Verfasst von: Enrico Kosmus | 5. August 2019

Die Bande der Achtsamkeit

Dann frage Mahasahasrananta: „Oh Bhagavan, wenn alle angenehmen und rohen Erfahrungen vom Pfad der Allwissenheit entfernt und von keinem Nutzen sind, warum sollten wir dann Meditation praktizieren? Möge der Lehrer das erklären!“

Der Bhagavan erwiderte: „Oh Geist-Vajra, Individuen mit einem unkultivierten, zerrütteten Geist, von Begrifflichkeiten aufgewühlt, betreten diesen Pfad und durch das Untergraben der Macht der zwanghaften Ideenbildung wird ihr Geist zunehmend beständig und sie erlangen unerschütterliche Stabilität. Andererseits auch wenn Leute bewusstes Gewahrsein identifizieren, aber nicht praktizieren, werden sie den Fehlern der spirituellen Faulheit und Zerstreuung unterliegen. Auch wenn sie praktizieren, werden sie aufgrund von Vergesslichkeit sich in endlosen Täuschungen verlieren.

Der Geist, der wie ein Krüppel ist, und die Vitalenergie, die wie ein blinder, wilder Hengst ist, werden dadurch diszipliniert, indem man sie mit dem Seil der Erfahrungen und des Anpackens anbindet. Sobald die Leute mit dumpfen Fähigkeiten den Geist unterschieden haben, kontrollieren sie ihn mit den Bändern der Achtsamkeit und Innenschau. Indem sie das machen haben sie aufgrund von Erfahrung und Gewöhnung ein Gefühl, dass die subtilen und groben Gedanken sich aufgelöst haben. Schließlich entsteht ein Zustand des ungehinderten Bewusstseins, frei von allem, worauf zu meditieren wäre. Wenn dann Gewahrsein den Zustand der großen Nicht-Meditation erreicht, zeigt der spirituelle Mentor das auf, sodass sie dabei nicht in die Irre gehen. Aus diesem Grund unterzieht man sich zuerst großer Härten um nach dem Pfad zu suchen, man macht die umherziehenden Gedanken zum Pfad und wenn schließlich das Bewusstsein selbst erscheint, dann wird das als Pfad erkannt. Bis das ungehinderte Gewahrsein oder Bewusstsein sich als Pfad manifestiert und zu sich gelangt, muss man aufgrund des eigenen gestörten Geistes stufenweise durch die groben Erfahrungen wie zuvor besprochen voranschreiten.“

Wieder fragte der Bodhisattva Mahasahasrananta: „Oh Bhagavan, müssen Gedanken beseitigt werden oder nicht? Wenn sie müssen, muss dann das Bewusstsein wieder erscheinen, wenn der Geist gereinigt worden ist? Möge der Lehrer das erklären!“

Der Lehrer antwortete: „Oh Geist-Vajra, die Bande der Achtsamkeit und des Ergreifens sind durch die Macht der meditativen Erfahrungen aufgelöst, bis schließlich der gewöhnliche Geist eines gewöhnlichen fühlenden Wesens verschwindet. Infolgedessen ermüdet die zwanghafte Ideenbildung und die umherziehenden Gedanken erlöschen in der absoluten Natur. Der leere Allgrund steigt auf eine Stufe herab, auf der Selbst, andere und Objekte verschwinden. Man blickt nach innen auf klare Leerheit mit einem Gefühl des Klammerns und die Erfahrungen von Selbst, anderen und Objekten lösen sich auf. Das ist das Allgrund-Bewusstsein. Einige Lehrer erklären den herabgestiegenen Allgrund als den einen Geschmack und als Freiheit von begrifflicher Ausschmückung und andere sagen, dass er wertfrei sei. Allerdings wird beschrieben, dass man tatsächlich zu dieser Wesensnatur gelangt ist.

Eine Person, die mit Begeisterung erfüllt ist, wird feststellen, dass das nicht der richtige Pfad[1], ist und als ein Ergebnis des Meditierens verschwindet die ganze Leerheit und Klar-Leerheit, die von erfahrungsmäßigem Festhalten durchtränkt ist, in die absolute Natur, als ob man aufwachen würde. Danach sind äußere Erfahrungen nicht behindert und die Stränge der inneren Achtsamkeit und des Ergreifens sind durchtrennt. Dann ist man nicht mehr durch die Bande einer guten Meditation gebunden und man fällt nicht mehr in einen gewöhnlichen Zustand aufgrund schädlicher Unwissenheit zurück. Das ist dann das immerzu präsente, klare, leuchtende Bewusstsein, das die Konventionen von Sicht, Meditation und Verhalten transzendiert. Es gibt keine Bestimmung von Selbst und Objekt, so dass man sagen könnte, ‚das ist Bewusstsein‘ und ‚das ist das Objekt des Bewusstseins‘. Das ist die Freiheit vom Klammern an einem ursprünglichen, selbstentstandenen Zustand, in dem der Geist Erfahrungen hat. Sobald du zu einer Weiträumigkeit gelangst, in der es kein Grübeln und keinen aufmerksamen Bezug gibt, manifestieren sich alle Phänomene ungehindert durch die Macht des Gewahrseins. Gedanken verschmelzen mit ihren Objekten, sie verschwinden sobald sie mit diesen Objekten ungetrennt werden und sie zerfallen. Weil nicht eines einen objektiven Bezug hat, sind sie keine Gedanken von fühlenden Wesen, vielmehr ist der Geist in Weisheit verwandelt worden, die Macht des Gewahrseins ist transformiert worden und Beständigkeit wurde darin erlangt. Wisse, dass das wie Wasser ist, das von Sedimenten gereinigt ist.“


[1] Auch wenn jemand zur essentiellen Natur des Gewahrseins gelangt ist, wenn dann jemand darin selbstgefällig geworden, weil er das festgestellt hat, dann ist das nicht der wahre Pfad, so wie Zuflucht nehmen alleine nicht ausreichend ist, um Buddhaschaft zu erlangen. Nur indem man mit der eigenen Meditationspraxis fortfährt, wird alles Klammern und Ergreifen vergehen.


Aus dem Vajra-Herz-Tantra von Dudjom Lingpa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus).


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