Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Dezember 2017

Den Geist vereinen…

fantasy-2437944_1920Die Praxis des Lama’i Naljor, des Guru-Yoga, wird von Unkundigen rasch als Anbetung einer sterblichen Person oder als Personenkult missverstanden. Nicht umsonst wurde über lange Zeit die tibetische Dharma-Tradition auch als „Lamaismus“ diskreditiert. Doch Guru-Yoga ist nicht das blinde Nacheifern und Anbeten eines Menschen, sondern wurzelt in der erlangten Sicht, d.h. im Verständnis, dass der Lehrer den erwachten Zustand – Buddha – verkörpert. Wenn der Lehrer nicht als Vajradhara – als Vajra-Halter, welcher die Natur des Geistes symbolisiert – erkannt wird, sondern als gewöhnlicher Mensch, dann werden nicht nur die Segnungen nicht erlangt (was in diesem Zustand verschmerzbar ist), sondern die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gestaltet sich weltlich. Das bedeutet, dass auch beim Lehrer nur allzu Menschliches gefördert wird. Daher wird der Lehrer in der liturgischen Praxis, die ja für das Erlangen der Sicht und der Segnungen ausgeübt wird, nicht als Mensch dargestellt, sondern in seiner erleuchteten Manifestation. Das kann Vajradhara sein, oder auch die symbolische Darstellung seines Erleuchtungspotentials in entsprechender Form.
Hier nun ein paar inspirierende Worte von Thinley Norbu Rinpoche über die Bedeutung des Guru-Yoga – der Vereinigung des eigenen, gewöhnlichen Geistes mit dem Weisheitsgeist des Lehrers.

Bedeutung des Guru-Yoga im Dzogchen

VajradharaBesonders die natürliche Große Vollkommenheit ist das Fahrzeug der Vajra-Herz-Essenz. Gemäß der unteren Fahrzeuge wird die tiefgründige Bedeutung des Absoluten  durch Analyse und theoretisches Argumentieren usw. begründet. Das wird in der Großen Vollkommenheit so nicht gemacht.
Entsprechend der niedrigeren Tantra-Schulen werden durch die Stütze auf die allgemeinen Siddhis die letztendlichen Siddhis erlangt werden. Das wird in der Großen Vollkommenheit so nicht gemacht. Entsprechend der anderen höheren Tantra-Schulen wird durch das Stützen auf die dritte Ermächtigung ein Beispiel für Weisheit gegeben, man bemüht sich in die absolute Weisheit eingeführt zu werden. Das wird in der Großen Vollkommenheit so nicht gemacht.
Diese Linie, die wie eine goldene Kette ist, die niemals getrübt wurde, kann nur von einem überragenden und hoch verwirklichten Lehrer, der als der wirkliche Buddha erkannt wurde, empfangen werden. Indem man dann durch unumkehrbare, intensive Hingabe betet und den eigenen Geist mit der Weisheit des Lehrers untrennbar verbindet, wird durch die Stärke des Gewährens der Segnungen Erkenntnis im eigenen Geist entstehen.
Es wird gesagt:
„Die gleichzeitig geborene Weisheit der absoluten Wahrheit kommt vom Handabdruck der Ansammlung von Verdienst, der Bereinigung der Verschleierungen und den Segnungen eines hoch verwirklichten Lehrers her.
Wenn jemand glaubt, es gäbe eine andere Methode als diese, ist das närrisch.“
So wird gesagt.
Aus dem „Wundersamen Ruhen“ des Künkhyen Longchenpa:
„Die Stufen der Erzeugung und Vollendung usw. sind nicht in der Lage, von der Essenz ihrer Pfade her zu befreien. Sie hängen von Verhalten und vorteilhaften Umständen ab. Das „Lama’i Naljor“ (Guru-Yoga) ist die einzige Essenz des Pfades selbst, demnach die Realisation der unbedingten Natur im Geist geboren wird und man befreit wird. Daher ist Lama’i Naljor tiefgründiger als alle anderen Pfade.“
So wird gesagt.
Auf diese Weise sind alle überragenden Gelehrten und Heiligen der Vergangenheit in Übereinstimmung mit den Wegen, in denen das Lama’i Naljor die tiefgründigste alle Praktiken ist. Ihr Weisheitsgeist und ihre Stimmen sind eins im Lobpreis des Lama’i Naljor. Das sind die Gründe, warum niemals jemand glauben sollte, dass die vorbereitenden Praktiken gemacht werden müssen, um in der Lage zu sein, mit einer tatsächlichen Praxis zu beginnen. Ohne eine andere tatsächliche Praxis in Zukunft vorwegzunehmen, aber das Lama’i Naljor als tatsächliche Praxis für das Leben der Hauptpraxis, ist man fähig, wie ein unaufhörlicher Strom zu praktizieren. Es ist, als ob hundert Flüsse unter einer einzigen Brücke fließen würden. Indem man zu diesem wesentlichen Punkt gelangt, wird sich die eigene Praxis großartig verbessern.

Aus „A Cascading Waterfall of Nectar“ von Thinley Norbu. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017).


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