Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. August 2019

Alles nur gelogen…

Weil sich viele für den Buddhadharma interessieren und andererseits immer wieder einige neunmalkluge Leute in Chatrooms im Internet als Lehrer verkleidet herumtreiben und ihre halbgaren Dinge als „Dharma“ verkünden. Obacht!

Der Dharma ist eine Lehre. Diese wurde mündlich überliefert, niedergeschrieben, kann man nachlesen, studieren, diskutieren, verstehen (oder auch nicht). Den Dharma gibt es. Wenn irgendwelche „Lehrer“ behaupten, „den“ Dharma an sich gäbe es so nicht, „den“ Buddha an sich gäbe es so nicht, dann ist das ein billiger rhetorischer Trick.

Das erinnert mich an eine Geschichte vom Mulla Nasruddin.

Eines Tages wollte der Hodscha frische Früchte essen, darum schlich er in einen fremden Garten. Dort kletterte er auf einen Baum und aß all die Früchte, die in seiner Reichweite waren. Etwas später kam der Besitzer des Gartens und fragte ihn böse: „Was machst du da oben?“ Der Hodscha versuchte sich heraus zu reden und antwortete süß: „Oh, mein Herr, ich bin nur eine Nachtigall und sitze hier oben und singe!“ Der Mann amüsierte sich darüber und sagte lachend: „Soso, du bist also eine Nachtigall? Dann lass mich mal ein Lied von dir hören!“ Der Hodscha machte komische Gesichtsausdrücke und gab merkwürdige Töne von sich. Der Besitzer brach in Lachen aus und sagte: „Mann, was für eine Art von Singen ist das? Ich habe noch nie zuvor eine Nachtigall so singen hören!“ Der Hodscha erwiderte: „Ja, das ist eine Nachtigall aus einem fernen Land!“

Fühlt man den Leuten fachlich auf den Zahn, ist bald das Ende der Fahnenstange erreicht. Dann wird gerne damit argumentiert, dass man Schriften und Studium nicht so wichtig nehmen soll, denn die Erfahrungen sind es, auf die es ankommt. Mit solchen rhetorischen Tricks kann man ganz gut eigene Mängel verschleiern, weil man sich ja auf nichts festzulegen braucht. Auf diese Weise kann man dann den interessierten, aber unkundigen Leuten etwas vorlabern und hoffen, dass im weiten Meer der Beliebigkeiten ein passender Schuh dabei sein wird. Diese „Lehrer“ sind jedoch Blender.

Und noch ein sicheres Zeichen für solche Blender ist, wenn sie auf ihre Mängel angesprochen werden, wird ihnen die Kartoffel rasch zu heiß. Daher merke: Fake-Gurus verdrücken sich rasch. Andernfalls biegen sie sich nach dem Wind der Anerkennung.

Aber keine Sorge. Die Erde ist rund, niemand fällt hinunter und der Dharma ist kein elitäres Projekt. Wir mögen sie alle. Auch die Scharlatane. Ohne sie wäre die spirituelle Reise langweilig. Hier noch etwas von Dzongsar Khyentse zum Thema der Wannabe-Gurus:

„An die Scharlatane – ohne euch wäre die spirituelle Reise einfach langweilig. Habt ihr schon einmal von einer Tibetischen Klangschale gehört? Sie existierten nie in Tibet, bis ein gerissener Erfinder, der wirklich wusste, wie man die Dinge mit einer pro-tibetischen Stimmung in klingende Münze verpackt und mit dieser Glocke auftauchte. Jetzt sieht man sie überall, als ob sie tibetische Kultur an sich wären. Selbst die Tibeter in Dharamsala und Kathmandu haben diese Klangschalen als teil ihrer eigenen Kultur angenommen. Es ist dasselbe mit den chinesischen Glückskeksen, die ganz und gar nicht chinesisch sind. Sie wurden in Amerika erfunden, basierend auf einem japanischen Rezept und nun werden sie serviert, als ob sie die Quintessenz der chinesischen Küche wären, sogar in authentischen chinesischen Restaurants. Dieser Art von Gefahr begegnen wir, wenn wir nicht aufpassen. Eines Tages wird ein nett verpackter, schön vermarkteter, unauthentischer Buddhismus als die wahre Sache dargeboten werden. Daher ist Prüfung wichtig: Prüfung der Lehren, Prüfung des Lehrers und Prüfung des Schülers. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch schrieb.“

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche; „Der Guru trinkt Schnaps?“

Buddha-Wort oder Fake

Wenn’s gut klingt, dann muss es doch buddhistisch sein, oder? Leider werden allen möglichen Leuten Aussagen in den Mund gelegt, die sie überhaupt nicht gemacht haben. Wenn das im Dharma passiert, dann geschieht dadurch eine Verwässerung und Fälschung der Lehre. Daher ist es immer gut, bei solchen Aussagen, die zwar vielleicht gut klingen, ein bisschen Lebensweisheit beinhalten und so leicht runter rinnen, wie Rhizinusöl mal über „fake quotes…XY…“ im Internet zu suchen. Man staunt echt, was sich aus so ein paar bewegten Bildern und lauwarmen Sprüchen alles basteln lässt und man den wenig informierten Leuten verkaufen kann. 

Tja, ohne sich den Schriften zu widmen geht es nicht. Weil immer wieder Postkartensprüche die Leute beeindrucken und mit Nettigkeiten auf falsche Wege führen, hier ein paar Worte des Buddha aus dem Mahaparinibbana Sutta, wie man die Lehre prüfen kann.

