworfen wurden.


Aus dem Kommentar des Jamgön Kongtrul, zusammen mit ergänzenden Erklärungen. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2020). Möge es von Nutzen sein!


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