Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Mai 2018

Yeshe Tsogyal und die 100 Gottheiten

character-2454694_1920Als Guru Rinpoche in Tibet weilte, öffnete er viele verschiedene Mandalas und seine 25 Herzensschüler praktizierten diese. Unter diesen Mandalas findet man auch das Mandala des Zhitro Gongpa Rangdrol, so wie Karma Lingpa später diesen Schatztext gehoben hat. Durch die Praxis des Zhitro Gongpa Rangdrol führte Guru Rinpoche den Prinzen Murum Tsenpo zur spirituellen Reife und Befreiung. Hier ein Ausschnitt aus dem Namthar der Yeshe Tsogyal, wo dies erwähnt wird.

Als Tsogyal die großen heiligen Ort Tibets segnete und die Termas dort verborgen hatte, kehrte sie nach Chimphu im Zentrum des Landes als spirituelle Führerin des Königs zurück. Dort blieb sie einige Zeit und wirkte wie immer tüchtig zum Wohle der Wesen. Im Tempel von Kharchung Dorying gewährte sie sieben würdigen Schülern, einschließlich dem Dharma-König Mutri Tsenpo, dem Prinzen Murum Tsenpo und der Königin Ngangchung Pel viele unübertreffliche Belehrungen, tiefgründig und weit, die zur Reife und Befreiung führen. Insbesondere öffnete sie die Mandalas des Lama Kasang Düpa, Yidam Gongpa Düpa und Dzogchen Ati Düpa und gewährte die Ermächtigungen, die sie in den Zustand der Gereiftheit und Befreiung versetzten. Als das Mandala des Lama Sangdü geöffnet wurde, praktizierten dies alle. Vor der Morgendämmerung am siebten Tag begannen sie mit der Sadhana und in Moment der Anrufung rezitierten sie:

„An der nordwestlichen Grenze des Landes Orgyen,
erschienen im Herzen einer Lotusblume,
mit wunderbaren Siddhis vollkommen ausgestattet
und gefeiert als der Lotusgeborene,
Ihr seid umgeben von einer Schar Dakinis.
Wir folgen Euch in unserer Praxis.
Kommt herbei, so beten wir und gewährt Eure Segnungen!“

„Als wir die Rezitation dieses Gebets beendet hatte,“ erinnerte sich die Dame Tsogyal, „erschien der Guru selbst, eingehüllt in einen Lichtkranz aus gleißendem Licht. Aus dem Südwesten inmitten seines Gefolges herankommend, wurde er vom Klang der Musik, vom Duft des Räucherwerks, süßen Melodien, graziösen Tänzen und Liedern der Realisation begleitet. Er nahm seinen Platz im Zentrum des Mandalas ein. Ich bat den König, einen Thron für den Guru vorzubereiten, damit dieser darauf sitzen könnte. Aber überwältigt durch die Intensität seines Glaubens wurde er ohnmächtig, sodass der Thron nicht aufgestellt wurde.“
Der Guru sagte: „In naher Zukunft, nicht lange von jetzt an, wird ein unwürdiger Neffe in diesem königlichen Hause geboren werden. Die Nachfahren des großen Königs werden nicht länger mehr den Thron ihrer Ahnen erben. Was diesen religiösen König jedoch angeht, es wird für ihn nicht länger mehr notwendig sein, einen karmischen Körper anzunehmen, so stark ist die Kraft seiner Hingabe. Er wird in der Lage sein, anderen durch die Mittel seiner Emanationen zu helfen, seine Realisation und Befreiung werden gleichzeitig stattfinden.“
Daraufhin legte der Prinz Murum viele Sitzpolster auf und bat den Guru, sich zu setzen. Mutri Tsenpo, der König, opferte dem kostbaren Guru einhundert Mandalas aus Gold und Türkis und machte Verneigungen mit der folgenden Bitte:

„Emaho!
Lotus-Buddha, Heiliger aus Orgyen,
von allen, die im Lande Tibet leben,
seid Ihr der einen wahre Vater.
Von der schweren Last meiner bösen Taten niedergedrückt,
im Morast meines umherwandernden Geistes treibend,
so bin ich!
Aber Eure Güte beschützt mich. Lasst mich niemals fallen!
Heute erschienen, wie große ist Eure Güte!
Gewährt mir Euer Versprechen, dass Ihr für immer hier bleiben werdet
und das Rad des Dharma nochmals dreht.“

Auf diese gesprochenen Worte erwiderte der Guru:

„Höre meine Worte, oh herrschaftlicher, frommer König,
in deinem großen Vertrauen gelangt ein fruchtbares Feld des Verdienstes
nun zur Reife, empfange den Segen deines Gurus.
Sei frei, das geheime Tor der Dame wird geöffnet.
Erkenne nun deinen Geist, die Mahamudra.
Und sei in der gewaltigen Weite
von Körper, Rede und Geist vollendet!“

Als er diese Worte gesprochen hatte, legte der Guru seine Hand auf den Kopf des jungen Monarchen, der in diesem Augenblick gleichzeitig Realisation und Freiheit erfuhr. Dann machte der Prinz Murum Tsenpo Verbeugungen und Umkreisungen, häufte einen Berg Opfergaben an – Lederbeuteln angefüllt mit Gold und dreizehn Kupferschalen voll mit Türkisen, von denen das mittlere Stück ein großer Türkis war, bekannt als der Abgrund des Raumes. Und nachdem er das gemacht hatte, sagte er: „Ein typischer Prinz, das bin ich! Arrogant und stolz! Ich bin arbeitsscheu und gebe mich der Zerstreuung hin. Ich vergnüge mich an Sündhaftigkeit und erfreue mich am Kriegshandwerk und dem Zufügen von Bestrafungen. Alles, was ich mache, ist böse. Daher bitte ich Euch um Anweisung, die tiefgründig, aber kurz ist, leicht zu verstehen und einfach auszuführen, groß im Segen, geschwind, um Verwirklichung zu bringen, eine Lehre, die meine Übeltaten hinwegschwemmt und mein geschwächtes Samaya repariert!“

Darauf antwortete der Guru:

Sohn des Eroberers, du hast wohl gesprochen!
Deine Gebete sind makellos und deine Taten auch,
vertrauensvoller, samaya-haltender Senaleg.
Von nun an, wenn sieben deiner Leben vorüber sind,
nicht länger mehr mit einem karmischen Körper, wirst du
Schüler durch deine Emanationen lehren,
dein Geist wird gleich dem Geist der Buddhas.
Ein Kalpa wird das seinen Verlauf nehmen
und dann wirst du der Buddha „Licht der Sterne“.

Nachdem er so gesprochen hatte, öffnete der Guru das Mandala des Vishuddha, der Gottheit, die rasch die Verwirklichung gewährt und ließ dem Prinzen eine tiefgründige Belehrung zuteilwerden – eine spezielle Anweisung, genannt Zhitro Gongpa Rangdrol und brachte ihn zur spirituellen Reife und Freiheit.
„Verbirg diese Lehre,“ sagte der Guru, „auf dem Berggipfel von Dagpo Dar. In Zukunft wird das für die Wesen von großem Nutzen sein.“ Er gewährte ihm weiters eine außergewöhnliche Methode um den Guru zu verwirklichen, genannt Lama Norbu Pema’i Trengwa und sagte ihm, dies am Felshang von Ramoche zu verbergen. Der kostbare Guru weihte danach den Tempel von Kharchung und blieb sieben Tage.

Aus dem Namthar der Yeshe Tsogyal, ein Schatztext gehoben vom Taksham Nüden Dorje. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014). Möge es von Nutzen sein!


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