Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. Februar 2019

Khandro Thugthig – die Herzessenz der Dakini

Einleitung ins Khandro Thugthig

Aus der Einleitung ins Khandro Thugthig von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje:

Ausdruck des Weisheitsnetzes aller Siegreichen, Lotusgeborener, unfehlbare, ewige, einzige Zuflucht, vorgefunden nur in der uranfänglich reinen Natur des selbstentstandenen reinen Gewahrseins – Eure Einheit jenseits von Zusammentreffen und Trennen erkennend, so nähere ich mich voller Ehrfurcht an.
Das Nektarlicht Eures Segens hat die Blütenblätter meines Geistes weit geöffnet und die tiefgründigen Erklärungen, der Pollen der lächelnden Blütenstempel sind zum Genuss der glücklichen Bienen herangereift.

Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje

Ich, Jigdral Yeshe Dorje, ein Hochstapler in diesen Zeiten des Niedergangs bin die angebliche Wiedergeburt von Thragthung Dudjom Lingpa oder wie vom Seegeborenen Guru vorhergesagt, bin ich als Garwang Drodul Lingpa bekannt. Mir diese Namen zu geben, ist als ob man einem alten Wachhund den Titel „Löwe“ gibt. Entsprechend meiner leicht karmischen Neigung, die bloß von der gütigen Akzeptanz als Schüler vom Lotusgeborenen Yab-Yum in vergangenen Leben herstammt, habe ich ein angeborenes unerschütterliches Vertrauen in den Guru Yab-Yum. Aufgrund dieser Hingabe habe ich auch wiederholt die Zeichen von ein paar Segnungen erhalten.

Ferner wird im prophetischen Schatztext des Orgyen Dechen Lingpa gesagt:

In Tibet wird in Zukunft östlich eines Berges mit neun Spitzen im geheimen Buddha-Feld der selbstentstandenen Vajra Varahi eine Emanation des Drogben in einer edlen Familie erscheinen. Den Namen Jnana tragend, wird er die yogische Lebensweise des Mantra halten. Seine Erscheinung wird ungewiss sein und sein Verhalten in der Kindheit wird auf große Intelligenz hinweisen. Er wird die neuen Schätze hervorbringen oder die Lehre der alten Schätze bewahren. Wer immer mit ihm verbunden ist, wird zum glorreichen Berg der Chamara-Insel geführt werden.

Orgyen Dechen Lingpa

Von der Zeit an als ich noch ein Kind war, entdeckte ich viele Schatzkästchen, für die ich bestimmt war und ich hatte zahllose egoistisch täuschende Visionen. Besonders im Alter von 13 Jahren traf ich den Guru in Person in einer visionären Erfahrung. Danach hatte ich eine erfreuliche Vision vom Spielen mit ein paar Freundinnen, die meine Hände auf ein paar Schriftrollen legten, die mit Symbolschrift usw. beschrieben waren. Sowohl vor als auch nach diesem Erlebnis erschienen andere wundervolle Erscheinungen. Da dann die wechselseitigen Verbindungen von Ort, Zeit, Freunde, Gefolge usw.  nicht zusammentrafen und aufgrund anderer äußerer und innerer Umstände war ich zutiefst betrübt und opferte die gelben Schriftrollen der Großen Mutter Weißes Gewand.[1] Von da an beseitigte ich meine Hoffnungen und Befürchtungen wegen dem Offenbaren und Verbreiten neuer Schätze und verblieb ein sorgenfreier Yogi, die Lehren der früheren Dharma-Schätze so gut wie möglich zu beschützen.

Als ich 25 Jahre alt war, am 25. Tag des siebten Monats des Jahres des Erd-Drachens[2] erhielt der Yogi Trulshik Dorje die Aufforderung von einer Dakini, sofort zu mir zu kommen und er sagte mir händeringend, dass ich sofort in diesem Augenblick eine tiefgründige, kurz und bündige Dakini-Sadhana schreiben müsse. Ich dachte mir, es wäre angemessen, eine bloße Selbstvisualisation für eine tägliche Praxis zu verfassen, aber sofort floss meine Schrift anders als gewöhnlich dahin und die gesamte Gestaltung dieses Textes und seiner Bedeutung erschien mir lebhaft im Geiste. Ich verstand, dass dies eine Art Geistschatz war, aber ich bezeichnete es nicht als Dharma-Schatz. Was immer entstand, unverändert und unverzerrt, wurde in einer einzigen Sitzung aufgeschrieben und dann [dem Trulshik Dorje] ausgehändigt.

