Verfasst von: Enrico Kosmus | 23. November 2018

Ich-Anhaftung abschneiden – Über die Grundsätze des Chöd

Das tibetische chos lus byin heißt wörtlich „die Lehre der Körperdarbringung“. Bei dieser Praxis wird im Rahmen einer Visualisation der gewöhnliche Körper, der als Grundlage für das Greifen nach einem Ich gilt, dargebracht. Dies klingt zunächst vielleicht etwas morbid, ist aber eine außerordentlich wirksame Methode, da wir beständig Vorstellungen und Konzepte von uns und der Umwelt – den anderen – aufbauen und lebhaft aufrechthalten. Allgemein kann man sagen, dass die Praxis des Chöd sehr rasch zur Verwirklichung führt, da das Greifen und Klammern nach inhärenter Existenz an seiner Wurzel durchtrennt wird.

Wie Machig Labdrön in ihren Erklärungen zur Praxis des Chöd sagt: „Am Beginn des Chöd sind der Geist der Unwissenheit und seine mit ihm entstandene Ich-Fixierung die Wurzel aller Probleme, Grundlage aller diskursiven Gedanken, der getäuschte Verstand, der alle störenden Gefühle entstehen lässt, das aufgeblähte Objekt. Dieser unwissende, verdunkelte Geist muss durch die zeitlose Weisheit des selbsterkennenden Gewahrseins (rang rig) abgeschnitten werden. Ferner ist es zu Beginn der Dharma-Praxis von entscheidender Notwendigkeit herauszufinden, dass die Ich-Fixierung die Wurzel der Selbstgefälligkeit der Unwissenheit ist. Aber das Bereinigen der Ignoranz von Anfang an und das Abschneiden werden nicht einfach so geschehen. Indem man den Geist beständig im Nicht-Selbst übt, wird die Wurzel der Überhöhung der Ich-Fixierung abnehmen. Dann wird das transzendente Wissen vom Nicht-Selbst zunehmen und du wirst allmählich die Pfade voranschreiten, von der Ansammlung über die Vorbereitung usw. den Mara des überhöhten Objekts abschneiden und die Geburt der erleuchteten Eigenschaften ereignen sich zur selben Zeit.

Körpergabe

Die Visualisation für diese Praxis kann ganz einfach erfolgen oder auch sehr detailreich sein. Sie kann mit demVisualisieren eines Zufluchtsfeldes beginnen. Aber allen Praktiken des Chöd ist gemeinsam, dass man das eigene reine Bewusstsein über den Zentralkanal in den Raum hinaus befördert. Dieses verwandelt sich in die Vajrayogini (oder in anderen Chöd-Praktiken in Thröma Nagmo) und dann wird der gewöhnliche Körper, der nun als Leiche vorhanden ist, von der Yogini zerstückelt, auf einem riesig großen Herd, gemacht aus der Schädelschale des Leichnams, aufgekocht und inNektar verwandelt, der die Wesen befriedigt. Dann werden die vier Klassen derGäste eingeladen und man bringt den beiden oberen Klassen – den Buddhas, Bodhisattvas, Meditationsgottheiten, Dakinis und Schützern – Opfergaben dar. Durch diese Gabendarbringung wird Verdienst angesammelt.

Die dritte Klasse der fühlenden Wesen wird gereinigt. Sie werden in die entsprechende Dakini verwandelt und ihre Bereiche werden zu reinen Ländern. Diese Darbringung der Gaben des Mitgefühls an die Wesen der sechs Bereiche erfolgt aufgrund des Bodhisattva-Versprechens.

Die vierte Klasse – die der karmischen Schuldner und Gläubiger – bekommt auch ihren Nektaranteil, um die Forderungen und Schulden zu bereinigen. Auf diese Weise werden karmische Hindernisse bereinigt, sodass diese keine Störungen mehr bereiten. Was kann man sich nun unter „karmischen Schuldnern und Gläubigern“ vorstellen? Üblicherweise zeigen sich die durch störende Gefühle, die man anderen Wesen gegenüber empfindet. Man kann sich diese emotionalen Störungen rational nicht erklären, aber wenn diese eine bestimmte Person mit einem interagiert, dann fühlt man sich unweigerlich belästigt.

Ein Beispiel, um das etwas zu verdeutlichen. Eine Person A gab einer Person B Geld und diese versprach, es zurück zu zahlen. Jedoch vor der Rückzahlung verstarb diese Person A und die ausstehenden Schulden wurden nicht in den Nachlass aufgenommen. Heimlich freute sich Person B daran, dass sie nun die Schulden nicht bezahlen musste. In einem nächsten Leben treffen diese beiden wieder aufeinander, jedoch erkennen beide natürlich einander nicht mehr. Person B fühlt sich jedoch auf unerklärliche Weise von der anderen Person immer wieder bedrängt. Person B kann es nicht erklären und das Spiel läuft solange, bis ein Akt der Begleichung der Schulden eintritt. Da aber beide sich nicht mehr an ihre früheren Leben erinnern, weil sie nun in anderen Erscheinungsformen aufeinander treffen, gelingt ein Ausgleich nur sehr selten. Jedoch fühlen sich beide auf irrationale Weise aneinander gebunden und entwickeln Gefühle der Forderung bzw. der Abwehr.

