Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. September 2018

Zwei Pfade der Stufen der Erzeugung

ocean-3605547_1920Dann fragte der Bodhisattva Vidyavajra: „Oh Lehrer, Bhagavan, indem man den zeichenlosen Dharmakaya, frei von allen Extremen der begrifflichen Ausschmückung, als den Grund nimmt und sich bewusst macht, dass für Schüler, die nach Dauerhaftigkeit greifen, die Pfade offenbart werden, die Zeichen und Objekthaftigkeit haben. Wie praktiziert man diese Lehren? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Vidyavajra, es gibt viele Aufzählungen hinsichtlich den selbstbezogenen Pfad der Stufe der Erzeugung, aber hinsichtlich des Pfades des Geheimen Mantra Vajrayana gibt es den sogenannten, vollständige, endgültigen Pfad und den sogenannten natürlichen Pfad der machtvollen Sicht. Der vorherige offenbart die Gottheiten und Buddha-Felder als definitiv existente, selbstbestimmende Objekte und betont einzig den Pfad der konventionellen, geschickten Mittel. Die letztendliche Sicht wird bloß impliziert, aber nicht explizit betont.
Was den natürlichen Pfad der machtvollen Sicht angeht, so etabliert man zuerst die Sicht und realisiert sorgfältig, dass die Gottheiten und Mandalas nicht als etwas anderes existieren als eine Zaubererscheinung des ursprünglichen, uranfänglichen Grundes allein. Dann, um Körper, Rede und Geist in den Bereich der drei Vajras zu transformieren und damit zu vermischen, nimmt man den illusionsgleichen Samadhi als die Basis und erkennt die Art und Weise in der die Erscheinung der Gottheiten erschaffen werden, als ob sie Geistererscheinungen wären. Indem man sich so an die visualisierten Erscheinungen der Erzeugungsstufe gewöhnt, erlangt man Stabilität über das eigene Gewahrsein. Die gewöhnlichen Erscheinungen und das Festhalten werden in die Natur der Buddha-Felder übertragen und Körper, Rede und Geist von einem werden in den Bereich der drei Vajras übertragen. Daher wird das die Übertragung und das Vermischen mit einem Bereich genannt.

