Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. April 2019

Mantra-Heilen und magische Praktiken

Im vorigen Beitrag über das Entfalten der erleuchteten Aktivität habe ich über die Grundlagen und Voraussetzungen für das Mantra-Heilen geschrieben. Hier folgt nun eine kurze Abhandlung über Mantra-Heilen und das Menschenbild im tantrischen Buddhismus.

Elementares Welt- und Selbsterleben

Der Mensch wird als eine Ansammlung von körperlichen und geistigen Erlebnishaufen gesehen. Diese bestehen aus den fünf äußeren Elementen und dem jeweiligen inneren Formerleben, sowie aus den vier weiteren geistigen Erlebnishaufen von Empfindung, Unterscheidung, Gewohnheitsmustern und Bewusstseinsarten. Genauso wie der Mensch aus den fünf Elementen besteht, ist die äußere Welt aus den fünf Elementen aufgebaut. Dadurch stehen diese inneren und äußeren Elemente in einer Wechselwirkung zueinander und beeinflussen sich beständig.

Im Menschen sammeln sich diese fünf Elementen auch noch in Form von drei prinzipiellen Funktionen, die Wind (tib., rlung), Galle (tib., mkhris pa) und Schleim (tib., bad kan) genannt werden. Ähnlich dem Ayurveda kennt man diese Funktionen auch in der mittelalterlichen Medizinlehre als die drei Säfte.

Krankheiten und ihre Bedingungen

Man sagt, dass Krankheiten Manifestationen bestimmter energetischer Störungen sind, die ihre Wurzel wiederum in einer Disharmonie von Geist und inneren Winden haben. Durch Visualisationen werden diese Disharmonien beseitigt. Mittels der Rezitation, die die Kraft der inneren Winde nutzt, werden diese geklärt.

Neben diesem spirituellen Ansatz kennt man im Rahmen der tibetischen Heilkunst natürlich auch noch andere Ansätze. Die primäre Krankheitsursache, wie auch die Ursache allen Leidens ist Unwissenheit, das Nichtwissen um die wahre Beschaffenheit aller Phänomene. Daraus entstehen die Wurzelgifte von Täuschung, Anhaftung (Gier) und Ablehnung (Hass). Diese Wurzelgifte sind die Ursachen, da sie im eigenen Geistesstrom sind. Damit dann Krankheiten auch tatsächlich noch ausbrechen können, benötigt es die hinzukommenden Faktoren, die bedingenden Umstände. Diese sind Ernährung, Bewegung, Verhalten und geistige Einstellungen. Außerdem wirkt der Wechsel der Jahreszeiten auf uns ein.

Man kennt vier Klassen von Krankheiten: 1) jahreszeitlich bedingte Krankheiten; 2) sichtbar manifestierte Krankheiten; 3) Geister- und Dämonenkrankheiten; und 4) karmische Krankheiten.

Saisonal bedingte Krankheiten entstehen und vergehen gemäß der Jahreszeit und müssen nicht notwendigerweise behandelt werden. Wenn man Ernährung und Verhalten entsprechend auf die Jahreszeit abstimmt, dann treten diese Krankheiten entweder nicht auf oder können rasch beseitigt werden. Sichtbar manifestierte Krankheiten entstehen durch das Zusammenspiel von äußerlichen Bedingungen mit dem eigenen Verhalten. Diese benötigen eine medizinische Behandlung über Änderung des Verhaltens und der Ernährung, sowie ggf. durch Medikamente und/oder äußere Eingriffe wie Moxa oder Operationen. Geister- und Dämonenerkrankungen sind geistig-emotionale und/oder spirituelle Störungen des Geistes oder des Geistes mit der Umwelt. Diese werden über Heil-Mantras und entsprechende Rituale behandelt. Karmische Erkrankungen werden als unheilbar angesehen und sind zu ertragen. Der Krankheitszustand wird als eine Reinigung von früheren negativen Handlungen verstanden.

Missverständnisse und Fehldiagnosen

Fehldiagnosen aufgrund von naiven Ansichten und daraus resultierende Fehlbehandlungen können nicht nur fatal, sondern auch letal sein.

Da Spiritualität, die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von geistigem Erleben mit der Umwelt, mittlerweile einen immer breiteren Raum beim Versuch einnimmt, das Leben als ganzheitlich zu erfahren, müssen an dieser Stelle einige Missverständnissen aufgeklärt werden. Wenn man die vier oben erwähnten Kategorien von Krankheiten nicht beachtet, entsteht rasch der Eindruck, alles würde aus dem Geist entstehen und man müsste nur die Unwissenheit beseitigen. Aus letztendlicher Perspektive betrachtet, ist das durchaus richtig, aber in diesen Zustand letztendlicher Wahrheit einzutauchen, ist aufgrund der geistigen Verschleierungen nicht vielen sofort gegönnt. Daher müssen sich diese mit dem Vorläufigen begnügen und die manifestierten Erkrankungen konkret behandeln.

