Verfasst von: Enrico Kosmus | 14. Februar 2019

Sieben Zeilen der Anrufung

Die Bedeutung des 7-Zeilen-Gebets an Guru Rinpoche

Padmasambhava erschien auch zu Lebzeiten der Buddhas der vergangenen Zeitalter und man sagt, dass in unserer gegenwärtigen Zeit, dem Zeitalter von Buddha Shakyamuni, die gelehrtesten und am meisten verwirklichten Wesen in Indien und an anderen Orten seine Emanationen waren bzw. sind. Sein Segen und seine Führung wurde allen Haltern der Lehren gewährt. In Indien, China, Shambhala, Indonesien und anderen Bereichen wirken seine Manifestationen fleißig zum Nutzen der Lehre und der Wesen.

Hier in Tibet setzte Guru Rinpoche seinen Fuß in jede Region und segnete das Land. Er verbarg viele tiefgründige Dharma-Schätze und prophezeite ihre darauffolgende Entdeckung zu verschiedenen Zeiten. Er stellte die Götter und Geister unter den Vajra-Eid und machte Versprechen für die Zukunft, indem er sagte, so lange der Buddhadharma in Tibet bleibt, werden seine Emanationen das Land und die Leute beschützen. Er vertraute das Land dem Schutz der zwölf Tenma-Göttinnen an, wobei sie es gegen jene bewachen sollen, die außerhalb des Dharmas stehen. Und in Zukunft, wenn Schwierigkeiten von barbarischen Kräften drohen, dann wird es so sein, wie Tagsham Samten Lingpa es in einer geheimen Prophezeiung vorhergesagt hatte: „Ich, Padmasambhava, werden den Namen Raudra Chakri  tragen und mit meinen 25 Schülern, dem Herrscher und den Untertanen werde ich, der König der Linie, von meiner Arme eskortiert werden.“ So prophezeite er, dass er die Barbaren unterwerfen und die Lehren des Geheimen Mantras verbreiten würde. Guru Rinpoche sagte vorher, dass auch die meisten nicht-sektiererischen Halter der Alten und Neuen Traditionen im kühlen Lande Tibet seine Emanationen sein würden. Er offenbarte sein Antlitz und gewährte zahlreiche Segnungen und Anweisungen der Mehrheit der gebildeten und verwirklichten heiligen Wesen. Das ist aus ihren entsprechenden Biographien ganz klar ersichtlich.

Guru Rinpoche sagte auch, dass in Zukunft, wenn Maitreya der Buddha dieser Welt sein würde, er selbst als ein Bodhisattva erscheinen wird. Er wird ein Lehrer der Wesen sein und wird die Lehre des Geheimen Mantras in hohem Maße verbreiten. Tatsächlich versprach er, zur selben Zeit wie die Buddhas dieses glücklichen Kalpas zu erscheinen. Er wird sich in seinem unsterblichen, unzerstörbaren Weisheitskörper befinden, dem Grund seiner Emanationen, solange es fühlende Wesen gibt. Er wird seine Emanationen so grenzenlos wie Raum und Zeit zeigen und zum Wohlergehen der Wesen in der Zukunft wirken. Wie er mit seinen Vajra-Worten selbst sagt:

Bekannt bin ich als Padma, der Selbstmanifestierte, entstanden aus dem Herzen von Buddha Amitabha, dem Grenzenlosen Licht, der Glanz des hohen Avalokitas Rede. Der Bruder der Dakinis und König der Dakas, ich bin die Handlung der Buddhas der drei Zeiten. Großer Samantabhadra, einzigartiger Vajradhara beide bin ich, mächtig und mitfühlend, erscheinend in meinen hervorgebrachten Formen. Kräftig sind meine Aktivitäten, die Wesen ihren Bedürfnissen nach begleitend. Ich bin ihr wunscherfüllendes Juwel, die Erfüllung ihrer Hoffnungen.

Padmasambhava

Guru Rinpoche sagte auch:

Für Wesen, die stark in ihrem hingebungsvollen Glauben sind bin ich geschwinder im Mitgefühl als alle anderen Buddhas. Bis die drei Welten Samsaras leer von allen Wesen sind, wird Padmasambhavas Mitgefühl nicht erschöpft werden.

