Verfasst von: Enrico Kosmus | 2. Februar 2020

Totenbücher und Kulturromantik

Es ist ein Geschäft mit der Angst vor dem Tod. Ja, es ist ein gutes Geschäft. Besonders in einer Gesellschaft, die auf der Suche nach Spiritualität und authentischer Religion ist. Und besonders dann, wenn Menschen nihilistische Anschauungen pflegen. Daher findet das „Tibetische Totenbuch“ im Westen wohl eine größere Verbreitung als in seinem Herkunftsland Tibet.

Zwar ist die Begleitung und Führung von Verstorbenen ein durchaus wichtiges Anliegen in der tibetischen Kultur und dafür finden sich auch eine überschaubare Anzahl von Texten, aber die Bardo-Beschreibungen sind sehr spärlich gehalten. Die häufigste Art, Verstorbenen zu nützen, geschieht zuerst durch Phowa – die Bewusstseinsübertragung zum Zeitpunkt des Todes, dann durch Wunschgebete und Rezitationen des Mani-Mantras. Und schließlich geschieht das Totengeleit durch die Führung der verstorbenen Person durch die sechs Daseinsbereiche – „Nedren“ (tib., gnas ‚dren) oder „Nelung“ (tib., gnas lung) genannt wird –, ein Führen auf eine höhere Ebene darstellt, gefolgt von einer letztendlichen Bewusstseinsübertragung und dem Verbrennen der Namenskarte bzw. mit dem Darbringen des Leichnams am Leichenplatz im Rahmen der Luftbestattung.

Die Vorstellung, dass in jedem tibetischen Haushalt ein Exemplar des Bardo Thödrol liegen würde, damit dieses einer verstorbenen Person vorgelesen wird, ist eine westliche Phantasie. Im tibetischen Textkanon macht die Bardo-Literatur bestenfalls 1% der Schriften aus. Die häufigsten Schriften der tibetischen Dharma-Literatur befassen sich mit buddhistischer Philosophie, Meditationsliturgien auf verschiedene Meditationsgestalten, Anrufungen von und Gabendarbringungen an Schützerwesen, sowie verschiedenste Aktivitätspraktiken.

Grundsätzlich ist die Meditation der 100 Friedvollen und Zornvollen im Rahmen der tantrischen Dharma-Tradition von einiger Bedeutung, da sie eines der beiden Haupt-Mandalas in der Nyingma-Tradition darstellt. Diese Praxis hat allerdings als Grundlage eine Einführung in die Natur des Geistes, gefolgt von einem Guru-Yoga und dann erst einer Mandala-Meditation. Diese Mandala-Meditation kann mehr oder weniger ausführlich und detailliert sein. In ihrer Essenz ist diese Mandala-Meditation eine geschickte Herangehensweise in einer Meditation über Leerheit und Klar-Lichtheit. Außerhalb der Nyingma-Tradition wird dem Bardo Thödrol sowie dem Werk von Karma Lingpa wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Donald S. Lopez schreibt in seinem Werk über das Tibetische Totenbuch:

„[…] Das Buch beginnt mit einer Einführung durch den vierzehnten Dalai Lama, der eine klare und gelehrte Kontextualisierung des folgenden Materials bietet und buddhistische Ansichten über die Natur der Person, den Prozess des Todes und die Prinzipien der Praxis von darlegt Höchstes Yoga-Tantra. Ein solcher Hintergrund ist für das Verständnis des tibetischen Textes von wesentlicher Bedeutung, jedoch wurde in keiner der vorhergehenden Übersetzungen eine solche Einführung gegeben. Und es ist bemerkenswert, dass der Dalai Lama geschickt auf die relative Dunkelheit des Bardo Tödöl in Tibet anspielt. Er erwähnt das tibetische Totenbuch nur einmal und dann nur im vorletzten Absatz, in dem er schreibt:
Ein Gefühl der Unsicherheit und oft Angst ist ein natürliches menschliches Gefühl, wenn man über die Natur des Todes und die Beziehung zwischen Leben und Sterben nachdenkt. Es ist daher vielleicht nicht verwunderlich, dass das tibetische Totenbuch (Bar-do Thos-grol Chen-mo), ein Schatztext, der sich auf dieses wichtige Thema konzentriert, zu einem der bekanntesten Werke der tibetischen Literatur in der Welt geworden ist Westen.
Seine Schlussfolgerung ist, dass das Bar do thos grol chen mo keines der bekanntesten Werke der tibetischen Literatur in Tibet war. Selbst angesichts der großen Fortschritte in der Wissenschaft und der Popularität des tibetischen Buddhismus seit den 1920er Jahren ist es unwahrscheinlich, dass das Bar do thos grol chen mo zu Beginn einmal oder gar fünfmal ins Englische übersetzt worden wäre vom 21. Jahrhundert, hatte Evans-Wentz es 1919 nicht von Major Campbell gekauft.
In den letzten Jahrzehnten des britischen und amerikanischen Kolonialismus wurde der tibetische Text des Bardo Tödöl jedoch zu einer Art Kolonialware, dem Rohstoff, der in die Stadt des Kolonialisten exportiert und dort zu einem Produkt verarbeitet wird, das dann hergestellt und zu einem hohen Preis an den Kolonisierer zurückverkauft wird. In diesem Fall beinhaltete dieser Preis, dass tibetische Lehrer, zuletzt der Dalai Lama selbst, gezwungen wurden, den Text noch einmal zu kommentieren, da es das berühmteste tibetische Werk der westlichen Welt ist.
Unsere Angst vor dem Tod ist sicherlich ein Grund für seinen Ruhm. Aber das Bardo Tödöl wurde das tibetische Totenbuch und wurde (zumindest laut seiner Pressemitteilung) auch aus anderen Gründen „eines der größten Werke, die von irgendeiner Kultur geschaffen wurden“. […]“

Donald S. Lopez: „Tibetan Book of the Dead – A Biography“

Der Begriff „Tibetisches Totenbuch“ geht vielmehr auf die Vorstellungen der Theosophischen Gesellschaft zurück, die sich dabei auf ägyptische Totenbücher bezog. In Unkenntnis der verschiedenen Literaturgattungen der tibetischen Dharma-Tradition hat Evans-Wentz, der seine Ideenwelt selbst aus der Theosophischen Gesellschaft bezog, einer Textsammlung von Karma Lingpa diesen Namen gegeben. Die ursprüngliche Textsammlung von Karma Lingpa nennt sich „Karling Zhitro“ und ist der Dharma-Literatur der Schatztexte (tib., gter ma) zuzuordnen. In weiterer Unkenntnis von Sprache und Lehre hat Evans-Wentz aus dieser Textsammlung ein paar Texte entnommen, von denen mehrheitlich diese als Praxis für Lebende gedacht sind. In ein ähnliches Fahrwasser sind auch Chögyam Trungpa und Francesca Fremantle mit ihrer Übersetzung gekommen. Robert Thurman hat seiner Übersetzung dann noch andere Texte, die auch für Verstorbene geeignet sind hinzugefügt. Auch die jüngste – „vollständige“ – Übersetzung und Ausgabe im Arkana-Verlag enthält nicht alle Texte, ist aber von hoher inhaltlicher Qualität.

Als Inspiration und Toröffner in den Buddhadharma mag diese Textsammlung dienen. Jedoch muss sie in ihrem Kontext von Lehre und Literaturgattung verstanden werden. Wenn man meint, es wäre zentrales buddhistisches Lehrgut und die im Bardo Thödrol beschriebenen Erscheinungen wären allen Menschen gemeinsames Geistesgut, unterliegt man demselben Irrtum, dem Evans-Wentz, C.G. Jung oder andere erlegen sind.


Responses

  1. Danke für den Text. Ergänzend mag der Hinweis auf das Buch von Garchen Rinpoche nützlich sein: „Unterweisungen für eine mitfühlende Begleitung von Sterbenden“, das sich auf das „tibetische Totenbuch“ / „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“ bezieht und eine konzentrierte Praxisanleitung ist:
    https://www.tsongkang.de/de/garchen-rinpoche-unterweisungen-fuer-eine-mitfuehlende-begleitung-von-sterbenden.html


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