Man kennt durchaus Fälle wie die afghanische buddhistische Nonne Gelong Palmo, die Lepra durch die Praxis des Nyungne (Kriyatantra-Fastenpraxis auf Avalokiteshvara) geheilt oder Jigten Sumgön, der trotz Erkrankung an Ruhr und der eindringlichen Bitten seiner Sponsorin im Retreat verblieben ist und konventionelle Heilbehandlungen abgelehnt hat und geheilt wurde. Doch auch die großen spirituellen Meister der Vergangenheit und Gegenwart haben immer wieder auf ganz konventionelle Heilbehandlungen und Medizinen zurückgegriffen. Auch zu Buddhas Zeit wurde der Hygiene und der Pflege von Kranken ein positiver Stellenwert eingeräumt und die Einnahme von Medizin in der Vinaya als nützlich bei Erkrankungen erwähnt. Nirgendwo hat Buddha oder ein späterer Meister des Dharma spirituelle Praktiken oder magische Heil-Mantras hervorgehoben und eine konventionelle Behandlung verworfen.

Tradition der Heil-Mantras

Zusätzlich zu den vier erleuchteten Aktivitäten findet man im Kontext einiger Mandalas auch noch weitere Mantras.

Im Praxiskontext von Dorje Drolö oder Vajrakilaya finden sich noch weitere Mantras, die dem Weihen der Praxis-Phurbas dienen, aber auch Mantras, die zum Schützen (tib., srung ba), zum Zurückwerfen (tib., zlog pa) und dem Vernichten (tib., bsad pa) rezitiert werden. Dann gibt es noch Rezitationen zum Schärfen der Zaubersubstanzen.

Im Rahmen des Maha-Ati-Zyklus von Dudjom Lingpa findet man in Rahmen der Praxis auf Guru Rinpoche mehrere Mantras zum Wettermachen, dem Vertreiben von Räubern, dem Vernichten von Feinden oder dem Heilen von Seuchen und Ansteckungskrankheiten oder zum Schützen. Meist wird neben Rezitation und Visualisation noch mit bestimmten Gesten – Mudras – gearbeitet.

Im Zyklus des Khandro Thugthig – der Herzessenz der Dakini – von Dudjom Rinpoche finden sich viele Aktivitätspraktiken, u.a. auch ein Zauberhandbuch mit ca. 50 Aktivitäts- und Heil-Mantras. Manche dieser Mantras sind Erweiterungen und Ergänzungen der vier erleuchteten Aktivitäten, andere Mantras dienen ganz konkret zum Lindern von bestimmten Krankheiten und dem Heilen. Ebenso gibt es eine Anleitung zur Spiegel-Divination, zum raschen Hervorbringen der Verwirklichungen, zur Verwandlung der Gestalt, zum Entwickeln von Gedankenlesen, zum Versammeln von Menschen, zum Heranziehen bestimmter Personen, zum Vermehren von Nahrung und Reichtum. Außerdem sind in diesem Mantra-Zyklus auch Mantras enthalten, die einen vor verschiedensten Verletzungen wie durch Feuer, Kälte, Wasser oder das Anschlagen des Kopfes behüten. Ebenso ist ein Schutz vor Feinden und Räubern hier enthalten. Mittels bestimmter Mantras und Substanzen kann man den Blutfluss stoppen, Zahnprobleme behandeln oder Schwellungen und Störungen der Mamos beseitigen.

Heilrituale

Die Grundlage des tantrischen Heilens ist die „Seelenrückholung“ – La Gug (tib., bla ‚gugs) genannt – womit ein Ritual zum Herbeiziehen des La (tib., bla) – der Lebensenergie – gemeint ist. Durch diese balanciert der Ngakpa (tantrischer Heiler) die Geistes- und Vitalkraft des Klienten. Der Ngakpa als Experte sieht die Geistes- und Vitalkraft des Menschen in einer vielschichtigen Gestalt miteinander verwoben. Lebensenergie (tib., bla), Vitalität (tib., srog), Körper (tib., lus), Einfluss-Präsenz (tib., dbang thang) und Windpferd (tib., lung rta) wollen bewahrt werden.

Wie die Schamanen die ersten Seelenführer in den Gemeinschaften waren, so wirken die Ngakpa-Lamas als Ritualkundige auf dem Lebensweg. Aufgrund ihres umfangreichen Wissens über Schöpfung, Natur, Identität und Wandlung des Geschaffenen werden sie in allen Lebenslagen von der Geburt bis zum Tod konsultiert. Nur wenige verfügen über ein umfassendes Wissen der Welten UND die Kraft, Wesen zu führen, zu befrieden, zu bannen, zu kontrollieren etc. Erst nachdem Ngakpas einen Stufenweg in ihrer Ausbildung durchlaufen, sind sie in der Lage heilsam zu wirken. Heil-Mantras dienen dazu, diese fünf Kräfte von Lebensenergie, Vitalität, Körper, Einfluss-Präsenz und Windpferd ins Gleichgewicht zu bringen.

Mehr dazu gibt es im Rahmen der Übertragung der Zyklen von Khandro Thugthig und Tsokye Thugthig. Siehe Veranstaltungskalender.


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