Padmasambhava

Solcher Art sind die unvorstellbaren Heldentaten von Guru Rinpoche. Eine davon, wie das Sieben-Zeilen-Gebet schildert, war die Art, in der er seinen Nirmankaya in dieser Welt zeigte:

HUM
In Orgyens Lande am nord-westlichen Rand,
auf des Lotusblüte Blütenstempel Stammes geboren,
die wundersamen und höchsten Errungenschaften habt Ihr erlangt.
Als Lotosgeborener seid Ihr daher bekannt.
Von einem Ring vieler Dakas und Dakinis umgeben,
folgend Euren Spuren praktizieren wir.
Gewährt Euren Segen, kommt herbei, so beten wir:
GURU PADMA SIDDHI HUM

Das Gebet in sieben Zeilen an Guru Rinpoche

Formelle Bedeutung des Gebets

Das Gebet beginnt mit dem Aussprechen der Silbe HUM, die die selbstentstandene Keimsilbe des Geistes aller Buddhas ist. Dies lädt den erleuchteten Geist von Guru Rinpoche selbst ein.

Jambudvipa, diese Welt von uns, die sich im Süden des kosmischen Berges Meru befindet, zählt sechs Hauptprovinzen. Unter diesen ist die westlichste Region das Land der Vidyadharas. Das ist Oddiyana oder Orgyen, das Land der Dakinis, wo es am nord-westlichen Rand oder an der Grenze ein Gewässer gibt, dass mit achtfacher Vortrefflichkeit reichlich ausgestattet ist und frei von jeder Unvollkommenheit. Das ist der Danakosha-See. Es ist ein Symbol der Leerheit, ausgestattet mit höchsten Qualitäten, die Königin der letztendlichen Weite. Der See ist in jeder Hinsicht vollkommen, was auch für die Wahrnehmung der gewöhnlichen Menschen ersichtlich ist. Er ist voller weißer Lotusblüten, wobei die größte von ihnen in der Mitte wächst, ein Lotus von erlesener Schönheit hinsichtlich der Blätter als auch des Blütenstempels. Aus diesem Stamm des Lotus wuchsen andere Lotusse, wodurch sie insgesamt fünf waren. Jeder von ihnen ist von anderer Farbe, was den fünf erleuchteten Linien entspricht und die fünf Weisheiten symbolisiert. Der Lotus in der Mitte ist rot und zeigt die Lotus-Linie an.

Der unendliche Knoten, das kostbare und unbefleckte Schatzhaus des Herzens von Buddha Amitabha, ist mit der Silbe HRI angefüllt und erstrahlt in fünffarbigem Licht. Das ist die Essenz aller Segnungen und Qualitäten der drei Geheimen der zahllosen Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als der Moment für Guru Rinpoche kam, für die fühlenden Wesen zu wirken, streuten zahllose Buddhas und Bodhisattvas der zehn Richtungen Blumen, während die Dakas und Dakinis zusammen mit den Beschützern und Wächtern der Buddha-Felder den Vajra-Tanz ausführten und das Vajra-Lied sangen. Um dann den Wesen der drei Daseinsbereiche Freude und Erlösung zu bringen, senkte sich die Silbe HRI auf die Lotusblüte des zentralen roten Lotus herab und verwandelte sich in den König der Vidyadharas, den großen und furchtlosen Guru, der ohne seinesgleichen in den drei Welten ist und der edel ist, mit vielen außergewöhnlichen Eigenschaften der Größe. Durch seinen immensen Verdienst ist sein Körper eine Quelle des Nutzens für die Wesen, durch seine Lehren nützt er ihnen mit seiner Rede und durch seinen Geist nützt er ihnen durch sein Weisheitsgewahrsein. Mit unvergleichlicher Wunderkraft führt er die Wesen zur Befreiung.

