Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Februar 2018

100 Friedvolle und Zornvolle

ZhitroDer wahre Vajra-Geist ist höchst wonnevoll und unwandelbar. Zeitloses Gewahrsein als ursprüngliche Einheit lässt Wolken des Gewebes des magischen Ausdrucks erscheinen – der Tanz des riesigen Feldes der friedvollen und zornvollen Gottheiten der Drei Wurzeln. Vor dem Guru, dem herrschaftlichen Meister, der alles und jedes davon offenbart, verbeuge ich mich. Alle Yogis, die sich auf diesem Pfad des unübertrefflichen Mantras eingeschifft haben sind von Makeln befleckt worden, als sie hinter den Idealen zurückblieben, deren Übertretung solche Schwierigkeiten mit sich bringen. Hier werde ich „Den Schmuck der erleuchteten Absicht Samantabhadras“ darlegen, ein Schatz des Nektars des vertraulichen Rates, der all diese Befleckungen bereinigt.

Samaya – das heilige Band – bereinigen

Wie im „Tantra der Versammlung der Herukas“ bemerkt: „Das ausgezeichnetste ‚Band‘ (dam) ist nicht beschädigt. Es wird erklärt, wenn jemand dagegen handelt, dann ‚verbrennt‘ (tshig) diese Person.“ Sozusagen müssen alle Yogis, die das Tor der geheimen Mantra-Annäherung durchschritten haben, durch Samaya (dam-tsig), als die Lebenskraft der Ermächtigungen, die sie erhalten haben, gebunden sein. Und daher sollte man immer Körper, Rede und Geist mit einem gesunden Gefühl aus Gewahrsein, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gut kontrollieren. Wenn man die Samaya in angemessener Weise hütet, dann ist einem gewiss, leicht und geschwind durch die Stufen des Pfades voranzuschreiten. Wenn man sie – wie immer auch – bricht, dann ist der zugezogene Bruch so schwerwiegend, das selbst 100.000 Verletzungen des Übens und der Gelübde der individuellen Befreiung und des Bodhisattva-Pfades nicht damit verglichen werden können, da es dazu dient, einen direkt in die niederen Zustände der Wiedergeburt anzutreiben. Um nun den entscheidenen Punkt zu verstehen, wie nützlich oder leidvoll eine Beeinflussung der Samaya sein kann, ist es nur vernünftig, nach größtmöglichem Gewinn dabei zu streben. Man sollte nicht einmal die geringste Verletzung oder den geringsten Bruch des Samaya ignorieren, sondern sich darin anstrengen, die Mittel zu verwenden, um es zu reparieren und zu erneuern.
Hinsichtlich dieses Vorgangs der Wiederherstellung und Erneuerung gibt es eine Vielzahl an Ritualen, ausführliche und zusammengefasste, die sich auf das riesige Feld der besonderen Gottheiten der Drei Wurzeln stützen, die die maßgebenden Quellen der Tantras, erklärenden Kommentare und Kernanweisungen verwenden, sowohl von der ausführlichen historischen Linie, wie auch den verborgenen Schatzlehren. In diesem Fall beabsichtige ich ein Ritual zu erklären, das durch die vielen besonderen Merkmale gekennzeichnet ist, basierend auf dem tiefgründigen Zyklus mit dem Titel: „Friedvolle und zornvolle Gottheiten – die natürliche Befreiung der erleuchteten Absicht.“ Dies ist eine sehr direkte Linie, die durch den großen Meister selbst kodifiziert wurde, und die den Nutzen durch all vier Arten der Verbindung bringt. Hergeleitet aus einer Kategorie der Lehren, die „Das höchste Netz des magischen Ausdrucks“ betreffen, dem allgemeinen Tantra für die „drei Yogas“. Das ist das Mandala, das als „Das Aufwühlens der Grube Samsaras in seiner Tiefe“, welches sogar die Auswirkungen der fünf Handlungsarten umfasst, die mit unmittelbaren karmischen Konsequenzen nach dem eigenen Tod verbunden sind.

