Verfasst von: Enrico Kosmus | 31. Januar 2019

Wie man auf dem Pfad voranschreitet

Nun, kürzlich bekam ich einen Hinweis, die Leute hätten keine Ahnung, was sie üben sollen, da sie so viele Ermächtigungen haben. Um den Verwirrten ein paar Ideen über den Pfad zu geben, werde ich hier ein paar Variationen darstellen. Und bitte akzeptiert meinen Fokus auf eine Tradition bzw. ein paar wenige Ansätze. Ich habe keine Vorurteile anderen Schulen oder Traditionen gegenüber, aber ich konzentriere mich hier auf Traditionen und Ansätze, mit denen ich vertraut bin. In allen Vajrayana-Linien gibt es ähnliche Praktiken. Doch auch wenn man sich nicht auf das Vajrayana konzentriert, sondern über das Sutrayana den Pfad beschreitet, kann man auch diesen gut einteilen. Man kann sagen, es handelt sich um einen Diamanten mit vielen Facetten. Es sind nur einige Optionen, um den Pfad in entsprechende Abschnitte zu einzuteilen und um einen Ablauf und möglicherweise auch einen Zeitplan zu erstellen. Doch ohne Plan rennt man einfach nur hin und her, und auch hinterher, mit dem Ergebnis, dass kein Hafen günstig ist, da man nicht weiß, wie man die Segel zu setzen hat. Jeder Pfad führt zweifellos zum Resultat. Doch können Leute rasch entmutigt werden, wenn sie den Faden nicht finden. Um dieser Ermüdung und Entmutigung vorzubeugen, werde ich ein paar Ansätze skizzieren.

Nyingma-Tradition

Der Pfad gliedert sich bei der Tradition der Alten Überlieferung (Nyingma) in neun Stufen oder Yanas. Über die Aspekte von Sutra, die sich in den Ansatz der Shravakas (Hörer), den der Pratyekabuddhas (Alleinverwirklicher) und der Bodhisattvas (Erleuchtungshelden) gliedern, bewegt man sich zu den äußeren und inneren Tantras. Diese sind Kriya, Charya, Upa, sowie Maha, Anu und Ati.

Konzentriert man sich auf den traditionellen Pfad, wie er in der Nyingma-Tradition überliefert wird, dann beginnt man mit den vielen 100.000 Ansammlungen der Grundpraxis (Ngöndro) und kann man mit Phowa fortsetzen. Dieses ist gleich nach dem Khandro Nyingthig Ngöndro in der Sammlung von Dudjom Lingpa und eine ziemlich nützliche Praxis, da wir alle sterben werden. Ich denke, wir wissen nicht, was zuerst kommt – die nächste Geburt oder das nächste Frühstück. Nach dem Aufbau einer richtigen Basis sollte zuerst die drei Wurzeln – Guru, Deva, Dakini – praktizieren. In dieser Hinsicht haben wir eine Menge im Dudjom Tersar, wie beispielsweise der Zyklus der Rigdzin Dupa Dechen Namrol oder einige grimmige Formen wie Guru Dragpo oder der Lama Wangdrag Dorje Drolö. Darüber hinaus gibt es einen vierfachen Ansatz von Dudjom Rinpoches Zyklus des Seegeborenen Vajras (Tsokye Thugthig). Man kann auch die Übung auf Guru Rinpoche im Maha-Ati-Zyklus von Dudjom Lingpa durchführen.

Im Dudjom Tersar findet man viele Yidam-Praktiken wie Vajrakilaya Namchag Putri oder Phurba Putri Regphung, oder man konzentriert sich auf Manjushri und seine zornvolle Manifestation als Yamataka. Wenn man den Amitabha bevorzugt, gibt es den extrem zornvollen Hayagriva (Tamdrin Yangthro) oder in einer friedlichen Form den Thugje Chenpo (Avalokiteshvara). Oder man kann den Lama Zhitro – die 100 friedvollen und zornvollen Gottheiten im Lama – oder den Vajrapani oder den Chemchog Heruka oder die all-in-Yidam-Praxis des Kagye-Mandalas ausführen.

