Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Mai 2019

Wie man den Guru als Buddha ansieht

von Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima

Es gibt viele Möglichkeiten, den Guru als Buddha zu sehen, aber der wichtigste Punkt ist der folgende. Wann immer der Guru die Bedeutung der Worte Buddhas erklärt, wird sein oder ihr Weisheitsgeist vom Buddha durchdrungen. Schließlich ist es unmöglich, die Lehren Buddhas zu erklären, ohne sich von den Segnungen Buddhas inspirieren zu lassen. Unabhängig davon, ob der Guru tatsächlich erleuchtet ist, ist die Vermittlung von Anweisungen sicherlich eine Buddha-Aktivität. In dieser Hinsicht ist der Guru vergleichbar mit einem Medium und der Buddha mit einer Orakelgottheit, die kanalisiert wird. Es reicht aus, das Prinzip auf diese Weise zu verstehen.

Zusätzlich wurden wir jedoch in der Vergangenheit aufgrund unseres negativen Temperaments und Unglücks von Tausenden und Abertausenden von Buddhas zurückgelassen. Indem der Guru das Dharma erklärt und uns mit großer Güte Anweisungen erteilt, ist er wie jemand, der einen Hund aus der Wildnis mitbringt, um unter Menschen zu leben.

Ein vollkommen erleuchteter Buddha ist ein wahrer Freund der ganzen Welt, auch wenn Menschen mit unreinem Karma nicht in der Lage sind, ihn als solchen wahrzunehmen. Daher der berühmte Ausdruck „der Lehrer, ein ausgezeichneter Freund“. Doch Gurus sind außergewöhnlich freundlich, denn genau wie jemand, der uns Essen anbietet, wenn wir hungrig sind, fungieren sie im Zeitalter des Niedergangs als spirituelle Führer.

Außerdem heißt es: „Für einige, die dieses Ziel haben, halte ich mich an ihre physische Form.“ Es gibt viele solche Aussagen, die darauf hinweisen, dass alle Buddhas in den Körper des Vajra-Meisters eintreten, um Opfergaben zu empfangen und so weiter. Es ist daher vernünftig, ihn im hingebungsvollen Guru-Yoga als Yidam-Gottheit zu behandeln.

Von dem, der Jigme heißt.


༄༅། །བླ་མ་ལ་སངས་རྒྱས་སུ་བལྟ་ལུགས་བཞུགས།
༄༅། །ལགས་བླ་མ་སངས་རྒྱས་སུ་བལྟ་ལུགས་མང་ཡང་། གཙོ་བོར་བླ་མས་འོ་སྐོལ་ལ་སྟོན་པའི་གསུང་རབ་ཀྱི་དོན་འཆད་པ་དེ་བླ་མའི་ཐུགས་ལ་སངས་རྒྱས་ཞུགས་པས་ཡིན་གྱི། སངས་རྒྱས་ཀྱིས་བྱིན་གྱིས་མ་བརླབ་པར་རྒྱལ་བའི་གསུང་རབ་འཆད་མི་ནུས་ཤིང་། དེ་ཙ་ན་བླ་མ་ཁོ་རང་སངས་རྒྱས་ཡིན་རུང་མིན་རུང་འོ་ཅག་ལ་གདམས་ངག་སྟོན་པ་དེ་རྒྱལ་བ་ཉིད་དུ་ངེས་པ་རྙེད་ནས་བླ་མ་དང་སངས་རྒྱས་ཀྱིས་སྐུ་རྟེན་པ་དང་ལྷ་བབ་པ་བཞིན་དུ་ཤེས་ན་དེས་ཆོག །གཞན་འུ་ཅག་གི་སེམས་རྒྱུད་སྐལ་བ་ངན་པ་སྔོན་འདས་པའི་རྒྱལ་བ་ཁྲི་ཕྲག་གིས་ཀྱང་མ་ཐུལ་བར་བཞག་པ་དེ་བླ་མས་ཆོས་བཤད། གདམས་ངག་གནང་སྟེ་ཁྱི་མིར་གཏོང་མཁན་དེ་དྲིན་ཆེ། རྫོགས་པའི་སངས་རྒྱས་ནི་འཇིག་རྟེན་ཐམས་ཅད་ཀྱི་མ་འདྲིས་པའི་མཛའ་བཤེས་ཡིན་མོད་ཀྱི། ལས་མ་དག་པའི་འགྲོ་བ་རྣམས་ལ་སྣང་མི་ཐུབ་པ་ཡིན་ཏེ། སྟོན་པ་བཟང་གྲོགས་ཞེས་གྲགས། བླ་མ་ནི་ལྟོགས་པའི་དུས་སུ་ཟན་བྱིན་པ་ལྟར་སྙིགས་མའི་དུས་སུ་དགེ་བའི་བཤེས་གཉེན་མཛད་པ་ཡིན་པས་སྐུ་དྲིན་ཆེ། གཞན་ཡང་། འདི་ཡི་དོན་ལྡན་འགའ་ཞིག་ལ། ང་ཉིད་དེ་ཡི་ལུས་གནས་ཏེ་ཞེས་སོགས་གསུངས་པ་ལྟར་སངས་རྒྱས་ཐམས་ཅད་རྡོ་རྗེ་སློབ་དཔོན་གྱི་ལུས་ལ་ཞུགས་ནས་མཆོད་པ་སོགས་ལེན་པར་མང་དུ་བཤད་པས་མོས་གུས་བླ་མའི་རྣལ་འབྱོར་ལ་ཡི་དམ་དུ་མཛད་པར་རིགས་སོ། །འཇིགས་མེད་པས་སོ།།


Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2019). Möge es nützlich sein!


Responses

  1. Hallo,
    sehr aufschlussreich!
    Wie ist denn Deine Meinung zu den bekannten Missbrauchsvorfällen einiger Gurus? Auf der einen Seite müsste man sie dieser Logik nach, immer noch als Buddhas betrachten. Auf der anderen Seite verursachen sie viel leid?
    Danke!
    Monika

    • Missbrauch ist nie eine ausschließlich einseitige Angelegenheit, weil sonst wäre es Vergewaltigung – körperlich und/oder geistig. Es ist eine beiderseitige (wechselseitige) Blindheit und Blödheit. Beide haben ihre blinden Flecken. Nicht immer erfolgt das Zusammentreffen von Lehrer und Schüler aufgrund karmischer Verdienste, sondern Lehrer wie Schüler können auch in einer unglücklichen karmischen Verstrickung gefangen sein.
      Die Beziehung zwischen Schüler und Guru ist sehr individuell und von großer Intimität geprägt. Es ist ja nicht so, dass die Schüler den Lehrer gleich von Anfang an als Buddha sehen sollen, sondern das ist ein Entwicklungsprozess in der Sicht. Wenn Schüler ihren Lehrer vorher als Buddha bezeichnen und hinterher in den Dreck treten, dann haben sie den Lehrer für ihre unerledigten Vater/Mutter-Probleme verwendet oder ihren Beziehungsknatsch auf sie projiziert. Kommt immer wieder vor. Wenn Lehrer ihre Schüler mit „Vajra-Hölle“ und Samayas überfordern, dann mangelt es den Lehrern an Führungsqualität. Da ist dann Dulwa (Vinaya) nicht ganz verstanden worden. Und wenn Lehrer sich überschätzen und mangelhaft ausgebildet sind, dann sind sie genauso wenig hilfreich, wie ein Kurpfuscher eben eine Gefahr für das Leben darstellt. Die größte Qualität eines Lehrers ist neben Mitgefühl eben auch Bescheidenheit und Demut.
      Es liegt aber auch an den Schülern, sich vorher mal schlau zu machen und sich über Lehrer, Lehre und Gruppe zu informieren. Außerdem sollte ein Schüler sich über die eigenen Motive einigermaßen im Klaren sein. Immerhin gehört das zu den Grundlagen. Und ein Lehrer sollte halt Schüler, die mit den Grundlagen nicht vertraut sind, nicht überfordern. Wenn ein Lehrer frei von Verwirrung, Hinterlist, Eigennutz, Rigidität und/oder Arroganz ist, dann werden seine Handlungen dem Schüler Segen bringen.


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