Ritualanordnung

Wähle zuerst einen glückverheißenden Tag (wie beispielsweise den Vollmond- oder den Neumondtag oder den zehnten Tag des aufsteigenden oder absteigenden Mondes). Andernfalls ist es gut, dieses Ritual auszuführen, wann immer eine bestimmte Notwendigkeit dafür gegeben ist. An einem erfreulichen und ausgezeichneten Ort stelle die Repräsentationen von Form, Rede und Geist der Erleuchtung auf und welche Opfergaben auch immer erhältlich sind. Wenn das Grundstück dafür zuvor noch nicht unterworfen wurde, führe ein Ritual zur Inanspruchnahme des Platzes in der üblichen Art und Weise durch. Wenn alles passt, dann macht man mit dem Zeichnen des Mandalas aus farbigem Sand weiter oder wenn dies nicht möglich ist, legt man ein schön gezeichnetes Bild davon auf einem Regal auf und bedeckt es mit einem Stoffstück. Wenn auch das nicht möglich ist, dann genügt es, Blumenhaufen (gleich der Anzahl der Gottheiten) auf einer Mandala-Platte anzuordnen.
Auf jeden Fall stelle die Vase des vollständigen Sieges auf eine Stütze über das Mandala, wobei diese Vase mit den 37 erforderlichen Substanzen gefüllt ist. Wenn andere Vasen verfügbar sind, stelle sie in den vier Hauptrichtungen auf, jede mit ihren eigenen Substanzen gefüllt und mit Seidenbändern um den Hals gebunden, korrespondieren mit den entsprechenden Familien. Diese umgebend sind die Gegenstände der fünf gewöhnlichen Gewahrseinsermächtigungen, die symbolischen Gegenstände der fünf Familien; die mit Nektar angefüllte Schädelschale der geheimen Ermächtigung; ein mit Sindura-Pulver beschmierter Spiegel, auf dem zwei gekreuzte Dreicke gezeichnet sind, die mit einem MUM markiert sind; der sogenannte Spiegel des Vajrasattva, eine Vase für rituelle Waschungen; kleine Karten, die die friedvollen und zornvollen Gottheiten darstellen; die symbolischen Gegenstände der sechs Weisen und den Torma des „flammenden Juwels“ für die Ermächtigung. Hinter all diesem wird der „Lama-Torma“ für die gesamte Versammlung der Drei Wurzeln aufgestellt, zur rechten ein friedvoller „runder Torma“, umgeben von 42 Teigkügelchen und zur linken ein zornvoller „glorreicher Torma“, umgeben von 58 dreieckigen Teigknöpfen. Rechts und links von diesen sind die allgemeinen und besonderen Tormas für die Schützergottheiten, sowie Medizin und Rakta. Das Mandala umgebend, befinden sich Reihen mit Medizin- und Rakta-Opfergaben und Lampen (jeweils hundert von jeden), sowie Blumen und alle möglichen anderen Opfergaben, die verfügbar sind. Griffbereit stelle alle Gegenstände für das Tsog-Fest, die Musikinstrumente und alle anderen Gegenstände für dieses Ritual schön angeordnet auf.
Der Lehrer und die Vajra-Brüder und -Schwestern der Versammlung reinigen sich selbst mit einer rituellen Waschung, während sie das 100-Silben-Mantra rezitieren. Sie führen Niederwerfungen aus und nehmen ihre Sitzplätze in der Reihenfolge entsprechend ihres Alters und des Trainings ein. Körper, Rede und Geist beherrschend, beginnen sie mit dem Ritual in einem Gefühl des Vertrauens, der Begeisterung und der höheren selbstlosen Bestimmung.
Das, wovon in diesem Ritual gesprochen wird, ist einzig als eine Methode zum Wiederherstellen und Erneuern der Samayas zum eigenen Nutzen gedacht. Aber es kann auch dafür verwendet werden, um die Verschleierungen von anderen, wie den eigenen Schülern, zu beseitigen oder um vom Glück begünstigte Menschen zu nähren, indem man sie ermächtigt. Wenn man wünscht, dies so zu machen, dann kann man die Sadhana und die Opfergaben für die Selbstvisualisation und die Frontvisualisation bis zur Mantra-Wiederholung ausführen. Dann wirft man die Blume des Gewahrseins und erbittet die Erlaubnis von den Gottheiten, die Schüler hereinzulassen. Dann vollendet man die Übertragung, indem man mit dem Hauptritual zur Wiederherstellung und Erneuerung fortsetzt, das sich in diesem Text findet, bis zu den Wunschgebeten der Lampe, wo es notwendig ist, fügt man entsprechende Kommentare und leichte Änderungen in den Liturgien ein.