Um die Dakini zu verwirklichen, findet man im Dudjom Tersar den berühmten Zyklus der Thröma Nagmo, die Karma Dakini Simhamukha und die Herzessenz der Dakini – Khandro Thugthig. Darüber hinaus gibt es bei der Dakini einige andere Praktiken wie die auf Vajra Yogini, Vajra Varahi oder die Grüne Tara.

Nachdem man die drei Wurzeln verwirklicht hat, ist es hilfreich, das wilde Feuer (Chandali) – das bekannte gTummo – und einige andere Dzogrim-Praktiken zu praktizieren. Dieses Material ist hauptsächlich in den Zyklen von Namchag Putri und im Khandro Thugthig zu finden.

Dann kann man Anweisungen zum Khorde Rushen erbitten. Es ist eine Art „Dzogchen Ngöndro“ und man findet es in Dudjom Lingpas Vajra-Herz-Tantra (Nelug Rangjung). Danach bittet man um die Lehren über Trekcho und Thogal an. Im Namchag Putri-Zyklus, dem Khandro Thugthig, findet man das passende Material dazu, aber auch einige Lehren wie das Vajra-Herz-Tantra, das Sharp-Vajra-Tantra oder das Nangjang sind dafür tauglich.

Nun, das ist nur eine Idee eines Zeitplans und wie man den Pfad zur Buddhaschaft beschreitet. Wenn dies für einen zu kompliziert ist, konzentriert man sich auf nur einen Lehrzyklus. Im Dudjom Tersar gibt es mindestens drei vollständige Zyklen, die alle oben genannten Dinge enthalten. Diese sind der Zyklus des Vajrakilaya Namchag Putri, der Khandro Thugthig und der Thröma Nagmo.

Und wenn dies auch zu viel und für einen zu verwirrend ist, sollte man das Ngöndro praktizieren. Dieses enthält alles, was im Vajrayana benötigt wird! Da das Fundament des Vajrayana die Verehrung für den Guru ist, ist das Ngöndro nicht nur eine vorbereitende Übung wie die Vorschule vor dem Gymnasium oder der Universität. Das Ngöndro ist alles was die Praktizierenden brauchen. Es enthält den vollständigen Pfad. Wenn man die Frucht des Ngöndro vollendet, gibt es nichts weiteres zu tun oder was über die vier Buddhakayas hinausführen würde. Es ist egal, welche Übung man ausführt, schließlich wird die Befreiung erlangt, was bedeutet, dass man die vier Kayas verwirklicht. Es gibt nichts jenseits davon.

So gesehen ist jeder Tag ein guter Tag zum Üben. Betrachte die vier Gedanken, nimm Zuflucht, erwecke die höchste Geisteshaltung hinsichtlich der Erleuchtung, vollende die beiden Ansammlungen, bereinigen karmischen Verschleierungen und bete zum Guru aus der Tiefe deines Herzens. Daher, Padmajungne-la gong su söl!

Schulen und Pfade

Ähnliche Abläufe in der Gestaltung des Pfades finden sich auch in den Sarma-Schulen. Wenn man den fünffachen Pfad zur Mahamudra bei den Drikung Kagyü betrachtet, so hat dies Milarepa bereits formuliert: „Entwickle Bodhicitta, bringe dich als Meditationsgottheit hervor, flehe hingebungsvoll zu den vier Kayas des Gurus, meditiere Erscheinung-Leerheit und widme den Verdienst.“ Der Drikung Kyobpa Jigten Sumgön hat dies dann detailreich ausgearbeitet und seinen Schülern so den fünffachen Pfad zur Mahamudra gezeigt. Auch dieser fünffache Pfad besteht aus Ngöndro, wobei hier extra nochmals der Aspekt des Bodhicitta betont wird, dann gefolgt von der Yidam-Praxis – bevorzugt Chakrasamvara – und der Meditation auf die vier Kayas des Gurus. Dann folgen eine Einführung in die Natur des Geistes und die Praxis des geistigen Ruhens und der durchdringenden Einsicht. Mittels dieser werden die vier Aspekte bzw. die zwölf Stufen der Mahamudra verwirklicht. Zum Abschluss des fünffachen Pfades erfolgt eine ausführliche Ansammlung der Widmung, die frei von den drei Kreisen ist.

