Verfasst von: Enrico Kosmus | 7. Dezember 2019

Brief an die Königin

Die Schatzkammer der Ratschläge für hervorragende Wesen

Verehrung der Tara!

1. Das Hören des Namens desjenigen, der kurz nach dem Tod Buddhas in Kushinagari aus dem Pollenbett eines Lotus erschienen ist, erhöht den Wert der Ohren aller, die es hören – konkret, nicht im übertragenen Sinne. Möge er seinen Segen gewähren!

Der kostbare Meister Padmasambhava kam auf magische Weise in einer Lotusblume auf diese Welt, kurz nachdem der Buddha in Kushinagar verstorben war. Das Ohr eines Menschen, der den Namen des kostbaren Meisters gehört hat, unterscheidet sich von demjenigen, der es nicht gehört hat, wobei der Wert des ersteren gleich Beryll ist. Dies ist kein poetischer Schnörkel oder eine Lüge.

2. Da Ihr im Ozean von Samsara versunken seid, habt Ihr ein Leben abgelehnt, dem es an Muße fehlt. Wenn Ihr die Juweleninsel der Freiheit und des Glücks erreicht habt, genießt die sieben Qualitäten der höheren Bereiche. Wie wundervoll!

Da Ihr in Samsara lebt, habt Ihr eine physische Form erlangt, die alle achtzehn Freiheiten und Ausstattungen enthält, die in den Abhidharma-Kommentaren beschrieben sind, einschließlich der Abwesenheit der acht Zustände, denen es an Freiheit und Muße mangelt und des Besitzes der sieben Eigenschaften der höheren Zustände, wie zum Beispiel der langlebigen Götter.

3. Gegenwärtig fesselt das Lasso der fünf Entartungen die Lehre des Siegers, die Quelle der Juwelen. Trotzdem ist es möglich, während des Aufenthalts im königlichen Palast die Haltung der Entsagung zu erzeugen, den echten Keim des Schlüssels der individuellen Befreiung.

Heutzutage sind die Lehren des Siegreichen weit verbreitet, aber noch jung. Infolgedessen wird dieses Zeitalter durch die fünf Entartungen, wie die Verschlechterung der Sichtweisen, gefesselt. Obwohl Ihr im königlichen Palast wohnt, ist es dennoch möglich, den Geist der Entsagung gegenüber Samsara zu erzeugen. Tatsächlich ist die Essenz des Schlüssels der individuellen Befreiung die Erzeugung oder das Vorhandensein von Entsagung im Geistesstrom.

4. Die Quellen werden mit einem Künstler verglichen und die Leiden mit den von ihm geschaffenen Bildern. Wenn man die Unbestreitbarkeit von Ursache und Wirkung klar erkennt, kultiviert man die Pfade und erreicht das Verlöschen. Dies ist die Lehre des Buddha.

In Bezug auf die vier edlen Wahrheiten: die Ursachen sind die Störgefühle und die Leiden sind ihre Folgen. Das Praktizieren der Pfade – das Aufgeben der negativen Handlungen und das Vollbringen von tugendhaften Handlungen aufgrund der Überzeugung im oben genannten System der Kausalität – ist die Methode, die zur Beendigung weiterer Geburten führt. Dies ist der wahre Grundsatz des Vinaya.

5. Da wir uns gerade in der frühen Phasen der Spuren des Dharma befinden, schwächen ordinierte Entsagende ihre Gelübde, versagen, brechen und heben sie unwiderruflich auf. Nichtsdestotrotz ist es weiterhin möglich, die acht gelegentlichen Gelübde einzuhalten und mindestens ein dauerhaftes Gelübde einzuhalten, während Ihr als Haushälterin lebt.

Die gegenwärtige Zeit nähert sich schnell der Zeit der Spuren des Dharma, und daher verletzen sogar ordinierte Entsagende die Ausbildung. Sie begehen den Dreiklang, des Schwächens, Missachtens und Brechens einzelner Gelübde und begehen die wesentlichen Übertretungen, bei denen alle ihre Gelübde unwiderruflich aufgehoben werden. Nichtsdestotrotz können die Haushälter heutzutage Ein-Tages-Gelübde ablegen, einschließlich des Fastens, wie in der Behandlung der acht Gelübde bei Vollmond, Neumond und achtem Mondtag wie im Abhidharma erläutert, und dauerhaft ein einziges Gelübde einhalten und dabei eine der unheilsamen Handlungen aufgeben, wie z. B. töten oder lügen.

