Verfasst von: Enrico Kosmus | 11. Januar 2018

Drei Tore der Befreiung

chinese-1863819_1920Die „drei Tore der Befreiung“ (tib., nam thar go sum) sind Eigenschaften, die alle Phänomene ihrer absoluten Natur nach aufweisen. Leersein (shunyata; tib., stong pa nyid) bedeutet „leer von eigener Existenz; ohne ein Sein aus sich heraus“. Merkmalslosigkeit (animitta; tib., mtshan nyid med pa) ist das Fehlen von Merkmalen bzw. Kennzeichen. Und das dritte ist Absichtslosigkeit oder frei von Streben, auch „Wunschlosigkeit“ genannt (apranihita; tib., smon pa med pa), d.h. kein Phänomen hat eine Ausrichtung an sich.
Im „Sutra der Fragen des Brahma“ hat Buddha Shakyamuni dies folgend erwähnt:

Alle Phänomene sind ihrer Natur nach leer, jenseits von konzeptuellen Bezugspunkten. Alle Phänomene sind ihrer Natur nach merkmalslos, jenseits von konzeptuellem Denken. Alle Phänomene sind ihrer Natur nach absichtslos, jenseits von Annehmen und Zurückweisen.“

Hier folgt nun der Text von Rongtön Sheja Künrig, der die Meditation auf die drei Tore in Bezug zu Grund, Pfad und Frucht darlegt.

——

Der ausgezeichnete Pfad des Mahayana: Wie man über die drei Tore der Befreiung gemäß dem Mahayana meditiert

von Rongtön Sheja Künrig

Verehrung dem Guru und der überragenden Gottheit!

Eure Weisheit ist für die Sphäre der Sonne vollkommen klar
und in Eurem Mitgefühl kümmert Ihr Euch um alle grenzenlosen Wesen,
Eure erleuchteten Handlungen, die bis zum Ende der Zeit andauern –
Höchster Weiser, hingebungsvoll verneige ich mich vor Euch!

Der spirituelle Meister Senge Zangpo (Haribhadra) erklärt anhand der Praxis der meditativen Versenkung (tib., ting nge ‚dzin) auf die drei Tore der Befreiung (tib., rnam thar sgo gsum), wie die drei Tore mit den sechzehn Aspekten der Vier Edlen Wahrheiten in Verbindung gebracht werden können, beginnend mit der Vergänglichkeit. Wenn wir hier die drei Tore erklären, d.h. Leerheit (tib., stong pa nyid), Merkmalslosigkeit (tib., mtshan nyid med pa) und Wunschlosigkeit (tib., smon pa med pa), wird nach den Grundsätzen des Mahayana das Leerheit auf den Grund (tib,. gzhi) angewendet, Merkmalslosigkeit auf den Pfad (tib., lam) angewendet und die Wunschlosigkeit auf das Ergebnis [Frucht] (tib., ‚bras bu) angewendet.
Zuerst müssen wir die drei Konzepte erklären, die diese Tore zur Befreiung versperren. Den Grund als tatsächlich anzusehen, versperrt das Tor der Leerheit. Zu glauben, dass der Pfad tatsächliche Merkmale hat, versperrt das Tor zur Merkmalslosigkeit. Wenn man die Frucht als etwas zu Wünschendes betrachtet, versperrt man das Tor zur Wunschlosigkeit.
Um diese drei Ideen, die den Weg zur Befreiung versperren, zu beseitigen, praktizieren wir die meditative Versenkung in die drei Tore.

Grund, Pfad und Frucht

Grund (tib., gzhi) bezieht sich auf die Aggregate (tib., phung po), Elemente (tib., khams) und Sinnesfelder (tib., skye mched). Dahingehend ist gemeinsam entstandenes Nichtgewahrsein (tib., lhan skyes kyi ma rig pa) die Wurzel der zyklischen Existenz (tib., ‚khor ba). Wie in den „70 Stanzas über die Leerheit“ (tib., stong nyid bdun cu) gesagt wird: „Echte konzeptuelle Gedanken – so sagt der Lehrer – ist Nichtgewahrsein.“
Wie dies zeigt, ist dies der Grund der zyklischen Existenz. Damit sie [die zyklische Existenz] überwunden wird, müssen wir zu einer endgültigen Schlussfolgerung über die Leerheit des Grundes kommen und dann die meditative Versenkung in die Leerheit praktizieren. Indem die Auffassung des Grundes als wahrhaft existierend aufgegeben wird, wird das Tor zur Leerheit geöffnet.
Wenn wir die meditative Sammlung (tib., ting nge ‚dzin) der Leerheit kultivieren, wir aber glauben, dass diese meditative Sammlung irgendwelche echten Merkmale hat, dann werden wir uns zur weiter verwickeln. Wie es gesagt wird: „Die Aspekte sind das Aufhören des Festhaltens und so weiter.“
Wir müssen jedes Festhalten gegenüber den Vier [Edlen] Wahrheiten beenden, daher ist auch Anhaftung an Pfad etwas, das aufgegeben werden muss. Und deshalb müssen wir den Pfad als frei von wahrhaften Merkmalen kultivieren. Das Kultivieren einer meditativen Versenkung der „Merkmalslosigkeit“ wird das Tor zur Merkmalslosigkeit [der Abwesenheit von Eigenschaften] geöffnet. „Ihre Gleichheit besteht aus vier Aspekten des Fehlens von Täuschung hinsichtlich Formen usw.“ So wird gesagt.
Gleichzeitig dürfen wir auch keine Form der Täuschungen durch konzeptuelle Gedanken aufrechterhalten, wird gesagt. Wir müssen nicht nur die Hoffnung aufgeben, dass da ein Ergebnis durch eine sonstige Methode zu erreichen wäre, sondern auch das Streben, durch das Erkennen von Leerheit etwas zu erreichen. Dies wird das Tor zur Wunschlosigkeit öffnen.

Lehrkontext

Diese Erklärung, in der die drei Samadhis (tib., ting nge ‚dzin) mit Grund, Pfad und Frucht in Beziehung stehen, wird aus der Perspektive des Mahayana gegeben. Es ist die Art, wie das Kultivieren der meditativen Versenkung (tib., ting nge ‚dzin) in die drei Tore zur Befreiung zu praktizieren ist. Die Erklärung des Pfadwissens, das aus diesen drei Zugängen zur Befreiung besteht, muss mit dem Ansatz des Mahayana in Verbindung gebracht werden.

Widmung

Mögen durch den Verdienst, welcher auch immer durch diese authentische Erklärung, wie man meditative Sammlung auf die drei Tore der Befreiung kultiviert, angesammelt wurde, die Bedeutung dessen, die für andere angesichts all ihrer Bemühungen so schwer zu verstehen ist, alle Wesen den Pfad des Mahayana betreten!

Kolophon

Dieser ausgezeichnete Pfad des Mahayana, genannt „Wie man auf die drei Tore der Befreiung gemäß des Mahayana meditiert“, wurde vom großen Rongtön während des Monats Sagadawa im Kloster Nalendra niedergeschrieben.

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Aus dem Tibetischen übersetzt und kurz kommentiert vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2018) und verglichen mit der englischen Übersetzung von Adam Pearcey (2007). Möge es von Nutzen sein!


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