Weiter praktiziert man dann die sechs Yogas des Naropa (oder der Niguma), die sich aus der Praxis der dazugehörigen Gottheitenmeditation, des Yogas der inneren Feuers (gTummo), des Yogas des Illusionskörpers (Gyülu), des Traum-Yoga (Milam), des Yogas des klaren Lichts (Ösal), und den beiden zweitrangigen Yogas wie Bewusstseinsübertragung (Phowa) und Zwischenzustand (Bardo) zusammensetzen. Mit der Praxis der inneren Hitze verbunden gibt es die Praxis mit einer Gefährtin – die Karmamudra-Praxis. Auf diese Weise werden Erscheinung-Leerheit, Glückseligkeit-Leerheit und Klar-Lichtheit-Leerheit ungetrennt verwirklicht. Diese drei Bezeichnungen stehen für die Verwirklichung der vollkommenen, allwissenden Buddhaschaft.

Nachdem man beispielsweise die Tantra-Mahamudra praktiziert hat, kann man über die sechs Yogas – die sechs Lehren des Naropa (oder der Niguma) – die Klar-Lichtheit realisieren. Egal welchen tantrischen Ansatz man dabei verfolgt, es werden immer dieselben Aspekte realisiert. Während die Nyingma die inneren Tantras in Maha, Anu und Ati einteilen, klassifizieren die Sarma-Schulen in Vater-Tantra, Mutter-Tantra und non-duales Tantra. Über das Mahayoga wird die Ungetrenntheit von Erscheinung und Leerheit realisiert, über den Ansatz des Anuyoga realisiert man Glückseligkeit und Leerheit ungetrennt und mittels Atiyoga wird Gewahrsein und Leerheit ungetrennt realisiert.

Sutra-Ansätze

Doch auch wenn man nicht Vajrayana, sondern Sutrayana pflegt, so gibt es auch hier einen Ansatz der Sutrayana-Mahamudra. Bei den Gelugpas findet man diese Herangehensweise in den Lamrim-Belehrungen – den Erklärungen zum Stufenpfad – zusammengefasst. Dieser Ansatz gestaltet sich aus den grundlegenden Übungen mit einer Einführung in das zeitlose Bewusstsein – der Natur des Geistes. Indem man über die Vorzüge der menschlichen Geburt nachdenkt, die acht weltlichen Belange aufgibt, über Vergänglichkeit und Tod und die Leiden in den drei niederen Daseinsbereichen nachdenkt, beschließt man, Befreiung zu erlangen und nimmt Zuflucht. Dadurch wird das Ziel der individuellen Befreiung angestrebt. Indem man Karma ergründet und über Leiden und seine Ursachen nachsinnt, fasst man den Entschluss, dass man den Pfad zur Befreiung beschreiten möchte. Nachdem man Bodhicitta – die höchste Geisteshaltung auf Erleuchtung ausgerichtet – entwickelt, entfaltet man ein offenes Herz für alle Wesen. Auf diesen Grundlagen folgen die Praktiken des geistigen Ruhens und der durchdringenden Einsicht. Diese durchdringende Einsicht geschieht durch die Erkenntnis der Nicht-Existenz eines persönlichen Selbst, durch die Analyse in vier Punkten und durch das Versichern der Nicht-Existenz eines Selbst in allen Phänomenen. Welche vier Punkte sind dies nun? Man meditiert Leerheit, indem man 1) analysiert, wie man nach einem Ich greift; 2) man zum Schluss kommt, dass es entweder identisch oder getrennt von den fünf Erlebnishaufen (Skandhas) – den Aggregaten – bestehen muss; 3) ob es identisch mit den Aggregaten besteht, was bedeutet, dass es fünf Ichs geben müsste; und 4) man die Möglichkeit untersucht, ob es anders als die fünf Aggregate existiert. In diesen Analysen stützt man sich auf die Ansätze, die von Nagarjuna und Chandrakirti in der Philosophie des Mittleren Weges (Madhyamaka) vermittelt wurden.

Wenn man den Lamrim-Belehrungen folgt, kann man anschließend dies noch mittels der Praxis des Vajrayana vertiefen. Auch hier steht ein ähnlicher Weg wie bereits bei den Kagyüs beschrieben offen.

