Verfasst von: Enrico Kosmus | 30. August 2017

Charyatantra – Verhaltens-Tantra

Charyatantra

Das Charyatantra (tib., spyod rgyud) – auch Verhaltens-Tantra genannt – hat seinen Fokus in der Praxis ähnlich wie das Kriyatantra auf dem Verhalten, verwendet aber bereits die Sicht des Yogatantra. Auch hier geht es um das Durchführen von bestimmten Ritualen.
Mittels der Praxis auf Ebene des Charyatantra versucht man Hindernisse zu bereinigen und günstige Umstände für den spirituellen Pfad zu erschaffen. Man trachtet danach, das äußere Verhalten durch Körper und Rede ebenso zu trainieren, wie die Versenkungszustände im Geist.
Der Eintritt in das Charyatantra erfolgt durch eine fünffache Ermächtigung, von die ersten beiden Schritte gleich wie im Kriyatantra sind: 1) Vasenwasser-Ermächtigung; 2) Kronenermächtigung; 3) Glocken-Ermächtigung; 4) Vajra-Ermächtigung; und 5) Namens-Ermächtigung mit Vajra und Glocke. Auf diese Weise wird die ermächtigte Person in die fünf Buddha-Familien eingeweiht. Durch diese Ermächtigungen wird 1) der Same für die Realisation des Dharmakaya und 2) des Rupakaya gelegt, da beide Arten der Verdienstansammlung durchgeführt werden. Zudem werden 3) der Same für die Buddha-Rede gelegt; 4) die Samen für das Erkennen der letztendlichen Wirklichkeit und ihres vielfältigen Ausdrucks als relative Wirklichkeit gelegt. Mit der Namens-Ermächtigung wird 5) der Same im Praktizierenden gelegt, den Wesen der drei Bereiche den Dharma zu lehren.
Die Sicht im Charyatantra ist gleich wie im Yogatantra. Die auf relativer Ebene erscheinenden Phänomene sind letztendlich leer von Eigennatur, man ist frei von extremen Sichtweisen. Diese leeren und dennoch erscheinenden Phänomene werden als das reine Land der Meditationsgottheit verstanden und die Wesen darin erscheinen in Gestalt der Meditationsgottheit.
In der Praxis des Charyatantra versteht man sich selbst als Verpflichtungswesen (tib., dam tshig sems dpa) und visualisiert das Wesen des zeitlosen Erkennens (tib., ye shes sems dpa) vor sich im Raum. Die Beziehung zueinander ist wie zwischen zwei Freunden. Dann praktiziert man die Meditation auf Keimsilbe, Mudra und Gestalt der Gottheit. Dies ist der Ansatz mit Stütze. Der Ansatz ohne Stütze ist das Verständnis der Natur des Geistes, darin zu verweilen und allen Wesen mit liebender Güte und Mitgefühl zu begegnen. Dies wird auch als die Meditation des absoluten Bodhicitta bezeichnet.
Die Praxis des Verweilens in Geistesruhe (tib., zhi gnas) und die durchdringende Einsicht (tib., lhag mthong) werden vorwiegend während den Sitzungen praktiziert. Die Praxis des relativen und absoluten Bodhicitta wird in den Zwischensitzungszeiten angewendet.
Das Verhalten im Charyatantra ähnlich dem des Kriyatantra. Sauberkeit hat einen großen Stellenwert im rituellen Ablauf. Die Opfergaben am Altar sind wie beim Kriyatantra „rein“, d.h. ohne Fleisch und Alkohol, sie nehmen nur die drei Weißen und die drei Süßen zu sich etc.

Verwirklichungen

Als Resultat der Praxis auf Stufe des Charyatantra werden die vier Buddha-Familien: 1) Buddha-Familie; 2) Padma-Familie; 3) Vajra-Familie; und 4) Ratna-Familie verwirklicht.
Man sagt, dass man durch diese Praxisstufe in fünf Menschenleben die Stufe eines „Vajradhara der vier Buddha-Familien“ und somit Buddhaschaft verwirklicht.

Samaya – die heiligen Bande

Allgemein werden 14 Verpflichtungen für das Charyatantra aufgezählt. Die ersten zehn umfassen das Aufgeben der zehn unheilsamen Handlungen, dann die Lehre nicht aufgeben, den Erleuchtungsgeist nicht aufgeben, nicht geizig sein und anderen nicht schaden. Zusätzlich finden sich in den einzelnen Tantras der jeweiligen Buddha-Familien auch noch spezielle Verpflichtungen.
Der essentielle Unterschied bei den 14 Verpflichtungen zwischen den Praktizierenden des Charyatantra und den Hörern und Alleinverwirklichern ist, dass erstere über die geschickten Mittel und Höchstes Erkennen verfügen, die im Charyatantra gelehrt werden. Hingegen halten weltliche Leute und Nichtbuddhisten lediglich eine ethische Disziplin, die auf Greifen nach einer inhärenten Existenz beruht.

Damit ist der Überblick über den Ansatz des Charyatantra vollendet. In weiteren Blog-Beiträgen werden die anderen Ansätze der äußeren und inneren Tantras dargestellt. Da ich nicht in der Lage bin, wohlklingende Verse zu verfassen, die die Ohren der Buddhas und Bodhisattvas erfreuen, habe ich mich auf die Schriften der verwirklichten Meister gestützt. Möge es nützlich sein!

Weiterführende Literatur:

Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye: „Buddhist Ethics“, Kalu Rinpoche Translation Group, Snow Lion Publication, Ithaca (NY), 1998
Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye: „Systems of Buddhist Tantra“, Kalu Rinpoche Translation Group, Snow Lion Publication, Ithaca (NY), 2005
Jigme Lingpa & Kangyur Rinpoche: „Treasury of Precious Qualities, vol. 2, Vajrayana and the Great Perfection“, Padmakara Translation Group, Shambhala, 2013
Jigme Lingpa & Kangyur Rinpoche: „Treasury of Precious Qualities, vol. 1“, Padmakara Translation Group, Shambhala, 2010
Jamgon Mipham: „A Garland of Views: A Guide to View, Meditation, and Result in the Nine Vehicles“, Padmakara Translation Group, Shambhala, 2015
Tenga Rinpoche: „Sutra & Tantra. Die Wege des Buddhismus“, Übers.: Tina & Alex Draszczyk, Marpa Verlag, 1989


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