Verfasst von: Enrico Kosmus | 22. Januar 2018

Die Lehre vom Nicht-Selbst und den Erlebnishaufen

JohnReynoldsGewöhnlich wird gesagt, dass Shakyamuni Buddha sich der Lehre der Upanishaden über Atman bewusst gewesen ist, die zentral für die späteren Systeme der Vedanta-Philosophie war. Allerdings widerlegte er die Existenz eines Atman, sozusagen die Existenz eines unwandelbaren, dauerhaften, verweilenden und ewigen Elements, einer Einheit oder Substanz in Lebewesen, was wir im Westen oft als „Seele“ bezeichnen. Aber diese Widerlegung des Buddha ist weitaus komplexer und subtiler und entspricht nicht der Widerlegung der Seele in Begriffen des modernen westlichen Materialismus und der westlichen Wissenschaft. In seinen Prajnaparamita-Sutras oder den Abhandlungen über die Vollkommenheit des höchsten Erkennens widerlegte er die Existenz einer gegenständlich existierenden, ewigen Substanz in oder hinter den Phänomenen. Tatsächlich widerlegte er unser alltägliches, konventionelles Konzept von Materie und Wirklichkeit, nannte sie eine Täuschung, die durch den Geist erschaffen ist und verglich sie mit einem Trugbild, einem Traum, einem Zaubertrick usw. Stattdessen bezeichnete er seine eigene Lehre als „Anatmavada“ – die Lehre vom Nichtselbst bzw. keiner Substanz im Bewusstsein von Lebewesen und in äußerlichen Phänomenen. Somit erscheint seine grundlegende Lehre der späteren vedischen oder brahmanischen Tradition zu widersprechen, so wie sie von den Upanishaden und in der späteren Vedanta-Philosophie dargestellt wird und auch den nicht-vedischen Shramana-Traditionen, wie sie von den Jainas, den Ajivakas, den Samkhyas usw. dargestellt wird. Aber was genau bedeutet Anatman oder „Nichtselbst“ in Bezug auf das Seelenkonzept? Der Buddha hat bereitwillig die Lehren von Karma und Samsara akzeptiert, sozusagen dass die eigenen Handlungen in früheren Leben die gegenwärtigen Umstände in diesem Leben bestimmen und ferner was man in diesem gegenwärtigen Leben macht, das Schicksal in zukünftigen Leben sein wird. Aber wenn es nun keine Seele oder Substanz gibt, was ist das, was wiedergeboren wird? Wie kann es eine Beständigkeit oder eine Verbindung von einem Leben zu einem anderen geben?

Buddhas Erkenntnisse

Als noch junger Prinz verließ der zukünftige Buddha mit dem Namen Siddhartha heimlich den Palast seines Vaters und entsagte dem weltlichen Leben und er gab all seinen Besitz fort. Sechs Jahre lang wanderte er in den dichten Wäldern Nordindiens umher auf der Suche nach dem spirituellen Pfad, der über das Leiden hinausführen würde, das im anfangslosen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt als Samsara erfahren wird. Während dieser Zeit experimentierte er mit zahlreichen Methoden des Yoga und der Meditation, einschließlich der extremen Praktiken der Askese und der Enthaltsamkeit, die veränderte Bewusstseinszustände hervorrief, die als Samadhi bekannt sind. Dennoch war er schließlich von diesen verschiedenen Samadhis oder veränderten Bewusstseinszuständen desillusioniert, egal ob auf ein Objekt fokussiert wurde oder ohne Objekt und er erkannte, dass weil alle von ihnen bedingt sind und durch zuvor bestehende Ursachen hervorgerufen werden, sie daher vergänglich sind und somit schließlich enden müssen, egal wie glückselig oder schön sie zurzeit sein mögen. Er schloss daraus, dass sie nicht die Befreiung vom Leiden und der Wiedergeburt in Samsara darstellen. Im Gegenteil, sie repräsentieren all bedingten Bewusstseinszustände, die noch immer zu Samsara gehören.

Nicht-Selbst / Anatman

Daher gab er seine früheren kostbaren, ernsthaften Praktiken der Entsagung, sowie auch seine fünf Yogi-Freunde und brach sein Fasten, indem er von Sujata, einem jungen Dorfmädchen aus der Gegend, Nahrung annahm. Er überquerte den Fluss Niranjana und setzte sich neben einen großen Baum in Bodhgaya nieder, der nun als Bodhi-Baum oder Baum der Erleuchtung bekannt ist, wo er in einen tiefgründigen Zustand der Meditation eintrat. Zuerst beruhigte er die Oberfläche seines Geistes (mittels dem, was als Shamatha-Meditation bekannt ist), dann blickte er in die Tiefen seines Geistes (mittels Vipashyana-Meditation) und untersuchte die Funktionen seiner verschiedenen geistigen Vorgänge. Wenn ein Gedanke in seinem Bewusstsein auftauchte, blickte er zurück zu seiner Quelle. Aber er entdeckte keine Seele oder ein Selbst, das sich dort befinden würde. Er beobachtete, dass Empfindungen von seinem physischen Körper und seinem Atem aufstiegen und aus dem Spiel seiner Vitalität oder Lebenskraft, die als Prana bekannt ist, welche seine Körper belebte. Dies erachtete er als bloße Phänomene. Er konzentrierte sich dann auf seinen Geist (chitta) und seine geistigen Vorgänge (chaitta). Aber auch da konnte er durch das Hineinblicken und Beobachten dieser geistigen Phänomene keine wie immer geartete Substanz oder Entität finden, die man allgemein hin als „mein Geist“ nannte. Stattdessen entdeckte er einen beständig, sich wandelnden Strom des Bewusstseins (vijnana-santana), der wie dem Fluss glich, der neben seinem Baum dahinfloss, wo er meditierte. Er beobachtete, dass alle Gedanken und Erfahrungen, die in diesem Strom des Bewusstseins auftraten, von früheren oder vorherigen Ursachen bedingt waren, sogar von Ursachen aus früheren Leben.