Ohne Zustimmung und ohne Verachtung, aber wenn man die Sätze Wort für Wort sorgfältig studiert, sollte man sie in den Diskursen nachverfolgen und durch die Disziplin überprüfen. Wenn sie in den Diskursen weder nachvollziehbar noch von der Disziplin überprüfbar sind, muss man daraus schließen: „Dies ist sicherlich nicht die Äußerung des Seligen. Dies wurde von diesem Bhikkhu missverstanden – oder von dieser Gemeinde oder von diesen Ältesten oder von diesem Ältesten.“ Auf diese Weise, Bhikkhus, solltet ihr es ablehnen.

Mahaparinibbana Sutta

Es hat auch mit dem Wunsch nach geschwinder Problemlösung zu tun. Dabei greifen die Menschen dann wie Kinder im Süßigkeitenladen nach allen möglichen Dingen und stopfen sie in sich hinein.

Ich denke, dass die Menschen im Westen keine Fragen dazu stellen, ob eine Lehre vom Buddha gelehrt wurde oder ob Referenzen in den Lehren der alten gültigen Pandits und Yogis vorhanden sind. Für sie scheint es nicht wichtig zu sein, die Referenzen zu überprüfen. Wenn westliche Menschen den Dharma hören, sind sie froh, wenn dieser für ihr Leben und ihren Geist unmittelbar von Vorteil ist, insbesondere, wenn er mit ihren Problemen zusammenhängt. Es spielt keine Rolle, ob er etwas ist, was Buddha oder ein Dämon lehrte. Sie hinterfragen oder prüfen nicht. Für sie geht es darum, einen unmittelbaren Nutzen für ihren Geist zu erzielen, wenn sie zuhören. Dann werden sie bleiben. Ansonsten gehen sie nach ein paar Minuten, besonders während meiner Gespräche. Aber im Osten ist es im Allgemeinen vorsichtiger, zu untersuchen, ob Buddha etwas gelehrt hat. Sie überprüfen die Referenzen, um festzustellen, ob sie der Praxis vertrauen können oder nicht, ob sie ihr Leben dem widmen können. Sie denken über die Langfristigkeit nach, was sehr wichtig ist. Im Westen geht es vor allem darum, sofort etwas Süßes zu probieren.

Lama Zopa; Belehrungen zur Praxis der Vajrayogini

In Watte gepackter innerer Druck

Spannend wird’s dann immer in den verschiedenen Chatrooms auf Social Media. Da gehen Sprüche (und Leute) viral, dass es nur so kracht. Leute, die einem bei der Darlegung des Dharma gar noch gespickt mit Zitaten Dogmatismus und ähnliches vorwerfen, sehen ihr den Dharma korrumpierendes Verhalten absaufen. Somit geht dann nur mehr ad hominem.

Generell sollte eine Darlegung des Dharma mit Zitaten versehen sein, da dadurch auch die Authentizität der Darlegung untermauert wird. Aber es gibt Leute, die sich nicht um den Dharma kümmern, sondern diesen für die Beweisführung ihrer eigenen verdrehten Konzepte verwenden. Fehlende Zitate, Zitate aus dem Zusammenhang gerissen u.a. sind deren Markenzeichen. Eh schon wissen, dass das auf jene Leute zutrifft, die durch „Klickibunti-Posts“ und Fake-Quotes ihr Ding drehen. Weist man diese dann auf die besagten Fehler hin, sind sie sauer und werfen einem vor, dass man a) ja eh nix verwirklicht hätte, weil man an den Schriften hängt – ja, das ist dann die alexandrinische Bibliothek im Herzen der Herzchens; 2) der Dharma viel zu intellektuell interpretiert würde, weil eigentlich der Dharma ja eine Herzensangelegenheit wäre; 3) die stattfindende Konfrontation eigentlich nicht „rechte Rede“ sei; und 4) überhaupt alles jenseits von Worten wäre. Ja eh, wenn man vorher schon nichts zu sagen hat, sondern nur redet; d.h. im Falle von Facebook-Posts/Kommentaren einfach nur Blabla schreibt. Gut, genug der Schandtatenaufzählung. Das Blöde an der Sache ist, dass die Leute den sechs Verzerrungen unterliegen und vier Fehler machen. 

Der nächste Punkt ist, dass eine vorgebliche Weltoffenheit durch das muntere Vermischen aller möglichen Ansätze und Lehren verstanden wird. Wenn dann jemand daherkommt und diesen Eintopf in seine Bestandteile zerlegen versucht und das auch noch mit fachlichen Darlegungen, Zitaten untermauert, dann wird dieser Person, die korrigierend eingreift, einfach Intoleranz, Dogmatismus etc. vorgeworfen. Die Person, die diese Anwürfe macht, merkt jedoch nicht, dass sie es ist, die eigentlich mit etwas konfrontiert wird und ihre Angst vor dem Aufdecken der Fehler projiziert; frei nach dem Prinzip: „Der Bote der schlechten Nachricht wird getötet.“ Tja, wenn fachlich nichts vorhanden ist um zu reüssieren, dann wird einfach die Person niedergemacht. Es gibt schon sture Geister, bei denen ein ad hominem als Provokation manchmal hilfreich ist. Aber ob es Sinn macht oder nicht, stellt sich recht rasch durch die Verflachung der Kommentare heraus. Solche Vorwürfe und Anschuldigungen sind einfach eine unerkannte Strategie des unbewussten Greifens nach einem Ich, d.h. Formen trügerischer Selbstbestätigungen. Es läuft auf ein in Watte gehülltes Leiden hinaus. Die Befreiung davon wird dabei hinten rausgeschoben.


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