Totengeleit

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Ferner kann man eine Ermächtigung geben, basierend auf diesem Ritual, um Verstorbene zu führen, dabei werden die Verschleierungen von jemanden gereinigt, der gestorben ist. Wenn man wünscht, dies zu machen, dann ist es angebracht und tatsächlich sehr nützlich und von großem Vorteil, wenn Praktizierende des Pfades verstorben sind. Man fügt dies in die Praxis ein, indem man diesen Text mit einem entsprechenden Ritual dieser Art verbindet – eine Zeremonie für das Geleiten von Verstorbenen, ob nun in einem ausführlichen oder zusammengefassten Format. Um diesen Vorgang genau zu verstehen, ist es notwendig, dass jemand ausführt, der die Linie hält.
Wie das Tantra mit dem Titel „Die Herzessenz der Geheimnisse“ vermerkt ist:
„Die Fehler der Beschädigung der eigenen Verpflichtungen können nicht ausreichend beschrieben werden. Wenn jemand die Haupt-Samayas beschädigt, dann wird die gesamte spirituelle Praxis falsch sein. Selbst wenn jemand das nicht wünscht, werden alle Arten unerwünschter Ergebnisse vorkommen. Wenn jemand die eigenen Zweig-Samayas beschädigt, dann wird seine Praxis fruchtlos sein und man wird in die niederen Zustände der Wiedergeburt fallen.“
Die Fehler von beschädigten Samayas wurden in solchen Passagen verkündet und man sollte wieder und wieder darüber nachdenken, sodass man davon sehr betroffen ist und sich vor diesem Geschehen fürchtet und danach strebt, das Samaya frei von Beschädigung zu halten. Wenn man es bisweilen beschädigt, dann gibt es Mittel, um es wiederherzustellen, wobei gesagt wird: „Wenn sie jemand beschädigt, dann wird es durch Erfüllung [Zufriedenstellung] vollständig gemacht…“ In Übereinstimmung mit solchen Bemerkungen sollte man das Ritual mit gorßem Eifer ausführen, das in diesem Text dargelegt ist, abhängig vom Grad der Fehler, die vorgekommen sind, ohne eine lange Zeit verstreichen zu lassen.
Im Allgemeinen werden die Mehrzahl der kleineren Samayas beschädigt, ohne dass man sich dessen bewusst ist. Besonders in diesen Zeiten des spirituellen Niedergangs haben jene, die dem Pfad folgen, grobe störenden Emotionen und ihre Gegenmittel sind dürftig, daher ist es unmöglich, dass etwas nicht beschädigt wird. Aber durch das wiederholte Bemühen, die Stufen für die Wiederherstellung und Erneuerung des Samaya in regelmäßigen Zeitabschnitten auszuführen, indem man diese tiefgründigen und speziellen Methoden der geheimen Mantra-Annäherung der geschickten Mittel verwendet, kann man die Beschädigungen und Brüche der Verpflichtungen bereinigen, ebenso auch die Fehler und Mängel, die man sich zugezogen hat, sodass keine Spur von ihnen zurückbleibt. Der Lehrer Samantabhadra hat diesen Umstand bestätigt:
„Wer immer Verneigungen den Gottheiten des Mandalas – dem magischen Mandala der friedvollen und zornvollen Gottheiten – darbringt, wird die Auswirkungen aller gebrochenen und beschädigten Verpflichtungen bereinigen. Sogar die Auswirkungen der fünf Handlungen mit unmittelbaren Folgen beim eigenen Tode werden beseitigt werden. Selbst die Höllengruben werden in ihren Tiefen aufgewühlt. Solch ein Vidyadhara wird in den reinen Bereichen der Siegreichen bewundert werden.SONY DSC
Zum Nutzen und den Vorteilen des Aufrechthaltens des vollständig reinen Samayas wird gesagt:
„Jene, die die ausgezeichnete Familie der Siegreichen aufrechthalten, werden von den Anführern der Welt und ihrem Gefolge geehrt. Vorzügliche und Heilige denken an sie wie an ihre Kinder und Geschwister und segnen sie. Sie treten in den Bereich der Sugatas selbst ein. Sie vereinigen sich mit dem furchtlosen Samantabhadra.“
So wird gesagt, wenn man das Samaya überwacht, dann wird man in seinem Einflussbereich mit den Buddhas selbst identisch und ruht so in der Handfläche von Samantabhadras mächtiger Hand.
„Während man die schweren Bürden der beschädigten und gebrochenen Gelübde trägt, wie kann auch nur ein bisschen spirituelle Errungenschaft erlangen? Aufgrund dessen regnet ungewolltes Leiden auf einen herab. Ach! Man wird von den scharfen Klingen gequält, die so schwer zu ertragen sind. Die erhabenen Mittel um dies zu heilen, sind die hervorragenden Kernanweisungen. Dies ist der Streitwagen, der alle anderen überragt und niemals zuvor gesehen wurde, den ich als ein Geschenk gebe, um Bequemlichkeit und Entspannung für all jene vom Glück Begünstigten zu fördern, die das Allerbeste für sich selbst wünschen, indem sie dem Pfad des Mantra folgen.
Ah! Der quintessentielle Nektar, die mündliche Übertragung der vollendeten Meister, unbeschmutzt vom Gift der schmutzigen Erklärungen, sondern in ausgezeichneter Weise dargelegt, ist wirklich eine geordnete Annäherung, die in einem kostbaren Gefäß gehalten wird. Warum sollte es nicht reifen für jene, die Befreiung wünschen und wie an ihrer Lebenskraft daran festhalten? Der Verdienst, der aus diesem Streben danach kommt, ist das Leuchten der Sonne, das für immer die befleckte Dunkelheit beschädigter und gebrochener Verpflichtungen verbannt. Durch dieses üppige Bankett, das die zwei Arten spiritueller Errungenschaften zu Tage bringt, möge Samsara in seinen Tiefen aufgerührt werden und möge die Pracht der Vorzüglichkeit erstrahlen!“