Erlebnishaufen / Skandhas

Aber statt von einer dauerhaften Entität oder Substanz zu sprechen, die „ein Geist“, „eine Seele“ oder „ein Selbst“ genannt wurde, entwickelte der Buddha eine Prozesssprache, um von einem niemals endenden Strom der Bezüge menschlicher Erfahrung zu sprechen, hauptsächlich in Begriffen der fünf interaktiven Vorgänge, die als Skandhas bekannt sind. Dieser Sanskrit-Begriff wird gewöhnlich als „Haufen“ oder „Aggregate“ übersetzt. Allerdings sind die Skandhas dynamisch, nicht so wie ein träger Haufen Steine. Ohne Rückgriff auf solche Verdinglichungen wie „Geist“, „Seele“ oder „Ego“ usw., konnte er dann von seinen Erfahrungen in Bezug auf diese fünf Skandhas wie folgt sprechen:
Rupaskandha – Form oder Sinneserfahrungen, die aus den äußeren Sinnesorganen des physischen Körpers entspringen oder vom Geist innen, der auch eine Art Sinnesorgan ist, der Gedanken und Emotionen wahrnimmt.
Vedanaskandha – Gefühle oder die Erwiderung der Sinneserfahrungen, ob nun angenehm, unangenehm oder neutral.
Samjnaskandha – Wahrnehmungen, sozusagen die Organisation der Sinneserfahrungen, ob nun äußerlichen oder innerlichen Ursprungs, in die erkennbare Erfahrung eines Objekts, verbunden mit Erinnerungen gleicher Erfahrungen in der Vergangenheit und die das wahrgenommene Objekt mit einem Namen versehen. Das ist das Arbeiten von Manas, das vergleichbar mit dem grundlegenden Betriebssystem und den Programmen ist, die auf einem Computer laufen, einschließlich der Textverarbeitungsprogramme.
Samskaraskandha – Impulse, sozusagen die Emotionen und Gedanken, die aus dem Unbewussten als Antwort auf diese Wahrnehmungen aufsteigen.
Vijnanaskandha – Bewusstsein, das Gewahrsein oder Bewusstsein dieser über diesen Vorgängen. Dieses Bewusstsein, das grundlegend für seine eigene Existenz ist und das nicht von irgendwo anders abstammt oder aus etwas einfacherem oder grundlegenderem herrührt, wird nicht als eine dauerhafte Substanz angesehen, sondern als eine Abfolge von Bewusstseinsmomenten oder zumindest viele seiner Schüler haben den Meister dies so lehrend interpretiert. Shakyamuni Buddha sprach von einem Fehlen einer innewohnenden Existenz (shunyata), dem Fehlen jeglicher innewohnender Merkmale (animitta) und der Vergänglichkeit (anitya) aller geistigen und körperlichen Phänomene, die man erfährt. Einige Schüler gelangten zur Interpretation dieser Phänomene des Bewusstseins oder Dharmas als unbeständig und vorübergehend (kshanika), einem Aufblitzen von Daseinsereignissen in einem Bewusstseinsstroms und ihrem wiederum sofortigen Verlöschen, genauso wie elektrische Blitze entlang der Synapsen im Gehirn oder das binäre System von 1-0 eines Computers. Durch die meditativen Praktiken von Shamatha und Vipashyana können die geistigen Aktivitäten vielleicht verlangsamt werden, genauso wie man bei einem Filmprojektor in Zeitlupe gehen kann und dadurch können diese individuellen Dharmas ersichtlich gemacht werden. Dieser Vorgang ist als Prajna oder Höchstes Erkennen (unterscheidende Weisheit) bekannt, das unterscheidet, was wirklich (momentane Dharmas oder Ereignisse) und was trügerisch (Erscheinungen von festen Objekten) ist. Auf diese Weise kann der Meditierende unterscheiden, was wirklich und real ist, sozusagen die grundlegenden Einheiten oder Teile der Erfahrungen. Diese Dharmas sind keine Teilchen, sondern Ereignisse im Bewusstsein, bloße vorübergehende Phänomene.

Aus„TIBETAN CONCEPT OF THE SOUL” von Lama Vajranatha (John M. Reynolds, 2011). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018).

 


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