Verfasst von: Enrico Kosmus | 26. Januar 2019

Von Elefanten, Affen und Hasen – Das ruhige Verweilen des Geistes

Ruhiges Verweilen (skt., shamatha; tib., zhi gnas) ist das Tor zur Meditation und eine der beiden meditativen Säulen im Buddhadharma. Wie dieser Vorgang zu einem ruhig verweilenden Geist abläuft, wird anhand von elf Stationen geschildert, die in Form einer Geschichte dargestellt werden.

Der gewöhnliche Geist – ein ungezähmter Elefant

Das Bild stellt hier einen strebenden Meditierenden dar, der dem Pfad folgt, welcher aus den Stadien der Meditation besteht, die mit der Verwirklichung eines ruhig verweilenden Geistes und dem Beginn der Praxis der Einsichtsmeditation endet. Unten sehen wir den Praktizierenden, der ein Seil in der einen und einen Haken in der anderen Hand hält und einem Elefanten nachjagt, der von einem Affen geführt wird. Der Elefant repräsentiert den Geist des Meditierenden. Ein wilder oder ungeübter Elefant kann gefährlich sein und eine enorme Zerstörung verursachen, aber wenn er einmal gezähmt ist, wird er gehorchen und harte Arbeit verrichten. Dasselbe gilt für den Geist. Jedes Leiden, das wir jetzt haben, ist darauf zurückzuführen, dass der Geist wie ein wilder, ungeübter Elefant ist. Der Elefant hat auch sehr große Fußabdrücke. Diese symbolisieren unsere geistigen Verunreinigungen. Wenn wir an der Verbesserung unseres Geistes arbeiten, wird der innere Frieden die Belohnung sein. Vom Leiden der Höllen bis zum Glück der Buddhas ist es das Wirken des Geistes, das sie alle hervorbringt.

Elf Stadien des ruhigen Verweilens

Am Anfang des Pfades ist der Elefant schwarz, was für die Dumpfheit oder das Sinken des Geistes des meditierenden Anfängers steht. Der Affe, der den Elefanten führt, steht für Ablenkung. Ein Affe kann nicht für einen Moment ruhig bleiben – er klappert oder zappelt und findet alles interessant und anziehend. So wie der Affe vorne den Elefanten führt, wird unsere Aufmerksamkeit von den Sinnesobjekten des Geschmacks, der Berührung, des Klangs, des Geruchs und des Sehens abgelenkt. Diese werden durch Nahrung, Stoff, Musikinstrumente, Parfüm und einen Spiegel symbolisiert. Die Person hinter dem Elefanten stellt den Meditierenden dar, der versucht, den Geist zu trainieren. Das Seil in der Hand des Meditierenden ist Achtsamkeit und der Haken ist Gewahrsein. Mit diesen beiden Werkzeugen versucht der Meditierende, seinen Geist zu zähmen und zu beherrschen. An verschiedenen Stellen des Pfades wird Feuer angezeigt, um die für die Konzentration erforderliche Energie darzustellen. Man beachte, dass das Feuer in jeder der zehn Stufen des ruhigen Verweilens allmählich abnimmt, da weniger Energie zum Konzentrieren benötigt wird. Es wird auf der elften Stufe wieder aufflammen, wenn wir mit der Einsichtsmeditation beginnen.

Am Anfang, so wie der Elefant, der dem Affen folgt, keine Aufmerksamkeit auf die Person legt, die ihn verfolgt, hat der Praktizierende keine Kontrolle über seinen Verstand. In der zweiten Phase kann der Praktizierende, der den Elefanten fast eingeholt hat, das Seil um den Hals des Elefanten legen. Er schaut zurück. Dies ist die dritte Stufe, in der der Geist durch Achtsamkeit ein wenig zurückgehalten werden kann. Hier erscheint ein Kaninchen auf dem Rücken des Elefanten, das subtile Dumpfheit symbolisiert, was früher als ein Konzentrationszustand erschien, kann jetzt als schädlicher Faktor erkannt werden. In diesen frühen Stadien müssen wir noch mehr Achtsamkeit anstatt Gewahrsein anwenden.

Auf der vierten Stufe ist der Geist des Elefanten gehorsamer, so dass es weniger notwendig ist, ihn mit dem Seil der Achtsamkeit aufzuhalten. Bei der fünften Etappe wird der Elefant an Seil und Haken geführt und der Affe folgt ihm. An diesem Punkt werden wir nicht durch abgelenkte Aufmerksamkeit gestört. Meistens müssen wir Gewahrsein statt Achtsamkeit einsetzen. In dem Gemälde ist die sechste Übungsstufe dargestellt, in der der Elefant und der Affe gehorsam hinter dem Praktizierenden folgen, der nicht einmal auf sie zurückblicken muss. Dies bedeutet, dass sich der Praktizierende nicht ständig auf die Kontrolle des Geistes konzentrieren muss und das Fehlen des Kaninchens zeigt, dass die subtile Dumpfheit, die im dritten Stadium auftrat, nun verschwunden ist.

Nach Erreichen der siebten Stufe kann der Elefant auf eigene Faust folgen und der Affe geht ab. der Praktiker hat keine Verwendung mehr für das Seil und die ablenkende Aufmerksamkeit und Mattigkeit treten nur gelegentlich und mild auf. Auf der achten Stufe ist der Elefant ganz weiß geworden und folgt dem Praktizierenden. Dies zeigt, dass der Geist gehorsam ist und es kein Sinken oder Zerstreuen gibt, obwohl zur Konzentration noch etwas Energie benötigt wird. Auf der neunten Stufe kann der Praktizierende tatsächlich in Meditation sitzen, während der Elefant friedlich in der Nähe schläft. An diesem Punkt kann sich der Geist ohne Anstrengung über lange Zeiträume – Tage, Wochen oder sogar Monate – konzentrieren. Die zehnte Etappe, auf der wir den Meditierenden auf dem Elefanten sitzen sehen, bedeutet das wirkliche Erreichen eines ruhig verweilenden Geistes. Auf der letzten, elften Stufe sitzt der Meditierende auf dem Rücken des Elefanten und hält ein Schwert. An diesem Punkt beginnt der Praktizierende mit einer neuen Art der Meditation, die „Höheres Sehen“ oder Einsichtsmeditation genannt wird, mit der er die Natur der Realität erkennen will.

Möge es von Nutzen sein!


Responses

  1. Hallo Enrico!

    Findet man das Gemälde / Bild in groß online?

    Danke für deine tollen Beiträge

    • Hi Arthur Horst,
      du kannst bei Google Suche die Option „Groß“ wählen.

  2. Du wolltest doch mal wissen, was es mit den Bild auf sich hat. Hier eine gute Erklärung.

    Am 26. Januar 2019 8:25:46 nachm. schrieb rangdrol’s Blog


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