Er offenbarte sich selbst in einer selbstentstandenen, unbefleckten Form, geschmückt mit den Haupt- und Nebenmerkmalen der Buddhaschaft. Er wurde als Sohne des Indrabhuti inthronisiert, aber später entsagte er dem Königreich und ergriff das Leben eines Yogis, der auf den acht Leichenplätzen praktizierte, wo er sich in den grenzenlosen Lehren der äußeren und inneren Fahrzeuge übte. Seine Lebensgeschichte und seine Taten ist jenseits des Vorstellbaren. Er brachte ein illusorisches Spektrum der acht Manifestationen zum Ausdruck. Mit unerschütterlicher Stärke vernichtete der die Dämonen, Rakshasas und bösartigen Geister und brachte die stolzen und hochmütigen Geister der Welt unter seine Macht. Er brachte viele Wesen auf den Pfad des Großen Geheimen, das sie zur Reife führt und ihnen Befreiung gewährt. Er ist ein Objekt der herrlichsten Lobpreisungen in allen drei Welten. Und wenn wir vom wundersamen, erstaunlichen Leben des Herrn, dem zweiten Buddha lesen, wie es in den vertrauenswürdigen Schriften der Kama- und Terma-Übertragungen beschrieben ist, dann sind wir von Vertrauen an ihn ergriffen. Darüberhinaus besitzt dieses großartige Wesen nicht nur die allgemeinen Verwirklichungen, sondern er ist auch vollkommen und uranfänglich erleuchtet: die wundersamen und höchsten Errungenschaften hat er erlangt, den Zustand der Einheit des großen Vajradhara. Und als der Lotusgeborene ist er bekannt in der endlosen Matrix der unendlichen Buddha-Felder.

Wir anerkennen ihn zusammen mit seinem Gefolge als die Personifikation der Drei Zufluchten, den letztendlichen, untrügerischen Schutz, zu dem wir mit ganzem Vertrauen beten können. Dieser überragende Vidyadhara, der größte unter den großen, wird von außergewöhnlichen Schülern des Geheimen Mantra begleitet. Ein Ring vieler Dakas und Dakinis, unzählbar wie die Samen in einem geöffneten Sesamtopf, umgibt ihn. In Wahrheit ist er von einem grenzenlosen Ozean an Gottheiten der drei Wurzeln und Beschützer umgeben. Aber weil dieses Gefolge nichts als der illusorische Ausdruck von Guru Rinpoches eigener Weisheit ist, die den Wesen entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse nützt, sind er und sein Gefolge ihrer Natur nach nicht verschieden und daher das gemeinsame Objekt unserer Anrufung.

Mit völligem Vertrauen beten wir so zu Guru Rinpoche. Mit lebhaftem Flehen und vertrauensvollem Glauben in seine höchsten Qualitäten, die wie wunscherfüllende Juwelen sind, bringen wir unsere Hingabe in Wort und Tat, durch Gebet und Verneigung zum Ausdruck. Weil wir wissen, dass solch eine Zuflucht untrügerisch ist, geben wir die Dinge dieser Welt wie nutzloses Zeug auf und mit einem konzentrierten Glauben und Vertrauen, folgend Guru Rinpoches Spuren, ohne Unterlass praktizieren wir. Deshalb wenden wir uns hin und sagen:

Wahrer, unfehlbarer Herr grenzenlosen Mitgefühls, in diesem Moment wendet Euch nicht von uns und jenen wie wir ab, die im Ozean der drei Leiden ertrinken. Gewährt Euren Segen, kommt herbei, so beten wir. Wie ein Alchemist, der Eisen in Gold verwandelt: segnet mit den drei unvergleichlichen Geheimen Eures erleuchteten Körpers, Eurer erleuchteten Rede und Eures erleuchteten Geistes den gewöhnlichen Körper, die gewöhnliche Rede und den gewöhnlichen Geist von uns, die Hoffnung in Euch hegen und zu Euch Zuflucht suchen. Und vom Kupferfarbenen Berg – oder in welchem natürlichen Nirmanakaya-Buddha-Feld Ihr Euch auch befinden mögt – kommt herbei mit der großen Geschicklichkeit Eures Mitgefühls und seid mit uns.

Nachdem man den Segen des Gurus angerufen hat, rezitieren wir das Mantra.

Der Guru ist einer, der „kiloschwer mit vollkommenen Qualitäten“ ist, der Lehrer ist unübertroffen. Padma ist der erste Teil des Namens des großen Meisters aus Orgyen, wohingegen Siddhis sich auf die höchsten und allgemeinen Verwirklichungen bezieht, die unser Ziel sind. Schließlich rufen wir mit HUM den kostbaren Meister an und beschwören ihn, Verwirklichung zu gewähren.


Aus den umfangreichen Erklärungen des äußeren, inneren und geheimen Bedeutungsebenen des 7-Zeilen-Gebets an Guru Rinpoche, von Ju Mipham Rinpoche. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus). Möge es von Nutzen sein!


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