6. Geht deshalb in glückverheißenden Zeiten wie dem Vollmond nicht zu sinnlosen Dingen über. Haltet Euch vielmehr an die Wege, die zu den höheren Zuständen und zur Befreiung führen – nämlich an die acht gelegentlichen Gelübde: die vier Wurzelgelübde und den Verzicht auf Rauschmittel, das Tragen von Girlanden, hohe Betten und Mahlzeiten nach dem Mittag.

Seid an glückverheißenden Tagen wie den Tagen zu Voll- und Neumond nicht untätig. Beachtet die acht gelegentlichen Gelübde, die unfehlbare Ursache für die Wiedergeburt in den höheren Bereichen.

7. Nachdem König Bimbisara die oben genannten ethischen Grundsätze eingehalten hatte, erlangte er in seinem Palast die Arhatschaft. Erfolg ist nicht vorherbestimmt, aber auf jeden Fall bemüht Euch, seinem Beispiel zu folgen.

Überlegungen von Haushältern besagen, dass König Bimbisara zu Lebzeiten des Buddha die oben genannten ethischen Grundsätze befolgte und dadurch Arhatschaft erlangte, während er das Leben eines Laien führte.

8. Wichtiger noch ist das sonnenähnliche Mahayana, das durch den von Pferden gezogenen Wagen des Geistes der Erleuchtung vermittelt wird. Der Ausbildungsort des Mahayana-Kanons ist nicht der Körper, sondern der Geist. Deshalb regiert Euer großes Land mit Hilfe des Sonnenlichts der beiden Arten des Erleuchtungsgeistes, strebend und tätig.

Wichtiger noch ist das Mahayana, dessen Praxis auf dem Erleuchtungsgeist beruht. Darüber hinaus betreffen die Mahayana-Gelübde nicht die Steuerung von beobachtbarem Verhalten wie dem von Körper und Rede, wie es im Shravaka-Fahrzeug vorkommt. Sie beruhen vielmehr auf dem guten Herzen, das geistig ist. Deshalb regiert Euer riesiges Land nur mit Hilfe des strebenden und tätigen Erleuchtungsgeistes.

9. Der Shravaka-Elefant kann nicht die gleichen Lasten tragen wie die von Pferden gezogenen Streitwagen des Altruismus und des großen Mitgefühls. Bodhisattva Drowe Palmo beschwor Illusionen, als sie tanzte und mittels dieser sie gütige Handlungen für Lebewesen ausführte. In ähnlicher Weise solltet Ihr für Eure Untertanen Wohlwollen zeigen.

Altruistische Handlungen, die durch den Erleuchtungsgeist als solche motiviert sind, werden vom Shravaka-Kanon nicht vorgeschrieben. Anhand einer Analogie zu Elefanten und Pferden lässt sich die relative Größe der spirituellen Belastungen ihrer jeweiligen Anhänger veranschaulichen. Die hundert Geburtsgeschichten Buddhas erzählen die Episode der Geburt des Bodhisattva als Tänzerin Drowe Palmo, die den Wesen durch Tanzen zugutekam. Sie werden auch nicht durch eine niedrige weibliche Geburt behindert. Wie bei Drowe Palmo solltet Ihr Eure Motive liebevoll schützen.

10. Die Untersuchung im Sutra „Ugra der Haushälter“ erörtert die sechzig Fehler, die mit dem Nachteil der Geburt als Frau verbunden sind. Aber tatsächlich liegen diese Fehler nicht in der wesentlichen Güte der Frau. Frauen verkörpern vielmehr eine entscheidende Verbindung zur Erleuchtung, weil sie die Kanäle der fünf Buddha-Linien besitzen.

Die Untersuchung im Sutra Ugra der Haushälter diskutiert über die über 60 Fehler von Frauen. Im Gegensatz dazu verkünden die geheimen Mantra-Texte, dass Frauen eine entscheidende Verbindung zur Erleuchtung verkörpern, weil sie mit Kanälen der fünf Buddha-Linien ausgestattet sind. Daher liegen die oben genannten Mängel nicht in der Natur der Frau. Die schwächeren Körper von Frauen sind kein Hindernis für die Ausübung des Mahayana-Dharma.