Samaya-Bereinigung mit den 100 Friedvollen & Zornvollen

Dies ist der Text mit dem Titel „Das Ornament von Samantabhadras erleuchteter Absicht: ein Ritual zur Wiederherstellung und Erneuerung des Samaya in der Mantra-Annäherung der höchsten Geheimnisse“. Mein hauptsächlicher Grund um dies zu verfassen war der Wunsch, mir selbst und anderen, die dem Pfad des Mantras folgen, zu nützen. Ohne die erleuchtete Absicht der erhabenen Geheimnisse in unserer persönlichen Erfahrung begriffen zu haben, verhalten wir uns gemein und ungehobelt, fallen in den Abgrund, aus dem es so schwierig für uns ist, sich zu herauszuziehen. Ein weiterer Grund war eine Bitte von Sangya Dorje Tzal, der ein machtvoller Meister der zwei Stufen der Meditation und ein wahrer Herrscher im letztendlichen Sinne unter jene ist, die die weltliche Aktivität verworfen haben. Ich habe diesen Text hauptsächlich auf den ausgezeichneten Erklärungen des großen Übersetzers Lochen Dharma Shri, einem großen Wagenlenker der Lehren der früheren Übersetzungsschule, aufgebaut. Sein Werk mit dem Titel „Die Höllen in ihren Tiefen aufwühlen“, ist ein Ritual, das auf dem verborgenen Schatzzyklus genannt „Friedvolle und zornvolle Gottheiten: die natürliche Befreiung der erleuchteten Absicht (Zhitro Gongpa Rangdrol)“ gründet, das in den Kama-Lehren (jene der langen historischen Linie) enthalten ist. Ich habe an entsprechenden Stellen einige praktische Arten eingefügt, um die Kernanweisungen, entnommen aus dem spirituellen Rat des großen Meisters [Padmakara], anzuwenden und habe das Hauptritual leicht durchführbar gemacht.

Wer hat’s geschrieben?

Ich, Jigdral Yeshe Dorje, eine faule Ausrede für einen tantrischen Praktizierenden in diesen abschließenden Zeiten, habe dies zusammengestellt, als ich 49 Jahre alt war, zu einer günstigen Zeit, als das Getreide während der Herbstmonate im Jahr des männlichen Wasser-Drachen [1952] reifte. Es wurde in der Großen Versammlungshalte des Vollständigen Sieges im Tempel von Rasa Trulnang, der wie das Bodhgaya des Schneelandes ist, zusammengestellt. Das erste Manuskript wurde von einem erstellt, der dies erbeten hat. Möge dies als eine Ursache für großen Nutzen sich für jene ereignen, die von der unübertrefflichen Vajrayana-Annäherung geführt werden! SARVA MANGALAM.

Aus der Liturgie des „Zhitro Ngagso“ – der Reinigung der Gelübde anhand der Meditation der 100 Friedvollen und Zornvollen. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2013).


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