Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Mai 2018

Die richtige Motivation finden

„Hängst du an diesem Leben, bist du kein wahrer spiritueller Praktizierender,
hängst du an Saṃsāra, hast du keine Entsagung,
hängst du an deinem eigenen Selbstinteresse, hast du kein Bodhicitta,
ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.“

(von Manjushri zu Sachen Kunga Nyingpo)

Der Zweck des Buddhismus ist nicht, uns glücklicher zu machen.

Von Dzongsar Khyentse Rinpoche

ManjushriBuddhismus wird in verschiedenen Medien wohlwollend verknüpft mit Gewaltlosigkeit und auch mit Glücklichsein geschildert. Aber dieses Ansehen ist ein Besorgnis, weil der Zweck des Buddhismus ist nicht, uns glücklich zu machen. Der Zweck des Buddhismus geht über Glücklichsein und Unglücklichsein hinaus. Der Zweck des Buddhismus ist Erleuchtung zu erlangen. Dieser Punkt wird von Manjushri und Sachen Kunga Nyingpo und Jetsü Drakpa Gyaltsen betont.
Es ist entmutigend zu sehen, dass Bücher über Buddhismus am Bücherbrett der Selbsthilfeabteilung zwischen Büchern über Entspannung und Aromatherapie stehen. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum es entmutigend ist. Es ist schwer zu sagen, weil es politisch nicht korrekt ist, ein Kritiker von Frieden und Liebe und Lächeln usw. zu sein. Aber heutzutage ist es so, wenn das Wort „Glücklichsein“ im Titel deines Buches vorkommt und wenn es einen Standpunkt hat, dann ist wird es fast schon garantiert ein Bestseller.
Wenn wir zum Buddhismus für einen gesunden Geist kommen, was ist unsere Motivation? Warum wünschen wir einen starken Geist, einen beherrschten Geist? Ein guter Manager zu sein? Ein guter Anführer zu sein? Wenn wir mit solch einem Wunsch daherkommen, lernen wir vielleicht ein paar Einsichten über Führerschaft, aber Buddhismus ist nicht speziell dafür gemacht, uns darin zu üben, erfolgreiche Anführer zu werden. Im Gegenteil, Buddhismus ist dafür gemacht unsere Karriere im Management zu ruinieren. Wenn Management und Führerschaft so wichtig gewesen wären, dann hätte Siddhartha wohl niemals Kapilavastu verlassen, wo er eine goldene Gelegenheit hatte, ein ganzes Land zu managen.
Es ist einfach zu sagen, dass wir die richtige Motivation haben, aber wir müssen das sorgfältig prüfen, um sicherzustellen, dass dies auch wirklich der Fall ist. Sind wir hier, um diese Lehren zu hören, mit dem Ziel, Erleuchtung zu erlangen? Wir alle möchten auf diese Frage mit „ja“ antworten, stimmt’s? Aber wir sollten uns selbst fragen, ob wir aufrichtig Erleuchtung erlangen möchten. Ernsthaft, denkt darüber nach.
Für mich ist die Idee der Erleuchtung nicht anziehend. Samsarischer Erfolg und Gewinn und Einfluss und die Spiele, die wir spielen, sind viel attraktiver. Ich bin von Samsara sehr angetan und auch von Erleuchtung als romantisches Ideal mit einem goldenen Schein, strahlend und allwissend. Alles davon ist fein. Aber wirklich nur zu Zeiten von Not und Elend, wenn ich beispielsweise in einem Flugzeug fliege und es auf Turbulenzen trifft, dann denke ich immer über Erleuchtung nach. Sobald ich sicher zurück auf dem Boden bin und von Freunden oder der Familie umgeben bin, dann hat mich das Verlangen nach Aufmerksamkeit und Gewinn wieder in seiner Macht und ich verschwende nicht eine Sekunde eines Gedankens an Erleuchtung.
Nicht nur das, manchmal hinterfrage ich sogar die Erwünschtheit des Zustandes der Erleuchtung. Von einem emotionalen Standpunkt aus sind die wunderbaren Qualitäten, denen Erleuchtung nachgesagt wird, sehr verlockend. Aber fragt euch ehrlich, wollt ihr wirklich allwissend werden? Es wird dann keine Überraschungen geben, wenn ihr allwissend seid. Ihr könnt euch dann nicht dem Geheimnisvollen einer guten Detektivgeschichte erfreuen, weil ihr wisst schon, wie sie endet. Ihr könnt euch nicht mehr an der Neuartigkeit von etwas erfreuen. Ihr könnt kein neues Essen entdecken, weil ihr schon wisst, wie es schmeckt. Ihr könnt euch an Klatsch und Tratsch nicht erfreuen. Warum? Weil ihr schon all die Einzelheiten kennt.
Von unserem verblendeten Standpunkt aus klingt Erleuchtung äußerst langweilig, ein Ort, der vom Reiz entkleidet ist, überhaupt keine Aufregung mehr. Also wer möchte erleuchtet werden? Und weil wir vielleicht solche gemischten Gefühle haben, ist es wichtig, unsere Motivation zu klären. Lasst uns daran erinnern, unsere Motivation von Zeit zu Zeit zu stimmen, aber besonders zu Beginn jeder Sitzung.

Von Dzongsar Khyentse Rinpoche; aus den Erklärungen zum Text des Sachen Kunga Nyingpo über das „Abstandnehmen von den vier Anhaftungen“ (tib., zhen pa bzhi bral). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018). Möge es von Nutzen sein!


Responses

  1. Wie immer ein spannender Kommentar von DKR. Auch mein Lehrer Dagyap Rinpoche zitiert gerne DKR.
    Wie auch oft bei ihm sehr eigene Aussagen: Wollen wir wirklich die Buddhaschaft? Nach meiner Meinung wollen wir alle unser Leiden beenden, ob wir dann noch weitermachen, setzt Bodhicitta voraus. Aber guter Punkt: worum geht es uns überhaupt?
    Und wie leider seit seinem 17-Seiten-Statement zu Sogyal Lakar und seinen Aussagen in Berlin zu den 4 edlen Wahrheiten und dem Dalai Lama:
    Steckt da Kritik am Dalai Lama in seinen Aussagen gegen das Anstreben von Glück und von Welt-Frieden? In seiner Berliner Rede hat er den DL ja für den Niedergang des Bunddhismus verantwortlich gemacht.
    Ich dachte vorher, er gehört zu den Hoffnungsträgern für den tibetischen Buddhismus. Seitdem ist er für mich ein Teil des Problems.


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