Zuflucht

Zuerst stellt man fest, dass alle Phänomene in Samsara und Nirvana von leerer, identitätsloser Natur sind und schließlich bestätigt man, dass das eigene Gewahrsein nichts anderes ist als ein Ausdruck der Kayas und ursprünglichen Weisheiten. Das wird als das wirkliche Zufluchtnehmen im Seinsmodus bezeichnet. Zu verweilen, ohne sich aus dem Zustand in dem alle Buddhas und Bodhisattvas der drei Zeiten miteinander verbunden sind und in dem ihrer vitale Essenz vereint ist, ist die essentielle Natur der Zufluchtnahme.
Stolz dieses Ergebnis vorauszusetzen und sich seiner Ursache zuzuwenden, ist eine Methode, die mit den Gewohnheiten der Welt korrespondiert. Eine Analogie dazu, wenn jemand in ein fremdes Königreich geht, zufällig ein Land in besitz nimmt und mit der Landwirtschaft beginnt, dann gibt nichts, wodurch er den Schmerz vermeiden könnte, vom herrschenden König gestraft zu werden. Aber wenn er den Schutz des Königs suchen und ein Bittgesuch an ihn stellen würde, dann würde er die Berechtigung haben, Landwirtschaft oder etwas anderes, das er mit seinem Land in diesem Königreich machen möchte, zu betreiben. Genauso wenn jemand nicht geistig zum natürlichen Glanz des Gewahrseins, das als der Grund-Dharmakaya als die äußeren, inneren und geheimen Zufluchtsobjekte vorhanden ist, Zuflucht nimmt, dann ist man nicht ermächtigt, die Handlungen der Drei Juwelen auszuführen. Infolgedessen würde das Ergebnis nicht erlangt werden, man würde Hindernissen unterliegen und man hätte den Fehler, dass mein geeignetes Gefäß für Ermächtigungen und spirituellen Rat wäre. Indem man also mit dem dreifachen Vertrauen in die Drei Juwelen Zuflucht nimmt, ihnen Körper, Rede und Geist sowie alle Freuden und den ganzen Besitz ohne Anhaftung, Anhaften oder Greifen darbringt und in allen Zeiten und Situationen nicht einmal für einen Moment versagt, sich den vortrefflichen Objekten der Zuflucht anzuvertrauen, ist die Grundlage für alle Samayas und Gelübde und ist die Wurzel für alle Ermächtigungen und Siddhis. Daher bewahre das als deine eigentliche Lebensessenz selbst.
Ob du dich gut fühlst oder niedergeschlagen, in Glück versunken oder geplagt von Schmerz und bei jeder Art von Aktivität denke, ‚die Drei Juwelen wissen!‘ Das ist die hervorragende, fundamentale Grundlage aller Praxis. Insbesonders sei dir bewusst, dass der natürlich erscheinende, höchte Lehrer der Schüler ihr heiliger spiritueller Lehrer ist, sein Körper ist die Sangha, seine Rede ist der heilige Dharma und sein Geist ist der Buddha. Wisse, dass der spirituelle Mentor die Synthese aller überragenden Zufluchtsobjekte ist. Wisse, dass der geheime Körper, der als der spirituelle Mentor aller Lebewesen erscheint, die Wurzel des Segens ist; der geheime Geist, das Schatzhaus der ursprünglichen Weisheit, das der vereinte Ausdruck aller Yidam-Gottheiten ist, ist die Wurzel aller Siddhis; wisse, dass die Erscheinungen des Mitgefühls, die als unzählige Schützer der Lehre und Dharma-Schützer erscheinen, die Wurzel aller erleuchteten Aktivitäten ist.
Ihre Essenz ist der Dharmakaya, leer von Zeichen; ihre Natur ist der Sambhogakaya, welcher die Darstellung der Kayas und ursprünglichen Weisheiten ist; und der natürliche, schöpferische Ausdruck ihres Mitgefühls sind die ausgezeichneten Nirmanakayas, die die Zugänge zu den Pfaden und Ergebnissen beinhalten. Erkenne sie als die allwissenden Herrscher aller Mandalas und nimm zu ihnen Zuflucht, ohne dich auch nur einen Moment von ihnen zu trennen. Verweile unter ihrem Schutz. Vertraue deinen Geist, dein Herz und deinen Körper ihnen ganz an. Praktiziere ohne sie aufzugeben, auch wenn es dein Leben kosten würde und verlass dich ganz auf die Hauptgottheit aller Mandalas, ohne dieses Wesen auch nur im Geringsten zu enttäuschen. Wenn du falschen Sichtweisen anheim fällst oder dieses Wesen auch nur in einem Traum verärgerst, dann ist es entscheidend, dass du Reue hervorbringst und das bekennst. Wenn du den Vajra-Guru aufgibst, dann ist das gleichbedeutend wie das Aufgeben der Drei Juwelen, der Drei Wurzeln, der drei Kayas, der Jinas und Jinaputras. Im Geistesstrom von einem der so etwas macht, werden die ursprünglichen Weisheiten und Qualitäten und alle erfahrungsmäßigen Realisationen nicht reifen und egal wie viel sich solch eine Person auch körperlich, verbal und geistig auch anstrengt, die Ansammlungen von Verdienst und Weisheit werden nicht vollendet werden und die Frucht wird nicht zur Reife gelangen. Sogar wenn sich jemand einem anderen spirituellen Mentor hingibt, werden die Segnungen und Siddhis nicht entstehen. Da sie vom bösen Geist der beschädigten Samayas besessen sind, werden sie überschritten.
Wie beim Vergleich von Keimling und Frucht werden diese nicht aus einem verrottetem Samen reifen und es werden keine Blätter an einem Stamm mit verrotteter Wurzel wachsen. Genauso ist der Vajra-Guru die Wurzel des Stammes des Geheimen Mantras und der Vajra-Guru ist der Same und das Feld der Ernte der Allwissenheit. Daher erkenne diese Tatsache und gib dich dem Vajra-Guru hin, ohne dieses Wesen auch nur für einen Moment aufzugeben. Sei dir klar darüber, wenn du den spirituellen Mentor auf diese Weise als Synthese aller Buddhas erkennst und Zuflucht nimmst während du auf deinen spirituellen Mentor meditierst in der Natur der erwählten Gottheit [Yidam] im Raum vor dir, dann besteht gewiss keine Notwendigkeit, irgendwo anders nach einem Objekt der Zuflucht zu suchen.

Aus dem Vajra-Herz-Tantra (dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po) von Dudjom Lingpa. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!


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