Falls einem Vajrayana zu kompliziert und verwirrend erscheint und man sich über den Sutra-Ansatz auf dem Pfad weiterbewegen mag, gibt es ein paar Möglichkeiten. Man kann sich auf Lojong – Geistestraining – stützen und dabei die verschiedenen Lojong-Losungen wie jene von Serlingpa und Atisha, oder die Merksprüche von Chekawa Dorje oder die 37 Bodhisattva-Übungen von Thogme Zangpo verwenden.

Die grundlegenden Übungen sind dieselben wie zuvor erwähnt, d.h. man kontempliert die kostbare menschliche Geburt, Vergänglichkeit, Karma und die Leidhaftigkeit des Daseinskreislaufs. Nachdem man Zuflucht genommen hat und fokussiert man sich auf Bodhicitta und die Bodhisattva-Gelübde. Indem man die vier Unermesslichen entfaltet, Tonglen – das Austauschen mit anderen, das Geben und Annehmen – praktiziert, wendet man die wesentlichen Punkte des Mahayana-Geistestrainings an. Wesentlich dabei ist, dass die Herausforderungen und Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens in den Pfad zum Erwachen gebracht werden. Dabei orientiert man sich an den Verpflichtungen und Richtlinien des Geistestrainings. Begleitet ist dieses Mahayana-Geistestraining natürlich immer von Meditation, d.h. dem geistigen Ruhen und der durchdringenden Einsicht. Man kann dieses Mahayana-Geistestrainings als Hauptpraxis für lange Zeit ausführen und so den gesamten Pfad beschreiten.

Aspekte des Resultats

Im Sutrayana wird das Durchlaufen der Bodhisattva-Stufen und der fünf Pfade in langen Etappen beschrieben, wobei dies alles in der vollkommenen, allwissenden Buddhaschaft mündet. Auch hier werden die drei Kayas verwirklicht. Ob man das Resultat ganz allgemein als „Buddhaschaft“ oder als Verwirklichung der zwei Kayas (Dharmakaya, Rupakaya), der drei Kayas (Dharmakaya, Sambhogakaya, Nirmanakaya) oder der vier Kayas (Dharmakaya, Sambhogakaya, Nirmanakaya, Svabhavikakaya) beschreibt, ändert nichts an der Tatsache, dass jenseits davon nichts gibt.

Bei den Sarma-Schulen wird über die Vater-Tantras (Yamantaka, Guhyasamaja) der Leerheitsaspekt der Buddha-Natur realisiert. Dies geschieht speziell durch intensive Praxis der Erzeugungsstufe in der Gottheitenmeditation und durch die Praxis des Illusionskörpers und des Traum-Yogas. Bei den Vater-Tantras wird die Praxis mit den feinstofflichen Kanälen besonders betont, während die Mutter-Tantras die Lehre der inneren Hitze – gTummo – besonders hervorheben. Die Mutter-Tantras (Chakrasamvara, Hevajra) fokussieren auf die Lichtheit des reinen Geistes, also die Realisation der Klar-Lichtheit. In den nondualen Tantras (Kalachakra) wird besonders die Verbindung von Leerheit und Klar-Lichtheit hervorgehoben. Naja, diese Einteilungen sind einfach Kategorien. Andere Schulen wie z.B. die Sakyapas sieht Hevajra als nonduales Tantra, während dieses Tantra bei wiederum anderen als Yogini-Tantra gesehen wird. Im Wesentlichen führen alle diese Praktiken zur Buddhaschaft, aber verwenden geringfügig verschiedene Ansätze, die sich in der Verwendung bestimmter Geistesgifte als Pfad unterscheiden.

Das Resultat wird je nach Schule etwas verschieden benannt. Wenn die Nyingma von der „großen Übertragung in den Regenbogenkörper“ oder „von der Verwirklichung des jugendlichen Vasenkörpers“ spricht, dann ist damit das Resultat der vollkommenen und allwissenden Buddhaschaft gemeint. Wie man es dreht und wendet, alle Schulen haben einen Ablauf, einen Lehrplan. Diesen sollte man bei einem Lehrer erfragen und dann die entsprechenden Anweisungen erbitten, um dem Pfad folgen zu können und ihn zu verwirklichen. Dafür ist vielleicht auch eine Kenntnis der Qualitäten des Pfades notwendig. Aber davon ein andermal.


Responses

  1. Sehr lehrreicher, toller Job

  2. Eine großartige Zusammenfassung, vielen Dank!!!


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