Natürlich gibt es auch noch andere Schulden, wie „Fleischschulden“, die aufgrund des Verzehrs von Fleisch, aber auch schon durch die Nahrungsaufnahme allein erfolgen. Solche Forderungen und Schulden werden durch die Gabe des Mitgefühls an die vierte Klasse der Gäste bereinigt.

Wesensbegegnungen dieser Art können auch für die Betreffenden wie Begegnungen mit Dämonen sein. Man braucht sich unter demBegriff „Dämonen“ jetzt nicht sofort etwas aus Filmen vorstellen, obwohl diese Darstellungen für die Visualisationen durchaus hilfreich sind. Wie in den Lehren der Machig Labdrön über die weltlichen Götter und Dämonen vermerkt ist, versteht man unter Dämonen, alles was hinderlich für einen ist und Götter sind alle hilfreichen Lebensaspekte. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Nachdem die Wesen nun ihre entsprechenden Gaben erhalten haben, sind alle Wesen zufriedengestellt und man kann den beiden unteren Klassen den Dharma lehren. Das Lehren des Dharmas erfolgt sehr essentiell und basiert auf einem Spruch aus dem Pratimoksha-Sutra und der Übersetzung des Mantras des bedingten Entstehens.

Erweiterungen

In der Chöd-Ermächtigung, genannt „Das Öffnen des Himmelstores“, wird Nyima Senge für die spezielleÜberlieferung des Chöd zitiert. Dort merkt er an, dass „diese heiligen Lehren des Durchtrennens der Dämonen […] die Lebensessenz der Dakinis der Mutter-Tantras [sind]. Sie sind die mündlichen Anweisungen der überragenden  Lehrer. Sie sind die auf Erfahrung basierenden Anweisungen der Verwirklichten. Sie sind ein Juwel, das alle Bedürfnisse und Wünsche erfüllt. Sie sind ein Nektar, der hundert Krankheiten kuriert. Sie sind ein Heilmittel, das hundert dämonischeEinflüsse unterwirft. Sie sind das zeitlose Erkennen, das die fünf Gifte unter wirft. Sie sind das Schwert des Höchsten Erkennens, das die Täuschung durchtrennt.“ Das ist deshalb möglich, weil aufgrund des visualisierten Darbringens des Körpers, der die Basis für Greifen und Festhalten ist, im Geist kein Gefühl von Entität beibehalten wird und Angriffe jeglicher Art dadurch insLeere gehen.

Es gibt unterschiedlichste Visualisationen und Absichten, je nach Erfordernis, die man mit der Praxis des Chöd zusammen ausüben kann. Man kennt dabei die Weiße Gabe, die Bunte (oder Gemischte) Gabe, die Rote Gabe und die schwarze Gabe, und diese werden bedarfsweise mit anderen begleitenden Praktiken kombiniert um Krankheiten zu heilen o.a. zu vollbringen.

Der berühmte Kagyü-Lehrer Karma Chagme hat ein Kompendium an Chöd-Praktiken basierend auf den Lehren der Machig Labdrön und der Niederschrift des 3. Karmapa Rangjung Dorje zusammengestellt, das als „Kostbare Girlande an Chöd-Praktiken“ (Tshogle Rinchen Threngwa) bekannt ist und auch selbst eine Praxis des Chöd imTraum empfangen. In dieser Traumanweisung zum Chöd schreibt er, „dass sogar sterbende Menschen zwölf Jahre durch eine bestimmte Visualisation länger leben würden, wenn sie diese Traumprophezeiung hören würden.“ Und weiter sagt er, dass „diese Visualisation, wenn sie für einen selbst oder andere ausgeführt wird, ist dazu geeignet, um Krankheiten und Hindernisse zu beseitigen. Wenn man sich der Wünsche des Textes nicht mehr erinnert, ist es auch ausreichend, den Vorgang zu visualisieren.“

Abschließende Bemerkungen

Welche Visualisationen genau anzuwenden sind, sollte immer von einem qualifizierten Lehrer erfragt werden. Damit die Praxis des Chöd auch von Erfolg gekrönt ist, muss man die erforderlichen Ermächtigungen in diese Praxis wie z.B. „Das Öffnen des Himmelstores“ oder eine Ermächtigung in Thröma Nagmo empfangen haben und ebenso auch die Textübertragungen inklusive der hinweisenden Erklärungen.


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