Als später dann [Trulshik Dorje] dies in der Kristallhöhle in Yarlung praktizierte, konnte er hervorragende Zeichen seines Segens feststellen und vertraute ihm völlig. Wieder bat er mich hartnäckig, die vollständigen erleuchteten Aktivitäten zu verkünden – die äußeren, inneren und geheimen Sadhanas usw. – wieder und wieder, bis meine Ohren den Krach nicht länger mehr ertragen konnten. Ich erweiterte bei den einzelnen Keimwörtern, die im Wurzeltext vorkamen und fügt ein paar erforderliche zusätzliche [Praktiken] als Ergänzungen ein.

Als danach die Bestrebung des hochrangigen Tsewang Rigdzin Nampar Gyalwa’i De durch seine karmische Verbindung erwachte, übernahm er die Verwahrung dieses tiefgründigen Dharmas. Zu dieser Zeit schmückte ich [diesen Zyklus] mit zusammengefassten, leicht zu praktizierenden Texten aus, wie den Anweisungen für die Gottheitenklausur, einem [ausführlichen] Anweisungstext usw. und ich erweiterte die entscheidenden Punkte der Praxis bis zur Vollendung.

Die freigiebige Kuh – ein Handbuch zur Verwirklichung des Pfades

Der auf Tibetisch mit englischer Übersetzung vorliegende Text, genannt „Die freigiebige Kuh der Errungenschaften“ enthält Anweisungen für die Meditation zwei Phasen des Khandro Thugthig. Er deckt den gesamten Pfad des Vajrayana ab, von der Erzeugungsphase über die Vollendungsphase bis zur Großen Vollkommenheit.

Das Khandro Thugthig ist ein wichtiger Zyklus von Lehren und Praktiken, welche Dudjom Rinpoche (1904-1987) als einen spirituellen Schatz enthüllt. Unter den drei Wurzeln der tantrischen Praxis bezieht er sich speziell auf die Dakinis. Die hier übersetzten Anweisungen und Richtlinien sind am engsten mit Yeshe Tsogyal, der tibetischen Prinzessin, verbunden, die die Gefährtin des großen Meisters Padmasambhava wurde und ihn unterstützte, als er im 8. Jhdt. den tantrischen Buddhismus in Tibet einführte. Aber Yeshe Tsogyal ist mehr als eine historische Figur, denn sie ist eine Weisheits-Dakini, die Yogis inspiriert, die letztendliche Natur des Geistes zu erkennen.

Die hier übersetzten Anweisungen sind sowohl selten als auch tiefgreifend. Diejenigen, die sich ernsthaft für diese Lehren interessieren und sie in die Praxis umsetzen möchten, können sich darüber freuen, dass ihnen solch tiefgreifender Schlüssel zur Verfügung stehen. Für diejenigen, die eine karmische Verbindung zu dieser Tradition und dieser Linie haben, können Texte wie diese ein Katalysator für die spirituelle Befreiung sein.

Ferner ist die letztendliche Dakini des Dharmakayas die alle Buddhas gebärende Mutter, die unausgeschmückte Prajnaparamita selbst. Die zeichenhafte Dakini des Sambhogakayas zeigt sich als das eine Mandala oder als manigfaltige Mandalas der fünf Familien der Königinnen des Raumes. Und daraus erscheint die symbolische Dakini des Nirmanakaya als die in den (24) Bereichen, aus Mantra oder zugleich entstandenen (Dakinis) der Versammlung der fünf Familien, in ihrer Zahl gleich den Staubteilchen im Universum.

Aus der Ermächtigung in Khandro Thugthig, von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje.

Vier Yogas

Die Struktur des vorliegenden Textes kann in vier Yogas unterteilt werden, die sich auf die vier Ermächtigungen beziehen. Der Yoga der Form bezieht sich auf die Vasenermächtigung und die Praxis der Erzeugungsstufe. Auf diese Weise erzeugt der Praktizierende die Gegenwart der Gottheit Yeshe Tsogyal und verwandelt seine gewöhnliche Wahrnehmung in eine reine Vision, zusätzlich sieht er seine Umgebung als Mandala-Palast.

Das zweite Yoga ist das Yoga des Mantras und dieses stellt die Vollendung dar und bezieht sich auf die geheime Ermächtigung. Die Praxis hier ist die Kontrolle der äußeren und inneren Winde. Auf diese Weise kann man Langlebigkeit erlangen. Der Yoga der Glückseligkeit ist der dritte und repräsentiert die Vollendungsstufe mit Merkmalen und bezieht sich auf die Weisheits-Bewusstseins-Ermächtigung. Die wichtigste Übung im Zusammenhang mit dieser Ermächtigung ist die Ausübung der inneren Hitze (gtummo) zusammen mit den fünf Hilfspraktiken – Illusionskörper, Traumyoga, klares Licht, Bardo und Phowa – sowie die Praxis mit einer Gefährtin. Dadurch erhält der Praktizierende eine direkte Erfahrung der Klarheit und Lichtheit des Geistes.

