Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Juni 2018

Guru Loden Chogse – der Intelligenzaspekt

LodenChogsePadmasambhava ist auch als Guru Rinpoche – als kostbarer Lehrer – bekannt. Unter seinen unzähligen Ausstrahlungen zum Wohle der Wesen ist die Erscheinung des sog. „Nangsi Zilnön“ wohl die bekannteste Darstellung. Dabei erscheint er im königlichen Sitz mit einem Vajra in der rechten Hand und die Geste der Unterwerfung ausführend und mit Schädelschale und Langlebensvase in der linken Hand mit einem Khatvanga in der linken Ellbogenbeuge, mit den drei Dharma-Roben und dem Lotushut auf einem Lotus sitzend. Doch es gibt Überlieferungen, in denen er in 13 Gestalten auftritt, siehe den Schatzzyklus des Sampa Lhündrub von Chökyur Lingpa. Die wohl bekannteste Darstellung findet sich allerdings mit seinen acht Emanationen, die auch in seiner spirituellen Biografie von Orgyen Lingpa wie auch in der Schilderung der 100 Schatzfinder von Jamgön Kongtrul niedergeschrieben ist.
In der spirituellen Biografie, wie sie vom Tertön Orgyen Lingpa offenbart wurde, wurde Guru Rinpoche zusammen mit seinen Schülern vom Prinzen Mutri Tsenpo eingeladen und auf dem Rasen sitzend offenbarte ihnen der Guru die wesentlichen Stationen seines Lebens. Im Rahmen einer Aufzählung der acht Väter und Mütter, der acht Aufenthaltsorte, der acht Zeichen der Verwirklichung der Meditationsgottheiten, der acht Leichenplätze usw. sagt Guru Rinpoche über seine acht Emanationen: „EMAHO! – Das erste zeigt, wie die acht genannten Gurus herabkamen. Den fühlenden Wesen der drei Bereiche Erleichterung verschaffend, ist Guru Padma Junge [Lotusgeborener; öfters als „Padmakara“ – Lotushalter – übersetzt]. Herrscher der Lehre, der Dharma-Herr ist Guru Padmasambhava [Lotusgeborener]. Dass die drei Pitakas [Lehrkörbe] ohne Fehler sind, ist Guru Padma Gyalpo [Lotuskönig]. Jede Glückseligkeit vollendet im Körper ist Guru Dorje Drolö [verrückt zornvoll; „Verrückte Weisheit“]. Alle Fahrzeuge im Raum der Gleichheit ausgebreitet, ist Guru Nyima Özer [Strahl der Sonne]. Acht in einem Körper angeordnet, ist Guru Shakya Senge [Löwe der Shakyas]. Den Dharma-Klang allen sechs Klassen verkündend, ist Guru Senge Dradog [Unbesiegbarer Löwe]. Derjenige, der die Kenntnis alles Wissenswerten ausführt, ist Guru Loden Chogse [Überragende Intelligenz]. Das war das erste Kapitel, das Kapitel der acht genannten Gurus.“
Alle Aktivitäten, die Guru Rinpoche in dieser Welt ausgeführt hat, sind im Großen und Ganzen in diesen acht Emanationen zusammengefasst.
Jamgön Kongtrul, der Große, vermerkt dazu in seiner Biografie des Padmasambhava: „Die acht großen Vidyadharas gaben ihm die „Acht Sadhana Sektionen“. Von Buddhaguhya empfing er die „Illusorische Manifestation“, von Shri Simha die (Lehren der) Großen Vollkommenheit. Von den vielen gelehrten und verwirklichten Meistern des heiligen Landes Indien empfing er die Gesamtheit der Sutras und Tantras. Nachdem er jede einzelne Anweisung studierte und praktizierte, hatte er weitere Visionen von Gottheiten, ohne sie praktiziert zu haben. Er wurde als „Verlangen nach überragender Intelligenz“ (LODEN CHOGSE) bekannt und zeigte die Vollendung eines vollständig gereiften Vidyadhara.

