Verfasst von: Enrico Kosmus | 6. April 2018

Tantra in Tibet

YesheTsogyalEs war zu der Zeit, als der König dem großen Meister Padmasambhava seine Einladung gemacht hatte. Er saß auf einem Thron aus kostbaren Substanzen und opferte sein riesengroßes Ganachakra-Fest. Er schüttete eine Menge weltlicher Reichtümer aus, so groß wie ein Berg, legte Goldhaufen auf einem silbernen Mandala aus und Haufen aus Türkisen auf einem goldenen Mandala. Am erstaunlichsten für alle, er opferte sein gesamtes Königreich: die vier zentralen Provinzen von Ü und Tsang bis zum stellvertretenden Berg Meru, China, Jang und Kham als den östlichen Kontinent und die Subkontinente, Jar, Kongpo und Mön als den südlichen Kontinent und die Subkontinente, die drei Regionen von Ngari als den westlichen Kontinent und die Subkontinente und Hor, die Mongolei und die nördlichen Ebenen als die nördlichen Kontinente und Subkontinente. Als eine Opfergabe aller Sinnesfreuden brachte der König sein gesamtes Königreich zusammen mit seiner Königin dar. Dann, nachdem er neunmal neun Verneigungen gemacht hatte, sprach er seine Bitte aus.
„Großer Guru, Kostbarer! All meinen Bereich habe ich vor Euch als ein Mandala ausgelegt. Kostbarer Meister, blickt auf meine Opfergaben! Alle Wesen, Götter und Menschen – Ihr habt sie immer mit Eurem großen Mitgefühl gehalten. Ich bete nun zu Euch, gewährt mir, dass die höchste Lehre, jenseits des karmischen Gesetzes von Ursache und Resultat, die Geheimen Mantras nicht zu den gewöhnlichen Lehren gezählt, die besonderen Anweisungen, wodurch Buddhaschaft sogleich in diesem Leben und Körper langt wird.“
Als Antwort sang der Guru:

Emaho!
Großer und frommer König, hört mir gut zu!
Aus dem Lotusfeld der großen Glückseligkeit
frei von Ort oder nirgendwo auszumachen, nirgendwo zu finden,
eine Lichtkugel, der Varja-Körper, Rede und Geist
von Amitabha frei von Geburt und Tod,
kam herab in einen Lotusbecher, nicht verursacht, unbearbeitet,
auf einem Ozean weit, ungehindert schwebend.
Von dort bin ich.
Keinen Vater, keine Mutter, keine Linie habe ich.
Erstaunlich, ich bin aus mir selbst entstanden.
Ich wurde niemals geboren und werde niemals sterben.
Ich bin der Erleuchtete, ich der Lotusgeborene.
Ich, der Herrscher der Schar der Dakinis,
bin der Halter der sehr geheimen Geheimen Mantras,
das Gesetz von Ursache und Frucht transzendierend.
Tantra, Agama und Upadesha,
Belehrungen für die Praxis,
vertrauliche direkte Anweisungen,
alles das halte ich.
Und Samayas, lebendig, nicht zu vergessend.
Die Opfergaben des mächtigen Königs sind prächtig,
aber der Dharma wird nicht für Besitztümer verschachert.
So zu handeln, würde die Wurzel-Samaya verrotten lassen.
Zerstörung würde dann über uns beide kommen
und bei unserem Tode würden wir in die Hölle hinunterfallen.
Die ganze weite Welt habe ich in meiner Macht.
Eure königlichen Geschenke, obwohl riesig, genügen nicht
für diesen Grund, die Geheimen Mantras zu enthüllen,
Lehren, die ein kostbares Gefäß erfordern.
Denn wenn des Schneelöwen kostbare Milch
in etwas anderes als einen Becher aus reinstem Gold gegossen wird,
das Gefäß würde brechen, die Milch wäre verloren.
Und daher halte ich diese Belehrungen verborgen,
versiegelt in meinem Herzen.

Während er so sang, dehnte er seinen Körper wundersam aus, der obere Teil füllte die Begierdewelt aus, der untere Teil reichte hinab bis in die Abgründe der Hölle. Dann, in der Erscheinung eines menschlichen Lehrers, nahm er seinen Sitz auf dem Thron ein. Der König verneigte sich, warf sich selbst wie eine zusammenbrechende Wand zu Boden. „Großer Meister,“ bat er, „bin ich der König und dennoch mangelt es an Glück? Bin ich ungeeignet, ein Gefäß für die Lehren des Geheimen Mantras zu sein?“ Und er warf seinen Körper weinend zu Boden. Guru Rinpoche erwiderte: „Großer König, hört mir zu!“

Emaho!
Das Geheime Mantra wird „geheim“ genannt,
nicht weil es irgendeinen Fehler hätte.
Sondern vielmehr ist es verborgen
vor den Engstirnigen auf den niederen Pfaden.
Aber Ihr, oh König, seid wahrlich vom Glück begünstigt!
Mit Weisheit, Geistesgröße und Verständnis,
Euer Samaya und Euer Vertrauen sind unumkehrbar
und mit Hingabe stützt Ihr Euch auf Euren Lehrer.
Von sinnlicher Begierde bin ich gänzlich unbefleckt,
die Fehler fleischlichen Verlangens sind mir unbekannt.
Aber in der Praxis des Geheimen Mantras
ist die Präsenz einer Frau erforderlich.
Sie muss vertrauensvoll, von guter Linie sein
und ihre Samayas müssen rein sein.
sie muss hübsch sein und hervorragend weise,
geschickt und beehrt mit den Eigenschaften der Barmherzigkeit,
nicht verkehrt in offenherzigem Geben,
wahrlich eine vollkommene Weisheits-Dakini.
Wenn solch eine fehlt,
dann fehlt es an den Elementen, die zusammengebracht werden müssen für
das Reifen und die Befreiung des Geistes.
Die Frucht der Praxis des Geheimen Mantras
wird sich nur langsam einstellen.
In Tibet nun, diesem Land nahe der Sonne,
sind die Anhänger der tantrischen Praxis weitverbreitet.
Aber jene, die die Frucht erlangen
sind so selten wie Sterne am Tageshimmel.
Daher werde ich, mächtiger König,
das Tor des Geheimen Mantra öffnen!

Und mit diesen Worten erschien der Guru in der Gestalt von Vajradhara. Unverzüglich verneigte sich der König und berührte mit seinem Kopf den Boden. Und er opferte die Herrin Tsogyal zusammen mit den fünf Samaya-Substanzen. Der Meister war sehr erfreut und macht Tsogyal zu seiner Gefährtin. Er gewährte ihr die Ermächtigung und dann gingen sie nach Chimphu Ge’u, wo sie im Geheimen praktizierten.

Aus dem Namthar der Yeshe Tsogyal, ein Schatztext gehoben vom Tertön Thagsham Nüden Dorje. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2014).


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