Das letzte Yoga ist das Yoga der Weisheit. Dieser Yoga entspricht der kostbaren Wortermächtigung und der Vollendungsstufe ohne Merkmale. Auf dieser Ebene begegnen die Praktizierenden der wahren Natur des Geistes mit Hilfe von Trekchö (khregs chod; Durchschneiden der Festigkeit) und Thögal (thod rgyal; direktes Durchqueren).

Absicht

Auch wenn dieser Text für diejenigen bestimmt ist, die die Übermittlung von einem qualifizierten Meister erhalten haben und die Veröffentlichung dieser Themen ziemlich ungewöhnlich ist, sollten diese wertvollen Lehren erhalten bleiben. Denn wenn niemand dieses Thema studiert und praktiziert, verschwinden die Lehren. Darüber hinaus gibt es aufgrund von Gerüchten und Vermutungen einige ausgefallene Ideen zu diesen Praktiken. Um solche abenteuerlichen Ideen zu verhindern, ist dieses Buch eine geeignete Quelle für sogenannte geheime Vajrayana-Praktiken. Wenn Sie also dieses Buch in den Händen halten und sich mit diesen Themen befassen, schätzen Sie die männlichen und weiblichen Yogis von Tibet, die diese Themen praktizierten und vollständig erleuchtet waren.

Ein (durch die Einweihung) gereifter und Samaya haltender Praktizierende übt zuerst die Erzeugungsstufe, die mit der Vasenermächtigung verbunden ist. Alles, was als Stütze und Unterstütztes angeordnet ist, die als Erscheinungsobjekte existierenden Formen, existieren nicht als Objekte der Anhaftung. Wie ein Spiegelbild in einem Spiegel oder ein Regenbogen am Himmel, als direkte Wahrnehmung – völlig klar und ohne Vermischung – meditiere, bis du von Objekten nicht mehr fasziniert bist! Obwohl der innewohnende Charakter des Dharmakayas frei von solchen komplexen Zeichen wie Gesicht, Hände usw. ist, sollte man sich hinsichtlich des verwirrten Verlangens des Verstandes nach unreinen Erscheinungen an die Reinheit erinnern, die als Ausschmückungen gelehrt wird. […]

Um die geheime Ermächtigung in den Pfad zu bringen, wendet man die Schlüsselpunkte des Körpers an und beseitigt die toten Winde. Indem man die (Atmung) der großen Vase anwendet, bringt man (die Beweung der unreinen Winde) zum Stillstand und führt die Vajra-Rezitation aus. Zuerst kurz und oftmals, gewöhnt man sich nach und nach daran und alles Kommen und Gehen der Winde und des Geistes wird im unbewegten Hohlraum des Zentralkanals gebunden. […]

Insbesondere ist dieser Pfad mit der Wort-Ermächtigung verbunden. Die große Glückseligkeit, überragend unwandelbar, ist die Absicht der uranfänglichen Reinheit frei von Anstrengung, Samantabhadra, das unbefleckte Gewahrsein, unverfälscht von Konzepten der drei Zeiten. Seine Essenz ist sprachlose Freiheit von Ausschmückungen. Seine Natur ist lebhafte innewohnende Klarheit. Sein Mitgefühl ist alles durchdringend und frei von Einseitigkeiten. Untrennbar Klarheit-Leerheit, offen-transparent, innewohnender Charakter ungekünstelten, nackten Gewahrsein-Leerseins. Diese Natur des großen Transzendierens des Intellekts verweilt als die Essenz des Dharmakayas, der großen Mutter-Gefährtin (Prajnaparamita). […]

Der Zustand der Gelöstheit transzendiert die Objekte von Gut und Böse, von Hoffnung und Furcht, was immer entsteht, erscheint aus sich selbst heraus. Verhalte dich im Verhalten ohne Fessel oder Befreiung! […]

Aus der Ermächtigung in Khandro Thugthig, von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje.

In wem die karmischen Samen zur Praxis dieser kostbaren Lehren durch Wunschgebete und günstige Verbindung vorhanden sind, hat im Mai 2019 die Möglichkeit, die vollständige Übertragung dieses Zyklus zu empfangen. Näheres im Ngakpa-Zentrum Lhündrub Chödzong. > Mehr lesen.


Das Handbuch zu den Vier Yogas „Die freigiebige Kuh“ kann man hier erwerben.


[1] D.h. er hat sie verbrannt.

[2] 1929


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