Loden Chogse – Überragende Intelligenz

Die Praxis des Loden Chogse (tib., blo ldan mchog sred) dient dem Beseitigen von Unwissenheit und dem Ansammeln von Weisheit durch Kontemplation, sowie dem Vermehren von Intelligenz. Dieses Anwachsen der Intelligenz fördert das Verständnis der Dharma-Überlieferungen, wie auch die Geisteskraft allgemein. Guru Rinpoche zeigte auf diese Weise den Pfad durch den Ansatz des tiefgründigen Wissens durch Studium und der Praxis zum Wohle der fühlenden Wesen.
Nachdem er Oddiyana verließ, wanderte er an den acht Leichenstätten in Indien umher. An diesen Stätten gab er auf einer geheimen, inneren Ebene den Wesen ausführliche Dzogchen-Unterweisungen und auch Erklärungen zu den neun methodischen Ansätzen.
Während er so an den verschiedenen Leichenstätten umherzog, kam er eines Tages zum Mahabodhi-Stupa in Bodhgaya. Dort traf er eine alte Frau, die ihn fragte: „Wer ist dein Lehrer?  Zu welcher Linie gehörst du?“ Guru Rinpoche antwortete: „Ich habe keinen Lehrer und ich brauche auch keinen. Auch gehöre ich keiner speziellen Linie an. Ich bin ein völlig erleuchtetes Wesen, uranfänglich gewahr.“ Die alte Frau erwiderte sogleich: „Ach was, das stimmt nicht. Ohne die Segnungen eines Lehrers könntest du nicht erleuchtet sein. Du musst eine Verbindung mit einem Meister haben. Fehlt es daran, dann wird niemand deinen Worten glauben.“ Er verstand sofort die Wichtigkeit der Aussage der alten Frau, wenn es darum ging, die Lehre für andere bereitzustellen. Um die überragende Methode der Annäherung an den Dharma zu zeigen, begann Guru Rinpoche Linienlehrer aufzusuchen und den Lehren gemäß ihrer Anweisungen zu folgen. Dadurch zeigte er, dass es noch immer notwendig ist, Linienverbindungen zu haben, auch wenn man schon ein hochverwirklichtes Wesen ist. Um diese Wahrheit mitzuteilen, kontaktierte Guru Rinpoche weiterhin viele große Meister und empfing ihre Lehren.

Fünf Wissensgebiete

Im alten Indien galt man als gelehrte Person, wenn man die zehn Wissenschaften – und dabei besonders fünf Hauptfächer wie Sprache, Kunst, Logik, Medizin und die Wissenschaft des Geistes und der Meditation – gemeistert hatte. Also kam Guru Rinpoche auf seiner Suche nach einem bekannten Sprachgelehrten an einen alten Mann in Bengalen. Nachdem er von diesem als Schüler angenommen wurde, lernte Guru Rinpoche die vier Hauptsprachen Indiens wie Sanskrit, Prakrit, Apabhramsa und Paisacika sowie 160 lokale Dialekte. Dadurch war er in der Lage, den fühlenden Wesen in großer Zahl zu nützen, da er ihnen den Dharma nun in ihren Sprachen darlegen konnte. Wie man sieht, ist auch dieses Wissen nützlich.
Danach ging er in den Westen Indiens. In Padmavati traf er einen berühmten Arzt, der ihm alles über Medizin und Heilkunst beibrachte. Danach studierte er Logik und die Kunst der Argumentation. Auch das ist hilfreich in unserer Zeit. Mittels Analyse und Schlussfolgerung sind wir in der Lage, vieles zu entdecken, was sich nicht unmittelbar unseren Sinnen erschließt. Außerdem studierte Guru Rinpoche mit Manjushri in China auch die esoterische Astrologie, sowie Kunst mit dem Meister Visvakarma. Das Wissen um die Qualität der Zeit ist für das Ausüben bestimmter Praktiken von höchster Bedeutung. Und der ästhetische Ausdruck in den drei Toren ist auch im Dharma von größter Bedeutung, da auf diese Weise die drei Tore kultiviert werden.
Um die fünfte Wissenschaft zu studieren, die vom Verständnis, den Merkmalen und Identität des Geistes handelt, empfing Guru Rinpoche von Ananda die Ordination und erhielt von ihm die Erklärungen zu den drei Lehrkörben. Ferner empfing er die Lehren der äußeren Tantras und verwirklichte rasch alle Erkenntnisse, die in den Texten beschrieben waren. Die Meisterin  Gomadevi unterwies Guru Rinpoche in den Lehren des Mahayoga. Weitere Mahayoga-Lehren, die 18 großen Tantras, empfing er im Akanishta-Bereich von Vajrasattva. Dann empfing er von Buddha Vajradhara die 13 Anuyoga-Lehren, die als die „fünf großen Stupas und acht großen Orte“ bekannt sind. Von Garab Dorje, dem ersten menschlichen Dzogchen-Lehrer, sowie von Buddha Samantabhadra empfing Guru Rinpoche die Lehren des Atiyoga. Und schließlich vollendete Guru Rinpoche seine Studien beim Meister Manjushrimitra. Dieser führte ihn an einen düsteren und furchteinflößenden Leichenplatz, wo die Dakini Lekyi Wangmo lebte. Manjushrimitra empfahl Guru Rinpoche, sich an diese Dakini zu wenden, wenn er weitere Atiyoga-Anweisungen empfangen möchte.

