Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. August 2017

Äußere und innere Tantras

statue-388896_1920Das Vajrayana, in der Tradition der Alten Übersetzung (Nyingma) auch als „Lehren der Vidyadharas“ genannt, bietet einen großen Lehrumfang, um Befreiung in einem Leben zu erlangen, d.h. die Natur des Geistes in diesem Leben zu realisieren. Häufig wird das Vajrayana auch als „Geheimes Mantrayana“ oder auch als „Tantrayana“ bezeichnet. Mit Tantra ist ein Kontinuum gemeint, und zwar das Kontinuum des Geistes. In dieser Lehrkategorie wird mit dem Strom der illusionsgleichen Erscheinungen, die in der Natur des Geistes auftauchen gearbeitet. Im Vajrayana wird die Lehre in Sicht, Pfad und Frucht gegliedert und basierend auf den zwei Stufen der meditativen Praxis mit und ohne Stütze ist sein Ansatz von unbeeindruckt von Härten, was für jene mit ausgezeichneter Erkenntnisfähigkeit rasch Resultate bringt. Dem Vajrayana gehen drei Yanas – das Shravakayana, Pratyekabuddhayana und Bodhisattvayana – voraus. Diese drei umfassen die Lehren des Sutrayana. Das Vajrayana wird manchmal auch als Bodhisattva-Mantrayana bezeichnet, da es auch als esoterischer Lehrkorpus des Mahayana verstanden werden kann. Gegliedert wird das Vajrayana in eine äußere und eine innere Kategorie.

Äußere Tantra-Ansätze

Die äußere Kategorie umfasst die drei äußeren Tantras – Kriya, Charya und Yoga. Diese drei äußeren Tantras betonen noch einen dualistischen Ansatz, der sich im Laufe ihrer Entwicklung immer mehr verfeinert bis schließlich im Yogatantra eine Vereinigung – Yoga – stattfindet. In den ersten beiden Ansätzen wird zunächst noch keine Vereinigung mit der Meditationsgottheit vorgenommen, wodurch die meditative Praxis einen leicht theistischen Eindruck hinterlässt. Diese drei Praxisansätze erfordern die Betonung von Reinheit und Entsagung um ihre Resultate zu verwirklichen. In vielen Fällen sind sie ein Ansatz, der rasch psychische Kräfte bewirkt, da über die verschiedenen Visualisierungen ein Fokus für die Klar-Lichtheit des Geistes gegeben ist.
Betreffend des Kriyatantra wird im Manjushrimulakalpa verkündet, dass die Mantra-Praxis, die in den Saiva-Tantras, Garuda-Tantras und Vaisnava-Tantras gelehrt wird, sehr wirkungsvoll sein werden, wenn sie unter dem Gesichtspunkt der Lehre Buddhas praktiziert werden, da sie ursprünglich von Manjushri gelehrt wurden. Der Eintritt in das Kriyatantra erfolgt durch eine zweifache Ermächtigung (Vasenwasser und Krone).
Das Charyatantra legt ähnlich wie das Kriyatantra Wert auf äußere Reinheit, aber betont nun auch den Aspekt des Erlangens der Befreiung durch Meditation. Äußerlich ist es dadurch dem Kriyatantra ähnlich und stellt auch noch einen offensichtlich dualistischen Ansatz dar. Der Eintritt in diese Tantra-Klasse erfolgt ähnlich dem Kriyatantra durch eine zweifache Ermächtigung, allerdings hat die Vasen-Ermächtigung vier Abschnitte auf.
Das Yogatantra ist die höchste Stufe der äußeren Tantras und die äußeren Verhaltensformen spielen hier eine geringere Rolle. Wie der Name „Yoga“ schon andeutet, wird hier mehr auf Vereinigung von Praktizierendem und Gottheit gelegt und die Innerlichkeit der Erfahrung betont. Der Eintritt in diese Tantra-Klasse erfolgt durch eine weitaus umfassendere Ermächtigung, bestehend aus einer Ermächtigung in die fünf Buddha-Familien und die Vajra-Meister-Ermächtigung. Die Gelübde werden im Unterschied zu den beiden ersten Tantra-Klassen als unüberschaubar groß bezeichnet.
Diese letzten beiden Tantra-Klassen haben sich auch in China und Japan weit verbreitet und wird in Japan in der Shingon-Tradition praktiziert.

Innere Tantra-Ansätze

Die inneren Tantras bestehen in der Nyingma-Tradition aus Maha, Anu und Ati bzw. werden in der Sarma-Tradition (Sakya, Kagyü, Gelug etc.) als Anuttaratantra bestehend aus Vater-Tantra, Mutter-Tantra und Nondualem Tantra. Das wesentliche Merkmal aller drei inneren Tantras ist die Selbstvisualisation als Meditationsgottheit, was bei den äußeren Tantras nicht gegeben war. Äußere Verhaltensweisen, Reinheit, Ritualanordnung sind untergeordnet, werden aber aus Respekt für die äußeren Tantras dennoch ausgeführt.
Die Klasse des Mahayoga betont die Visualisationspraxis, das Hervorbringen von Gottheit und Mandala. Im Anuyoga wird die Vollendungsstufenpraxis bestehend aus der Meditationspraxis mit den subtilen Kanälen, den subtilen Winden und subtilen Essenztropfen betont. Beim Atiyoga erfolgt die Praxis direkt mit der Natur des Geistes und seiner Klar-Lichtheit.
All dies sind Klassifizierungen, von denen in jeder inneren Tantra-Klasse alle Aspekte der jeweils anderen inneren Tantras vorkommen, aber eben verschieden gewichtet praktiziert werden.

In weiteren Beiträgen wird jedes Tantra mit seinem Ansatz, seiner Praxisart und Meditation, seinen damit verbundenen Verpflichtungen und Resultaten dargestellt. Bleibt dran! Möge es nützlich sein!


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