11. Bezüglich der Dakinis aus den reinen Ländern besagt der preisende Diskurs des Abhiniṣkramaṇa Sutra über die sieben königlichen Schätze, dass die ideale Königin keine der fünf gegnerischen Kräfte besitzt und die acht positiven Eigenschaften besitzt. Wie erstaunlich!

Ḍakinis aus den reinen Ländern erscheinen manchmal auf der Welt als die kostbare Königin eines Weltenherrschers. Die Erklärung des Sutra des Endgültigen Hervortretens zu den sieben Attributen des Königtums bestätigt, dass die kostbare Königin frei von den fünf Fehlern ist, die Frauen gemeinsam haben, und mit acht positiven Eigenschaften ausgestattet ist. In der Tat sind diese Eigenschaften in dir angeboren.

12. Die Dakini verkörpert eine Methode schneller als gewöhnliche Methoden. Der Lehrkorb des Mantra preist sie als die wahre Natur aller Illusionen, die Königin der verwirrenden Illusionen, die ausgezeichnete Schatzkammer der Weisheit der Glückseligkeit. All das spricht Euch allein an.

13. Die sogenannte angeborene Freude unter den sechzehn Freuden ist ein abhängig entstandenes Phänomen, das von der Königin der Illusion der dritten Ermächtigung ausgeht, die die Vidyadharamantras der Prajnaparamita verkörpert. Ihr seid die Herrin der Weisheit.

14. Ihr seid von Natur aus die höchste Königin der zeitlosen Weisheit, aber dieses ursprünglich erzeugte Merkmal muss durch die Bedingungen aktiviert werden – nämlich den Nektarregen der reifenden Ermächtigung und die befreiende Anweisungen. Wenden Sie sich diesen nach Ihrer Unterweisung in den beiden Phasen zu.

Die Erklärung der vorhergehenden drei Verse lautet wie folgt: Der Vajrayana-Kanon zeichnet sich durch ein geschicktes Mittel aus, das gewöhnlichen geschickten Mitteln überlegen ist – nämlich der Königin der zeitlosen Weisheit. Wenn man sich nicht mit Illusionen auf ihre Geschicklichkeit verlässt, wird die dritte Einweihung nicht gewährt. Weil Ihr allein die Verkörperung von ihr seid, wendet Euch jetzt, da Ihr in dem Zusammenhang von Praktiken unterrichtet wurdet, der die Entsagungen und Erkenntnisse hervorruft – nämlich die reifenden Anweisungen und die befreiende Anleitung -, den beiden Stufen zu, den Pfaden von Erzeugung und Vollendung.

15. Die Mutter aller Buddhas wird „die Weite der Realität“ genannt, und ihre Natur ist die Fähigkeit der Achtsamkeit. Nirvana entsteht allein aus dieser Achtsamkeit und nicht erdachte Achtsamkeit ist die große Vollendung.

Die Art der Durchführung der Großen Vollendung soll in die Natur des Geistes eingeführt werden und anschließend die Achtsamkeit kultivieren.

16. Wenn Ihr Euch mit der Wahrheit darüber vertraut machen und – auch während Ihr im königlichen Palast lebt – zu einer geistigen Abgeschiedenheit gelangt, werdet Ihr mit dem „einen Geschmack“ aller Phänomene innerhalb des ursprünglichen Feldes vertraut. Ich bete, dass die günstigen Verbindungen für solche entstehen. Möge es Tugend für Sie geben!

Wenn Ihr Euch an Achtsamkeit gewöhnt, könnt Ihr selbst im Tumult des königlichen Palastes Euren Geist binden und durch das Wissen, wie man ablenkende Gedanken auf den Weg bringt, mühelos die Art des Verweilens erkennen. Ich bete und sorge dafür, dass Ihr das ursprüngliche Antlitz des ursprünglichen Buddhas erblickt.

Kolophon

Der Dzogchen-Praktizierende Rangjung Dorje (Jigme Lingpa) beendete diese Anweisungen für Ngangtsul Jangchub Gyalmo, die ausgezeichnete Königin von Dege, dem Königreich der Erdschützer (Sakyong).

Aus den gesammelten Werken von Jigme Lingpa, Band 4, Seite 519 – 524. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2019), verglichen mit und editiert nach der englischen Übersetzung von Jann Ronis (Wisdom Publications, 2017).


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