Die Dakini Lekyi Wangmo

Als er dort ein junges Mädchen mit Kristallvase traf, fragte er sie nach der Dakini. Aber auf seine eindringlichen Fragen erhielt er keine Antwort. Schließlich manifestierte er ein paar seiner Zauberkräfte. Doch damit beeindruckte er das Mädchen nicht im Geringsten. Vielmehr öffnete sie mit einem Kristallmesser ihre Brust und offenbarte ihm das Mandala der 100 Friedvollen und Zornvollen in ihrem Herzzentrum. Daraufhin bat er sie um Unterweisungen. Sie führte ihn an einen Palast aus Schädeln. Als Guru Rinpoche in den Palast eintrat, verwandelte sich die Dakini von einem friedvollen Mädchen in eine halbzornvolle Gestalt auf einem Sitz aus Sonne und Mond stehend, mit einem Khatvanga in ihrer linken Hand. Feuerfunken gingen von ihr aus. Guru Rinpoche verneigte sich respektvoll, umschritt ihren Thron und brachte Mandala-Opferungen dar, um die gesamten inneren Vajrayana-Lehren einschließlich der Ermächtigungen, Übertragungen und Kernanweisungen zu erbitten.
In diesem Moment führte sie die Unterwerfungsgeste aus und im Raum zwischen ihren Fingern erschien das gesamte Mandala der friedvollen und zornvollen Gottheiten. Doch Guru Rinpoche erbat von ihr persönlich die Ermächtigungen. Daraufhin intonierte sie die Silbe HUM und das Mandala löste sich auf und verschmolz mit ihr. Nachdem sie weiter HUM intonierte, verwandelte sie Guru Rinpoches Körper in eine winzige HUM-Silbe und verschluckte ihn. So verblieb er jeweils für eine Woche in jedem ihrer fünf Zentren und empfing in den ersten vier Chakras die vier Ermächtigungen. Äußerlich empfing er die Ermächtigung in Buddha Amitayus, innerlich die in Avalokiteshvara und auf einer geheimen Ebene erlangte er die Verwirklichung in Hayagriva. Da er alle Ermächtigungen und Übertragungen der inneren Tantras vollständig empfangen hatte, trat er durch das geheime Zentrum der Dakini in Erscheinung. Er war ihr gleich an Verwirklichung geworden.
So wurde er zu einem überragenden Wissenshalter.  Obwohl er von seinen indischen Lehrern bereits die Übertragung der acht Herukas empfangen hatte, erhielt er diese auch nochmals in kombinierter Form von der Dakini Lekyi Wangmo, welche er später an seine acht Lehrer übertrug. Anschließend reiste er an viele verschiedene Orte, um den fühlenden Wesen zu nützen. Seither ist er als Guru Loden Chogse bekannt.

Wissen vermehren

Obwohl Guru Rinpoche als direkte Emanation von Buddha Amitabha gilt und bereits vollständig erleuchtet war, zeigte er auf, wie er einem Studienablauf und einer Entwicklung folgte. Dies kann auch uns dazu inspirieren, unsere angeborene Weisheit Schritt für Schritt zu entwickeln. Diese aufeinander folgenden Aspekte des Pfades sind sehr wichtig. Wir können nicht unsere karmischen Verbindungen ignorieren, Abkürzungen suchen und auf eine höhere Stufe springen. Vielmehr müssen wir in der Lage sein, dem Pfad in seiner Gesamtheit zu folgen und uns schrittweise entwickeln.
Als Guru Loden Chogse zeigte Padmasambhava diese Fähigkeit des Lernens auf uns wurde so ein Adept in vielen Wissensgebieten. Obwohl er bereits die vollständige Verwirklichung erlangte hatte, zeigte Padmasambhava in der Emanation des Loden Chogse die Geduld beim Ansammeln von Wissen und der Weisheitslehren auf. Er ist somit die Weisheitsemanation von Guru Padmasambhava und wie bei der Praxis auf Manjushri beseitigt die Praxis auf Guru Loden Chogse die Schleier der Unwissenheit, das Meistern der Künste und Wissensgebiete und das letztendliche Erwachen in die Wirklichkeit der uranfänglichen Weisheit.
In der Ermächtigung auf Guru Loden Chogse wird gesagt: „Wird auf diese Weise diese Ermächtigung erlangt und sogar nur ein kleinwenig Anstrengung in der Praxis unternommen, wird das höchste Wissen aus der Weite herausströmen und man Meisterschaft über den Dharma erlangen. In Zukunft wird man am glorreichen Berg, im Lotuslichts untrennbar von Padmasambhava werden. Darüber besteht kein Zweifel.“

Basierend auf den Schilderungen von Orgyen Lingpa, Jamgön Kongtrul und den Kommentaren des Khenchen Palden Sherab Rinpoche zusammengestellt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es inspirierend sein!


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